Sezession
28. April 2017

Große Marina in Schwaben? Jünger-Symposion 2017 (I)

Nils Wegner / 8 Kommentare

Ebenso neu: die Netzpräsenz des Vereins, die Schriftenreihe Jünger-Debatte und auch der thematische Ansatz der Veranstaltung. Hatten sich frühere Tagungen mit sachbezogenen Leitthemen befaßt (vor drei Jahren etwa "1914"), sollte sich dieses Jahr alles um ein konkretes Werk in seinen historischen und ästhetischen Dimensionen drehen – nämlich den Klassiker Auf den Marmorklippen von 1939, der trotz oder gerade weil seines Facettenreichtums bedauerlicherweise noch immer nicht als kanonisiertes Werk der deutschen Literatur gelten kann.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Die einleitende Begrüßung der knapp 130 Teilnehmer – von zahlreichen Literatur- und Geschichtswissenschaftlern bis hin zu lokalen Anwohnern, die Jünger noch als "Nachbarn" kannten – übernahmen mit dem Publizisten Dr. Alexander Pschera und dem Verleger Thomas Bantle die beiden Vorstände der Gesellschaft (ehemals "Freundeskreis der Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger"). Neben dem Wiedersehen mit alten Freunden und der üblichen »intellektuellen Erfrischung« sei dieses Wochenende auch der nicht ausschließlich akademisch-wahrheitssuchenden, sondern ebenso intuitiven Annäherung an »ein Kunstwerk, das respektiert werden will«, gewidmet. Als ersten Impuls formulierte Pschera vier Paradigmata zum Roman:

  1. Bei den Marmorklippen handele es sich um einen zentralen Text zur politischen Ortung des Autors (weil erstes Buch, in das sich Kritik am nationalsozialistischen Staat hineinlesen ließ);
  2. er sei ein ebenso zentraler Text für die Ästhetik des Jüngerschen Schreibens, die etwa einen Hans Magnus Enzensberger nach eigener Aussage an einen »alabasternen Aschenbecher« gemahnte, aber ebenso Urteile wie »Das Buch liest sich, als sei es gemalt!« zeitige;
  3. der Spannungsbogen zwischen Natur und Geschichte werde im Gesamtwerk Jüngers selten so offen thematisiert und herausgestellt wie in den Marmorklippen;
  4. ein besonderer Reiz der Lektüre liege im Verhältnis zwischen Fiktion und Autobiographie des Verfassers, was sich unweigerlich auch in jeder Diskussion über Aspekte des Romans niederschlage.

Damit war der grundsätzliche Plan für den Verlauf des Wochenendes vorgezeichnet, und es ging sogleich in medias res: Den Freitagabend bestimmte der Vortrag des Literaturwissenschaftlers Hans Dieter Schäfer (Das gespaltene Bewußtsein) über »Ernst Jünger und die literarische Moderne im Nationalsozialismus«, der schon launig begann – Schäfer bekannte, kein Jünger-Spezialist zu sein und die Marmorklippen erst vier Wochen zuvor erstmals gelesen zu haben. Nichtsdestoweniger schaffte er es mühelos, Jüngers Roman zum Stil des magischen Realismus und insbesondere zum Vorgängerwerk Das abenteuerliche Herz in Beziehung zu setzen.

Dabei komme insbesondere der Botanik eine Schlüsselfunktion zu: »Die Rautenklause sammelt Pflanzen, die Schinderhütte sammelt Schädel.« Für beide Antipoden des »Phantasiestücks« auf der Großen Marina fänden sich reale Vorbilder in Überlingen am Bodensee, wo Ernst Jünger bis kurz vor Kriegsbeginn gemeinsam mit seinem Bruder Friedrich Georg lebte; eine auf den ersten Blick auf der Hand liegende Ausdeutung des Szenarios, die im Verlauf der Tagung jedoch noch für rege Debatten sorgen sollte. Die reichhaltige Tier- und Pflanzenwelt bilde im Roman die rettende Orientierung der beiden biologisch bewanderten Brüder – des Ich-Erzählers und »Bruder Othos« – inmitten einer in Naturbeobachtungen codierten untergehenden Zivilisation.

In der Untergangsszenerie zeige sich auch die Inspiration Jüngers durch die tiefer als ihre westlichen Pendants blickenden »östlichen Apokalyptiker« wie Georg Trakl und insbesondere Horst Lange, bei dessen Roman Schwarze Weide ihn nach eigener Aussage ein »wollüstiger Schauder« überkommen habe. Der gegen Ende eingenommene erzählerische Blickwinkel des »fernen, sicheren Beobachtens der Zerstörung« – man denke auch an die berühmte Burgunderszene in den Strahlungen! – beinhalte zudem eine geradezu metaphysische Komponente und zeige Ähnlichkeiten etwa zu der Zeichnung "Atlantis vor dem Untergange" seines persönlichen Freundes Rudolf Schlichter, die seit 1935 in Jüngers Arbeitszimmer hing, und zum Gemälde "Lot und seine Töchter" Otto Dix' von 1939, in dessen niederbrennender Stadt »deutlich Dresden zu erkennen« sei.

Insgesamt stelle das Werk eine Vorherschau der Zerstörung dar, die nach Ansicht Friedrich Georg Jüngers Teil eines Ordnungsprozesses sei; in letzter Instanz könne nur das Feuer »aufarbeiten«, ganz im Sinne der klassisch-philosophischen Vorstellung vom Weltbrand, der analog zur Sintflut einer Wiedergeburt (Palingenesis) vorausgehen müsse. In diesem Sinne handle es sich bei Auf den Marmorklippen nicht um eine dezidierte Abrechnung mit dem Dritten Reich, sondern um die Verschriftlichung des Gefühls beim Untergang einer Kultur.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (8)

Der_Jürgen
28. April 2017 18:09

Vielen Dank, Nils Wegner. Als glühender Jünger-Verehrer, der die "Marmorklippen" ca. fünfmal gelesen und dari jedesmal wieder Neues entdeckt hat, weiss man Artikel wie diesen zu schätzen. Wertvoll ist auch der Hinweis auf die Netzpräsenz der Gesellschaft.

Friedrich Georg Jüngers Werke kenne ich zu meiner Unehre noch nicht, werde diese Lücke aber in naher Zukunft wenigstens teilweise stopfen.

Maiordomus
28. April 2017 20:47

Super-Beitrag, Herr Wegner, für mich umso wertvoller, zumal mir der Termin der Jünger-Tagung abermals entgangen ist. Die "Marmorklippen" waren tatsächlich nach Jüngers Auffassung kein Buch des Widerstandes, aber eine subtile wie auch zugleich brutale Phänomenologie eines zwar ästhetisch aufgewerteten grausamen Führertums. Den Ausdruck "Innere Emigration" habe ich bei Würdigungen Jüngers stets zurückgewiesen, es war der wohl intensivste Ausdruck innerer Präsenz, in vielfacher Hinsichtr schauderlich (was aber nicht als ästhetisches Urteil gemeint ist) und zugleich eine der stärksten Bestätigungen in der ganzen Weltliteratur für Jüngers Satz, dass Zensur den Stil verfeinere.

@_derjürgen. Der Hinweis auf Friedrich Georg Jünger kann nicht genug betont werden, formuliert doch der weniger beachtete Bruder eines Jahrhundertautors  vielfach weniger pathetisch und auch weniger gekünstelt, was manchmal bei Ernst Jünger als Schwäche ins Gewicht fällt, aber mit womöglich noch höherer ästhetischer Sensibilität. Unter anderem wurde Friedrich Georg ein bedeutender Theoretiker des Spiels und des Spielerischen, was er mit Hugo Rahner gemeinsam hat, dem seinerseits weniger bekannten Bruder des Theologen Karl Rahner. Als Lyriker wurde er zusätzlich ein tiefsinniger Theoretiker des Gedichts und des Rhythmus, was dann Erwin Jaeckle, Bodenseeliteraturpreisträger im Todesjahr von Preisvorgänger Friedrich Georg Jünger, weiterführen sollte. Noch bedeutender scheint mir Friedrich Georg Jünger im Zusammenhang mit der Technikkritik, die, nicht das Gegenteil von Ernst Jüngers "Arbeiter", subtiler formuliert ist, so wie Friedrich Georg Jünger als Dichter und Denker stets auch noch über eine zukunftsweisene ökologische Orientierung verfügte. Gut bekannt war er ausserdem mit Leopold Ziegler, ebenfalls einem in Überlingen lebenden frühen Bodenseeliteraturpreisträger, der zugleich Staatsphilosoph und Religionsphilosoph war, Goethe-Preisträger, mit dem Motto "Um einen Goethe von innen bittend", was wiederum gut zu Friedrich Georg Jünger passt. Zu bewundern bleibt bei diesem bedeutenden Autor, der in den letzten 20 Jahren von einer kleinen Lesergemeinde wieder entdeckt wurde, die Unaufgeregtheit seiner Diktion. Ich habe freilich längst nicht alles von dessen umfangreichen Werk gelesen, noch aus historischen Gründen würde interessieren, wie Friedrich Georg Jünger sich 1926 zum Thema "Der Aufmarsch des Nationalismus" ausgelassen hat. Was ihm am Nationalsozialismus nicht passte, den er nicht gerade bedingungslos abgelehnt hat, wobei er immerhin die Reichsschrifttumskammer mit Erfolg boykottierte, war das für jene sogenannte Weltanschauung wesentliche Element des Fanatismus, so wie sich ja Hitler bekanntlich in "Mein Kampf" als "fanatischen Nationalisten" vorstellte. Fürwahr, Friedrich Georg Jünger war nicht nur ein poeta doctus, ein gelehrter Autor, auch einer der wenigen Autoren, welche noch bis in die Siebzigerjahre hinein den Rang eines Humanisten beanspruchen konnten. Er bedeutet mir mehr als Martin Walser, der zwar ebenfalls Bodenseeliteraturpreisträger war. Unter der letztgenannten Gattung ist der Psalmenübersetzer Arnold Stadler * 1954 wohl noch einer der verbliebenen Grössen, wiewohl nicht ganz mit der theoretisch-ästhetischen Breite und Ziselierung von Friedrich Georg Jünger.

Für "glühende Verehrung", _derjürgen, eigneten sich die Brüder Jünger meines Erachtens nur bedingt, weil sie sich beim Schreiben bewusst um eine gewisse Kühle bemühten. So meisterhaft Ernst Jünger in seinen Pariser Tagebüchern, selbst noch in der bis jetzt wohl ausdrucksstärksten und exaktesten Beschreibung einer Hinrichtung, die es in der deutschen Literatur gibt. Im Briefwechsel Ernst Jünger - Carl Schmitt ist mir mit der Zeit das nicht geringe neiderfüllte Ressentiment aufgefallen, von dem Schmitt, nach dem Krieg weit weniger anerkannt und gerühmt als Jünger, vielmehr berüchtigt, sich mehr und mehr vereinnahmen liess.

Der_Jürgen
28. April 2017 23:48

@Maiordomus

Besten Dank für Ihren sehr kenntnisreichen Kommentar. Dass Carl Schmitt gegenüber Ernst Jünger ein "neiderfülltes Ressentiment" empfand, verwundert mich ein wenig. Neid empfindet man doch auf einen Rivalen auf seinem eigenen Gebiet. Man hat Schopenhauer - ob zu Recht oder Unrecht, sei dahingestellt - unterstellt, sein Hass auf Hegel sei von Neid bestimmt gewesen, weil der "Unsinnsschmierer", wie er ihn liebenswert betitelte, so viel berühmter und erfolgreicher war als er selbst - wenigens anfangs. Doch wie konnte Schmitt als Jurist einen Romanautor beneiden?  Na ja, das Toyota-Motto "Nichts ist unmöglich" gilt offenbar überall...

Caroline Sommerfeld
29. April 2017 01:47

Dazu hat sich mein Mann Gedanken gemacht. "Drei Männer im Schutt" handelt vom sich gegenseitig beäugenden Trio Benn-Jünger-Schmitt nach 1945. Wer knickt als erster ein? Wer war tiefer verstrickt? Wer hält den Habitus der "kalten persona" am längsten durch? Wer war der Größte?

Maiordomus
29. April 2017 09:23

Jüger war natürlich, wie sein weniger promienter Bruder Friedrich Georg, nur zum Kleinsten und nicht zum Besten ein Romanautor. Er führte das "Tagebuch des Jahrhunderts" uind schrieb mit "Der Arbeiter", bei allen Missverständlichkeiten, eine der bedeutendsten kulturphilosophischen Analysen des Jahrhunderts, Adorno noch lange ebenbürtig wenn nicht überlegen. Ausserdem sind "Drogen und Rausch" sowie "Subtile Jagden", letzteres das beste Buch aller Zeiten über Käfer,  nun mal unübertreffliche Sachbücher. Auch Nichtlinke nehmen das zur Kenntnis, sofern sie nicht, wie die meisten, durch Ressentiments von der Lektüre abgehalten werden. Jünger wird man, wie Montaigne, wohl auch noch in 400 Jahren lesen. Rein belletristisch ist aber wohl "Die Eberjagd" eine Geschichte, von der es allenfalls gleich gute gibt in der deutschen Literatur, aber keine besseren. Von solchen Texten waren übrigens jeweils auch Schüler begeistert, aber bekanntlich wird Jünger im Unterricht über weite Strecken boykottiert.

Rohmer
29. April 2017 17:38

@ Caroline Sommerfeld:

Vielen Dank für den Hinweis zum Text ihres Mannes. Die Anthologie werde ich mir gerne besorgen. Ich weiß nicht, wie Benn sich im Nachkrieg öffentlich äußerte und wie er dachte, da meine detailliertere Beschäftigung mit ihm noch ins Haus steht, aber folgt man der rudimentären Darstellung Benns in Rudolf Ditzens "Der Alpdruck", so scheint er mir im inneren alles andere als kühl geblieben zu sein.

Maiordomus
29. April 2017 21:34

@Rohmer. Der bedeutendste Beitrag Benns in der Nachkriegszeit wor der Radiovortrag kontrovers mit dem Frankfurter Friedenspreisträger Reinhold Schneider zum Thema "Soll die Dichtung das Leben bessern", wo er die nicht moralistisch orientierte Antithese verfocht, eine Haltung, die er schon seit der Zeit des Expressionismus vertrat. Klar, dass sich der Mann von Sommerfeld gegen Benn, Jünger und Schmitt abschottet, das sollte für uns kein Grund sen, uns dafür gegen Brecht oder Heinrich Mann abzuschotten.

Rohmer
30. April 2017 14:53

@ Malodormus:

Vielen Dank für den Hinweis auf die Radiosendung. Inwiefern schottet sich Herr Lethen denn ab? Der von Fr. Sommerfeld gesetzte Verweis auf google books funktionierte bei mir leider nicht richtig, der Text konnte nicht angezeigt werden. Da mich das Thema aber reizt, werde ich mir die Aufsatzsammlung wohl einfach kaufen. Ich möchte mich eigentlich nicht gegen etwelche Literatur grundsätzlich "abschotten", manche Lektüre wird aber schon durch die eigene Setzung negativ selektiert. H. Mann und Brecht gehören da bei mir aber nicht zwangsläufig dazu, eher Autoren wie Weiss, Grass und Böll. 

Zurück zu den "Marmorklippen": Vor kurzem habe ich erstaunt festgestellt, dass Philip K. Dicks "Das Orakel vom Berge" ("The Man in the High Castle") die Widmung "An Ernst Juenger für 'An den Marmorklippen'" trägt. Eine bemerkenswerte Tatsache, wie ich finde. Die US-amerikanische gesellschaftkritische Science-Fiction hat Jünger rezipiert? Hat Jünger womöglich solche Bücher gelesen? Das Phantastische nimmt in seinem eigenen Werk ja einen nicht eben geringen Stellenwert ein. 

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