Sezession
1. April 2016

Eric Zemmour und der französische Selbstmord

Gastbeitrag

In einem Europa, in dem zurzeit ein paar Dutzend Länder vergrößerte Biedermann-und-die-Brandstifter-Realvarianten proben, spielt Éric Zemmour die unvorhergesehene Rolle des Hauptanwalts einer leidgeprüften französischen Babette, die mit dem Gedanken spielt, die Scheidung einzureichen. Er ist es, der bei den politischen und medialen Eliten schlechte Laune auslöst. Sie reden nicht mehr von der lepénisation, sondern von der zemmourisation der öffentlichen Meinung. Der Graben zwischen Volk und politischer Vertretung ist inzwischen so tief, daß der Autor des Bestsellers über den »französischen Selbstmord« (Le Suicide français, Paris 2014) in einem vor kurzem erschienenen Roman (Geoffroy Lejeune: Une élection ordinaire, Paris 2015) zum Präsidenten der Republik gewählt wird. Für viele derjenigen, die eine Wiederauferstehung des Landes für nötig halten, verbindet sich dieser Gedanke von selbst mit seinem Namen.

Über die Ideen Zemmours verbreiten sich viele Mißverständnisse. Die Franzosen kennen ihn vor allem aus Fernsehen und Radio. Dies verleitet viele kultivierte Leute dazu, guten Gewissens ihr Urteil über ihn zu fällen, ohne seine Hauptschriften gelesen zu haben. Der Rest Europas muß diesen Fehler nicht zwangsläufg wiederholen. Denn hinter der Schlagfertigkeit des Talkshow-Polemikers verbirgt sich ein Intellektueller, dessen Ideen nicht allein sein eigenes Land angehen. Für Zemmour »ist Frankreich Europa« (Mélancolie française, Paris 2010). Der wahre Ausgangspunkt seines Aufstiegs zur Prominenz lag vor fast zehn Jahren im regen Erfolg seines Essays über das »erste Geschlecht«, einer Abhandlung über die männliche Lebensart zum Gebrauch der jungen, feminisierten Generation (Le Premier Sexe, Paris 2006). Das Buch ist ein fulminater Angriff gegen den Feminismus, umhüllt von einem reizvollen Pariser Odeur im Sinne von »Wer schläft mit wem?«. Zemmour unterscheidet darin zunächst zwei Phasen im Prozeß der Gleichmacherei: die Maskulinisierung der Frauen, gefolgt von der Feminisierung der Männer – eine zweite Phase, um die Unzulänglichkeiten der ersten wettzumachen. Feminisieren bedeute, Verhaltensweisen neu zu normieren, insbesondere im sexuellen Bereich: den Geschlechtsakt mit Gefühlen, Gefühle mit dem Geschlechtsakt automatisch zu verbinden; Abweichungen zu kriminalisieren; das individuelle Gleichgewicht, ja sogar die soziale Existenz vom Paar herzuleiten. Dem Autor zufolge ist dieses Projekt von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil Lust unveränderlich unegalitär ist. Die Geschosse seines psychologischen Artilleriefeuers stammen von Stendhal und vom vor kurzem verstorbenen René Girard, eine französische Tradition fortsetzend, die bei den Moralisten des 17. Jahrhunderts und noch vorher bei Montaigne beginnt. Das Buch zeigt daraufhin, daß die egalitäre Entstellung der männlichen Lust sich so gut entwickle, weil sie dem kapitalistischen System eine globale Wachstumsachse biete – an jedem Umbau nämlich läßt sich verdienen. In diesem zweiten, wirtschaftlichen Schritt der Analyse wirft Zemmour, auf Marx reitend, die linke Flanke der Feministen durcheinander.

Zum rhetorischen Sturmlauf kommt es dann am Schluß auf dem Gebiet der Geschichte: Im Falle Frankreichs liege der Ursprung der Entmännlichung im Gefühl des Überdrusses in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, bei Männern, die es müde wurden, die »zwischen ihren Beinen baumelnde Last« zu tragen. Der Polemiker erstürmte die feministische Schanze, um ein Zeichen zu setzen – fest davon überzeugt, daß die beckhamisierte Masse der Männertruppe wahrscheinlich nicht folgen würde (was ihm egal war). Durch die so errungene vermehrte Teilnahme an Talkshows konnte er seinen Kulturkampf in viele neue Themenbereiche hineintragen, bis es besser kommen würde. Von 2006 bis 2011 entdeckte das breite Publikum von »On n’est pas couché« (»Wir sind noch nicht im Bett«; französische Politsatire-Talkshow) in Zemmour einen literarisch und historisch versierten Polemiker. In seinem folgenden Essay (Mélancolie française) befaßte er sich näher mit der Geschichte. Ein gedrängtes, architektonisches Werk: Der Werdegang Frankreichs seit Karl dem Großen gehorcht laut Zemmour einem Dualitätsprinzip von einerseits männlicher Souveränität und andererseits weiblichem Universalismus. In seiner Betrachtung reiht sich unsere feminisierte Zeit ein in einen Zyklus historischer Referenzen – angefangen mit den Salons des 18. Jahrhunderts. In der universalistischen Phase neigten die französischen Eliten dazu, sich in den Dienst der herrschenden Ideologie zu stellen, beispielsweise der katholischen Kirche unter Ludwig XVI. oder der Menschenrechte nach dem Zweiten Weltkrieg. In der souveränistischen Phase zielten dieselben Eliten darauf ab, den europäischen Kontinent nach Vorbild des antiken Roms politisch zu einigen. Die Kapetinger-Dynastie in ihren Eroberungen und das napoleonische Epos teilten den gleichen römischen Traum. Es wäre lohnenswert, den Zemmourschen Begriff des römischen Erbes in Relation zur Bragueschen These von der römischen Sekundarität (Rémi Brague: Europa – seine Kultur, seine Barbarei. Exzentrische Identität und römische Sekundarität, Wiesbaden 2012) zu setzen. Der Gegenüberstellung Roms und Karthagos hätte ein Carl Schmitt seinerseits zustimmen können, denn – das ist der Nomos der Erde – ewig bekämpfen sich Behemoth und Leviathan. Im übrigen muß (weit davon entfernt, ein zweitrangiger Punkt zu sein) festgestellt werden, daß die Dualität der Geschlechter ein zentraler Schlüssel zum Zemmourschen Geschichtsverständnis ist.

Diesen Schlüssel benutzt Zemmour ebenfalls, um Gegenwärtiges zu kommentieren, worin auch der medial sichtbarste Teil seiner Tätigkeit besteht. Seit 2010 nimmt er an der Morgensendung des französischen RTL-Radios teil. Während seiner dreiminütigen Beiträge malträtiert er regelmäßig – marxistisch aufgeladen – sowohl den Etatismus als auch den Neoliberalismus. In einem dieser Rundfunkstücke kommentierte Zemmour unlängst die Entscheidung Angela Merkels, die Grenzen ihres Landes den Migranten zu öffnen – der Titel lautete: »Wenn ihr keiner zujubelt, glaubt Merkel, daß sie taub wird« (»Merkel croit qu’elle devient sourde quand elle n’entend plus les acclamations«, ausgestrahlt am 10. September 2015). Zemmour wird in Frankreich oft fälschlicherweise als antideutsch eingeschätzt. Seine Kritik an Frau Merkel und dem heutigen, gerontokratischen deutschen Kapitalismus ist von keiner Feindseligkeit gegenüber dem deutschen Volk begleitet oder geprägt. Dies zeigt sich anhand des Zemmourschen Verständnisses der deutschen Geschichte, in Mélancolie française klar dargelegt.

Laut Zemmour beruht die französisch-deutsche Feindseligkeit auf einem mimetischen Wettstreit. Seiner Ansicht nach löste Deutschland das postnapoleonische Frankreich ab, um den Kontinent politisch zu einigen. Der römische Traum wurde von Deutschland weitergeträumt, das damit auch den grundsätzlichen Feind erbte: Karthago, diesmal in seiner angelsächsischen Variante. Zemmour hätte es vorgezogen, wenn Frankreich das »Wunder an der Marne« nicht vollbracht und Deutschland den Krieg im Jahr 1914 gewonnen hätte. Geschichte wird hier von einem höheren Zivilisationsbegriff aus beurteilt, nicht vom Patriotismus her. Eine wahre Lektion in Sachen Realismus.

Berechtigterweise wird Zemmour oft mit Thilo Sarrazin verglichen, der in Deutschland schafft sich ab (München 2010) auf seine Weise die These von der Identitätsvernichtung seines Volks verteidigt. Sarrazin ist ein realistischer Geist, verloren inmitten einer Nachkriegsgeneration, die oft zu glauben scheint, ihr Alter werde sie noch vor dem Anblick des bevorstehenden Schlimmsten bewahren. Dieser Nachfahre von Hugenotten spielt nicht mit Selbsttäuschung. Im Gegensatz zu Zemmour jedoch glaubt er an eine rationale Verwaltung politischer Probleme, die sich auf meßbare Faktoren stütze. Seine Karriere ist die eines Sozialingenieurs und Managers, sein Realismus vom Optimismus der Lenkung gefärbt – während Zemmour ein Pessimist ist, der uns auf das unkontrollierte Platzen der posthistorischen Blase gefaßt machen will.

Der französische Musketier des politischen Realismus besitzt in der Person des Journalisten und Schriftstellers Michael Klonovsky einen anderen deutschen Geistesverwandten, der ihm von Methode und Generation her nähersteht. Dieser ist unter anderem Autor der Betrachtung Der Held. Ein Nachruf (München 2011), worin er die Feminisierung aus dem Blickwinkel des Verschwindens des Muts in unseren Gesellschaften erfaßt. Zemmour hat einen Roman über Ferdinand Lassalle (Le Dandy rouge, Paris 1999) geschrieben, Klonovsky einen über Champollion (Der Ramses-Code, Berlin 2001). Ihre Urteile über Churchill kongruieren. Über Frau Merkel anscheinend auch.


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