Sezession
1. April 2016

Die Schlacht von Verdun

Gastbeitrag

Das monatelange Ringen um Verdun gilt als Symbol für ein kriegerisches Massensterben bisher ungekannten Ausmaßes. Es steht sinnbildlich für einen verschwenderischen Einsatz von Menschen und Material, der in keinem Verhältnis zu dem dadurch errungenen Erfolg steht. Nachdem sich im Herbst 1914 die Offensive der deutschen Armeen in Frankreich festgelaufen hatte, war der Bewegungskrieg in einen Stellungskrieg übergegangen. Im Osten konnte die russische Dampfwalze in Ostpreußen gestoppt und zurückgeworfen werden. Das Jahr 1915 war für die Mittelmächte gut gelaufen. Alle Angriffe der Entente waren gescheitert. Auf dem Balkan konnte Serbien erobert werden. Für das Jahr 1916 plante die Entente eine Koordinierung ihrer Angriffe. Die Mittelmächte jedoch hatten unterschiedliche Ziele. Während die Österreicher eine Großoffensive gegen Italien ins Auge faßten – hierfür aber deutsche Unterstützung benötigten –, wollte der Chef der Obersten Heeresleitung (OHL), Erich von Falkenhayn, die Kriegsentscheidung in Frankreich mit einem Angriff auf Verdun herbeiführen. Widerlegt ist die These der älteren Forschung, daß Falkenhayn ein »Ausbluten« des Gegners im Blick gehabt hätte. Erst das Scheitern der auf einen Frontdurchbruch angelegten Schlacht ließ Falkenhayn im Nachhinein Zuflucht zu dem Argument nehmen, er habe es von Anfang an nur auf die Ermattung der Franzosen angelegt.

Die Umgebung Verduns war nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 als Teil einer Befestigungslinie mit einem Ring aus Forts umgeben worden. Bei Kriegsbeginn gab es über 40 Befestigungen in und um Verdun, darunter 20 Forts und Zwischenwerke, die mit Maschinengewehren, gepanzerten Beobachtungs- und Geschütztürmen sowie Kasematten bestückt waren. Nach dem ursprünglichen deutschen Plan sollte Verdun rasch erobert werden, um eine Material- und Menschenschlacht zu verhindern. Drei Korps zu je zwei Divisionen hatten auf einer Breite von 16 Kilometern anzugreifen. Hierauf sollten zwei weitere Korps von Nordosten vorgehen, insgesamt 150000 Mann. Vorne lagen 13 Regimenter, meist zwei Bataillone hintereinander – ein gewaltiges Aufgebot. Der auf den 12. Februar festgelegte Angriff mußte wegen schlechten Wetters allerdings auf den 21. verschoben werden. Der Gegner war mittlerweile gewarnt und traf seine Vorbereitungen.

Am 21. Februar 1916 begann der deutsche Angriff um 8.12 Uhr mit einem in seinen Ausmaßen bisher nicht gekannten Trommelfeuer aus rund 800 Minenwerfern und 1200 Geschützen auf die französischen Linien. Inzwischen machten sich die Truppen der vom deutschen Kronprinzen Wilhelm geführten 5. Armee bereit. Insgesamt 30000 Franzosen erwarteten den deutschen Angriff in der vordersten Frontlinie. Um 17 Uhr brachen erste Stoßtrupps in die vom stundenlangen Trommelfeuer umgepflügten Stellungen der Franzosen ein. Vom Erfolg beflügelt, setzte das deutsche Heer seine Angriffe unbeirrt fort. Die französischen Soldaten verteidigten sich in versprengten Widerstandsnestern, konnten den deutschen Vormarsch jedoch nicht aufhalten. Am 23. Februar tobten heftige Gefechte um die Dörfer Brabant und Wavrille sowie den Herbebois. Beim Kampf um Samogneux wurden Franzosen durch eigenes Artilleriefeuer auf den Ort dezimiert. Am 24. Februar brachen deutsche Truppen in die zweite französische Stellung ein. Etwa 10000 Gefangene wurden gemacht. Bei den Franzosen brach Chaos aus, die Bevölkerung Verduns floh panikartig aus der Stadt.

General Joseph Joffre übernahm das Kommando und gab die Parole aus: »Jeder Führer, der unter den gegebenen Umständen einen Rückzugsbefehl gibt, wird vor ein Kriegsgericht gestellt werden.« Am 25. Februar nahmen die Deutschen mühelos das nur von knapp 70 französischen Landwehrartilleristen besetzte Fort Douaumont ein, welches das deutsche Trommelfeuer kaum beschädigt hatte. Die Nachricht von der Übergabe des Forts – durch von deutschen Fliegern abgeworfene Flugblätter verbreitet – führte zu einer Massenpsychose auf französischer Seite. Die Dörfer Louvemont und Bezonvaux felen nach verlustreichen Kämpfen in deutsche Hände. Die Deutschen nutzten ihren Erfolg bei Douaumont jedoch nicht aus. Falkenhayn ließ keine Verstärkungen nachschieben, um dem Gegner auf den Fersen zu bleiben. Dieser gewann Zeit, und der französische Widerstand versteifte sich. General Philippe Pétain wurde am 26. Februar zum Kommandeur der französischen Truppen im Raum Verdun ernannt. Seine wesentlichen Maßnahmen waren zum einen die Reorganisation des Nachschubs, indem er in Frankreich Privatfahrzeuge requirieren und zu langen Kolonnen zusammenstellen ließ, die dem Kampfraum über die Straße nach Bar-le-Duc den notwendigen Nachschub zuführten. Im Rotationssystem veranlaßte Pétain zum anderen, abgekämpfte Einheiten aus der Frontzone herauszulösen und durch frische Verbände zu ersetzen. Dies stärkte Moral und Kampfkraft der Verteidiger.

Vom 27. Februar bis zum 2. März tobte der Kampf um das Dorf Douaumont, das schließlich eingenommen wurde. Dabei geriet der französische Hauptmann Charles de Gaulle schwerverwundet in deutsche Gefangenschaft. Westlich der Maas fiel am 3. März der Maler Franz Marc. Am 6. März begann die deutsche Großoffensive der »Angriffsgruppe West« mit Schwerpunkt westlich der Maas. Die deutschen Truppen traten nach starkem, vorbereitendem Artilleriefeuer in zwei Spitzen zum Angriff gegen die französischen Stellungen am linken Maasufer an. Nach heftigen Gefechten gelang ihnen am 7. März die Einnahme der Dörfer Regnéville und Forges und der strategisch wichtigen Höhenstellungen »Gänserücken« und »Pfefferrücken«. Die französische Verteidigung brach unter dem Angriff zusammen, es wurden über 3300 unverletzte Gefangene gemacht.

Am gleichen Tag stießen die Deutschen zum Rabenwald und zum Cumières-Wald vor, die nach Nordwesten hin in die strategisch wichtige Anhöhe »Le Mort Homme« (»Toter Mann«) ausliefen. Dieser Hügel mit zwei Gipfeln (Höhe 265 und Höhe 295) verdankte seinen Namen einer dort im 16. Jahrhundert gefundenen unbekannten Leiche. Westlich der Höhe »Toter Mann« liegt die Höhe 304, die ebenfalls zum Ziel der deutschen Angriffe wurde. Hinter diesen beiden Hügeln hatte Pétain große Geschützbatterien stationiert, die den deutschen Stellungen auf dem rechten Maasufer große Verluste beibrachten. Am Abend des 7. März besetzten die deutschen Truppen einen Teil der Höhe 304, jedoch drängte sie eine entschlossene französische Gegenattacke bereits am 8. März wieder zurück. Am 14. März erfolgte der deutsche Großangriff mit sechs Divisionen gegen den »Toten Mann«, der eingenommen wurde. Angriffe und Gegenangriffe lösten sich ab. Manche deutsche Regimenter hatten in wenigen Tagen die Hälfte ihrer Soldaten verloren, darunter viele Offiziere, die in der ersten Reihe gegen den Feind stürmten. Beiderseits hatte man mittlerweile allerdings so viel in die Schlacht investiert, daß ein Abbruch dem Eingeständnis der Niederlage geglichen hätte. Es folgten am 23. März die Erstürmung des Höhenrückens südwestlich von Haucourt und die Einnahme des Dorfes Malancourt am 30. März. Am 6. April konnte die OHL die Besetzung des Dorfes Haucourt am Fuß der Höhe 304 melden, bei der etwa 540 Gefangene gemacht wurden. Im Laufe des April eroberten die Franzosen den »Toten Mann« zurück. Den ganzen Monat April rannten die französischen Truppen am östlichen Maasufer gegen die deutschen Stellungen vor Fort Douaumont immer wieder von neuem an und hatten horrende Verluste, aber sie bekamen die Mondlandschaft vorerst nicht in ihren Besitz. Nachdem bei den Franzosen Pétain durch General Robert Nivelle abgelöst worden war, begann eine Phase der bis zum äußersten durchgeführten Offensiven gegen die deutschen Stellungen. Immer wieder ließ Nivelle in den nächsten Monaten seine Soldaten gegen die deutschen Stellungen anstürmen, ohne damit nennenswerte Bodengewinne zu machen.

Währenddessen machte sich im Oberkommando der deutschen 5. Armee Unmut bemerkbar. Da die Zahl der Todesopfer bis zum Mai gewaltige Ausmaße angenommen hatte, bat Kronprinz Wilhelm die OHL um den Abbruch der Offensive. Falkenhayn lehnte dies strikt ab, da er von höheren Verlusten auf französischer Seite ausging und somit die Offensive als Erfolg betrachtete. Bis Ende Mai waren in Verdun bereits über 170000 Soldaten beider Seiten entweder gefallen oder verwundet worden. Am 8. Mai gelang den Deutschen die Einnahme eines Nordhanges der Höhe 304, bei dem 40 Offziere und 1280 Mann gefangengenommen wurden. Die endgültige Inbesitznahme der Höhe »Toter Mann« und der Höhe 304 erfolgte noch im Mai. Die Franzosen verstärkten ihre Angriffe gegen die Höhenstellungen, und die Nahkämpfe im schweren Artilleriefeuer gingen weiter. Das Fort Douaumont, das den Deutschen als Unterstand, Depot und Beobachtungsposten diente, lag derweil immer wieder unter schwerem Beschuß und war Ziel von Gegenangriffen. Am 8. Mai kam es infolge einer Unachtsamkeit zu einer Katastrophe innerhalb des Forts, als ausgelaufenes Öl aus Flammenwerfern in Brand geriet, woraus sich eine riesige Rauch- und Rußwolke entwickelte. Während Panik ausbrach, explodierte auch noch das Munitionslager. Die Detonation war so gewaltig, daß sie die Decke des Untergeschosses durchschlug und 800 Mann auf einen Schlag tötete. Die Franzosen hatten den Verlust des Forts Douaumont als große Niederlage betrachtet und wollten die stärkste und strategisch wichtigste Festung zurückerobern. Nach der von ihnen beobachteten Explosionskatastrophe entschloß sich Nivelle zu einem noch stärkeren Ausbau des von Pétain gestarteten Angriffs auf Douaumont. Ab dem 17. Mai begann die französische Artillerie mit dem einleitenden Feuer und schoß konventionelle und Gasgranaten auf die deutschen Stellungen um das Fort und auf das Fort selbst. Am 22. Mai gelang es den Franzosen, in das Befestigungswerk einzudringen. In einem blutigen Handgemenge wurden die Angreifer jedoch überwältigt. Mehr als 500 Franzosen gerieten in Gefangenschaft. Am 1. Juni begann die deutsche Offensive auf dem rechten Maasufer mit dem Ziel, das Fort Vaux einzunehmen. Am 2. Juni drangen deutsche Sturmtruppen in das Festungssystem ein. Am Morgen des 3. Juni hatten die Deutschen zwei Hauptkorridore eingenommen. Die Nahkämpfe im Inneren des Forts wurden mit äußerster Verbissenheit geführt: Zum Einsatz kamen Spaten, Bajonette und Handgranaten, deren Einsatz sowohl Angreifer als auch Verteidiger in Stücke rissen. Die Stromversorgung und damit das Licht waren ausgefallen, aber die Kämpfe wurden mit nicht nachlassender Heftigkeit und in völliger Dunkelheit weitergeführt, nur ab und zu erhellt durch Brände und die feurigen Ölstrahlen der deutschen Flammenwerfer. Immer weiter kämpften sich die Deutschen in die Tiefe des Befestigungswerkes vor. Am Mittag des 4. Juni schickte der französische Kommandant Sylvain Raynal seine letzte Brieftaube mit einer verzweifelten Bitte um Hilfe hinter die eigenen Linien. Die Taube starb kurz nach Erreichen ihres Zielortes in der Etappe von Verdun an den Gasen, die sie eingeatmet hatte. Sie wurde ausgestopft, und posthum verlieh man ihr den Orden der Ehrenlegion. Das Fort fiel am 7. Juni. 250 Mann gingen in Gefangenschaft. Die Deutschen hatten etwa 2700 Soldaten bei dem Angriff verloren.

Der Fortkommandeur Raynal wurde aufgrund seiner Tapferkeit zu Kronprinz Wilhelm gebeten, der ihm – als er sah, daß der Major seinen Säbel verloren hatte – einen erbeuteten französischen Säbel mit den Worten übergab: »Ich habe ihn gefunden. Ich bitte Sie, diese Waffe anzunehmen, die Ihrer würdig ist, im Tausch für jene, die ich Ihnen mangels einer anderen angeboten habe.« Damit ließ der Kronprinz inmitten der völlig industrialisierten Schlacht ein erstaunliches Bekenntnis zur Ritterlichkeit alter Zeiten erkennen. Eine ähnliche noble Geste hoher alliierter Kommandeure gegenüber Soldaten der Mittelmächte ist nicht überliefert. Nach der Einnahme von Fort Vaux begannen die Franzosen am 8. und 9. Juni direkte – und letztlich vergebliche – Gegenschläge, um das Fort zurückzuerobern. Die Deutschen bauten ihre Stellung im Fort Vaux aus und stürmten in den kommenden drei Wochen weiter gegen die französischen Stellungen vor Verdun an. Ein letzter deutscher Großangriff am 23. Juni brachte den Einbruch in den inneren Verteidigungsgürtel der Festung Verdun, blieb aber mangels kampfkräftiger Reserven liegen.

Am 1. Juli begann die britische Offensive an der Somme, die die Deutschen zwang, Reserven an diesen Frontabschnitt zu werfen. Ab 11. Juli gingen die Deutschen vor Verdun zur Verteidigung über. Die Franzosen ergriffen in den späten Sommermonaten des Jahres 1916 die Initiative und attackierten die deutschen Stellungen am Thiaumont und um Fleury, um das immer noch geltende Endziel – die Rückeroberung der Forts Vaux und Douaumont – zu erreichen. Die Gegenangriffe zogen sich über den heißen Sommer bis in den Oktober hin, lieferten aber keinen klaren Erfolg. Am 29. August wurde General Falkenhayn entlassen, Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und General Erich Ludendorff bildeten die 3. OHL. Nach einem Besuch Ludendorffs an der Westfront ordnete Hindenburg am 2. September die Beendigung aller Offensivaktionen und den Ausbau des gewonnenen Terrains zu einem festen Stellungssystem an. Von September bis Oktober rollte die Gegenoffensive der Franzosen, wobei am 24. Oktober das Fort Douaumont und am 2. November das Fort Vaux zurückerobert wurden. Bis zum 20. Dezember hatte sich der französische Angriffsschwung gebrochen.

Die Angaben zu Verlusten (Gefallene, Verwundete, Vermißte) variieren. Auf deutscher Seite zählte man 281333 Mann, bei den Franzosen rund 315000 Mann. Insgesamt waren 47 deutsche und 80 französische Divisionen bei Verdun eingesetzt. Die deutsche 1. Infanteriedivision hatte innerhalb von drei Monaten – bei einem Bestand von 18000 Soldaten – 11000 Mann Verluste erlitten. Schätzungen besagen, daß auf beiden Seiten rund 100000 Soldaten umgekommen sind. Die deutschen Personalunterlagen, die darüber hätten genauen Aufschluß geben können, lagerten im Heeresarchiv in Potsdam. Dieses wurde bei einem Luftangriff der Royal Air Force am 14. April 1945 vernichtet.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.