Sezession
4. Mai 2017

Henning Eichberg ist verstorben

Gastbeitrag / 7 Kommentare

Eichberg wuchs nach der Flucht aus Schlesien in der DDR auf, bevor seine Familie nach Hamburg übersiedelte. Politisch gehörte er ursprünglich zum Lager der Nationalneutralisten und geriet Anfang der sechziger Jahre an – wie er selbst sagte – parteipolitisch »ungebundene Zirkel der Rechten« um die Zeitschrift Nation Europa und einen Diskussionskreis, der sich in Nachfolge des verbotenen »Bundes nationaler Studenten« (BNS) gebildet hatte.

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Aus diesem Zirkel ging dann die Initiative zur Gründung der Zeitschrift Junges Forum hervor, des wichtigsten Organs der nationalrevolutionären »Neuen Rechten«. Diese Publikationsmöglichkeit nutzte Eichberg in der unruhigen Zeit, um seine politischen Ideen zu entwickeln. Seine Mitgliedschaft in der CDU zwischen 1964 und 1968 war dagegen nur Ausgangspunkt einer Unterwanderungsstrategie, die allerdings so erfolglos war wie alle anderen Versuche Eichbergs, praktisch tätig zu werden.

Seine Führungsposition innerhalb der Neuen Rechten hatte auch nichts zu tun mit organisatorischem Talent oder Einsatzbereitschaft, sondern mit einem gewissen Charisma und einer auf der Rechten ungewohnten intellektuellen Angriffslust. Sein erklärtes Ziel war es, die Ideologiefeindschaft und Rückwärtsgewandtheit der deutschen Rechten hinter sich zu lassen. Er setzte deshalb auf Terminologie und Konzepte, die sonst bevorzugt von der Linken verwendet wurden, zitierte in der Auseinandersetzung Lenin oder Mao und übernahm bestimmte Argumente der APO – »Demokratisierung«, Kritik des »Establishments« – nicht aus taktischen Gründen, sondern weil sie ihm zeitgemäß erschienen.

Was Eichberg in den unruhigen Jahren 1967/68 anstrebte, war eine »Alternativpartei«, weder bürgerlich noch marxistisch, die die Dynamik der jugendlichen Revolte in sich aufnehmen und sinnvoll umlenken sollte. Er selbst wollte nicht Kopf, sondern Theoretiker einer solchen Bewegung sein.

Deutlicher als in den Veröffentlichungen, die damals unter seinem Namen erschienen, wird dieses Ziel an jenen Texten, die Eichberg als »Hartwig Singer« schrieb. Seit dem Frühjahr 1967 hatte er unter entsprechendem Pseudonym eine Reihe von Aufsätzen veröffentlicht, die die Möglichkeiten eines »progressiven Nationalismus« ausloteten. Eichberg interessierte sich zwar auch für verschiedene neokonservative Bewegungen, aber sein Hauptaugenmerk galt den »europäischen Nationalisten« und dem Versuch, eine geschlossene rechte Ideologie zu schaffen. Die sollte auf einer »neuen Rationalität« beruhen, die sich später an der Erkenntnistheorie des »Wiener Kreises« orientierte, und Ergebnisse der Sozial- wie Naturwissenschaften nutzen, um mit dem unbrauchbar gewordenen Traditionsbestand – unter Einschluß des Christentums – aufzuräumen.

Eichberg betonte immer das »Futuristische« seines Entwurfs, den er als Ergebnis der Entwicklung eines spezifischen »okzidentalen Syndroms« betrachtete. »Nationalismus« war insofern weder Nostalgie noch »Blut und Boden«, sondern eine revolutionäre Kraft, die erst in der Industriegesellschaft vollständig zur Durchsetzung kam und »nationale Identität« zum Bezugspunkt einer neuen Ordnung machte.

Vieles von dem, was er vortrug, war inspiriert durch das französische Vorbild einer neuen rechten Intelligenz, da der »betonte Irrationalismus des deutschen Nationalismus« seiner Meinung nach hinderte, eine adäquate Weltanschauung zu begründen.

Der Einfluß von Eichbergs Ideen – insbesondere des »Ethnopluralismus« – auf eine ganze Generation der jungen rechten Intelligenz war erheblich, wenngleich seine Sprunghaftigkeit und fehlende Bereitschaft zur Ausarbeitung seiner Weltanschauung letztlich immer mit der Enttäuschung seiner Anhänger endete.

Die Möglichkeiten, Mensch zu sein, sind vielfältig. Die Vielfalt in ihrer Differenzierung zwischen den Völkern schwerwiegender als bei oberflächlicher Betrachtung oft angenommen. Das ist die Grundeinsicht des Ethnopluralismus.

Eichbergs Versuche, die französischen Ansätze auf Deutschland zu übertragen, scheiterten in den siebziger Jahren genauso wie seine Bemühungen, eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Daraus zog er zwei Konsequenzen: die Umdeutung des nationalrevolutionären zu einem linken Ansatz und die Übersiedlung nach Dänemark, wo er als Sportsoziologe an verschiedenen Universitäten arbeitete. Obwohl das von der Antifa immer wieder in Abrede gestellt wird, hat sich Eichberg mit seiner »volklichen«, an den skandinavischen Basisnationalismus anknüpfenden Weltanschauung wie seiner theoretischen Konzeption, insbesondere dem Materialismus seiner »Körper«-Auffassung, eindeutig auf die Seite der Linken geschlagen.

Schriften: [Hartwig Singer]: »Nationalismus ist Fortschritt«, in: Junges Forum 3 (1967), Heft 1; [Hartwig Singer]: »Mai ’68. Die französischen Nationalisten und die Revolte gegen die Konsumgesellschaft«, in: Junges Forum 5 (1969), Heft 1; Der Weg des Sports in die industrielle Zivilisation, Baden-Baden 1973; Militär und Technik, Düsseldorf 1976; Nationale Identität. Entfremdung und nationale Frage in der Industriegesellschaft, München 1978; Minderheit und Mehrheit, Braunschweig 1978; Abkoppelung. Nachdenken über die neue deutsche Frage, Koblenz 1987; »Volk, folk und Feind. Grenzüberschreitungen – und eine umstrittene politische Biographie«, in: wir selbst (1998), Heft 1.

Literatur: Frank Teichmann: Henning Eichberg – Nationalrevolutionäre Perspektiven in der Sportwissenschaft. Wie politisch ist die Sportwissenschaft?, Frankfurt a. M. 1991.


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Kommentare (7)

Detlef Neustadt
4. Mai 2017 12:28

Aus der DDR nach Hamburg gekommen? Na, bei Merkel war es umgekehrt!

Der_Jürgen
4. Mai 2017 13:03

Zu ergänzen wäre, dass Henning EIchberg in Dänemark Mitglied der linken Sozialistischen Volkspartei wurde, die dezidiert für die "Multikultur" wirbt. Laut ihrem Programm müssen alle um Integration bemüht sein, "jene, die neu zu uns kommen und jene, die schon immer hier gelebt haben". An wen erinnert diese Diktion schon wieder...?

https://sf.dk/det-vil-vi/et-mangfoldigt-danmark

Eichberg hat also einen totalen Bruch mit seinem früheren nationalen Denken vollzogen. Dies ändert wohlverstanden nichts daran, dass er seine Verdienste hatte; sein Konzept des Ethnopluralismus ist begrüssenswert. Doch zu mehr als einer "Mention honorable" wird es für ihn in einer künftigen Geschichte rechten Denkens in Deutschland nicht reichen. Vom Format eines Sanders oder Mohler war er meilenweit entfernt.

Ralf Kaiser
4. Mai 2017 16:02

@ Der Jürgen

Ihr Hinweis ist berechtigt, Ihre Schlußfolgerung nicht. Eichberg hat keineswegs "einen totalen Bruch" in seinem Denken vollzogen. Vielmehr läßt sich eine kontinuierliche Entwicklung nachweisen. Die Nationalrevolutionäre pflegten ja seit jeher "linke" Elemente in ihrer Weltanschauung. Bereits 1978, in seinem Buch "Nationale Identität", das noch "in Zusammenarbeit mit dem Hochschulpolitischen Ausschuß der Deutschen Burschenschaft und dem Verein zur Förderung Konservativer Publizistik e.V." erschien, leitete Eichberg den Nationalismus aus einer linken, sozialistischen Tradition her, die er allerdings von Marxismus und Sozialdemokratie streng unterschied. Außerdem wird oft übersehen, daß Eichberg den Ethnopluralismus auch als "ethnische Vielfalt innerhalb nationalstaatlicher Grenzen" verstand. 

Aus seiner Sicht entwickelte sich sein Denken ganz folgerichtig weiter.   

Der_Jürgen
4. Mai 2017 16:28

@Ralf Kaiser

Ja, eine sozialistische Komponente findet sich bei vielen rechten Denkern; man erinnert sich z. B. an Oswald Spengers "Preussentum und Sozialismus". Ein konsequenter Patriotismus weist ohnehin zwangsläufig eine starke soziale Komponente auf. Oder können Sie sich vorstellen, dass ein Identitärer zugleich Anhänger des Manchesterkapitalismus sein kann? Aus diesem Grund bin ich der Ansicht, dass die AFD keinen wirtschaftsliberalen Flügel braucht, wenn sie eine glaubhafte Oppositionspartei werden will. 

Ja, Ethnopluralismus kann durchus ethnische Viefalt innerhalb nationalstaatlicher Grenzen bedeuten - wenn damit gemeint ist, dass die Sorben und Dänen in Deutschland, die Bretonen in Frankreich, die Deutschen in Südtirol oder die Basken in Spanien das Recht auf die Pflege ihrer Sprache und ihrer Traditionen geniessen. Dagegen hat keiner von uns etwas, im Gegenteil.

Wer aber massenweise Muslime, Afrikaner und andere Kulturfremde und Fremdrassige ins Land holen und als "jene, die erst kürzlich gekommen sind" mit "jenen, die schon lange hier leben" gleichstellen will, ist per definitionem kein Rechter, kein Identitärer, kein Nationalist. Darum bleibe ich dabei, dass Eichberg in der Tat einen totalen Bruch mit seinem früheren politischen Denken vollzogen hat. 

Benedikt Kaiser
4. Mai 2017 16:32

@Ralf Kaiser: Dem würde ich zustimmen.

Eichberg verstand lange vor seinen sozialistisch-pazifistischen Zeiten in Dänemark den Nationalismus progressiv, vor allem als Vehikel gegen die liberale und konservative Reaktion, als »Teil eines Prozesses, in dem die Völker sich selbst zum Subjekt der Geschichte machen – gegen Dynastien, Konzerne und Bürokraten«, wie er Ende der 1970er Jahre in dasda/avanti formulierte.

Ich würde in diesem Kontext zudem behaupten, daß innerhalb des gesamten neurechten Komplexes von heute nur Alain de Benoist einigermaßen nachhaltig (gleichwohl über Umwege) von Eichberg geprägt wurde. Das, was Ralf Kaiser in bezug auf Eichberg hier über »ethnische Vielfalt innerhalb nationalstaatlicher Grenzen« zitiert, findet sich dann ja erst bei Benoist wieder in seinen Überlegungen zu kommunitaristischen Ideen in Zeiten multiethnischer Gesellschaften.

t.gygax
5. Mai 2017 12:51

Hing der Wechsel nach Dänemark nicht auch mit der ganz einfachen Tatsache zusammen, dass Eichberg aufgrund seiner NPD Mitgliedschaft niemals in Deutschland eine Stelle an einer Universität hätte bekommen können? Und das völlig unabhängig von seinen wissenschaftlichen Qualitäten. Es war immerhin eine CDU Alleinregierung in Baden Württemberg, die 1976 einen bis dahin hochgeschätzten jungen Oberstudienrat aus Weinheim Stück für Stück erledigte...während paralell ein großes Geschrei um " Berufsverbote " gemacht wurde. Ich selbst habe eines dieser "Berufsverbote" in Tübingen erlebt. Der DKP Studienreferendar wurde nicht ins Beamtenverhältnis übernommen, aber existentelle und materielle Vernichtung wie bei den "Rechten"?  Aber nein doch-der bekam jeden Lehrauftrag, den er wollte, vor allem an evangelischen Fachhochschulen für Sozialpädagogik. Und das war  ein DKP Mann, der den Weisungen aus der DDR stets gehorsam war...menschlich allerdings durchaus angenehm, er erzählte mir mal, dass er in seiner Jugend sehr vom CVJM geprägt worden sei...... wie überhaupt praktisch alle linken Leute damals irgendwie aus der evangelischen Jugendarbeit kamen, das wäre auch  ein hübsches historisches Forschungsprojekt.

Der_Jürgen
5. Mai 2017 14:20

@t.gygax

Was Sie schreiben, stimmt. Gegen Rechte wurden  Berufsverbote mit aller Härte verhängt, gegen Linke weitaus seltener. Natürlich waren sie in beiden Fällen ein Unding, wenn man es mit der Demokratie ernst meinte. Deren Grundsatz lautet ja, dass man jede Meinung vertreten darf, solange man Gewalt weder anwendet noch propagiert.

Die Parole "Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit", die man vor allem von CDU-Leuten hörte, war verlogen. So wurde ja auch in der SU und der DDR argumentiert, wo man volle Meinungsfreiheit genoss, solange man das System nicht in Frage stellte. 

Nebenbei, niemand hat Henning Eichberg seine Übersiedlung nach Dänemark vorgeworfen. Die Atmosphäre war dort stets wesentlich freier als in der BRD (übrigens auch als in Schweden). Deshalb haben dort u. a. Rudi Dutschke und Thies Christophersen Zuflucht gesucht, zwei Deutsche grundverschiedener Weltanschauung. 

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