Sezession
8. April 2017

Schöner schimpfen: Pirinçci, Kirchenväter, Integration

Gastbeitrag / 7 Kommentare

Ganz gegenläufig zur moralisierenden Perspektive des Hauses Maas wird das Schimpfen als (häufig stark ritualisierte) kulturelle Praxis unter diesem Etikett neutral auf seine gesellschaftlichen Funktionen und ästhetischen Erscheinungsformen hin untersucht. Für alle, die zu PC-konformer Hyperventilation neigen, also für den gesamten deutschen Mainstream, sollte dieser Aspekt der Kulturgeschichte mit einer geeigneten Variante der Warnung „Smoking can damage your health!“ versehen werden.

Denn der Forschung bietet sich hier das sprichwörtliche weite Feld. Passionierte und zielbewußte Beleidiger waren schon die Kirchenväter. So verbreitete der in theologische Dauerkontroversen verstrickte Athanasius, der „Vater der Orthodoxie“,  über seinen Gegner Arius mit spürbarer Befriedigung, dieser sei auf dem Abort zerplatzt. Seine notorische Raufsucht – er brachte es fertig, mindestens(!) fünfmal verbannt zu werden − stand einer späteren Heiligsprechung keinesfalls im Wege.

Polykarp, der Lehrer des Irenäus, titulierte den ihm als Häretiker geltenden Mitchristen Marcion als „Erstgeborenen des Satans“, was uns Irenäus offenbar als Beispiel für vorbildlichen Glaubenseifer überliefert hat.

Dem patristischen Furor standen die Humanisten der Renaissancezeit in nichts nach. Für den modernen, auf „bürgerliche“ Manieren getrimmten Leser sind die Ausfälle dieser Muster an Gelehrsamkeit und (oft vermeintlicher) Humanität schier unfaßbar. Poggio Bracciolini etwa war nicht nur apostolischer Sekretär und ein Gelehrter, der bedeutende antike Text wiederentdeckte, sondern auch der gefürchtete Verfasser berühmter Invektiven, in denen er seine Kontrahenten grundsätzlich auf das übelste kriminalisierte.

Seinen jungen Konkurrenten Niccoló Perotti überzog er in gleich fünf dieser Streifschriften mit einer Kanonade an Beschimpfungen, die keinen Fäkalbereich und auch sonst gar nichts ausläßt. Als Lieblingsschimpfwort dient das im Sinne von „schwuler Lustknabe“ benutzte „calamita“ (verballhornt aus „Ganymed“), ein für den Gemeinten nicht nur ehrabschneidender, sondern potentiell lebensgefährlicher Vorwurf.

Niemand, der in der Schule harmlos Latein gelernt hat, hätte den einschlägigen Wortreichtum des Gelehrtenlateins der Renaissance auch nur erahnt. Eine Integration in den Gymnasialunterricht wäre zweifellos geeignet, die Beliebtheit des Faches schlagartig zu steigern.

Weiter geht es mit der Reformation, der die Erfindung des Buchdrucks, vor allem aber die beliebte Gattung des Flugblattes, endlich verbesserte Möglichkeiten für umfassende Polemiken und ausufernde Beleidigungsduelle zur Verfügung stellte. Protestanten wie Katholiken vergaben sich hier im Rahmen der sogenannten „Kontroverstheologie“ nichts. Luthers Grobheit ist legendär, bildet aber bloß die äußerste Spitze eines diskursiven Eisbergs.

Leider verbietet mir der geringe hier zur Verfügung stehende Raum, diesen schönen historischen Strang über das ebenfalls pöbelfreudige Barock (Verfasserin bleibt bei der österreichischen Artikelverwendung „das“!) bis in die Gegenwart weiterzuverfolgen, in der mit Handke, Bernhard und Jelinek mindestens drei Büchnerpreisträger als Virtuosen des Polterns in die Literaturgeschichte eingegangen sind. Angefügt sei nur, daß  die ritualisierte Beschimpfung und Diskriminierung des Publikums als (mindestens) „Spießer“ einen unwandelbaren Bestandteil des Kunstdiskurses seit der Romantik bildet und im Expressionismus und den Avantgarden seine Fortsetzung findet.

Beleidigt wird dabei mit nicht nachlassendem Elan in „Kunst“ wie „Leben“. Die Publikumsbeschimpfung ist die effektive Selbsterhöhungstaktik aller, die von der Aura des Kunstsystems profitieren möchten. Auch gröbste Beleidigungen gegen den politischen Gegner (wie etwa gegen Beatrix von Storch) sind vom Mantel der Kunstfreiheit gedeckt, solange sie, versteht sich, von der richtigen Seite kommen. Noch die kunstfernste Beschimpfung von links wird zum Happening geadelt oder, wo das gar nicht mehr geht, beharrlich beschwiegen.

Ganz anders freilich das Vorgehen im Falle Pirinçci. Der wortmächtige Akif (der in den genannten ehrwürdigen Kontexten keinesfalls als sonderlich aggressiv aufgefallen wäre) steht mit seinen Tiraden in einer alteuropäischen Traditionskette von unbestreitbarer Würde, was eine ganz andere Reaktion nahelegt als die des Landgerichts Bonn und einer betulichen Presse.

Da ihn sein „Migrationshintergrund“ nicht daran gehindert hat, zum eloquenten Fortsetzer einer durch die Zeit geheiligten europäischen Praxis zu werden, die von den Kirchenvätern bis zu den Avantgarden reicht, bildet der Autor P. ein leuchtendes Beispiel gelebter Interkulturalität und erfolgreicher Integration. In Würdigung dieser Tatsache ist er bei der Verleihung eines der zweifellos reichlich vorhandenen Integrationspreise ehebaldigst zu berücksichtigen. Über eine Einladung zu den Bachmann-Literaturtagen darf nachgedacht werden.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (7)

Caroline Sommerfeld
8. April 2017 16:51

"Ja scheiß doch die Wand an!", zitiere ich jetzt mal meinen Vater, Gott hab ihn selig. Sie haben ja so recht! Der wichtige Punkt: man braucht noch nicht einmal alles als "Freiheit der Kunst" zu titulieren, sondern es reicht, sich vor Augen zu führen, daß die jeweiligen "strukturellen Kopplungen" der sozialen Systeme (Kunst, Religion, Politik, Moral, Liebe, psychische Systeme - munter darf hier jedes mit jedem interagieren) genau das ermöglichen: daß der Code des jeweils anderen am Negativpol gepackt wird und ein paarmal kräftig ausgebeidelt wird! Aus der Politik heraus beschimpft man die Opposition mit den intimsten Ausdrücken, aus der Kunst heraus den Andersgläubigen mit moralischen Invektiven usw.. Daß dann jeweils im System Ein- und Ausschlüsse, oft unter Zuhilfenahme des Rechtssystems, stattfinden, ist der Sinn der funktionalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft. Und frei nach Rudolf Stichweh, seines Zeichens systemtheoretischer Literaturwissenschaftler: wenn sich eines dieser Systeme aufschwingt, die anderen regieren zu wollen, indem es seinen spezifischen Code als den "der Gesellschaft" inszeniert, dann haben wir es mit Fundamentalismus zu tun.

Monika L.
8. April 2017 20:04

Den Kirchenvätern ging es nicht um ' Schöner Schimpfen' , sondern um die Verteidigung der Orthodoxie, die Verteidigung des wahren , richtigen Glaubens der Kirche. Niedergelegt im christlichen Glaubensbekenntnis. Das Ringen um den wahren Glauben durchzieht die Kirchengeschichte von Anfang an. Dabei kam es immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen, Abspaltungen usw. Es wurde um die Wahrheit gerungen, gestritten, gekämpft. 

Der Abfall vom wahren Glauben, genannt Häresie, ist eine Sünde des VERSTANDES . Und wurde dem Anathema ( Verfluchung, Aussonderung aus der Gemeinschaft) übergeben. Dieser Ritus wird in der orthodoxen Kirche am Orthodoxie-Sonntag vollzogen: 

https://orthodoxe-bibliothek.de/index.php/zeitschriften/der-boote/2000/1/572

Übertragen auf heute. Man lese in Rolf Peter Sieferles ' Finis Germania' das Kapitel DER EWIGE NAZI oder EINE NEUE STAATSRELIGION ( als Religionsersatz der Deutschen) und die Parallelen zur christlichen Orthodoxie werden sichtbar. Ebenfalls die 'Häresien' der Neuen Rechten. Die Rechten  sind die vom wahren Glauben Abgefallenen.  Nun erfolgt die Verfluchung, die Aussonderung aus der Gemeinschaft. Obwohl in der Postmoderne kein seriöser Denker mehr von  metaphysischen oder ontologischen Wahrheiten ausgeht, wird in der linken Praxis so getan, als gäbe es den alten metapysischen Wahrheitsbegriff noch. Das ist eine Form der Häresie.

Pirinçcis Rede in Dresden bei Pegida ( kann man die noch ansehen ?) ist m. E. eine Art Prophetischer Rede gewesen. Authentisch, von persönlicher Betroffenheit usw. geprägt. Die für Aufruhr in den eigenen Reihen und Ablehnung beim Gegner sorgte. Aber eine Häresie war es nicht !

quarz
9. April 2017 00:32

" Obwohl in der Postmoderne kein seriöser Denker mehr von  metaphysischen oder ontologischen Wahrheiten ausgeht ... "

Wenn Sie mit "in der Postmoderne" die einschlägige Diskursblase meinen, dann mag das schon deshalb stimmen, weil dort - die Polemik sei mir gestattet - schwerlich ein seriöser Denker anzutreffen ist. Wenn Sie damit aber unsere Zeit meinen, dann irren Sie sich gewaltig. Die Ontologie bzw. Metaphysik und damit einhergehend entsprechende Wahrheitsbegriffe boomen im weltweiten Vergleich philosohischer Publikationen seit gut 30 Jahren.

Der Feinsinnige
9. April 2017 03:45

Den Artikel finde ich sehr interessant und anregend. Ich hätte mir jedoch das eine oder andere vertiefende Zitat gewünscht, um besser beurteilen zu können, ob Pirincci mit seinen teilweise durchaus schwer erträglichen Obszönitäten sich wirklich in die historischen Beispiele einreihen läßt. Leider habe ich keine Texte der zitierten historischen Autoren in meiner Privatbibliothek, um selbst nachschlagen zu können. Allerdings kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, daß Deftigkeiten Schüler sicher immer anziehen, so uns Lateinschüler der 1980er Jahre das Gastmahl des Trimalchio, welches in unserem Lateinbuch in langen Auszügen abgedruckt war, um deren Lektüre sich unser Lateinlehrer nur leider teilweise herumdrückte.

@ Monika L.:

Ja, die Rede von Pirincci kann man auf Youtube noch in verschiedenen Aufnahmen finden und abrufen, z.B. hier:

https://www.youtube.com/watch?v=hXV1VYgEnac

Pirincci las teilweise, so bei der die Aufregung insbesondere auslösenden Passage (im Video etwa ab Minute 4:10), aus seinem Manuskript für „Umvolkung“ (die Passage, die ihm vor allem anderen zum Verhängnis geworden ist, findet sich bei „Umvolkung“, erschienen im Verlag Antaios, auf S. 90). Pirincci hat die Aufregung damals sicher selbst mit verursacht, weil er einen Text vorlas (und das auch noch relativ unbeholfen), der so kompliziert war, daß er vielleicht gerade noch für eine Buchlesung in kleinem Kreis geeignet gewesen wäre, nicht jedoch für eine Rede vor 20.000 Menschen. Und für eine böswillige Presse, die von vornherein den Skandal suchte und Zitate erfahrungsgemäß gerne aus dem Zusammenhang herausreißt, schon gar nicht. Allein der gedruckte Text (ohne öffentlichen Vortrag) hätte vermutlich niemals zu dem geführt, was der Rede Pirinccis folgte.

Vorsorglich füge ich noch folgenden Link hinzu, in dem die Redepassage des Kasseler Regierungspräsidenten (CDU) dokumentiert ist (insbesondere ab Minute 0:35), auf die sich Pirincci bezog:

https://www.youtube.com/watch?v=Bi1qjVM-1gw

Diese Äußerung empfinde ich nach wie vor als eine der krassesten, ihre Gleichgültigkeit, ja tiefe Verachtung gegenüber den Deutschen (um deren Land es schließlich geht) ausdrückenden Formulierungen, die mir von einem Funktionsträger der Bundesrepublik jemals bekannt geworden sind. Die Worte des Regierungspräsidenten erschüttern mich bis heute. Sie stehen offenbar stellvertretend für die Denkweise derjenigen Politiker, die für die Politik der „offenen Grenzen“ verantwortlich sind. Hierauf ist Pirinccis Antwort bezogen, die von kaum einem Medium vollständig und korrekt zitiert worden ist. Die gerichtlichen Erfolge Pirinccis gegen falsche Medienberichte nützen ihm nach der einmal erfolgten öffentlichen "Hinrichtung" letztlich wenig, wie zuletzt auch Tuvia Tenenbom in "Allein unter Flüchtlingen"  wieder eindrucksvoll dargestellt hat.

Monika L.
9. April 2017 12:10

@quarz: ich provoziere gerne ( um der Wahrheit näher zu kommen). Das ist ein altes 'Kriegsleiden' von mir. Natürlich gibt es seriöse Denker der Metaphysik. Und ich bin froh , wenn sich da Widerstand gegen die postmodernen Flachdenker und Zyniker regt. Vielleicht geben Sie noch ein paar Empfehlungen ab. 

@Der Feinsinnige: Danke für den Hinweis. Ich habe die Rede Pirincçis seinerzeit atemlos am Bildschirm verfolgt. Und damals Tränen gelacht. Der Furor, gepaart mit dem unbeholfenen Auftritt, die obszöne Sprache, die zunehmende Unruhe der Zuhörer (Aufhören-Rufe) und der erwartbare Zerriss durch die Medien ( das bewußte Missverstehen des KZ-Zitates) . Das alles hatte etwas zutiefst komisches. Wie immer, wenn es um große Dinge geht. Pirinçci - ein kleiner Prophet - ein Narr um Christi willen....

Ja, man kann schöner schimpfen ! Man kann das schöne Schimpfen ( um der Wahrheit willen) gar ritualisieren. Im Kirchlichen Rahmen kommt es uns heute eher komisch vor: https://m.youtube.com/watch?v=XF00JJ13l7Y

Trotzdem erfüllt das 'Schöne Schimpfen' eine wichtige Funktion. Es stiftet Gemeinschaft. Identität. Und Erhaben-heit. (Zum Video:kann man beliebig abwandeln: Gender mainstream  - Anathema; Globalismus - Anathema; Islamismus - Anathema....etc.)

Abdiel
9. April 2017 19:25

@Monika: Nirgendwo in dem Artikel wird gesagt, daß P. ein Häretiker wäre. Es geht offenbar darum, daß Praktiken des schimpfens auch in kulturell sehr hochgeschätzten Kontexten vorkommen.

quarz
9. April 2017 22:47

@Monika L.

Die Vielfalt ist so groß, dass es schwer fällt, einzelne Empfehlungen herauszugreifen. Allein der Verlag Routledge hat binnen Jahresfrist über 40 neue Bücher in der Sparte "Metaphysik" herausgebracht. Schließlich hat der "linguistic turn" längst im "ontological turn" seinen revidierenden Nachfolger gefunden. Mir ging es auch nur darum, darauf hinzuweisen, dass die Metaphysik seit bereits über einem Vierteljahrhundert ein fulminantes Comback feiert, zumindest in der analytischen Philosophie, die weltweit dominiert. In dieser Strömung stehen ja nicht so sehr einsame "Meisterdenker"-Gurus im Mittelpunkt, sondern Problemstellungen, zu deren Analyse jeder eingeladen ist, der interessante Argumente beizutragen hat. Das Argument ist der eigentliche Star in der analytischen Philosophie. Die meisten Bücher sind folglich nicht der Werkexegese einzelner Denkergestalten gewidmet, sondern der Analyse von Argumenten. Wenn Sie einen fast schon unverschämt forschen Zugang zur zeitgenössischen Metaphysik erleben wollen, der sich wenig um die Autorität der Tradition, aber umso mehr um die Autorität des guten Arguments schert, dann müssen Sie sich an die Australier halten. Um nun doch noch einen exemplarisch herauszugreifen: Michael Devitt ("Realism and Truth", 1984) - nicht der Zustimmung halber, sondern als Illustration.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.