Der Sonntagsheld (14) – Im Würgegriff der Unheimlichkeiten

Ein Portrait über einen, der im Wäldchen unterwegs war, geschrieben mit einem Augenzwinkern.

 Gastbeitrag

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In einer hel­len Loft­woh­nung irgend­wo in Ham­burg sitzt ein hoch­ge­wach­se­ner Mann mit Sechs­ta­ge­bart und scrollt durch die Social-Media-Pro­fi­le einer jun­gen Akti­vis­tin. Ihm gefällt, was er sieht und er schreibt sie an, bit­tet um einen Interviewtermin.

Sein Pro­fil:

Name: Takis Würger
Alter: 31
Beruf: Journalist
Ver­dacht: Rechts­ex­trem. Also nicht er, son­dern die Aktivistin.

Wir tref­fen Takis Wür­ger in einer uri­gen Knei­pe in Hal­les Innen­stadt, sein Klei­dungs­stil ist betont läs­sig, er sieht aus wie man sich einen Jour­na­lis­ten vor­stellt, der Repor­ta­gen über The­men schreibt, die er für aus­ge­fal­len hält. Um die Augen hat er vie­le Lach­fal­ten, über­haupt lacht Wür­ger viel und herz­lich. Er ist sofort sym­pa­thisch, sagt, dass er sich für unse­re Beweg­grün­de inter­es­siert und, dass er uns für gefähr­lich hält. Das ist auf­rich­tig und es schafft Vertrauen.

Wir reden viel, doch an die­sem Tag möch­te Wür­ger nicht über Poli­tik spre­chen. Viel­mehr inter­es­siert ihn unser Ver­hält­nis zuein­an­der, unser Gesprächs­ver­hal­ten und vor Allem, dass wir uns für sei­ne Geschich­ten begeistern.

Er erzählt offen, auch Pri­va­tes; davon, dass er ein­mal in Not­wehr einen Lin­ken umge­hau­en hat, als der ihn angriff, von dem Mor­gen, als er von Sven Lau in einer ägyp­ti­schen Sala­fis­ten-Abstei­ge geweckt wird, in die ihn sei­ne Recher­chen geführt haben und von Liebeskummer.

Zwi­schen­drin immer wie­der harm­lo­se Fra­gen und ein gna­den­lo­ses Nach­ha­ken, aller­dings auf Augen­hö­he. Sol­che Inter­views, die man wie ein bei­läu­fi­ges Gespräch führt, sind die ange­nehms­ten und die gefährlichsten.

Als der Wirt vor­bei­kommt und fragt, ob wir beim Bar-Quiz mit­ma­chen wol­len, fun­kelt kurz die Kamp­fes­lust in Wür­gers grü­nen Augen auf. Er trägt unse­ren Tisch in die Lis­te ein, auf die Fra­ge nach dem Grup­pen­na­men sagt er: „Die Iden­ti­tä­ren“. Der Wirt geht geschäf­tig davon, Wür­ger feixt. Von nun an wird unse­re Gesprächs­run­de regel­mä­ßig von den Quiz­fra­gen unter­bro­chen, für die Dau­er des Fra­ge­spiels sind wir eine Grup­pe. Takis Wür­ger ist für kur­ze Zeit Teil der „Iden­ti­tä­ren“ – ist das noch Jour­na­lis­mus, oder ist das schon gefährlich?

Irgend­wann kommt der Wirt vor­bei und bit­tet uns ver­le­gen unse­ren Grup­pen­na­men zu ändern. Unser Gast schlägt „Anti­fa“ vor, dies­mal lacht der Wirt mit. Als das Quiz vor­über ist, ver­ab­schie­det sich Wür­ger, er habe noch ein Rendezvous.

Bei unse­rem Tref­fen haben wir Wür­ger erzählt, dass wir am 14. Janu­ar zu einer iden­ti­tä­ren Demons­tra­ti­on nach Paris flie­gen, er will unbe­dingt mit­kom­men, wir stim­men zu. In Paris ist der Dan­dy Wür­ger in sei­nem Ele­ment, bereits in Hal­le kün­dig­te er an, sich dort maß­ge­schnei­der­te Hand­schu­he anfer­ti­gen zu lassen.

Es passt in das Bild, das wir von dem 31-Jäh­ri­gen haben, hin­ter des­sen offe­nen, herz­li­chen Grin­sen immer wie­der bit­te­rer Zynis­mus her­vor­dun­kelt. In der Kathe­dra­le Nôt­re Dame lacht Wür­ger, der angibt, eine katho­li­sche Erzie­hung genos­sen zu haben, als wir mit ihm über den Frei­tod Domi­ni­que Ven­ners reden, er bezeich­net sich stolz als „deka­dent“.

Auf der Demons­tra­ti­on am Abend  läuft er wie­der mit unse­rer Grup­pe mit. Es ent­spricht nicht sei­nem Selbst­ver­ständ­nis als Inves­ti­ga­tiv-Jour­na­list von außen zu berich­ten, Wür­ger muss mit­ten­drin sein. Doch auf den Stra­ßen von Paris wird er vom stil­len Beob­ach­ter in unse­ren Rei­hen zum Demons­tran­ten: Er läuft mit, hüpft mit den ande­ren, wenn er von der Demons­tra­ti­ons­lei­tung dazu auf­ge­for­dert wird, irgend­wann ruft er aus vol­lem Hals: „Daesh, on t‘ecule“ (etwa: „Isla­mi­scher Staat, wir ficken euch in den Hintern“).

An einem kal­ten Febru­ar­tag tref­fen wir ihn wie­der, dies­mal auf dem Markt­platz in Hal­le. Er wirkt abge­kämpft, die han­sea­ti­sche Welt­of­fen­heit, die er ganz erst meint, ist wie ver­flo­gen. Wir ver­tei­len Pfef­fer­spray, er hört zu und lässt einen Foto­gra­fen Fotos machen.

Danach zieht wie­der eini­ge Zeit ins Land, irgend­wann trifft sich Wür­ger mit unse­rer Akti­vis­tin zum Kreuz­ver­hör. Die bei­den reden über 4 Stun­den. Wür­ger blüht auf, stellt immer wie­der neue Fra­gen, möch­te alles ganz genau wis­sen und notiert durch­gän­gig.  Spä­ter wird er aus die­sem Gespräch den Wunsch nach einem „Kar­tof­fel­land“ und ein Bild von Albert Leo Schla­ge­ter mitnehmen.

War­um das so ist, weiß kei­ner so genau, aber je län­ger sich das Erschei­nen des Arti­kels hin­aus­zieht, des­to deut­li­cher wird der Ein­druck, dass Wür­ger kei­ne Lust mehr hat. Per Mail schreibt er uns nie­der­ge­schla­gen, dass die Redak­ti­on sei­nen Arti­kel abge­lehnt hat, er muss ihn umschrei­ben. War­um der Arti­kel nicht ver­öf­fent­lich wur­de, sagt er uns nicht.

Hat­te der Mann, der es sich nicht neh­men ließ, in einem Lese­vi­deo einen ver­steck­ten Gruß an die Iden­ti­tä­ren aus­zu­rich­ten, sich zu sehr begeis­tern las­sen? War er der Ver­füh­rungs­stra­te­gie der „unheim­li­chen Frau Schmitz“ auf den Leim gegan­gen?  Die Fra­gen wer­den unbe­ant­wor­tet bleiben.

Am 27. 5. ver­öf­fent­licht Takis Wür­ger schließ­lich sei­nen Arti­kel über uns im Spie­gel. Dar­in kann man nichts lesen.

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Kommentare (6)

Martin Sellner

4. Juni 2017 18:31

Genial!

Monika L.

4. Juni 2017 23:38

Sehr guter feuilletonistischer Text. Irgendwie dekadent, leicht satanisch. Wohl Huysmans Fan, dieser pick up artist. Sie fühlen  sich so hingezogen zu den Neuen Rechten. Tief unten. Dort ist es interessant und geheimnisvoll. Dann holen sie zum Schlag aus. Zum Peitschenschlag. Ein Brigandes  Mädchen mit Maske ist allemal  reizvoller als eine ' dangerous woman', die nichts zu verbergen hat. 

https://m.youtube.com/watch?v=VVYTzauIb_4

Singt Melanie Schmitz jetzt über Takis Würger:  Somethin' bout you makes me feel like a dangerous woman...?

Der_Jürgen

5. Juni 2017 10:35

Ich lese die Sonntagsbeiträge von Wessels stets mit Vergnügen, aber dieser war der bisher beste. Anfangs glaubte ich sogar, der Takis Würger sei eine Wessels'sche Erfindung. Ein Rechten-Würger mit hellenischem Migrationshintergrund wie der Kerl, der Lichtmesz interviewt hat...

Kammerherr

5. Juni 2017 23:29

Danke für dieses unterhaltsame "Making-of" zu einem weiteren Genrestück! Daraufhin habe ich seit langer Zeit mal wieder kurz den "Spiegel" zur Hand genommen, weil er gerade auf Arbeit herumlag und ich dafür kein Geld ausgeben mußte. Der Artikel liest sich für mich so, als hätte ihn der Mann in ein paar Stunden routiniert zusammengeschnickt, kaum zu glauben, daß hierfür Gespräche auf Augenhöhe oder gar gemeinsam Erlebtes vorausgegangen sein sollen. Ob das Werk in dieser Form unbedingt noch zur Finanzierung der Maßhandschuhe beizutragen hatte oder von vornherein gar kein anderes Ergebnis geplant war, in beiden Fällen: Pfui Deibel!

Der_Jürgen

6. Juni 2017 00:58

Ich würde mein Geld eher in den Müll werfen, als es für den "Spiegel" auszugeben, aber dank blendle.com konnte ich den Artikel von Takis Würger kostenlos lesen. Die Frage ist immer dieselbe: Warum lassen sich Menschen wie Melanie oder Götz Kubitschek oder Martin Lichtmesz mit solchen Individuen ein?

Dass ein "Spiegel"-Schmierer auch nur halbwegs sachlich berichten wird, können sie doch nicht ernstlich glauben; selbst wenn er es wider Erwarten wollte, würde sein Beitrag entweder nicht gedruckt oder von der Reaktion bis zur Unkenntlichkeit verfälscht. Die Antwort liegt wohl darin, dass die Rechten als ehrliche und integre Menschen sich nicht von der Vorstellung lösen können, ihr Gesprächspartner von den Medien sei doch im Grunde auch ehrlich, und mit Argumenten könne man ihn überzeugen oder zumindest in seinen Ansichten erschüttern und zum Nachdenken bewegen. Das Ergebnis ist jedesmal dasselbe - ein Reinfall.

Dass die Kluft zwischen patriotischen Rechten einerseits und Linken und Liberalen andererseits unüberbrückbar ist, liegt nicht nur an der Gegensätzlichkeit der Weltanschauungen, sondern in wohl noch höherem Masse an der Unvereinbarkeit der Charaktere.

Dabei ist zu bemerken, dass die Zahl der wirklich überzeugten Linken und Liberalen unter den "Medienschaffenden" vielleicht nicht einmal sonderlich gross ist. Viele, wenn nicht die meisten, sind einfach Prostituierte, die den Herrschenden für Geld ihre Dienste anbieten. Sie würden sich nach einem Machtwechsel vermutlich auch bei den neuen Herren einschleimen und ebenso eifrig "Macht Deutschland wieder deutsch" rufen, wie sie heute "Für Buntheit und Toleranz, gegen Fremdenhass und Nationalismus" schreien. Hoffentlich wird eine künftige nationale Regierung, vorausgesetzt, es wird je eine geben, Charakter genug haben, um auf die Dienste dieser Prostituierten zu verzichten.

Arminius

6. Juni 2017 13:51

Herrn Wessels sei zunächst gedankt für einen amüsanten Hintergrundbericht zur Entstehung eines Spiegel-Artikels. Immerhin: Der Spiegel hat ihn gebracht und nicht nur diesen. Kubitschek, Sezession und IB werden dort zwar (noch) nicht unterstützt, aber immerhin schon zitiert, ganz im Gegensatz zu den Gutmensch-Chefideologen Justus Bender von der FAZ, dessen Rumpelbeiträge über die AfD u.a. sich selber disqualifizieren. In der Neuen Rechten versammeln sich glücklicherweise viele Personen, denen der derzeitige Mißbrauch der Vernunft durch Altparteien und Kirchentage ("Kinderinnen und Kinder") bei existenziellen Fragen unseres Landes Grund genug ist, die bisherige Konsensideologie kritisch zu hinterfragen. Da von den Altparteien dazu wenig bis nichts zu erwarten ist, sollte die AfD personell und intellektuell massiv aufrüsten, um die Schwachstellen der selbst Naturgesetze in Frage stellenden PC der Altparteien gekonnt zu fokussieren und dem Wähler bis September ihre Alternativlösungen bildmächtig und plakativ als Angebot zu unterbreiten. Ich bin dem Spiegel dankbar, daß er den Mut hat, eine PC-No-go-Area zu betreten und darüber, wenn auch etwas gedämpfter als erhofft, zu schreiben.

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