Politische Gewalt in Rom (II): Der bekübelte Konsul

Als Julius Caesar 59 v. Chr. sein erstes Konsulat antrat, glich die römische Politik einem Wiedergänger. Seit fast einem Jahrhundert rang man nun um die Neuordnung der zum Weltreich gewordenen Stadtrepublik. Alle Versuche einer Neuordnung waren entweder im System versandet, oder im Blut versunken.

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

Inzwi­schen spitz­te sich ein­mal mehr eine der seit Jahr­zehn­ten immer sinn­lo­ser wer­den­den poli­ti­schen Kri­sen zu. Kurz: Pom­pei­us war Ende 62 v. Chr. sieg­reich aus dem Krieg gegen den pon­ti­schen König Mithri­da­tes zurück­ge­kehrt und hat­te sei­ne Arme­en auf­ge­löst, wie es das römi­sche Gesetz befahl. Von der Angst vor einem Marsch auf Rom befreit, wie ihn Sul­la zwei­mal unter­nom­men hat­te, sahen wei­te Tei­le des Sena­tes die Gele­gen­heit, den „Magnus“ auf ihr eige­nes Mit­tel­maß zurecht­zu­stut­zen. Man ver­wei­ger­te dem Feld­her­ren die Ver­sor­gung sei­ner Vete­ra­nen. Zwar gelang es Pom­pei­us zwei­mal nach­ein­an­der einen sei­ner Anhän­ger zum Kon­sul wäh­len zu las­sen, doch die bei­den erwie­sen sich gegen­über dem Senats­klün­gel als voll­kom­men hilflos.

Dar­auf­hin schloß Pom­pei­us den berühm­ten Drei­bund mit Cras­sus und Cae­sar, nur war damit noch nichts gewon­nen. Cae­sar wur­de zum Kon­sul gewählt, ja, aber war­um soll­te er sich gegen die alt­be­währ­ten Obstruk­ti­ons­mit­tel der Olig­ar­chie bes­ser durch­set­zen, als irgend­ei­ner sei­ner Vor­gän­ger? Zumal die Gegen­sei­te eben­so einen Kon­sul hat­te und damit alles blo­ckie­ren konn­te. Mar­cus Cal­pur­ni­us Bibu­lus war dafür der rech­te Mann. Er ging in die Geschichts­bü­cher ein, weil er das ganz beson­de­re Pech hat­te, in fast jedem sei­ner Ämter Cae­sar zum Kol­le­gen zu haben. Er ver­ab­scheu­te den ihm so deut­lich über­le­ge­nen Rivalen.

Die Sache ließ sich auch erst ein­mal nicht gut an. In der ers­ten Senats­sit­zung sei­nes Kon­su­la­tes beflei­ßig­te sich Cae­sar noch eines kon­zi­li­an­ten Ton­falls. Inhalt­lich war sein Acker­ge­setz auch um eini­ges mode­ra­ter, als die meis­ten, die seit Tibe­ri­us Grac­chus die Repu­blik erschüt­tert hat­ten. Nie­mand wur­de ent­eig­net und für die Finan­zie­rung war aus der Kriegs­beu­te auch gesorgt. Sehr zum Ärger sei­ner Geg­ner konn­te man ihn in sei­nem Pro­gramm nicht angrei­fen. Man ver­steif­te sich ganz offen auf Fundamentalopposition.

Refor­men ja, die sei­en auch wich­tig, aber nicht jetzt, nicht in die­sem Kon­su­lat. Als der jün­ge­re Cato dann auch noch zu einer sei­ner berüch­tig­ten Dau­er­re­den anhob (nach Son­nen­un­ter­gang durf­te der Senat kei­nen Beschluß mehr fas­sen), ver­lor Cae­sar die Ner­ven und ließ den Que­ru­lan­ten aus dem Senat ins Gefäng­nis schaf­fen. Doch er hat­te sich mit der Soli­da­ri­tät der Olig­ar­chie ver­rech­net. Ein Groß­teil des Senats stand auf und folg­te dem abge­führ­ten Dauerredner.

Cae­sar hat­te eine Pro­pa­gan­da­pan­ne wett­zu­ma­chen und ein Gesetz durch­zu­brin­gen, das von sei­nen Geg­nern gemäß der Ver­fas­sung ohne wei­te­res blo­ckiert wer­den konn­te. Wie ihm das gelang ist ein ein­zig­ar­ti­ges Lehr­stück dar­über, wie man den Geg­ner erst ins Unrecht setzt, dann gezielt selbst zum mini­mal not­wen­di­gen Rechts­bruch schrei­tet und ihn gleich­zei­tig vor aller Augen so demü­tigt, daß wei­te­rer Wider­stand in sich zusammenklappt.

Im Gedächt­nis der Nach­welt ist Cae­sar als Feld­herr und Dik­ta­tor in Erin­ne­rung geblie­ben. Für vie­le scheint es schwer zu schlu­cken zu sein, daß die­ser Mann, der zu den ganz Gro­ßen der Geschich­te zählt, von Haus aus ein mit allen Abwäs­sern gewa­sche­ner Berufs­po­li­ti­ker war. Er wäre ver­lo­ren gewe­sen, hät­te er die­ses Hand­werk nicht beherrscht.

Auf die ers­te Senats­sit­zung folg­ten zwei Mona­te immer erneu­ter Pro­pa­gan­da­schlach­ten und Rede­du­el­le auf dem Forum. Ein­mal gelang es Cae­sar sei­nen Amts­kol­le­gen Bibu­lus so aus er Fas­sung zu brin­gen, daß die­ser der ver­sam­mel­ten Men­ge ent­ge­gen­rief: „Ihr wer­det euer Gesetz nicht bekom­men und wenn ihr es alle woll­tet.“ Ich habe die­sen Satz erst für cae­sa­ri­sche Pro­pa­gan­da gehal­ten, nach eini­gen Aus­sprü­chen, die sich unse­re Volks­ver­tre­ter gegen­über dem „Pack“ geleis­tet haben, nei­ge ich aber dazu ihn für authen­tisch zu hal­ten. Was gesche­hen soll­te, wenn Bibu­lus bei die­ser Hal­tung ver­blie­be, dar­aus mach­te Cae­sar auch bald kei­nen Hehl mehr. Bei einer ande­ren Ver­samm­lung hol­te er Cras­sus und Pom­pei­us auf die Tri­bü­ne und ver­pflich­te­te zumin­dest den letz­te­ren, das Gesetz wenn nötig mit Gewalt zu unterstützen.

Die Opti­ma­ten woll­ten jetzt vor allem Zeit gewin­nen. Mit Hil­fe drei­er Volks­tri­bu­nen ver­schob Bibu­lus die Abstim­mung mehr­mals. Als Cae­sar nicht locker ließ, erklär­ter er kur­zer­hand alle ver­blie­be­nen Comi­ti­al­ta­ge des Jah­res (Tage, an denen ein rechts­gül­ti­ger Volks­be­schluß ver­ab­schie­det wer­den konn­te) zu reli­giö­sen Fest­ta­gen. Jetzt, nach­dem sein Geg­ner sich schon mit solch einer Absur­di­tät zum Nar­ren gemacht hat­te, ließ sich Cae­sar nicht mehr auf Spiel­chen ein und beraum­te eigen­mäch­tig die Abstim­mung an.

Am Tag der Abstim­mung war alles durch­or­ga­ni­siert. Cae­sars Anhän­ger besetz­ten bereits am frü­hen Mor­gen das Forum. Aber auch die Gegen­sei­te hat­te Plä­ne geschmie­det. Da man nicht mehr glaub­te, die Abstim­mung selbst ver­hin­dern oder gar im eige­nen Sin­ne ent­schei­den zu kön­nen, woll­te man Cae­sar mit den­sel­ben Mit­tel bekämp­fen, denen seit Tibe­ri­us Grac­chus die Refor­mer rei­hen­wei­se erle­gen waren. Die ver­fas­sungs­recht­li­che Blo­cka­de soll­te ihm nur zwei Mög­lich­kei­ten las­sen: Ent­we­der die die Kapi­tu­la­ti­on und Rück­nah­me sei­nes Reform­pro­jek­tes, oder den offe­nen Rechtsbruch.

Als die Volks­ver­samm­lung schon tag­te, erschien daher Bibu­lus mit sei­nem Anhang, eini­gen Volks­tri­bu­nen und dem jün­ge­ren Cato auf dem Forum. Schlech­te Auspi­zi­en und das Veto der Volks­tri­bu­nen stan­den wie­der ein­mal gegen ein Gesetz, daß der Nobi­li­tät nicht paß­te, weil es die Grund­sät­ze olig­ar­chi­scher Mit­tel­mä­ßig­keit zu ver­let­zen drohte.

Cae­sar war vor­be­rei­tet und anders als sei­ne Vor­gän­ger ver­such­te er nicht den Mob auf­zu­sta­cheln. Da konn­te viel zu viel schief­ge­hen. Statt­des­sen spiel­te sich fol­gen­des ab: Als Bibu­lus und sei­ne Leu­te die Trep­pe zum Tem­pel der Dio­sku­ren hin­auf­stei­gen woll­te, vor dem Cae­sar die Ver­samm­lung lei­te­te, brach ein vor­be­rei­te­ter, geschul­ter Trupp aus dem Tem­pel her­vor. Bei die­sen Män­nern unter dem Kom­man­do des Publi­us Vat­i­ni­us, eben­falls Volks­tri­bun und Cae­sars zuver­läs­si­ger Mann fürs Gro­be, han­del­te es sich nicht um auf­ge­peitsch­ten Pöbel. Sie wuß­ten genau was sie zu tun hat­ten und wie sie es zu tun hatten.

Bibu­lus ver­such­te eine ein­stu­dier­te Sze­ne auf­zu­füh­ren, die Cae­sar als gewalt­sa­men Rechts­bre­cher brand­mar­ken soll­te. Er bot ihm die Keh­le dar und ver­kün­de­te, Cae­sar sol­le ihn doch erdol­chen las­sen, er wer­de nicht wei­chen. Spä­ter hieß es auf Sei­ten der Opti­ma­ten, nur sei­ne Freun­de hät­ten dem todes­mu­ti­gen Kon­sul das Leben geret­tet, indem sie ihn gegen sei­nen Wil­len in einen Tem­pel zerrten.

Er war noch dabei sei­nen Text zu dekla­mie­ren, da bekam Bibu­lus einen vor­sorg­lich bereit­ge­stell­ten Korb Vieh­mist über den Kopf geschüt­tet. Die Ruten­bün­del sei­ner Lic­to­ren wur­den zer­bro­chen, er selbst und sei­ne Beglei­ter mit eini­gen Bles­su­ren, aber ohne schwe­re Ver­let­zun­gen vom Forum gejagt. Cato dräng­te sich mit­ten in die Men­ge und woll­te noch eine Pro­test­re­de hal­ten. Eini­ge Män­ner gin­gen zu ihm hin, hoben ihn hoch und tru­gen ihn, ohne daß ihm ein Haar gekrümmt wor­den wäre vom Platz. Der Mann war hart­nä­ckig. Durch eine Sei­ten­stra­ße kam er zurück und das Spiel wie­der­hol­te sich. Dann aber war das Forum fest in der Hand Cae­sars und das Gesetz konn­te ver­ab­schie­det werden.

Am nächs­ten Tag berief Bibu­lus den Senat ein und ver­lang­te den Aus­nah­me­zu­stand. Ver­ge­bens, durch die Demü­ti­gung des vor­an­ge­gan­ge­nen Tages hat­te er voll­stän­dig die dafür not­wen­di­ge Wür­de ver­lo­ren. Der Plan war gewe­sen, als hel­den­haf­ter Ver­tei­di­ger der Repu­blik alle Boni (die Guten, Selbst­be­zeich­nung des römi­schen Estab­lish­ments) hin­ter sich zu scha­ren. Nun trat er als bek­ü­bel­ter Kon­sul vor den Senat. Wir soll­ten uns den Stadt­tratsch in all sei­ner Derb­heit vor­stel­len. Hier ver­lang­te einer den Aus­nah­me­zu­stand wegen Mist auf sei­ner frisch gewa­sche­nen Toga. Nun, ein beschis­se­ner Kon­sul ist gewiss eine Gefahr für den Staat… 

Cae­sar hat­te die Blo­cka­de gebro­chen, indem er sie nicht ein­fach mit Gewalt zer­schlug. Selbst­ver­ständ­lich, ohne Schlä­ger­trup­pen ging es nicht, aber genau­so wich­tig war, daß er eine inhalts­lee­re Fun­da­men­tal­op­po­si­ti­on auf dras­tischs­te Wei­se als das dar­stell­te, was sie war: Kein Fest­hal­ten an den Prin­zi­pi­en der Ver­fas­sung, son­dern eine schmut­zi­ge Komö­die, eine sprich­wört­li­che Shitshow. 

Damit hat er nicht nur ein ein­zel­nes Gesetzt durch­ge­bracht, son­dern auch das poli­ti­sche Momen­tum für sich gewon­nen. In der Fol­ge zog Bibu­lus sich in sein Haus zurück, um für den Rest des Jah­res all­täg­lich aufs neue schlech­te Vor­zei­chen am Him­mel zu sehen. Cae­sar über­ging den Senat jetzt ganz und begann auf dem Direkt­weg über die Volks­ver­samm­lung den Reform­stau der letz­ten Jahr­zehn­te wenigs­tens teil­wei­se abzu­ar­bei­ten. Für ihn selbst sprang dabei noch das Kom­man­do in Gal­li­en her­aus. Das war not­wen­dig. Denn auch er konn­te die gewalt­sa­me Eska­la­ti­on, die sei­ne Geg­ner zehn Jah­re spä­ter um jeden Preis such­ten, nur hinauszögern.

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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Kommentare (4)

Maiordomus

16. Mai 2017 11:21

Wer Römische Gechichte kennt, sich über die Grundstrukturen des Machtspiels zumal im Uebergang der Republik zur Diktatur und zur Monarchie jenseits von Gut und Böse die angemessenen Gedanken macht, versteht auf alle Fälle mehr von Politik als herkömmliche Politologen.

Gotlandfahrer

16. Mai 2017 11:42

Ist jetzt die Merkel Caesar, in dem Sinne dass sie über den Mittelmäßigen den Mist ausgekübelt hat um das Gesetz zu brechen, oder ist Merkel Bibulus, weil der Tag kommt, an dem ihr volksundienliches Eliteninteresse durch eine schneidige Tat in die Schranken gewiesen wird? Fragen.

marodeur

16. Mai 2017 18:55

Sehr schöne Episode - spannend und lehrreich geschrieben. Es ist nicht ganz leicht den Bogen in unsere Zeit zu spannen. Geschichte beugt sich schnell dem Zeitgeist. Die Charaktere und Motive werden verzerrt. Wir würden Caesar natürlich gerne in die Reihe der Patrioten aufnehmen. Aber die Vorzeichen haben sich gedreht. @Gotlandfahrer hat Recht, wenn er die Mistkübel heute in den Händen unserer Gegner verortet. Es wäre ein Kunststück, die Strategie umzudrehen. Wir versuchen unsere Feinde mit der Realität zu konfrontieren, um zu zeigen, dass der Kaiser nackt ist. Leider begreift das Volk nicht mehr, dass diese beschämende Nacktheit überhaupt irgend ein Problem darstellt. 

Vielleicht ist die Lehre aber auch einfach, dass eine gewisse Kaltblütigkeit und gutes Timing in der Politik deutlich wichtiger sind, als gute Inhalte.

Maiordomus

16. Mai 2017 21:40

@Goltand. Merkel mit Caesar zu vergleichen passt etwa so gut wie Hannelore Kraft mit Bismarck oder wenigstens mit Thatcher in Bezug zu setzen. Wer Politik im römischen Vergleich wirklich verstehen will, muss die Discorsi zu Titus Livius von Machiavelli lesen, im Detail oft noch spannender als das Machtlehrbuch über den Fürsten, von dem zwar Merkel durchaus etwas abekupfert hat. Beispielsweise ihre Mahnung, statt die Islamisierung zu fürchten besse mehr in die Kirche zu gehen, ein beeindruckender Zynismus auch mit Funktionalisierung der Religion, wie Machiavelli das schlitzohrig forderte. Nur lässt sich die Grenzöffnung auf keinen Fall mit dem Lehrbuch Machiavellis erklären, es sei denn, es wäre eine bewusste Handlung zugunsten der Eroberermasse gewesen.

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