Sezession
1. April 2016

Gerd Bergfleth zum 80. Geburtstag

Gastbeitrag

Er gehört zu jenen einsamen Denkern, die keine eigene Schule begründet haben, sondern ewige Solitäre geblieben sind, mit ihren unzeitgemäßen Betrachtungen aber gleichwohl irritierende Spuren in dem gehegten Gelände zeitgenössischer Diskurse hinterlassen haben. Eher berüchtigt als berühmt wird man ihn nennen dürfen, und jedenfalls ist er ein so faszinierender Autor, daß er mit klammheimlicher Sympathie sogar von Köpfen gelesen wird, an denen er kein gutes Haar läßt. 1936 in Dithmarschen geboren, studierte Gerd Bergfleth von 1956 bis 1964 Philosophie, Literaturwissenschaft und Gräzistik in Kiel, Heidelberg und Tübingen, um sich schließlich in dem schwäbischen Städtchen, welches auch seiner »Tübinger Vernunftkritik« ihren Namen lieh, auf Dauer niederzulassen. Seit 1971 machte Bergfleth als Herausgeber, Übersetzer und Interpret Georges Batailles von sich reden, dessen exzentrisches Denken ihn maßgeblich prägen sollte. Mit seiner frühen Theorie der Verschwendung präsentierte er daher nicht nur eine ambitionierte Einführung in das theoretische Werk Batailles, sondern zugleich eine emphatische Bekenntnisschrift, die bereits seine Leidenschaft für noch andere dunkle und verfemte Schriftsteller wie den Marquis de Sade, Maurice Blanchot, Pierre Klossowski und Jean Baudrillard erahnen ließ. Damit freilich paßte Bergfleth trefflich ins Verlagskonzept von Axel Matthes, der jenseits des Rheins längst legendäre französische Dichter und Denker von der Gegenaufklärung über den Surrealismus bis zur Postmoderne endlich auch einem deutschen Publikum vorstellen wollte und hierfür einen geistesgeschichtlich versierten Übersetzer und Exegeten bestens gebrauchen konnte. Auf diesem Wege avancierte Bergfleth allmählich zum Haus- und Hofphilosophen von Matthes & Seitz.

Wen Bergfleth aber auch immer kommentierte oder interpretierte – bei allen frankophilen Neigungen bewährte er sich stets als deutschlastiger Mittler. Mit philosophischer Strenge und philologischer Sorgfalt wußte er deutsche Subtexte hinter so manchen französischen Textoberflächen freizulegen. Und gerade durch sein Vordringen in die Tiefenschichten der avantgardistischen Denkstile Foucaults, Derridas und Baudrillards rang er den hierzulande akademisch historisierten Geisteswelten Nietzsches, Klages’ und Heideggers eine unverhoffte Aktualität ab. Den zeitgeschichtlichen Grund für diese Lektürestrategie sollte Bergfleth in seinem Essay Die Verewigung des Lebens klar benennen: Das Klischee, daß der deutsche Geist den romantischen Überschwang und der französische Esprit die klassische Nüchternheit verkörpere, hatte seine Wahrheit in längst vergangenen Epochen – im 20. Jahrhundert indessen hat sich diese Konstellation in ihr reinstes Gegenteil verkehrt, war es doch der französische Surrealismus, der die deutsche Romantik erneuerte, bevor die geistigen Exerzitien Batailles, Blanchots und Klossowskis wiederum eine gesamteuropäische Renaissance Nietzsches einläuteten. Daß dieser antimoderne Vordenker des Faschismus schließlich auch hierzulande als Vater einer modisch gewordenen und immer auch antifaschistisch daherkommenden Vernunftkritik anerkannt wurde, versetzte freilich die deutschen Hüter des Projekts Moderne in höchste Alarmbereitschaft. Tatsächlich waren es nicht zuletzt Bergfleths Publikationen, welche den Verdacht linksliberaler Großaufklärer wie Jürgen Habermas, Manfred Frank oder Klaus Laermann zu bestätigen schienen, der verdrängte Geist des deutschen Präfaschismus sei inkognito über den französischen Postmodernismus wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Dessen hiesige, zumeist arglos linksanarchistische Anhänger wiederum zeigten sich ob solcher Anschuldigungen aufrichtig erbost, und entsprechend allergisch reagierten sie nicht nur auf den Vorwurf des Irrationalismus, sondern auch auf Bergfleth selbst, der sich freimütig zu seinem rechten Antirationalismus bekannte.

Allerdings hatte schon Nietzsche den abendländischen Rationalismus in offenen Nihilismus einmünden sehen, und vollends für Adorno und Horkheimer erstrahlte die restlos aufgeklärte Erde im Zeichen triumphalen Unheils. Anders jedoch als die Meisterdenker der Frankfurter Schule hielt Bergfleth es für illusionär, die Aufklärung über sich selbst aufklären zu wollen, würde dies den Herrschaftsbereich der Vernunft doch noch über das ihr bislang Entronnene erweitern und derart nur die technokratische Weltordnung perfektionieren. In der bleiernen Zeit der amerikanisch-russischen Doppelhegemonie über Deutschland prangerte Bergfleth folgerichtig zugleich den Privatkapitalismus des Westens und den Staatskapitalismus des Ostens an, deren einvernehmliche Rationalität grenzenlosen Wirtschaftswachstums er unweigerlich auf einen ökonomischen Kollaps und ein ökologisches Desaster zusteuern sah. Was Nietzsche als Überfluß des Lebens und Gehlen als Antriebsüberschuß des Menschen ausgemacht hatten, war einstweilen von dem Akkumulationssog eines globalen Kapitalismus absorbiert worden, der sich allein durch hemmungslosen Raubbau an menschlichen und natürlichen Ressourcen noch am Leben erhielt und seine Produktionsüberschüsse nur durch imperialistische Expansionszüge abbauen konnte.

In Anbetracht des systemischen Umschlagens kapitalistischer Produktionsprozesse in kriegerische Destruktionsexzesse setzte Bergfleth dem progressiven Wachstumswahn die reaktionäre Weisheit der Verschwendung von Reichtum entgegen, wie sie vormals in feudalaristokratischen Ritualen, aber auch bereits in primitiven Riten wie dem »Potlatch« zu kulturellem Ausdruck gefunden hatte. Dabei wußte er, daß eine solche kulturrevolutionäre Subversion kaum eine politische oder historische Revolution entfesseln würde, aber gerade in der metaphysischen Revolte des Menschen gegen alle Politik und Geschichte sah er nicht weniger als einen Aufstand der »ewigen Natur« am Werk. Weit davon entfernt, diese zur romantischen Utopie oder nostalgischen Idylle zu verharmlosen, witterte Bergfleth hier jenes ganz Andere, an dem alle theoretischen Begriffe und praktischen Zugriffe abprallen müssen. Nicht um sie sich anzueignen oder in ihr sein Eigenes wiederzufnden, habe der Mensch sich der Natur hinzugeben, sondern um in ihrer absoluten Fremdheit auch das Fremde in sich selbst zu erfahren. Alle »Überschreitungen« und »Entgrenzungen«, wie sie im Traum, im Rausch und in der Erotik statthaben, verwiesen letztlich auf die Abgründigkeit der menschlichen Existenz selbst, und darum werde nur, wer sich von dieser ultimativen Halt- und Heillosigkeit der Conditio humana ergreifen läßt, jene wahre Souveränität erlangen, die den Menschen von aller Knechtung durch die Vernunft und zumal von aller Herrschaft über sich selbst befreit. Ganz wie Bataille glaubte Bergfleth, daß erst die Selbstverausgabung in einem erotisch-mystischen Todestaumel die höchste Lebensintensität freisetzen würde, und er scheute sich nicht, einen »elan mortel« zu bewerben und die menschliche Natur »pervers« zu nennen, sofern sie sich »aus dem Ungrund des Todes erhebt und buchstäblich vom Tod getrieben, von Exzeß zu Exzeß gehetzt wird«. Indem Bergfleth dergestalt ein Mysterium tremendum et fascinans beschwor, rührte er fraglos an die Urerfahrung des Heiligen, so wenig ihm sonst an einer Wiederbelebung archaischer Kulte oder Mythen gelegen war. Seine tiefste Sehnsucht galt einem durch den Nihilismus hindurchgegangenen kosmischen Welterleben, das auch vor totaler Selbstpreisgabe nicht zurückschreckte, denn allein durch das Opfer des verhärteten Selbst schien ihm eine ekstatische Teilhabe an dem All-Einen der Natur wieder möglich zu werden.

Diese fatalistische Passion Bergfleths lauerte noch hinter seiner Apologie der subversiven Aktionen von ’68, und selbst in seinen Attacken auf die linkskonformistische Herdenmoral der folgenden Jahrzehnte agierte er mitnichten als identitärer Konservativer, sondern als subversiver Reaktionär, der sich gerade von der Identitätszerstörung den Durchbruch zu kosmischen Ekstasen erhoffte. Zwar konnte Bergfleth, wie seine Beiträge Zur Kritik der palavernden Aufklärung bezeugen, auch als robuster Polemiker auftreten, der sich mit seinen Ausfällen gegen den »Herrenzynismus der Aufklärungsmafia« zuweilen hart an der Grenze zu populistischem Pöbeln bewegte. Sein unverwechselbares Profil aber kam doch eher in subtilen Meditationen zum Vorschein. Zu Bergfleths schönsten, auch persönlichsten Texten zählen seine metaphysischen Fragmente Die Allheit der Welt und das Nichts, wo er eine geistige Querfront zwischen Hölderlin und Sade zu bilden suchte, von welcher ein neuer Frühling der Völker seinen Ausgang nehmen werde. – Es ist das große Verdienst dieses unerschrockenen Querdenkers, auf dem Umweg über das geistige Frankreich jenes andere, dunklere Deutschland wiederentdeckt und so dem deutschen Geist seine abgründige Verführungskraft zurückerstattet zu haben. Am 22. April dieses Jahres feiert Gerd Bergfleth seinen 80. Geburtstag.


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