Lehrbuchreflexe (I)

Ich bin im Februar als Köchin wegen „rechtsextremer Internetpublikationen“ gekündigt worden.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Die Sze­ne­rie: Schu­le, Ver­eins­vor­stand ent­schei­det Per­so­nal­fra­gen, Bobo­mi­lieu, links­grü­ne Mil­le­ni­als mit macro­nis­ti­schem Zug ins Glo­ba­le, „pro­gres­siv, dyna­misch, mit Phan­ta­sie, aber sach­lich“ (Franz-Josef Degen­hardt). Kein Ver­laufs­pro­to­koll eines Berufs­ver­bots, ich ord­ne das Spiel nach psy­cho­lo­gi­schen Stra­te­gien: das Lehrbuch.

Kei­ne Ver­schwö­rungs­theo­rie, die Stra­te­gien unter­lau­fen den lai­en­haf­ten Akteu­ren. Sie agie­ren nur aus, was sie gelehrt wur­den. Das Lehr­buch ver­mit­telt ihnen ein impli­zi­tes Wis­sen zur sozia­len Anpas­sung, zum Nor­mal­sein, zur Sta­tus­wah­rung und Sta­tus­stei­ge­rung. Sanf­te Pro­pa­gan­da hat sie in Schu­le, Arbeit, Wer­bung und Fil­men davon über­zeugt, daß Links­sein den eige­nen Sta­tus erhöht und Ras­sis­mus etc. nur bei Leu­ten vor­kommt, die unter ihnen stehen.

Kei­ne Mob­bing­si­tua­ti­on, per­sön­li­che Ani­mo­si­tä­ten und Leid sind aus­ge­blen­det, inter­es­sant sind die ablau­fen­den Refle­xe. Es han­del­te sich um eine Intri­ge, mich los­zu­wer­den und einen ande­ren in den Job zu hie­ven. Geset­ze und Kom­pe­tenz­fra­gen lie­ßen sich nicht in Anschlag brin­gen, also wur­de bewußt jemand dar­auf ange­setzt, Fle­cken auf mei­ner wei­ßen Koch­ja­cke zu finden.

Und sie wur­den tri­um­phal fün­dig. „Rechts­ex­tre­mis­mus“ ist der fie­ses­te Fleck, den man gegen­wär­tig jeman­dem ans Zeug fli­cken kann, das Reiz-Reak­ti­ons-Sche­ma der Kon­sens­ge­sell­schaft läuft dann mit Not­wen­dig­keit ab.

Über­rum­peln

Es trifft wie aus hei­te­rem Him­mel ein. Obwohl Denun­zia­ti­on in der Mit­te der Gesell­schaft ange­kom­men ist („Du hast Nazis um dich her­um und willst dar­über berich­ten?“), hält man sich als mög­li­ches Objekt der Denun­zi­an­ten­be­gier­de gewöhn­lich psy­chisch sta­bil, indem man kei­ne All­tags­pa­ra­noia entwickelt.

Die denun­zia­to­ri­sche Logik ist: Wer öffent­lich sei­ne Mei­nung kund­tut, ist sel­ber schuld, wenn er Kon­se­quen­zen zu spü­ren bekommt. Wer die­se wann exe­ku­tiert, ist eine Über­ra­schung, wer sie vor­be­rei­tet, ist klar: die „Anstän­di­gen“. Sie nen­nen es Zivilcourage.

Heu­te woll­te ich im Büro bespre­chen, was nach dem Weg­gang mei­ner einen Kol­le­gin per­so­nell in der Küche pas­sie­ren soll. Also erklär­te ich, wie ich mir das so alles vor­stel­le, begann den Satz über mei­ne Vor­stel­lun­gen mit: „Ich per­sön­lich wür­de…“ Dar­auf  M.: „Wenn wir von dir per­sön­lich spre­chen, dann muß ich dir sagen, daß wir dich mit Monats­en­de nim­mer beschäf­ti­gen kön­nen.“ Die Begrün­dung lau­te­te wie folgt. Es hät­ten sich Eltern an den Vor­stand gewandt, Ankla­ge­punkt, dem der Vor­stand unver­züg­lich nach­kom­me: Ich schrie­be auf rechts­ex­tre­men Internetseiten.

Gefüh­le

Es geht nicht um Argu­men­te, es geht um Gefüh­le. Eine Dis­kus­si­on, was Kochen mit poli­ti­scher Theo­rie zu tun haben soll, was genau an mei­nen Tex­ten oder den Publi­ka­ti­ons­or­ten „rechts­ex­trem“ ist und ob das eine Ent­las­sung recht­fer­tigt, bleibt aus, weil nur das „Bezie­hungs­ohr“ hört. Der Anti-rechts-Reflex funk­tio­niert des­we­gen so her­vor­ra­gend, weil er emo­tio­nal kon­di­tio­niert ist unter der fal­schen Über­schrift einer poli­ti­schen (also ratio­nal-argu­men­ta­ti­ven) Aus­ein­an­der­set­zung. Zwi­schen Gefühl und Ratio kann man also nach mani­pu­la­ti­vem Belie­ben wechseln.

Um die­se Stra­te­gie nach­zu­voll­zie­hen, soll­te man sich das Kopf­ki­no der Leu­te ganz und gar fins­ter vor­stel­len. Man sitzt vor sei­nem Gesprächs­part­ner, um ein ver­nünf­ti­ges Gespräch bemüht trotz absur­der Vor­wür­fe, und der Gesprächs­part­ner sieht gera­de einen Naziporno.

M. drück­te sei­ne Gefüh­le aus: “Wenn ich ‘rechts’ höre, dann fühlt sich das für mich nicht gut an, es macht mich trau­rig, ja, betrof­fen!” Der­sel­be kam an mei­nem letz­ten Tag frech in die Küche gelatscht, mut­ma­ßend wie frü­her, er bekä­me jetzt auch was Fei­nes zum Essen oder Trin­ken. Brei­tet die Arme aus, will mich umar­men, knud­del­k­nud­del­al­les­wie­der­gut. Ich habe eine Arm­län­ge Abstand, Hand­flä­che nach vorn, signa­li­siert und gesagt: “Nein, ich will dich nicht umar­men, hier genau ist mei­ne Gren­ze.” Schul­tern erschlaff­ten, er dreh­te sich ham­pe­lig um und entschwand.

Was mich bestürzt hat, ist die völ­li­ge Ver­ken­nung der Lage und die Schwan­kungs­brei­te der Emo­tio­nen. Ein erwach­se­ner Mann hat nichts außer spon­ta­nen Gefüh­len. Daß er sich traut, die­se anstel­le von Argu­men­ten zu äußern, ist rein sozia­li­sa­ti­ons­be­dingt: Päd­ago­gen wer­den durch die Leh­re von den „Ich-Bot­schaf­ten“ in ihrer Aus­bil­dung gründ­lich geprägt. Dies trifft auf eine bereits bestehen­de flam­boyan­te Unmänn­lich­keit. Et voi­là.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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