Sezession
4. Juni 2017

Der Sonntagsheld (14) – Im Würgegriff der Unheimlichkeiten

Till-Lucas Wessels / 6 Kommentare

In einer hellen Loftwohnung irgendwo in Hamburg sitzt ein hochgewachsener Mann mit Sechstagebart und scrollt durch die Social-Media-Profile einer jungen Aktivistin. Ihm gefällt, was er sieht und er schreibt sie an, bittet um einen Interviewtermin.

Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

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Sein Profil:

Name: Takis Würger
Alter: 31
Beruf: Journalist
Verdacht: Rechtsextrem. Also nicht er, sondern die Aktivistin.

Wir treffen Takis Würger in einer urigen Kneipe in Halles Innenstadt, sein Kleidungsstil ist betont lässig, er sieht aus wie man sich einen Journalisten vorstellt, der Reportagen über Themen schreibt, die er für ausgefallen hält. Um die Augen hat er viele Lachfalten, überhaupt lacht Würger viel und herzlich. Er ist sofort sympathisch, sagt, dass er sich für unsere Beweggründe interessiert und, dass er uns für gefährlich hält. Das ist aufrichtig und es schafft Vertrauen.

Wir reden viel, doch an diesem Tag möchte Würger nicht über Politik sprechen. Vielmehr interessiert ihn unser Verhältnis zueinander, unser Gesprächsverhalten und vor Allem, dass wir uns für seine Geschichten begeistern.

Er erzählt offen, auch Privates; davon, dass er einmal in Notwehr einen Linken umgehauen hat, als der ihn angriff, von dem Morgen, als er von Sven Lau in einer ägyptischen Salafisten-Absteige geweckt wird, in die ihn seine Recherchen geführt haben und von Liebeskummer.

Zwischendrin immer wieder harmlose Fragen und ein gnadenloses Nachhaken, allerdings auf Augenhöhe. Solche Interviews, die man wie ein beiläufiges Gespräch führt, sind die angenehmsten und die gefährlichsten.

Als der Wirt vorbeikommt und fragt, ob wir beim Bar-Quiz mitmachen wollen, funkelt kurz die Kampfeslust in Würgers grünen Augen auf. Er trägt unseren Tisch in die Liste ein, auf die Frage nach dem Gruppennamen sagt er: „Die Identitären“. Der Wirt geht geschäftig davon, Würger feixt. Von nun an wird unsere Gesprächsrunde regelmäßig von den Quizfragen unterbrochen, für die Dauer des Fragespiels sind wir eine Gruppe. Takis Würger ist für kurze Zeit Teil der „Identitären“ - ist das noch Journalismus, oder ist das schon gefährlich?

Irgendwann kommt der Wirt vorbei und bittet uns verlegen unseren Gruppennamen zu ändern. Unser Gast schlägt „Antifa“ vor, diesmal lacht der Wirt mit. Als das Quiz vorüber ist, verabschiedet sich Würger, er habe noch ein Rendezvous.

Bei unserem Treffen haben wir Würger erzählt, dass wir am 14. Januar zu einer identitären Demonstration nach Paris fliegen, er will unbedingt mitkommen, wir stimmen zu. In Paris ist der Dandy Würger in seinem Element, bereits in Halle kündigte er an, sich dort maßgeschneiderte Handschuhe anfertigen zu lassen.

Es passt in das Bild, das wir von dem 31-Jährigen haben, hinter dessen offenen, herzlichen Grinsen immer wieder bitterer Zynismus hervordunkelt. In der Kathedrale Nôtre Dame lacht Würger, der angibt, eine katholische Erziehung genossen zu haben, als wir mit ihm über den Freitod Dominique Venners reden, er bezeichnet sich stolz als „dekadent“.

Auf der Demonstration am Abend  läuft er wieder mit unserer Gruppe mit. Es entspricht nicht seinem Selbstverständnis als Investigativ-Journalist von außen zu berichten, Würger muss mittendrin sein. Doch auf den Straßen von Paris wird er vom stillen Beobachter in unseren Reihen zum Demonstranten: Er läuft mit, hüpft mit den anderen, wenn er von der Demonstrationsleitung dazu aufgefordert wird, irgendwann ruft er aus vollem Hals: „Daesh, on t‘ecule“ (etwa: „Islamischer Staat, wir ficken euch in den Hintern“).

An einem kalten Februartag treffen wir ihn wieder, diesmal auf dem Marktplatz in Halle. Er wirkt abgekämpft, die hanseatische Weltoffenheit, die er ganz erst meint, ist wie verflogen. Wir verteilen Pfefferspray, er hört zu und lässt einen Fotografen Fotos machen.

Danach zieht wieder einige Zeit ins Land, irgendwann trifft sich Würger mit unserer Aktivistin zum Kreuzverhör. Die beiden reden über 4 Stunden. Würger blüht auf, stellt immer wieder neue Fragen, möchte alles ganz genau wissen und notiert durchgängig.  Später wird er aus diesem Gespräch den Wunsch nach einem „Kartoffelland“ und ein Bild von Albert Leo Schlageter mitnehmen.

Warum das so ist, weiß keiner so genau, aber je länger sich das Erscheinen des Artikels hinauszieht, desto deutlicher wird der Eindruck, dass Würger keine Lust mehr hat. Per Mail schreibt er uns niedergeschlagen, dass die Redaktion seinen Artikel abgelehnt hat, er muss ihn umschreiben. Warum der Artikel nicht veröffentlich wurde, sagt er uns nicht.

Hatte der Mann, der es sich nicht nehmen ließ, in einem Lesevideo einen versteckten Gruß an die Identitären auszurichten, sich zu sehr begeistern lassen? War er der Verführungsstrategie der „unheimlichen Frau Schmitz“ auf den Leim gegangen?  Die Fragen werden unbeantwortet bleiben.

Am 27. 5. veröffentlicht Takis Würger schließlich seinen Artikel über uns im Spiegel. Darin kann man nichts lesen.


Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

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Kommentare (6)

Martin Sellner
4. Juni 2017 18:31

Genial!

Monika L.
4. Juni 2017 23:38

Sehr guter feuilletonistischer Text. Irgendwie dekadent, leicht satanisch. Wohl Huysmans Fan, dieser pick up artist. Sie fühlen  sich so hingezogen zu den Neuen Rechten. Tief unten. Dort ist es interessant und geheimnisvoll. Dann holen sie zum Schlag aus. Zum Peitschenschlag. Ein Brigandes  Mädchen mit Maske ist allemal  reizvoller als eine ' dangerous woman', die nichts zu verbergen hat. 

https://m.youtube.com/watch?v=VVYTzauIb_4

Singt Melanie Schmitz jetzt über Takis Würger:  Somethin' bout you makes me feel like a dangerous woman...?

Der_Jürgen
5. Juni 2017 10:35

Ich lese die Sonntagsbeiträge von Wessels stets mit Vergnügen, aber dieser war der bisher beste. Anfangs glaubte ich sogar, der Takis Würger sei eine Wessels'sche Erfindung. Ein Rechten-Würger mit hellenischem Migrationshintergrund wie der Kerl, der Lichtmesz interviewt hat...

Kammerherr
5. Juni 2017 23:29

Danke für dieses unterhaltsame "Making-of" zu einem weiteren Genrestück! Daraufhin habe ich seit langer Zeit mal wieder kurz den "Spiegel" zur Hand genommen, weil er gerade auf Arbeit herumlag und ich dafür kein Geld ausgeben mußte. Der Artikel liest sich für mich so, als hätte ihn der Mann in ein paar Stunden routiniert zusammengeschnickt, kaum zu glauben, daß hierfür Gespräche auf Augenhöhe oder gar gemeinsam Erlebtes vorausgegangen sein sollen. Ob das Werk in dieser Form unbedingt noch zur Finanzierung der Maßhandschuhe beizutragen hatte oder von vornherein gar kein anderes Ergebnis geplant war, in beiden Fällen: Pfui Deibel!

Der_Jürgen
6. Juni 2017 00:58

Ich würde mein Geld eher in den Müll werfen, als es für den "Spiegel" auszugeben, aber dank blendle.com konnte ich den Artikel von Takis Würger kostenlos lesen. Die Frage ist immer dieselbe: Warum lassen sich Menschen wie Melanie oder Götz Kubitschek oder Martin Lichtmesz mit solchen Individuen ein?

Dass ein "Spiegel"-Schmierer auch nur halbwegs sachlich berichten wird, können sie doch nicht ernstlich glauben; selbst wenn er es wider Erwarten wollte, würde sein Beitrag entweder nicht gedruckt oder von der Reaktion bis zur Unkenntlichkeit verfälscht. Die Antwort liegt wohl darin, dass die Rechten als ehrliche und integre Menschen sich nicht von der Vorstellung lösen können, ihr Gesprächspartner von den Medien sei doch im Grunde auch ehrlich, und mit Argumenten könne man ihn überzeugen oder zumindest in seinen Ansichten erschüttern und zum Nachdenken bewegen. Das Ergebnis ist jedesmal dasselbe - ein Reinfall.

Dass die Kluft zwischen patriotischen Rechten einerseits und Linken und Liberalen andererseits unüberbrückbar ist, liegt nicht nur an der Gegensätzlichkeit der Weltanschauungen, sondern in wohl noch höherem Masse an der Unvereinbarkeit der Charaktere.

Dabei ist zu bemerken, dass die Zahl der wirklich überzeugten Linken und Liberalen unter den "Medienschaffenden" vielleicht nicht einmal sonderlich gross ist. Viele, wenn nicht die meisten, sind einfach Prostituierte, die den Herrschenden für Geld ihre Dienste anbieten. Sie würden sich nach einem Machtwechsel vermutlich auch bei den neuen Herren einschleimen und ebenso eifrig "Macht Deutschland wieder deutsch" rufen, wie sie heute "Für Buntheit und Toleranz, gegen Fremdenhass und Nationalismus" schreien. Hoffentlich wird eine künftige nationale Regierung, vorausgesetzt, es wird je eine geben, Charakter genug haben, um auf die Dienste dieser Prostituierten zu verzichten.

Arminius
6. Juni 2017 13:51

Herrn Wessels sei zunächst gedankt für einen amüsanten Hintergrundbericht zur Entstehung eines Spiegel-Artikels. Immerhin: Der Spiegel hat ihn gebracht und nicht nur diesen. Kubitschek, Sezession und IB werden dort zwar (noch) nicht unterstützt, aber immerhin schon zitiert, ganz im Gegensatz zu den Gutmensch-Chefideologen Justus Bender von der FAZ, dessen Rumpelbeiträge über die AfD u.a. sich selber disqualifizieren. In der Neuen Rechten versammeln sich glücklicherweise viele Personen, denen der derzeitige Mißbrauch der Vernunft durch Altparteien und Kirchentage ("Kinderinnen und Kinder") bei existenziellen Fragen unseres Landes Grund genug ist, die bisherige Konsensideologie kritisch zu hinterfragen. Da von den Altparteien dazu wenig bis nichts zu erwarten ist, sollte die AfD personell und intellektuell massiv aufrüsten, um die Schwachstellen der selbst Naturgesetze in Frage stellenden PC der Altparteien gekonnt zu fokussieren und dem Wähler bis September ihre Alternativlösungen bildmächtig und plakativ als Angebot zu unterbreiten. Ich bin dem Spiegel dankbar, daß er den Mut hat, eine PC-No-go-Area zu betreten und darüber, wenn auch etwas gedämpfter als erhofft, zu schreiben.

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