Sezession
31. Mai 2017

Lehrbuchreflexe (III)

Caroline Sommerfeld

Er kann auch die Redeweise oder psychische Verfaßtheit des Gegenübers angehen, kurzum: auf einer Metaebene die Gesprächsschienen (Rails) manipuliert.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Im Gespräch wechselte er ständig die Argumentationsgrundlage: Entweder war ich niemals richtig angestellt (das ist das Argument, warum auch nichts offiziell kommuniziert werden dürfe), oder aber ich hatte eine offenbar höchst repräsentative offizielle Funktion an der Schule (das ist das Argument, warum man mich leider aus politischen Gründen entfernen mußte).

Dann das Totschlagargument aller Ökonomen: Da der finanzielle Fortbestand der Schule gesichert werden müsse, wofür er täglich kämpfe, würde jedes Querschießen mit "abseitigen Problemen" die Schule gefährden. Wer die ökonomische Basis gefährde, gefährde auch sich selbst als Familie an der Schule, und davor müsse er mich schützen.

Ich bekräftigte, daß ich noch immer nicht wirklich wisse, wovor sich die Leute konkret fürchten. Ich wolle es von ihnen selber hören. Denn es könnte ja sein, daß eine Mutter mit zwei Negerkindern glaubt, ich wolle ihnen an den Kragen. "Das N-Wort hat man sich in Österreich geeinigt, nicht zu verwenden, das weißt du doch ganz genau, Caroline! Da kann ich verstehen, warum sich jemand beleidigt fühlt, und ich möchte dich bitten, dieses Wort nie wieder zu verwenden."

„Wir“ definieren den Rahmen des Sagbaren, der Spurwechsel zwischen Inhalt und Metaebene geschieht wie ein bedingter Reflex, immer hin und her, sobald der Rahmen wackelt.

Tugendbotschafter

Eine Mutter verabschiedete sich von mir und erklärte: “Ich hab ja gern mit dir zusammengearbeitet. Daß wir politisch andere Meinungen haben, respektiere ich. Aber schau, ich kann es einfach nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, daß wir durch unser Schulgeld deinen Lebensunterhalt querfinanzieren.“

Eine andere Mutter am Telefon: “Es ist doch aber klar, daß du ausgeschlossen wirst, wenn du so radikal bist. Ich meine, gegen Rechtsradikale muß sich so eine Schule doch auch abgrenzen, das sind die Werte unserer Gemeinschaft.“

Tugendbotschaften abzusetzen (Virtue signalling) dient normalerweise der Befestigung des eigenen sozialen Status in einer Gruppe Gleichgesinnter. Die Gruppe festigt ihren moralischen Zusammenhalt als „wir Guten“, indem sie „die Bösen“ definiert. Offenbar fällt es so manchen guten Linken nicht unangenehm auf, wie es wirkt, wenn die Tugendbotschaften dem „Bösen“ direkt ins Gesicht klatschen. Der Klartext des signalisierten Guten ist ausgesprochen gehässig: Leute wie dich wollen wir nicht.

Er meinte weiter, er habe sich persönlich für mich eingesetzt, denn es gab ja viel weiterreichende Forderungen, d.h. daß wir komplett ausgeschlossen würden als Familie wegen meiner diskriminierenden Texte. Er persönlich, als Papa, menschlich, wolle das ja verhindern, von ihm würde ich ja niemals eine Drohung hören (ich hatte davon gesprochen, daß der "Schutz" der Kinder aber ein Damoklesschwert wäre). Wenn ich nicht aufhören oder verhindern würde, daß wegen dieser Sache jetzt andere Eltern da große Wellen schlagen, dann müsse er gezwungenermaßen doch weitere Konsequenzen ziehen.

„Engagement“ oder „Sicheinsetzen“ zu betonen, ist eine typische Tugendbotschaft, interessant wird es dann, wenn im selben Atemzug die Konsequenzen mitgenannt werden. Die Rhetorik der „Anständigen“ legt sich dadurch selber frei. Dahinter liegt leere Drohung. Es ist eine leere Drohung, das weiß ich erst jetzt.

Eine der Denunziantinnen hat einen Gambier zum Manne, seines Zeichens Menschenrechtsaktivist. Die Ironie der Geschichte ist: Dort kämpfen sie für die Demokratie, hier kämpfen sie dagegen. Es ihnen zu sagen, ist sinnlos. Sich zu wappnen, das Lehrbuch zu studieren, ist sinnvoll. Gehen muß man trotzdem.


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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