Sezession
22. Juni 2017

Das Berliner Bekenntnis

Lutz Meyer / 8 Kommentare

Bekenntnisse haben zum einen eine religiöse, zum anderen eine juristische Bedeutung: Man bekennt sich zu einem Glauben, man bekennt sich zu einer Schuld. Doch ob die Confessiones des Augustinus, das Augsburger Bekenntnis von 1530 oder heutige Bekenntnisse nach, sagen wir mal, Berliner Art: Stets geht es auch und vor allem um Machtfragen.

Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

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Heutige Bekenntnisse nach Berliner Art werden nicht mehr nur freiwillig und in vorauseilendem Gehorsam abgegeben, sondern von den Meinungsführern der Zivilreligion in Politik und Leitmedien auch vehement eingefordert. Ob Klimawandel, Energiewende, ewige Schuld der Deutschen, Massenzuwanderung, die vielbeschworenen Grundwerte des Westens oder sonstige Alternativlosigkeiten: Wer sich dem Bekenntniszwang entzieht oder gar eine rational wohlbegründete abweichende Meinung vertritt, sieht sich schnell in die Zeit der mittelalterlichen Ketzer- oder frühneuzeitlichen Hexenverfolgung zurückversetzt.

Es drohen Bann, Daumenschrauben und Scheiterhaufen – letztere hierzulande und derzeit nur im metaphorischen Sinne, doch der Wille, den Widersprechenden wenn nicht physisch, so doch sozial restlos zu vernichten, ist auch hier grenzenlos. Die Machtfrage verbindet sich bekanntlich immer auch mit der Moralfrage. Moral verleiht dem, der sie auf seiner Seite weiß, ein gutes Gewissen, immense Durchsetzungsenergie und damit den nötigen Rückenwind. Nichts aber entfacht das Feuer am Scheiterhaufen so schnell wie ein solcher Rückenwind moralischer Begeisterung.

Der Hinweis auf die Moral ist deshalb so wichtig, weil sie stets dort vorgebracht wird, wo es an guten Argumenten fehlt – als gute Argumente sollten wir nur jene gelten lassen, die sich nach den Regeln der Logik und dem vorurteilsfreien Befund der Tatsachen behaupten können. An der Durchsetzung der Moral gegenüber den Tatsachen des Lebens wird seit Jahrzehnten eifrig und durchaus subtil gearbeitet. Ein wesentlicher Meilenstein etwa war die Einführung der sogenannten sozialen oder emotionalen Intelligenz als Gegengewicht zum als technokratisch geltenden herkömmlichen Intelligenztest.

Sozial oder emotional intelligent ist derjenige, der weiß, wie er sich gegenüber anderen in bestimmten Situationen zu verhalten hat. Dieses Wissen entspringt keinem a priori, sondern ist das Ergebnis einer früh einsetzenden Erziehung. Man könnte auch sagen: Sozial oder emotional intelligent ist derjenige, der über das hingehaltene Stöckchen zu springen weiß, ohne lange darüber nachzudenken zu müssen. Er tut es intuitiv, so wie man sich auf einer technischen Benutzeroberfläche zurechtfindet.

Im Gegensatz zur Intuition stehen die Instinkte. Sie sind älter und dienen vor allem der Gefahrenabwehr – einer Abwehr von Gefahren, die von jenen geleugnet werden, die eine Erziehung zur sozialen oder emotionalen Intelligenz betreiben. An dieser Stelle möchte man sich auf Diskussionen gar nicht erst einlassen. Man kürzt die Sache deshalb ab und fordert – ein Bekenntnis.

Die Frage ist nun, wie wir als notorisch Bekenntnisunwillige uns verhalten sollten. Setzen wir dem einfach nur ein anderes, ein überliefertes Bekenntnis etwa zu Gott, Volk und Vaterland entgegen und begeben uns damit auf das Niveau eines Glaubenskrieges oder gehen wir den Weg der Aufklärung und zeigen beispielsweise, daß die sogenannten Grundwerte des Westens nichts weiter sind als Taschenspielertricks der Globalisierungsprofiteure?

Zu beiden Möglichkeiten gibt es lebbare Ansätze. Je nachdem, wie wir uns entscheiden, wird die Antwort der Anhänger des Berliner Bekenntnisses ausfallen: Traditionalisten lassen sich leicht in die Ecke der Abgehängten und nicht weiter ernst zu nehmenden Ewiggestrigen abdrängen. Aufklärer hingegen sind seit jeher gefährlich, ihnen muß man mit der Macht höherer Moralität entgegentreten. Doch was, wenn die Waffen der Moral immer schneller abstumpfen? Die Causa Sieferle war, was das Stumpfwerden angeht, geradezu ein Säurebad.


Lutz Meyer

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Kommentare (8)

Thomas S.
22. Juni 2017 21:17

Man sollte die Moral nicht der anderen Seite überlassen. Eine Moral, die sich darin äußert die Wirklichkeit nicht wahrnehmen zu wollen, ist eben eine falsche Moral. Außerdem beantwortet ein Blick auf die Tatsachen alleine die wichtigsten Fragen noch nicht, denn dafür muss man diese Tatsachen in Bezug auf Ziele setzen, und die sind mit der Vernunft nicht begründbar.

Das Ziel etwa, die eigene Heimat an seine Kinder weitergeben zu wollen, ergibt sich nicht aus irgendwelchen beobachtbaren Tatsachen, sondern daraus Teil einer guten Ordnung der Dinge zu sein die man sich nicht selbst ausgedacht hat und an der man auch nichts ändern kann. Die Vernunft braucht man erst in zweiter Linie, um innerhalb dieser Ordnung die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Das Problem der anderen Seite ist m.E. nicht, dass sie unvernünftig wäre, sondern dass sie entweder keine Vorstellung mehr von dieser Ordnung der Dinge hat oder sie bekämpft und dabei ihre Vernunft sehr geschickt einsetzt, allerdings für destruktive Zwecke. Angefangen hat das aber alles mit der Vorstellung, dass man ohne die Annahme von Absolutheiten auskommen könnte, die über dem Menschen stehen, und sich alleine auf die Vernunft verlassen könne.

Rufus Salamander
23. Juni 2017 00:08

Sehr geehrter Herr Meyer,

ich für meinen Teil sehe mich auf keinen Fall als "Bekenntnisunwillig".

Der von Ihnen beschriebene "Bann" ist aber leider die Realität und so bleibt zumindest - Stand heute - eine gewisse Diplomatie gemäß der Leitlinie 
"Sage immer die Wahrheit, aber die Wahrheit nicht immmer" 
für einen in der Öffentlichkeit stehenden Familienvater von 3 Kindern die zwingend erforderliche Notwendigkeit.

Aber in Analogie dazu wie Fredmund Malik mit "Führen von unten" die bewusste, offenkundige oder auch subtile, gezielte Einflussnahme von Mitarbeitern auf deren Vorgesetzte propagiert, so können wir uns auch aus der - heute noch - leider nötigen Deckung bekennen: zu deutschen Denkern, zu deutschen Errungenschaften aller Art und unsere Tugenden (Fleiß, Pünktlichkeit, Klarheit, Ordnung, Zuverlässigkeit, Gewissenhaftigkeit) als Vorbild vorleben, in den Alltag implementieren und damit auch weitergeben.

Auch das ist eine Form der Bekenntnis.

Der_Jürgen
23. Juni 2017 03:01

Ein kurzer, aber sehr fundierter Beitrag. Lutz Meyers Frage lautet, ob wir uns durch ein Bekenntnis zu Gott, Volk und Vaterland auf einen Glaubenskrieg einlassen oder uns damit begnügen sollen, die Verlogenheit der vom System propagierten "Werte", die in der Tat bloss "ein Taschenspielertrick der Globalisierungsprofiteure" sind, aufzudecken.

Ich habe mir diese Frage auch schon durch den Kopf gehen lassen und mit Freunden darüber diskutiert. Die Antwort lautet: Beides, je nachdem, mit wem man es zu tun hat und ob man kurzfristig oder langfristig plant.

Einen Linksgrünen kann man - immer vorausgesetzt, er ist überhaupt zu einer Debatte bereit - in tödliche Verlegenheit bringen, indem man ihn fragt, warum er, der er doch für Laizismus, Feminismus, Abtreibung, Schwulenrechte etc. eintritt, denn eine uferlose Zahl von Menschen ins Land holen will, die aufgrund ihrer islamischen Religion nichts von diesen "Werten" und "Errungenschaften" wissen wollen und sie, kämen sie an die Macht, mitsamt ihren Trägern flugs ausrotten würden.  

Für einen PI-Mann oder einen Libertären ist dieses Argument vielleicht schon ausreichend. Es geht ihm ja nicht um "Gott, Volk und Vaterland", sondern nur darum, die Islamisierung zu stoppen (gegen die Zuwanderung von Millionen Hindus aus Indien hätte er vermutlich nichts). Ein authentischer Nationalist oder Identitärer kann sich, wiewohl auch er selbstverständlich die Islamisierung ablehnt, damit nicht zufriedengeben.

Er will die ethnische Substanz seines Volkes erhalten und wünscht deshalb auch keine Massenzuwanderung von Hindus, obwohl diese keine Terroranschläge begehen und vermutlich zehnmal weniger oft kriminell werden als die Muslime. Er will nicht nur gegen etwas sein, sondern auch für etwas, aber ganz gewiss nicht für die "modernen Werte".

Gott, Volk und Vaterland ist in der Tat die Losung, unter der es zu marschieren gilt. Statt "Gott" kann der Kulturchrist natürlich mit Alexander Gauland "die christlich geprägte abendländische Zivilisation" sagen, und der Neuheide darf, wenn er will, dabei an Zeus oder Odin denken. Auch er ist ein Gegner des zerstörerischen Materialismus und darum unser Verbündeter.

Wenn der Untergang des Abendlandes verhindert werden soll, geht dies letztlich nur durch ein Bekenntnis zu traditionellen Werten. Der Kulturkrieg, der Glaubenskrieg, wird nicht zu vermeiden sein. Der libertäre Approach ("Aber die Muslime sind doch gegen die Emanzipation und gegen die  Demokratie und gegen Schwule, Lesben und Juden") mag als provisorisches Notargument zur Erschütterung linker Gewissheiten taugen, ist langfristig jedoch unbrauchbar. Auf dieser Ebene sollen Alice Weidel und Michael Stürzenberger argumentieren und der AFD damit Stimmen einbringen, die sie für den Einzug in den Bundestag braucht.

Wer höhere Ziele hat als den (natürlich höchst wünschenswerten) Einzug der AFD in den Bundestag, wird den Kampf nicht auf dieser Ebene führen können.

Dieter Rose
23. Juni 2017 11:07

man bringt einen Linksgrünen mit dieser Frage nicht in Verlegenheit "Mitmenschlichkeit ist das Wichtigste, dann kommt auch das Verständnis für unsere "Werte"!"

Curt Sachs
24. Juni 2017 11:16

Ich bekenne mich zu den Argumentationen Herrn S. und Herrn Roses.

In der Tat kennt man auf linker Seite (also bis in die CDU hinein) weithin eingeübte Rationalisierungen der Art, dass man behauptet, wenn die Zuwanderer erst einmal hier seien, würden sie etwa durch Bildung und durch unseren gesellschaftlich liberalen Alltag schon zu "unserer" Denkungsart hinaufgezogen. Deshalb sei Akzeptanz der Zugewanderten so wichtig, damit sie sich angenommen fühlten und sich der "aufnehmenden" Gesellschaft zuwendeten. Nur daraus könne dann "Integration" entstehen.

Herr S. weist auf den grundlegenden Umstand hin, dass die Vernunft nur Werkzeug ist, die Ziele, zu dessen Erreichung auch der Verstand eingesetzt wird, aber schon gesetzt sind, und zwar ontisch, voraufklärerisch.

Nautilus
25. Juni 2017 01:25

leider bringt man Linksgrüne mit diesen Fragen nicht in Verlegenheit. Ich habe ihm dieselbe Frage auch gestellt, die Antwort war, dass Muslime überhaupt nicht so sind. Nein mit solchen Typen kann man nicht reden, völlig sinnlos. Ihre Utopie ist grösser als der normale Verstand, wenn sie ihn noch besitzen.

Der_Jürgen
25. Juni 2017 10:28

@Nautilius @Dieter Rose @Curt Sachs

Wenn Sie recht haben - und da Sie vermutlich sehr viel mehr Diskussionserfahrung mit Linksgrünen besitzen als ich, ist dies wohl so -, ist ein Dialog mit diesen Leuten so unmöglich wie der zwischen einem Eskimo und einem Zulu, von denen jeder nur seine eigene Sprache kann. Dann muss die Auseinandersetzung in der Tat mit anderen Mitteln erfolgen.

Zu den "Linksgrünen" kann man natürlich auch die CDU-Führung zählen; im Fussvolk dieser Partei wird man wohl anders denken, auch wenn man sogar dort so gehirngewaschen ist, dass man es nicht wagt, in der Wahlkabine, wo einem keiner zuschaut, sein Kreuz bei einer Rechtspartei zu mchen.

Hartwig aus LG8
25. Juni 2017 18:16

Ein Tipp für das alltägliche Gelaber:

Diskutieren Sie nicht mit Linken! Wenn Ihnen der Kamm schwillt, dann schmettern Sie ein Statement in den Raum. Aber verweigern Sie jede Debatte. Das erfordert ein wenig Disziplin, weil Sie ja die besseren Argumente auf Ihrer Seite haben - die Sie auch gern kundtun möchten. Tun Sie's dennoch nicht. Ein Statement - und sich entziehen!

Ich wähle AfD, - als das kleinere Übel.

Ich bin gegen Einwanderung. Punkt.

Deutschland den Deutschen; ja wem denn auch sonst?

u.s.w.

Ein Linker wird immer das Gefühl haben, Ihnen 'ein Podium geboten zu haben', wenn Sie ihm die Chance des geschwätzigen Widerspruches nehmen.

 

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