Sezession
21. Mai 2017

Sonntagsheld (12) – Wenn Herr Ritter dreimal klopft…

Till-Lucas Wessels / 20 Kommentare

Wer sich in dissidenten Kreisen engagiert, kriegt früher oder später Besuch von jenen mehr oder weniger sympathischen Herren mittleren Alters, die als Verfassungsvertreter von Haustür zu Haustür ziehen und pralle Säcke mit Silberlingen anbieten für diejenigen, die bereit sind, ihre Freunde zu verraten.

Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

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Das kann – je nach Situation und Eifrigkeitsgrad der Schlapphüte – trivial, anstrengend oder unterhaltsam sein, und weil wir in Halle innerhalb der letzten Wochen häufiger Besuch hatten, sei nun ein bißchen aus dem Nähkästchen geplaudert. Anscheinend hat sich nämlich in unserer Saalestadt ein besonders neugieriges Exemplar eingenistet, das nun nach und nach Umfeld und Aktivistenkreis unserer örtlichen IB-Gruppe abklappert und mit großzügigen Premien winkt.

So geschehen am vergangenen Mittwoch: An jenem sonnigen Tag klingelte es zur Mittagszeit an der Wohnungstür eines Gefährten, der, weil er gerade Besuch erwartete, den Summer betätigte. Wenige Sekunden später standen zwei sichtlich abgehetzte Gestalten vor der Wohnungstür.

Bevor wir uns dem brisanten Inhalt des folgenden knappen Gespräches zuwenden, sei kurz auf das Erscheinungsbild der zwei aus Berufsgründen besorgten Bürger eingegangen. Es ist nämlich eine ganz spezielle Eigenart der Herren vom Innenministerium, in Sachen Kleidung und Auftreten haarscharf an dem vorbeizuschrammen, was man, das Profil des zu Bestechenden in Betracht ziehend, wahlweise als schick oder szenekonform ausgemacht zu haben glaubt.

In diesem Fall vermutete man wohl einen besonders subkulturellen Gesprächspartner auf der anderen Seite der Tür, weshalb sich die zwei Besucher in feinsten VS-Zwirn gezwängt hatten. Dazu gehörten unter anderem die allseits beliebte Cargo-Hose, Sportschuhe, lässige T-Shirts und die obligatorische Lederjacke, die jeder Agent tragen muß, damit er für seinesgleichen weiter erkennbar bleibt.

Ein besonderes Sahnehäubchen (die Dame in der Bekleidungskammer hatte sich sichtlich Mühe gegeben): Wahlweise eine Baseballmütze oder ein Haarschnitt, wie man ihn in Halle vornehmlich von den Bewohnern ehemaliger sozialistischer Wohnprojekte kennt. Physiognomisch bot sich weiterhin das Bild des klassischen Beamtenduos: Einer groß und laut, einer klein und nett, beide mindestens 15 Jahre zu alt, um mit der oben beschriebenen Kleidung in irgendeiner Art und Weise angemessen angezogen zu sein.

Vorstellen tat sich der Große mit der Lederjacke als "Herr Ritter, Innenministerium", wobei nur zu hoffen ist, daß es sich dabei um einen Decknamen handelt und wir es bei diesem Strolch nicht mit dem moralisch degenerierten Sproß eines einstigen Adelsgeschlechtes zu tun haben. Herr Ritter also kam unweigerlich zum Punkt, ratterte in der nicht ganz von-der-Leyen-konformen Geschwindigkeit eines MG 42 seine Fragen herunter und blickte dann mit dem hoffnungsvollen Blick eines Hundes, der sein Leckerli erwartet, auf unseren Gefährten herab.

Als er keine Antwort erhielt, dachte er kurz nach, erinnerte sich der unzähligen Folgen Tatort, die er sich mit seiner Frau und den zwei Katzen angeschaut hatte, und fragte seinen Gegenüber nach einer Summe, man könne selbige verdoppeln oder verdreifachen, in jedem Fall sei doch zumindest mal ein Treffen "auf einen Kaffee" drin.

Langer Rede kurzer Sinn: Den zwei Maden wurde die Tür vor der Nase zugeschlagen, Herr Ritter brüllte noch eine Kaffee-Einladung gegen die geschlossene Wohnungstür und zog dann mit seinem Sidekick ab, während der überdimensionale Ohrring – vielleicht Accessoire, vielleicht Erinnerung an eine rebellische Jugend, aus der er selbst von einem väterlichen Verfassungsschützer freigekauft worden war – melancholisch an seinem Ohrläppchen baumelte.

Diese tragikomische Episode geheimdienstlicher Dilettanz hat – bei allem Hohn und allem Spott – einen ersten Kern. Mit der fortschreitenden Beobachtung durch diverse Inlandsgeheimdienste steigt der Belästigungsgrad, dem sich die Aktivisten und das Umfeld dissidenter Strukturen in der Bundesrepublik ausgesetzt sehen, ständig. Je aufdringlicher die Anquatschversuche und je höher die angebotenen Summen werden, um so wichtiger wird auch die Solidarität im eigenen Lager.

Daher schließe ich diesmal mit einem ganz pragmatischen Aufruf an unsere Leserschaft, gerade an diejenigen, die als rechte "U-Boote" durch den Alltag treiben:

Lassen Sie nicht zu, daß diejenigen, die mehr riskieren als Sie, durch Repressionsmaßnahmen vereinzelt werden! Wenn ein Aktivist seine Arbeit verliert, bieten Sie ihm eine neue an. Wenn in ihrem Freundeskreis politische Säuberungsaktionen durchgeführt werden, bekennen Sie Farbe. Wenn Ihre Partei, Ihr Schützenverein oder Ihr Seniorenschachspielclub jemanden rausschmeißen will, weil er zu einem IB-Stammtisch gegangen ist, stärken Sie ihm den Rücken.

Und wenn eines Tages Herr Ritter und Herr Stallbursche bei Ihnen vor der Tür stehen und Sie auf einen Kaffee einladen wollen, denken Sie an diesen Artikel, fassen Sie sich ein Herz und kippen Sie ihnen die ganze Tasse ins Gesicht.

 


Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

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Kommentare (20)

Ein gebürtiger Hesse
21. Mai 2017 15:30

"Lassen Sie nicht zu, daß diejenigen, die mehr riskieren als Sie, durch Repressionsmaßnahmen vereinzelt werden."

Manches muß, damit es einsinkt, fett, laut und kursiv an die innere Wand geschrieben werden. Euch Hallenser Helden muß das nicht gesagt werden, anderen aber vielleicht schon. Diesen einen kräftigen Knoten ins Taschentuch.

Exzellenter Sonntags-Text mal wieder - danke, Herr Wessels -, herrliches Lied von Melanie im Link am Ende. Wer hier die Guten sind, steht außer Frage.

Der Feinsinnige
21. Mai 2017 15:58

Nach der Lektüre dieses Artikels muß ich erst einmal meine Gedanken und Sinne sammeln. Ich gehe selbstverständlich davon aus, daß der Artikel einen realen Vorfall und diesen genauso schildert wie er sich ereignet hat. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, eine Szene aus einem sehr schlechten Buch oder Film zur Kenntnis genommen zu haben. Darum sicherheitshalber die Nachfrage: Gehen hier (Alb-)Traum und Wirklichkeit durcheinander (ob beim Autor oder beim Leser) oder ist das tatsächlich inzwischen die Realität in der sich selbst als freiester Staat der deutschen Geschichte sehenden Republik? Es ist schier unglaublich, was hier berichtet wird - und scheint doch wahr zu sein.

Meine Hochachtung für die Haltung, diesen Vorfall gelassen als "tragikomische Episode geheimdienstlicher Dilettanz" zu werten. Als bei der Wiedervereinigung die Rede davon gewesen ist, Deutschland werde "östlicher und protestantischer" werden, habe ich mir darunter jedenfalls nicht vorgestellt, daß das vereinte Deutschland solche Methoden bei der Bekämpfung mißliebiger politisch engagierter und explizit gewaltfrei auftretender junger Leute einsetzt - und als solche haben sich die Aktivisten der IB bislang, soweit mir bekannt, immer gezeigt. Gewaltlose "Regelverletzungen" gehören seit 1968 zur demokratischen Kultur der Bundesrepublik dazu. Dies hat die politische Linke doch propagiert und durchgesetzt! Jetzt, da gewaltfreie Regelverletzungen bei politischen Aktionen von mißliebiger Seite eingesetzt werden, Geheimdienste loszuschicken, zeugt nicht nur von schlechtem Stil, sondern auch davon, daß unsere Behörden offenbar jedes Maß verlieren. Es zeigt auch, wie verunsichert die politisch Verantwortlichen inzwischen tatsächlich sind!

Der Feinsinnige
21. Mai 2017 16:54

Eine Zusatzbemerkung sei erlaubt:

Die Aktionen der IB (Spruchbandaktionen, kurzzeitiges Entern von symbolträchtigen Gebäuden oder Bauwerken, auf öffentliche Plätze legen, um auf die Terror-Gefahr hinzuweisen usw. usw.), die man auf deren zahlreichen Facebook-Seiten im einzelnen nachverfolgen kann, würden, wenn sie andere politische Zielsetzungen hätten, sicher einhellig und zu recht als phantasievoll, kreativ usw. usw. gewertet werden. So ist und war das jedenfalls, solange derartige Aktionen von links bzw. aus der Umweltbewegung (Greenpeace o.ä.) oder aus der „Friedensbewegung“ kamen (auch dort legte man sich, wenn ich mich richtig erinnere, auf öffentliche Plätze zur Warnung vor Nuklearkriegen oder -katastrophen). Störungen durch Sitzblockaden bzw. „Sit ins“ gehörten doch von Anfang an dazu, ob unter freiem Himmel oder auch bei Saalveranstaltungen, z.B. Uni-Vorlesungen, und wurden vom Bundesverfassungsgericht nach vielen Jahren des Streits nicht mehr als „Gewalt“ im Sinne des Nötigungstatbestandes gewertet, vgl. hierzu nur den Wikipedia-Artikel „Sitzblockade“, also eine politisch unverdächtige Quelle:

https://de.wikipedia.org/wiki/Sitzblockade

Soviel zur Gleichbehandlung unterschiedlicher politischer Gruppen in diesem Lande. Wenn zwei das gleiche tun, ist es also noch lange nicht dasselbe.

deutscheridentitärer
21. Mai 2017 18:42

Man wird sehen, inwiefern der Fall Franco A. noch zur Ausweitung der Repression genutzt werden wird.

Im Übrigen frage ich mich schon seit langem, was gegen die Strategie spricht, das Geld zu akkzeptieren, den Vorfall dem Gruppenleiter zu melden und die Spitzel dann mit Falschinformationen ader auch gar nicht zu versorgen.

Utz
21. Mai 2017 18:42

Es ist völlig unglaublich und man schaut unwillkürlich auf den Kalender, ob nicht doch der 1. April ist. Andererseits ergibt es schon Sinn. Es ist die Methode Mißtrauen zu säen. Es ist deren Hoffnung, daß sich die Betroffenen sagen: "Moment mal, ich habe Besuch bekommen, dann vielleicht auch x, y und z. Ich bin nicht umgekippt, aber vielleicht x oder y oder z." Nur dazu kann das gut sein. Um so wichtiger war Ihr Artikel.

Caroline Sommerfeld
21. Mai 2017 20:08

H glaubt das nicht! Und zwar nicht, weil er es nicht glauben will (haben wir ja auch manchmal, diese Ignoranz), sondern weil es vollkommen irrational ist. Warum verrät sich der VS so? Ist nicht sein Sinn, verdeckt zu operieren? H überlegte sogar, ob Ihr verarscht worden sein, ich wandte ein, daß das von hinten durch die Brust ins Auge geschossen wäre - wem würde das denn nützen? Können die sich nicht denken, daß Sie das öffentlichmachen? So schlappige Schlapphüte kann's doch gar nicht geben. Mißglückte MfS-Anwerbeversuche wurden jedenfalls durch Erpressung gedeckelt, sodaß sich die Umworbenen nicht getraut hätten, darüber zu sprechen.

stimmviech
21. Mai 2017 20:36

Einige Anregungen für die jungen Revolutionäre https://antaios.de/detail/index/sArticle/40694

Wegen der Demographie halte ich die Sache zwar für aussichtslos.Aber wer jung ist hat vielleicht Spaß an der Subversion...

RMH
21. Mai 2017 21:25

Mit den Schlapphüten ist es wie mit den Eisbergen. Mindestens 80% sind unter Wasser und nicht so einfach zu erkennen, wie in dem hier geschilderten Fall. Im übrigen ist es Teil einer jeden Zersetzungs- und Unterwanderungsstrategie, mal offen mit der Fahne zu wedeln und mal diskret und unerkannt zu operieren.  Dies steigert die Verunsicherung der unter Beobachtung stehenden Objekte.

Gehen wir also einfach mal davon aus, dass schon genügend die Kohle angenommen haben oder eben mit anderen Mitteln unter Druck gesetzt wurden (manchmal ist es ja auch eine Kombination von beiden) und jetzt liefern.

Es wäre schön, wenn hier auf Erfahrungen der ehem. DDR Widerstandskreise zurückgegriffen werden könnte bzw. wenn Leute mit diesen Erfahrungen (ehem. Oppositionelle und evtl. auch ehem. Stasi Mitarbeiter) der jetzigen Jugend Tipps geben könnten.

Harding
21. Mai 2017 23:50

Hui!

Den Lieben Verfassungswächtern müssen aber ganz schøn die Nerven flattern. Hier und dort ein paar koordinierte Aktionen, Plakate und Gegenmeinung der IB und jetzt schon so ein Affen-Theater? Gehts nicht noch langweiliger? Weshalb kümmern sich diese Beamten nicht um solche Staats-Zersetzer wie H. Maas? Was diese Person treibt ist doch wohl weit gefährlicher....

Thomas S.
22. Mai 2017 00:41

@RHM

Solche Erfahrungen gibt es, bzw. sie wurden auch entsprechend niedergeschrieben. Demnach ist es eine gute Idee, skeptisch gegenüber Personen zu sein, die freiheitliche Oppositionelle zu Gesetzesverstößen oder kompromittierendem Handeln provozieren wollen. Es ist auch eine gute Idee, sich nicht in die gewünschte Rolle des Staatsgegners hineindrängen zu lassen, sondern sich im Gegenteil auf die staatlicherseits anerkannten Rechte zu berufen. Ansonsten wirkte die Opposition im Ostblock in den wenigen kulturellen Schutzräumen, die der Staat nicht zerschlagen konnte oder dies nicht wagte, und stand mit weißer Weste da, als sich ihre totalitären Gegner selbst diskreditiert hatten. Und ein Herr Ritter würde vermutlich lieber Terroristen jagen als Oppositionelle, die frühzeitig und zutreffend vor eben diesen gewarnt haben. Es schadet nicht Personen wie ihm zu zeigen, dass die Klischees, die man über die Opposition verbreitet, nicht stimmen.

0001
22. Mai 2017 01:10

@ Thomas S.

Eben. Wir sind der Grundgesetzschutz.

Martin S.
22. Mai 2017 01:33

Ganz wichtig, um sich (relativ) unangreifbar zu machen:

-  keine  Schulden machen

- finanzielle  Rücklagen bilden

-  keine langfristigen  Kredite  am Laufen  habe.

-  mobil bleiben,  zur Miete wohnen,  kein Haus kaufen oder  bauen

-  anständiger Lebenswandel

- sich von Lob und Tadel der Außenwelt weitgehendst  frei machen

Wenn das alles vorliegt, muss das System schon schwere Geschütze, wie  beispielsweise Erpressung, einsetzen.   

Und der Kaffee? Diskret ablehnen.  Doch nicht in das Gesicht schütten!  "Wer lächelt statt zu schreien, ist immer der Stärkere." ...

Rabenfeder
22. Mai 2017 06:42

Gesetzt, es handelt sich beim beschriebenen Hausbesuch um ein wirkliches Vorkommnis und keine literarische Übertreibung oder gar Fiktion, dann sehe ich dennoch nicht zwingend einen dilettantischen Auftritt der Herren in Zivil. Sicher, der persönliche Eindruck mag lächerlich gewesen sein, aber wir sollten ja nun nicht naiv glauben, dass die tatsächliche Anwerbung des IB-Aktivisten das primäre Ziel des Besuchs war.   

Eine solche Vorgehensweise stammt doch aus dem Lehrbuch der Gedankenkontrolle und Psycho-Manipulation. Die Botschaft an den Aktivisten selbst und über die Veröffentlichung an alle Widerständler ist doch klar:

Erstens: Wir wissen wer ihr seid und beobachten Euch; und dies nicht nur aus der Distanz.

Zweitens: Nur weil Du uns entlarvt hast, folgt daraus ja nicht, dass Dein Kamerad X unser Angebot ebenso ausschlug, nicht wahr? Vielleicht achtest Du ab sofort etwas genauer auf Deine Mitkämpfer, vielleicht gerade auf die Anführer, denn wenn wir Dir schon Summe A anbieten…

Das Gefühl des Unbehagens wächst und die Saat zukünftigen Misstrauens ist gelegt.

Jim Jones hat sich zeitgleich mit den MK-Ultra-Experimenten der CIA solcher Mind control-Techniken auf dem Weg zum Massen(selbst?)mord  mit über 900 Toten im Dschungel von Guyana bedient.

Zum Beispiel flüsterte er seinen Opfern ein, dass Prüfer kommen würden, die jeden zu jeder Zeit inkognito auf seine Loyalität testen würden, indem sie vorgeblich ebenfalls Flucht-oder Widerstandsgedanken hegten.

Zu Jonestown:

https://jonestown.sdsu.edu/?page_id=29478

Zum Thema Vertrauen und induzierte Neurose sei noch auf Pavlovs Hundeexperiment mit Kreisen und Ellipsen hingewiesen.

Wie geht man mit derartigen Psychomethoden um?

Ich glaube, Vertrauen in sich selbst, sein eigenes Urteilsvermögen (oder auch nur seine Nase) und die Richtigkeit der Sache müssen genügen; lieber vertraut man einer Figur, die sich als nicht vertrauenswürdig herausstellen mag, als niemandem zu trauen. Unser Volksgedächtnis hat eine schöne Merkformel für solche Situationen:

Trau. Schau. Wem.

(Man sollte vielleicht Trau! schreiben, um die Notwendigkeit des Vertrauen schenken zu unterstreichen; ohne trauen macht schauen keinen Sinn, aber trauen ohne schauen ist blind)

 

siegfried
22. Mai 2017 11:21

Auch wenn der Verfasser versucht den Besuch ins lächerliche zu ziehen, anhand von manchen ängstlich-ungläubigen Kommentaren, läßt sich bereits eine gewisse Wirkung erkennen. Bürgerliche Konservative, die die Polizei als Freund, Helfer und Beschützer sehen und bisher lediglich mit der Polizei zu tun hatten, weil sie 10 km/h zu schnell gefahren sind, nun aber plötzlich im Fadenkreuz des VS stehen, kann man eben maximal als anonyme Geldgeber (das ist aber schon viel wert) sehen.

Stil-Blüte
22. Mai 2017 22:16

@ Martin S. 

'... kein Haus kaufen oder  bauen'

Doch! Gerade das! Das Eigene, Eigentum schaffen: Ein Mann muss drei Dinge tun: ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, einen Sohn zeugen.

Gotlandfahrer
22. Mai 2017 22:19

Solchen Besuchern entgegnen: Ich bin schon beim Verfassungsschutz. Beim Geistesverfassungsschutz.

Katzbach
23. Mai 2017 01:18

Ist es nicht befremdlich die Realität auf einer Literaturseite einziehen zu sehen?
Keine Satire, keine Parabel, kein lyrisches Werben um Erkenntnis. Wie sollen zarte Geister ohne zu erschauern der Realität ins Auge sehen? War es nicht doch ein Theaterstück, das gruselig man durchlebt hat, um dann zu Haus erleichtert den Schauer abzuschütteln, ja ich bin in der besten aller Welten, meiner Heimat der Bundesrepublik Deutschland.

Werner Holt
23. Mai 2017 03:23

@ RMH - 21. Mai 2017 19:25

"Es wäre schön, wenn hier auf Erfahrungen der ehem. DDR Widerstandskreise zurückgegriffen werden könnte bzw. wenn Leute mit diesen Erfahrungen (ehem. Oppositionelle und evtl. auch ehem. Stasi Mitarbeiter) der jetzigen Jugend Tipps geben könnten."

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Sehr geehrte/r RMH,

als zirka Fünfzehn-/Sechzehnjähriger wurde ich vom MfS angeworben, hatte mehrere konspirative Treffen mit den "Tschekisten", bekam Geld und Sachwerte angeboten - und widerstand letztlich allen Anwerbe-"Gesuchen". Dies war allerdings - zumindest in mentaler Hinsicht - nicht ganz so einfach, wie im oben geschilderten Fall.

Wie Frau Sommerfeld bereits richtig bemerkte, gehört zu einem wirksamen konspirativen Anwerbeversuch eine knallharte Deckelung mittels Erpressung/Drohung. In meinem Falle war es die Aussicht auf den Aufenthalt in einem Jugendgefängnis, falls ich auch nur einen Menschen (explizit auch meine Eltern) vom Anwerbeversuch in Kenntnis setzen sollte. Dies mußte ich damals unterschreiben, ohne mir den Text durchlesen zu können - ich wurde knapp mündlich "informiert". - So etwas erzeugt einigen Druck (da schwingt Gefahr mit), zumindest in dieser Alterskohorte. Ein Werber hingegen, dem ich die Tür vor der Nase zuschlagen kann, ist eigentlich kaum ernstzunehmen.

Wichtig und richtig im meinem Falle war, daß ich meine Eltern und meinen damaligen Freundes- und Bekanntenkreis zwar zuvorderst zögerlich, aber dennoch schließlich umfänglich informierte. Und siehe da: Es passierte nichts. Jedenfalls, wenn man davon absieht, daß später mindestens einer meiner Bekannten (aus einer Subkultur) IM-Meldungen über mich verfaßte. Aber auch das blieb bis auf eine Stasi-Akte letztlich fast folgenlos, wenn man von kleineren Schikanen absieht.

An dieser Stelle nun zum oben geschilderten Fall aus Halle an der Saale:
Mittels solcherart Geheimdienst-Taktik soll innerhalb einer observierten/zu observierenden Dissidenten-Gruppe der gezielt gesäte Samen um sich greifenden Mißtrauens keimen und schließlich ganz aufgehen. Eine Saat indes, die -  da ja ohne deutlich erkennbares Drohpotenzial (kein Geheimdienst bettelt, wenn er auch erpressen kann!) - getrost ausgerissen bzw. ausgetrocknet werden kann (und sollte!). Und zwar ganz simpel durch angstfreie offene Kommunikation innerhalb der Gruppe. Dieses Verfahren (als Recht und Pflicht) muß allen Gruppenmitgliedern vollumfänglich klar sein. (Um ein mögliches Restrisiko kümmert man sich hierbei erstmal überhaupt nicht!) Es kann sicherlich sogar von Nutzen sein, sich dessen in zeitlichen Abständen gegenseitig erneut zu versichern.

Von dieser einfachen Möglichkeit des Abschmetterns der geplanten Unterwanderung, Vereinnahmung und somit der letztlich folgenden Zerschlagung der Gruppe durch den Geheimdienst weiß eben auch der Geheimdienst. Es handelt sich deshalb im geschilderten Fall aus der Hallorenstadt wohl eher um eine Mitteilung mit dem Inhalt: "Wir haben Dich auf dem Radar. Überleg Dir also, was Du sagst und tust. Halte Dich zurück. Wir bestimmen die Spielregeln."

Ohne mich wiederholen zu wollen: Bei dieser "Info" handelt es sich natürlich auch um versteckte Drohungen. Diese sind jedoch derart diffus formuliert (da ja ohne direkt offerierte Strafe und allenfalls erahn- bzw. interpretierbar), daß man sie in diesem Stadium der Einschüchterung getrost in den Wind schießen kann.

Sollte sich bei diesem "Spiel" hingegen doch ein Spitzel finden lassen, haben die Schlapphüte natürlich nicht nur ein Teilziel erreicht, wenngleich dies vielleicht gar nicht das Hauptziel war. Im Falle von direkten Aktionen (wie bei der IB üblich) bemerkt man diesen Umstand aber irgendwann unweigerlich. Spätestens dann nämlich wird's auffällig, wenn jegliche Spontaneität unmöglich zu werden scheint, weil der Hase immer schon vor dem Igel im Ziel ist. Dann waren Termin und Ort der Aktion den Langohren bereits vorab bekannt.

Summasummarum: Da also offensichtlich Verunsicherung/Zersetzung das vorrangige Ziel solcher VS-Operationen ist, rate ich jedem Betroffenen dazu, sich umfänglich im Kreis der Gleichgesinnten mitzuteilen. Hierbei aus erfolgter Einschüchterung und Angst zu schweigen, bedeutet nicht anderes, als sich der Geheimdienst-Maßnahme (Verunsicherung/Zersetzung/Zerschlagung) bereits unterworfen zu haben.
Der hallesche Gefährte des Herrn Wessels hat also in die richtigen Tasten gegriffen. Da capo!

Mit patriotischen Grüßen -

Werner Holt

Werner Holt
23. Mai 2017 03:51

@ Thomas S.: 21. Mai 2017 22:41

"Ansonsten wirkte die Opposition im Ostblock in den wenigen kulturellen Schutzräumen, die der Staat nicht zerschlagen konnte oder dies nicht wagte (...)"

Verglichen mit der Ost-Opposition fehlen uns heute zwei nicht ganz unwichtige Verbündete: Zum einen die Kirchen mit ihren schutzbietenden Räumlichkeiten und auch ihren politischen Freiräumen. Dies ist dem Umstand geschuldet, da unsere Kirchenfürsten längst desertiert und (noch schlimmer!) zum Feinde übergelaufen sind. Und zum anderen ein "Westfernsehen", welches der breiten Masse in einfachen und somit verständlichen Worten auch mal "die Rückseite des Mondes" beschreibt (WF-Ausnahme damals ausgerechnet Dunkel-Dresden).

(Na, und vielleicht war ja '89 doch auch der eine oder andere Auslandsgeheimdienst involviert.)

- - -

"Und ein Herr Ritter würde vermutlich lieber Terroristen jagen als Oppositionelle, die frühzeitig und zutreffend vor eben diesen gewarnt haben. Es schadet nicht Personen wie ihm zu zeigen, dass die Klischees, die man über die Opposition verbreitet, nicht stimmen."

Oh, ich fürchte, da kennen Sie diese "Ritters" schlecht ...

- - -

Ansonsten bitte ich um die Verzeihung meiner Einmischung in ihren Disput mit "RMH". - Mit patriotischen Grüßen - W.H.

Cacatum non est pictum
24. Mai 2017 15:58

@Werner Holt

Danke für Ihren sehr interessanten Erfahrungsbericht. Die Stasi war ja auf dem Gebiet der Zersetzung Weltmeister. Warum sollte man heute nicht aus diesem Fundus schöpfen? Interessant ist eben nur, gegen wen sich solcherlei Repression unserer Tage richtet: Die Tonangebenden fürchten sich vor einer Gruppe junger Menschen, die den Staat zu rechtskonformem Handeln auffordern - und nebenbei Heimatgefühle zum Ausdruck bringen. Dass man ausgerechnet gegen sie nun das geheimdienstliche Repertoire in Stellung bringt, sagt viel aus über den traurigen Zustand unseres Staates; und darüber, welche Feindbilder die Herrschenden hierzulande pflegen.

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