Sezession
2. Juni 2017

Klassenfahrt mit Soros

Caroline Sommerfeld / 15 Kommentare

Normalerweise ziert die Mitgliederzeitung meist ein fröhliches Lächeln werktätiger Personen am Arbeitsplatz, oder gebremst kämpferischer Ausdruck ungerecht Behandelter außerhalb des Arbeitsplatzes. Dieser junge Mann wurde zu einer KZ-Besichtigung nach Auschwitz mitgenommen, zusammen mit seiner Berufschulklasse. 

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Ein Raunen geht durch die Gruppe, als die Führerin berichtet, dass es in den Baracken des Vernichtungslagers Birkenau Ratten so groß wie Katzen gab. Sie hatten sich an den Leichen der unzähligen von den Nazis ermordeten Menschen fett gefressen.

So beginnt der AK-Report-Bericht, der Journalist Dominik Bittendorfer hat der „Führerin“ das geglaubt. Die Authentizität des Ortes – alle hatten schon „Schindlers Liste“ gesehen, jetzt befanden sie sich am „Originaldrehplatz" – generiert Vertrauensschwindel. Man kann am „Originaldrehplatz“ nicht parallel nachdenken und glauben. Könnte man es, wüßte man rasch, daß es das mit den Riesenratten schlicht nicht geben kann, die einzigen „Riesenratten“ von solcher Größe im Internet entstammen irgendwelchen Stories über „Mutanten“. Angesichts der Kratzspuren an den Wänden der Gaskammern überfällt die Schülergruppe, den Lehrer und den Journalisten eine gleichermaßen emotionale Sprachlosigkeit. 

Warum und wozu schreibt die AK-Zeitung, die immerhin 570.000 Mitgliedern gratis zugestellt wird, diesen Text und bebildert ihn am Titelbild so? Es ist doch vollkommen normal, daß Schulklassen vom Geschichtsunterricht aus irgendwann mal in ein KZ fahren.

Die Antwort gibt der Artikel selbst:

„Es gibt ja auch aktuell wieder Tendenzen, diese Gräueltaten generell zu leugnen“, erklärt der Lehrer aus Steyr.

„Und wenn ich mir anschaue, wie viel Ausländerfeindlichkeit und Hass es gibt, dann weiß ich, es kann immer wieder dazu kommen“, sagt der junge Mann.

Das sind die Vordergründe.

Doch es gibt auch Hintergründe, und die sind komplex und durchaus abgründig. Im AK-report-Artikel wird erklärt, wer die Klassenfahrt gesponsort hat. Das Programm „Challenge Europe“ dient der Förderung von Bildungsreisen und -projekten für Lehrlinge und junge Fachkräfte, die in Oberösterreich wohnen, in Oberösterreich beschäftigt sind oder dort eine Berufsschule besuchen. Auf der Seite der BBRZ-Gruppe (Berufliche Bildungs- und Rehabilitationszentrum Öberösterreich) findet sich eine Liste von Kooperationspartnern und „Dachorganisationen als Auftraggeber“.

Besonders interessant sind „Solidar“ und „ulixesnet“. „Solidar“ verfolgt noch jetzt, im Sommer 2017, eine plakative Refugees-Welcome-Agenda zur Ansiedelung von Afrikanern in Europa. „Solidar“ hängt zusammen mit der europäischen „Foundation for European Progressive Studies“, deren Fortschrittlichkeit sich darin zeigt, mit dem „Global Progressive Forum“ zusammen an der Neuen Weltordnung mitzubasteln. 

FEPS together with its partners in the “Next Social Europe” research programme conveyed a meeting of a new “High Level Advisory Group (HLAG)”, which met in Vienna on 1st and 2n March 2016 - benefitting from the generous hospitality of the Renner Institut and its Chair, Dr. Alfred Gusenbauer - former Chancellor of Austria and Chair of the FEPS Next Left Research Programme.

Und wer macht da noch so mit? Zum Beispiel Martin Schulz, deutscher Kanzlerkandidat der SPD, seines Zeichens „reliable ally“ (Vertrauensmann) der Open Society Foundation von George Soros.

Doch weiter im Netzwerk, das die Klassenreise nach Auschwitz finanzierte. Ulixesnet ist wieder so ein Zusammenschluß diverser Bildungsstiftungen und NGOs, beide, die BBRZ-Gruppe und „EESC Europa“ treffen hier zusammen. Sucht man dort nach Personenkontinuitäten, stößt man auf die „Civil Society Days“ und hat endlich den inhaltlichen Zusammenhang zwischen dem Migrationsthema, dem sich alle bisher aufgelisteten Organisationen verschrieben haben, und dem Thema „Zivilgesellschaft gegen Rechts“, für das unser Arbeiterkammer-Projekt ein signifikantes Beispiel ist. 

Denn auf dieser Konferenz hält eine Ulrike Grassinger einen Workhop. Ihre Herkunftsorganisation heißt „counterpoint“. Deren zentrales Projekt hat den pikanten Namen „Recapturing the Reluctant Radicals“ (deutsch etwa: „die widerwilligen Radikalen zurückerobern“) und wird von der Open Society Foundation bezahlt. Klar wird dies noch einmal dadurch, daß auf der Open-Society-Foundation-Homepage offen die finanzielle Unterstützung benannt wird. Das Netz spannt sich vom ganz kleinen Projekt (oberösterreichische Berufschulbildungsreise) zum globalen. 

Es bleibt die Frage: warum interessiert ausgerechnet Soros die Unterstützung eines Holocaust-Projekts? Auf dem polnischen Bildungsserver „Guide To Tolerance Education“ taucht zum Stichwort „Holocaust“ als Quelle die Open Society Foundation auf. 

Der Konnex läuft über Soros' Engagement für die Rechte der Roma, das sich im Vergleich zu seinen sonstigen weltweiten Agenden („Migration“, „Frauenrechte“, „regime changes“) seltsam kleinformatig ausnimmt, aber genau an diesem Punkt greift:

The new generation of Roma activists uses Holocaust commemorations as a moral tool to protect their communities from far-right groups that promote Nazi-type ideologies, a rising phenomenon in Europe.

Die Nutzung des Holocausts als "moralisches Werkzeug" wird offen präsentiert, da braucht man nicht nach geheimen Verschwörungen zu graben.

Wer Soros verteidigt, wird nicht müde, genau die Roma-Initiative als Angriff auf die „autoritären rechten Regierungen“ der Visegrad-Staaten zu erläutern, zum Beispiel so:

Doch darum geht es nicht. Soros und seine Open Society Foundations treten für das Leben in einer demokratischen, rechtsstaatlichen, transparenten, toleranten Gesellschaft und für einen sozial verträglichen Kapitalismus ein. Was Letzteres angeht, so wäre besonders die Roma-Initiative von Soros und seiner Stiftung hervorzuheben – sie ist unter all den ungezählten, meistens wenig erfolgreichen Initiativen zur Inklusion von Roma mit Abstand die nachhaltigste.

Diejenigen Machthaber, die Soros und von ihm unterstützte NGOs jetzt so massiv angreifen, stehen samt und sonders für den Weg in ein formaldemokratisches, illiberales, quasi-autoritäres Staatsmodell, für zutiefst intransparente, korrupt-mafiöse Verhältnisse und vor allem für eine äußerst antisoziale Politik mit häufig geradezu rassistischem Charakter, die auf militaristische Disziplinierung und gesellschaftliche Exklusion armer Menschen, oft von Roma, abzielt – so wie es in Orbans Ungarn vorexerziert wird.

Wie es – nämlich Soros' Umtriebe – wirklich in Orbans Ungarn vorexerziert wird, läßt sich in diesem Beitrag detailliert nachlesen. 

Und die österreichische Arbeiterkammer? Da ist George Soros schon seit langem kein Feind, sondern „Gott sei Dank ein selbstloser, großzügiger und kreativer Philanthrop“. Und wenn einem diese Belegstelle zu wenig ist, dann geht es auch wieder über Personen: die Bereichsleiterin für Information der Arbeiterkammer Wien, Astrid Holzinger, ist im Vorstand des „Interkulturellen Zentrums“, welches, nun nicht mehr schwer zu erraten, von der Open Society Foundation mitfinanziert wird

Die Schülergruppe in Auschwitz ist erfolgreich überzeugt worden. Die Botschaft ist: sie sind nicht allein, an ihrer Seite steht die ganze Gesellschaft, gar die ganze „fortschrittliche“ und „freie“ Welt. Alle in der freien, offenen Gesellschaft denken und handeln wie du, weil du und deinesgleichen auf der „guten Seite“ der Geschichte steht. Dieses Argument zieht nur bei jungen Menschen. Wir etwas Älteren kennen aus der Geschichte diejenigen, die vom „Fortschritt“ sprechen und von historischer Notwendigkeit. 

Im STANDARD war kürzlich eine Kampagne geschaltet: eine ganze Seite leer, ganz unten steht die Zeile: „Holocaust und Verantwortung. Sehen Sie diese leere Seite als Zeichen des Respekts vor Ihrem persönlichen Urteil. Chapeau! Aktion Mensch.“ Vor drei Jahren lancierte die „Aktion Mensch“ einen Werbeclip mit ähnlicher Botschaft: Der Holocaust kann und darf nicht mehr begriffen werden, er ist ein formvollendetes Tabu geworden. Zwischen emotionalen Schwindel und tabula rasa paßt keine Reflexion. 

Sozialpsychologisch mutet es fast wie ein echtes Tabu an: auf Tabus reagieren Menschen, wie Freud 1913 in „Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker“ eindrucksvoll beschrieben hat, mit körperlicher Abwehr, psychosomatischen Symptomen und der völligen Unfähigkeit, eine Tabuverletzung rational von außen zu betrachten oder als „magisches Denken“ zu erkennen. Tabus sind Imperative, denen man sich durch eine innere Nötigung wie selbstverständlich unterwirft, deren Objekte verschiebbar sind, von denen gewisse zeremonielle Handlungen ausgehen und die von einer „Priesterkaste“ überwacht werden. 

Die Ekelmischung aus Fortschrittsglaube, persönlicher Ansprache an junge Menschen und gleichzeitiger weltweiter politischer Totengräberarbeit zugunsten des Globalismus wird wirklich perfide, wenn die Scharnierstelle „Holocaust“ ins Spiel kommt. Das „moralische Werkzeug“ der Tabuisierung erleichtert die Arbeit der Globalisierung. Wenn die nächste Generation das unnennbare, untilgbare, undbegreifliche Tabu weiter zu empfinden gelernt hat, wird sie offen sein für alle Erlösungsangebote der „open society“ - freier Verkehr der Waren und des Geldes, freie Migration, globale Verwaltung und eine globale Ethik. 

 


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Kommentare (15)

Valjean72
2. Juni 2017 15:02

Vielen Dank für diesen Artikel und die Darlegung der ganzen Vernetzungen. Ohne Schuldkult keine Willkommenskultur und Erlösung durch Selbstauflösung.

Gleichwohl scheint mir die Hoffnung gerechtfertigt, dass mit zunehmend vehementeren Einsatz dieser Moralkeule, deren gewünschte Wirkung abnimmt, sich gar ins Gegenteil verkehrt, d.h. Menschen ob dieses offensichtlichen Missbrauchs zur Reflexion angeregt werden.

calculus
2. Juni 2017 15:28

Sehr geehrte Frau Dr. Sommerfeld,

seit Ihrem ersten Auftreten bei Sezession lese ich mit zunehmendem Wohlwollen Ihre Beiträge. Das hier ist, meinem bescheidenen Urteil nach, Ihr Meisterstück! Gratulation!

quarz
2. Juni 2017 15:36

"Moralkeule"

Wichtig wäre es, der Attitüde des moralischen Monopols den Wind aus den Segeln zu nehmen. Viele junge Leute lechzen nach einem moralischen Kompass oder doch zumindest nach einer moralischen Rechtfertigung ihres politischen Denkens. Davon leben alle politisch relevanten Jugendbewegungen.

Solange die im Massenimmigrationsparadigma befangenen politischen Machthaber einem Großteil der Leute den Eindruck vermitteln können, dass die Moral apriori auf ihrer Seite ist, erscheinen ihre Gegner im günstigsten Fall als Egoisten, im ungünstigeren Fall als niederträchtige Übeltäter.

Dabei wäre es ein Leichtes, die scheinbare moralische Überlegenheit mit rein ethischen Argumenten ins Gegenteil zu verkehren. Solche Argumente müssten halt in gleicher Auflagenstärke unters Volk gebracht werden wie die Stehsätze derer, die in der bedingungslosen Massenaufnahme eine conditio sine qua non anständigen Daseins erblicken.

Gustav Grambauer
2. Juni 2017 15:42

Vorbestellen - 30. Juni abwarten - Bier kühl stellen - auspacken - einlegen - zurücklehnen - Sommerkino genießen - vom Hauch der Leichtigkeit tragen lassen (dabei aber auch z. B. Horst Mahler nicht vergessen):

http://www.indigo.de/unser_programm/titel/13738/

https://www.youtube.com/watch?v=3TUSNXfLlyw

Muß Frau Kositza noch Abbitte tun: habe meiner Neugier folgend inzwischen doch noch in einem Szene-Kino "Finsterworld" angeschaut, muß einräumen, wie sehr ich Kracht unterschätzt hatte, ein Geniestreich.

- G. G.

Tony
2. Juni 2017 17:59

Danke für diesen guten Artikel, der sehr gut die Auswüchse und die Folgen des Schuldkults vor Augen führt. 

Mir scheint, daß das Unfassbare, die absolute Ausgrenzung, die in der physischen Vernichtung gipfelte, invertiert wurde, in abstrakter Weise fortbesteht. Lediglich die Vorzeichen änderten sich in das jeweilige Gegenteil. Der absolute Rassismus transformierte sich in einen universalen Antirassismus, der Differentialismus unmöglich macht.

Aus Schultkult wird Schuldstolz, das Erbe der Nationalsozialisten vergiftet inzwischen auch ihre Bezwinger. Ohne eine Historisierung wird der Holocaust niemals überwunden sein.

Cacatum non est pictum
2. Juni 2017 18:02

Saubere Recherchearbeit haben Sie da geleistet. Gratulation. Übrigens ist Ihr Artikel ein weiterer Beleg dafür, dass in der Politik nahezu nichts dem Zufall überlassen wird. Es gibt selbstverständlich ein großes Maß an Steuerung von höheren Stellen. Die Protagonisten setzen ihre Langfristprojekte minutiös ins Werk und gehen dabei auch in kleinste Verästelungen. Wer noch mehr zu Soros' riesigem Geflecht wissen will, der lese "Die geheime Migrationsagenda" von Friederike Beck.

Starhemberg
2. Juni 2017 18:15

So interessant und erhellend ich diesen toll recherchierten Text auch fand, so sauübel ist mir jetzt aber. Manchmal möchte man beinahe verzweifeln, bei diesen gigantischen Feind-Netzwerken, die uns paar armen Würstchen gegenüberstehen. Aber dann rafft man sich wieder auf und kämpft tapfer weiter. Für uns, unsere Kinder und unsere Enkel!

Tony
2. Juni 2017 19:32

Danke für diesen guten Artikel, der sehr gut die Auswüchse und die Folgen des Schuldkults vor Augen führt. 

Mir scheint, daß das Unfassbare, die absolute Ausgrenzung, die in der physischen Vernichtung gipfelte, invertiert wurde, in abstrakter Weise fortbesteht. Lediglich die Vorzeichen änderten sich in das jeweilige Gegenteil. Der absolute Rassismus transformierte sich in einen universalen Antirassismus, der Differentialismus unmöglich macht.

Aus Schultkult wird Schuldstolz, das Erbe der Nationalsozialisten vergiftet inzwischen auch ihre Bezwinger. Ohne eine Historisierung wird der Holocaust niemals überwunden sein.

Hartwig aus LG8
2. Juni 2017 19:41

Weil das alles so ist, wie Frau Sommerfeld hier schreibt, favorisiere ich bei allem Für und Wider den amerikanischen Präsidenten Trump. Wer in ihm Messianisches erwartet hatte, musste enttäuscht werden. Aber er tut das Nötige, um diesen Netzwerkern ins Handwerk zu pfuschen. Ausstieg aus Klimaabkommen von Paris, samt Stopp der Finanzierung: Das tut vielen vielen Zirkeln, die sich um solcherlei internationaler Konstrukte tummeln richtig weh. Und sein Weg ist noch am Anfang ...

Der Gehenkte
2. Juni 2017 20:00

Trotzdem, die Bedeutung Soros´ will mir nicht in den Kopf. Der Mann hat geschätzte 25 Mrd. auf dem Konto, wovon er einen Bruchteil in seine NGOs steckt. Die gleiche Menge gibt der deutsche Steuerzahler aus, um sich eine Million Migranten ein Jahr lang leisten zu können. Die Vernetzungen sind klar, aber haben sie wirklich die Bedeutung, die ihnen zugeschrieben wird?

Interessant auch zu sehen, wie die Ungarn damit umgehen. Das Volk sieht in Soros fast nur den Philantropen. Orbán und die Fidesz hingegen fahren öffentliche Kampagnen mit Memes, die in Deutschland nicht mal gesungen werden dürfen.

Die Wahl der Qual

Curt Sachs
2. Juni 2017 20:14

Sehr verehrte Frau Sommerfeld,

ja, es geht um echte Tabus. In der Vergangenheit, als ich noch bisweilen mit Freunden und Bekannten diskutierte, habe ich es bei ihnen häufiger beobachten dürfen: die körperlicher Abwehr, die psychosomatischen Symptome, eben die innere Nötigung. Immer wieder. Auch deshalb habe ich das Diskutieren aufgegeben.

Aristoteles
3. Juni 2017 00:18

Es gibt unterschiedliche Erkenntnisstufen. Vermutlich befinden sich die Refugees-Welcomer auf einer ziemlich weit unten, wenn überhaupt.

Dann gibt es Erkenner, auf deren Beitrag man hier im Forum die Uhr stellen kann und die bewusst oder unbewusst mit der "physischen Vernichtung" weitertriggern, was in den Köpfen Jahrzehnte zuvor durch fortgesetzten Psychological Warfare installiert wurde. (Wie viel physische Vernichtung gab es in den beiden Kriegen?).

Um einmal ein entgegensetztes Beispiel zu bringen: Judas. Er ist eine literarische Figur (mit starker religiöser Bedeutung), ähnlich wie die übrigen elf Jünger. Nicht die literaturgeschichtlichen, sondern die geschichtlichen Auswirkungen, die die diese Figur in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte hatte, waren enorm und sind es immer noch. Möglicherweise wollten gewisse Gelehrte in den Diensten gewisser Herren etwas mit der Setzung und v.a. kulturpolitischen VERANKERUNG dieser Figur in den Köpfen der Menschen erreichen.

Schwenk zu heute (2000 Jahre danach): Professor Martin van Crefeld schrieb unlängst in der JF Sätze, von denen ich glaube, dass er sich nicht einmal selbst darüber im Klaren ist, welche eschatlogischen Ausmaße sie haben - für Deutsche, Juden und für die Menschen überhaupt, die die Sache mit  Weitblick und Spiritualität betrachten wollen und können (leider sehr wenige). Er schrieb:

"Das Problem [einer (nicht) wehrhaften Mentalität] ist auch nicht auf die Bundeswehr beschränkt. Durch die Verbrechen, die in ihrem Namen von 1933 bis 1945 begangen wurden, haben sich die Deutschen selbst ans Hakenkreuz genagelt, SO WIE Jesus ans Kreuz genagelt wurde. Doch wurde Jesus am selben Tage abgenommen, die Deutschen aber werden hängen bleiben, so lange die menschliche Erinnerung dauert, ohne die Hoffnung, die Vergangenheit jemals hinter sich lassen zu können. [...]

Dies, das weiß ich nur zu gut, ist höchst unfair gegenüber sehr vielen Deutschen, die vor 1927 und jenen, die danach geboren worden sind; einschließlich meiner deutschen Freunde, die ich außerordentlich schätze. Dennoch – um wahrhaftig zu sein –, als Jude und Israeli, der etliche Angehörige im Holocaust verloren hat, und als Mensch, weiß ich nicht wie dies je aufgelöst werden könnte." (Hervorhebung von mir)

Einmal abgesehen von so einem Unsinn wie "unfair gegenüber sehr vielen Deutschen, die vor 1927 und jenen, die danach geboren worden sind". Martin van Crefeld spricht hier in seiner Rolle

1) als Deutschenfreund
2) als Jude
3) als Historiker
4) als 'Theologe'
5) als Bewohner des (gottlob) wieder auferstandenen Israel

Der letzte Abschnitt beginnt mit "weiß ich nur zu gut" und endet mit "weiß ich nicht". In der Philosophie ist ein solches Ende eine klassische Aporie. Bedeutete Judas für die Juden eine Aporie?

sophia_
3. Juni 2017 11:18

Liebe Caroline!

Danke für diesen so aufschlussreichen Artikel! Was sich hier alles miteinander verbunden zeigt würde man ohne Deine penible Recherche u.U. eher Verschwörungstheoretikern zuschreiben.

Gut so - der erste Schritt ist, diese Netzwerke ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen.

Und die Frage: Cui bono? ist sowieso niemals verkehrt.

Valjean72
3. Juni 2017 13:58

@ Aristoteles:

„Doch wurde Jesus am selben Tage abgenommen, die Deutschen aber werden hängen bleiben, so lange die menschliche Erinnerung dauert, ohne die Hoffnung, die Vergangenheit jemals hinter sich lassen zu können. [...]“

Die in Ihrem Beitrag dargelegte Aüßerungen Martin van Crefelds ließen mich sogleich an folgende Stellen in Sieferles „Finis Germania“ denken:

S.66: Aus der Kollektivschuld der Deutschen, die auf „Auschwitz“ zurückgeht, folgt ebenfalls der Aufruf zur permanenten Buße, doch fehlt dieser säkularisierten Form der Erbsünde das Element der Gnade und Liebe vollständig. Der Deutsche ähnelt daher nicht dem Menschen, dessen Schuld durch die Liebe Gottes zwar nicht revidiert, aber kompensiert wird, sondern dem Teufel, dem gestürzten Engel, dessen Schuld niemals vergeben und der für alle Zeiten in der Finsternis verharren wird.

S.71: Das Drama bleibt daher von alttestamentarischer Härte. Adam Hitler wird durch keinen Jesus aufgehoben; … Dieses sündenbeladene Volk, das sich dieser Schuld niemals entledigen kann, „die Vergangenheit nicht entsorgen darf“, fällt nun wie zu erwarten, in die Hände der Priester. Ihre Aufgabe ist es zu mahnen, zu erinnern und den Mythos wachzuhalten.

Sie betonten in Ihrem Beitrag, dass Martin van Crefeld obige Ausführungen als ein Freund der Deutschen äußerte. Dem will ich kurz und knapp entgegnen: Wer solche Freunde hat, der braucht nun wahrlich keine Feinde mehr!

Maiordomus
3. Juni 2017 14:59

@PS zu Aristoteles. Der Verweichlichungsthese von van Crefeld ist nicht zu widersprechen, wiewohl man diese nicht einfach mit dem Frauenanteil in der Armee erklären kann, so wenig die Frauen in der Polizei jene Behörde verweichlicht haben müssen. Sage ich als früherer Lehrer an einer Polizeischule. Freilich wäre es Gift, eine Armee zu "vergendern". Nach meiner Vermutung sind indes die Armeen nicht weniger westlicher Länder aus mentalen und anderen Gründen nicht kriegstüchtig. Es ist aber wohl nicht die schlechteste Idee, dass Frankreich die Fremdenlegion mit den weissen Käppis beibehält. Von Militär scheint van Crefeld etwas zu verstehen, auch wenn man mit manchen seiner sonstigen Analysen nicht einverstanden ist. Ein bedeutender Intellektueller scheint er nicht zu sein. Dass er in der neuesten "Jungen Freiheit" zu Worte kam, ist nicht zu kritisieren.

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