Mittwochsheld (16) – Wir sind Helden

Ein Sonntagsheld zum Mittwoch, kann man mal machen. Die Suche nach dem Träger des sonntäglichen Lorbeerkranzes gestaltet sich jede Woche aufs Neue als Abenteuer:

 Gastbeitrag

Nicht nur unsere Stammautoren tragen zu unserem Netztagebuch bei.

Zum einen soll die Kolum­ne nicht in das mono­to­ne Geplärr des Feuil­le­tons ein­stim­men, wes­halb gele­gent­lich all­zu offen­sicht­li­che Kan­di­da­ten auf die hin­te­ren Plät­ze ver­bannt wur­den, ande­rer­seits gilt es, gera­de bei unbe­kann­te­ren Anwär­tern dar­auf zu ach­ten, nicht zu tief im selbst­re­fe­ren­ti­el­len Sub­strat der sub­kul­tu­rel­len Abge­schie­den­heit zu gra­ben, damit auch fein­füh­li­ge­re (Stil-)Blüten intel­lek­tu­el­len Nähr­stoff aus die­sem Boden zie­hen und gedei­hen können.

Jeden­falls war es in der ver­gan­ge­nen Woche irgend­wie so, daß ein­fach kein geeig­ne­ter Heros auf­tau­chen woll­te. Je näher das Wochen­en­de rück­te, des­to fieb­ri­ger die Suche; näch­te­lan­ge Recher­che in japa­ni­schen Ani­me-Foren in der Hoff­nung, es möge sich irgend­wo aus dem All­tags­grau ein Hek­tor oder ein Achill erhe­ben, das täg­li­che Durch­pflü­gen der Schlag­zei­len, irgend­wann beschäm­tes Fra­gen im Freundeskreis.

Als mir auch am Don­ners­tag­abend immer noch kein Her­ku­les über den Weg gelau­fen war, faß­te ich den Ent­schluß, selbst aktiv zu wer­den: Nicht ganz so kurz­ent­schlos­sen, wie man das viel­leicht ver­mu­ten mag, schloß ich mich einer Trup­pe ver­we­ge­ner Gesel­len aus Hal­le an und zog am Sams­tag­mor­gen nach Berlin.

Der Plan:
Deut­sches Sparta.

Der Mythos:
Roter Wed­ding – Deut­sche Thermopylen.

Der Schlacht­ruf:
Euro­pa, Jugend, Recon­quis­ta.

(Ein biß­chen pathe­tisch, ich weiß, aber es gibt Leser, die sowas erwarten.)

Am Mor­gen des 17. Juni lagen Wol­ken über der Stadt, im Ver­lauf des Tages soll­te sich ein herr­li­cher Früh­som­mer­nach­mit­tag ent­fa­chen. 850 Men­schen hat­ten sich am Bahn­hof Gesund­brun­nen im Ber­li­ner Wed­ding ver­sam­melt, die Stim­mung war ange­spannt, aber gut. Im Schat­ten des nahe­ge­le­ge­nen Hum­boldt­hai­nes wärm­ten sich die ers­ten Gegen­de­mons­tran­ten auf. Her­an trau­te sich kei­ner, nur ein halb­wüch­si­ger Osma­ne bat – sich fana­tisch in den Schritt fas­send – um eine ora­le Erleich­te­rung, das Tech­tel­mech­tel blieb aller­dings in Erman­ge­lung sil­ves­ter­nächt­li­cher Rudel­tä­tig­keit aus.

Beson­ders auf­fäl­lig war jedoch die von Anfang an hohe Medi­en­prä­senz. Sobald das Front­ban­ner in Bewe­gung war, trieb es qua­si unun­ter­bro­chen einen Halb­mond aus Foto­gra­fen, Jour­na­lis­ten und Fern­seh­teams vor sich her, der – mal höf­lich, mal weni­ger höf­lich – von den Ord­nern dar­auf hin­ge­wie­sen wur­de, die Demons­tra­ti­on nicht zu behindern.

Die ers­te Anti­fa-Blo­cka­de ließ nicht lan­ge auf sich war­ten, wur­de jedoch zügig geräumt. Es schien fast, als hät­te die Poli­zei im rot-rot-grün-gebeu­tel­ten Ber­lin beschlos­sen, die Kon­se­quen­zen aus der nächt­li­chen Ran­da­le in der Riga­er Str. zu zie­hen. Weni­ge hun­dert Meter wei­ter bot sich der – ob der aus­blei­ben­den Stein- und Ben­ga­lo­wür­fe – fried­lich vor sich hin­fei­ern­den Mas­se der Demons­tran­ten dann aller­dings die Mög­lich­keit, eine kur­ze Ruhe­pau­se einzulegen.

Glei­ches hat­te näm­lich der ver­ant­wort­li­che Ein­satz­lei­ter der Poli­zei gemacht, der sich für geschla­ge­ne andert­halb Stun­den nicht bli­cken ließ und so sämt­li­che Koope­ra­ti­ons­ge­sprä­che ver­un­mög­lich­te. Die Stim­mung blieb unge­bro­chen, auch die aus den umge­kipp­ten Hoch­häu­sern her­aus­be­lei­di­gen­den Migran­ten konn­ten kei­ne Eska­la­ti­on her­bei­füh­ren. Inzwi­schen hat­te sich dann auch aller­lei bun­tes Volk unter die “Pres­se­ver­tre­ter” gemischt, vom Kar­tof­fel­ex­per­ten Manu­el Gogos über links­ex­tre­me Recher­che­pho­to­gra­phen, die Por­trät­auf­nah­men anfer­tig­ten, bis hin zu adi­pö­sen Anti­fas, die aber­mals ein erhöh­tes Paa­rungs­be­dürf­nis kom­mu­ni­zier­ten, war alles dabei.

Und trotz­dem, kei­ner ließ sich ärgern, kei­nem platz­te die Hut­schnur, kei­ner ver­mumm­te sich – die lin­ken Nasen­bä­ren, Glotz-Augus­te und Horch-Ottos konn­ten in Ruhe ihren Job machen. Das ist über­haupt so ein Selbst­be­wußt­sein, das sich in den letz­ten Jah­ren wie­der sehr stark ent­wi­ckelt hat: Die Men­schen gehen auf Demons­tra­tio­nen, um ihr Gesicht zu zei­gen, und nicht, um sich zu verstecken.

Der rest­li­che Tages­ver­lauf wird den meis­ten SiN-Lesern ver­mut­lich bekannt sein: Als immer kla­rer wird, daß die Poli­zei nicht bereit ist, die Blo­cka­de in einem hin­nehm­ba­ren Zeit­rah­men zu räu­men, erklärt der Ver­an­stal­tungs­lei­ter die Demons­tra­ti­on für been­det, Unmut macht sich breit, spon­tan raf­fen Akti­vis­ten das Front­ban­ner zusam­men, wei­te­re Demons­tran­ten schlie­ßen sich an, eine Poli­zei­ket­te wird fried­lich, aber bestimmt durch­flos­sen und zurück­ge­drängt, 200 Meter wei­ter kommt der Zug zum Ste­hen, ord­net sich und zieht schließ­lich zurück zum Bahnhof.

Fazit: Kei­ne ver­letz­ten Poli­zis­ten oder Demons­tran­ten, eine Hand­voll Akti­vis­ten, die sich die abge­hol­ten Beu­len beim anschlie­ßen­den Aus­klang grin­send mit einem eis­kal­ten Pils kühl­ten, und eine Demons­tra­ti­on, wel­che sich in vol­ler Mann­stär­ke soli­da­risch hin­ter die jun­gen Heiß­spor­ne stell­te, die mit ihrem Aus­bruch die Stim­mung geret­tet hat­ten. Noch am Bahn­hof bret­ter­ten die Paro­len über die Bahn­stei­ge, eine Hand­voll Links­ex­tre­mis­ten woll­te pro­vo­zie­ren und wur­de aus­ge­lacht, mit­ten durch die die Trep­pen her­ab­strö­men­den Demons­tran­ten hilft ein Akti­vist einer jun­gen Frau, ihren Kin­der­wa­gen gegen den Strom nach oben zu tragen.

Weil bis jetzt kei­ne eigent­li­che Per­son zur Ehren­run­de antre­ten darf, gehen noch ein paar beson­de­re Grü­ße raus an:

  • die Anti­fa-Pho­to­gra­phen Theo Schnei­der und Simon Tele­mann, die dafür sor­gen, daß uns nie­mals die Pro­fil­p­ho­tos ausgehen;
  • die char­man­te Dame, die sich im Lokal als Sonn­tags­held-Fan oute­te und mir die Scha­mes­rö­te ins Gesicht trieb;
  • die Zwei-Meter-Kan­te von einem Poli­zis­ten, der zwar das Vor­bei­flie­ßen der Akti­vis­ten nicht ver­hin­dern konn­te, dafür aber auf ver­lo­re­nem Pos­ten die Stel­lung hielt und ordent­lich aus­ge­teilt hat;
  • mei­ne SiN-Kol­le­gen Mar­tin Sell­ner und Kon­stan­tin Poens­gen, die eben­falls vor Ort waren;
  • Jero­me Tre­bing, das treu­es­te Grou­pie der Iden­ti­tä­ren Bewegung;
  • Julia Spa­cil, die mir auch die­ses Mal kein Lächeln schenk­te; den uni­for­mier­ten Sozi­al­ar­bei­ter, der am Laut­spre­cher des Poli­zei­au­tos saß, wel­ches uns zum Bahn­hof gelei­te­te, und der uns mit der Zärt­lich­keit eines Wal­dorf­päd­ago­gen einen schö­nen Aus­klang des Abends wünschte.
 Gastbeitrag

Nicht nur unsere Stammautoren tragen zu unserem Netztagebuch bei.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (9)

Monika L.

21. Juni 2017 11:12

Ihr seid tatsächlich Helden ! Ihr seid Popstars und Postergirls. Ihr zeigt Gesicht und redet mit jedem Journalisten. Eure Bildproduktion ist einfach klasse ! Das irritiert all jene, die kein Gesicht zeigen und Scheißbilder produzieren:

https://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2017/06/19/von-postergirls-und-dunklen-rittern-wie-man-ueber-die-neue-rechte-schreiben-sollte-und-wie-nicht_23988

Inzwischen habe ich mich schon des öfteren  bei dem Gedanken ertappt, wenn ich einen jungen Menschen in der analogen Welt sehe,  der offen, freundlich, gut gekleidet daherkommt: Der könnte bei den Identitären sein. Das ist mir in zwei Wochen dreimal passiert. Ich fasse es nicht: Die Identitären sind kein Internetphänomen. Die sind echt !

sophia_

21. Juni 2017 11:13

Guten Morgen! Pointiert wie immer - unterhaltsam, informativ. Der "Sonntagsheld" hat sich innerhalb kurzer Zeit neben den vielen anderen großartigen Beiträgen zu einem erfreulichen "Fixtermin" entwickelt. Die Demo - es war meine erste - war beeindruckend, gute Laune und Familienfeeling inkludiert. Gelungen - kann man mit Fug und Recht sagen. Ich habe mich gefreut mein Lob am Abend spontan auch persönlich "an den Mann zu bringen" - Ehre wem Ehre gebührt und errötete auch gerade ein wenig ob der Erwähnung.

Der_Jürgen

21. Juni 2017 11:52

 Wunderbar. Der Tag ist schon halb gerettet nach so einem Beitrag.

Bran

21. Juni 2017 12:19

Gut gemacht und schöne Bilder produziert. Muss ärgerlich sein für die Antifa-Fotografen, wenn der Feind fähig ist, ästhetischere und einnehmendere Bilder zu produzieren als die eigene, angeschmuddelte Menschschaft (wie sie sich vermutlich selber nennen würden....oder x-schaft...). Aber ach...man verspürt dennoch eine leichte Sehnsucht nach Bildern, wie es sie aus Berkeley gab.

Tony

21. Juni 2017 12:28

Danke für diesen Artikel, nach einem schlechten Start in den Tag, wurde mir dieser dann doch noch gerettet.

Ich kann Sophia nur zustimmen, auch ich habe die Demo als äußerst gesittet und geordnet erlebt. Sicherlich ließen sich einige, im jugendlichem Übermut, dazu hinreißen, die Demo mit einen bestimmten aber doch harmlosen Akt des Selbstbewusstseins zu beenden.

Für mich war es die erste Demo überhaupt. Selten habe ich derart motivierte und idealistische Menschen auf eine einem Fleck finden können. Es lag etwas in der Luft, es war nicht zu greifen, eine Vertrautheit die unmerklich, doch bestimmt verband. Es formt sich, bringt sich in Stellung und wirkt im Hintergrund. Ein Flüstern geht um, an diesem Tag wurde es lauter.

Es war mir eine Ehre.

Frieda Helbig

21. Juni 2017 15:03

Gruß, Dank und Anerkennung!

donna_alta

21. Juni 2017 22:29

Die mutigen Helden der IB sind für mich die einzige Hoffnung im alltäglichen Irrsinn, der sich - gefühlt - jeden Tag eine Stufe weiter nach oben schraubt.

P.S. Bitte richten Sie Paula aus, dass ich bei ihrer Rede geheult habe, so sehr hat sie mich berührt. Diese junge, wunderbare Frau hat meine Wut und meinen ganzen Schmerz in leidenschaftliche Worte gefasst. Danke, danke dafür! 

Cacatum non est pictum

21. Juni 2017 22:48

Herr Poensgen hat sich auf der Internetseite der Blauen Narzisse - insgesamt etwas kritischer - zu der Veranstaltung geäußert. Der Artikel ist jedenfalls lesenswert, wie auch die Kommentare darunter:

https://www.blauenarzisse.de/vorwaende-der-repression/#comment-316231

Frieda Helbig

23. Juni 2017 13:21

Mein Vorschlag für Sonntag:

https://m.youtube.com/watch?v=yb15sca8mFo

RIF

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.