Sezession
22. Mai 2017

Die Kunst des Ausrottens

Nils Wegner / 11 Kommentare

Gab's schon immer, wird's auch immer weiter geben, wird dadurch aber auch nicht wahrer. Insbesondere die Kunst ist, soweit wir wissen, schon immer (auch) mit der Darstellung von Allzumenschlichem befaßt, also Mord und Totschlag, Ausschweifungen und sonstigen Sachen, die eigentlich »gar nicht gehen«.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Das obige Bild etwa ist ein Abzug der Gravur "Schlacht der Nackten" von Pollaiuolo, vermutlich entstanden zwischen 1465 und 1475 und eines der wichtigsten altmeisterlichen Werke der Italienischen Renaissance. Da wird einander fleißig massakriert, auch wenn kein Blut fließt; die Wirkung auf damalige Betrachter dürfte eine ähnliche gewesen sein wie die von Filmen der Neuen Schule des französischen Terrorfilms (etwa Martyrs oder Inside, 2008/07) auf den unvorbereiteten heutigen Zuschauer.

Während die Gewaltdarstellungen klassischer Kunstwerke deren heutigen Status nicht tangieren, sieht das bei zeitgenössischen Arbeiten ganz anders aus. Die Debatte darüber, ob exzessive Gewalt-, Blut- und sonstige Sekretdarstellungen den Kunststatus für sich beanspruchen dürfen, wird wohl nie ein Ende finden.

Der wahrnehmbare künstlerische Drang nach Devianz und Grenzüberschreitung hat heute zu einem guten Teil auch mit der Echtzeitverfügbarkeit von Informationen aus aller Welt und einer nicht leugbaren Hyperrealität zu tun. Wer will, kann sich den ganzen Tag Hinrichtungsvideos des IS anschauen oder sich mit Genitalverstümmlungspraktiken gewisser religiöser Gruppen beschäftigen – da lockt eine "provokante künstlerische Intervention" wie "Plumps Ei Nr. 1" nicht mehr allzuviele Leute hinter dem Ofen hervor, zumal solche "Provokationen" sich ohnehin nie gegen irgendjemanden richten, von dem her echter Gegenwind zu erwarten wäre.

Wo es kaum noch Tabus und "rote Linien" gibt, ist es gar nicht mehr so leicht, jemanden zu schocken (sofern man sich nicht gerade, wie Jonathan Meese, am offenkundigsten und hochheiligsten Tabu vergreift). Das setzt den unabhängigen Kreativen unter Druck. Aber auch nur den, denn wie in allen Belangen, so kann es immer sein, daß der Staat eingreift und jemandes "visionäres", "provokatives" – oder was auch immer der gerade gängige Modebegriff ist – Werk protegiert, um die eigenen Schäfchen zu erziehen.

Wer unlängst einmal in Paris war, hat es vielleicht schon gesehen (wahrscheinlich nicht): Mitten unter dem Eiffelturm prangt seit Spätherbst letzten Jahres das riesige, aparte Straßenbild eines gewissen Cleon Peterson. Es heißt Eternal Sleep, also "Ewiger Schlaf". Was sehen wir?

Schwarz und Weiß in inniger Umarmung werden von Schwarz und Weiß im Ringelreihen umtanzt. Gewisse im Bild scheinbar angedeutete Symbole erregen seither den Zorn verschiedener Betrachter, aber lassen wir doch den Urheber, Jg. 1973, selbst zu Wort kommen:

An diesem Ort wird die abgebildete Geschichte zu der aller Menschen dieser Welt, die unserem modernen Dilemma der Spaltung gegenüberstehen, und der Suche nach politischer und gesellschaftlicher Einheit. [...] Der Titel "Endless Sleep" bezieht sich auf den heutigen Stand der Dinge, die Übergangsphase, in der wir entweder aufwachen, Veränderungen anstoßen und unsere Spaltung überwinden oder weiterschlafen und im Zustand ständiger Reibereien verbleiben können.

Sehr philosophische Worte, und vor allen Dingen wahnsinnig mutig. Ebenso wie die Entscheidung der Pariser Stadtverwaltung, die unmittelbare Umgebung des Wahrzeichens der Stadt von einem Herrn "verschönern" zu lassen, dessen Friede-Freude-Eierkuchen-Buntheit ansonsten ganz anders miteinander interagiert.

 


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (11)

Caroline Sommerfeld
22. Mai 2017 14:46

Hübscher Manichäismus, M.C. Escher hat vorgelegt: https://www.achim-und-kai.de/kai/fuc/fuc_escher.png.

Die "Seid-umschlungen-Millionen"-Agitpropkunst ist keine Kunst im modernen Sinne, wage ich mit Luhmann zu behaupten. Fremdreferenz heißt, auf andere Systeme und die in ihnen benötigten Inhalte zu referieren, z.B. eben politische Agenden oder pädagogische Programme.

"All dies konvergiert in der ausgeprägten Tendenz, die Überschüsse an Kommunikationsmöglichkeiten durch die Form der Mitteilung, und nicht durch die Art der Information wegzuarbeiten, also auch Selbstreferenz gegenüber Fremdreferenz zu bevorzugen." (Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft, 1995, S.467).

Hesperiolus
22. Mai 2017 15:18

Ich halte Vergleichsschritte wie den "einer ähnlichen Wirkung damals so wie heute" für grundverfehlt, ebenso den  Denunziationstopos der Neospießer gegen jeweilige Verfallsverdikte abtretender Generationen. Von "Kunst" sollte aprés la lettre demgegenüber gar keine Rede mehr sein dürfen. Desungeachtet stellen, angesichts der Vermarktung und Institutionalisierung solcher documents humains krankhafter Einbrüche des Dämonischen, die personalen Hintergrundgeflechte von Hochfinanz, Kunstmarkt, Weltmeinungsindustrie und Porno-Ökonomie ein bemerkenswertes Arrheton dar.

marodeur
22. Mai 2017 17:10

Der besagte Peterson war mir leider bisher völlig unbekannt. Nach einem groben Studium seiner Werke gilt es zunächst festzuhalten, dass es sich definitiv um Kunst handelt. Die Idee ist originell und hat hohen Wiedererkennungswert - Gewalt im Look attischer Vasenmalerei. Für sich genommen sehr sehenswert.

Bemerkenswert ist auch, dass die vielen Objektbeschreibungen und Kritiken (zumindest im Netz) einfach ignorieren, dass der Künstler bei jeder Gelegenheit autorassistische Rachefantasieen auslebt. Man stelle sich das Ganze mit invertierter Farbe vor - selbstverständlich würde der Künstler in diesem Fall "realen Rassismus schonungslos anprangern". Mordende Neger sind dagegen allenfalls schokierend und ein wenig angenehm gruselig.

Das Motiv des Reigens der Nationalitäten ist seit mindestens 70 Jahren ein fester Bestandteil der europäischen Denkvorstellungen. Schon in meiner Kindheit wurden die Wände von DDR-Kindergärten mit bunten Kindern bemalt, die vereint um die Erde tanzen. Jeder wußte natürlich, dass das reine Symbolik war und für den naiven Wunsch nach einer friedlicheren Welt stand (daher auch immer Kinder). Nach der Vereinigung mußte ich feststellen, dass man dieses Ringelreih herzulande in die Tat umsetzen will - und das auch noch mit erwachsenen Menschen.

Man sieht sofort, dass diese dümmliche Dampfhammer-Botschaft dem Wert der Kunst abträglich ist. Das passiert im Grunde immer, wenn sich Künstler einer politischen Idee unterwerfen. Mein Lieblingsbeispiel ist Otto Dix, dessen Frühwerk ich sehr schätze. Sein Spätwerk in der DDR ist dagegen geradezu unterirdisch angepasst und voll stumpsinniger Sozialismusliebe.

Neffe Mannheims
22. Mai 2017 17:55

War zuletzt 2011 in Paris. Als ich damals am Gar du nord aus dem Zug gestiegen bin, hat's mich fast aus den Latschen gehauen. Ich hatte das Gefühl, irgendwo in Zentralafrika gelandet zu sein. Das, was es da zu sehen gab, hatte mit Europa nichts mehr zu tun. Ein Alptraum. Werde nie mehr diese Stadt betreten.

Borstelspatz
22. Mai 2017 18:55

Ich habe mir eben mal dutzende Werke dieses "Künstlers" im Internet angeschaut. Entweder bringen Weiße ebenfalls Weiße um oder eben andauernd Schwarze die Weißen. Konnte nicht ein einziges Bild finden, auf dem ein Weißer einen Schwarzen umbringt. Komisch oder? 

Henrik Linkerhand
22. Mai 2017 20:42

Zur erweiterten Lektüre: Richard W.  Eichler "Könner, Künstler, Scharlatane" und "Der gesteuerte Kunstverfall"

Nemo Obligatur
22. Mai 2017 21:51

Es gehört nicht zum Thema, aber leider ist die Diskussion zur Sache Sieferle (G. Kubitschek vom 18. Mai) schon geschlossen. Das Thema wäre unvollständig ohne die Anmerkungen von M. Klonovsky, der einen Leserbrief von Prof. Kolb an die FAZ zitiert, der seinerseits zum Artikel J. Grossarths Stellung nimmt. Der Beitrag von M.K. ist hier zu finden:

https://www.michael-klonovsky.de/acta-diurna

Eintrag von heute.

Der ganze Vorgang ist umso empörender als der Leserbrief Kolbs nicht abgedruckt wurde. Klarer Tenor: Der Beitrag Grossarths war nicht nur infam, er war auch noch in wesentlichen Teilen glatt erlogen.

Benno
23. Mai 2017 00:16

Dumm nur, dass Provokation alleine keine Kunst ist. Ob Pollaiuolo mit seinem Bild provoziert hat oder nicht; es handelt sich bei selbigem doch noch um Kunst. Zeugt das Gemälde doch noch von einer Kunstfertigkeit, von Können und Geschick. Auf einem öffentlichen Platz seine künstlichen Titten zu zeigen und Gegenstände aus der Vagina plumpsen zu lassen, lässt all dies vermissen. Nur weil Kunst provozieren darf, ist noch lange nicht jede Provokation Kunst.

Monika L.
23. Mai 2017 11:40

Die Kunst des Ausrottens studierte ich als Kind bereits im Frankfurter Städel:

https://m.youtube.com/watch?v=3VPnW4oO1u8

Und finde, dass diese Gewaltdarstellungen uns bis heute berühren.

Der Unterschied zur modernen und zeitgenössischen Kunst besteht darin, dass die alten Meister der Gewalt noch das Schöne entgegensetzten. Von Pollaiuolo gibt es das wunderbare Profilbildnis einer jungen Frau. Von Hieronymus Bosch neben Höllendarstellungen auch das Paradies. 

Die moderne Malerei stellt das Paradies nur noch in der Südsee dar, die Sekretkunst der mexikanischen Künstlerin Teresa Margolles ( Arbeiten mit Blut und Leichenwassern) kennt keine Auferstehung. 

Dieser Cleon Peterson übernimmt Stilmittel moderner und zeitgenössischer Kunst. Erinnert an Escher,  an attische Vasen ( marodeur), an den Tanz von Matisse. Die vergewaltigte Frau erinnert in der Linienführung gar an die Ästhetk eines Aubrey Beardsley....

Die Aufregung um diese schwarz- weiß Kunst verstehe ich nicht ganz. 

Gerade die am Boden liegende weiße Frau in schwarzer Runde fordert doch geradezu zu künstlerischer "Weiterbearbeitung", etwa durch die Identitären heraus. Stichwort Rotherham, Tulln.....

So , wie Elfriede Jelineks Kunststück identitär performed wurde....

Es lebe das Happening....

Stil-Blüte
23. Mai 2017 18:20

Ein großer Unterschied zwischen tradierten Gewaltdarstellungen und die von Peterson: Die 'alten' erzeugen Ergriffenheit, Nachdenken, Traurigkeit, Läuterung (z. B. die Kreuzigung als Passion), auch Aufhebung durch Schönheit, Harmonie.  Petersons plakative Kunst spricht in uns den Dämon an; Verführungskunst, in uns die Bestie wecken als etwas Normales. 

Die weißen, sich nach oben reckenden weißen Gesichter sind übrigens haargenau Picassos Bild Guerinica  entnommen.

Peterssons Plakate provozieren nicht, sie proklamieren: Gewalt und Vergewaltigung sind endlich als Norm angebracht.   

Monika L.
23. Mai 2017 19:57

Die Kunst des Ausrottens studierte ich als Kind bereits im Frankfurter Städel:

https://m.youtube.com/watch?v=3VPnW4oO1u8

Es gilt, was Stil-Blüte  schreibt. Neben Gewaltdarstellungen gibt es bei Pollaiuolo das wunderbare Profilbild einer jungen Frau. Bei Hieronymus Bosch neben der Hölle das Paradies. Das Paradies lag bei Gaugin dann in der Südsee. Heute ist es auch dort nicht mehr zu finden.....Es gibt kein Entrinnen aus der Immanenz.

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