Das war’s. Diesmal mit: Folgenden, Führenden und Auswitsch

14. Juni 2017 – Der normale Mensch kennt das: Daß ihn andere nicht leiden können.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Es gibt immer Grün­de. Als Mensch, der poli­tisch der­art im Fokus steht wie wir, ist das noch ein biß­chen anders. Man könn­te Sei­ten fül­len darüber…

Viel Feind, viel Ehr, das ist leicht daher­ge­sagt. Grob gespro­chen: Es gibt Has­ser, die einem egal sind. Ande­re, die man bemit­lei­det. Noch mal ande­re, in deren Haß man sogar ganz gern badet. Und sol­che, denen man sich gern erklä­ren wür­de, weil sie offen­kun­dig einem Miß­ver­ständ­nis aufsitzen.

In unse­rem regio­na­len Umfeld woh­nen kei­ne Leu­te, die sich gerne/gut arti­ku­lie­ren. Das führt dazu: Man kann schwer abschät­zen, was es bedeu­tet, wenn ein Gruß nicht erwi­dert wird. Zufall oder Zeichen?

Heu­te wur­de mir eine eher schmerz­haf­te Sache ins Gedächt­nis geru­fen. Es gab da eine Leh­re­rin in der Grund­schu­le unse­rer Kin­der. Wir kann­ten kei­ne bes­se­re. Die­ser Beruf war für sie Beru­fung. Es herrsch­te eine Art Total­ver­trau­en in sie. Es gab auch ein wenig pri­va­ten Aus­tausch, so sehr moch­ten wir sie, und sie moch­te unse­re Kin­der und för­der­te sie nach Kräf­ten – so tat sie es bei allen Kin­dern. Ein Segen! Sie war rüh­rend. Sie hat­te auch ein Herz für Tie­re. Ich erin­ne­re mich noch gut an die­se Initia­ti­ven, für die sich ein­setz­te. Die Ideen dafür hat­te sie sicher aus bun­ten Blätt­chen: Sie setz­te sich für mal­trä­tier­te Tanz­bä­ren in Ruß­land ein und für Streu­ner­kat­zen. Unse­re Kin­der hat­te die­ses Enga­ge­ment sehr beein­druckt. Wir haben’s unterstützt.Seit län­ge­rem ist sie pen­sio­niert. Wenn ich Frau F. in den letz­ten Jah­ren zufäl­lig sah, fiel der Gruß knapp aus. Es fehl­te die Gele­gen­heit, nachzufragen.

Vor knapp zwei Jah­ren dann fand die ers­te Anti­fa-Demo in Schnell­ro­da gegen die Aka­de­mie des Insti­tuts für Staats­po­li­tik statt. Es mar­schier­te der Schwar­ze Block der Anti­fa auf und ein wei­te­res Dut­zend städ­ti­scher Bür­ger, deren Gesich­ter uns fremd waren. Eine sym­pa­thi­sche, bekann­ter­ma­ßen lin­ke Fami­lie aus unse­rem Dorf lief damals auch mit, sowie zwei Ein­zel­per­so­nen aus Schnell­ro­da. Und: Frau F., jene Grund­schul­leh­re­rin aus dem über­über­nächs­ten Nach­bar­ort. War sie’s wirk­lich? Nein! Nein? Doch! Die Demo an sich war für uns damals ein tol­les & lus­ti­ges Event, aber Frau F. dar­un­ter? Soll­ten wir sie mal anspre­chen? Wir taten es nicht. Und zwar, um ihre Ner­ven zu scho­nen. Wir lieb­ten sie ja immer noch und trotz­dem. Es tat uns so leid.

Heu­te war ich als Eltern­ver­tre­te­rin zur Ver­set­zungs­kon­fe­renz in der Grund­schu­le gela­den. Ich muß­te ein paar Minu­ten im Flur war­ten. Dort hin­gen his­to­ri­sche Pho­tos aus den Anfän­gen der Grund­schu­le. Es gibt ein paar Auf­nah­men zu den DDRü­b­li­chen 1. Mai-Demos. Wen sehe ich, mehr­fach? Unse­re Frau F. Unterm Schild „Soli­da­ri­tät mit allen Völ­kern der Sowjet­uni­on“, hin­term Schild „WIR PIONIERE FOLGEN!“. Die Gute, die Folg­sa­me. Ich wär’ ihr nie bös. So sind die Men­schen. Sie fol­gen. Oft sogar: die beson­ders Guten. Oft den Schlechten.

  1. Juni 2017

Mei­ne Toch­ter trägt ein Kleid, das ich in ihrem Alter auch sehr gern getra­gen habe. Und noch bes­ser: Ich hab die­sen Som­mer­fum­mel von mei­ner Schwie­ger­mut­ter geerbt. Als ich mal als jun­ge Frau einen Fern­seh­auf­tritt hat­te, trug ich die­ses Kleid. Die­se Fern­seh­sen­dung hab ich in sehr pein­li­cher Erin­ne­rung. Mitt­ler­wei­le kann ich das aber bio­gra­phisch gut ein­ord­nen und drü­ber lächeln.

Ich erin­ne­re mich – es ist über 20 Jah­re her –, wie mich der Mode­ra­tor vor der Sen­dung väter­lich umarm­te: „Ihr ers­ter Dreh? Kei­ne Sor­ge, wird phan­tas­tisch!“ Es soll­te um die Neue Rech­te gehen, mit mir trat mein dama­li­ger Jun­ge-Frei­heit-Mit­strei­ter Manu­el Och­sen­rei­ter auf. (Ich glaub, der war damals nicht mal voll­jäh­rig.) Ich weiß noch, wie komisch bockig die Tan­ten in der Mas­ke zu mir waren. Sie fan­den ers­tens mein Kleid, zwei­tens mei­ne Fri­sur (einen locker gefloch­te­nen Zopf) unmög­lich. Ich hielt das damals tap­fer aus und woll­te nicht geschminkt wer­den. Bloß kei­ne Mimikry!

Die ers­te Fra­ge an mich vor lau­fen­der Kame­ra lau­te­te dann sinn­ge­mäß, daß ich doch wohl Anti­se­mi­tin sei. Damit hat­te ich nicht gerech­net, wie­so auch? Ich woll­te, nein muß­te, etwas über Ausch­witz sagen. Gewiß nichts Dum­mes, aber es kam mir vor Auf­re­gung nicht recht über die Lip­pen. Ich habe eine gro­be Erin­ne­rung: Ich erzäh­le über jüdi­sche Schrift­stel­ler, die ich lie­be, und dann: „Aus­witsch, par­don, Aus­witsch, nein…“

Voll­kom­men lächer­lich! Das VHS- Band, das mei­ne Eltern damals auf­ge­nom­men hat­ten, trägt das omi­nö­se Eti­kett „Län­der­jour­nal“.

Ich hat­te nun den selt­sa­men Drang (her­vor­ge­ru­fen durch das Kleid der Toch­ter), die­ses Doku­ment mei­nen Kin­dern vor­zu­füh­ren. Habe ein VHS-Spiel­ge­rät aus­ge­lie­hen. Drauf konn­ten wir uns nun die Hoch­zeit mei­ner Eltern und einen TV-Bericht über mich als Aus­tausch­schü­le­rin in Japan anse­hen. Die Aus­witsch-Kas­set­te hin­ge­gen sen­de­te nicht. Da ging nichts vor­an. Kein Bild, kein Ton, kein Hin­weis. Und ich wär wirk­lich bereit gewe­sen. Allein um des Klei­des willen.

  1. Juni 2017

Klas­si­sche Musik wird in unse­rem Haus­halt mit­tel­groß geschrie­ben. Es wird soviel gere­det, daß die Musik pha­sen­wei­se lei­der zu kurz kommt. Immer­hin haben sich die Kin­der ihr Instru­ment nach Nei­gung (das heißt, durch das Hören bestimm­ter Musik­stü­cke) aus­ge­wählt. Die Kleins­te (bis­lang Block­flö­tis­tin) möch­te ich eigent­lich in Rich­tung Trom­pe­te drän­gen. Mag ich, haben wir noch nicht. Aller­dings hat das Nest­häk­chen eine Nei­gung, die sie mit zwei Schwes­tern (damals, in dem Alter) teilt: Völ­li­ge Obses­si­on von Dirigenten.

Ein rich­ti­ges Glotzo­phon hat­ten wir nie, aber gele­gent­lich läuft in der Küche der Rech­ner, der mir/uns schö­ne Musik­stü­cke vor­spielt. Es sind you­tube-Auf­nah­men, und die Klei­ne holt dort gern ihr Glotz­be­dürf­nis nach. Inter­es­sant ist für sie immer nur der Diri­gent. Ich glau­be, sie geht nicht nach Klang. Dafür ist sie zu jung. Sie geht nach Majes­tät. Sie hat ein enor­mes Fai­ble für Kara­jan. Manch­mal diri­giert sie heim­lich, ahmt dabei dies und das nach; von „Posen“ wird man bei Kara­jan nicht reden wollen.

Ich wun­der mich ein biß­chen. War­um sind es die Diri­gen­ten, die fas­zi­nie­ren und nicht die sich eben­falls hin­ge­ben­den ers­ten Gei­gen, oft mit jähem Aus­druck? Oder die Per­cus­sio­nis­ten, die ewig ruhen und dann für Auf­se­hen sor­gen? Von den Hör­nern nicht zu reden!

Gro­ße Toch­ter: „Klar, der Diri­gent als role model. Kenn ich. Liegt im Blut. Herr­scher­drang, Bestim­men­wol­len, alles bes­ser wis­sen. Der Ent­schei­der sein.“ Oh. Gibt´s da nichts Posi­ti­ves im Diri­gier­wil­len? „Wie­so? Ist doch positiv.“

  1. Juni 2017

„Mama, anhal­ten!“- Wie­so denn? „Na, weil… der Baum!“

Aah…! Ich erin­ne­re mich, und zusätz­lich erin­nert mich die Toch­ter: „Weißt Du noch, vor ein paar Jah­ren? Wie Du stink­sauer warst, weil sie die­sen Baum gefällt haben? Und wie wir im Herbst zum Stumpf hin­ge­ra­delt sind und Blu­men gestreut haben?“

Oh ja, ich weiß das noch. Wenn sich Bäu­me über einer Stra­ße die Kro­nen rei­chen, dann waren das Freun­de, die uns Stra­ßen­nut­zer beschützten.

Dann haben Bar­ba­ren die­sen einen freund­li­chen Baum abge­sägt. Bestimmt aus sicher­heits­tech­ni­schen Erwä­gun­gen. Sehr deutsch halt. Ich war so wütend. Das war tabu­la rasa!

Nach unse­rer Herbst­be­er­di­gung anno dazu­mal war mir das trau­ri­ge Baum­schick­sal ent­glit­ten, ich hat­te es in mir beer­digt. Und nun: Wie es aus­sproßt! Meter­hoch, bereits ver­zweigt! Hat­te ich über­se­hen, die drei, vier Jah­re zuvor. „Mein Schöns­tes“ heute.

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Ellen Kositz­as Das-war’s‑Kolumnen der letz­ten bei­den Jah­re sind im Netz nicht mehr auf­find­bar, son­dern zwi­schen zwei Buch­de­ckel gepackt:
Das war’s. Dies­mal mit Kin­dern, Küche, Kri­tik. 224 Sei­ten, hier bestel­len
Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (19)

Der Gehenkte

17. Juni 2017 13:02

Lehrerin: Das eine (Antifa-Marsch) aus dem anderen (die DDR-Demos) abzuleiten, ginge natürlich zu weit. Eingeimpfte Folgsamkeit mag durchaus eine Rolle spielen und gerade die ältere Lehrergeneration im Osten - ich kenne einige dieses Typus - hängen mitunter noch an der "guten alten Welt", wo man noch wußte, was gut und schlecht war und wo die ersten Kinder denen der übernächsten Generation noch so sehr ähnelten. Heute hingegen ist der Lehrerberuf für Ältere jedes Jahr eine neue Achterbahn - sie sind es letztlich, die lernen müssen: die rasanten Veränderungen und Moden und natürlich der drastische Niveauabfall und Disziplinverlust.

Diese Menschen haben oft eine Heidenangst von "rechts" und vor "Nazis". Sie sind nie dazu angeregt worden, diese Begriffe zu hinterfragen und lesen bis heute die immer gleichen Parolen. Ich erlebe das immer wieder, wenn Leute sich mit mir unterhalten, mir recht geben müssen und dann erschrocken begreifen: aber das hieße ja, daß ich AfD wählen muß oder daß man rechst ist - und dann wird auf den reset-Knopf gedrückt und man beginnt wieder von vorn. Sie haben die falschen Begriffe und die Begriffe sind tiefer verwurzelt als das unmittelbare persönliche Erleben und sie können tatsächlich nur durch sanftes und aufwendiges immer-wieder-Sprechen gelockert werden.

Baum: Das sind so die persönlichen Näheerlebnisse mit SR. Für mich ist der Baum und sein Umgang damit überhaupt die große und dialektische Metapher des Konservatismus. Nur Konservative können da mitleiden und umgekehrt: wer leidet, ist konservativ.

 

 

Kammerherr

17. Juni 2017 13:59

Herrlich, Ihr Text erinnert mich an meine Anfänge auf der Geige, als ich sieben Jahre alt war. Irgendwann lautete einer meiner vielen temporären Berufswünsche "Generalmusikdirektor". Nun, jetzt habe ich die Erklärung für die frühe Faszination, das "role model"! Aber damals mischte sich noch etwas militärisches hinein: Mein Vater war hoher Offizier bei der NVA, in der Nachbarschaft wohnte der Divisionskommandeur, ein General, manchmal sah ich ihn morgens auf dem Schulweg in in beeindruckender Uniform, vom Chauffeur kurz und knapp mit Meldung begrüßt, in seinen Dienstwagen steigen.

Ab und zu durfte ich bei einer Probe des damaligen "Staatlichen Sinfonieorchesters" zuhören, in die mich der Mann meiner Geigenlehrerin, selbst Kontrabassist, mitnahm. Ich saß im Probenraum immer ganz hinten, hinter der Pauke, und konnte nicht genau verstehen, was der Dirigent sagte, hatte aber schon den Eindruck, daß das alles irgendwie genau befolgt wurde. Direkte Befehle schienen es nicht zu sein, jedenfalls nicht immer. Er versuchte mehr, mit Gesten zu überzeugen, eine Art freundliche, aber unbezweifelbare Autorität, Beispiele dafür gab's dann in meinem späteren Berufsleben als Musiker (inzwischen zur Bratsche gewechselt) noch so einige...

Jedenfalls danke für Ihren Artikel, Frau Kositza, ich lese Sie immer sehr, sehr gern!

Tobias aus DD

17. Juni 2017 14:58

Herzlichen Dank für die erfrischende Samstagmittag Lektüre!

Raskolnikow

17. Juni 2017 14:58

Liebe Frau Kositza!

Ein venezolanischer Offizier, den ich während einer Militärmesse in Kubinka traf, wir mochten uns vom ersten Augenblick, stieß mich, gelegentlich eines Gesprächs über Musik, auf den Konduktor des Simon-Bolivar-Jugendorchesters. Die Venezolaner sind, was klassische Musik anbelangt, für unser primitives Zeitalter ungewöhnlich gebildet und selbst unter Jugendlichen ist eine Musikbegeisterung zu spüren, die außerordnetlich genannt zu werden verdient.

Ich gestand meinem südamerikanischen Freunde jene Leidenschaft, die ich offenbar mit Ihren Töchtern teile, Frau Kositza: Wenn ich z.B. allein in der Halle des Bergkönigs bin und alles ob der ohrenzerberstenden Lautstärke zerbirst, tanze ich nicht heimlich, wie eine junge Putzmacherin, sondern dirigiere...

Lassen Sie sich und Ihrer Tochter His Craziness Gustavo Dudamel nicht entgehen!

https://www.youtube.com/watch?v=vHqtJH2f1Yk

¡Vamos, Directores!

R.

Franz Bettinger

17. Juni 2017 15:58

Liebe Frau Kositza. Die Geschichte mit der Schullehrerin hat mich berührt. Ich erlebte Ähnliches. Vielleicht ist Folgendes nicht der Rede wert, dann löschen Sie es. Vielleicht erklärt der nachstehende Briefwechsel mit einer (ehemaligen?) Freundin aber auch, was uns gerade geschieht.

Liebe B, nun wende ich mich an dich. Niemand von der 'august league of Gentlemen pioneer paddlers', wie John die österreichische Herren-Gruppe respektvoll nennt, antwortet mehr auf meine Emails, und das schon seit langem. Muss ich das Schlimmste annehmen? Oder nur das Zweit-Schlimmste? Ich hoffe, es ist nur das Dritt-Schlimmste: Dass man mich aus polit. Gründen genullt hat. Das passiert hin und wieder. Ich weiß nicht, wie die Stimmung in Salzburg ist, aber durch meinen Freundeskreis geht ein Riss. Ach, durch ganz Deutschland. Es ist Zeit zum Bekenntnis, so oder so, und die Leute tun's auch, so oder so. Ich hoffe, es geht euch beiden gut und dass du mir antwortest, wenigstens kurz. Ansonsten gebe ich einfach auf. Herzlichst, Franz

Lieber Franz, entschuldige ... Ich kenne Deine politische Einstellung zu wenig. W erzählt mir von Zeit zu Zeit und da stehe ich auf seiner Seite. Die Menschen-ausschließende Weltanschauung ist nicht meine. Aber wir können gern darüber reden, wenn Du wieder einmal in Österreich bist. Herzlich, B

Liebe B, ich schicke dir und W hier eine meiner Rundmails, von denen seit 212 Tagen täglich eine an ca. 80 Freunde rausgeht. Ich hoffe, euch damit nicht zu belästigen; wenn doch, ist die Mail ja schnell gelöscht. Du brauchst nicht zu antworten. Ich weiß, wie schwer das fallen kann, wenn man am anderen Ufer wohnt. Ich wollte dir nur kurz mitteilen, mit was ich mich seit 1 1/2 Jahren intensivst beschäftige. ... Herzlich, F

Lieber Franz, herzlichen Dank für Deine Zeilen und den Rundbrief. Ich hoffe, nicht Gefahr zu laufen, mit jenen, deren politische Ansicht ich nicht teile, auch keine Gespräch mehr führen zu wollen. Du weißt, dass W und ich in allen Punkten konträrer Meinung zu Deinen Thesen sind, dass wir geradezu erschüttert sind, dass ein so kluger Mann wie Du ein Sprachrohr der demagogischen AfD sein kann, dass wir selbst die mühsam und durch Krieg und Grausamkeit erkämpften Errungenschaften der Demokratie trotz aller Probleme hochhalten wollen und für sie kämpfen. Die Diskussion mit Dir schriftlich auszutragen, scheint mir nicht der richtige Weg. Mündlich wäre ein Disput interessant. Vielleicht wollt ihr doch mal wieder in Salzburg vorbeikommen? ... Mit herzlichen Grüßen, B

Liebe B, das sind ja zunächst doch nur Behauptungen, die AfD sei undemokratisch, menschenverachtend, demagogisch, die man immer wieder hört und die nie belegt werden. NIE! - Glaubst du denn wirklich, dass ich eine Partei unterstützen würde, die all das wäre? Ich meinerseits stehe vor dem umgekehrten Rätsel, dass eine so intelligente Frau wie du all das annehmen kann. Recht hast du wohl leider darin, dass wir den Disput nicht schriftlich fortsetzen sollten, obwohl ich hoffte, mein Rundbrief wäre hilfreich. Der Nutzen von Harmonie und Vorurteilen kommt darin vor, sowie das Aufgehoben-Sein in seiner Subkultur, und der unübertreffliche Nietzsche. Arthur Schopenhauer aber hat das wahre Problem erkannt:

"Zu disputieren, aber nur mit solchen, die mit Gründen disputieren und nicht mit Machtsprüchen, und die auf Gründe hören und darauf eingehen; und endlich, dass sie die Wahrheit schätzen, gute Gründe gern hören, auch aus dem Munde des Gegners, und es ertragen können, Unrecht zu haben, wenn die Wahrheit auf der andern Seite liegt. Daraus folgt, dass unter Hundert kaum einer ist, mit dem man disputieren kann. Die Übrigen lasse man reden und bedenke, was Voltaire sagte: La paix vaut encore mieux que la vérité."

Unsere fatale Lage trifft noch ein anderes Schopenhauer-Zitat: "Nichts ist verdrießlicher, als wenn man mit Gründen gegen einen Menschen streitet und sich alle Mühe gibt, ihn zu überzeugen, in der Meinung, es bloß mit seinem Verstande zu tun zu haben, und dann entdeckt, dass er nicht verstehen WILL; dass man es also mit seinem Willen zu tun hat, welcher sich der Wahrheit verschließt und mutwillig Missverständnisse, Schikanen und Sophismen ins Felde führt und sich hinter seinem vorgeblichen Nichteinsehen-Können verschanzt."

Ja, DAS genau ist meine Erfahrung seit 1 1/2 Jahren Debatten und Rundmails an ca. 80 Freunde. Ich kenne ganz wenige Menschen, mit denen Schopenhauer seiner Maxime gehorchend hätte disputieren wollen, und ich selbst merke mittlerweile auch schnell, wie der Hase läuft. Meistens gebe ich früh auf, um das Harmonie-Bedürfnis meines Gesprächspartners zu respektieren, und dann reden wir über den Mond oder sonst was. Um so wertvoller sind mir die wenigen, mit denen ich über Geschichte und Politik reden darf. … Es wäre schön, dich und W nochmals zu sehen und über den Mond zu sprechen. Alles andere scheint mir nicht angebracht. Es würde nur Wunden schaffen. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an euch und umarme euch, Franz

Lieber Franz, danke für Schopenhauer, Nietzsche und das Strandsegeln. Es verwundert mich, dass Du uns nur den Mond zutraust und vermutest, dass eine Diskussion sowohl über die Zitate als auch über Deine und unsere politische Position hoffnungslos wären und nur Wunden hinterließen. Ich denke, das Unausgesprochene tut es mehr. Herzlich, B

Liebe B. Wenn das Unausgesprochene mehr Wunden hinterlässt, dann sprich doch! Wenn das Sprechen wirklich helfen kann, ja, warum es dann nicht mit Sprechen oder Schreiben versuchen? Warum vermutest Du Abgründe in mir? Habe ich dir dazu Anlass gegeben? Reitet dich deine Fantasie nicht in eine dunkle Ecke hinein? Sollte man diese Fantasie nicht mal an die frische Luft schicken? Das sind nur so Gedanken. Bitte nicht ärgern. Du bist mit Sicherheit viel beschäftigt, und da kommt so einer unangemeldet um die Kurve und streut Sand ins literarische Getriebe. Mein Ausweg, B, waren diese Rundmails. Denn ich habe meiner Natur entsprechend - du merkst es an diesem schnellen kurzen Briefwechsel - ich habe diesen Mitteilungszwang, dieses Bedürfnis zu reden. Das hat für mich gut geklappt. Ich werde meinen Senf los, und die Angeschriebenen haben die Möglichkeit zu antworten. Manche tun es auch, manchmal nur mit ein paar Zeilen. Es funktioniert. Ich umarme dich, Franz

Lieber Franz, nein, bitte nicht komplizieren! Keine Abgründe, keine dunklen Ecken, keine dahin galoppierende Fantasie. Aber wie Du siehst: führt schnell in disparate Richtungen, das Schreiben. Darum warten wir geduldig auf eine Begegnung. Sie wird sich fügen, wenn es sein soll. Gruß, B

Stil-Blüte

17. Juni 2017 18:23

'Ich wundere mich ein bißchen. Warum sind es die Dirigenten, die faszinieren und nicht die sich ebenfalls hingebenden ersten Geigen, oft mit jähem Ausdruck? Oder die Percussionisten, die ewig ruhen und dann für Aufsehen sorgen? Von den Hörnern nicht zu reden!'

Dialektik zwischen (Be-)Herrscher und Volk? Über die Dirigenten, historisch gesehen, habe ich festgestellt, daß sie, parallel zur Staatenbildung, nach und nach eine gefügte Ordnung herstellten (s. Komponisten wie Beethoven und Wagner),  jedes Instrument an   s e i n e n  Platz zu bringen, dort wo es am besten innerhalb des  Ensembles klingt (s. Helmut Kohl, Gott hab' ihn selig).  

Ist diese Ordnung erst einmal geschaffen, kann der Dirigent/Kapellmeister die Musik einfach auch mal laufen lassen - er muss aber stehend, während die anderen sitzen, präsent sein.

Wer Konzerte oder You-tube besucht - letzteres kann ich, bevor es eingeschränkt bzw. verboten wird,  nur empfehlen - wird feststellen, dass der Dirigent mit uns in dieselbe Richtung schaut. Das gibt dem Zuhörer die Kraft - wie früher dem Priester vor dem 2. Vatikanischen Konzil - in die Ferne und in die Höhe eingebunden zu sein, wir sitzen hinter dem Dirigenten; sind seine Gefolgschaft.   - die relativ späte Entwicklung des Synphonieorchesters ein Modell, das Staat, Gemeinschadft, Volk zu bilden und einzubinden vermag.  Jeder an seinem Platz, an dem er unter der Leitung eines Meisters das Beste zu leisten vermag, ein Optimum für alle - Orchestermusiker, Musik, Komponist (Überlieferung), Dirigent, Publikum.

Der Wechsel ist dann nur eine Frage des Alterns. Der freiwerdende Platz wird immer wieder mit dem gleichen Instrument besetzt.

Noch übt Ihre Tochter Dirigieren als Schattenspiel. Erfahren wird sie, dass, den Musiker auf seinen Platz zu 'dirigieren' wichtig ist und Dirigieren ohne Musiker nur ein kindliches Spiel und keine Arbeit/Berufung ist. 

Pardon, habe mich vergaloppiert. Eine große Dirigentin wird kommen, garantiert. Möge es Ihre Tochter sein. 

 

Monika L.

17. Juni 2017 18:35

Gibt es nichts Positives im Dirigierwillen ? Doch, man muß kein Klavier tragen.

Grüße an die Dirigenten:

https://m.youtube.com/watch?v=r3TE0s1CtW4

 

Maiordomus

17. Juni 2017 18:42

Die Erfahrung mit der sowjettreuen Lehrerin müssen Sie nun halt von deren Biographie her nehmen wie sie ist. Eine konsequente Sowjet-Lehrerin war sicher methodisch und pädagogisch zuverlässiger und Ihnen trotz allem näher stehend als eine Pädagogin, die von 1968 geprägt gewesen wäre. Sie müssten auch Verständnis dafür haben, dass Klosterfrauen von früher es mit Leuten, die im Geruch der Teufelsanbeterei standen, ebenfalls Mühe hatten und sich, besonders wenn sie zu den weniger Aufmüpfigen gehörten, Mühe hatten, Leute aus dem Teufelslager zu grüssen und wenn schon, diese Zweifelsfrage mit ihrem Beichtvater besprachen.

 

A propos Grüssen: Die beiden bedeutendsten Parlamentarier der Schweiz zwischen 1848 und  1881, Alfred Escher, auch Gründer der heutigen Schweizer Crédit-Suisse, Retter der Universität Zürich, Kulturkämpfer, ohne den es auch keinen Gotthard-Eisenbahntunnel gäbe, sowie andererseits der kritische Katholik Philipp Anton von Segesser, Führer der Konservativen, als Skeptiker des Unfehlbarkeitsdogmas zwischen Stühlen und Bänken, von der Kirche mit Indizierung bedroht, trotzdem bedeutendster Katholikenführer des Landes: diese zwei grossen Männer, hervorragende Redner und Publizisten, haben einander als Parlamentskollegen 33 Jahre lang im Parlamentsgebäude und ausserhalb nie gegrüsst und bei Debatten auch nie den anderen als Vorredner genannt. So also verhielt es sich zur Zeit des Kulturkampfes, der bekanntlich in Deutschland ebenfalls stattgefunden hat und der zur Zeit auf andere Art und Weise erst recht immer noch stattfindet und im Prinzip ausgetragen wird, auch wenn Ignoranten das leugnen. Ohnehin, das galt zu allen Zeiten, endet die Toleranz immer dann und dort, wo die wahren Meinungsverschiedenheiten beginnen.

 

PS. Zu den ersten überhaupt, welche den Begriff "Kulturkampf" verwendeten, gehörten der frühe Linksradikale und Mitvater der deutschen Sozialdemokratie, Ferdinand Lasalle sowie der materialistisch eingestellte deutsche Arzt und Parlamentarier und Krankenversicherungsgründer aus der Bismarckzeit, Rudolf Virchow.

Der_Jürgen

17. Juni 2017 18:47

Darf man, ohne irgendwelche tiefschürfenden Kommentare hinzuzufügen, einfach sagen, dass man Ellen Kositzas Beiträge ausserordentlich gerne liest? Wenn man es darf, sei es hiermit getan.

Rex Regum

17. Juni 2017 21:13

Endlich wieder ein Beitrag in den Kommentaren über die schweizer Geschichte - wenngleich auch nicht vom Schweizer Original und nur 1/4 so lang.

Auch eine Art Tradition.

ALD

17. Juni 2017 22:16

Gustavo Dudamel ist DAS geniale Aushängeschild einer musikpädagogischen Revolution in Venezuela. Ein über 40 Jahre andauerndes Großprojekt, das sich von einer privaten Initiative, zu einem gesellschaftspolitischen Konzept entwickelte und heute wohl als Teil der venezolanischen Kultur verstanden werden muß. "El Sistema" - ein kulturpolitischer Geniestreich. Ein Zeichen dafür, daß universales Denken nicht zwangsläufig zur Katastrophe führen muß. Es schwingt dort auch der Geist der bürgerlich-pädagogischen Revolution im Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts mit, in dessen Zuge die Entstehung eines schier endlosen Meeres an musikalischen Meisterwerken für Orchester durch das gesamte Jahrhundert hindurch letztendlich dazu führten, dass aus der bis dato künstlerischen Nebentätigkeit des Dirigenten eine eigenständige Disziplin herauswuchs.

Dudamel- Der Hans-von-Bülow Südamerikas?  Ein Leuchtfeuer der Hoffnung für das Fortstbestehen des nach Vollendung strebenden menschlichen Geistes in der zunehmenden Robotisiertheit  des 21. Jahrhunderts ...

Wunder-Schönstes Dirigat mit unnachahmlicher Intensität, Genauigkeit und Freiheit des Ausdrucks zugleich noch,  mit musikalischen Grüßen: https://www.youtube.com/watch?v=lEf4s6naews

Henrik Linkerhand

17. Juni 2017 22:56

Liebe Kositza, nun hatte ich Ihnen hier kürzlich noch Härte attestiert, aber bei Frau F. sind wir alle Schildkröten, die auf dem Rücken liegen. Was kann man da tun? Habe ich Ihnen eigentlich schon mal gesagt, wie gerne ich Ihre Kolumnen lese? 

Ein Fan

 

H. M. Richter

17. Juni 2017 23:16

"Zu den ersten überhaupt, welche den Begriff "Kulturkampf" verwendeten, gehörten der frühe Linksradikale und Mitvater der deutschen Sozialdemokratie, Ferdinand Lasalle ." [Maiordemus, s. o.]

Als ich den Namen Lasalle las, mußte ich an jenes Marx-Zitat denken:

"Der jüdische Nigger Lassalle, der glücklicherweise Ende dieser Woche abreist, hat glücklich wieder 5000 Taler in einer falschen Spekulation verloren... Es ist mir jetzt völlig klar, daß er, wie auch seine Kopfbildung und sein Haarwuchs beweist, von den Negern abstammt, die sich dem Zug des Moses aus Ägypten anschlossen (wenn nicht seine Mutter oder Großmutter von väterlicher Seite sich mit einem Nigger kreuzten). Nun, diese Verbindung von Judentum und Germanentum mit der negerhaften Grundsubstanz müssen ein sonderbares Produkt hervorbringen. Die Zudringlichkeit des Burschen ist auch niggerhaft." Marx an Engels, 1862 (MEW 30, 257).

Und dann dachte ich (am Erscheinungstag der Blühenden-Landschaften-TAZ): Was, wenn heutzutage der K. oder die K. oder der Sieferle über andere ... ? Oder der Sellner mit einem IB-Plakat in Berlin? Oder hier im Forum?? Nicht auszudenken ...

Gustav Grambauer

18. Juni 2017 00:16

So einen hätte ich gern als Lehrer für meine Tochter:

https://www.youtube.com/watch?v=N_oqDmoZBuI

https://www.youtube.com/watch?v=qdVyTEFxQl8

"Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit" - bei dem: geschenkt.

Ellen, es ist wieder Youtube, aber Seriosität ist zugesichert!

- G. G.

Rufus Salamander

18. Juni 2017 00:22

Liebe Frau Kositza,

das mit der Lehrerin kann ich nur zu gut nachempfinden. Meines Erachtens wirkt da die so tief implementierte "Rechts=Pfui" Konditionierung die bei der Mehrheit unserer Landsleute - und sind sie auch sonst noch so gute Freunde - die Rolläden komplett herunterfahren lassen und diese schnell auf eine "Schutzdistanz" zu uns wie zu einem ansteckenden Kranken gehen lassen.

Ich konnte dies neulich selbst beobachten, wie ein guter Freund schnell die Arme verschränkte und sofort auf auf Distanz ging sobald ich mich mit einer kritischen Aussage zu unserer neuen Bereicherung aus der Deckung wagte. Die Perversion dessen kam mir gerade neulich beim Radiohören wieder voll zu Bewusstsein: Der Moderator sagte da locker und flockig in einem Nebensatz "Gutes Theater ist immer links" in einem Beitrag über Volker Ludwig. Ich stellte mir vor, dass der Moderator gesagt hätte "Gutes Theater ist immer rechts"... spontan assoziierte ich die Stimmen der Konditionierten "Das darf man nicht sagen!"...

Maiordomus

18. Juni 2017 00:48

Ich habe es als Publizist nie hingekriegt, so leichthändig zu schreiben wie Sie. Das meine ich echt und ohne geheimen Vorbehalt als Kompliment.

Monika L.

18. Juni 2017 11:44

@Pirmin Hausmeier

."..ich habe es als Publizist nie hingekriegt, so leichthöndig zu schreiben wie Sie..."

Das war Ihr bester Beitrag seit langem. Das Seminar " Führen durch das Lob" zeigt Wirkung :))

t.gygax

18. Juni 2017 12:01

@h.m.richter

Vielen Dank für das Marx-Zitat! Ich hebe es mir gut auf und werde es bei der nächsten Gutmenschenkonfrontation zu gegebener Stunde einbringen......

Stil-Blüte

18. Juni 2017 13:37

@ Gustav Grambauer

Solche Lehrer kenne ich aus meiner Zeit, aus der Zeit meiner Kinder und meiner Enkel. Aber - sie sind nicht mehr die Norm, sondern die Ausnahme. Die starre Einspannung der Lehrer in eine Ideologie ist wie eine Folie, eine Hülle, ist sie beseitigt, Ablaufdatum, dann merkt man, daß sie kaum Schaden angerichtet hat. Anders bei den 68ern, die die Ideologie zur Weltenwende gemacht haben. Diesen Geschmack, diesen Geruch werden Jugendluche wenigrt los; es wird zu ihrem Lebensinhalt. Daher bin ich heute überzeugt, trotz aller Repressalien, die ich im Osten selber erlitten habe, daß die westliche moderne Politisierung stärker in die Jugendlichen eingedrungen ist, sie infiziert hat, als die östliche. 

Als Trost kann ich Ihnen, Ellen Kositza sagen, daß sich diese Lehrerin gewiß im Stillen grämt. Und nach der Wende - die auch hier kommen wird -  gab es einige Menschen, die sich von mir aus politischen Gründen vorher abgewendet hatten, mit denen ich heute wieder befreundet bin. 

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