Eric Zemmour und der französische Selbstmord

In einem Europa, in dem zurzeit ein paar Dutzend Länder vergrößerte Biedermann-und-die-Brandstifter-Realvarianten proben,... 

 Gastbeitrag

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spielt Éric Zem­mour die unvor­her­ge­se­he­ne Rol­le des Haupt­an­walts einer leid­ge­prüf­ten fran­zö­si­schen Babet­te, die mit dem Gedan­ken spielt, die Schei­dung ein­zu­rei­chen. Er ist es, der bei den poli­ti­schen und media­len Eli­ten schlech­te Lau­ne aus­löst. Sie reden nicht mehr von der lepé­ni­sa­ti­on, son­dern von der zem­mou­risa­ti­on der öffent­li­chen Mei­nung. Der Gra­ben zwi­schen Volk und poli­ti­scher Ver­tre­tung ist inzwi­schen so tief, daß der Autor des Best­sel­lers über den »fran­zö­si­schen Selbst­mord« (Le Sui­ci­de fran­çais, Paris 2014) in einem vor kur­zem erschie­ne­nen Roman (Geoff­roy Lejeu­ne: Une élec­tion ordinaire, Paris 2015) zum Prä­si­den­ten der Repu­blik gewählt wird. Für vie­le der­je­ni­gen, die eine Wie­der­auf­er­ste­hung des Lan­des für nötig hal­ten, ver­bin­det sich die­ser Gedan­ke von selbst mit sei­nem Namen.

Über die Ideen Zem­mours ver­brei­ten sich vie­le Miß­ver­ständ­nis­se. Die Fran­zo­sen ken­nen ihn vor allem aus Fern­se­hen und Radio. Dies ver­lei­tet vie­le kul­ti­vier­te Leu­te dazu, guten Gewis­sens ihr Urteil über ihn zu fäl­len, ohne sei­ne Haupt­schrif­ten gele­sen zu haben. Der Rest Euro­pas muß die­sen Feh­ler nicht zwangs­läufg wie­der­ho­len. Denn hin­ter der Schlag­fer­tig­keit des Talk­show-Pole­mi­kers ver­birgt sich ein Intel­lek­tu­el­ler, des­sen Ideen nicht allein sein eige­nes Land ange­hen. Für Zem­mour »ist Frank­reich Euro­pa« (Mélan­co­lie fran­çai­se, Paris 2010). Der wah­re Aus­gangs­punkt sei­nes Auf­stiegs zur Pro­mi­nenz lag vor fast zehn Jah­ren im regen Erfolg sei­nes Essays über das »ers­te Geschlecht«, einer Abhand­lung über die männ­li­che Lebens­art zum Gebrauch der jun­gen, femi­ni­sier­ten Genera­ti­on (Le Pre­mier Sexe, Paris 2006). Das Buch ist ein ful­mi­na­ter Angriff gegen den Femi­nis­mus, umhüllt von einem reiz­vol­len Pari­ser Odeur im Sin­ne von »Wer schläft mit wem?«. Zem­mour unter­schei­det dar­in zunächst zwei Pha­sen im Pro­zeß der Gleich­ma­che­rei: die Mas­ku­li­ni­sie­rung der Frau­en, gefolgt von der Femi­ni­sie­rung der Män­ner – eine zwei­te Pha­se, um die Unzu­läng­lich­kei­ten der ers­ten wett­zu­ma­chen. Femi­ni­sie­ren bedeu­te, Ver­hal­tens­wei­sen neu zu nor­mie­ren, ins­be­son­de­re im sexu­el­len Bereich: den Geschlechts­akt mit Gefüh­len, Gefüh­le mit dem Geschlechts­akt auto­ma­tisch zu ver­bin­den; Abwei­chun­gen zu kri­mi­na­li­sie­ren; das indi­vi­du­el­le Gleich­ge­wicht, ja sogar die sozia­le Exis­tenz vom Paar her­zu­lei­ten. Dem Autor zufol­ge ist die­ses Pro­jekt von vorn­her­ein zum Schei­tern ver­ur­teilt, weil Lust unver­än­der­lich unega­li­tär ist. Die Geschos­se sei­nes psy­cho­lo­gi­schen Artil­le­rie­feu­ers stam­men von Stendhal und vom vor kur­zem ver­stor­be­nen René Girard, eine fran­zö­si­sche Tra­di­ti­on fort­set­zend, die bei den Mora­lis­ten des 17. Jahr­hun­derts und noch vor­her bei Mon­tai­g­ne beginnt. Das Buch zeigt dar­auf­hin, daß die ega­li­tä­re Ent­stel­lung der männ­li­chen Lust sich so gut ent­wick­le, weil sie dem kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tem eine glo­ba­le Wachs­tum­sach­se bie­te – an jedem Umbau näm­lich läßt sich ver­die­nen. In die­sem zwei­ten, wirt­schaft­li­chen Schritt der Ana­ly­se wirft Zem­mour, auf Marx rei­tend, die lin­ke Flan­ke der Femi­nis­ten durcheinander.

Zum rhe­to­ri­schen Sturm­lauf kommt es dann am Schluß auf dem Gebiet der Geschich­te: Im Fal­le Frank­reichs lie­ge der Ursprung der Ent­männ­li­chung im Gefühl des Über­drus­ses in der Zeit nach dem Ers­ten Welt­krieg, bei Män­nern, die es müde wur­den, die »zwi­schen ihren Bei­nen bau­meln­de Last« zu tra­gen. Der Pole­mi­ker erstürm­te die femi­nis­ti­sche Schan­ze, um ein Zei­chen zu set­zen – fest davon über­zeugt, daß die beck­ha­mi­sier­te Mas­se der Män­ner­trup­pe wahr­schein­lich nicht fol­gen wür­de (was ihm egal war). Durch die so errun­ge­ne ver­mehr­te Teil­nah­me an Talk­shows konn­te er sei­nen Kul­tur­kampf in vie­le neue The­men­be­rei­che hin­ein­tra­gen, bis es bes­ser kom­men wür­de. Von 2006 bis 2011 ent­deck­te das brei­te Publi­kum von »On n’est pas cou­ché« (»Wir sind noch nicht im Bett«; fran­zö­si­sche Polit­sa­ti­re-Talk­show) in Zem­mour einen lite­ra­risch und his­to­risch ver­sier­ten Pole­mi­ker. In sei­nem fol­gen­den Essay (Mélan­co­lie fran­çai­se) befaß­te er sich näher mit der Geschich­te. Ein gedräng­tes, archi­tek­to­ni­sches Werk: Der Wer­de­gang Frank­reichs seit Karl dem Gro­ßen gehorcht laut Zem­mour einem Dua­li­täts­prin­zip von einer­seits männ­li­cher Sou­ve­rä­ni­tät und ande­rer­seits weib­li­chem Uni­ver­sa­lis­mus. In sei­ner Betrach­tung reiht sich unse­re femi­ni­sier­te Zeit ein in einen Zyklus his­to­ri­scher Refe­ren­zen – ange­fan­gen mit den Salons des 18. Jahr­hun­derts. In der uni­ver­sa­lis­tischen Pha­se neig­ten die fran­zö­si­schen Eli­ten dazu, sich in den Dienst der herr­schen­den Ideo­lo­gie zu stel­len, bei­spiels­wei­se der katho­li­schen Kir­che unter Lud­wig XVI. oder der Men­schen­rech­te nach dem Zwei­ten Welt­krieg. In der sou­ve­rä­nis­ti­schen Pha­se ziel­ten die­sel­ben Eli­ten dar­auf ab, den euro­päi­schen Kon­ti­nent nach Vor­bild des anti­ken Roms poli­tisch zu eini­gen. Die Kape­tin­ger-Dynas­tie in ihren Erobe­run­gen und das napo­leo­ni­sche Epos teil­ten den glei­chen römi­schen Traum. Es wäre loh­nens­wert, den Zem­mour­schen Begriff des römi­schen Erbes in Rela­ti­on zur Bra­gue­schen The­se von der römi­schen Sekun­da­ri­tät (Rémi Bra­gue: Euro­pa – sei­ne Kul­tur, sei­ne Bar­ba­rei. Exzen­tri­sche Iden­ti­tät und römi­sche Sekun­da­ri­tät, Wies­ba­den 2012) zu set­zen. Der Gegen­über­stel­lung Roms und Kar­tha­gos hät­te ein Carl Schmitt sei­ner­seits zustim­men kön­nen, denn – das ist der Nomos der Erde – ewig bekämp­fen sich Behe­mo­th und Levia­than. Im übri­gen muß (weit davon ent­fernt, ein zweit­ran­gi­ger Punkt zu sein) fest­ge­stellt wer­den, daß die Dua­li­tät der Geschlech­ter ein zen­tra­ler Schlüs­sel zum Zem­mour­schen Geschichts­ver­ständ­nis ist.

Die­sen Schlüs­sel benutzt Zem­mour eben­falls, um Gegen­wär­ti­ges zu kom­men­tie­ren, wor­in auch der medi­al sicht­bars­te Teil sei­ner Tätig­keit besteht. Seit 2010 nimmt er an der Mor­gen­sen­dung des fran­zö­si­schen RTL-Radi­os teil. Wäh­rend sei­ner drei­mi­nü­ti­gen Bei­trä­ge mal­trä­tiert er regel­mä­ßig – mar­xis­tisch auf­ge­la­den – sowohl den Eta­tis­mus als auch den Neo­li­be­ra­lis­mus. In einem die­ser Rund­funk­stü­cke kom­men­tier­te Zem­mour unlängst die Ent­schei­dung Ange­la Mer­kels, die Gren­zen ihres Lan­des den Migran­ten zu öff­nen – der Titel lau­te­te: »Wenn ihr kei­ner zuju­belt, glaubt Mer­kel, daß sie taub wird« (»Mer­kel croit qu’elle devi­ent sourde quand elle n’entend plus les accla­ma­ti­ons«, aus­ge­strahlt am 10. Sep­tem­ber 2015). Zem­mour wird in Frank­reich oft fälsch­li­cher­wei­se als anti­deutsch ein­ge­schätzt. Sei­ne Kri­tik an Frau Mer­kel und dem heu­ti­gen, geron­to­kra­ti­schen deut­schen Kapi­ta­lis­mus ist von kei­ner Feind­se­lig­keit gegen­über dem deut­schen Volk beglei­tet oder geprägt. Dies zeigt sich anhand des Zem­mour­schen Ver­ständ­nis­ses der deut­schen Geschich­te, in Mélan­co­lie fran­çai­se klar dar­ge­legt.

Laut Zem­mour beruht die fran­zö­sisch-deut­sche Feind­se­lig­keit auf einem mime­ti­schen Wett­streit. Sei­ner Ansicht nach lös­te Deutsch­land das post­na­po­leo­ni­sche Frank­reich ab, um den Kon­ti­nent poli­tisch zu eini­gen. Der römi­sche Traum wur­de von Deutsch­land wei­ter­ge­träumt, das damit auch den grund­sätz­li­chen Feind erb­te: Kar­tha­go, dies­mal in sei­ner angel­säch­si­schen Vari­an­te. Zem­mour hät­te es vor­ge­zo­gen, wenn Frank­reich das »Wun­der an der Mar­ne« nicht voll­bracht und Deutsch­land den Krieg im Jahr 1914 gewon­nen hät­te. Geschich­te wird hier von einem höhe­ren Zivi­li­sa­ti­ons­be­griff aus beur­teilt, nicht vom Patrio­tis­mus her. Eine wah­re Lek­ti­on in Sachen Realismus.

Berech­tig­ter­wei­se wird Zem­mour oft mit Thi­lo Sar­ra­zin ver­gli­chen, der in Deutsch­land schafft sich ab (Mün­chen 2010) auf sei­ne Wei­se die The­se von der Iden­ti­täts­ver­nich­tung sei­nes Volks ver­tei­digt. Sar­ra­zin ist ein rea­lis­ti­scher Geist, ver­lo­ren inmit­ten einer Nach­kriegs­ge­nera­ti­on, die oft zu glau­ben scheint, ihr Alter wer­de sie noch vor dem Anblick des bevor­ste­hen­den Schlimms­ten bewah­ren. Die­ser Nach­fah­re von Huge­not­ten spielt nicht mit Selbst­täu­schung. Im Gegen­satz zu Zem­mour jedoch glaubt er an eine ratio­na­le Ver­wal­tung poli­ti­scher Pro­ble­me, die sich auf meß­ba­re Fak­to­ren stüt­ze. Sei­ne Kar­rie­re ist die eines Sozi­al­inge­nieurs und Mana­gers, sein Rea­lis­mus vom Opti­mis­mus der Len­kung gefärbt – wäh­rend Zem­mour ein Pes­si­mist ist, der uns auf das unkon­trol­lier­te Plat­zen der post­his­to­ri­schen Bla­se gefaßt machen will.

Der fran­zö­si­sche Mus­ke­tier des poli­ti­schen Rea­lis­mus besitzt in der Per­son des Jour­na­lis­ten und Schrift­stel­lers Micha­el Klo­n­ovs­ky einen ande­ren deut­schen Geis­tes­ver­wand­ten, der ihm von Metho­de und Genera­ti­on her näher­steht. Die­ser ist unter ande­rem Autor der Betrach­tung Der Held. Ein Nach­ruf (Mün­chen 2011), wor­in er die Femi­ni­sie­rung aus dem Blick­win­kel des Ver­schwin­dens des Muts in unse­ren Gesell­schaf­ten erfaßt. Zem­mour hat einen Roman über Fer­di­nand Lass­alle (Le Dan­dy rouge, Paris 1999) geschrie­ben, Klo­n­ovs­ky einen über Cham­pol­li­on (Der Ram­ses-Code, Ber­lin 2001). Ihre Urtei­le über Chur­chill kon­gru­ie­ren. Über Frau Mer­kel anschei­nend auch.

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