24. April 2017

Entnationalisierung der deutschen Wirtschaft

Michael Wiesberg / 10 Kommentare

Der US-Marxist Michael Hudson, dessen Buch über den „Finanzsektor“ im Mittelpunkt meines letzten Blogs stand, erinnert in seinen Ausführungen u.a. an das überaus erfolgreiche Zusammenspiel von Reichsbank und deutschen Banken zur Industriefinanzierung.

Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

  • Sezession

Die daraus entstandene „Verschmelzung von Industrie, Bankwesen und Regierung“ war, so Hudson, „zweifellos die Haupttriebkraft für den Erfolg der deutschen Unternehmen“. Dieser „deutsche Sonderweg“, den unter anderem Thomas Hoof in der Sezession (27 / Dezember 2008) zum Thema gemacht hat, kann auch als „langandauernder Kulturkampf“ gedeutet werden, der im Zweiten Weltkrieg „heiß“ geworden sei, wie der von Hoof zitierte deutsche Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser hervorhebt.

Vor diesem Hintergrund ist er „als Bruderkrieg zwischen unterschiedlichen Zweigen der kapitalistischen Großfamilie“ zu deuten, bei dem die „Beseitigung korporativistischer Besonderheiten des deutschen Wirtschaftssystems ganz oben auf der Liste amerikanischer Kriegsziele stand“.

Auch der 8. Mai 1945 konnte, so Hoof, diese Traditionslinien nicht einfach zertrennen, die in der Folge als „Rheinischer Kapitalismus“ oder als „Deutschland AG“ einen neuen Rahmen fanden. Endgültig gekappt wurden sie erst von der rot-grünen Regierung Schröder/Fischer, die sich zum Vollstreckungsgehilfen der Interessen der „internationalen Kapitalmärkte“ mit ihren Epizentren City of London und Wall Street machte. Mit dem „deutschen Sonderweg“ ist es seitdem vorbei.

Es ist aufschlußreich, an dieser Stelle noch einmal nachzuvollziehen, mit welchen Mitteln vor allem die Regierung Schröder das Erfolgsmodell „Deutschland AG“ auf den Schrottplatz der Geschichte verbannt hat, um Deutschland „fit“ für die „Herausforderungen der Globalisierung“ zu machen. Der Erfolg scheint den Abwrackern der „Deutschland AG“ vorerst recht zu geben: Deutschland darf sich als „Exportweltmeister“, der sich indes zunehmend den Groll seiner Handelspartner zuzieht, bisher – schaut man nur auf das nackte Zahlenwerk – auf der Gewinnerseite der „Globalisierung“ einordnen; es ist zu einer Art Musterknabe des Finanzmarktkapitalismus geworden.

Diese Pole position hat allerdings ihren Preis: Vorbei sind seit der Regierung Schröder/Fischer nämlich die Zeiten, in denen die börsennotierten Unternehmen in Deutschland im Besitz deutscher Anleger waren. Mittlerweile sind fast 60 Prozent der Aktien der im Leitindex Dax notierten deutschen Unternehmen in ausländischem Besitz.

Nicht anders als dramatisch muß die Verschiebung der Anteilseigner bei renommierten deutschen Unternehmen wie Siemens, Daimler oder auch Bayer genannt werden; hier sind die Anteile deutscher Aktionäre auf ein Drittel oder sogar weniger geschrumpft. Der Journalist Constantin Schreiber brachte diese Entwicklung bereits vor Jahren im Titel seines Buches auf den Punkt: Ausverkauf Deutschland (2010).

Der heute zum Finanzmarktkapitalismus mutierte Kapitalismus hat seine Wurzeln im angelsächsischen Raum; er ist, Johannes Hoof hat hier die Linien ausgezogen, Ausdruck des angelsächsischen Wirtschaftsverständnisses, das sich grundlegend von dem europäischen, vor allem aber von (mittlerweile für überholt erklärten) deutschen Ordnungsvorstellungen unterscheidet. Allerdings unterliegt auch das angelsächsische Wirtschaftsverständnis Metamorphosen, was insbesondere für Ära Margaret Thatcher und Ronald Reagan gilt.

Deren Namen stehen „für einen ideologischen Gezeitenwechsel“ „in den angelsächsischen Ländern“; so drückte es FAZ-Redakteur Philip Plickert in seiner grundlegenden Arbeit Wandlungen des Neoliberalismus (Stuttgart 2008) aus. Thatcher führte eines der bisher radikalsten Privatisierungs- und Deregulierungsprogramme durch und veränderte damit nicht nur Großbritannien, sondern im Verbund mit Ronald Reagan auch Westeuropa.

Der Weg dorthin war keineswegs zwingend oder eine Folge immer „offenerer Märkte“, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen. Für diese „Revolution“ stehen Schlagworte wie Entstaatlichung, Deregulierung, Privatisierung, Flexibilisierung, Entbürokratisierung, Subventionsabbau und Reform des Sozial- und Wohlfahrtsstaates. (Linke und rechte) Kritiker dieser Revolution bringen diese Veränderungen gern mit dem Kampfbegriff „Neoliberalismus“ auf den Punkt.

Seitdem gilt der Markt als „Naturgesetz“, der, wie es Jens Jessen in einem Beitrag für die ZEIT ausdrückte, zur „Schicksalsmacht“ erhoben worden sei. Von diesem „Markt“ sei aber nichts als „Darwinismus“ geblieben, der die „Aussonderung schwacher Schuldner, schwacher Staaten, schwacher Arbeitnehmer feiert“. Dieser ausschließlich renditegetriebene Markt geht einher mit Begriffen wie Fusionen und Aufkäufe bzw. Zerschlagung von Unternehmen, Private Equity, Hedgefonds oder Public Private Partnership, den Leitbegriffen der Ära des Finanzmarktkapitalismus.

Bei dieser „Aussonderung“ kann es auch schon einmal zu „Kollateralschäden“ kommen, die eigentlich Gründe genug bieten sollten, den Ausverkauf deutscher Unternehmen und das Dogma „offener Märkte“ einmal grundsätzlich zu überdenken. Ein schlagendes Beispiel hierfür ist der Fall des Schwarzwälder Elektronik-Unternehmens Saba. 1980 wurden Saba zunächst von dem französischen Thomson-Konzern übernommen, womit der Abstieg begann. Dann stieg die chinesische TCL-Gruppe ein; nachdem die Chinesen das Know-how abgezogen und das Unternehmen finanziell ausgeweidet hatten, trieben sie es in die Insolvenz. In seiner besten Zeit beschäftigte Saba mehr als 6.000 Mitarbeiter; am Ende waren es gerade einmal 125.

Dominierendes Prinzip dieser Welt ist das in den USA entwickelte betriebswirtschaftliche Konzept des Shareholder value (dt. Aktionärswert). Der Shareholder-value-Ansatz geht auf den US-amerikanischen Management-Professor Alfred Rappaport zurück, der in den 1980er Jahren mit der Veröffentlichung des Buches Creating Shareholder Value die Grundlagen lieferte. Der Durchbruch des Shareholder-value-Konzeptes – so etwas wie die Antithese der bis dahin praktizierten deutschen Unternehmenskultur – rückte die kapitalmarkt- bzw. aktionärsgesteuerte Unternehmensführung mit maximaler Gewinnorientierung, kurzfristiger Rechnungslegung und möglichst rascher Gewinnausschüttung in den Mittelpunkt.

Nicht die Vermögenswerte in der Bilanz sind seitdem die Parameter, die den Wert eines Unternehmens bestimmen, sondern die Summe der künftigen Überschüsse an Barmitteln, genannt „Cashflow“. Das alles überlagernde Ziel ist deshalb die Steigerung der Dividenden und des Aktienkurses. Nicht mehr die langfristige Entwicklung eines Unternehmens steht im Fokus, sondern der kurzfristige Erfolg, der durch die Aktienoptionen, die Führungskräfte haben, weiter forciert wird.

Je höher der Aktienkurs des eigenen Unternehmens, desto höher der eigene Profit. Die Kehrseite: Wenn sich Renditeerwartungen nicht erfüllen, kann sich der Kapitalzufluß schlagartig verringern, wenn nicht gar verebben, und der Börsenkurs sinkt. Hier liegt auch der Grund, warum selbst erfolgreiche Unternehmen, wenn sich Renditeerwartungen nicht realisieren lassen, Personal „abbauen“ müssen.

Je weiter die Anteile deutscher Anleger an börsennotierten deutschen Unternehmen sinken, desto größer wird das Gewicht von US-Global-players wie zum Beispiel BlackRock – der über fünf Billionen Dollar an Vermögen verwalten soll – oder von Institutional Shareholder Services (ISS), einem sogenannten Aktionärsberater. Es gibt kein deutsches Aktienunternehmen, an dem, so die FAZ, BlackRock nicht „im nennenswerten Umfang“ beteiligt sei.

Regierungen sollen immer dann, wenn sie in Schwierigkeiten geraten, die Nummer von BlackRock-Chef Laurence („Larry“) D. Fink wählen. BlackRock, das gern im Hintergrund bleibt, gehört im übrigen zu den Kunden von ISS, von dessen Deutschland-Chef die Wirtschaftswoche berichtete, daß er „Vorstandskarrieren bremsen kann, Aufsichtsräte aus dem Amt kegeln“ und „Kapitalerhöhungen blockieren“ könne.

Da viele Anleger nicht die Zeit haben, auf die Hauptversammlungen der Unternehmen zu gehen, in die sie investiert haben, werden „Aktionärsberater“ beauftragt. Diese instruieren die (Groß-)Investoren und geben ihnen „Empfehlungen“ für wichtige Abstimmungen. ISS hat eine marktbeherrschende Position; entsprechend hoch muß der Einfluß dieser Berater veranschlagt werden. Ausländer mischen sich damit immer mehr in den Kurs „deutscher“ Konzerne ein. Dazu bedarf es noch nicht einmal eines Auftretens auf Hauptversammlungen, wie der Deutschland-Chef von BlackRock gegenüber der FAZ deutlich machte: „Wir nehmen Verantwortung für unsere Kunden wahr, indem wir direkt mit dem Management sprechen.“

Parallel zum Aufstieg des Marktes zur „Schicksalsmacht“ verläuft der Niedergang der sozialen Marktwirtschaft, der durch den Prozeß der „Europäisierung“ und die Massenmigration noch weiter an Fahrt gewinnt. Durch den Verlust der Währungshoheit ist die autonome Geldpolitik als wichtiges Instrument der Wirtschaftssteuerung mit weitreichenden Folgen verlorengegangen. Mehr und mehr Politikfelder und Vorschriftenbereiche werden aus der nationalstaatlichen Hoheit ausgegliedert, sei es das Kreditwesen, der Verkehr, der Energiesektor, das Fernmeldewesen oder die Wertpapier- und Kapitalmärkte.

Damit wird der staatlichen Souveränität, die die Voraussetzung für das bisherige nationalstaatliche Modell der sozialen Marktwirtschaft bildete, der realwirtschaftliche und der politische Boden entzogen. Das gilt insbesondere für die deutsche Alternative zum angelsächsischen Kapitalismus, der der französische Wirtschaftswissenschaftler Michel Albert in seinem 1991 erschienenen Buch Kapitalismus contra Kapitalismus den Namen „Rheinischer Kapitalismus“ gab.

Die Liquidierung der „Deutschland AG“ ist politisch gewollt gewesen und wurde auch und gerade durch deutsche Politiker nach Kräften befördert. Beschleunigend wirkten zum Beispiel die Treuhandanstalt und die rot-grüne Regierung der Ära Gerhard Schröder. Für den Einbruch von US-Investmentbanken wie Goldman Sachs oder Wirtschaftsprüfern wie PricewaterhouseCoopers in die „Deutschland AG“ sorgte aber zunächst die Treuhandanstalt.

„Vor allem US-Banken wie Goldman Sachs“, so der Journalist Werner Rügemer in seinem Buch „Privatisierung in Deutschland“ (Münster 2008), „arrangierten die großen Privatisierungen, z. B. des Leuna-Kombinats. Dabei trieben sie [...] die Provisionen in solche Höhen, die bisher den Top-Banken in Deutschland unbekannt waren.“ 1998 erfolgte die Öffnung des deutschen Handelsbilanzrechts; angeblich, um die finanzielle Lage der Unternehmen „transparenter“ zu machen. Von diesem Zeitpunkt an war eine moderate Dividendenpolitik nicht mehr möglich. Die Internationalisierung der Bilanzierungsregeln wies den Weg in den Aktionärskapitalismus, in dem Investmentgesellschaften den Ton angeben bzw. als neue Eigentümer auftreten.

Im gleichen Maße wurde die „Deutschland AG“, die nun als nicht mehr „zeitgemäß“ „kommuniziert“ wurde, als „Welt der Strippenzieher“ denunziert, die ihre Spielchen angeblich auf „Kosten der Effizienz“ spielten – so pars pro toto Daniel Schäfer in seiner „Heuschrecken“-Apologie Die Wahrheit über die Heuschrecken (Frankfurt/Main 2007). Die angelsächsischen Fonds hingegen seien „Agenten des Wandels“, so Schäfer geradezu euphorisch, „die den unaufhaltsamen Umbau vom rheinischen Kapitalismus zum angelsächsisch geprägten Modell“ beschleunigten. Es ist bezeichnend, daß der Handelsblatt-Redakteur Schäfer für dieses Buch den „Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2007“ erhielt.

Die rot-grünen „Agenten des Wandels“ in der Ära Schröder/Fischer taten das Ihrige, um den Forderungen des Finanzmarktkapitalismus zu entsprechen. Bei Lichte betrachtet ging es ihnen aber um nichts anderes als um die Entnationalisierung der deutschen Wirtschaft: Rot-Grün sei „ein Bündnis gegen den Konservativismus“ gewesen, konstatierte der Ökonom Gustav Horn, „politisch gegen Helmut Kohl, ökonomisch gegen die alte Deutschland AG“ (Spiegel Online, 4. März 2009).

Dabei machten sie Nägel mit Köpfen, so bei den rot-grünen Steuerreformen, die mit dem Investmentmodernisierungsgesetz im Jahre 2003 „abgerundet“ wurden, das die Erlöse aus dem Verkauf von Unternehmensanteilen steuerfrei stellte. Deutsche Banken reduzierten daraufhin ihre Anteile an deutschen Unternehmen drastisch und investierten in neuen Geschäftsfeldern. Gleichzeitig erwarben sie ­ mit zweifelhaftem Erfolg, denkt man z.B. an den Niedergang der Deutschen Bank, weltweit Beteiligungen und bauten Niederlassungen auf.

Die rot-grüne Politik hatte damit einen entscheidenden Anstoß in Richtung Finanzmarktkapitalismus ausgelöst, flankiert von einer Union, der manche Regulierungsmaßnahme immer noch nicht weit genug ging. Die Konsequenzen sollten nicht lange auf sich warten lassen. Schnell drängten ausländische Investmentfonds auf den deutschen Markt, mit dem Effekt, daß der Anteil ausländischer Aktionäre immer weiter steigt. Das spätere Herumgeraunze des damaligen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering über die „Heuschrecken“ (2005) steht damit in einem mehr als entlarvenden Licht, war es doch gerade auch seine Partei, die ebendiesen „Heuschrecken“ den Weg geebnet hat.

Wem Rot-Grün mit all dem gefällig war, hat wiederum Werner Rügemer durchblicken lassen, der in der linken Wochenzeitung Freitag vom 11. Februar 2005 Schröder wie folgt zitierte: „Es gibt ein großes Interesse in den Vereinigten Staaten an der Agenda 2010.“ So Schröder im November 2003 auf einer US-Reise, auf der er unter anderem Laudatio auf Sanford Weill hielt, dem damaligen Chef und Gründer der Citigroup. Eine Freundschaft des „Genossen der Bosse“, die sich für die US-Finanzwirtschaft in klingende Münze verwandelt hat, wie Rügemer recherchierte: „Nicht nur die Agenda 2010, sondern auch die Steuerreform 2000 (steuerfreie Erlöse aus Unternehmensverkäufen) gehen nicht zuletzt auf die stille, aber erfolgreiche Lobbyarbeit der US-Finanzbranche zurück.“

Wohl auch deshalb beeilte sich Schröder, die Stelle eines Bundesbeauftragten für Auslandsinvestitionen zu schaffen, die er mit Hilmar Kopper, damals unter anderem Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank, besetzte. Nach Koppers Ausscheiden mutierte diese Stelle zur Bundesagentur „Invest in Germany GmbH“ (mittlerweile in der Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland aufgegangen), die mit ihren finanziellen Mitteln nach Rügemer damals drei Außenstellen betrieb, nämlich in New York, Chicago und Los Angeles...

Die Regierung Schröder hat, darauf sei zur Abrundung des Bildes hingewiesen, auch einer neuen Mentalität unter deutschen Politikern, die stellvertretend für den Wandel der europäischen (Funktions-)Eliten generell steht, zum Durchbruch verholfen: Seither nämlich gehört es zum „guten Ton“, daß aus dem Amt geschiedene Politiker – so wie in den USA, dem großen Taktgeber – ihre im Amt geknüpften Beziehungen via „Drehtüreneffekt“ schnellstens vergolden, sei es in Form von Beraterverträgen, sei es in Form von Geschäftsführerposten oder Aufsichtsratsmandaten.

Über den, um es vorsichtig zu sagen, Grad von „Gefälligkeiten“, der sich in den entsprechenden „Netzwerken“, die „die Welt regieren“ entwickelt hat, kann man nur spekulieren. Als „Hubs“ oder gar „Super-Hubs“ (Sandra Navidi) betreiben sie, besser als Rügemer kann man es nicht formulieren, (in eigener Sache) „stille, aber erfolgreiche Lobbyarbeit“, die sich selbstverständlich bei der „Optimierung“ des eigenen Bankkontos bemerkbar macht.


Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

  • Sezession

Kommentare (10)

Caroline Sommerfeld
24. April 2017 13:37

Damit wird der staatlichen Souveränität, die die Voraussetzung für das bisherige nationalstaatliche Modell der sozialen Marktwirtschaft bildete, der realwirtschaftliche und der politische Boden entzogen.

Dann ist es ja kein Wunder, daß aus US-amerikanischer Perspektive alle in Frankreich zur Wahl antretenden Kandidaten als "sozialistisch" zu sehen sind. Le Pen steht für einen "nationalistic socialism", nein, nicht falsch zu verstehen, das ist ökonomisch gemeint, und zwar ganz im Sinne von Wiesbergs Ansatz.

Vielen Dank für Ihre Wirtschaftserklärtexte - als Philosophin ist mir Nationalökonomie ein Buch mit sieben Siegeln. Jedes, das aufgebrochen wird, gibt offensichtlich den Blick frei auf ein weiteres Stückerl Apokalypse ...

t.gygax
24. April 2017 15:39

Was hier auf einem ziemlich hohen intellektuellen Niveau erörtert wird, haben einfache Menschen, die sowohl der Worte wie auch des Wissens nicht so mächtig sind, intuitiv schon immer gespürt: "man hat das Gefühl, das man uns kaputtmachen will" Originalzitat einer älteren Frau ( Landwirtschaft) bei der Weinlese in einem fränkischen Dorf im Jahre 1993 ( !) mir gegenüber.

Die Zerstörung Deutschlands in allen Bereichen ( wirtschaftlich, kulturell, sozial, technologisch) wird seit 1990 planmäßig gesteuert und betrieben, und was am schlimmsten ist:  die deutschen Politiker sind nichts anderes als Handlanger des angelsächischen Finanzkapitalismus, der letztlich nur die Ausbeutung der arbeitenden Klassen zugunsten einer privilegierten Luxusschicht inszeniert.

Wer das richtig erkannte war Alfred Herrhausen, Chef der deutschen Bank, und als er diesen Plänen etwas entgegensetzen wollte, wurde er 1989 noch vor der Wende ermordet, und das System entblödete sich nicht, das der RAF zu unterschieben, die zu diesem Zeitpunkt schon  längst nicht mehr existierte. Als der Grüne Alfred Mechtersheimer nach 1990 ähnliche Überlegungen anstellte, wurde er bltzschnell kaltgestellt, und dabei war der  in den Jahren der Friedensbewegung 1981-1985 ein  umjubelter Superstar in der grünen Szene, ich habe das damals alles selbst erlebt.

Felix Treumund
24. April 2017 16:00

„Rot-Grün“ ist Vorreiter, damals beim Sozialabbau und heute bzw. nach der BTW forcierte Masseneinwanderung usw. Belustigend immer wieder die Parolen vor Wahlen, „kämpferisch“ fast so, als ob jetzt die zweite Oktoberrevolution anstehen würde. Aber machen wir uns nichts vor, andere Parteien sind nicht besser, oder glaubt jemand im Ernst, der sog wirtschaftsliberale Flügel der AFD hätte anderes im Sinn als die anderen Parteien? Vielleicht kommen dazu ein paar kosmetischen Einschränkungen in der Einwanderungspolitik, etwa mit der menschenverachtenden Parole von den „nützlichen“ Migranten.

jawohl, Apokalypse trifft es ganz gut....

Gerrit
24. April 2017 16:32

Muss man hier "Bilderberg" oder "Atlantik-Brücke" rufen? Ich habe das selbst immer für Verschwörungstheorien gehalten, aber ich kann das nicht mehr halten. Wenn man sieht, das selbst die Grünen da Abgesandte haben, wundert man sich nicht mehr gar so sehr, wenn ein klassischer Vertreter der Eliten wie Macron nach der ersten Wahlrunde selbst von Erzlinken wie Trittin als der neue Heiland gefeiert wird. Wer drei Jahre nach dem Studium Partner in einer Investmentbank und schon nach vier Jahren Präsidentenberater wird, ist doch wohl ein reichlich untauglicher Retter der Armen und Enterbten. Wenn man dann noch weiß, dass neben Politiker aller Richtungen dort auch einträchtig linke, wie rechte Journalisten mitspielen dürfen, wundert einen auch nicht, dass fast nirgendwo auf diese Fakten hingewiesen wird.

Dag Krienen
24. April 2017 17:50

Sehr schöne Zusammenfassung, zu der man nur gratulieren kann.

Der zentrale politische Unterschied zwischen "rheinischen Kapitalismus" bzw, Deutschand AG (aber z.B. auch Japan AG) und dem "shareholder"-Kapitalismus als realwirtschaftlicher Seite des globalisiertem Finanzkapitalismus besteht m.E. in der faktischen Unsteuerbarkeit des letzteren durch äußere Kräfte. Dieser ist faktisch ein geschlossenes, selbstreferentielles System, um einen Luhmannschen Begriff zu verwenden, dessen Selbstbewegungen seiner Profit- und Akkumulationsimteressen  zwar massive Auswirkungen auf seine Umwelt, d.h. die realen ökonomischen Lebenschancen der Menschen hat. Es gibt aber für diese Menschen de facto keine Möglichkeit, das System etwa zu einer auch nur marginalen Berücksichtigung ihrer wirtschaftlichen Lebensinteressen zu zwingen (Nur individuelle, bedingungslose Kollaboration, in der Hoffnung auf einige Krümel vom Tisch, ist möglich). Dies gilt weitesgehend auch dann, wenn Sie ihre Macht kollektiv aggregieren, d.h. also per Staat geltend zu machen versuchen. Allein ein radikaler  Systemwechsel wäre von außen u.U. her zu werkstelligen, d.h. eine mit erheblichen Risiken behaftetete Zerstörung des finanzkapitalistischen Systems.

Der "rheinische Kapitalismus" war im übrigen von sich aus auch nicht darauf programiert, allen Menschen Gutes zu tun, sondern sollte zuvörerst ebenfalls für eine begrenzte Zahl von Nutznießern vor allem Profite bzw. Kapitalrenditen generieren.  Soweit er aber auch Unternehmerkapitalismus war, in dem das Fortschreiben der Existenz des je eigenen Unternehmens in eine möglichst lange Zukunft hinein ein zentrales Ziel wirtschaftlichen Handels ist, war ihm auch die langfristig angelegte Pflege der Kundschaft und ihrer Wohlfahrt kein völlig fremdes Anliegen. So war es dem Staat und auch den Gewerkschaften noch möglich, in dieses nicht völlig abgeschottete System noch andere Impulse als die bloße Kapitalrenditenvermehrung einzuspeisen.  Der Aufbau sozialer Sicherungssysteme auf nationaler Basis war mit ihm noch machbar.

Ich möchte allerdings davor warnen, die Unterscheidung zwischen den beiden Systemen zu sehr zu nationalisieren. Seinen Ursprung hat der reine "Shareholder"-Finanzkapitalismus zwar im amerikanischen und britischen Raum, er ist aber ein mittlerweile nicht nur ein globalisiertes Phänomen, sondern eine global konstituierende und agierende Macht geworden, ein "Empire" (Hartdt / di Negri) aus eigenem Recht und kein politisches Instrument  eines einzelnen Staates, auch nicht der USA. Die politische Unterstützung für Trump in den USA zeigt ja auch, daß sich auch eine sehr große Zahl  von Amerikanern nicht mehr als Nutznießer, sondern als Opfer dieses System versteht.

Insofern ist der Verweis darauf, daß mittlerweile die Mehrheit der Anteile der deutschen DAX-Konzerne nicht mehr in deutscher Hand sind, zwar ein Indikator für das Ende des "Rheinischen Kapitalismus", mehr aber auch nicht. Denn selbst ein mehrheitlich deutsche Aktienbeteiligung garantiert in diesem Sytem nicht im mindesten irgendeine Berücksichtigung spezifisch deutscher Interessen. Die "deutsche Wirtschaft" als diese ist kaum mehr als die Ansammlung all jener Unternehmen, die ihren Firmensitz aus irgendwelchen, für das System völlig uninteressanten Gründen, ihren Sitz noch in Deutschland haben (die vielen im Familienbesitz befindlichen mittelständischen Unternehmen mildern das Urteil nur ein wenig ab). Daß es der "deutschen Wirtschaft" im Moment recht gut geht, bedeutet schon lange nicht mehr automatisch, daß es auch den Deutschen in der breiten Masse gut geht. Ein Teil mag davon profitieren, daß sie am "Standort Deutschland" bei der Produktion und Disposition, noch, ihr Auskommen findet. Sie kann allerdings immer weniger sein, daß sie ihren Job oder zumindest ihren Status auch in Zukunft wird behalten können. Der Rest muß sich nach einer wirtschaftlichen Nische zzum Durchkommen umsehen, und das immer wieder von neuem, oder wird von der Verwaltungseihgeit Bundesrepublik alimentiert, und zwar durch Umverteilung der Einkommens der noch begünstigten "happy few".

Zum Abschluß noch, zur Illustration des hier Gesagten, ein kleiner Filmtipp: John Carpenters "Sie leben" ("They live") von 1988, Darin werden einem arbeitslosen Bauarbeiter, der immer noch an den "american way" glaubt, d.h. an die Möglichkeit, durch ehrliche und harte Arbeit wieder nach oben zu kommen, im wahrsten Sinne die Augen geöffnet. Nach dem Fund einer seltsamen Sonnenbrille muß er erkennen, daß mittlerweile Außerirdische auf der Erde leben, die den Menschen durch eine spezielle Strahlung ihre Existenz verbergen  und mit heimlichen Botschaften indoktrinieren (zugegeben, das mit den Strahlen ist recht konstruiert). Wie er später erfährt, reisen diese Außerirdischen von Planet zu Planet, um diese zu eigenen Gunsten (im Falle der Erde zusammen mit einigen menschlichen Kollaborateuren) wirtschaftlich wie Zitonen bis zum Letzten auszupressen. Wie üblich in amerikanischen Filmen, gelingt es dem tapferen Bauarbeiter zusammen mit einigen Freunden, die Strahlenquelle gewaltsam auszuschalten und damit die Außerirdischen zu enttarnen.  Der Film endet hier und läßt offen, was nach der allgemeinen Desillusionierung passiert.

Valjean72
24. April 2017 18:53

Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Artikel, der für mich einmal mehr zeigt, dass es für eine wahre patriotische Oppostionsbewegung nicht allein mit Anti-Islam-Sprüchen getan ist. Im Gegenteil dieser Ausverkauf, teilweise über Generationen gewachsener Werte stellt für mich schon eine Art von Verrat dar, der noch stärker thematisert werden müsste. Verantwortlich hierfür zu zeichnen sind alle Parteien, die im Bund Regierungsverantwortung ausgeübt haben.

Michael Wiesberg
24. April 2017 19:05

@ t.gygax

Auch wenn das Buch „Das RAF-Phantom“ aus dem Jahre 1992, auf das Sie hier anspielen, viele interessante Aspekte im Hinblick auf das internationale Umfeld herausarbeitet, in dem sich Alfred Herrhausen, der letzte Deutsche Bank-Vorstandsvorsitzende von Format, bewegte, scheint mir die neueste Theorie über den Mord an seiner Person durchaus plausibel:

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/herrhausen-mord-neue-theorie-ueber-die-herkunft-der-bombe-a-1005698.html

Gemäß dieser Theorie weist die besondere, bis dahin unbekannte Machart der Bombe in den Libanon, starb doch acht Tage vor dem Mord an Herrhausen der damalige libanesische Präsident René Moawad auf ähnliche Weise. Daß sich die RAF sehr wohl dieser Bombe bedient haben könnte, dafür sprechen u. a. ihre guten Kontakte in den Nahen Osten.

Daß Ex-CIA-Mitarbeiter Robert Baer, der in seiner aktiven Zeit im Nahen Osten und im Libanon tätig war, diese Theorie für plausibel hält, dürfte manchem aber wiederum als Indiz dafür gelten, daß die zentrale Behauptung des „RAF-Phantoms“, nämlich daß die Täter in westlichen Geheimdienstkreisen zu suchen sind, eben doch stimmig sein könnte und Baer als ehemaliger CIA-Mann die wahren Motive zu vernebeln könnte.

@ Dag Krienen

Herzlichen Dank für Ihre interessanten Abrundungen des Gesamtbildes!

Gustav
25. April 2017 00:31

Ein sehr altes Konzept tritt uns hier entgegen:

"Gesagt hatte ich, die politische Ökonomie habe in ihren wichtigsten Teilen,

nämlich in Beziehung auf den internationalen Handel und die Handelspolitik, durch Adam Smith unermeßliche Rückschritte gemacht; durch ihn sei ein Geist der Sophistik — der Scholastik — der Unklarheit — der Verstellung und Heuchelei in diese Wissenschaft gekommen — sei die Theorie ein Tummelplatz zweifelhafter Talente und eine Vogelscheuche für die meisten Männer von Geist, Erfahrung, gesundem Menschenverstand und richtigem Urteil geworden — er habe die Sophisten mit Argumenten versorgt, um die Nationen um ihre Gegenwart und ihre Zukunft zu betrügen. In Erinnerung gebracht hatte ich aus Dugald Stewards Biographie, wie dieser große Geist nicht ruhig habe sterben können, bis alle seine Manuskripte verbrannt gewesen, womit ich habe zu verstehen geben wollen, wie dringend der Verdacht sei, daß diese Papiere Beweise gegen seine Aufrichtigkeit enthielten.

Nachgewiesen hatte ich, wie von Pitt bis Melbourne seine Theorie von den englischen Ministern benützt worden sei, um andern Nationen zum Vorteil Englands Sand in die Augen zu streuen."

Friedrich List, Das Nationale System der politischen Ökonomie, (1841)

Hartwig aus LG8
26. April 2017 21:50

Sehr guter Artikel.

In dem Zuge habe ich "mal wieder" den verlinkten Aufsatz von T.Hoof gelesen. Für mich mittlerweile eine Art Klassiker der SiN-Aufsätze.

Stil-Blüte
26. April 2017 22:46

Die Betrachtung Wirtschaft, Ökonomie, Unternehmertum, Aktiengesellschaften, Banken, Börse, Finanzen findet 'in unseren Kreisen', besser 'in unserem engeren Kreis, leider kaum Beachtung, hat doch Metaphysik, Philosophie, mehr und mehr aktuelle Politik den Vorrang.

Ihr Beitrag zeigt auf erschreckende Weise Verschleiß, Ausverkauf, Verhökern, ja Verramschen von landestypischen, über Generationen aufgebauter, gewachsener Unternehmen/Unternehmungen. 

Sobald Arbeitsplätze erhalten/geschaffen werden, werden 'feindliche Übernahmen' akzeptiert. Hauptsache im Geldbeutel von Stadt und Land, aber auch von privaten Erben klingelt es. Was wurde nicht alles schon verscheuert! Seit der 'Treuhand' sind den privaten 'Investoren' Tür und Tor geöffnet. Das muß man sich mal vorstellen, altehrwürdige Gemäuer, Wälder, Seen, Schlösser stehen da, aber gehören den 'Heuschrecken' aus Amerika, China, den Emiraten... 'Investoren' - Was ist das bloß für eine Berufsgruppe?! Und warum fallen so viele darauf rein?

Nur ein Beispiel im großen Stil aus vielen: Playboy Gunter Sachs. Während starke Unternehmerfamilien darauf achten, daß ihr Unternehmen durch geschickte Heiratspolitik gesichert und nicht vergeudet wird, haben sich o.g Typen wie Gunter Sachs von der Regenbogenpresse mit Skandalgeschichtchen von ihrer eigentlichen Aufgabe ablenken lassen. Heute heiraten Unternehmer nicht mehr ihresgleichen, oder ihre Sekretärinnen (Berthelsmann, Springer), sondern Stars.  Und da gab und gibt es nach '45 Hunderte dieser Fälle. Yet-set statt verantwortliche Unternehmsführung. Nach '89 'Abwicklung. Ein Verrat an ostdeutscher, ehemals blühender mitteldeutscher Industrie im größten Stil durch die 'Treuhand'; der Name nur Hohn: Opfer: Herrhausen.    

Ist zu vermuten, daß die FDP, die die Familienunternehmen, die mittlere Unternehmerschicht noch politisch unterstützte hat, ausgehebelt wurde?

Heute: Manager, Berater, Investoren. Zu hoffen ist, daß die AfD das Gewicht des Kleinkapitalismus, des mittleren Unternehmertums nicht geringschätzt, weil Petry Unternehmerin war.

Hat diese Ivana Trump eigentlich irgendetwas Substantielles über Unternehmerinnen gesagt?  

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