Sezession
25. April 2017

Wer denkt subjektiv?

Caroline Sommerfeld / 23 Kommentare

Roger F. Devlins Sex, Macht, Utopie irritiert nachhaltig, weil dieses Buch die intime Wahrnehmung von Mann und Frau vom Kopf auf die Füße stellt, wir nicht mehr Herren im eigenen Hause der Beziehungen sind, das eigene Handeln doch bloß Erleben ist. Devlin versachlicht die Seelen. Natürlich hat Devlin als Reduktionist große Vorbilder, das "Gattungsmäßige" im Individuum sollte uns nicht fremd sein.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

  • Sezession

Sein Angriff auf den Feminismus ist ein Angriff auf die mächtige Subjektivierung der Frau. Frauen halten sich selbst, kaum daß sie als Mädchen in den Genuß der Sozialisation durch ihre feministischen Mütter, einschlägige Medien und Kampagnen kommen, für unterdrückte Objekte. Sie glauben dann, endlich ergreifen zu müssen, was ihnen zusteht: Subjektstatus, Selbstermächtigung, Selbstbewußtsein.

Sich als Frau über Ansprüche und Rechte zu definieren, die ihr als Individuum zustehen, geht von einem Bild aus, einem "sozialen Konstrukt", das alles Gesellschaftliche ausblendet. Das ist insofern paradox, als Emanzipation, Ansprüche und Rechte wesentlich gesellschaftliche Vorstellungen sind. Die Feministin bastelt sich das Paradox so zurecht: die patriarchale Gesellschaft unterdrückt mich, deswegen sind meine Probleme "gesellschaftliche Probleme". Doch anders als der klassische Marxismus und Anarchismus und der zweite Feminismus lösen gegenwärtige Frauen das Problem durch eine radikale Subjektivierungssemantik: ich werde unterdrückt, dabei habe ich doch das Recht auf Durchsetzung meiner Bedürfnisse!

Feminismus in seiner aktuellen Erscheinungsform ist Narzißmus. Gegen diesen Narzißmus objektiviert Devlin heftig an, indem er diesen Frauen sagt: Ihr seid keine Subjekte, vergeßt es, ihr seid  gattungsmäßige Objekte, und indem er den Männern sagt: nehmt ihren Subjektivismus nicht ernst, was ihr braucht, sind geeignete Objekte zur Gründung einer Familie, denn diese hat objektiv Bestand.

Im Standard konnte man vor ein paar Tagen auf einer Seite zwei Artikel über Afrika lesen. Der obere handelte davon, den afrikanischen Kontinent mit elektrischem Strom zu versorgen, um Bildung und medizinische Versorgung zu ermöglichen. Der untere Artikel verkündete das Unheil der Demographie: allein in Nigeria werden in einem Jahr so viele Kinder geboren wie in ganz Europa, und die überzähligen von ihnen scharren in den Startlöchern gen Europa. Das Problem tritt ganz offen zutage, doch im Standard verkündet man als Lösung Bewußtseinsstärkung vor Ort für "Frauenrechte" und "Familienplanung".

Der Globalismus als entwicklungshelfender Interventionismus subjektiviert die demographische Katastrophe auf das Niveau der konkreten Afrikanerin. Er suggeriert, sie hätte dieselben Selbstermächtigungswünsche wie die postmoderne Feministin. Und wenn sie diese noch nicht hegt, sondern "Gebärmaschine" ist, dann muß die Afrikanerin gebildet werden. Man ist versucht, zu überlegen, ob eigentlich flächendeckende Stromversorgung mehr oder weniger Kinder bringt. Vom subjektiven Standpunkt kommt man offensichtlich auch mit der klarsten Sicht („It's the demography, stupid!“ heißt der Text) auf die maximal objektivierende Wissenschaft, die Statistik, kaum wieder weg.

Der historische Blick ist objektivierend, führt weg vom Einzelschicksal. Das bedeutet: wer in Geschichte denkt, denkt nicht in Geschichten. Das bedeutet aber auch: man kann nur subjektiv-ahistorisch oder objektiv-historisch denken. Der einzelne Afrikaner als potentieller oder realer Migrant ist individuelles Rechtssubjekt, für den laut neuester EU-Parlamentsentschließung gilt, "dass Personen, die durch die Folgen des Klimawandels vertrieben werden, ein spezieller internationaler Schutzstatus gewährt werden sollte".

Durch die Anerkennung von "Klima" als Asylgrund hebt sich die Semantik der Subjektivierung selber auf. Die Zahl von "244 Millionen freiwilligen und unfreiwilligen internationalen Migranten" kann nicht mehr sinnvoll auf Subjekte gerechnet werden. Die Kriterien "Benachteiligte und Schutzbedürftige, wie etwa Frauen, […] LGBTI-Personen, Menschen mit Behinderungen" hier für reklamierbare Sonderrechte von Migranten überhaupt in Anschlag zu bringen, bedeutet, einen fatalen subjektivistischen Kategorienfehler zu begehen. Ich will es so fassen: jeder Mensch ist potentiell Subjekt, aber wenn es jeder Mensch wirklich wird, dann ist es keiner mehr.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der Großmeister der dialektischen Vermittlung des Objektiven mit dem Subjektiven, schrieb 1807 Wer denkt abstrakt?, einen bissigen kleinen Angriff auf die "feine empfindsame Leipziger Welt", die damaligen "Gutmenschen".

Sie bildeten sich ein, mächtig "abstrakt zu denken", es gehörte zum guten Ton, in geselliger Runde moralisch zu philosophieren. Doch Hegel hält ihnen vor, daß der "ungebildete Mensch (abstrakt denkt), nicht der gebildete."

Ein Mörder wird zur Richtstätte geführt. Das Volk sieht ihn ihm nichts als das Abstraktum: "der Mörder". Die "schöne Welt" der

Menschenkenner sucht den Gang auf, den die Bildung des Verbrechers genommen, findet in seiner Geschichte schlechte Erziehung, schlechte Familienverhältnisse des Vaters und der Mutter, irgendeine ungeheure Härte bei einem leichteren Vergehen dieses Menschen, die ihn gegen die bürgerliche Ordnung erbitterte, eine erste Rückwirkung dagegen, die ihn daraus vertrieb und ihm jetzt nur noch durch Verbrechen sich noch zu erhalten möglich machte.

Durch Konkretisierung (Psychologisieren der Sozialisation des Individuums) wird es unmöglich, das Objektive zu sehen. Heutigen Mördern begegnet die "schöne Welt" auf dieselbe subjektivierende Weise:

Verblüffenderweise geht ein Bericht des Senders CBS auf Zehenspitzen darüber hinweg, daß hier soeben ein männlicher Schwarzer zugegeben hat, weiße Männer aus Haß getötet zu haben. Stattdessen konzentriert sich der Bericht auf schockierende Behauptungen, daß Muhammads Familie wegen der von ihm begangenen Morde rassistisch belästigt wurde.

Wer demonstrativ gut sein will, abstrahiert nicht, sondern verharrt trotzig im Subjektiven. Hegel wäre nicht der, als den wir ihn kennen, wenn es damit sein Bewenden hätte. In der „Ästhetik“ (1835) liest sich seine Abrechnung mit der "romantischen" Subjektiviererei so:

Je partikulärer nun der Charakter ist, der nur sich selber festhält und sich dadurch leicht dem Bösen nähert, desto mehr hat er sich in der konkreten Wirklichkeit nicht nur gegen die Hindernisse zu behaupten, die sich ihm in den Weg stellen und seine Realisation hemmen, sondern desto mehr wird er auch durch diese seine Realisation selber dem Untergange entgegengetrieben. Indem er sich nämlich durchsetzt, trifft ihn das aus dem bestimmten Charakter selbst hervorgehende Schicksal, ein selbstbereitetes Verderben.

Subjektivierer ist man nicht aus Dummheit oder weil man aus persönlicher Befangenheit außerstande ist, die "Empfindungsseele" (Rudolf Steiner) zu überschreiten. Das einfache Volk ist nicht naiv, es sieht die "konkrete Wirklichkeit": das Objektive, die großen Züge, das Historische.

Selbstverwirklichung – Hegel sagt: "Realisation" – des mündigen Subjekts ist eine romantische Erfindung, die hart auf die Wirklichkeit stößt. Es ist die Wirklichkeit der Biologie, der Demographie, der Gewalt. Ein "selbstbereitetes Verderben" ereilte 1835 nur den, der selber zu sehr Subjekt sein wollte. Wer aber diese Romantik globalisiert, führt heute mehr als sich selbst in den Untergang.

Was hilft gegen subjektivierendes Denken? Antifeminismus, Statistik, Hate facts, historisches Denken, Metapolitik. Schön und gut, das Objektivieren läßt sich subjektiv-individuell lernen. Nur was tun, wenn das Subjektivieren die Welt fest im Griff hat? Gegenanobjektivieren ist einzig vernünftig und debattentauglich, ändert aber nichts daran, daß die globalisierte Linke die Weltgeschichte bereits aggressiv enthistorisiert hat. Ob es dann noch klug ist, mit Hegel auf die dialektische Selbstzerstörung des "partikulären Charakters" zu setzen?

Doch da gibt es noch ein anderes Mittel, im selben "Wer-denkt-abstrakt?"-Bilderbogen:

Alte, ihre Eier sind faul, sagt die Einkäuferin zur Hökersfrau. Was, entgegnet diese, meine Eier faul? Sie mag mir faul sein! Sie soll mir das von meinen Eiern sagen? Sie? Haben ihren Vater nicht die Läuse an der Landstraße aufgefressen, ist nicht ihre Mutter mit den Franzosen fortgelaufen und ihre Großmutter im Spital gestorben, – schaff sie sich für ihr Flitterhalstuch ein ganzes Hemd an; man weiß wohl, wo sie dies Halstuch und ihre Mützen her hat; wenn die Offiziere nicht wären, war jetzt manche nicht so geputzt, und wenn die gnädigen Frauen mehr auf ihre Haushaltung sähen, säße manche im Stockhause, – flick sie sich nur die Löcher in den Strümpfen! – Kurz, sie läßt keinen guten Faden an ihr. Sie denkt abstrakt und subsumiert sie nach Halstuch, Mütze, Hemd usf. wie nach den Fingern und anderen Partien, auch nach [dem] Vater und der ganzen Sippschaft, ganz allein unter das Verbrechen, daß sie die Eier faul gefunden hat; alles an ihr ist durch und durch mit diesen faulen Eiern gefärbt, dahingegen jene Offiziere, von denen die Hökersfrau sprach – wenn anders, wie sehr zu zweifeln, etwas daran ist –, ganz andere Dinge an ihr zu sehen bekommen mögen.

Es kommt darauf an, in diesem Sinne "abstrakt zu denken", wenn alles mit diesen faulen Eiern gefärbt ist! Und nichts anderes passiert gegenwärtig im Meme war im Internet, in endlosen Verarschungen, symbolischen IB-Aktionen, Viral videos, sogenannten „Haßkommentaren“, höherem und niederem Blödsinn. Linke, eure Eier sind faul!


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Kommentare (23)

Der Gehenkte
25. April 2017 23:56

Beim ersten Lesen des Beitrages hatte ich gleich mehrere Aha-Erlebnisse, beim zweiten stellten sich die Fragen ein.

1. Es bietet sich eine provokative Gegenüberstellung an:

@CS: „Sich als Frau über Ansprüche und Rechte zu definieren, die ihr als Individuum zustehen, geht von einem Bild aus, einem "sozialen Konstrukt", das alles Gesellschaftliche ausblendet. Das ist insofern paradox, als Emanzipation, Ansprüche und Rechte wesentlich gesellschaftliche Vorstellungen sind.“

Volker Weiß schreibt in „Die autoritäre Revolte“ fast spiegelbildlich: „Es gehört zu den Paradoxien Donovans, daß sein als Kreuzzug gegen die Gender-Theorie angelegter Lobgesang auf den männlichen Mann das Geschlecht selbst immer wieder über soziale Praktiken definiert. Daß er den Gender-Begriff damit bestätigt, statt ihn zu widerlegen, fällt seinen Anhängern nicht auf.“ (231) Hier böte sich eine Gelegenheit für „seine Anhänger“, darauf zu antworten.

2. Es steht außer Frage, daß die „romantische Idee“ der Selbstverwirklichung, würde sie weiter als die europäische Kultur greifen, zum globalen Katastrophenfall führen muß. Man wird sich dagegen aber nicht wehren können (also sollte man es?) und es ist ohnehin die Frage, ob tribale Kulturen überhaupt dazu in der Lage und Willens sein werden. Besteht die Gefahr also tatsächlich?

3. Den Konflikt zwischen Subjektivierung und Objektivierung herausgearbeitet zu haben, ist der wichtigste positive Ertrag. Diesen Kategorienfehler kann man von nun an in Diskussionen argumentativ verwenden. Aber die harte Gegenüberstellung scheint mir übers Ziel hinauszuschießen, was im Kontext Hegel umso deutlicher wird. Sollte man das Verhältnis nicht dialektisch betrachten und nach einer Aussöhnung, nach einer Verwindung suchen, den objektiven Blick eisern trainieren, ohne die jeweilige Subjektivität gleich über Bord zu werfen? Kubitschek hatte irgendwann mal sinngemäß gesagt: Das sind wirkliche Schicksale, wir können uns dem Anbranden der Bedrängnis nicht verschließen.

4.Das einfache Volk ist nicht naiv, es sieht die "konkrete Wirklichkeit": das Objektive, die großen Züge, das Historische.“ Welche Anhaltspunkte gibt es denn für diese Sicht? Man müßte wohl erst klären, was das „einfache Volk“ ist – wie ich es verstehe, da sehe ich fast nur reinen Subjektivismus. Das „einfache Volk“ ist komplett abstraktionsunfähig, geschichtsvergessen und wird es mit der Zerstörung der Familie immer mehr auch auf ganz subjektivem Terrain.

5. Den Schwenk zum Meme war verstehe ich überhaupt nicht. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Großartige Sätze:

 Der Globalismus als entwicklungshelfender Interventionismus subjektiviert die demographische Katastrophe

Der historische Blick ist objektivierend, führt weg vom Einzelschicksal. Das bedeutet: wer in Geschichte denkt, denkt nicht in Geschichten. Das bedeutet aber auch: man kann nur subjektiv-ahistorisch oder objektiv-historisch denken.

Durch die Anerkennung von "Klima" als Asylgrund hebt sich die Semantik der Subjektivierung selber auf.

Jeder Mensch ist potentiell Subjekt, aber wenn es jeder Mensch wirklich wird, dann ist es keiner mehr.

Wer demonstrativ gut sein will, abstrahiert nicht, sondern verharrt trotzig im Subjektiven.

Wer aber diese Romantik (der Selbstverwirklichung) globalisiert, führt heute mehr als sich selbst in den Untergang.

Martin Lichtmesz
26. April 2017 03:37

„Es gehört zu den Paradoxien Donovans, daß sein als Kreuzzug gegen die Gender-Theorie angelegter Lobgesang auf den männlichen Mann das Geschlecht selbst immer wieder über soziale Praktiken definiert. Daß er den Gender-Begriff damit bestätigt, statt ihn zu widerlegen, fällt seinen Anhängern nicht auf.“ (Volker Weiß)

Das ist mal wieder sowas von extraordinär dumm. Weiß ist offenbar außerstande, einen komplexen Gedanken zu erfassen, und dann sieht er überall Widersprüche und "Paradoxien". Hier etwa geht es um das Wechselspiel von Natur und Kultur. Ihm mangelt es sichtlich an Lesekompetenz, sonst würde er nicht ständig versuchen, anhand von Strohmännern seine vermeintliche Schläue zu demonstrieren, was jedesmal peinlich nach hinten losgeht. Kein Kritiker des Gender-Begriffs hat jemals geleugnet, daß sich das Geschlecht im sozialen Bereich über "soziale Praktiken definiert" oder besser gesagt manifestiert. Der wesentliche Punkt ist, den Kurzschluß zurückzuweisen, daß Geschlecht nichts weiter als ein "soziales Konstrukt" sei und darum beliebig sozial (de-)konstruierbar sei. Denn die besagten sozialen Praktiken haben eine klare biologische Basis, wie Donovan ständig betont und nachweist, was Weiß offenbar nicht aufgefallen ist.

Monika L.
26. April 2017 10:07

Dieser Text irritiert mich nachhaltig. Ich verstehe ihn einfach nicht. Was will uns die Autorin damit sagen ? Ich benötige zum Verstehen Beispiele. Mir erschließt sich die Welt nicht über eine Theorie. Wer denkt subjektiv? Vielleicht denken sehr viele Menschen nicht subjektiv. Aber: Gefühle sind doch immer subjektiv, oder? Jeder Mensch fühlt als Einzelner. Jeder Mensch hat ein Schicksal. Das ihn über alle Objektivierungen hinweghebt. 

Konkret: Ich wurde von keiner feministischen Mutter sozialisiert. Sondern von einer katholischen Hausfrau, die mit Selbstverwirklichung nichts am Hut hatte. Frauen galten als " gattungsmäßige Objekte". Spruch meines Opas: ' Wenn Frauen sterben, kein Verderben. Wenn Pferde verrecken, welch ein Schrecken' . 

Auch ohne feministische Theorie im Hinterkopf fühlte ich, dass mir dieses "objektivierte Frauenbild" gar nicht gefiel. Und rebellierte dagegen. Im Relionsunterricht nach dem Sinn des Lebens gefragt, antworteten in den 60-er Jahren 90 Prozent der Mödchen : Heiraten und Kinderkriegen. Das Wort "Selbstverwirklichung" war in diesen Jahren weitgehend unbekannt. Selbstverwirklichung und individualisiertes Denken gibt es m. E. erst mit zunehmender Bildung, Wohlstand und Konsum. Das ist die Ursache für Individualisierung. Und nicht eine Theorie. Ein "Flüchtling", der im Zuge seines "Migrationsabenteuers" zu bescheidenem Konsum ( Smartphone, Klamotten usw. ) oder Alphabetisierung kommt, wird individualistischer.

Und damit kommen wir zur  flöchendeckenden Stromversorgung. Da war zu lesen, dass ein ' Flüchtling' Urlaub in Aleppo macht. Allerdings nach Deutschland zurückkehrt, weil es in Aleppo mit der Strom- und Wasserversorgung nicht so klappt. Höchstwahrscheinlich wird dieser ' Flüchtling' in Deutschland nie bei den Wasserwerken arbeiten. Aber vielleicht kommt er ins Nach- denken. Oder die nordafrikanische Frau, die in  der Frankfurter Kleinen Markthalle unbegrapscht die Auslagen erforschen kann. ( na ja, stimmt auch immer weniger) . Die kam vielleicht auch mal ins Nach-denken. Die begrapschte einheimische Frau kommt allerdings auch immer mehr ins Nachdenken. 

Was will ich jetzt eigentlich sagen? Warum muß das Individuelle gegen das Kollektive ausgespielt werden? Kann man nicht beides im Blick haben? Als (noch) zivilisierter Europäer. Da wird es demnächst noch weitere nachhaltige Irritationen geben, was das Kollektive und Individuelle betrifft. Das führt dann auch zu neuen Theorien. Und Dekonstruktionen.

Gerrit
26. April 2017 11:45

Eine Versöhnung des Objektiven mit dem Subjektiven ist unabdingbar. Wer sich selbst nicht als Subjekt begreift, sondern sich nur "in historischen Zusammenhängen sieht", wird in der Realität scheitern. Wer seinen Mitmenschen nur als Gattungsobjekt betrachten kann, wird diesen nicht gerecht. Das moderne Problem scheint mir eher zu sein, dass die subjektive Sicht dominiert. Und dies führt zu Verwerfungen. Ein Beispiel aus meinem Feld: Der Richter muss den Einzelmenschen sehen und ihn anhand dieser Befunde beurteilen. Eine "Gattung", gleich welcher Art, spielt bei dieser Betrachtung keinerlei Rolle. Der Richter, der dies nicht kann, sondern Politik betreiben, statt Herrschaft über ein Einzelschicksal ausüben will, ist völlig fehl auf seinem Platz.  Ganz ander der Gesetzgeber. Der Gesetzgeber darf eine solche subjektive Sicht nicht einnehmen (tut es aber fortwährend), will er nicht korrumpiert werden. Der Gesetzgeber muss sich auf das "Große Ganze" konzentrieren und darf dabei auf Härten auf das Leben einzelner keine Rücksicht nehmen. Wer das nicht kann, hüte sich vor Gesetzgebung und Verwaltung. Im Alltag ist dies ebenso: Ich kann Einzelschicksale von Immigranten rührend finden und dem einzelnen Menschen seine Suche nach Glück in unserem Land von Herzen gönnen, gleichzeitig aber die Massenimmigration kulturfremder Menschen in unser Land ablehnen. Dies ist eben kein Widerspruch.

Desprecio
26. April 2017 12:01

@ "Monika L." / 26.April, 08:07

Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dies war wohl das Mindeste, was zu diesem Artikel gesagt werden musste. Da man die Distanz im eigenen Lager nicht zu gross werden lassen sollte, enthalte ich mich bewusst eines eigenen Beitrags.

Rex Regum
26. April 2017 12:15

Es gilt wie schon in der Romantik: Individuum est ineffabile!

Maiordomus
26. April 2017 13:37

"Das einfache Volk" sollte man nicht definieren, eher geht es darum, sich zu fragen, was das Subjekt und vor allem das Objekt der Volkskunde ist. Es gibt methodisch den volkskundlichen Ansatz, und bei diesem spielen Geschlechterfragen, wenn möglich unbefangen betrachtet, nicht im Sinne eines Geschlechterkampfes, nun mal eine Rolle. Das Wichtigste, was sich aus dem volkskundlichen Ansatz ergibt, ist eine empirisch nicht und niemals wegzudiskutierende Geschlechterdifferenz. Klar, Monika, schrieb Frau Sommerfeld in Sachen Klarheit eher in Unterform. Noch gut die kritische Ergänzung von Lichtmesz betreffend Volker Weiss.

quarz
26. April 2017 15:02

@Monika

"Selbstverwirklichung und individualisiertes Denken gibt es m. E. erst mit zunehmender Bildung, Wohlstand und Konsum."

Ich weiß nicht. Wenn die Herde zu Wohlstand gelangt, konsumiert sie dann nicht einfach kollektiv Sushi anstatt kollektiv Currywurst? Und selbst bei der Bildung habe ich Zweifel. Zumindest dann, wenn diese einfach darin besteht, die Narrative einer bestimmten sozialen Schicht und deren "Hurra!"/"Buh!"-Katalog zu übernehmen.

Heinrich Brück
26. April 2017 15:21

"Warum muß das Individuelle gegen das Kollektive ausgespielt werden?"

Damit der Große Austausch als normal angesehen werden kann, wird die Individualisierung der Nationalerziehung vorgezogen. Für die individualisierte Konsummonade globalistischer Hoffnung, die kein Kollektivindividuum ist, gibt es gute und nichtgute Menschen. In der Gegenwart eines solchen Individuums, was mir immer besondere Freude bereitet, ein Kollektiv mit dem Namen Deutsches Volk anzusprechen, weckt den anerzogenen Killerreflex gegen sich selbst, gerade weil das Individuelle zukunftslos bleiben muß.

Natur und Realität bleiben einschätzbare Konstanten; und nur im nichtglobalistischen Kollektiv kann das Individuum seine Existenz historisch verteidigen.

Der_Jürgen
26. April 2017 15:24

@Monika L. @Desprecio

Mir fällt es schwer, Ihre Kritik zu begreifen. Dieser Text ist doch eine wahre Fundgrube von Ideen und scharfsinnigen Formulierungen. (Über Hegel äussere ich mich nicht, da ich davon nichts verstehe; hierzu sollen sich besser qualifizierte Foristen wie der Gehenkte oder Maiordomus äussern).

Zum Satz "Das einfache Volk ist nicht naiv, es sieht die konkrete Wirklichkeit..." äussert sich der Gehenkte kritisch; das einfache Volk, argumentiert er, sei abstraktionsunfähig. Dies stimmt; es gilt aber auch für die meisten Intellektuellen, die nicht fähig oder nicht gewillt sind, elementare Zusammenhänge wie den zwischen dem Schuldkult und der Ankurbelung der Einwanderung zu erkennen, die für uns auf der Hand liegen.

Andererseits ist das einfache Volk in seiner grossen Mehrheit nicht so naiv, dreiste Lügen wie die, dass die "Flüchtlinge" für Deutschland eine Bereicherung seien, dass sie den Deutschen einst die Renten zahlen würden und dass ihre Aufnahme eine "humanitäre Pflicht" sei, zu schlucken. Immerhin haben in Österreich 80% der Studenten und Universitätsprofessoren für van der Bellen gestimmmt und 80% der Arbeiter für Hofer. Dies zeigt doch wohl, welche Gruppe die Lage realistischer einschätzt.

RMH
26. April 2017 16:42

Beim Thema Feminismus und Emanzipation ist ein Aspekt, der gerne von Linken übersehen wird, dass hier maßgeblich gar nicht das Subjekt der einzelnen Frau und deren Rechte und "Selbstverwirklichung" im Blick steht (bzw. wird dies nur vorgetäuscht), sondern dass es um die totale Mobilmachung des Arbeitskräfte-Faktors Frau geht. Dies wurde in Zeiten der Kriegsproduktion bereits im letzten Jahrhundert besonders deutlich. Die moderne Frau hat fachlich besser zu sein als der Mann (und erzeugt damit auch bei diesen faulen Säcken für Belebung durch Konkurrenz), volle Arbeit zu leisten und darf dafür sogar auch das eine oder andere Kind zu Welt bringen, vorausgesetzt, dass dieses dann wieder zur Krippe, in den Kindergarten etc. gebracht wird, damit an diesem Nachwuchs wieder Wertschöpfung betrieben werden kann (und als netter, gewollter Nebeneffekt: erzieherischer Einfluss genommen werden kann).

Mit Emanzipation im Sinne eines Ausgangs aus einer Unmündigkeit und Abhängigkeit hat das am Ende nur noch recht wenig zu tun, im Gegenteil, der moderne Weg der Frau scheint doch zu ziemlich viel Unwohlsein zu führen, wenn man die tausenden von Mittelchen und "Frauengold"-Derivate sieht, die am Markt angeboten und beworben werden.

Von der vermeintlichen Unfreiheit im Patriarchat zum Sklavendasein in einer modernen Konsum- und Leistungsgesellschaft. Zumindest in Punkto Sklavendasein teilen die meisten Frauen nunmehr völlig gleichberechtigt das Schicksal mit den Männern.

Caroline Sommerfeld
26. April 2017 17:26

@ Gehenkter:

Das unbegreifliche meme war-Ende meines Artikels will ich ein wenig verdeutlichen.

Wenn meine Diagnose stimmt, und die Subjektivierei der Kern der globalistischen Ideologie ist, und die Leute vom Denken in großen, abstrakten, objektiven Zügen systematisch abbringt, dann kann man als Antidot zweierlei verschreiben:

1.) Objektivieren. Dazu dienen wie gesagt methodisch Statistik, Demographie, Fakten, historische Argumente. Dieses Gegenmittel wirkt auf rationale Weise und auch im hegelschen Sinne aufhebend, in Richtung einer ideologischen Gesundung als Synthese. Nur zweifle ich stark, ob das Mittel noch greift, ob wir durch kluges Argumentieren ernsthaft heilen können.

2.) Verarschen. Das Mittel des Lächerlichmachens, des Unterhöhlens, der Subversion könnte an Stellen der Infektion hingelangen, die der Objektivierung unzugänglich sind. Die völlig überdrehte, fast dadaistische Schimpftirade der Hökersfrau über die "faulen Eier" ist eine Abstraktion. Das hat alles nichts mehr mit dem "Individuum" zu tun, das da unfair und justiziabel mit einem Schmutzkübel voll hate speech überschüttet wird. In diesem Sinne erkennt, wie @Jürgen ja auch schrieb, das "Volk", das noch nicht vollends durchsubjektiviert ist, manchmal die groben Züge völlig korrekt. Ich hab da eine gewisse Hoffnung auf das Jungvolk, die tagaus, tagein Verarschungsvideos und memes teilen. Humor muß per definitionem abstrahieren!

Desprecio
26. April 2017 21:56

@  "Der_Juergen"

Schön, wieder etwas von Ihnen zu hören. Ich hatte Sie schon vermisst. Ich hoffe doch, dass nicht ich Sie mit meiner bescheidenen Kritik an der Autorin C.S. unfreiwillig aus der Versenkung gelockt habe !?

Hartwig aus LG8
26. April 2017 22:16

@ Der_Jürgen

Ihre Schlussfolgerungen im letzten Absatz stimmen nicht. Die studentischen und professoralen van-der-Bellen-Wähler sehen durchaus die Verderbnis für das eigene Land. Nur stören sie sich daran nicht  bzw. saugen Honig und laben sich daran. Aber sei's drum. Trotzdem schön, mal wieder nach längerer Pause von Ihnen zu lesen.

Der Gehenkte
26. April 2017 22:49

@ Der_Jürgen: "Andererseits ist das einfache Volk in seiner grossen Mehrheit nicht so naiv, dreiste Lügen wie die, dass die "Flüchtlinge" für Deutschland eine Bereicherung seien, dass sie den Deutschen einst die Renten zahlen würden und dass ihre Aufnahme eine "humanitäre Pflicht" sei, zu schlucken."

Es ging um Subjektivierung und Objektivierung. Wenn das "einfache Volk" ein gesundes Gespür für Deformationen hat, ein Gefühl oder dergleichen, dann ist das eine Form der Subjektivierung, sogar einer extremen Subjektivierung, denn das Gefühl kommt aus einer individuell empfundenen Bedrohungssituation. Es hat mit Einordung in einen großen historischen oder abstrakten, objektivierenden Zusammenhang gerade nichts zu tun. Zwar mögen 80% dieser Leute "richtig" wählen, ob sie es aus den "richtigen" Gründen tun, ist eine andere Frage. Böte eine andere, eine radikal linke Partei ein Artikulationsventil, würden sie auch dort ihr Kreuzchen machen.

Es ist wichtig, die Begriffe nicht zu vermischen, denn nur so kann es eine halbwegs akkurate Lagenalyse geben und die wiederum ist Voraussetzung - wenn auch keine Garantie - für korrekte politische Entscheidungen. Davon hängt ab, inwieweit "das Volk" wirklich metapolitisch erreichbar ist, sei es über Theorie (Text) oder Praxis (z.B. Pegida-Reden, symbolische Aktionen etc.)

@ Caroline Sommerfeld: "Das Mittel des Lächerlichmachens, des Unterhöhlens, der Subversion..."

Habe ich schon mal irgendwo gehört: "Gesellschaftliche Strukturen, Wissensordnungen und kulturelle Formationen (Diskurse), so eine Voraussetzung der meisten Poststrukturalisten, sind grundsätzlich mit Macht­formen verknüpft, welche deren Geltung und hierarchische Ordnung etablieren und dazu Herrschafts­verhältnisse produzieren und stabilisieren. Ein zentrales Motiv ist daher für viele Poststrukturalisten, wie derartige Herrschaftsordnungen durch subversive (unterlaufende) und interventionistische (eingreifende) Praktiken verändert oder zumindest für kreative Neupositionierungen genutzt werden können. Eine zentrale Rolle spielt dabei auch die Analyse von Massenmedien, Populärkultur und Alltags­praktiken, wie sie insbesondere durch die Disziplin der Cultural studies analysiert werden."

Utz
26. April 2017 23:50

@ Der Gehenkte

Es ging um Subjektivierung und Objektivierung. Wenn das "einfache Volk" ein gesundes Gespür für Deformationen hat, ein Gefühl oder dergleichen, dann ist das eine Form der Subjektivierung, sogar einer extremen Subjektivierung, denn das Gefühl kommt aus einer individuell empfundenen Bedrohungssituation.

Ich fühle mich nicht individuell bedroht. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung sagt mir, daß weder Attentate noch ein noch nicht mal eingetretener Bürgerkrieg eine relevante Bedrohung sind. Die echte Bedrohung, der Verlust der Identität, ergibt sich aus der Demographie, die betrifft mich aber nicht individuell und kurzfristig, sondern die betrifft uns als Volk.

@ RMH

Die moderne Frau hat fachlich besser zu sein als der Mann (und erzeugt damit auch bei diesen faulen Säcken für Belebung durch Konkurrenz), volle Arbeit zu leisten und darf dafür sogar auch das eine oder andere Kind zu Welt bringen, ...

Vermutlich ist es sogar noch schlimmer, und es läuft alles darauf hinaus, daß der modernen Frau gar nicht mehr erlaubt wird Kinder zu bekommen. In einer Arbeitswelt, die sich in den letzten Jahrzehnten so verändert hat, daß man keine 5 Minuten mehr einer privaten Tätigkeit nachgehen darf, daß man sich zum Rauchen ausstempeln muß, wird sicher auch bald die öffentliche Meinung so weit sein, daß es eine Zumutung für den Arbeitgeber ist, wenn Frauen Kinder kriegen. Zumal in der heutigen Zeit dafür andere bereitstehen und das Kinderkriegen ja an die "Flüchtlinge" outgesourct werden könnte.

Der_Jürgen
27. April 2017 00:34

@Desprecio @Hartwig

Danke für die Nachfrage. Ich konnte mich wegen einer Virusattacke nicht mehr einchecken. Heute hat mir Benedikt Kaiser aus der Bredouille geholfen. Nein, Desprecio, Ihre Kritik an Caroline Sommerfeld hat mich gewiss nicht schockiert; es ist normal, dass man hier Kritik übt. Ich fand sie in diesem Fall einfach nicht gerechtfertigt.

@Der Gehenkte

Kein Widerspruch; Sie dürften recht haben. Ich glaube schon seit langem, dass die Mehrzahl der Menschen mit rationalen Argumenten nicht zu erreichen ist, wenn dadurch festverwurzelte und liebgewonnene Vorstellungen aus den Angeln gehoben werden. Dies gilt auch für einen Grossteil der Gebildeten. Wir hatten ja vor einiger Zeit mal unsere Meinungsunterschiede wegen der Abstammungslehre.

Einer meiner besten Freunde, ein Chemiker, dem man mangelnde naturwissenschaftliche Bildung gewiss nicht vorwerfen kann, weigerte sich eisern, kreationistische Argumente auch nur zu prüfen, weil "so was von den Zeugen Jehovas kommt". Derselbe Freund konnte anhand einer Vielzahl technischer und physikalischer Argumente genau nachweisen, dass die offizielle Version vom 11. September ein Schwindel, weil unmöglich ist. In diesem Fall widersprach die Widerlegung der offiziellen These seinem Weltbild nicht, und darum hatte er keine Schwierigkeiten, eine "revisionistische" Meinung zu dieser Frage zu verfechten. Dies tat er auch bezüglich eines anderen, noch sehr viel stärker als die 9-11-Frage tabuisierten Themas.

Es gibt ein wundervolles Zitat von Schopenhauer über die Macht des Vorurteils, die die Menschen daran hindert, rationale Argumente zur Kenntnis zu nehmen. Als philosophisch hochgebildeter Mann können Sie die Quelle vielleicht auf Anhieb nennen.

Monika L.
27. April 2017 08:38

Grau ist alle Theorie . Und gräulich ist die ' Neue Buntheit'.

@Utz

Sie fühlen sich individuell nicht bedroht ? Etwa so, wie diese Dame hier ?

https://www.pi-news.net/2017/04/seniorin-im-einsatz-gegen-die-afd/#more-564707

Und die, die sich doch bedroht fühlen ? Sind das Einzelfälle ? Oder erleben die nur eine ' gefühlte' Bedrohtheit ?

Caroline Sommerfeld
27. April 2017 13:51

"Whites never have a group conscience, but an individual conscience". (Jared Taylor)

Utz
27. April 2017 15:30

@ Monika L.

Es ist nicht richtig, daß Sie mich mit dieser Dame vergleichen.

Jeder, der sich - im Unterschied zu mir - bedroht fühlt, hat ein Recht dazu. Das werden wohl keine Einzelfälle sein, ich vermute, das sind viele, die sich bedroht fühlen. Ich würde deren Gefühl von Bedrohtheit aber nie durch die Bezeichnung "gefühlte" Bedrohtheit herabwürdigen.

Es ist meine Entscheidung zu sagen, ich bin eher leichtsinnig, und ich will mir nicht durch Sorgen den Alltag erschweren. Aber ich zwinge das niemand anderen auf. Vor allem finde ich es legitim und notwenig als Gesellschaft etwas dagegen zu tun.

Stil-Blüte
27. April 2017 21:23

'(Gefühlte) Bedrohtheit? Wie wäre es mit 'Unbehagen' (Gegensatz: hegen und pflegen, behaglich, der Heger, einhegen)? Das Entscheidende ist nicht, daß man mal im U-Bahn-Tunnel die Tasche enger an sich drückt, sondern daß permanent ein elementares Lebensgefühl des Selbstverständlichen aller Lebensbereiche zersetzt wird, ohne daß wir es synchron wahrnehmen und erst an spektakulären Ereignissen festgemacht wird. Die Zumutung liegt m. E. nicht im Verlust der Sicherheit, sondern in der - Freiheitsberaubung. Uns wird zugemutet, daß wir uns, ob so oder so, ununterbrochen mit dem Umfeld der Flüchtlinge zu beschäftigen, zu beachten, zu kommentieren, zu akzeptieren oder abzulehnen haben.  Ein Ausweichen kaum möglich.  Verlust an jenem Freiheitsgefühl, das keiner Reflexion bedarf, das Atmen, Essen, Trinken, Schlafen, Laufen, der Alltag eben. Zu so vielen sachbezogenen Angelegenheiten gesellen sich fremdartige Fragen: Mache ich meine Ferien in der Türkei? Welche Schule für mein Kind? Fahre ich nachts alleine U-Bahn? Wie schütze ich meine Wohnung vor Diebstahl? Wie äußere ich mich, damit berechtigte Kritik nicht als rassistisch oder dgl. wahrgenommen wird?  Ja, das Alltägliche, Gewohnte, Zu-Friedene wird - nochmals das Wort - zersetzt, und zwar in   a l l e n  Lebensbereichen bis hinein ins Familiäre. Sogar das Schnitzel muß ich verteidigen. Nicht, daß 'Flüchtlinge' allein dafür Auslöser sind, aber sie verstärken einen Prozess, sind Katalysator für das, was wir, die in jungen Jahren theoretisierend,  als Entfremdung bezeichneten. Ich nenne es: Unbehagen. 

Monika L.
28. April 2017 09:35

@Stil-Blüte

Danke für Ihren Beitrag, der es für mich auf den Punkt bringt. 'Verlust an jenem Freiheitsgefühl, das keiner Reflexion bedarf'. Die ' Zersetzung des Alltäglichen'. Sie finden immer wieder passende Worte. Pirinçci nennt diese Entwickkung wohl ' Übergang' . Schlimm, wenn die Zersetzung des Alltäglichen, des Selbst-verständlichen zur Ge-wohn-heit wird. Die permanente Reflexion über die Veränderungen des Alltäglichen strengt an, zermürbt. Jeden  Einzelnen. Aber auch die kollektive  Reflexion über diese Veränderungen zermürbt. Über diese Erfahrungen sollten wir sprechen. Als Betroffene. ( Blödes Wort inzwischen). Auch in Gedichten, Liedern usw.

Monika L.
28. April 2017 11:08

Liebe Stil-Blüte

Ihren Beitrag fand ich wunderbar. Das muß ich wiederholen. Es wird Zeit, dass wir Alltägliches, Gewohntes usw. verteidigen, leben, kultivieren. Etwa durch Vereine ( in der Vereinsgründung sollen die Deutschen ja Weltmeister sein): Brauchtumspflege, Heimatvereine, Sprachpflege, Liederkreise, Pflege regionaler Traditionen, Hauskirchen usw. usw. Analysiert und gejammert wird genug. Ich bin oft im Elsass. Und auch dort geht die regionale Kultur immer mehr verloren. Das hat verschiedene Ursachen. M.E. sind regionale Interessen aber viel authentischer und kraftvoller als nationale Interessen. Im Elsass hat Marine Le Pen zwischen 25 und 30 Prozent eingefahren. Allerdings ist die Regionalpartei (Unser Land, le parti alsacien ) gegen die Französische Zentralregierung. Somit auch nicht unbedingt für den FN:

https://www.unserland.org/de/willkommen/

Auf dem Land im Elsass wird man oft von einfachen Menschen angesprochen. Tenor: - Die Deutschen sind verrückt geworden. Lassen über eine Million unkontrolliert ins Land. Was macht ihr, seid ihr wahnsinnig.- Die offizielle Presse andererseits hat auch über den Parteitag der AfD in Köln berichtet. So Tenor im DNA ( Dernières Nouvelles Alsace) : Die ' extrême droite' hat ein bizarres Führungsduo gewählt: Einen über 70-jährigen Mann, der schwarze Fußballer beleigt und eine lesbische Frau. So kann man auch Stimmung gegen die Deutschen machen. Das sind m. E. nationale Engführungen. Die Verbindung regionaler Interessen mit dem europäischen Gedanken ( Keine EU-Verwaltung! ) könnte ein politisches Ziel sein. Mit Sprengkraft.

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