Das war’s. Diesmal mit behinderten Projekten, Penisproblemen und Anmache mit Geschmack

21. Mai 2017 -- Sowas gibt's: Im Radio bringen sie eine Rede. Sehr interessant, ziemlich klug. Kubitschek kommt hinzu, lauscht. „Wer ist das?“

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

„Gauck. Haha­ha. Nee, weiß nicht. Klingt nach Gauck, kann er aber nicht sein.“

Wir hören ein biß­chen wei­ter. Es geht um die „Gekränk­te Gesell­schaft“, um eine „Kon­kur­renz der Gekränk­ten“, um die „Gefahr einer Erzie­hungs­dik­ta­tur“, um ein „über­sen­si­ble Sozia­li­sa­ti­on“. Der Red­ner warnt, daß es vor lau­ter Krän­kungs­angst zu einer „Selbst­zen­sur gegen den ver­ord­ne­ten Leit­dis­kurs“ kom­men könn­te. Ein aus­ge­zeich­ne­ter Vortrag. 

Toch­ter ist hin­zu­ge­kom­men. Lauscht auch inter­es­siert. „So was von Gauckstim­me, ist ja kraß. Müßt man ihm mal vor­spie­len. Könnt er was ler­nen!“ Sie fum­melt an ihrem mobi­len Gerät. „Ist Gauck.“

Schön, wenn man sich noch wun­dern kann.

– – –

23. Mai 2017 – „Das könn­te dich inter­es­sie­ren!“, emp­fiehlt mir das Netz. Na gut, auch wenn ich auf die­se Masche sel­ten ein­stei­ge. Ich klick mal. 

Es ist ein älte­rer Arti­kel, und wie es der Zufall will, han­delt er auch von einer Frau, die auf bestimm­te Maschen nor­ma­ler­wei­se nicht reagiert. Hier: Street harass­ment, All­tags­an­ma­che. Die­se jun­ge Frau aus Paris nun hat­te sich

vor­ge­nom­men, zwei Wochen lang zu jedem ein­zel­nen Frem­den, der mich auf der Stra­ße anbag­ger­te, ja zu sagen und eine Unter­hal­tung mit ihm anzu­fan­gen. Ein­fach nur, um zu sehen, was pas­sie­ren wür­de. Ich woll­te her­aus­fin­den, wer sie waren, was in ihren Köp­fen vor sich ging.

Das ist kein gran­dio­ser Arti­kel. Inter­es­sant dies:

Der nächs­te Typ, dem ich begeg­ne­te, hieß Yaci­ne. Tat­säch­lich war die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der Män­ner, die im Lau­fe die­ser zwei Wochen auf mich zukam, ara­bi­scher Her­kunft. Ich habe lan­ge über­legt, ob ich das schrei­ben soll, weil ich kei­ne dum­men ras­sis­ti­schen Vor­ur­tei­le schü­ren will, aber es ist nun mal die Wahr­heit. Ich habe mit Yaci­ne sogar dar­über geredet.

‘Ach ja, machen dich vie­le von ihnen an? Viel­leicht ja, weil sie bes­se­ren Geschmack haben, was Frau­en angeht!’, lach­te er. Und damit wisch­te er see­len­ru­hig mei­nen lah­men Ver­such der sozio­lo­gi­schen Ana­ly­se beiseite.

Okay, jetzt wis­sen wir auch das. Die­se Män­ner haben ein­fach Stil.

– – –

28. Mai 2017 – Kurz­ur­laub in der alten Hei­mat. Unge­fähr zwi­schen dem Ort, von dem mein Vater 1946 ver­trie­ben wur­de und dem, den mei­ne Mut­ter 1958 (der deut­schen Spra­che damals kaum mehr mäch­tig; wer geblie­ben war, hat­te zwin­gend pol­nisch zu spre­chen) ver­las­sen hat­te, logie­ren wir für vier Tage. Alle sie­ben Kin­der sind dabei.

Wir besu­chen Ver­wand­te, wan­dern, besich­ti­gen Gedenk­or­te. Stellt sich her­aus, daß die Inten­si­tät der Berührt-Seins je unter­schied­lich ist, aber all­ge­mein (also fami­li­är) geteilt wird. Das hängt mit ganz unter­schied­li­chen Fak­to­ren zusam­men. Ein ein­sa­mer, men­schen­lee­rer Fried­hof im Wald bei Lambs­dorf, der an das grau­en­haf­te Inter­nie­rungs­la­ger für Deut­sche 1945/46 erin­nert, wirkt natur­ge­mäß anders als der son­ni­ge Anna­berg vol­ler Zufallstouristen.

Ulkig, par­don, wir’s in Kreis­au. Wie, Kreis­au? Als ich gera­de noch mal eini­ges nach­schau­en woll­te auf wiki­pe­dia, gibt’s dort das Lem­ma gar nicht, nur Krzy­zowa im Kreis Swid­ni­cka. Geschenkt. Immer­hin einen Arti­kel zum Kreis­au­er Kreis fin­det man.

Mein Rei­se­füh­rer (sagt man so? Rei­se­be­glei­ter?) datiert von 1992: „Vom Geist des alten Molt­ke zeu­gen noch zwei abblät­tern­de Wand­fres­ken im Trep­pen­haus des Guts­hau­ses, die – vom preu­ßi­schen Hero­is­mus und Chau­vi­nis­mus ange­haucht [man beach­te die­se kunst­vol­le Ambi­va­lenz des Führers/Begleiters!, E.K.] – aus sei­nem Leben berich­ten. Das Land­gut Kreis­au sei in einem erbärm­li­chen Zustand, „trau­rig“, heißt es, es reg­ne durch das Dach. 

Ach, wie über­rascht wer­den wir Freun­de des Ver­falls, wir lei­den­schaft­li­chen Durch­stö­be­rer des Ange­mo­cker­ten! Anno 2017 ist hier in Kreis­au alles wun­der­bar geschleckt, aus Ver­le­gen­heit hat man hier und da und dort mäch­ti­ge Koni­fe­ren­f­lat­scher hin­ge­setzt, um ein biß­chen unver­wüst­li­ches Grün hin­zu­zau­bern. Darf man sagen, es wirkt steril?

Für Farb­fle­cken sor­gen diver­se Jugend­pro­jek­te im Namen von Mut, Ver­söh­nung, Tole­ranz, Inter­na­tio­na­li­tät, Ver­stän­di­gung, Fair­neß etc., die hier ihre krea­tiv-sen­si­blen Spu­ren hin­ter­las­sen haben.

Am meis­ten beein­druckt hat uns der tol­le Bar­fuß­pfad, den eine Grup­pe aus „behin­der­ten und nicht­be­hin­der­ten Jugend­li­chen“ für uns ange­legt hat. Eine Hin­weis­ta­fel bestimmt u.a., daß der Kreis­au­er Bar­fuß­pfad nicht vor 10 Uhr betre­ten wer­den darf – und nie­mals unter Drogeneinfluß.

Die Kin­der haben die Tafel nicht gese­hen und fra­gen: „Guckt mal hier, was für abson­der­li­che Bee­te! Eins mit Dis­teln, eins mit Bren­nes­seln, eins mit Dis­teln und Bren­nes­seln! Und hier: Scher­ben! Gehört das zu die­sen Diversitätsprojekten?“

Gro­ße Toch­ter unkt: „Ja, das ist der Pfad der Ver­stän­di­gung und Tole­ranz. Er ist dor­nig und hart.“ Nie­mand von uns will die „ein­zig­ar­ti­ge Sin­nes­er­fah­rung“ machen und die­sem reich­lich per­fi­den (oder sorg­lo­sen?) „Brü­cken­schlag“ fol­gen, Schu­he blei­ben an.

– – –

29. Mai 2017 – In der FAZ berich­ten sie heu­te über den Coup von zwei US-ame­ri­ka­ni­schen Aka­de­mi­kern. Die haben in einer Fach­zeit­schrift zu Gen­der Stu­dies einen Arti­kel ver­öf­fent­licht, in dem sie behaup­ten, das männ­li­che Geschlechts­teil („The con­cep­tu­al penis as a social con­struct“) sei für den Kli­ma­wan­del zuständig.

Der Urhe­ber des Fach­ar­ti­kels, ein pro­mo­vier­ter Mathe­ma­ti­ker, beschreibt, wie er mit sei­nem Kom­pa­gnon aus Fet­zen einer vor­geb­lich „post­struk­tu­ra­lis­ti­schen Dis­kurs­ana­ly­se“, aus Zita­ten aus „beson­ders bescheu­er­ten“ Gen­der­ar­ti­keln und modi­schen Schlag­wör­tern („Nar­ra­tiv“, „Kon­struk­ti­vis­mus“) einen völ­lig sinn­frei­en Text zusam­men­bas­tel­te. Der Gut­ach­ter beschied, der Arti­kel „erfas­se die Essenz hege­mo­nia­ler Mas­ku­lini­tät durch einen mul­ti­di­men­sio­na­len, non­linea­ren Prozeß“.

Das alles soll lus­tig sein. Gut, ist es auch. Aber trifft dies nicht auf jede Ver­öf­fent­li­chung die­ses „Fach­ge­biets“ zu?

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (12)

Aristoteles

31. Mai 2017 15:51

Über verorndete Penislosigkeit, Gendergleichheit und dem Gleichersein als gleich ist mir neulich folgender Beitrag begegnet:

https://sciencefiles.org/2017/05/20/organisierte-gender-kriminalitaet-leipziger-landgericht-beendet-frauenfoerderung-und-stellt-rektorin-der-universitaet-leipzig-ein-vernichtendes-charakterzeugnis-aus/

Und das alles, obwohl der Benachteiligte aus dem Orient stammt und eigentlich der bessere Mann ist!

Caroline Sommerfeld

31. Mai 2017 16:48

Mein Jüngster hat derzeit einen Tätowierungsspleen. Die sommerliche Wiener Bevölkerung (Klonovsky schrieb ähnliches über die Passauer: "mehr Tätowierte als Merkelwähler") gibt viel Anschauungsmaterial. U-Bahn-Fahren ist eine Lust mit ihm, Kind starrt und denkt:

"Gibt es im Gefängnis Kohle?" Ich verneine verwundert. "Weil die Diebe da ja irgendwo Farbe herkriegen müssen um sich gegenseitig zu tätowieren."

"Wenn ich erwachsen bin, kaufe ich ein Haus. Oder ich bau eins. Und weißt du, warum? Damit ich da ein Schild ranschrauben kann 'Für Tätowierte verboten!'"

"Ist die Frau Ureinwohner oder aus dem Guinessbuch der Rekorde?"

"Kriegt einer mit so'ner Tätowierung am Bein, wenn er sich brennesselt aus Versehen an dem Bein, dann eine bunte Anschwellung?"

Wie gut, daß man in Schlesien der "bunten Anschwellung" noch entgehen kann.

Tweed

31. Mai 2017 17:56

Der Penis-Hoax ist köstlich. Ich erinnere mich noch gut an die Sokal-Affäre 1996. Der Physiker Alan Sokal behauptete schon damals in einem Artikel, der ebenfalls durch die peer review ging, dass die Gravitation ein soziales Konstrukt sei. 

Die Autoren des "The Conceptual Penis..." waren inspiriert durch mehrere Gender-Artikel, u.a. einem Machwerk, das "die Relation zwischen Gender und Gletscher" thematisierte.

"As many did, we strongly suspected the feminist glacier study was a hoax," sagte Lindsay, einer der Penis-Mathematiker, "But the journal and author stood by it." 

Ich versuche es jetzt auch mal als Genderforscherix und stehe eisern zu meinen Ergüssen - und kassiere ab.

Das Problem ist ja, dass die Wissenschaft ihre wissenschaftliche Methode verleugnet: Hypothese aufstellen. Hypothese im Experiment prüfen. Ergebnis: Stützung oder Nichtbestätigung der Hypothese (und im letzteren Fall die Hypothese verwerfen).

Es werden nur noch Hypothesen aufgestellt, die nicht mehr experimentell, sondern nur auf politische Korrektheit überprüft werden. Mehr noch: die Hypothesenbildung, die ars inveniendi im Sinne von Leibniz, ist schon ideologisch vorgezeichnet, wodurch die Hypothese zwangsläufig bestätigt wird, weil sie a priori korrekt ist. So funktioniert heute die Wissenabschaft.

quarz

31. Mai 2017 21:41

„The conceptual penis as a social construct“

Deja vu. Vergleichbaren Schabernack hat ja Alan Sokal bereits im Jahr 1996 getrieben, als er in der Zeitschrift "Social Text" den Beitrag "Die Grenzen überschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation" veröffentlichte.

Andreas Vonderach

31. Mai 2017 21:46

So eine ähnliche Geschichte wie den Artikel der beiden Amerikanerinnen gab es schon einmal, nämlich die sogenannte Sokal-Affäre.

1996 veröffentlichte der amerikanische Physiker Alan Sokal (geb. 1955) in der amerikanischen sozial-konstriktivistischen "Fachzeitschrift" Social Text einen Nonsens-Aufsatz über die Quantentheorie als soziales Konstrukt. In dem behauptetete Sokal mit einem Schwall von postmodernen und konstruktivistischen Phrasen, die Quantentheorie würde den Sozialkonstruktivismus stützen. Der Artikel wurde von den Gutachtern der Zeitschrift abgesegnet und erschien dann dort als wissenschaftlicher Aufsatz.

Kurz danach veröffentlichte Sokal in der Zeitschrift Lingua Franca, daß der Artikel eine bewußte Parodie auf den Konstruktivismus und seinen pseudowissenschaftlichen Jargon gewesen sei.

Hartwig aus LG8

31. Mai 2017 23:14

Wer bzgl. Genderkram, Feminismus und Universitäts-Wahnsinn auf dem Laufenden gehalten werden will, der folgt der Seite www.danisch.de . Hadmut Danisch schreibt von der Leber weg und mindestens drei Seiten pro Tag. Erfrischend.

marodeur

1. Juni 2017 01:29

Die Studie ist wirklich grandios. Schon die Summary hat mich köstlich amüsiert. Erstaunlich: Die Herleitung ist auf ihre absurde Weise schlüssig. Anscheinend kann man die Theorie des Sozialkonstruktivismus problemlos auf jeden beliebigen Sachverhalt anwenden.

faserland

1. Juni 2017 09:53

Ich glaube, es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen dem Sokal Hoax und der Genderparodie. Sokal hat sich über die völlig sinnfreie Verwendung von mathematischen und naturwissenschaftlichen Begriffen bei Denkern der Postmoderne lustig gemacht. Es ging also nur um unverständlichen Unsinn. Bei der sogenannten Genderforschung dagegen, kann offen Irrsinn behauptet werden. Der aktuelle Penishoax legt das zutage. 

Monika L.

1. Juni 2017 10:08

Mit sieben Kindern in der alten Heimat. Die Intensität des Berührt-seins je unterschiedlich, aber familiär geteilt -  Das war's nicht, das isses !

Andreas Vonderach

1. Juni 2017 13:29

Das beste Kriterium für Pseudowissenschaftlichkeit in den Geistewissenschaften ist der Grad der Ausprägung eines eigenen Jargons.

Vieles, was sich in normalen Worten ausgedrückt völlig absurd anhört, kling in so einem Jargon dann eindrucksvoll und wissenschaftlich. Beispiele sind die Psychoanalyse, die marxistisch beeinflußte Soziologie und der Sozial-Konstruktivismus. Das elitäre Kauderwelsch hat die Funktion, die Gleichgesinnten zu erkennen und das einfache Volk draussen zu lassen.

Deshalb sollte man sich auch in der Wissenschaft um eine lesbare, verständliche Sprache bemühen.

Stil-Blüte

2. Juni 2017 13:15

@Andreas Vonderach

'Das beste Kriterium für Pseudowissenschaftlichkeit in den Geistewissenschaften ist der Grad der Ausprägung eines eigenen Jargons.'

Ein der pseudowissenschaftlichen Jargons hat es flächenartig in die derutsche Hochsprache geschafftund sie an unzähligen Stellen bis zur Unlesbarkeit berschädigt, die 'gendergerechte' Sprache . Dazu ist in der heutigen Berliner Morgenpost  (2.6.17) unter DER HAUPTSTADTBRIEF - DIE HINTERGRUND-SEITEN ein, wie könnte es anders  sein, bemerkenswerter Beirag 'Die subversive Macht des Gender-Mainstreming' von Birgit Kelle erschienen, deren Buch 'Gendergaga' 2015 im Adeo-Verlag herausgegeben worden ist (unter www.adeo-verlag.de auch als E-Book) zu erwerben

Inzwischen tobt im Parlament ein 'Krieg der Gendersterne' {Stil-Blüte: p.c.: der Gender*innenstern*innen} zwischen Grünen-Abgeordneten und dem Leiter des Referats Plenar- lund Ausschussprotokolle, letzterer immer noch auf den Duden verweist. 

Warum es immer mehr Abgeordnete auf Landes- und Bundesebene gibt, weiß ich nun auch - Beschäftigungstherapie mit höherem Blödsinn, infantiler gehts nimmer. Da hätten die Dadaisten als Sprachspieler nicht mithalten können; vom Café Voltaire ins Parlament wäre ihnen als Verrat erschienen. 

 

destijl

2. Juni 2017 13:50

Lustig war der Penis-Hoax schon. Aber wenig erhellend. Die Autoren Boghossian und Lindsay wurden von ihrer anvisierten Zielpublikation (NORMA: The International Journal of Men's Studies) nämlich abgelehnt, wichen daraufhin auf die Bezahlplattform Cogent aus. Und dass pay-for-publish-Publizisten nicht besonders streng auf die Inhalte achten sind ist nicht wirklich neu. 

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