Gerd Bergfleth zum 80. Geburtstag

Er gehört zu jenen einsamen Denkern, die keine eigene Schule begründet haben, sondern ewige Solitäre geblieben sind, mit ihren unzeitgemäßen Betrachtungen aber gleichwohl irritierende Spuren in dem gehegten Gelände zeitgenössischer Diskurse hinterlassen haben. Eher berüchtigt als berühmt wird man ihn nennen dürfen, und jedenfalls ist er ein so faszinierender Autor, daß er mit klammheimlicher Sympathie sogar von Köpfen gelesen wird, an denen er kein gutes Haar läßt. 1936 in Dithmarschen geboren, studierte Gerd Bergfleth von 1956 bis 1964 Philosophie, Literaturwissenschaft und Gräzistik in Kiel, Heidelberg und Tübingen, um sich schließlich in dem schwäbischen Städtchen, welches auch seiner »Tübinger Vernunftkritik« ihren Namen lieh, auf Dauer niederzulassen. Seit 1971 machte Bergfleth als Herausgeber, Übersetzer und Interpret Georges Batailles von sich reden, dessen exzentrisches Denken ihn maßgeblich prägen sollte. Mit seiner frühen Theorie der Verschwendung präsentierte er daher nicht nur eine ambitionierte Einführung in das theoretische Werk Batailles, sondern zugleich eine emphatische Bekenntnisschrift, die bereits seine Leidenschaft für noch andere dunkle und verfemte Schriftsteller wie den Marquis de Sade, Maurice Blanchot, Pierre Klossowski und Jean Baudrillard erahnen ließ. Damit freilich paßte Bergfleth trefflich ins Verlagskonzept von Axel Matthes, der jenseits des Rheins längst legendäre französische Dichter und Denker von der Gegenaufklärung über den Surrealismus bis zur Postmoderne endlich auch einem deutschen Publikum vorstellen wollte und hierfür einen geistesgeschichtlich versierten Übersetzer und Exegeten bestens gebrauchen konnte. Auf diesem Wege avancierte Bergfleth allmählich zum Haus- und Hofphilosophen von Matthes & Seitz.

 Gastbeitrag

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Er gehört zu jenen ein­sa­men Den­kern, die kei­ne eige­ne Schu­le begrün­det haben, son­dern ewi­ge Soli­tä­re geblie­ben sind, mit ihren unzeit­ge­mä­ßen Betrach­tun­gen aber gleich­wohl irri­tie­ren­de Spu­ren in dem geheg­ten Gelän­de zeit­ge­nös­si­scher Dis­kur­se hin­ter­las­sen haben. Eher berüch­tigt als berühmt wird man ihn nen­nen dür­fen, und jeden­falls ist er ein so fas­zi­nie­ren­der Autor, daß er mit klamm­heim­li­cher Sym­pa­thie sogar von Köp­fen gele­sen wird, an denen er kein gutes Haar läßt. 1936 in Dith­mar­schen gebo­ren, stu­dier­te Gerd Ber­gfleth von 1956 bis 1964 Phi­lo­so­phie, Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und Grä­zis­tik in Kiel, Hei­del­berg und Tübin­gen, um sich schließ­lich in dem schwä­bi­schen Städt­chen, wel­ches auch sei­ner »Tübin­ger Ver­nunft­kri­tik« ihren Namen lieh, auf Dau­er nie­der­zu­las­sen. Seit 1971 mach­te Ber­gfleth als Her­aus­ge­ber, Über­set­zer und Inter­pret Geor­ges Batail­les von sich reden, des­sen exzen­tri­sches Den­ken ihn maß­geb­lich prä­gen soll­te. Mit sei­ner frü­hen Theo­rie der Ver­schwen­dung prä­sen­tier­te er daher nicht nur eine ambi­tio­nier­te Ein­füh­rung in das theo­re­ti­sche Werk Batail­les, son­dern zugleich eine empha­ti­sche Bekennt­nis­schrift, die bereits sei­ne Lei­den­schaft für noch ande­re dunk­le und ver­fem­te Schrift­stel­ler wie den Mar­quis de Sade, Mau­rice Blan­chot, Pierre Klos­sow­ski und Jean Baudril­lard erah­nen ließ. Damit frei­lich paß­te Ber­gfleth tre­fflich ins Ver­lags­kon­zept von Axel Mat­thes, der jen­seits des Rheins längst legen­dä­re fran­zö­si­sche Dich­ter und Den­ker von der Gegen­auf­klä­rung über den Sur­rea­lis­mus bis zur Post­mo­der­ne end­lich auch einem deut­schen Publi­kum vor­stel­len woll­te und hier­für einen geis­tes­ge­schicht­lich ver­sier­ten Über­set­zer und Exege­ten bes­tens gebrau­chen konn­te. Auf die­sem Wege avan­cier­te Ber­gfleth all­mäh­lich zum Haus- und Hof­phi­lo­so­phen von Mat­thes & Seitz.

Wen Ber­gfleth aber auch immer kom­men­tier­te oder inter­pre­tier­te – bei allen fran­ko­phi­len Nei­gun­gen bewähr­te er sich stets als deutsch­las­ti­ger Mitt­ler. Mit phi­lo­so­phi­scher Stren­ge und phi­lo­lo­gi­scher Sorg­falt wuß­te er deut­sche Sub­tex­te hin­ter so man­chen fran­zö­si­schen Text­oberflä­chen frei­zu­le­gen. Und gera­de durch sein Vor­drin­gen in die Tie­fen­schich­ten der avant­gar­dis­ti­schen Denk­sti­le Fou­caults, Der­ri­das und Baudril­lards rang er den hier­zu­lan­de aka­de­misch his­to­ri­sier­ten Geis­tes­wel­ten Nietz­sches, Kla­ges’ und Hei­deg­gers eine unver­hoff­te Aktua­li­tät ab. Den zeit­ge­schicht­li­chen Grund für die­se Lek­tü­restra­te­gie soll­te Ber­gfleth in sei­nem Essay Die Ver­ewi­gung des Lebens klar benen­nen: Das Kli­schee, daß der deut­sche Geist den roman­ti­schen Über­schwang und der fran­zö­si­sche Esprit die klas­si­sche Nüch­tern­heit ver­kör­pe­re, hat­te sei­ne Wahr­heit in längst ver­gan­ge­nen Epo­chen – im 20. Jahr­hun­dert indes­sen hat sich die­se Kon­stel­la­ti­on in ihr reins­tes Gegen­teil ver­kehrt, war es doch der fran­zö­si­sche Sur­rea­lis­mus, der die deut­sche Roman­tik erneu­er­te, bevor die geis­ti­gen Exer­zi­ti­en Batail­les, Blan­chots und Klos­sow­skis wie­der­um eine gesamt­eu­ro­päi­sche Renais­sance Nietz­sches ein­läu­te­ten. Daß die­ser anti­mo­der­ne Vor­den­ker des Faschis­mus schließ­lich auch hier­zu­lan­de als Vater einer modisch gewor­de­nen und immer auch anti­fa­schis­tisch daher­kom­men­den Ver­nunft­kri­tik aner­kannt wur­de, ver­setz­te frei­lich die deut­schen Hüter des Pro­jekts Moder­ne in höchs­te Alarm­be­reit­schaft. Tat­säch­lich waren es nicht zuletzt Ber­gfleths Publi­ka­tio­nen, wel­che den Ver­dacht links­li­be­ra­ler Groß­auf­klä­rer wie Jür­gen Haber­mas, Man­fred Frank oder Klaus Laer­mann zu bestä­ti­gen schie­nen, der ver­dräng­te Geist des deut­schen Präfa­schis­mus sei inko­gni­to über den fran­zö­si­schen Post­mo­der­nis­mus wie­der nach Deutsch­land zurück­ge­kehrt. Des­sen hie­si­ge, zumeist arg­los links­an­ar­chis­ti­sche Anhän­ger wie­der­um zeig­ten sich ob sol­cher Anschul­di­gun­gen auf­rich­tig erbost, und ent­spre­chend all­er­gisch reagier­ten sie nicht nur auf den Vor­wurf des Irra­tio­na­lis­mus, son­dern auch auf Ber­gfleth selbst, der sich frei­mü­tig zu sei­nem rech­ten Anti­ra­tio­na­lis­mus bekannte.

Aller­dings hat­te schon Nietz­sche den abend­län­di­schen Ratio­na­lis­mus in offe­nen Nihi­lis­mus ein­mün­den sehen, und voll­ends für Ador­no und Hork­hei­mer erstrahl­te die rest­los auf­ge­klär­te Erde im Zei­chen tri­um­pha­len Unheils. Anders jedoch als die Meis­ter­den­ker der Frank­fur­ter Schu­le hielt Ber­gfleth es für illu­sio­när, die Auf­klä­rung über sich selbst auf­klä­ren zu wol­len, wür­de dies den Herr­schafts­be­reich der Ver­nunft doch noch über das ihr bis­lang Ent­ron­ne­ne erwei­tern und der­art nur die tech­no­kra­ti­sche Welt­ord­nung per­fek­tio­nie­ren. In der blei­ernen Zeit der ame­ri­ka­nisch-rus­si­schen Dop­pel­he­ge­mo­nie über Deutsch­land pran­ger­te Ber­gfleth fol­ge­rich­tig zugleich den Pri­vat­ka­pi­ta­lis­mus des Wes­tens und den Staats­ka­pi­ta­lis­mus des Ostens an, deren ein­ver­nehm­li­che Ratio­na­li­tät gren­zen­lo­sen Wirt­schafts­wachs­tums er unwei­ger­lich auf einen öko­no­mi­schen Kol­laps und ein öko­lo­gi­sches Desas­ter zusteu­ern sah. Was Nietz­sche als Über­fluß des Lebens und Geh­len als Antriebs­über­schuß des Men­schen aus­ge­macht hat­ten, war einst­wei­len von dem Akku­mu­la­ti­ons­sog eines glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus absor­biert wor­den, der sich allein durch hem­mungs­lo­sen Raub­bau an mensch­li­chen und natür­li­chen Res­sour­cen noch am Leben erhielt und sei­ne Pro­duk­ti­ons­über­schüs­se nur durch impe­ria­lis­ti­sche Expan­si­ons­zü­ge abbau­en konnte.

In Anbe­tracht des sys­te­mi­schen Umschla­gens kapi­ta­lis­ti­scher Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se in krie­ge­ri­sche Destruk­ti­ons­ex­zes­se setz­te Ber­gfleth dem pro­gres­si­ven Wachs­tums­wahn die reak­tio­nä­re Weis­heit der Ver­schwen­dung von Reich­tum ent­ge­gen, wie sie vor­mals in feu­da­la­ris­to­kra­ti­schen Ritua­len, aber auch bereits in pri­mi­ti­ven Riten wie dem »Pot­latch« zu kul­tu­rel­lem Aus­druck gefun­den hat­te. Dabei wuß­te er, daß eine sol­che kul­tur­re­vo­lu­tio­nä­re Sub­ver­si­on kaum eine poli­ti­sche oder his­to­ri­sche Revo­lu­ti­on ent­fes­seln wür­de, aber gera­de in der meta­phy­si­schen Revol­te des Men­schen gegen alle Poli­tik und Geschich­te sah er nicht weni­ger als einen Auf­stand der »ewi­gen Natur« am Werk. Weit davon ent­fernt, die­se zur roman­ti­schen Uto­pie oder nost­al­gi­schen Idyl­le zu ver­harm­lo­sen, wit­ter­te Ber­gfleth hier jenes ganz Ande­re, an dem alle theo­re­ti­schen Begrif­fe und prak­ti­schen Zugrif­fe abpral­len müs­sen. Nicht um sie sich anzu­eig­nen oder in ihr sein Eige­nes wie­der­zu­fnden, habe der Mensch sich der Natur hin­zu­ge­ben, son­dern um in ihrer abso­lu­ten Fremd­heit auch das Frem­de in sich selbst zu erfah­ren. Alle »Über­schrei­tun­gen« und »Ent­gren­zun­gen«, wie sie im Traum, im Rausch und in der Ero­tik statt­ha­ben, ver­wie­sen letzt­lich auf die Abgrün­dig­keit der mensch­li­chen Exis­tenz selbst, und dar­um wer­de nur, wer sich von die­ser ulti­ma­ti­ven Halt- und Heil­lo­sig­keit der Con­di­tio huma­na ergrei­fen läßt, jene wah­re Sou­ve­rä­ni­tät erlan­gen, die den Men­schen von aller Knech­tung durch die Ver­nunft und zumal von aller Herr­schaft über sich selbst befreit. Ganz wie Batail­le glaub­te Ber­gfleth, daß erst die Selbst­ver­aus­ga­bung in einem ero­tisch-mys­ti­schen Todes­tau­mel die höchs­te Lebens­in­ten­si­tät frei­set­zen wür­de, und er scheu­te sich nicht, einen »elan mor­tel« zu bewer­ben und die mensch­li­che Natur »per­vers« zu nen­nen, sofern sie sich »aus dem Ungrund des Todes erhebt und buch­stäb­lich vom Tod getrie­ben, von Exzeß zu Exzeß gehetzt wird«. Indem Ber­gfleth der­ge­stalt ein Mys­te­ri­um tre­men­dum et fascin­ans beschwor, rühr­te er frag­los an die Urer­fah­rung des Hei­li­gen, so wenig ihm sonst an einer Wie­der­be­le­bung archai­scher Kul­te oder Mythen gele­gen war. Sei­ne tiefs­te Sehn­sucht galt einem durch den Nihi­lis­mus hin­durch­ge­gan­ge­nen kos­mi­schen Welt­erle­ben, das auch vor totaler Selbst­preis­ga­be nicht zurück­schreck­te, denn allein durch das Opfer des ver­här­te­ten Selbst schien ihm eine eksta­ti­sche Teil­ha­be an dem All-Einen der Natur wie­der mög­lich zu werden.

Die­se fata­lis­ti­sche Pas­si­on Ber­gfleths lau­er­te noch hin­ter sei­ner Apo­lo­gie der sub­ver­si­ven Aktio­nen von ’68, und selbst in sei­nen Atta­cken auf die links­kon­for­mis­ti­sche Her­den­mo­ral der fol­gen­den Jahr­zehn­te agier­te er mit­nich­ten als iden­ti­tä­rer Kon­ser­va­ti­ver, son­dern als sub­ver­si­ver Reak­tio­när, der sich gera­de von der Iden­titäts­zer­stö­rung den Durch­bruch zu kos­mi­schen Eksta­sen erhoff­te. Zwar konn­te Ber­gfleth, wie sei­ne Bei­trä­ge Zur Kri­tik der pala­vern­den Auf­klä­rung bezeu­gen, auch als robus­ter Pole­mi­ker auf­tre­ten, der sich mit sei­nen Aus­fäl­len gegen den »Her­ren­zy­nis­mus der Auf­klä­rungs­ma­fia« zuwei­len hart an der Gren­ze zu popu­lis­ti­schem Pöbeln beweg­te. Sein unver­wech­sel­ba­res Pro­fil aber kam doch eher in sub­ti­len Medi­ta­tio­nen zum Vor­schein. Zu Ber­gfleths schöns­ten, auch per­sön­lichs­ten Tex­ten zäh­len sei­ne meta­phy­si­schen Frag­men­te Die All­heit der Welt und das Nichts, wo er eine geis­ti­ge Quer­front zwi­schen Höl­der­lin und Sade zu bil­den such­te, von wel­cher ein neu­er Früh­ling der Völ­ker sei­nen Aus­gang neh­men wer­de. – Es ist das gro­ße Ver­dienst die­ses uner­schro­cke­nen Quer­den­kers, auf dem Umweg über das geis­ti­ge Frank­reich jenes ande­re, dunk­le­re Deutsch­land wie­der­ent­deckt und so dem deut­schen Geist sei­ne abgrün­di­ge Ver­füh­rungs­kraft zurück­er­stat­tet zu haben. Am 22. April die­ses Jah­res fei­ert Gerd Ber­gfleth sei­nen 80. Geburtstag.

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