Sezession
31. Mai 2017

Das war’s. Diesmal mit behinderten Projekten, Penisproblemen und Anmache mit Geschmack

Ellen Kositza / 12 Kommentare

„Gauck. Hahaha. Nee, weiß nicht. Klingt nach Gauck, kann er aber nicht sein.“

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wir hören ein bißchen weiter. Es geht um die „Gekränkte Gesellschaft“, um eine „Konkurrenz der Gekränkten“, um die „Gefahr einer Erziehungsdiktatur“, um ein „übersensible Sozialisation“. Der Redner warnt, daß es vor lauter Kränkungsangst zu einer „Selbstzensur gegen den verordneten Leitdiskurs“ kommen könnte. Ein ausgezeichneter Vortrag. 

Tochter ist hinzugekommen. Lauscht auch interessiert. „So was von Gauckstimme, ist ja kraß. Müßt man ihm mal vorspielen. Könnt er was lernen!“ Sie fummelt an ihrem mobilen Gerät. „Ist Gauck.“

Schön, wenn man sich noch wundern kann.

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23. Mai 2017 -- „Das könnte dich interessieren!“, empfiehlt mir das Netz. Na gut, auch wenn ich auf diese Masche selten einsteige. Ich klick mal. 

Es ist ein älterer Artikel, und wie es der Zufall will, handelt er auch von einer Frau, die auf bestimmte Maschen normalerweise nicht reagiert. Hier: Street harassment, Alltagsanmache. Diese junge Frau aus Paris nun hatte sich

vorgenommen, zwei Wochen lang zu jedem einzelnen Fremden, der mich auf der Straße anbaggerte, ja zu sagen und eine Unterhaltung mit ihm anzufangen. Einfach nur, um zu sehen, was passieren würde. Ich wollte herausfinden, wer sie waren, was in ihren Köpfen vor sich ging.

Das ist kein grandioser Artikel. Interessant dies:

Der nächste Typ, dem ich begegnete, hieß Yacine. Tatsächlich war die überwältigende Mehrheit der Männer, die im Laufe dieser zwei Wochen auf mich zukam, arabischer Herkunft. Ich habe lange überlegt, ob ich das schreiben soll, weil ich keine dummen rassistischen Vorurteile schüren will, aber es ist nun mal die Wahrheit. Ich habe mit Yacine sogar darüber geredet.

'Ach ja, machen dich viele von ihnen an? Vielleicht ja, weil sie besseren Geschmack haben, was Frauen angeht!', lachte er. Und damit wischte er seelenruhig meinen lahmen Versuch der soziologischen Analyse beiseite.

Okay, jetzt wissen wir auch das. Diese Männer haben einfach Stil.

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28. Mai 2017 -- Kurzurlaub in der alten Heimat. Ungefähr zwischen dem Ort, von dem mein Vater 1946 vertrieben wurde und dem, den meine Mutter 1958 (der deutschen Sprache damals kaum mehr mächtig; wer geblieben war, hatte zwingend polnisch zu sprechen) verlassen hatte, logieren wir für vier Tage. Alle sieben Kinder sind dabei.

Wir besuchen Verwandte, wandern, besichtigen Gedenkorte. Stellt sich heraus, daß die Intensität der Berührt-Seins je unterschiedlich ist, aber allgemein (also familiär) geteilt wird. Das hängt mit ganz unterschiedlichen Faktoren zusammen. Ein einsamer, menschenleerer Friedhof im Wald bei Lambsdorf, der an das grauenhafte Internierungslager für Deutsche 1945/46 erinnert, wirkt naturgemäß anders als der sonnige Annaberg voller Zufallstouristen.

Ulkig, pardon, wir's in Kreisau. Wie, Kreisau? Als ich gerade noch mal einiges nachschauen wollte auf wikipedia, gibt's dort das Lemma gar nicht, nur Krzyzowa im Kreis Swidnicka. Geschenkt. Immerhin einen Artikel zum Kreisauer Kreis findet man.

Mein Reiseführer (sagt man so? Reisebegleiter?) datiert von 1992: „Vom Geist des alten Moltke zeugen noch zwei abblätternde Wandfresken im Treppenhaus des Gutshauses, die - vom preußischen Heroismus und Chauvinismus angehaucht [man beachte diese kunstvolle Ambivalenz des Führers/Begleiters!, E.K.] – aus seinem Leben berichten. Das Landgut Kreisau sei in einem erbärmlichen Zustand, „traurig“, heißt es, es regne durch das Dach. 

Ach, wie überrascht werden wir Freunde des Verfalls, wir leidenschaftlichen Durchstöberer des Angemockerten! Anno 2017 ist hier in Kreisau alles wunderbar geschleckt, aus Verlegenheit hat man hier und da und dort mächtige Koniferenflatscher hingesetzt, um ein bißchen unverwüstliches Grün hinzuzaubern. Darf man sagen, es wirkt steril?

Für Farbflecken sorgen diverse Jugendprojekte im Namen von Mut, Versöhnung, Toleranz, Internationalität, Verständigung, Fairneß etc., die hier ihre kreativ-sensiblen Spuren hinterlassen haben.

Am meisten beeindruckt hat uns der tolle Barfußpfad, den eine Gruppe aus „behinderten und nichtbehinderten Jugendlichen“ für uns angelegt hat. Eine Hinweistafel bestimmt u.a., daß der Kreisauer Barfußpfad nicht vor 10 Uhr betreten werden darf - und niemals unter Drogeneinfluß.

Die Kinder haben die Tafel nicht gesehen und fragen: „Guckt mal hier, was für absonderliche Beete! Eins mit Disteln, eins mit Brennesseln, eins mit Disteln und Brennesseln! Und hier: Scherben! Gehört das zu diesen Diversitätsprojekten?“

Große Tochter unkt: „Ja, das ist der Pfad der Verständigung und Toleranz. Er ist dornig und hart.“ Niemand von uns will die „einzigartige Sinneserfahrung“ machen und diesem reichlich perfiden (oder sorglosen?) „Brückenschlag“ folgen, Schuhe bleiben an.

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29. Mai 2017 -- In der FAZ berichten sie heute über den Coup von zwei US-amerikanischen Akademikern. Die haben in einer Fachzeitschrift zu Gender Studies einen Artikel veröffentlicht, in dem sie behaupten, das männliche Geschlechtsteil („The conceptual penis as a social construct“) sei für den Klimawandel zuständig.

Der Urheber des Fachartikels, ein promovierter Mathematiker, beschreibt, wie er mit seinem Kompagnon aus Fetzen einer vorgeblich „poststrukturalistischen Diskursanalyse“, aus Zitaten aus „besonders bescheuerten“ Genderartikeln und modischen Schlagwörtern („Narrativ“, „Konstruktivismus“) einen völlig sinnfreien Text zusammenbastelte. Der Gutachter beschied, der Artikel „erfasse die Essenz hegemonialer Maskulinität durch einen multidimensionalen, nonlinearen Prozeß“.

Das alles soll lustig sein. Gut, ist es auch. Aber trifft dies nicht auf jede Veröffentlichung dieses „Fachgebiets“ zu?


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (12)

Aristoteles
31. Mai 2017 15:51

Über verorndete Penislosigkeit, Gendergleichheit und dem Gleichersein als gleich ist mir neulich folgender Beitrag begegnet:

https://sciencefiles.org/2017/05/20/organisierte-gender-kriminalitaet-leipziger-landgericht-beendet-frauenfoerderung-und-stellt-rektorin-der-universitaet-leipzig-ein-vernichtendes-charakterzeugnis-aus/

Und das alles, obwohl der Benachteiligte aus dem Orient stammt und eigentlich der bessere Mann ist!

Caroline Sommerfeld
31. Mai 2017 16:48

Mein Jüngster hat derzeit einen Tätowierungsspleen. Die sommerliche Wiener Bevölkerung (Klonovsky schrieb ähnliches über die Passauer: "mehr Tätowierte als Merkelwähler") gibt viel Anschauungsmaterial. U-Bahn-Fahren ist eine Lust mit ihm, Kind starrt und denkt:

"Gibt es im Gefängnis Kohle?" Ich verneine verwundert. "Weil die Diebe da ja irgendwo Farbe herkriegen müssen um sich gegenseitig zu tätowieren."

"Wenn ich erwachsen bin, kaufe ich ein Haus. Oder ich bau eins. Und weißt du, warum? Damit ich da ein Schild ranschrauben kann 'Für Tätowierte verboten!'"

"Ist die Frau Ureinwohner oder aus dem Guinessbuch der Rekorde?"

"Kriegt einer mit so'ner Tätowierung am Bein, wenn er sich brennesselt aus Versehen an dem Bein, dann eine bunte Anschwellung?"

Wie gut, daß man in Schlesien der "bunten Anschwellung" noch entgehen kann.

Tweed
31. Mai 2017 17:56

Der Penis-Hoax ist köstlich. Ich erinnere mich noch gut an die Sokal-Affäre 1996. Der Physiker Alan Sokal behauptete schon damals in einem Artikel, der ebenfalls durch die peer review ging, dass die Gravitation ein soziales Konstrukt sei. 

Die Autoren des "The Conceptual Penis..." waren inspiriert durch mehrere Gender-Artikel, u.a. einem Machwerk, das "die Relation zwischen Gender und Gletscher" thematisierte.

"As many did, we strongly suspected the feminist glacier study was a hoax," sagte Lindsay, einer der Penis-Mathematiker, "But the journal and author stood by it." 

Ich versuche es jetzt auch mal als Genderforscherix und stehe eisern zu meinen Ergüssen - und kassiere ab.

Das Problem ist ja, dass die Wissenschaft ihre wissenschaftliche Methode verleugnet: Hypothese aufstellen. Hypothese im Experiment prüfen. Ergebnis: Stützung oder Nichtbestätigung der Hypothese (und im letzteren Fall die Hypothese verwerfen).

Es werden nur noch Hypothesen aufgestellt, die nicht mehr experimentell, sondern nur auf politische Korrektheit überprüft werden. Mehr noch: die Hypothesenbildung, die ars inveniendi im Sinne von Leibniz, ist schon ideologisch vorgezeichnet, wodurch die Hypothese zwangsläufig bestätigt wird, weil sie a priori korrekt ist. So funktioniert heute die Wissenabschaft.

quarz
31. Mai 2017 21:41

„The conceptual penis as a social construct“

Deja vu. Vergleichbaren Schabernack hat ja Alan Sokal bereits im Jahr 1996 getrieben, als er in der Zeitschrift "Social Text" den Beitrag "Die Grenzen überschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation" veröffentlichte.

Andreas Vonderach
31. Mai 2017 21:46

So eine ähnliche Geschichte wie den Artikel der beiden Amerikanerinnen gab es schon einmal, nämlich die sogenannte Sokal-Affäre.

1996 veröffentlichte der amerikanische Physiker Alan Sokal (geb. 1955) in der amerikanischen sozial-konstriktivistischen "Fachzeitschrift" Social Text einen Nonsens-Aufsatz über die Quantentheorie als soziales Konstrukt. In dem behauptetete Sokal mit einem Schwall von postmodernen und konstruktivistischen Phrasen, die Quantentheorie würde den Sozialkonstruktivismus stützen. Der Artikel wurde von den Gutachtern der Zeitschrift abgesegnet und erschien dann dort als wissenschaftlicher Aufsatz.

Kurz danach veröffentlichte Sokal in der Zeitschrift Lingua Franca, daß der Artikel eine bewußte Parodie auf den Konstruktivismus und seinen pseudowissenschaftlichen Jargon gewesen sei.

Hartwig aus LG8
31. Mai 2017 23:14

Wer bzgl. Genderkram, Feminismus und Universitäts-Wahnsinn auf dem Laufenden gehalten werden will, der folgt der Seite www.danisch.de . Hadmut Danisch schreibt von der Leber weg und mindestens drei Seiten pro Tag. Erfrischend.

marodeur
1. Juni 2017 01:29

Die Studie ist wirklich grandios. Schon die Summary hat mich köstlich amüsiert. Erstaunlich: Die Herleitung ist auf ihre absurde Weise schlüssig. Anscheinend kann man die Theorie des Sozialkonstruktivismus problemlos auf jeden beliebigen Sachverhalt anwenden.

faserland
1. Juni 2017 09:53

Ich glaube, es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen dem Sokal Hoax und der Genderparodie. Sokal hat sich über die völlig sinnfreie Verwendung von mathematischen und naturwissenschaftlichen Begriffen bei Denkern der Postmoderne lustig gemacht. Es ging also nur um unverständlichen Unsinn. Bei der sogenannten Genderforschung dagegen, kann offen Irrsinn behauptet werden. Der aktuelle Penishoax legt das zutage. 

Monika L.
1. Juni 2017 10:08

Mit sieben Kindern in der alten Heimat. Die Intensität des Berührt-seins je unterschiedlich, aber familiär geteilt -  Das war's nicht, das isses !

Andreas Vonderach
1. Juni 2017 13:29

Das beste Kriterium für Pseudowissenschaftlichkeit in den Geistewissenschaften ist der Grad der Ausprägung eines eigenen Jargons.

Vieles, was sich in normalen Worten ausgedrückt völlig absurd anhört, kling in so einem Jargon dann eindrucksvoll und wissenschaftlich. Beispiele sind die Psychoanalyse, die marxistisch beeinflußte Soziologie und der Sozial-Konstruktivismus. Das elitäre Kauderwelsch hat die Funktion, die Gleichgesinnten zu erkennen und das einfache Volk draussen zu lassen.

Deshalb sollte man sich auch in der Wissenschaft um eine lesbare, verständliche Sprache bemühen.

Stil-Blüte
2. Juni 2017 13:15

@Andreas Vonderach

'Das beste Kriterium für Pseudowissenschaftlichkeit in den Geistewissenschaften ist der Grad der Ausprägung eines eigenen Jargons.'

Ein der pseudowissenschaftlichen Jargons hat es flächenartig in die derutsche Hochsprache geschafftund sie an unzähligen Stellen bis zur Unlesbarkeit berschädigt, die 'gendergerechte' Sprache . Dazu ist in der heutigen Berliner Morgenpost  (2.6.17) unter DER HAUPTSTADTBRIEF - DIE HINTERGRUND-SEITEN ein, wie könnte es anders  sein, bemerkenswerter Beirag 'Die subversive Macht des Gender-Mainstreming' von Birgit Kelle erschienen, deren Buch 'Gendergaga' 2015 im Adeo-Verlag herausgegeben worden ist (unter www.adeo-verlag.de auch als E-Book) zu erwerben

Inzwischen tobt im Parlament ein 'Krieg der Gendersterne' {Stil-Blüte: p.c.: der Gender*innenstern*innen} zwischen Grünen-Abgeordneten und dem Leiter des Referats Plenar- lund Ausschussprotokolle, letzterer immer noch auf den Duden verweist. 

Warum es immer mehr Abgeordnete auf Landes- und Bundesebene gibt, weiß ich nun auch - Beschäftigungstherapie mit höherem Blödsinn, infantiler gehts nimmer. Da hätten die Dadaisten als Sprachspieler nicht mithalten können; vom Café Voltaire ins Parlament wäre ihnen als Verrat erschienen. 

 

destijl
2. Juni 2017 13:50

Lustig war der Penis-Hoax schon. Aber wenig erhellend. Die Autoren Boghossian und Lindsay wurden von ihrer anvisierten Zielpublikation (NORMA: The International Journal of Men's Studies) nämlich abgelehnt, wichen daraufhin auf die Bezahlplattform Cogent aus. Und dass pay-for-publish-Publizisten nicht besonders streng auf die Inhalte achten sind ist nicht wirklich neu. 

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