Große Marina in Schwaben? Jünger-Symposion 2017 (I)

Vom 7. bis 9. April fand im ehemaligen Zisterzienserinnenkloster Heiligkreuztal nahe Wilflingen die 17. Tagung der neu benamsten "Ernst und Friedrich Georg Jünger-Gesellschaft" statt.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Eben­so neu: die Netz­prä­senz des Ver­eins, die Schrif­ten­rei­he Jün­ger-Debat­te und auch der the­ma­ti­sche Ansatz der Ver­an­stal­tung. Hat­ten sich frü­he­re Tagun­gen mit sach­be­zo­ge­nen Leit­the­men befaßt (vor drei Jah­ren etwa “1914”), soll­te sich die­ses Jahr alles um ein kon­kre­tes Werk in sei­nen his­to­ri­schen und ästhe­ti­schen Dimen­sio­nen dre­hen – näm­lich den Klas­si­ker Auf den Mar­mor­klip­pen von 1939, der trotz oder gera­de weil sei­nes Facet­ten­reich­tums bedau­er­li­cher­wei­se noch immer nicht als kano­ni­sier­tes Werk der deut­schen Lite­ra­tur gel­ten kann.

Die ein­lei­ten­de Begrü­ßung der knapp 130 Teil­neh­mer – von zahl­rei­chen Lite­ra­tur- und Geschichts­wis­sen­schaft­lern bis hin zu loka­len Anwoh­nern, die Jün­ger noch als “Nach­barn” kann­ten – über­nah­men mit dem Publi­zis­ten Dr. Alex­an­der Psche­ra und dem Ver­le­ger Tho­mas Bant­le die bei­den Vor­stän­de der Gesell­schaft (ehe­mals “Freun­des­kreis der Brü­der Ernst und Fried­rich Georg Jün­ger”). Neben dem Wie­der­se­hen mit alten Freun­den und der übli­chen »intel­lek­tu­el­len Erfri­schung« sei die­ses Wochen­en­de auch der nicht aus­schließ­lich aka­de­misch-wahr­heits­su­chen­den, son­dern eben­so intui­ti­ven Annä­he­rung an »ein Kunst­werk, das respek­tiert wer­den will«, gewid­met. Als ers­ten Impuls for­mu­lier­te Psche­ra vier Para­dig­ma­ta zum Roman:

  1. Bei den Mar­mor­klip­pen han­de­le es sich um einen zen­tra­len Text zur poli­ti­schen Ortung des Autors (weil ers­tes Buch, in das sich Kri­tik am natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Staat hin­ein­le­sen ließ);
  2. er sei ein eben­so zen­tra­ler Text für die Ästhe­tik des Jün­ger­schen Schrei­bens, die etwa einen Hans Magnus Enzens­ber­ger nach eige­ner Aus­sa­ge an einen »ala­bas­ter­nen Aschen­be­cher« gemahn­te, aber eben­so Urtei­le wie »Das Buch liest sich, als sei es gemalt!« zeitige;
  3. der Span­nungs­bo­gen zwi­schen Natur und Geschich­te wer­de im Gesamt­werk Jün­gers sel­ten so offen the­ma­ti­siert und her­aus­ge­stellt wie in den Mar­mor­klip­pen;
  4. ein beson­de­rer Reiz der Lek­tü­re lie­ge im Ver­hält­nis zwi­schen Fik­ti­on und Auto­bio­gra­phie des Ver­fas­sers, was sich unwei­ger­lich auch in jeder Dis­kus­si­on über Aspek­te des Romans niederschlage.

Damit war der grund­sätz­li­che Plan für den Ver­lauf des Wochen­en­des vor­ge­zeich­net, und es ging sogleich in medi­as res: Den Frei­tag­abend bestimm­te der Vor­trag des Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers Hans Die­ter Schä­fer (Das gespal­te­ne Bewußt­sein) über »Ernst Jün­ger und die lite­ra­ri­sche Moder­ne im Natio­nal­so­zia­lis­mus«, der schon lau­nig begann – Schä­fer bekann­te, kein Jün­ger-Spe­zia­list zu sein und die Mar­mor­klip­pen erst vier Wochen zuvor erst­mals gele­sen zu haben. Nichts­des­to­we­ni­ger schaff­te er es mühe­los, Jün­gers Roman zum Stil des magi­schen Rea­lis­mus und ins­be­son­de­re zum Vor­gän­ger­werk Das aben­teu­er­li­che Herz in Bezie­hung zu setzen.

Dabei kom­me ins­be­son­de­re der Bota­nik eine Schlüs­sel­funk­ti­on zu: »Die Rau­ten­klau­se sam­melt Pflan­zen, die Schin­der­hüt­te sam­melt Schä­del.« Für bei­de Anti­po­den des »Phan­ta­sie­stücks« auf der Gro­ßen Mari­na fän­den sich rea­le Vor­bil­der in Über­lin­gen am Boden­see, wo Ernst Jün­ger bis kurz vor Kriegs­be­ginn gemein­sam mit sei­nem Bru­der Fried­rich Georg leb­te; eine auf den ers­ten Blick auf der Hand lie­gen­de Aus­deu­tung des Sze­na­ri­os, die im Ver­lauf der Tagung jedoch noch für rege Debat­ten sor­gen soll­te. Die reich­hal­ti­ge Tier- und Pflan­zen­welt bil­de im Roman die ret­ten­de Ori­en­tie­rung der bei­den bio­lo­gisch bewan­der­ten Brü­der – des Ich-Erzäh­lers und »Bru­der Othos« – inmit­ten einer in Natur­be­ob­ach­tun­gen codier­ten unter­ge­hen­den Zivilisation.

In der Unter­gangs­sze­ne­rie zei­ge sich auch die Inspi­ra­ti­on Jün­gers durch die tie­fer als ihre west­li­chen Pen­dants bli­cken­den »öst­li­chen Apo­ka­lyp­ti­ker« wie Georg Tra­kl und ins­be­son­de­re Horst Lan­ge, bei des­sen Roman Schwar­ze Wei­de ihn nach eige­ner Aus­sa­ge ein »wol­lüs­ti­ger Schau­der« über­kom­men habe. Der gegen Ende ein­ge­nom­me­ne erzäh­le­ri­sche Blick­win­kel des »fer­nen, siche­ren Beob­ach­tens der Zer­stö­rung« – man den­ke auch an die berühm­te Bur­gun­der­sze­ne in den Strah­lun­gen! – beinhal­te zudem eine gera­de­zu meta­phy­si­sche Kom­po­nen­te und zei­ge Ähn­lich­kei­ten etwa zu der Zeich­nung “Atlan­tis vor dem Unter­gan­ge” sei­nes per­sön­li­chen Freun­des Rudolf Schlich­ter, die seit 1935 in Jün­gers Arbeits­zim­mer hing, und zum Gemäl­de “Lot und sei­ne Töch­ter” Otto Dix’ von 1939, in des­sen nie­der­bren­nen­der Stadt »deut­lich Dres­den zu erken­nen« sei.

Ins­ge­samt stel­le das Werk eine Vor­her­schau der Zer­stö­rung dar, die nach Ansicht Fried­rich Georg Jün­gers Teil eines Ord­nungs­pro­zes­ses sei; in letz­ter Instanz kön­ne nur das Feu­er »auf­ar­bei­ten«, ganz im Sin­ne der klas­sisch-phi­lo­so­phi­schen Vor­stel­lung vom Welt­brand, der ana­log zur Sint­flut einer Wie­der­ge­burt (Palin­ge­ne­sis) vor­aus­ge­hen müs­se. In die­sem Sin­ne hand­le es sich bei Auf den Mar­mor­klip­pen nicht um eine dezi­dier­te Abrech­nung mit dem Drit­ten Reich, son­dern um die Ver­schrift­li­chung des Gefühls beim Unter­gang einer Kultur.

Das Buch müs­se gera­de­zu gegen die Inter­pre­ta­ti­on als rei­ner Schlüs­sel­ro­man (die selbst Jün­ger mal aus­drück­lich ablehn­te, mal bil­li­gend in Kauf nahm) ver­tei­digt wer­den: Es sei weni­ger poli­tisch als anthro­po­lo­gisch geschrie­ben und damit um so zeit­lo­ser – die Zeit­läuf­te mach­ten es (heu­te etwa durch die Glo­ba­li­sie­rung und damit ein­her­ge­hen­de Ver­wer­fun­gen) stets aufs Neue aktuell.

Ernst Jün­ger selbst woll­te in jener Zeit nicht poli­tisch gele­sen wer­den; vor die­sem Hin­ter­grund soll­te sich auch die Jün­ger-Gesell­schaft nicht auf den »poli­tisch ver­gif­te­ten«(!) Lite­ra­tur­dis­kurs in der Bun­des­re­pu­blik mit sei­ner »ganz unge­heu­ren Atmo­sphä­re« infol­ge des Schwei­gens und der Lügen der Intel­lek­tu­el­len nach 1945(!) ein­las­sen und den Autor um jeden Preis “ver­tei­di­gen” wol­len – sein Werk spre­che damals wie heu­te für sich. Ein mar­ki­ges Schluß­wort für den ers­ten Abend des Sym­po­si­ons, das bei Wein und Häpp­chen in einem kur­zen all­ge­mei­nen Ken­nen­ler­nen ausklang.

Den Sams­tag eröff­ne­te pünkt­lich um neun Uhr Prof. Dr. Sieg­fried Loka­tis von der Uni­ver­si­tät Leip­zig, des­sen der­zei­ti­ger For­schungs­schwer­punkt vor allem auf der Lite­ra­tur­ge­schich­te der DDR liegt. Pro­mo­viert wur­de er 1992 indes über die Han­sea­ti­sche Ver­lags­an­stalt (HAVA), Ver­lag des Deutsch­na­tio­na­len Hand­lungs­ge­hil­fen-Ver­bands (DHV) und ab dem Arbei­ter von 1932 der Haus­ver­lag Ernst Jün­gers. Das Vor­trags­the­ma »Ernst Jün­gers Mar­mor­klip­pen und die Han­sea­ti­sche Ver­lags­an­stalt« lag also nahe; Loka­tis gelang ein umfas­sen­der und den­noch kon­zi­ser Ein­blick in die tur­bu­len­te Geschich­te des Buchs und der Zusam­men­ar­beit zwi­schen Schrift­stel­ler und Ver­lag, unter ande­rem unter Zuhil­fe­nah­me des Ori­gi­nal­ver­trags über den Abdruck des Romans.

Die HAVA war in den 1930er Jah­ren der »Motor der Poli­ti­sie­rung der Wis­sen­schaft und der geis­ti­gen Auf­rüs­tung«; ent­spre­chend wur­de der Groß­teil der ver­blie­be­nen Pro­duk­ti­on in der Nach­kriegs­zeit indi­ziert und größ­ten­teils ver­heizt »im Sin­ne der ›anti­fa­schis­ti­schen‹ Umer­zie­hung durch die Sie­ger­mäch­te«. Bei den Mar­mor­klip­pen han­de­le es sich indes um die Son­nen­sei­te der Ver­lags­ge­schich­te: Nach der durch sei­nen Freund Albrecht Erich Gün­ther (der auch Carl Schmitt an den Ham­bur­ger Ver­lag her­an­führ­te) ver­mit­tel­ten Kon­takt­auf­nah­me zur HAVA, die bereits 1931 eine Art »lite­ra­ri­sche Dik­ta­tur der Hand­lungs­ge­hil­fen« hat­te eta­blie­ren kön­nen, hat­te Jün­ger am 9. März 1932 den Ver­trag über den Arbei­ter unter­zeich­net und damit noch für Pro­tes­te in der Ange­stell­ten­ge­werk­schaft DHV gesorgt.

Bin­nen kür­zes­ter Zeit ent­wi­ckel­ten sich die HAVA-Ver­öf­fent­li­chun­gen, dar­un­ter auch Blät­ter und Stei­ne, zum pri­mä­ren Lebens­un­ter­halt Jün­gers und zu einer ein­träg­li­chen Arbeit für den Ver­lag, des­sen Lei­ter Ben­no Zieg­ler »Jün­gers zuver­läs­si­ger Archi­var, Ban­kier und Steu­er­be­ra­ter« wur­de. Noch am wort­wört­li­chen Vor­abend des Zwei­ten Welt­kriegs, am 29. August 1939, arbei­te­te der von ungu­ten Ahnun­gen beschli­che­ne Autor an den Mar­mor­klip­pen, deren Erschei­nen ihm mitt­ler­wei­le »frag­lich« erschien; als ihn dann – bereits bei der Trup­pe – die ers­ten fer­ti­gen Bän­de erreich­ten, war er jedoch beru­higt und nann­te den Roman »das gelun­gens­te« sei­ner Bücher bei den Hanseaten.

Im Anschluß befaß­te sich Prof. Dr. Det­lev Schött­ker mit der Fra­ge nach der Per­son des Otho in den Mar­mor­klip­pen. Die Annah­me, daß es sich dabei um ein Abbild Fried­rich Georg Jün­gers han­de­le, lie­ge natür­lich nahe; den­noch beschrei­be der Roman – das von Ernst Jün­ger selbst meist­kom­men­tier­te sei­ner Wer­ke – eine »Phan­ta­sie­welt«, die Bil­der zahl­lo­ser Regio­nen ver­flech­te. Da aber die ein­schlä­gi­ge For­schung zu sehr auf den NS-Kon­text des Werks fixiert sei, ver­nach­läs­si­ge sie topo­gra­phi­sche Fra­gen. Schött­ker, Her­aus­ge­ber der kom­men­tier­ten Neu­aus­ga­be der Atlan­ti­schen Fahrt, stell­te nun die The­se auf, daß Otho in Wahr­heit durch eine Rei­se­be­kannt­schaft auf Jün­gers Bra­si­li­en­kreuz­fahrt 1936 inspi­riert sei.

Dabei habe es sich um Otto Storch gehan­delt, aller Wahr­schein­lich­keit nach ein Kom­in­tern-Agent, den Jün­ger in sei­nem Rei­se­ta­ge­buch anfangs zwie­späl­tig beur­teil­te, spä­ter jedoch einen regen Brief­ver­kehr mit ihm unter­hielt und sogar sei­ne Auto­bio­gra­phie bei der HAVA zu pla­zie­ren ver­such­te, die dort jedoch abge­lehnt wur­de. Auf die Bedeu­tung der Bekannt­schaft deu­te auch eine bestimm­te Stel­le in der Atlan­ti­schen Fahrt: »Die Feder des Autors ist mit einem Storch­schna­bel ver­bun­den – der zieht die wah­ren Lini­en im Unsicht­ba­ren aus. Dort ists getan.« (in der Erst­auf­la­ge noch ein­deu­ti­ger: »Storch-Schna­bel« statt »Storch­schna­bel« und also eben gera­de nicht der Pantograph)

Schött­ker unter­leg­te sei­ne Aus­füh­run­gen mit zahl­rei­chen Ori­gi­nalp­ho­to­gra­phien Jün­gers aus Bra­si­li­en, die erst kürz­lich durch rei­nen Zufall im DLA Mar­bach wie­der­ent­deckt wor­den sei­en. Sie beleg­ten auch die Prä­fi­g­u­ra­ti­on etli­cher Mar­mor­klip­pen-Ver­satz­stü­cke in Rio und umzu, so der Rau­ten­klau­se, der Schin­der­hüt­te und des Mönchs Lam­pros. In Bra­si­li­en besuch­te Jün­ger auch eine Schlan­gen­farm und mach­te dort mehr Bil­der als auf der gesam­ten wei­te­ren Rei­se – ein star­ker Vor­griff auf die Mar­mor­klip­pen, die ja ursprüng­lich Die Schlan­gen­kö­ni­gin hei­ßen soll­ten. Mit die­sem her­aus­for­dern­den Ansatz einer Neu­be­trach­tung des Werks wur­den die Hörer in die Pau­se entlassen.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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Kommentare (8)

Der_Jürgen

28. April 2017 18:09

Vielen Dank, Nils Wegner. Als glühender Jünger-Verehrer, der die "Marmorklippen" ca. fünfmal gelesen und dari jedesmal wieder Neues entdeckt hat, weiss man Artikel wie diesen zu schätzen. Wertvoll ist auch der Hinweis auf die Netzpräsenz der Gesellschaft.

Friedrich Georg Jüngers Werke kenne ich zu meiner Unehre noch nicht, werde diese Lücke aber in naher Zukunft wenigstens teilweise stopfen.

Maiordomus

28. April 2017 20:47

Super-Beitrag, Herr Wegner, für mich umso wertvoller, zumal mir der Termin der Jünger-Tagung abermals entgangen ist. Die "Marmorklippen" waren tatsächlich nach Jüngers Auffassung kein Buch des Widerstandes, aber eine subtile wie auch zugleich brutale Phänomenologie eines zwar ästhetisch aufgewerteten grausamen Führertums. Den Ausdruck "Innere Emigration" habe ich bei Würdigungen Jüngers stets zurückgewiesen, es war der wohl intensivste Ausdruck innerer Präsenz, in vielfacher Hinsichtr schauderlich (was aber nicht als ästhetisches Urteil gemeint ist) und zugleich eine der stärksten Bestätigungen in der ganzen Weltliteratur für Jüngers Satz, dass Zensur den Stil verfeinere.

@_derjürgen. Der Hinweis auf Friedrich Georg Jünger kann nicht genug betont werden, formuliert doch der weniger beachtete Bruder eines Jahrhundertautors  vielfach weniger pathetisch und auch weniger gekünstelt, was manchmal bei Ernst Jünger als Schwäche ins Gewicht fällt, aber mit womöglich noch höherer ästhetischer Sensibilität. Unter anderem wurde Friedrich Georg ein bedeutender Theoretiker des Spiels und des Spielerischen, was er mit Hugo Rahner gemeinsam hat, dem seinerseits weniger bekannten Bruder des Theologen Karl Rahner. Als Lyriker wurde er zusätzlich ein tiefsinniger Theoretiker des Gedichts und des Rhythmus, was dann Erwin Jaeckle, Bodenseeliteraturpreisträger im Todesjahr von Preisvorgänger Friedrich Georg Jünger, weiterführen sollte. Noch bedeutender scheint mir Friedrich Georg Jünger im Zusammenhang mit der Technikkritik, die, nicht das Gegenteil von Ernst Jüngers "Arbeiter", subtiler formuliert ist, so wie Friedrich Georg Jünger als Dichter und Denker stets auch noch über eine zukunftsweisene ökologische Orientierung verfügte. Gut bekannt war er ausserdem mit Leopold Ziegler, ebenfalls einem in Überlingen lebenden frühen Bodenseeliteraturpreisträger, der zugleich Staatsphilosoph und Religionsphilosoph war, Goethe-Preisträger, mit dem Motto "Um einen Goethe von innen bittend", was wiederum gut zu Friedrich Georg Jünger passt. Zu bewundern bleibt bei diesem bedeutenden Autor, der in den letzten 20 Jahren von einer kleinen Lesergemeinde wieder entdeckt wurde, die Unaufgeregtheit seiner Diktion. Ich habe freilich längst nicht alles von dessen umfangreichen Werk gelesen, noch aus historischen Gründen würde interessieren, wie Friedrich Georg Jünger sich 1926 zum Thema "Der Aufmarsch des Nationalismus" ausgelassen hat. Was ihm am Nationalsozialismus nicht passte, den er nicht gerade bedingungslos abgelehnt hat, wobei er immerhin die Reichsschrifttumskammer mit Erfolg boykottierte, war das für jene sogenannte Weltanschauung wesentliche Element des Fanatismus, so wie sich ja Hitler bekanntlich in "Mein Kampf" als "fanatischen Nationalisten" vorstellte. Fürwahr, Friedrich Georg Jünger war nicht nur ein poeta doctus, ein gelehrter Autor, auch einer der wenigen Autoren, welche noch bis in die Siebzigerjahre hinein den Rang eines Humanisten beanspruchen konnten. Er bedeutet mir mehr als Martin Walser, der zwar ebenfalls Bodenseeliteraturpreisträger war. Unter der letztgenannten Gattung ist der Psalmenübersetzer Arnold Stadler * 1954 wohl noch einer der verbliebenen Grössen, wiewohl nicht ganz mit der theoretisch-ästhetischen Breite und Ziselierung von Friedrich Georg Jünger.

Für "glühende Verehrung", _derjürgen, eigneten sich die Brüder Jünger meines Erachtens nur bedingt, weil sie sich beim Schreiben bewusst um eine gewisse Kühle bemühten. So meisterhaft Ernst Jünger in seinen Pariser Tagebüchern, selbst noch in der bis jetzt wohl ausdrucksstärksten und exaktesten Beschreibung einer Hinrichtung, die es in der deutschen Literatur gibt. Im Briefwechsel Ernst Jünger - Carl Schmitt ist mir mit der Zeit das nicht geringe neiderfüllte Ressentiment aufgefallen, von dem Schmitt, nach dem Krieg weit weniger anerkannt und gerühmt als Jünger, vielmehr berüchtigt, sich mehr und mehr vereinnahmen liess.

Der_Jürgen

28. April 2017 23:48

@Maiordomus

Besten Dank für Ihren sehr kenntnisreichen Kommentar. Dass Carl Schmitt gegenüber Ernst Jünger ein "neiderfülltes Ressentiment" empfand, verwundert mich ein wenig. Neid empfindet man doch auf einen Rivalen auf seinem eigenen Gebiet. Man hat Schopenhauer - ob zu Recht oder Unrecht, sei dahingestellt - unterstellt, sein Hass auf Hegel sei von Neid bestimmt gewesen, weil der "Unsinnsschmierer", wie er ihn liebenswert betitelte, so viel berühmter und erfolgreicher war als er selbst - wenigens anfangs. Doch wie konnte Schmitt als Jurist einen Romanautor beneiden?  Na ja, das Toyota-Motto "Nichts ist unmöglich" gilt offenbar überall...

Caroline Sommerfeld

29. April 2017 01:47

Dazu hat sich mein Mann Gedanken gemacht. "Drei Männer im Schutt" handelt vom sich gegenseitig beäugenden Trio Benn-Jünger-Schmitt nach 1945. Wer knickt als erster ein? Wer war tiefer verstrickt? Wer hält den Habitus der "kalten persona" am längsten durch? Wer war der Größte?

Maiordomus

29. April 2017 09:23

Jüger war natürlich, wie sein weniger promienter Bruder Friedrich Georg, nur zum Kleinsten und nicht zum Besten ein Romanautor. Er führte das "Tagebuch des Jahrhunderts" uind schrieb mit "Der Arbeiter", bei allen Missverständlichkeiten, eine der bedeutendsten kulturphilosophischen Analysen des Jahrhunderts, Adorno noch lange ebenbürtig wenn nicht überlegen. Ausserdem sind "Drogen und Rausch" sowie "Subtile Jagden", letzteres das beste Buch aller Zeiten über Käfer,  nun mal unübertreffliche Sachbücher. Auch Nichtlinke nehmen das zur Kenntnis, sofern sie nicht, wie die meisten, durch Ressentiments von der Lektüre abgehalten werden. Jünger wird man, wie Montaigne, wohl auch noch in 400 Jahren lesen. Rein belletristisch ist aber wohl "Die Eberjagd" eine Geschichte, von der es allenfalls gleich gute gibt in der deutschen Literatur, aber keine besseren. Von solchen Texten waren übrigens jeweils auch Schüler begeistert, aber bekanntlich wird Jünger im Unterricht über weite Strecken boykottiert.

Rohmer

29. April 2017 17:38

@ Caroline Sommerfeld:

Vielen Dank für den Hinweis zum Text ihres Mannes. Die Anthologie werde ich mir gerne besorgen. Ich weiß nicht, wie Benn sich im Nachkrieg öffentlich äußerte und wie er dachte, da meine detailliertere Beschäftigung mit ihm noch ins Haus steht, aber folgt man der rudimentären Darstellung Benns in Rudolf Ditzens "Der Alpdruck", so scheint er mir im inneren alles andere als kühl geblieben zu sein.

Maiordomus

29. April 2017 21:34

@Rohmer. Der bedeutendste Beitrag Benns in der Nachkriegszeit wor der Radiovortrag kontrovers mit dem Frankfurter Friedenspreisträger Reinhold Schneider zum Thema "Soll die Dichtung das Leben bessern", wo er die nicht moralistisch orientierte Antithese verfocht, eine Haltung, die er schon seit der Zeit des Expressionismus vertrat. Klar, dass sich der Mann von Sommerfeld gegen Benn, Jünger und Schmitt abschottet, das sollte für uns kein Grund sen, uns dafür gegen Brecht oder Heinrich Mann abzuschotten.

Rohmer

30. April 2017 14:53

@ Malodormus:

Vielen Dank für den Hinweis auf die Radiosendung. Inwiefern schottet sich Herr Lethen denn ab? Der von Fr. Sommerfeld gesetzte Verweis auf google books funktionierte bei mir leider nicht richtig, der Text konnte nicht angezeigt werden. Da mich das Thema aber reizt, werde ich mir die Aufsatzsammlung wohl einfach kaufen. Ich möchte mich eigentlich nicht gegen etwelche Literatur grundsätzlich "abschotten", manche Lektüre wird aber schon durch die eigene Setzung negativ selektiert. H. Mann und Brecht gehören da bei mir aber nicht zwangsläufig dazu, eher Autoren wie Weiss, Grass und Böll. 

Zurück zu den "Marmorklippen": Vor kurzem habe ich erstaunt festgestellt, dass Philip K. Dicks "Das Orakel vom Berge" ("The Man in the High Castle") die Widmung "An Ernst Juenger für 'An den Marmorklippen'" trägt. Eine bemerkenswerte Tatsache, wie ich finde. Die US-amerikanische gesellschaftkritische Science-Fiction hat Jünger rezipiert? Hat Jünger womöglich solche Bücher gelesen? Das Phantastische nimmt in seinem eigenen Werk ja einen nicht eben geringen Stellenwert ein. 

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