24. Juni 2017

Die erträgliche Seichtigkeit des Scheins

Gastbeitrag / 49 Kommentare

Von welchen Werten, von welcher Lebensart ist eigentlich die Rede? Das ist schwer zu sagen in einer liberalen Gesellschaft, in der verschiedene Wertvorstellungen und Wertentwürfe nebeneinander bestehen. Man verständigt sich im Ernstfall auf irgendwelche freiheitlich-christlich-abendländischen Werte, ohne diese näher bestimmen zu können. Dabei hat spätestens mit der Aufklärung die Selbstverständlichkeit der Christlichkeit des Abendlandes ihr Ende erreicht. „Die Aufklärung lebt von den Überresten eines voraufklärerischen ethischen Konsenses, zu dessen Erhaltung sie nichts beitragen kann", schreibt Manfred Kleine-Hartlage in seiner Analyse Die liberale Gesellschaft und ihr Ende.

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Seit Gott für tot gilt und ausschließlich der Mensch für die Gestaltung der diesseitigen Welt zuständig ist, ist die christliche Glaubenssubstanz vor allem in Westeuropa rasant am Schwinden, und ein Tiefpunkt scheint noch nicht erreicht.

Der in das Glaubensvakuum eindringende Islam bringt keine Rückkehr zur christlichen Religiosität. Er ist allenfalls ein Weckruf. Von einer tieferen Sehnsucht nach Gott ist beim westeuropäischen Wohlstandsbürger derzeit nichts zu spüren. So haftet dem Ruf nach der Verteidigung unserer christlichen Werte immer auch etwas Hilfloses und Halbherziges an. Denn wenn wir ehrlich sind, haben wir uns an die Seichtigkeit unseres gottlosen Daseins recht gut gewöhnt und wollen darin nicht gestört sein. Manfred Kleine-Hartlage hat den Wertezerfall der liberalen Gesellschaft sehr anschaulich beschrieben:

Wer hätte sich etwa vor fünfzig Jahren vorstellen können, daß man irgendwann – und zwar mit Aussicht auf öffentliche Zustimmung! – Abtreibungen als etwas moralisch Unbedenkliches würde propagieren können, und daß die Gesellschaft sich an Abtreibungsziffern im sechsstelligen Bereich gewöhnen würde? Der Konsens, daß dies Kindstötung ist, wurde zunächst unter Berufung auf emanzipatorische Normen angefochten („Mein Bauch gehört mir“), dann die Neuregelung politisch durchgesetzt. Heute ist es so weit gekommen, daß der, der die Legitimität von Abtreibungen verneint, sich damit als „Fundamentalist“ praktisch aus der seriösen Gesellschaft ausgrenzt, obwohl seine Position noch vor gar nicht allzu langer Zeit selbstverständlicher Konsens der gesamten Gesellschaft war.

Man kann ergänzen: Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, daß Schwule mal heiraten dürfen, daß das deutsche Volk in eine multikulturelle Gesellschaft überführt werden und der Islam zu Deutschland gehören soll? Der kontinuierliche Zerfall des gesamtgesellschaftlichen Konsenses (vulgo: Leitkultur) hat nicht dazu geführt, daß man diesen Konsens wieder herbeiführen will, sondern dazu, den Zerfall des Konsenses selbst zum Konsens zu machen. Unter dem Titel: „Leitkultur? Nein danke!“ schreibt der Politikwissenschaftler Heinz Theisen im Tagesspiegel:

Die etwas hämische Frage, in welche deutsche Leitkultur sich der Einwanderer denn integrieren solle – in die der sich entblößenden Besucher einer Loveparade oder in die der frommen Teilnehmer einer Fronleichnamsprozession -, lässt sich leicht beantworten: in die Strukturen, die ihm die Wahl zwischen diesen unterschiedlichen Aktivitäten lassen, an einer oder beiden oder keiner von beiden teilzunehmen. Es ist nahezu unmöglich, eine kollektive Identität in eine andere kollektive Identität zu integrieren, etwa als Muslim sich zum Christentum zu bekehren. Dies wäre keine Integration, sondern Auflösung der alten Identität. Umso wichtiger ist es, Individuen in die Funktionssysteme zu integrieren, in denen kollektive Identitäten keine Rolle spielen.

Welche Funktionssysteme meint Professor Theisen? Er schreibt:

Eine  Voraussetzung für individuelle Integration jenseits von kulturellen Identitäten ist jedoch die universelle Gültigkeit des Rechts in einem Gemeinwesen. Der freiheitliche Staat kann von Zuwanderern keine Wertebekenntnis verlangen, sondern lediglich die Befolgung seiner Gesetze. Die in der Verfassung normierten Strukturen und nicht die ihnen zugrunde liegenden Werte müssen anerkannt, es muss nur den Gesetzen gehorcht, nicht aber ihre Inhalte gut geheißen werden.

Die Problematik einer solchen Argumentation zeigt sich aktuell in einigen Richtersprüchen, die irritieren. Ein muslimischer Asylbewerber, der seine Frau brutal umgebracht hat, wird nicht etwa wegen Mordes verurteilt, sondern wegen Totschlags. Mit der Begründung, daß er die hiesigen Wertvorstellungen nicht erkannt hätte, bekommt er sozusagen einen Kulturbonus.

Individuen in Funktionssysteme integrieren? Das klingt rigide, starr, diktatorisch. Warum sollte man Gesetzen gehorchen, deren Inhalte man nicht gutheißen kann? Und warum sollte man nur die neutrale Wahl zwischen der Teilnahme an der Loveparade oder an einer Fronleichnamsprozession haben, nicht aber die Wertewahl zwischen beiden. Ein gläubiger Katholik wird die Fronleichnamsprozession als höheres Gut wählen, ein gläubiger Moslem wird weder die Loveparade noch die Fronleichnamsprozession wählen und wird, wo immer er kann, die der Verfassung zugrunde liegenden Werte, die nicht seine sind, zu ändern suchen. Bis zur Verfassungsänderung. Es ist ja auch nicht so, daß von Anbeginn der BRD Loveparade und Fronleichnamsprozession gleichberechtigt nebeneinander bestanden hätten. Vielmehr hat die Loveparade die Fronleichnamsprozession „ersetzt“, so wie das „Love together“ nach den Anschlägen in Stockholm und Manchester das Requiem abgelöst hat. Auch ohne das Einströmen islamischer Parallelkulturen hat ein Wertewandel stattgefunden.

Die türkischen Migrantenverbände haben den argumentativen Schwachpunkt von einer „individuellen Integration in Funktionssysteme“ sofort erkannt. So wertet der vertrauenserweckend ausschauende Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinschaft in Deutschland (TGD), Gökay Sofuoglu, die Debatte über eine deutsche Leitkultur als Angriff auf alle Einwanderer. Und fordert statt einer Leitkultur ein „Einwanderungs- und Partizipationsgesetz“.

Vielfalt soll gelebt und Deutschland gemeinsam gestaltet werden. Damit treten verschiedene kollektive Identitäten in einen Wertewettstreit. Es geht gerade nicht um eine individuelle Wahl zwischen Loveparade, Fronleichnamsprozession oder Ramadan als Kulturwerte, die gleich-gültig nebeneinander bestehen. Kollektive, Verbände, Interessengruppen streiten um ihre Werte und deren Rangfolge. Natürlich wird der Islam seine Werte über die anderen stellen. In Rückwendung auf Manfred Kleine-Hartlage kann man in 20 Jahren sagen: Wer hätte gedacht, daß der Islam die stärkste Religion in Berlin ist. Und daß es kaum noch Christen in Berlin gibt, die ihren Glauben verteidigen. Die Frage, ob Loveparade oder Fronleichnamsprozession, hat sich damit erledigt.

Woher rührt das Selbstbewußtsein islamischer Funktionäre, Verbände und Einzelpersonen, ihre Kultur und Werte aktiv einzubringen und gegen die (noch) bestehende liberale Mehrheitskultur durchzusetzen? Die Stärke des Islam beruht, folgt man Kleine-Hartlage, auf der Ebene der Metarationalität. Als metarational bezeichnet Kleine-Hartlage

Ideen, deren Bejahung – unabhängig von ihrer eigenen inneren Rationalität – eine rational nachvollziehbare soziale Funktion haben. Sie können, sogar wenn sich selbst im Einzelfall unzutreffend sind, eine rationale, aufgeklärte Gesellschaft, ja die Aufklärung selbst widerlegen, nicht indem sie mit im aufgeklärten Sinne besseren Argumenten aufwarten, sondern indem sie die Gesellschaft, die das Konzept der Metarationaliät nicht akzeptiert, einfach verdrängen.

Weiter heißt es: „Das soziale System „Islam“ versetzt, indem es einige einfache Regeln und „Wahrheiten“ mit der Autorität Allahs sozial verbindlich macht, moslemische Gesellschaften in die Lage, nichtmoslemische zu verdrängen und schließlich auszulöschen.“ Das bedeutet, daß ein Islam, der nicht durch die Aufklärung gegangen ist, im Wettstreit mit einer liberalen, aufgeklärten Gesellschaft immer im Vorteil sein wird. Ein Islam, der durch die Aufklärung (im europäischen Sinne) geht, wird vermutlich kein Islam mehr sein. Es sieht derzeit nicht so aus, als ob es einen Euro-Islam geben könnte (Bassam Tibi). Die liberale Gesellschaft wiederum kann das Konzept der Metarationalität nicht akzeptieren, weil es kein Zurück hinter die Aufklärung gibt. Wir befinden uns in einem Dilemma. Was tun?

In dem Maße, wie der Islam in Europa sich einer Aufklärung verweigert, müßte die liberale Gesellschaft sich auf die kollektiven Werte besinnen, die ihr zugrunde liegen. Anders ausgedrückt: Je weniger eine individuelle Integration jenseits von kulturellen Identitäten gelingt (und die massenhafte Einwanderung kulturfremder Menschen führt vermehrt zu Parallelgesellschaften), desto mehr spielen kollektive Identitäten des „Einwanderungslandes“ ein Rolle. Da aber eine deutsche Leitkultur abgelehnt wird, ja gar ein ganzes Kulturvolk dekonstruiert wird, scheint jeglicher kollektive Konsens entschwunden zu sein. Es kommt zu massiven Auflösungserscheinungen. Manfred Kleine-Hartlage beschreibt die Lage so:

Andere Völker, andere Gemeinschaften, die die dekadente Mode der „Dekonstruktion“ nicht mitmachen und die an ihrer eigenen Existenz schon deshalb keinen Zweifel hegen, weil sie zum Beispiel daran glauben, daß sie als Gemeinschaften von Allah selbst gestiftet wurden, werden weiterexistieren und uns mitsamt unserer Aufklärung und unseren Dekonstrukteuren auf den Müllhaufen der Geschichte befördern.

Gerade als Christ kann man sich mit dem Untergang des Abendlandes ja nicht so einfach abfinden. Und man kann die Frage stellen: Wird es Europa, wird es Deutschland je wieder möglich sein, zu einem Wertekonsens zu finden, aus dem eine kraftvolle kulturelle Stärke erwachsen kann? Und wie könnte ein solcher Wertekonsens überhaupt aussehen?

Auf die Frage „Kann nur ein Gott uns retten?“ müßte ganz klar und deutlich die Antwort kommen: Ja, nur ein Gott kann uns retten. Und dies ist der christliche, der dreifaltige Gott. Das kommt einem natürlich nicht so locker über die Lippen wie dem Moslem sein Bekenntnis zu Allah. Behelfen wir uns mit einem Trick: In London gab es im Oktober 2008 die sogenannte Atheist Bus Campaign, die auch von Richard Dawkins unterstützt wurde. Busse fuhren durch London mit der Aufschrift: „There's probably no god. Now stop worrying and enjoy your life.“

So kann man in Umkehrung und Abwandlung sagen: Es gibt vielleicht einen Gott. Nun hör auf, dir Sorgen zu machen und lebe dein Leben in Verantwortung. Und aus dem Vielleicht kann eine Gewißheit werden. Denn es können Zeiten kommen, in der die (noch) erträgliche Seichtigkeit des Scheins zur tiefen Sehnsucht nach der göttlichen Wahrheit und Wirklichkeit wird.


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Der Gehenkte
24. Juni 2017 13:11

Es ist bezeichnend, daß dieser Beitrag sich mit der Neuerscheinung Sloterdijks kreuzt - nebenbei: Sloterdijk wird Montag 70 Jahre, das Symposion dazu kann man hier https://zkm.de/en/livestream verfolgen; gestern nutzte Norbert Bolz die Laudatio zu einer Fundamentalabrechnung mit Polit- und Mediensphäre ...

Zurück zum Text! Sloterdijks Buch heißt "Nach Gott". Und das ist die Lage, ob man das nun will oder glaubt oder nicht. Es käme darauf an, die Situation zu erfassen, anstatt Rückrufaktionen zu starten, die an den "gesellschaftlichen Bedingungen", mit Verlaub, scheitern müssen.

Der Tod Gottes, der Verlust des Glaubens steht im Zentrum unserer Existenzkrise, keine Frage, aber wir werden sie nur überstehen, wenn wir lernen, uns nicht weiterhin auf Gott zu verlassen. Man kann etwas Entzaubertes nicht wiederverzaubern: Eli, Eli, lama asabtani!

Was natürlich nicht bedeutet, daß der je einzelne diese Folklore für sich nicht pflegen und seinen Psychohaushalt damit stabilisieren kann.

Diese ominöse "Aufklärung" im Islam wird es zudem nicht geben. Es liegt hier ein Mißverständnis vor: Das Christentum ist nicht durch die Aufklärung gegangen, wie durch ein Bad, sondern das Christentum ist Aufklärung; die historische Etappe der Aufklärung ist eine historische Etappe des Christentums. Die Aufklärung beginnt mit dem Gründungsdokument und hat ihre Wurzel in den Paradoxien des Christlichen: Trinität, Gottessohnschaft, Auferstehung, Transsubstantiation, Omnipotenz, Einsetzung Petri etc.

Aus diesen unlösbaren Fragen mußte die Theologie entstehen, diese wiederum ist ein erstes Eingeständnis und die Bearbeitung des Zweifels, der früher oder später, gesetzmäßig nahezu, wenn die materiellen Bedingungen es erfordern, zur "Aufklärung", also zum sich-über-sich-selbst-Bewußtwerden und zum sich-selbst-im-historischen-Kontext-verorten etc., führen muß! Muß!

Sloterdijk: "Von den Theologen ist heute nur wenigen bewußt, was sie anrichteten, als sie den Einen auf Kosten der Vielen überhöhten. Mit ihrer fatalen Unterscheidung von Gott und Götzen lösten sie eine theodizale Epidemie aus, die noch immer nicht ausgeklungen ist."

Weder der Islam, noch der Buddhismus und Hinduismus, noch das Judentum - die Haskala ist ebenso ein afterchristliches Phänomen wie die hinduistische Inklusivismus-Debatte - kennen eine Aufklärung, sie ist genuin christlich. Die islamischen Schismen haben sich anhand von Machtfragen (Nachfolge) entfaltet, die christlichen an theologischen Differenzen.

Mohammeds Genialität liegt in der (möglicherweisen unreflektierten, intuitiven) Einsicht, daß ein langfristig überlebensfähiger Glaube vollkommen exklusiv sein und das Auftreten einer Theologie verhindert werden muß. Daher wurde  dort lediglich die Hagiographie (Hadithe) und die Rechtsprechung entwickelt.

Das spirituelle Bedürfnis wurde - auch hier muß man Sloterdijk folgen ("Du mußt dein Leben ändern" u.a.) - in Übungen aufgelöst: Es gibt keine Religionen, „es gibt nur mehr oder weniger ausbreitungsfähige oder mehr oder weniger ausbreitungswürdige Übungssysteme.“

Eine der intensivsten und wirkmächtigsten Übungen dauert vier Wochen und ist unter dem Namen "Ramadan" bekannt: siehe auch: Ramadan als Wehrübung

 

"Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen."

 

Der_Jürgen
24. Juni 2017 13:33

Ein sehr guter Artikel.

Der oft verwendete Begriff "Islamisierung" ist insofern missverständlich, als die Deutschen ja nicht islamisch werden. Die Zahl der Konversionen zur Religion Mohammeds ist gering und wird es bleiben - ausser natürlich, wenn es tatsächlich zur Bildung einer Islamischen Republik auf deutschem Boden kommt und der Übertritt konkrete Vorteile mit sich bringt (eine nicht sehr wahrscheinliche, aber durchaus nicht unmögliche Entwicklung).

Der Deutsche mag zum Türken oder zum Libanesen essen gehen, aber seine Denkweise ist nicht im geringsten islamisch beeinflusst, egal wie viele Muselmanen um ihn herum leben mögen. Sie ist zwar fremdgeprägt, aber aufgrund ganz anderer Einflüsse als der muslimischen.  

"Islamisierung" heisst also einfach eine zunehmende Verdrängung der Deutschen durch muslimische Landnehmer, die sich in der rasanten Entwicklung einer Parallelgesellschaft mit ihren eigenen Regeln widerspiegelt, welche sowohl traditionellen als auch "modernen" deutschen und europäischen Werten fundamental widerspricht.

Die von Monika Leiser monierten Entartungserscheinungen wie Legalisierung der Abtreibung oder der gleichgeschlechtlichen "Ehe" einerseits und die Duldung, ja bewusste Ankurbelung der orientalisch-afrikanischen Landnahme sind natürlich zwei Seiten einer Medaille, oder zwei verschiedene Waffen jener, die die Deutschen und Europäer vernichten wollen. Ein gesundes Volk duldet weder solch krasse Entartungen noch die Invasion seines Landes durch Kulturfremde und Fremdrassige.

Damit es bereit war, beides hinzunehmen, musste das deutsche Volk zuerst psychisch krank gemacht werden. Mit welchen Mitteln dies erfolgreich bewerkstelligt wurde, weiss jeder, der den Forderungskatalog von Caroline Sommerfelds Ehemann H. an die Rechten gelesen hat, oder wer jeweils am 13. Februar die Gegendemonstranten Sprüche wie "Deutsche Täter sind keine Opfer" und "Bomber Harris, do it again" skandieren hört.

Da sich die Muslime in ihrer grossen Mehrheit nie in eine nichtmuslimische Gesellschaft integrieren werden, egal ob diese nun christlich oder "modern" ist, lautet die logische Konsequenz natürlich, dass diese Bevölkerungsgruppe für ihr Gastland eine ständig zunehmende Belastung und Bedrohung darstellt und folglich entfernt werden muss - durch eine so human wie immer möglich durchzuführende Repatriierung; Ausnahmen wird es selbstverständlich geben.

Was die Alternative zu einer solchen Politik ist, wissen wir im Grunde unseres Herzens alle. 

Cacatum non est pictum
24. Juni 2017 13:42

Ein beachtlicher Beitrag, der ans Grundsätzliche geht. Ich kann übrigens die Lektüre von Kleine-Hartlages erwähntem Buch nur wärmstens empfehlen. Es ist eine messerscharfe soziologische Analyse, die an zahlreichen Stellen voll ins Schwarze trifft. Allerdings schlägt sie auch auf den Magen: Viel Raum für Optimismus lassen Kleine-Hartlages Thesen nicht.

Die Apologeten der liberalen Gesellschaft klammern sich an recht dünne Äste. Was betrachten sie als Institution, die Halt geben soll? Das Grundgesetz? Die Möglichkeit auszuwählen unter endlos vielen Lebensentwürfen? Das scheint mir sehr wenig zu sein. Es ist absehbar, dass jene labilen Strukturen vollständig zusammenbrechen werden, wenn sie sich ernsthaft bewähren müssen: im Konfliktfall. Welcher von den liberalen Maulhelden wird dann fürs Grundgesetz oder für das Recht auf Homosexuellenehe in die Schlacht ziehen und sein Leben opfern? Kaum einer, so viel ist sicher.

Ich weiß nicht, ob Spengler richtig lag. Ob wir uns im Endstadium des kulturellen Verfalls befinden und am sowieso fortschreitenden Niedergang nur noch Schönheitskorrekturen vornehmen können. Niemand weiß es, obwohl momentan vieles für seine Thesen spricht. Wenn es doch irgendwann eine Wende geben sollte, dann wird sie fundamental sein. Sie wird den Liberalismus unserer Tage komplett über Bord werfen und die Menschen wieder unter Dogmen einen, auf die sie sich mehrheitlich verständigen können. Aus heutiger Perspektive ist eine solche Volte eigentlich nur denkbar, wenn etwas einschneidend Schlimmes passiert, das die Menschen zur Besinnung bringt - Katastrophen, Nöte, Kriege.

Corvusacerbus
24. Juni 2017 15:16

Dem liberal-rot-rosa-gelb-grün-schwarzen Mainstream in Politik, Publizistik, Wirtschaft und Gesellschaft ist das christliche Bekenntnis mindestens einerlei, ja, viele stehen im ablehnend bis feindlich gegenüber und ja, ihren Glauben bekennende und ihn mitten in der Gesellschaft lebende Christen, stören tatsächlich die Geschäfte und Abläufe von Wirtschaft und Gesellschaft. Es geht übrigens darum, Gott, den Vater und den Heiligen Geist und Jesus Christus als seinen Herrn zu bekennen, wenn vom jüdisch-christlichen Abendland die Rede ist und wenn man sich ein starkes Abendland wünscht. Nicht um irgendeine alles, jedes, jeden und irgendwas inkludierende religiöse Spiritualität und Religiösität. Das ist alles nix neues: Die Moderne ist entzaubert. Ihren Glauben Bekennende, die ihr Bekenntnis als die Wahrheit verstehen und nicht als eine Wahrheit unter anderen Wahrheiten auf dem Markt der Möglichkeiten, stören in dieser und diese Moderne. So weit, so gut. Aber wie ist es in der Rechten? Altrechts, neurechts, cuckrechts, nationalrechts, europarechts, konservativrechts, postmodernrechts, wieauchimmerrechts? Da stören Christen auch, oder? Ist es nicht gerade die Rechte, die das Christentum als geistig ideologische Voraussetzung für Verweichlichung und Verhausschweinung versteht? Man ist von den römischen Besatzern fasziniert, doch nicht von dem arbeitslosen jüdischen Herumstreuner, diesem Gutmenschen Jesus, der sich als Messias, als Gesalbter, als Christos bezeichnen und feiern läßt und mit Asozialen abhängt, oder?. Spätestens, wenn es um das jüdische Erbe des Christlichen geht, sind viele Rechte mindestens zwiespältig, viele auch feindselig. Sie fühlen sich den vielen moslemischen Judenhassern näher, nicht den Christen mit ihrer universalen Friedens- und Heilsbotschaft, deren Herr Jesus Christus selber Jude war, oder? Sie finden vielleicht auf schiefen Hacken durchs Quartier watschelnde Kopftuchpinguine irgendwie scheiße. Aber dem Islam und seinem Kriegs- und Eroberungspropheten Muhammed stehen viele Rechte innerlich doch näher als dem abendländischen Christentum mit ihrem gesalbten Erlöser, oder? Sie lesen, hören und sehen Berichte, wie Moslems ihren genozidalen Hass auf die Juden am heutigen Al-Kuds-Tag weltweit und auch mitten in Berlin unbeschränkt und unsanktioniert ausleben und propagieren können und spüren, vielleicht klammheimlich, Sympathie ... und sind vielleicht nur ein wenig neidisch, daß die Moslems so laut und eindeutig ihren Judenhass propagieren dürfen (für den auch viele im Mainstream klammheimlich sooooooo viel Verständnis haben), während ihr eigener Judenhass sie zu gesellschaftlichen Außenseitern macht. Die Frage, christliches Bekenntnis, Konversion zum Unterwerfungs- und Beherrschungsislam, buddhistisch-weltgeistige Selbstzuordnung oder säkular-humanistische Selbstvergottung muß auch jeder Rechte selber beantworten (man kann sich darum nicht drücken, denn man kann nicht nicht glauben ... gerade der Glaube, es gebe keinen Gott, ist in seiner inbrünstig atheistischen Negation einer der überzeugenderen Gottesbeweise und Glauben par excellence). Diese individuelle Bekenntnisheterogenität schwächt die Rechte - in Deutschland, in Europa, weltweit, denn es kommt was zusammen, was geistig nicht zusammen gehört.

Maiordomus
24. Juni 2017 15:35

Monika Leiser rechne ich vom Potential her jetzt schon, aufgrund einer kleinen Zahl von Artikeln, zu den wenigen gehaltvollen deutschen Publizistinnen mit christlich-konservativem Hintergrund, von der Substanz her näher bei Ida Friederike Görres (schrieb in die Weissen Blätter, später in den Rheinischen Merkur) als bei Christa Meves, die ihre ehren- und bedenkenswerten Positionen zeitweilig dann vielleicht doch etwas zu eifrig vertrat. Im Vergleich aber wiederum etwa zur Politikerin Erika Steinbach denkt zwar Monika Leiser ebenso politisch, hat aber deutlich mehr geistig-philosophischen Background, wobei jedoch interessanterweise der junge Helmut Kohl, den man später intellektuell regelmässig unterschätzt hat, noch auf einem ähnlichen geistigen Hintergrund politisches Denken aufbaute, wobei freilich die Praxis der Macht gelinde gesagt ihre eigene Dynamik entwickelte. Würde in diesem Zusammenhang gern auf den heutigen Leitartikel von Markus Somm in der Baslerzeitung www.bazonline.ch verweisen. Zurück zu Monika Leiser: Fronleichnamsprozession und love parade, das sind und bleiben nun mal zwei verschiedene Religionen, wobei der aggressive Anspruch heute klar bei den Ideologen der love parade liegt, das sage ich als jemand, der mehrere völlig vorurteilslos geschriebene Bücher über die Geschichte der Homosexualität geschrieben hat. Nochmals aber zu Monika Leiser: Falls eine geistige Überlegenheit dieser Frau gegenüber dem Rest des SiN-Teams moniert werden könnte, hängt es weniger mit ihrem allenfalls schon ein bisschen fortgeschrittenen Jahrgang zusammen als mit der theologischen Fundierung, die zumal den Rechtsintellektuellen mit DDR-Biographie meistens abgeht, was geistige Kurzatmigkeit zur Folge haben kann. Dabei gibt es aber unterdessen immerhin den Thomas Wawerka, der aber mutmasslich noch weite Wege gehen muss, bis er ungefähr dort angelangt ist, wo sich Frau Leiser bereits befindet. Ich möchte gerne an sie appellieren, ihre kulturkritischen Anmerkungen allenfalls auch mal in Buchform festzuhalten, einschliesslich vielleicht sogar ihrer "Frauenbiographie", welche aus Generationengründen ganz anders stattgefunden haben muss wie bei Kositza und ihren Töchtern. Ich gratuliere SiN zu dieser ganz grossartigen Akademikerin! Den jungrechten Lambda-Deutschen empfehle ich, sich vielleicht auch mal mit der Symbolwelt der Frau Leiser, das Gegenteil einer langweiligen Grossmutter, auseinanderzusetzen. 

Der Gehenkte
24. Juni 2017 15:47

Ergänzung: zwei wesentliche theologieinduziernde Probleme hatte ich vergessen zu erwähnen: die Parusieverzögerung und das Theodizee-Problem. Letzteres kann nur in einer Religion auftreten, die die Liebe zur Zentralkategorie erhebt.

Um es auf eine griffige Formel zu bringen:

Aufklärung ist Christentum im Endstadium!

Herr K.
24. Juni 2017 16:17

Ich kann grundsätzlich Ihren Weckruf verstehen, auch Ihren Appell an Ihre christlichen Glaubens-Geschwister. Allerdings wird es hier komplex. Eine rational-ökonomisch geprägte Gesellschaft, in welcher die Marktwirtschaft letztlich immer der entscheidende Zensor bleibt ist nunmal  kein besonders guter Boden für Metaphysik. Und das wird dann noch komplizierter, wenn der Glaube nicht von der Institution differenziert wird. 

Hämischerweise würde ich den Spiess auch mal umdrehen und dem Islam in Europa mit ansteigendem Wohlstand seiner Anhänger das gleiche Schicksal prophezeien. Es geht nicht nur um einen Kampf der Kulturen, sondern auch um den Spannungsbogen zwischen gott-losem Hedonismus (=ich tue etwas für mich) und Wertorientierungen (ich tue etwas für die Gemeinschaft).

Wir brauchen einen neuen eth(n)ischen  Konsens, ein G*tt kann hierbei nützlich sein. Muss er aber nicht zwangsläufig.

Cicero
24. Juni 2017 16:17

Ein starke Analyse der Situation unserer Gesellschaft, unter Zugrundelegung der Erkenntnisse von Manfred Kleine-Hartlage (der sich leider aus der "Gegen"-Öffentlichkeit weitestgehend zurückgezogen hat; liegen bei der Sezession Erkenntnisse vor, ob sich das in absehbarer Zeit ändern wird?).

Ganz schwach und enttäuschend wird's allerdings am Schluss, wo Hoffnung auf ein erneuertes, kraftvolles und kulturell selbstbewusstes Europa und Deutschland geweckt werden soll. Nachdem ausführlich dargelegt wurde, dass das Christentum schon seit der Aufklärung, also seit gut einem 1/4 Jahrtausend, nicht mehr die selbstverständliche Grundlage eines selbstbewussten Europas ist und es auch keine Rückkehr in die Zeit vor der Aufklärung geben kann, wird nichts anderes empfohlen als eben genau diese Rückkehr zum voraufklärerischen Christentum. Und dann auch noch mithilfe eines billigen Tricks mit dem aus einem Vielleicht eine Gewissheit werden soll. Weil solch eine Gewissheit von Nutzen wäre. Religiöse Gewissheiten leiten sich doch nicht aus Kosten-Nutzen-Erwägungen ab. 

Sollen die Atheisten und Agnostiker Europas jetzt zu gläubigen Christen gemacht, ja dazu überredet werden, weil das zur Erhaltung der eigenen Identität nützlich wäre? Wenn das die conditio sine qua non sein sollte, wären wir tatsächlich verloren.

Ich glaube allerdings nicht, dass eine Rückkehr zum Christentum für die Erhaltung der Völker Europas und ihrer Kultur unabdingbar ist. Das Selbstverständnis der europäischen Völker und mithin auch des deutschen Volkes speist sich ja nicht nur aus dem Christentum, sondern aus der in Jahrhunderten und Jahrtausenden gewonnenen Identität, der Kultur, der gemeinsam über viele Generationen hinweg durchlebten und durchlittenen Geschichte einer Schicksalsgemeinschaft. Und für die Zukunft besteht natürlich auch ein gemeinsames Interesse, denn diese Zukunft sollte lebenswert und selbstbestimmt sein. Kurzum, im Kern geht es um Identität und Patriotismus.

 

 

 

 

donna_alta
24. Juni 2017 16:48

Seit es mir gelungen ist, innerlich mehr auf Abstand zu dem alltäglichen Irrsinn zu gehen und ich akzeptieren muss, dass ICH nichts daran ändern kann, wächst meine Überzeugung, dass dieses Loslassen entkrampfend wirkt. Ich frage mich in letzter Zeit öfter, was geschehen würde, wenn der gesamte Widerstand für eine gewisse Zeit vollständig in den “stillen Untergrund“ abtauchen würde. Mir ist klar, dass das nicht möglich ist. Dennoch würde ich mir gern anschauen, ob die Gegenseite uns nicht sehr vermissen würde. 

Ich kann nur für mich sprechen, doch ich fühlte mich in letzter Zeit öfter wie ein auf dem Rücken liegender Käfer, der hilflos zappelt. Meine Nachbar WILL es einfach nicht hören, er will es nicht wahrhaben und wehrt sich, je mehr ich ihm versuche die Augen zu öffnen, ihn mit dem Gesicht in das Elend zu tauchen.

Seitdem ich die großen Ängste um meine Heimat und die Zukunft meiner Kinder wieder gänzlich und zutiefst vertrauend vor meinem Gott und Heiland ablegen kann, kann ich wieder durchatmen. 

Und in manchen Momenten träume mich in eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, mit einer eigenen Schule (mit vielen Kindern und freien Lehrern), einem Pfarrer, Handwerk und Selbstversorgung, nachbarschaftlicher Hilfe....) - fern und unabhängig von denen, die nicht genug haben können von “Weltoffenheit und Buntheit“.

Liebe Monika, ja, “nur“ ein Gott kann uns retten, der christliche, der dreifaltige. Und diese Wahrheit macht uns frei!

 

Uwe Zöller
24. Juni 2017 16:57

Religion betrachte ich als Sekundärtugend. "  Besitz " würde ich als  Primärtugend bezeichnen. Die eigentliche Veränderung findet in der schleichenden Landnahme statt. " Diese Straße gehört uns. "  sagen die Familienclans. Das erübrigt alle theologischen Diskussionen.

Katzbach
24. Juni 2017 17:03

Der Titel entführt mich in eine Welt in der noch alles eine Leichtigkeit hatte.

Es klinkt aus der Erinnerung „ …, denn wenn ich träume bin ich nicht“

Wann wird man bei Italien wieder an gutes Essen , bei Frankreich an eine eigene Lebensart und bei Deutschland an die besten Kämpfer der Welt denken?

Stefanie
24. Juni 2017 17:04

Wortmeldung zur Eröffnung der liberalen Moschee Seyran Ates` in Berlin auf Tichys Einblick:

"Wenn wir muslime angeblich falsch liegen dann lasst und gefälligst falsch liegen, aber ändert nicht UNSERE REGELN. "

"LEGO-ISLAM – Islam zum Basteln. Version Germany 1.0 +++ Die Fetö-Anhängerin Seyran Ateş scheint viel gefährlicher zu sein als manche sich gedacht hat. Sie höhlt gerade den Islam aus +++ Die Fetö-Anhängerin Seyran Ateş möchte den Islam, im Auftrag der amerikanischen Regierung, neu definieren. Eine bekennende Terroristen-Sympathisantin möchte, genau wie es mit dem Christentum gemacht wurde, eine Religion nach den Ansichten der Atheisten und Zionisten umstrukturieren, um somit den Islam und Muslime gefügig, freizügig, liberal und gleichgültig zu machen. "

 

  Es scheint die Muslime haben sehr gut verstanden, was die Aufklärung mit einer Religion anstellen kann: Sie würde "das soziale System Islam" aus den Angeln heben. Die "Metarationalität" hinter Koran, Sharia und Hadithen sorgt dafür, das der Ausbreitungs- und Missionierungsgedanke in der Umma verankert wird, das Familienbild sorgt für eine hohe Fertilität. Für das tatsächliche Wachstum von Bevölkerung und Wirtschaft, die eine Ausbreitung des Islams erlaubten, sorgte der Westen: indirekt über die Rohstoffmärkte, das Hätscheln von Stellvertretern im Kampf um eben diese Rohstoffe, die das Bevölkerungswachstum im Nahen Osten beflügelten. Indirekt durch unsere eigene, aus dem Ruder gelaufenne  "Metarationalität": Lebensmittelhilfen, Impfkampagnen, Grüne Revolution, Entwicklungshilfe, die vor allem das Bevölkerungswachstum in Afrika ankurbelten; dazu gehört auch die eigene Immunschwäche , die perforierten Grenzen der Staatsterritorien. All dies gründet auf einer "Nächstenliebe", die ursprünglich eine christliche war , d.h. eingehegt auf die Hilfe unter Christenmenschen und die Mission anderer Individuen uund Völker zum eigenen Werte- und Glaubenssystem.  - Dort liegt ja auch Ihr Ansatz, Monika: zurück zu einem Ganzen Glauben, keinem durch die Aufklärung fadenscheing gewordenem losen Band der Abendländer und Kulturchristen, weg vom "Glauben-to-Go", bei dem man nascht, was das Buffet der Religionen gerade zu bieten hat, zur Vollwertkost der Bibel (oder eben des Korans, wie es die eingangs zitierten Muslime bevorzugen). Doch ich befürchte, man wird den anderen Weg gehen: von der Metarationalität zur vollen Rationalität, was vermutlich nicht humaner sein wird. Man mag in Afrika und Arabien nach seine Facon selig werden, doch bitte ohne unsere Hilfe, wenn sie Nahrung, Medikamten, Impfstoffe, Traktoren, Generatoren oder Smartphones brauchen, dann müssen sie es eben selber produzieren oder bei uns Einkaufen, d.h. uns etwas bieten, das wir brauchen, z.B. Rohstoffe. Es ist legitim von Ihnen einen hoheen Preis für Ihre Güter zu fördern und wir sollten ihn bezahlen und nicht versuchen einen anderen an die Macht zu putschen, der uns Rabatt gibt. DAS wäre Fair-Trade. Innerhalb Europas bedeutet es Solidarsysteme innerhalb der eigenen Gemeinde/Gilde/Ethnie/autonomen Region, weg vom Ideal gleicher Lebensverhätnisse im Ganzen Land, kein bundeseinheitlicher Mindestlohn, H4-Regelsatz, Tarifautonomie ausgehandelt durch tatsächliche Arbeitervertreter, nicht durch parteipolitisch-ideologisch korrumpierte Gewerkschaftsvertreter, im Zweifelsfall eben Autonomie/Sezession von  Landesteilen. Dann entscheiden eben Produktivität und (Meta-)rationalität, wer  expandiert und wer unterliegt, denn natürlich sollten wir so liberal sein , den Muslimen folgendes zuzugestehen:

 "Wenn wir muslime angeblich falsch liegen dann lasst und gefälligst falsch liegen, aber ändert nicht UNSERE REGELN. " 

Doch warum sollten sie auf unsere Kosten "falsch liegen" dürfen? Soviel Eigenverantwortung muss sein!

Heinrich Brück
24. Juni 2017 18:22

Der Staat gehört der Demokratie, einer universalen Gleichheitslehre, deren Herrschaft auf Vernunft setzt. Die Natur des Menschen unterscheidet sich vom Tier, und in diesem Unterschied entscheidet sich die Nähe und Ferne des Lebendigseins. Je näher zum Tier, desto primitiver. Das Abendland hat nur noch die Vernunft des Geldes; die lebendigerhaltenen Völkerschaften die primitiven Instinkte, gegen diese die abendländische Vernunft verliert. Die Europäer sind zu intelligent, intelligenzverdummt, die Demographie veranschaulicht diese Intelligenz im Stadtbild, um gewinnen zu können.

 

Vor dem Geld sind alle Menschen gleich. Und der Bedeutung, die dem GG nachgeschrieben wird, konnte ich noch nie nachvollziehbar folgen. Die Wahl zwischen Fronleichnamsprozession und L.-Parade entspricht auch nicht der Wahl zwischen Islam und Conchita Wurst. Primitive Instinkte gewinnen gegen die geglaubte Übervernunft des europäischen Intellektualismus.

 

Die Nachaufklärungszeit der propagierten Gleichheit, als ob vor dem Gesetz alle gleich wären, unterschlägt die Gefühlswelt und gehirnverschmutzt den Verstand, anstatt eine Einheit zwischen Gefühl und Verstand zu bewerkstelligen. Die technokratische Intelligenz wird den Pfad der Demokratie nicht verlassen, auch mit Gott bleibt sie gottlos. Eine andere Freiheit hat sie nicht. Wenn Religion Freiheit in der Wahrheit ist, bleibt der Aufklärung der Religion nur noch die Suche nach der Wahrheit. Keine Freiheit mehr. Erinnert ein bißchen an den Pfad des Varus, besser ausgerüstet und dennoch im Morast der Selbstüberschätzung untergegangen. Sollte Arminius an das Abendland gedacht haben, oder war Selbsttäuschung nicht so seine Sache, weil die alte Ehre dem widersprochen hätte? Oder stellt sich hier nicht die Frage, warum die Intelligenzler das System behalten wollen?

 

Martin S.
24. Juni 2017 19:56

"es muss nur den Gesetzen gehorcht, nicht aber ihre Inhalte gut geheißen werden."

Kein Argument  kann mit der Nazi-Keule leichter zerschlagen werden.

Hat doch auch die  NSDAP  solange  den Verfassungsstrukturen der Weimarer Republik  "gehorcht", bis sie  eine ausreichende Mehrheit im Parlament  hatte.  Der Rest ist bekannt.  Inhaltlich hatte die NSDAP  die Weimarer Verfassungs-"Inhalte" ohnehin nie gutgeheißen.  Das "Gehorchen" alleine genügt also eindeutig nicht.  Oder sollen wir uns schon wieder fragen lassen:  "Warum.habt ihr mitgemacht?"

 

nom de guerre
24. Juni 2017 20:08

 

Das Grundproblem, das der Artikel beschreibt – also die drohende Verdrängung der abendländischen Kultur durch einen aggressiv gelebten Islam – sehe ich durchaus auch. Die richtige Antwort darauf ist allerdings meines Erachtens nicht eine „Rechristianisierung“ Europas. Für wesentlich sinnvoller und absolut ausreichend würde ich es halten, wenn wir für die Werte der europäischen Aufklärung tatsächlich eintreten würden. Nur weil man an den christlichen Gott nicht glaubt (oder den Glauben an ihn zumindest zur Privatangelegenheit erklärt), bedeutet das ja nicht, dass man die heute hoch im Kurs stehende Relativierung von so ziemlich allem vertreten und damit paradoxerweise Fanatikern, die noch ihrer Quasi-Steinzeitreligion anhängen, das Wort reden muss. Letztere haben vielmehr auch Toleranz zu zeigen und sich an eine westlich-aufgeklärte Lebensweise anzupassen. Und wenn sie das nicht können/wollen, müssen sie eben wieder gehen. Das funktioniert meiner Meinung nach ganz ohne Zuhilfenahme der christlichen (oder irgendeiner anderen) Religion.

 

Was übrigens die Ausführungen des Artikels zur Abtreibung angeht: Vorweg, ich halte ganz sicher nichts davon, ein Kind im Mutterleib zu töten (die Befürworter drücken sich ja immer darum herum, das Offenkundige so zu benennen). Aber wie kommen ausgerechnet die christlichen Kirchen/Christen allgemein dazu, sich dermaßen als Hüter des ungeborenen Lebens aufzuspielen? Wenn man bedenkt, wie unmenschlich gerade in sehr christlichen (vor allem katholischen, s. Irland) Ländern uneheliche Kinder und ihre Mütter über lange Zeit behandelt wurden, finde ich das äußerst scheinheilig.

 

Fritz
24. Juni 2017 22:35

Das Christentum vor der Aufklärung war auch nicht besser als der Islam. Das heute keine Hexen mehr verbrannt werden, ist nicht der besseren Einicht der Christen zuzuschreiben, sondern der historischen Tatsache, dass man den politischen Einfluss des Christentums seit der französischen Revolution immer weiter zurückgedrängt hat. Genauso muss man auch mit dem Islam verfahren; man muss ihm nicht immer mehr Einfluss in der Gesellschaft einräumen, sondern ihn unter Druck setzen, religiöse Kundgebungen aus der Öffentlichkeit zurück zu ziehen. Keine Kopftücher im öffentlichen Dienst, keine schweinefleischfreie Kost im Kindergarten. Dann essen die eben nur Kartoffeln und Gemüse.

Wobei die unselige Verquickung von christlichen Kirchen und Politk in Deutschland natürlich wenig hilfreich ist.

 

Dodecan
25. Juni 2017 03:01

Loveparade vs Fronleichnamsprozession

Heute bin ich überrascht, daß auf einen solch guten Artikel des SiN nach einem ganzen Tag keine einzige Diskussion auftaucht.

Was sagt uns das ?

Kositza: Vielleicht- Sonntag?

Monika Liser zitiert Manfred Kleine-Hartlage (zurecht und zutreffend), damit ist eigentlich alles gesagt.

Wir wissen eigentlich alles, wir brauche eigentlich nicht mehr weiter diskutieren.

Jetzt geht es nur noch darum, wie wir jeder für sich sich selber sich und seine Familie schützen kann, und mit minimalen Kollateralschaden die Zukunft seiner Kinder und Enkel irgendwie nicht ganz so verloren in Details  noch optimistisch beeinflussen kann.

Ohne défaitisme - der Zug ist abgefahren.

Hartwig aus LG8
25. Juni 2017 14:07

"Manchmal ist der Glaube an die Nicht-Existenz eines Gottes der größere Glaube"   (F.)

Der_Jürgen
25. Juni 2017 15:33

Ein wirklich sehr starker Artikel von Monika gibt Anstoss zu etlichen starken Kommentaren, aber auch zu teils fragwürdigen. Eine interessante Mischung von Wahrheit und Irrtum scheint mir die Wortmeldung von

@corvusacerbus

zu sein. Sie schreiben:

"Ist es nicht gerade die Rechte, die das Christentum als geistig-ideologische Voraussetzung für Verweichlichung und Verhausschweinerung versteht? Man ist von den römischen Besatzern fasziniert, aber nicht von dem arbeitslosen jüdischen Herumstreuner."

Schlecht gekräht, Rabe! Es ist nicht DIE Rechte, die das tut. Wie Sie selber mit Fug und Recht festhalten, ist "Bekenntnisheterogenität" ein Kennzeichen der Rechten. Sie macht uns Rechte im politischen Kampf natürlich schwächer, weil wir keine in strammem Gleichschritt marschierenden Anhänger einer fest umrissenen Ideologie sind; andererseits ist sie natürlich geistig fruchtbar und verleiht beispielsweise den Debatten auf diesem Forum Farbe.

Es wäre ja sterbenslangweilig, wenn der Grambauer und der Raskolnikow, der Maiordomus und der Jürgen sich immer über alles einig wären, weil eine Doktrin, an die wir alle glaubten (der "wissenschaftliche Kubitschekismus-Lichtmeszismus" beispielsweise), uns fest zusammenschweisste. Worüber, ausser über konkrete Aktionsmassnahmen, könnten wir dann noch diskutieren? 

Die von Ihnen erwähnte Denkweise gab und gibt es bei sehr vielen Rechten in der Tat, in Deutschland weit mehr als in Frankreich, wo man sie aber ebenfalls findet, bei Dominique Venner etwa oder bei der "Nouvelle Droite". Ihr steht jedoch die Tradition des kämpferischen Christentums gegenüber, der das Abendland sein Überleben im Kampf gegen die arabischen und türkischen Eindringlinge verdankt. Starhemberg wird seinen Wiener Kriegern vor dem Beginn der Belagerung schwerlich "Haltet den Türken gefälligst die linke Backe hin" zugerufen haben. Warum brauchen wir uns unsere Kriegshelden denn unter den Muselmanen zu suchen, wenn wir selber so viele davon haben?

Sie relativieren ihre Behauptung, wonach "die Rechten" das Christentum als Ursache der Verweichlichung ansähen, später selbst, indem Sie schreiben; "Der Islam mit seinem Kriegs- und Eroberungspropheten Mohammed steht VIELEN RECHTEN [also nicht allen] innerlich doch näher als dem abendländischen Christentum mit seinem gesalbten Erlöser, oder?"

Die Frage, ob der Keim für den Niedergang des Christentums, der Verzicht der meisten Christen auf das kämpferische Bekenntnis zu ihrem Glauben und ihrer Kultur, schon im Christentum selber steckte und früher oder später zum Ausbruch kommen musste, oder ob dieser Niedergang durch äussere Subversion, durch das ihm vom Widersacher eingeträufelte Gift, bedingt war, ist natürlich von kardinaler Bedeutung. Für beide Erklärungen gibt es gewichtige Argumente.

Stil-Blüte
25. Juni 2017 15:37

@ Uwe Zöller

'... Primärtugend Besitz...':

Richtig und wichtig!

Noch ist Zeit zum Erwerben und - Vererben!  

Wie wichtig das ist, wird deutlicher noch, wenn man von An-Wesen (Heidegger), Haus&Hof, Grund&Boden, Grundstück spricht.

('Blut & Boden ist inzwischen so verteufelt, daß man es nicht mal mehr auszusprechen wagt, obwohl das Begriffspaar ursprünglich mit 'Blut' die   e i g e n e  Bluts-Verwandtschaft und mit 'Boden' die  e i g e n e   Scholle meinte.)

 

Martin S.
25. Juni 2017 16:45

@der Gehenkte

Der  Buddhismus  ist per se aufgeklärt!  Er muss keine Aufklärung durchlaufen.

 Denn Buddha  spricht im  Kalamer-Sutra,  dass sich der Suchende nicht auf die Aussagen alter Bücher oder weiser Männer verlassen soll,  sondern nur auf die eigene Überprüfung.  Und wenn einem das dann  "zum Heil"  gereicht,  dann und nur dann möge man das übernehmen und danach leben.

Das  "Ehipassiko"  Buddhas ("Komm und sieh selbst")  ist das  "Nach-eigener-Facon-selig-werden"  der aufgeklärten westlichen Welt.

 

Utz
25. Juni 2017 17:07

Corvusacerbus

Sie [die Rechten] lesen, hören und sehen Berichte, wie Moslems ihren genozidalen Hass auf die Juden am heutigen Al-Kuds-Tag weltweit und auch mitten in Berlin unbeschränkt und unsanktioniert ausleben und propagieren können und spüren, vielleicht klammheimlich, Sympathie ... und sind vielleicht nur ein wenig neidisch, daß die Moslems so laut und eindeutig ihren Judenhass propagieren dürfen (für den auch viele im Mainstream klammheimlich sooooooo viel Verständnis haben), während ihr eigener Judenhass sie zu gesellschaftlichen Außenseitern macht. 

Ich muß dem wiedersprechen, auch weil ich mich diffamiert fühle. Warum sollten "die Rechten" Juden hassen? Vielleicht trifft das auf eine Minderheit von Altrechten zu, weiß ich nicht, gehören nicht zu meinem Bekanntenkreis. Aber die können Sie, werter Corvusacerbus, auch nicht HIER ansprechen, weil die hier nicht lesen.

@ donna_alta

Meine Nachbar WILL es einfach nicht hören, er will es nicht wahrhaben und wehrt sich, je mehr ich ihm versuche die Augen zu öffnen, ihn mit dem Gesicht in das Elend zu tauchen.

Kenne ich! Sie sehen in uns Panikmacher, und sie wollen in Ruhe weiter leben und deshalb glauben sie all den Lügen, die ihnen die auftischen, die nicht wollen, daß irgendjemand aufwacht. Es sind vor allem zwei:

1. Wenn die Immigranten erst eine Weile hier sind, wird sich ihre Geburtenzahl stark reduzieren und an unsere niedrige anpassen.

Es ist hanebüchen. Es kommt dann das Argument, der Wohlstand würde das bewerkstelligen. Selbst wenn Wohlstand alleine die Geburtenzahl verringern würde, würde die Wirkung nicht schnell genug eintreten. Das heißt, die Immigranten würden schneller die autochthone Bevölkerung verdrängen, als sie zu Wohlstand kommen. Dann sagen meine Gesprächspartner manchmal: Ja aber, selbst wenn sie keinen Wohlstand haben, denken die Mütter nach und bekommen weniger Kinder, DAMIT sie den wenigen Kindern bessere Chancen einräumen können. Das bezweifle ich. Davon hält sie entweder der Islam oder die Gewohnheit ab. 

2. Wenn die Immigranten erst eine Weile hier sind, wird sich ihre Gläubigkeit ähnlich verdünnen, wie das bei den Christen in den letzten Jahrzehnten der Fall war.

Was war der Grund, weshalb das Christentum bei uns zurückging? Wohlstand und Individualisierung, nach Pollack. Abgesehen davon, daß nicht davon ausgegangen werden kann, daß sich Wohlstand ausbreitet wie eine Seuche, ist nicht klar, ob sich der Islam nicht der Individualisierung wiedersetzen kann (siehe Der Gehenkte). 

Ich bin mit Fritz einer Meinung, abwarten und zusehen hilft nicht. Das sich selbst Wahlfreiheit und Toleranz beweisen führt nur in den schleichenden Untergang. 

Genauso muss man auch mit dem Islam verfahren; man muss ihm nicht immer mehr Einfluss in der Gesellschaft einräumen, sondern ihn unter Druck setzen, religiöse Kundgebungen aus der Öffentlichkeit zurück zu ziehen. Keine Kopftücher im öffentlichen Dienst, keine schweinefleischfreie Kost im Kindergarten. Dann essen die eben nur Kartoffeln und Gemüse.

Maiordomus
25. Juni 2017 18:43

@Der Gehenkte. @Dodecan. Ich gehe davon aus, dass die Beiträge zur Debatte spät geschaltet wurden und fühle mich allen hier verbunden, die ihrerseits wie ich die hohe Qualität des obigen Essays und allgemein die Artikel von Frau Leiser zu schätzen wissen. Zu meinem Jahrgänger Slotderdijk, von dem ich bei allen seinen Verdiensten davon ausgehe, dass er die formale Denkqualität meiner besten Philosophielehrer, darunter Lübbe, nicht erreicht, sich wegen seiner Eitelkeit selber im Wege steht und insgesamt überschätzt wird: "Nach Gott" ist ein toller Titel, auch Ausdruck einer nicht kleinen Überheblichkeit und wohl eines Mangels an religionsphilosophischem Horizont, siehe nun mal den viel intelligenteren Titel meines Lehrers Lübbe "Religion nach der Aufklärung". Auch der ehemalige Dominikaner Gonsalv Mainberger, vor zwei Jahren verstorben, Verfasser des wohl besten philosophischen Standardwerks über Rhetorik, scheint mir noch eine andere Liga als Sloterdijk zu sein, wiewohl selbstverständlich Precht u. Co. nochmals im Vergleich zu Sloterdijk untere Kreisklasse sind, wohl mit den zehn besten mir bekannten Gymnasiallehrerkollegen im Fach Philosoph (_derjürgen, ich erlaube mir wieder mal ein arrogantes, auf 60 Jahre intellektuellen Austausch sich fundierendes Urteil!) nicht mithalten können. Zurück zu Sloterdijks Formel "Nach Gott". Um 1968 prangte im Bereich der New Yorker Untergrundbahn ein Sgraffito: "God is dead. Nietzsche". Darunter sgraffierte dann ein nicht ungewitzter Gläubiger: "Nietzsche is dead. God."

 

In Sachen Religion sollte man, angesichts der über hundertjährigen fast stets erbärmlichen Epoche der Kirchentage, am besten die Nerven behalten. Wenn schon Religionsphilosophie, dann sollte man unter das Niveau von Kierkegaard, Pascal, Nicolaus von Cues, Erasmus oder wenigstens der Gedanken des  savoyardischen Vikars aus Rousseaus "Emile" nicht zurückgehen, gesetzt den Fall, dass man es - mit letzterem Text - einigermassen liberal und "aufgeklärt" haben will. Das erreicht dann zwar trotzdem nicht ganz die Tiefe der Göttlichen Komödie von Dante oder der demselben kongenialen Mechthild von Magdeburg mit ihrem "Fliessenden Licht der Gottheit", einem Text, dessen Handschrift im Kloster Einsiedeln aufbewahrt wird und der nach meiner Vermutung gut zum Horizont der Frau Monika Leiser passen dürfte.

 

PS. Es ist mein voller Ernst, dass die Philosophie ganz speziell und das intellektuelle Leben im Allgemeinen heute einer hohen Gefahr des Geschwätzes ausgesetzt sind. Die Philosophie erhebt sich dort über das Geschwätz, wo die Urteile über die methodische Konsistenz hinaus von strenger Sachkunde geprägt sind, was mir bei mindestens zwei Werken von Rolf Peter Sieferle aufgefallen ist. aber zum Beispiel eben auch bei Rhetorik I und Rhetorik II von Gonsalv Mainberger, über welch letzteren es im Gegensatz zu einer zweistelligen Zahl von Schweizer Fussballspielerinnen keinen Wikipediaartikel gibt. Es muss auch wieder mal klargemacht werden, wohl durchaus im Geist der noch altgebildeten Monika Leiser, dass ein bisschen Rumsurfen nicht mit Teilnahme am intellektuellen Leben verwechselt werden darf.  

Lotta Vorbeck
25. Juni 2017 20:46

@Donna_alta - 24. Juni 2017 - 02:48 PM

...

Und in manchen Momenten träume mich in eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, mit einer eigenen Schule (mit vielen Kindern und freien Lehrern), einem Pfarrer, Handwerk und Selbstversorgung, nachbarschaftlicher Hilfe....) - fern und unabhängig von denen, die nicht genug haben können von “Weltoffenheit und Buntheit“.

-------------------------------------

Diesen Traum träumen Sie nicht allein.

Wo und mit wem könnte man ihn Wirklichkeit werden lassen?

Monika L.
25. Juni 2017 23:46

@Der Gehenkte

Das Buch NACHGOTT von Sloterdijk kann jedem theologisch und religiös interessierten Menschen nur empfohlen werden. Es ist eine Sammlung bereits veröffentlichter Beiträge,allerdings eine gute Zusammenstellung. Sloterdijk ist kein Christ, ja er ist blasphemisch ( Jesus als der Bastard Gottes ) , aber seine Blasphemie ist so gut, daß sie zur Erwiderung reizt. Religionskritik im besten Sinne. Immerhin sieht Sloterdijk in der "Pflege eines vagen religiösen Sinns einen Existenzvorteil" . Der Glaube an etwas überhaupt kann das Individuum deblockieren und Energien freisetzen. Den trinitarischen Gott lehnt Sloterdijk allerdings  ab. Er spricht von einem rätselhaften Dreipersonen- Haushalt, mit dem die fugenlose Abstammung Jesu von Gott sublimiert wird. Sloterdijs NACHGOTT ist eher ein Gott mystischen Erlebens . Der Rückgang auf das mystische Erleben bietet für Sloterdijk den Vorzug, daß allen Formen dogmatischer Verkündigung der Boden entzogen wird. Im mystischen Erleben haben alle Religionen eine gemeinsame Basis. ( Das Herz aller Religionen ist eins, Dalai Lama) . Dies ist m.E. eine Verkürzung von Religion. Sloterdijk dekonstruiert einen rationalen Gottesbegriff. Er schreibt:" Auf liebende Götter jenseits der Ambivalenz wartet man bis auf weiteres, und bis zu ihrer Ankunft tun Menschen gut daran, sich um die Gestaltung ihrer Verhältnisse selbst zu kümmern". Dem würde eine christliche Theologie widersprechen. " Ein rationaler Gottesbegriff verlangt nach Trinität, sonst bleibt Gott im vagen" ( Robert Spaemann) . Der Islam kritisiert den dreifaltigen Gott als Vielgötterei  ( Beigesellung). Gerade hier wöre der theologische Diskurs mit dem Islam zu fordern. Die Herausforderung der heutigen Theologie besteht darin, die Trinität in das 21. Jhd. auszulegen. 

P. S. Ich persönlich wurde in "eine Höhle orthodoxer Überlieferungen geboren" und mußte mir " nicht vom  Bodenlosen aus selber das Tragende konstruieren" (Sloterdijk. ) Auch wenn mir das Tragende schon völlig entschwunden war.  Mir ist bewußt, daß wir in dieser Runde nicht von gleichen Voraussetzungen ausgehen. Das gerade macht es interessant. Danke für die interessanten Beiträge. 

Monika

Caroline Sommerfeld
25. Juni 2017 23:48

Umso wichtiger ist es, Individuen in die Funktionssysteme zu integrieren, in denen kollektive Identitäten keine Rolle spielen.

Das geht nicht! Man kann keine "Individuen" in Funktionssysteme integrieren, bspw. in das Rechtssystem. Der Sinn von ausdifferenzierten Funktionssystemen in einer modernen Gesellschaft ist doch gerade, daß sie für die Inklusion des Gesamtmenschen völlig ungeeignet ist (vormoderne Gesellschaften haben das mit mehr oder minder Erfolg geschafft). Das Rechtssystem spricht Recht und nicht "Mensch". Auch die Religion kann keine Leute integrieren, sondern immer nur wieder alles möglich mit der Unterscheidung "immanent/transzendent" beobachten.

Es schaut so aus, als ob eben das das spezifisch Vormoderne am Islam ist: die "Komplettberücksichtigung der Person" (dies schrieb der Luhmann-Schüler Peter Fuchs einmal, sei die seltsame Aufgabe der Liebe: man liebt den ganzen Geliebten, und nicht etwa die kleine Zehe nicht - nur ist Liebe das einzige System, das ständig vergeblich um Maximalintegration ringt, alle anderen Systeme laden sich diesen Streß nicht auf ...).

Gott und Transzendenz als Privatvergnügen zu beobachten, trifft zwar die (subjektive) Selbstbeschreibung der meisten Leute in einer modernen Gesellschaft, hat aber die Rechnung nicht mit Gott gemacht. Die (objektive) Funktion der Transzendenz läßt sich nämlich niemals wegbeobachten durch besonders viel subjektive Sinngebungen oder Sinnentleerungen. Denn nur über sie wird Sinn möglich.

Monika L.
25. Juni 2017 23:56

Mit die interessantesten Ausführungen zu einem trinitarischen Gott bei Robert Spaemann: ab min 4

https://m.youtube.com/watch?v=l-IxkHyVjhk

Den Satz: "Die Loveparde hat die Fronleichnamsprozession abgelöst " findet man bei Arnold Stadler, einem konservativ katholischwn Schriftsteller, ich glaube im " hinreissenden Schrotthändler" 

Der Gehenkte
26. Juni 2017 01:30

@ Monika

Unsere wesentliche (und vermutlich unüberbrückbare) Differenz liegt wohl in der Frage der Geltung. Sie schreiben: "Seit Gott für tot gilt" und setzen Gott als ontisch während Nietzsches "Gott ist tot" im Zarathustra bekanntlich in zweierlei Gestalt auftaucht:

Also sprach der Teufel einst zu mir: »auch Gott hat seine Hölle: das ist seine Liebe zu den Menschen.« Und jüngst hörte ich ihn dies Wort sagen: »Gott ist tot; an seinem Mitleiden mit den Menschen ist Gott gestorben.«

und:

Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. "Wohin ist Gott?" rief er, "ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet - ihr und ich! 

Es gibt demnach also einen Theodizit und einen Mord an Gott. Nietzsche war sich der grundstürzenden Bedeutung voll bewußt und fährt fort:

Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen?  Stürzen wir nicht fortwährend?  Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten?
Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?  Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden?
Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?

Die Antwort ist: Ja, wir stürzen fortwährend und es wird immerfort Nacht. Das ist als Tatsache anzuerkennen.

Von diesem Befund geht Sloterdijk seit je aus - es gibt diese wunderbare Szene im frühen Film Safranskis über Sloterdijk, wo er über eine Zeichnung von Hans Bock.d.Ä. sinniert. Gott ist für ihn also keine ontische, sondern eine ontologische Größe. Mit dem Tod Gottes ist unser Verhältnis zu ihm gebrochen. Selbst wenn es ihn (noch) gäbe, können wir uns nicht mehr direkt zu ihm verhalten - wir müssen den Tod einberechnen und tot ist er schon in dem Moment, in dem der erste Mensch ihn als tot erklären kann ... und sei es der tolle Mensch.

Die Frage, ob es Gott als ontische Größe gibt, können wir nicht beantworten, sondern nur glauben. Die einen haben diese Gnade, die anderen nicht. Eine Argumentation auf dieser Gnade - die ja auch eine Last ist - aufzubauen, schließt die anderen apriorisch aus. Das ist seit je das Problem, das ich speziell mit Ihren Texten habe, die immer wieder diese exklusive Position - eine Erhöhung - einnehmen.

Aber ich nehme angetan zur Kenntnis, daß Sie Sloterdijk ernst nehmen. Ich mag diese Vergleiche und Kategorisierungen nicht, die hier immer wieder unternommen werden, so als seien Philosophien auf einer Händlerwaage meßbar. Für mich ist Sloterdijk der inspirierendste Denker seit Nietzsche und Heidegger mit einer fast unmenschlichen Fülle, Weite und Tiefe an Horizont und Bildung. Leider scheitern viele Leser immer wieder an seiner Person, an seinem "Hochmut" etc. und oftmals ist die Textkenntnis zu dünn, um sich Urteile erlauben zu dürfen. 

Der Religionsfaden, die Mystik, die Askese etc. zieht sich durch sein gesamtes Werk: es wäre lohnend, mal diese Arbeiten - "Weltfremdheit", "Sphären-Trilogie", "Gottes Eifer", "Du mußt dein Leben ändern" - in ihrer Denkentwicklung zu verfolgen (Sponsoren gesucht ...).

Seien Sie jedenfalls versichert, daß man auch ohne "das Tragende" getragen werden kann, ja sogar dann besonders! Sicher, "der Glaube an etwas überhaupt kann das Individuum deblockieren und Energien freisetzen", aber "etwas" muß nicht Transzendenz sein. Es gibt gute Gründe - wie letztens bei Lütkehaus angedeutet - dieses "etwas" das "Nichts" sein zu lassen.

@ Martin S.

Buddha und der Buddhismus sind zwei, nein, sind viele Paar Schuhe. Ihre Aussage kann man maximal für den strengen Theravada-Buddhismus geltend machen, der allerdings kein Buddhismus ist.

 

Paracelsus
26. Juni 2017 02:31

Bei der Frage nach dem Verhältnis von Christentum und Islam in Europa, bei dem, was da verteidigt werden soll an Werten und was infrage gestellt erscheint durch den Islam, geht es ja um die Entwicklung der Menschen im Allgemeinen.

Für mich erscheint es evident, dass die europäische Menschheit seit geraumer Zeit eine Entwicklung genommen hat, die das Annehmen von Lehren über das spirituell-wesentliche des Menschen auf Autorität hin zunehmend verunmöglichen. Dafür stehen „Aufklärung“ und viele weitere Schritte, viele theologische Entwicklungen (z.B. historisch-kritische Methode der Bibelkunde, „Entmythologisierung“ u.v.a.)  Diesen Prozess kann man bedauern, kritisieren, aber sicher nicht umkehren. (Insofern erscheint mir der letzte Absatz bei Monika Leiser zu kurz, zu schlagwortartig…)

Die islamische Entwicklung ist wohl voraufklärerisch, dort ist es noch viel mehr möglich, auf Autorität hin die Lehren des Propheten anzunehmen und seinem Leben gemäß leben zu wollen.

Die Schwäche der europäischen Menschheit besteht m.E. darin, dass sie die mögliche und notwendige Verinnerlichung ihrer spirituellen Entwicklung weitgehend nicht oder in jedem Fall viel zu wenig in Angriff genommen hat. Gegenüber einer autoritätsgläubigen Lehre von dem geistig-göttlichen Urgrund und Wesen alles Seins ist die europäische Menschheit schwach, wenn sie teils einem modernisierten Christentum anhängt, teils andere religiöse Lehren ausprobiert, teils einer atheistischen Wissenschafts- und Diesseitsgläubigkeit sich hingibt.

Die „Islamisierung“ ist insofern nur äußeres Zeichen für die innere Aushöhlung, wie auch zuvor die „Amerikanisierung“, der Konsumismus usw. Symptome dieser Prozesse sind.

Aus meiner Sicht kann eine Lösung, d.h. eine weitere Entwicklung der europäischen Menschheit auf ihrem Weg nur stattfinden, wenn sie nicht zurückgeht zu einer autoritativ angenommenen Wahrheit  - über z.B. das geistig-göttlich Wesenhafte alles Lebens, über die Heilstaten Jesu Christi, über das Weiterwirken des heiligen Geistes im Einzelmenschen und  in der Gemeinschaft der zwei, drei und Vielen – sondern sich weiterentwickelt zu einer auf dem eigenem Grund stehenden Kenntnis dieser christlichen Wahrheiten.

Dazu bietet z.B. die Anthroposophie des getauften Katholiken Rudolf Steiner erstaunliche Wegleitungen. Gleichwohl kann nicht verschwiegen werden, dass auch die Anthroposophie Möglichkeit bietet zur „Versteinerung“, also zum unlebendig-dogmatischen, auf Autorität hin annehmenden Anhängertum.

Es kommt also letztendlich auf jeden einzelnen Menschen an. Das Hauptkriterium der Zukunftsfähigkeit ist die Eigenständigkeit in der materiellen und geistigen Erkenntnis. Das Durchgehen durch all die Fragen und Krisen, die das Leben für einen bereit hält. – Sei es die Krise des früheren Linksseins eines Kleine-Hartlage, sei es das individuelle Ringen mit christlichen und anderen Glaubensangeboten. In dem individuellen Ringen bildet sich auch die Toleranz, die der europäischen Zivilisationsentwicklung eigen ist und als solche (nicht als Parole im Kampf gegen Andersdenkende) einen Kristallisationspunkt Europas bietet, wohl mindestens seit Erasmus. – Ergänzungen sind erwünscht.

Cacatum non est pictum
26. Juni 2017 03:15

@Corvusacerbus

Spätestens, wenn es um das jüdische Erbe des Christlichen geht, sind viele Rechte mindestens zwiespältig, viele auch feindselig. Sie fühlen sich den vielen moslemischen Judenhassern näher, nicht den Christen mit ihrer universalen Friedens- und Heilsbotschaft, deren Herr Jesus Christus selber Jude war, oder? Sie finden vielleicht auf schiefen Hacken durchs Quartier watschelnde Kopftuchpinguine irgendwie scheiße. Aber dem Islam und seinem Kriegs- und Eroberungspropheten Muhammed stehen viele Rechte innerlich doch näher als dem abendländischen Christentum mit ihrem gesalbten Erlöser, oder? Sie lesen, hören und sehen Berichte, wie Moslems ihren genozidalen Hass auf die Juden am heutigen Al-Kuds-Tag weltweit und auch mitten in Berlin unbeschränkt und unsanktioniert ausleben und propagieren können und spüren, vielleicht klammheimlich, Sympathie ... und sind vielleicht nur ein wenig neidisch, daß die Moslems so laut und eindeutig ihren Judenhass propagieren dürfen (für den auch viele im Mainstream klammheimlich sooooooo viel Verständnis haben), während ihr eigener Judenhass sie zu gesellschaftlichen Außenseitern macht.

Was soll das sein? Ein Klischeesteinbruch? Projizieren Sie vielleicht etwas von Ihrem Fanatismus auf andere?

Auch Ihnen sei es ins Stammbuch geschrieben: Der heutige Islam ist per se schwach, wenn es um seine Fähigkeit zur militärischen Expansion geht. Er ist uns technisch meilenweit unterlegen. Zu Zeiten von Karl Martell und Prinz Eugen war das anders. Heute müsste der Islam keine Bedrohung für Europa darstellen. Dass er es dennoch tut, verdanken wir in erster Linie zwei Phänomenen, nämlich

- der Tatsache, dass die islamische Masseneinwanderung von Feinden des gewachsenen Europa über Jahrzehnte forciert worden ist - man darf annehmen: mit dem klaren Ziel, Europa in seiner bisherigen Gestalt zu zerstören (auch wenn allerlei andere Gründe ins Feld geführt werden: demographischer Wandel, Arbeitskräftebedarf etc. - wir kennen die Litanei);

- dem Umstand, dass insbesondere die west- und mitteleuropäischen Völker keinen Selbstbehauptungswillen mehr haben und dieses beispiellose Verbrechen der millionenfachen Ansiedlung Fremder auf ihrem eigenen Territorium widerstandslos hinnehmen

Dass solche Mohammedaner, denen man politisch-religiösen Eifer unterstellen darf, krakeelend durch unsere Straßen ziehen, halte ich sowieso für nicht hinnehmbar. Aber sie tun es eben. Und die allermeisten Juden, die sich in gesellschaftlich herausgehobener Stellung befinden, beklatschen die Masseneinwanderung nach Europa. Warum also sollte ich mich ausgerechnet um jene Juden sorgen, wo ich mir doch genug Gedanken um die Zukunft meiner Familie und meines eigenen Volkes mache? Können Sie mir dafür einen plausiblen Grund nennen?

@ nom de guerre

Das Grundproblem, das der Artikel beschreibt – also die drohende Verdrängung der abendländischen Kultur durch einen aggressiv gelebten Islam – sehe ich durchaus auch. Die richtige Antwort darauf ist allerdings meines Erachtens nicht eine „Rechristianisierung“ Europas. Für wesentlich sinnvoller und absolut ausreichend würde ich es halten, wenn wir für die Werte der europäischen Aufklärung tatsächlich eintreten würden.

Für diese "Werte" wird im Ernstfall niemand sein Leben opfern, und damit ist schon jede Diskussion hinfällig. All die Schönwetter-Rhetoriker, die nach einem Anschlag gebetsmühlenartig beschwören, dass sie sich vom Terror nicht einschüchtern lassen: Sie werden kneifen, sobald sich der handfeste Konflikt ihrem realen Leben bis auf Schlagdistanz genähert hat. Wetten?

Nur weil man an den christlichen Gott nicht glaubt (oder den Glauben an ihn zumindest zur Privatangelegenheit erklärt), bedeutet das ja nicht, dass man die heute hoch im Kurs stehende Relativierung von so ziemlich allem vertreten und damit paradoxerweise Fanatikern, die noch ihrer Quasi-Steinzeitreligion anhängen, das Wort reden muss. Letztere haben vielmehr auch Toleranz zu zeigen und sich an eine westlich-aufgeklärte Lebensweise anzupassen. Und wenn sie das nicht können/wollen, müssen sie eben wieder gehen. Das funktioniert meiner Meinung nach ganz ohne Zuhilfenahme der christlichen (oder irgendeiner anderen) Religion.

Ich habe einen besseren Vorschlag: Man redet diesen Menschen nicht ein, dass sie ihre Religion verstümmeln und verraten sollen, wie wir es mit unserer getan haben. Dafür lässt man sie aber auch nicht mehr hier einreisen. Man unterbindet den Familiennachzug und sorgt für eine Remigration in nennenswertem Umfang. Damit wäre auf Dauer allen gedient, insbesondere aber uns. Wir haben nicht das Recht, einem Mohammedaner vorzuschreiben, wie er seinen Glauben ausleben soll (das ist ein kläglicher libertärer Kompromiss). Aber wir haben das Recht zu bestimmen, wer sich in unserem Land ansiedeln darf und wer nicht. Punkt.

Maiordomus
26. Juni 2017 09:45

@Monika L. Die Pointe von Arnold Stadler, auch vorletzter Bodenseeliteraturpreisträger von Überlingen und bedeutendster in den letzten 30 Jahren, liegt darin, dass sein Werk über weite Strecken als homophiler Diskurs gelesen werden kann und dass er in diesem Bereich ungeheuer Insider zu sein scheint, ohne deswegen weder die Ideologie der loveparade teilen zu müssen noch wie Martin Schulz, der von allem, was mit Politik zu tun hat und ihren Hintergründen, nur eine oberflächliche Ahnung hat, jetzt die Homoehe als wichtigste Koalitionsbedingung fordern zu müssen. Arnold Stadler, der vom Mainstream am weitesten entfernte Autor Deutschlands, würde sich jedoch wohl kaum je von den sogenannten Identitären beanspruchen lassen, so wie der Philosoph der nichtexistierenden Schweizer Grenzziehungen (seine Appelle fruchten freilich wenig), zur hemdsärmligen SVP als Sohn eines altkonservativen Innenministers, nun mal stets Abstand hält und mit parteispezifischen Dummheiten nicht identifiziert werden möchte. Aus dem gleichen Grund würde ich es metapolitisch völlig falsch finden, würde sich ein Botho Strauss, der schon mal mit Hürlimann in der Uckermark gemeinsame Spaziergänge machte, zur AfD bekennen.  Nicht zuletzt auch der gegenseitige Abstand der Autoren des Instituts für Staatspolitik und der AfD macht aus meiner Sicht Sinn.

 

@Monika. So widerwärtig arrogant mit Sloderdijks Titel "Nach Gott" vorkommt, auch als langjährigem Gymnasiallehrer für Philosophie, so werde ich mir Ihren Typ zur Lektüre doch beherzigen. Da ich selber Gottesdienste mit Predigten durchaus nicht mehr ertrage, die letzte hörte ich, mit Warnungen eines Bischofs vor dem angeblich gefährlichen Trump am Vorabend der Springprozession im Dom von Echternach, lese ich mir am Sonntag jeweils je nachdem eine deutsche oder lateinische Predigt von Meister Eckhart, gestern die deutsche Predigt VI über die Gerechtigkeit. Ein Text dieser Art erlaubt es, nebst den Dummheiten der Kirchentägler selbst auch noch so redlich gemeinte Gedankengebäude von braven Rechten von heute in ihre Proportionen zurückzurücken. Diese Relativierung bedeutet nicht, dass die Auseinandersetzungen der Zeit nicht aufgenommen und durchgehalten werden sollten, sofern dabei die Letzten Dinge nicht in Vergessenheit geraten.

 

@Caroline Sommerfeld. Der letzte Abschnitt Ihrer jüngsten Wortmeldung scheint mir über den öffentlich gemachten Konflikt mit Ihrem Ehemann hinaus noch tiefer zu gehen. Die wahre Einsamkeit in der Ehe, innerhalb derselben man politisch nicht gleicher Meinung ist, scheint mir nicht selten im Letzten religiöser Natur zu sein. Mit dieser religiösen Einsamkeit muss heute aber jeder leben lernen, nicht zuletzt auch in seinem beruflichen Umfeld.

 

Rüdiger Plantiko
26. Juni 2017 09:51

Vielen Dank, Monika L., für den Hinweis auf dieses nahrhafte Interview! 

Brettenbacher
26. Juni 2017 11:27

Sloterdijk ist kein Christ, ja er ist blasphemisch ( Jesus als der Bastard Gottes ) , aber seine Blasphemie ist so gut, daß sie zur Erwiderung reizt. Religionskritik im besten Sinne.(Monika L.)

(nach kurzer Ausstoßung des Atems)Eher nicht. Der brillante, wortgewaltige Herr Sloterdijk, dem die Bibliotheken zu Auerbachs Keller werden, und den zu lesen meist beste Frühschoppenstimmung bereitet, verblödet mit Garantie ein jedesmal rasant, wenn er auch nur in die Nähe des Christus und seiner Stiftung kommt. Ein pöbelnder Klotz verdirbt uns die Runde. (ob es die "rächende Gnade" ist, von der Haecker in Bezug auf Nietzsche spricht?)

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Zum ständigen Ranking des Raurakers Maiordomus:

ein paar mehr "gehaltvolle deutschen Publizistinnen mit christlich-konservativem Hintergrund" gibt es da schon noch. Ohne Ranking: Stärkend und weitend ist es immer, Barbara Gerl-Falkovitz zu hören und zu lesen. Und Barbara von Wulffen, die feurige, Frösche liebende Lady. Und Claudia Sperlich. Die schleudert Sonette wie Speere. 

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Dankend für den Vortrag und die sich anschließende Debatte, können wir es doch nicht lassen, ein leicht malicieuses Stückchen von Karl Rahner anzuhängen, mit dem dieser so manche Kaffeetafel irritierte.

   Gibt es Gott? Gibt es Gott nicht?   Nun, die Wahrheit liegt, wie immer, in der Mitte.

 

 

 

Ralf Kaiser
26. Juni 2017 13:00

@ Maiordomus

"Gott ist tot. Nietzsche   -   Nietzsche ist tot. Gott"

Da kommen Sie mit diesem ollen Kalauer um die Ecke, als könnten Sie damit noch irgendwen beeindrucken. Wie ging denn Nietzsches Aussage weiter? In der "Fröhlichen Wissenschaft" (343) heißt es:

Das größte neuere Ereignis - dass "Gott tot ist", dass der Glaube an den christlichen Gott unglaubwürdig geworden ist - beginnt bereits seine ersten Schatten über Europa zu werfen.

Der Tod Gottes ist der Mangel an Glaubwürdigkeit, und daran ändert auch der vielgerühmte Text der Monika L. gar nichts. Mehr als den Rat, es doch mal mit der Hypothese Gott zu versuchen, hat sie am Ende nicht zu bieten. Damit lassen sich aber all die inneren Widersprüche nicht auflösen. Selbst wer an leibliche Auferstehung, jungfräuliche Empfängnis, das Laufen über Wasser etc. glaubt, kann die Unvereinbarkeiten nicht klären, die sich im Neuen Testament hinsichtlich der Biographie des Heilands und des Paulus ergeben. Widersprüche über Widersprüche.

In unserer Zeit kann nur eine Überzeugung fruchten, die sich nicht dermaßen angreifbar macht.  

Gundi
26. Juni 2017 18:03

„Das eben ist Göttlichkeit, daß es Götter, aber keinen Gott gibt!“ (Nietzsche, aus dem Zarathustra)

Allein der hypertrophe Anspruch der Monotheismen, im Besitz der alleinseligmachenden Wahrheit zu sein – womit automatisch jeder nicht Mitgläubige zum Ketzer, jeder Mitgläubige, egal welcher Herkunft, aber zum „Bruder in Gott“ wird – die „proposition nation“ hat da ihren Ursprung! Wie sympathisch dagegen die skeptische, echt konservative  Pilatusfrage: „Was ist Wahrheit?“

Gerade die christliche Religion, deren Gründer verlangte, Vater und Mutter, Bruder und Schwester, die eigenen Kinder, ja, sich selbst zu verleugnen, „sonst könne man nicht sein Jünger sein“ – was für eine zutiefst lebensfeindliche, jegliche natürliche Bindung, alle Blutsbande delegitimierende Einstellung!

Von den abrahamitischen Religionen ist mir persönlich die älteste, die mosaische bei weitem die verständlichste, weil sie nicht internationalistisch ist, niemand – jedenfalls keine Fremden – bekehren will – der eine Gott für das eine, auserwählte Volk – das nenn ich doch eine volkstümliche und unzweifelhaft das Volk einende, fördernde Religion! Und das Alte Testament ist ja auch eine Sammlung höchst spannender Geschichten, voll Kampf, Sex und Intrigen, wie eine Groschenroman – oder ein Shakespearestück – wäre da nicht dieser eifersüchtige, heimtückische, tyrannische Demiurg, der immer wieder in die Handlung eingreift, um seine – Entschuldigung – bescheuerten Konzepte durchzusetzen wie die „Erbsünde“ oder das sich widerspruchslos Ergeben in Gottes unerforschlichen Ratschluß, auch wenn es sich um etwas so komplett Widernatürliches handelt wie die Schlachtung des eigenen Kindes.

Da lob ich mir doch einen fröhlichen Polytheismus mit seinen prahlenden, listigen, einander übervorteilenden und bekämpfenden Göttern, die aber auch nicht den Anspruch erheben, „heilig“ und makellos zu sein und die zum Trost auch nicht allmächtig sind, weder die griechisch-römischen, noch unsere wilden, herrlich widersprüchlichen, germanischen Götter mit dem verschlagenen, mephistophelischen Loki in ihrer Mitte, dem donnernden und doch gutmütigen Thor, Urbild aller „Mit der Faust auf den Tisch Hauer“ und dem von Nebel und Geheimnis umwitterten, ständig rätselnden und Rätseln aufgebenden, Göttervater Wodan, der, im Volke unvergessen und allen kirchlichen Verteufelungsversuchen zum Trotz, im Wilden Jäger, in Rübezahl, in Knecht Ruprecht, Pelzmärtel und Weihnachtsmann sowie in Tolkiens Gandalf weiterlebt, ja, sogar im verkitschten Santa Claus spukt noch ein letzter Rest Wode zaubrisch herum.

Was für phantastische, prachtvolle Gestalten! Was soll uns dagegen dieser seltsame, blasse Heilige aus dem Orient, was soll uns eine Religion, die das natürlichste und wichtigste, den Ursprung allen Lebens, den Liebesakt, als Sünde betrachtet, statt ihn zu feiern?

Ja, ja, ich weiß, selbstverständlich gehören all die wundervollen kulturellen Schöpfungen, auch wenn sie (leider) mit dem Christentum verknüpft sind, zu unserem Erbe, selbstverständlich liebe auch ich die Kirchen, Dome und Kirchlein in allen Variationen, „das Geläute der Glocken vom Dome“, die innigen Marienbilder, die Kirchenmusik, die Bachkantaten, den Luthertrotz und seine Bibelübersetzung mit ihren kraftvollen, unverzichtbaren Gleichnissen und Sprüchen und, und, und…das alles ist beste deutsche und europäische Kultur, vielleicht, weil die europäischen Völker einst, in jugendlichem Kraftüberschwang, das ihnen wesensfremde Christentum kurzerhand umgestalteten und umdeuteten und daraus ihr Eigenstes schufen, aber jetzt, wo unsere Kraft nachzulassen scheint, treten die Konturen dieser weltverachtenden, verschuldkomplexten, ständig Buße tuenden, gleichmacherischen Lehre immer stärker hervor und beherrscht mittlerweile als Zivilreligion paradoxerweise auch die Nicht-Religiösen – nein, aus einer Rückbesinnung auf das Christentum kann uns meinem Empfinden nach kein Heil erwachsen.

t.gygax
26. Juni 2017 21:37

@gundi  " ein blasser Heiliger"?

Eine  Anregung: der Indologe Jakob Wilhelm Hauer, ehemaliger Basler Missionsschüler ,später Professor der Religionswissenschaft zu Tübingen ( selbst Weißmann nannte ihn einen Religionswissenschaftler von Format) schrieb 1933 in seinem Buch "Deutsche Gottschau": "Wir werden uns vor die Gestalt Jesu. wie sie sich uns im Neuen Testamente darbietet, selbst stellen. Keiner kann vor ihn treten, sofern er sich nicht durch Voreingenommenheit den Blick trüben läßt, ohne von Ehrfurcht ergriffen zu werden vor dieser menschlichen Größe, vor der unerhörten Liebesmacht und der Bereitschaft, sich für seine Aufgabe dranzugeben. Wir vom Deutschen Glauben denken nicht daran, uns gegen einen solchen Eindruck abzuschließen, dennwir haben keinen Grund dazu. Deutscher Glaube schafft gegenüber allem Großen wirkliche Herzoffenheit und Ehrfurcht. Und manch ein Wort, das Jesus sprach, und viele seiner Taten berühren uns im Tiefsten."( S. 251 f. in der Reprint Ausgabe Quellentexte zur Konservativen Revolution, gekauft vor  Jahren bei Antaios) Dann kommt allerdings die klare Absage an das Christentum zugunsten eines von Hauer im Kontext seiner Zeit verständlichen "deutschen Glaubens", in dem Hölderlin und Goethe neben Nietzsche eine große Rolle spielen. Aber das ist Geschichte..... Blasser Heiliger ? Bitte lesen Sie die vier Evangelien, da ist nichts blass und das spüren die "Außenstehenden" viel stärker als die Pfaffen und verbeamteten Priester. Um es  mal volkstümlich sagen: Hannes Wader in " Steh doch auf du armer Hund" in der letzten Strophe, als er auf den  Greis ( = Gott) trifft. " den Sohn aber behandelt gut, er ist einer von euch" Oder ein Schweizer Chansonsänger vor vielen Jahren : "ich glaube nicht an Gott/ der zuschaute, als man seinen Sohn erschlagen/ ich glaube nicht an Gott/ aber ich will dem Zimmermann meine Freundschaft nicht versagen/"

Stil-Blüte
26. Juni 2017 21:51

@ Der Gehenkte

Danke für diesen Sloterdijk-Film, gültiger denn je in Zetien, in denen sich alle politischen Richtungen nicht nur geistig, sondern auch sprachlich nur noch in Verlautbarungen erstarren.

Beinahe einmalig ist ein Philosoph der Gegenwart, der so sehr durch seine Stimme überzeugt wie Sloterdijk. Auch dann vermeint man sie zu hören, wenn man Sloterdijk liest, eine schöne Kongruenz, die ähnlich ist wie das Musikhören  (Stimme, Klang) und Notenlesen (Partitur, Schrift).    

Maiordomus
26. Juni 2017 23:04

@Kaiser. Natürlich beschränkt sich meine Deutung Nietzsches nicht auf den von Ihnen genannten Kalauer, der für mich trotzdem eine historische Wahrheit ausdrückt. Die Pointe von Nietzsches Satz "Gott ist tot" hat keiner gehaltvoller und ergiebiger gedeutet als Heidegger in seinem Band "Holzwege", notabene "Wege, die im Unbegangenen" enden. Das Entscheidende am "Tod Gottes", insofern einem historischen Ereignis, als Gott "nicht wirkt", ist nach Nietzsche, dass die Chance und der emanzipatorische Gehalt des Nihilismus nicht erfasst wird, weswegen Gott dann durch Humanität, den Sozialismus, generell das ersetzt wird, was heute lächerlicherweise als "westliche Werte" verkauft wird, die Chance der Umwertung aller Werte wird verpasst. Nietzsche nennt dies den unvollständigen Nihilismus, den Weg in die platte Leere, genau das also, was heute das sog. Geistesleben bestimmt.

quarz
26. Juni 2017 23:28

@Gehenkter

"Die Frage, ob es Gott als ontische Größe gibt, können wir nicht beantworten, sondern nur glauben."

Wie zu jedem anderen Thema gibt es auch hier Argumente pro und contra, die sich ins Treffen führen lassen und mit denen ein entsprechender Standpunkt mehr oder weniger gut untermauert werden kann. Die Dichotomie zwischen "Wissen" und "Glauben" ist Aberglaube. Es gibt nur ein Kontinuum mehr oder weniger gut begründeten Glaubens. Und der Steinbruch, aus dem die Argumente gewonnen werden, ist alles andere als erschöpfend abgebaut. In verschiedenen philosophischen Fachverlagen ist die Sparte "Religionsphilosphie" heute diejenige mit den meisten Neupublikationen. Und darin geht es keineswegs um den hundertsten Aufguss altbekannter Positionen, sondern um ganz neuartige argumentative Erweiterungen. Das hat z.B. dazu geführt, dass in der anglophonen Welt, in der noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast alle Religionsphilosophen Atheisten (mit Endgültigkeitsattitüde) waren, sich inzwischen eine deutliche Mehrheit der aktuellen Vertreter der Fachzunft zum Theismus bekennt.

 

Monika L.
26. Juni 2017 23:48

"Gerade die christliche Religion, deren Gründer verlangte, Vater und Mutter, Bruder und Schwester, die eigenen Kinder, ja, sich selbst zu verleugnen, „sonst könne man nicht sein Jünger sein“ – was für eine zutiefst lebensfeindliche, jegliche natürliche Bindung, alle Blutsbande delegitimierende Einstellung!"

@Gundi

Diese sogenannten "familienkritischen "Stellen im Neuen Testament sind für Peter Sloterdijk ein großer Stein des Anstoßes. ( siehe Nachgott, Der Bastard Gottes, die Jesus Zäsur) . Auch er sieht darin eine zutiefst lebensfeindliche Einstellung. Ich führe seine Ablehnung dieser Stellen auch auf seine Biographie zurück. Er wuchs ohne Vater auf und hat wohl sehr darunter gelitten. Soweit die Psychologie, die nicht alles erklärt. Mir persönlich haben diese Stellen immer gefallen. Meine psychologische Erklärung: Ich hatte einen sehr autoritären Vater, der seine Autorität mit dem 4. Gebot begründete. Als ich im Epheserbrief die Stelle fand: Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, war ich ganz erfreut. Mein Vater wollte nicht glauben, dass so etwas in der Bibel steht. Ebenso die " familienfeindlichen "Stellen. Es geht m.E. weniger darum, seine konkrete, biologische Familie zu verachten und zu delegitimieren, sondern um die innere Freiheit, aus beengenden biologischen Abhängigkeiten ausbrechen zu können, wenn diese zerstörerisch werden. Die Blutsbande kann ja auch ein Fluch sein. Und wir können uns dazu verhalten und davon frei werden. ( Für ein moslemisches Mädchen könnte das z. B. etwas sehr Befreiendes haben ). Nikolaus von Flüe , der Schweizer Nationalheilige verließ seine Frau und zehn Kinder, um Einsiedler zu werden. ( Mit Einverständnis seiner Frau). Mein Mann sieht darin z. B. eine große Verantwortungslosigkeit, ich war eher beeindruckt, als wir die Klause in Flueli-Ranft besuchten. Wir haben uns darüber sehr gestritten. Da kann man verschiedene Ansichten haben. @ Meier Pirmin: Jetzt bitte kein Wortgewölbe zu Bruder Klaus !!!!!

Der Feinsinnige
27. Juni 2017 03:46

Angesichts dieser philosophisch und theologisch höchst anspruchsvollen Diskussion ist es nicht ganz leicht, eine etwas profanere Anmerkung zu formulieren, die mir eigentlich vom Beginn der Lektüre des Artikels, insbesondere der ersten beiden Absätze, durch den Kopf geht:

Wer ist „wir“? Wer spricht von „unseren Werten“? Sind es nicht zuallererst etablierte Politiker und Journalisten, die von „Werten“ und nicht selten explizit von „westlichen Werten“ reden oder diese zumindest meinen? Das Thema „christlicher“ oder „abendländischer“ Werte“, wie sie im Artikel und der Diskussion angesprochen werden, kommt meiner Wahrnehmung nach in der veröffentlichen Diskussion so gut wie nicht (mehr) vor (allenfalls verkürzt und moralisierend in Richtung einer angeblichen christlichen Pflicht, alle „Schutzsuchenden“ der Welt in Deutschland oder Europa aufzunehmen), insbesondere auch dann nicht, wenn nach einem Anschlag wieder einmal geäußert wird, wir sollten unseren „Lebensstil“ beibehalten, uns nicht einschüchtern lassen und „unsere Werte“ (gemeint sind die „westlichen“) verteidigen.

In der Diskussion um diese „westlichen Werte“ finde ich mich nicht wieder. Im Artikel wird sehr richtig und prägnant der Wandel der unser Land prägenden Werte dargestellt, der sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat. Wenn von „westlichen Werten“ die Rede ist, kann als sicher unterstellt werden, daß damit „Werte“ gemeint sind wie „Gender Mainstreaming“, die sogenannte „offene Gesellschaft“, „Toleranz“, „Weltoffenheit“, „Globalisierung“ oder „Eine Welt“, alles Begriffe, die ich einfach nicht mehr hören kann. Ich bin überzeugt, daß kein derzeit im Bundestag sitzender bzw. uns regierender Politiker auch nur ansatzweise intellektuell in der Lage (und willens) wäre, der hier geführten Diskussion zu folgen. Die in der Öffentlichkeit immerwieder benannten „Werte“ sind dagegen reine Worthülsen, die Inhalte der etablierten Parteien aller Farben von dunkelrot bis modern-schwarz transportieren, die Menschen einschläfern und die Interessen der wenigen Globalisierungsgewinnler auf Kosten der vielen Globalisierungsverlierer bedienen sollen.

Die hier geführte Diskussion ist meines Erachtens, so gehaltvoll sie auch ist, teilweise ziemlich wirklichkeitsfern. Es wird kein Wiedererstarken des Christentums in Europa geben. Das mag man bedauern. Ich persönlich habe gerade in den letzten Jahren jede Zuversicht verloren, daß ausgerechnet das Christentum geeignet oder in der Lage sein sollte, den Untergang Europas in seiner überkommenden Gestalt aufzuhalten. Insbesondere Jean Raspails "Heerlager der Heiligen" hat meine Weltsicht in diesem Punkt verändert. Das Christentum – jedenfalls im heute herrschenden, höchst angreifbaren, aber von allzu vielen Gläubigern geteilten Verständnis der Amtskirchen - ist doch eher Teil des Problems als der Lösung. Hat nicht gerade das Christentum die heute sichtbar werdende Wehrlosigkeit unseres Kontinents, die verbreitete Neigung zur Selbstaufgabe, mit herbeigeführt?

Maiordomus
27. Juni 2017 10:43

@Monika. Sie meinen wohl: Meier, Pirmin: Ich Bruder Klaus von Flüe, Eine Geschichte aus der Inneren Schweiz, 560 Seiten, 3. Auflage, Union Verlag Zürich 2014, Innerschweizer Kulturpreis 2008. Nach Mystikkenner Alois M. Haas das massgebliche Standardwerk. Meister Eckharts Traktat von der Abgeschiedenheit wurde wegen seiner hohen Umstrittenheit zur Barockzeit unter dem Pseudonym Niklaus von der Flüe veröffentlicht. Hier relativiert sich nicht nur der ideologisierte Wert der Familie, auch Gott wird um Gottes Willen losgelassen, "Nach Gott", das hätte bereits ein Eckhartscher Buchtitel gewesen sein können.

Monika L.
27. Juni 2017 10:56

Danke für die anregende Diskussion. Kurz einige Anmerkungen zum Abschluß.

1. Pirmin Meiers Lob schmeichelt natürlich. Trotzdem ist die " Einordnung" der SiN Autoren nach dem meierschen Raster ärgerlich und eher peinlich. Herr Pirmin Meier! Irgendwann werde ich Sie mal " einordnen":). Ja, ich bin Theologin, habe aber nie als Theologin gearbeitet, weil ich schon im Studium immer wieder mit den linken Professoren ( damals Befreiungstheologie, feministische Theologie) aneinander geraten bin. Und in dieser Kirche nie hötte arbeiten können. Wie es in Zeiten der Gendertheorie und der Menschheitler an den theologischen Fakultäten aussieht, möchte ich nicht wissen. Für rühmliche Ausnahmen bin ich offen.

2. Ich halte den Islam als theologische Lehre für keine Gefahr. Er nutzt allerdings knallhart die liberale Schwäche des aufgeklärten Europa und erringt machtpolitisch Sieg um Sieg. 

3. Kleine-Hartlages soziologische Analysen sind messerscharf. Und er hötte einen  ihm gebührenden Platz mehr als verdient. er steckt einen Ulrich Beck und einen Claus Leggewie dreimal in die Tasche.

4. Die philosophischen Qualitäten von Sloterdijk bezüglich eines Nachgottes kann ich nicht beurteilen.  Ich halte die ernsthafte Suche nach Gott bei den heutigen Physikern in besseren Hönden als bei den Philosophen. Theologisch ist Sloterdijks Position " Die Welt ist alles, was der Fall ist" nicht haltbar. Für Theologen ist er als Religionskritiker interessant, nicht als Philosoph. ( Wäre an anderer Stelle auszuführen). Ich persönlich empfinde Sloterdijk als genialen Cyniker, seine Wortspiele und Metaphern sind amüsant. Ansonsten stürzt er jeden ernsthaften Denker ins Chaos.

5. Der Untergang des Abendlandes ist gewiß. Aber jeder sollte nach seinen Fähigkeiten daran arbeiten, ihn aufzuhalten oder abzuwenden. Nach dem Motto: Du hast keine Chance , aber nutze sie. Oder wie Jürgen sagt: Wenigstens keinen Strohtod sterben.

6. Die Kirchen, die Dome, das,  was Europa ausmachte ..waren grandiose Gemeinschaftsleistungen von Völkern, Gruppen, die um einer höheren Sache willen ihr Bestes gaben. Auch Kulturleistung genannt. ( Das gilt für die Pyramiden Ägyptens, wie für die Heiligtümer anderer Hochkuluren) . Das gibt es nicht mehr. Wo in Europa im Anschluß an diese Kulturleistungen um einer größeren "Sache" willen das Beste gegeben wurde, kam es zu Krieg , Zerstörung, Totalitarismus.

Nicht zuletzt:

Rolf Peter Sieferles FINIS GERMANIA , hier vor allem  das Kapitel Mythos VB beschreibt die neue deutsche Staatsreligion. Sollte jeder lesen .

Die neue Ketzerei muß lauten: Gerade ein " Ein sündenbeladenes Volk, das sich seiner Schuld niemals erledigen kann" bedarf eines christlichen , trinitarischen Gottes. Ich verweise in diesem Zusammenhang nochmal auf das verlinkte Gespraech mit Professor Spaemann. 

Paracelsus
27. Juni 2017 11:10

@Monika L.

Familienkritik und Bruder Klaus: ich las neulich bei einem hier umstrittenen Schweizer Autor, dass Bruder Klaus in seiner Einsiedele "vierundzwanzig Stunden am Tag in Rufweite erreichbar" gewesen sei. Wenn das stimmt, dann ist seine auch von mir bislang sehr kritisch gesehene Abwendung von seinen Schutzbefohlenen doch ganz neu zu interpretieren.

Weiterhin erlebe ich anhand Ihrer psychologischen Begründungen für oder gegen eine "familienkritische" Einstellung von Herrn Jesus von Nazareth die grundsätzliche Problematik des psychologischen Verstehens von menschheitlichen Tatsachen. Man kann aus jeder einzelnen Begebenheit etwas herauslesen, und dieses wird naturgemäß oft sehr widersprüchlich sein; bezogen auf Familie wird man genügend Bibel- und Jesuszitate machen können, die das Gegenteil von dem aussagen. Zum Verstehen braucht es deshalb auch den Blick von der Ganzheit aus, von der Erkenntnis oder der Ahnung des Gesamtsinnes des Geschehens. Und da ist von Christus überliefert, dass er die Unterwerfung unter die Familientradition, aber auch die religiöse Tradition infragestellte, ablehnte. Der göttliche Funken im Menschen entspringt eben nicht der religiösen Tradition oder dem "Fleisch", ihn zu finden braucht es die Bereitschaft, sich nach dem "Boden" im Himmel auszustrecken.

Spirituelles Erleben wird von Menschen über die Jahrhunderte hinweg immer wieder berichtet, da kann man Meister Eckart, Hildegard von Bingen, Theresa, Johannes usw. usf. anführen. Aber das gibt es heute ebenso überall. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass jemand nicht von jemand weiss, der damit Erfahrungen gemacht hat, heute. Irgendwo im Umkreis jedes Menschen sollte es jemand geben, der von der Erlebbarkeit des Geistigen weiss. Ja, natürlich muss man da gar nicht so weit weg suchen: ich nehme an, eine Monika L. und andere finden die göttliche Anwesenheit in der Messe, in ihren eigenen Formen des meditativen oder Gebetslebens. 

 

Der Gehenkte
27. Juni 2017 12:59

@ Der Feinsinnige

Monika schrieb: "Was meinen wir, wenn wir nach einem Terroranschlag sagen, daß wir unsere Werte verteidigen müssen oder uns unsere Art, zu leben, nicht nehmen lassen?"

Sie machen da eine sehr feinsinnige Bemerkung. Die Eingangsfrage wurde eigentlich nicht beantwortet. Sie besteht aus zwei wesentlichen Teilfragen:

1. Ihr "Wer ist „wir“?" "Wir" kann hier nur "die Deutschen/Europäer/Abendländer" in ihrer Vielfalt heißen.

2. Welches sind die Werte?

Mit diesen Fragen sieht man sich permanent konfrontiert und man muß Monika recht geben: "Das ist schwer zu sagen in einer liberalen Gesellschaft, in der verschiedene Wertvorstellungen und Wertentwürfe nebeneinander bestehen." Entsprechend beginnt man oft herumzueiern, wenn man mit diesem Problemkomplex konfrontiert ist und flüchtet sich, da es im normalen Gespräch ohnehin nicht zu leisten ist, in Floskeln und Leervoklabeln: Demokratie, Meinungsfreiheit, Tradition, Erbe, Aufklärung, Kultur und dergleichen. Jede dieser Vokabeln kann mit der gleichen Frage - was ist das? - dekonstruiert werden. Ich sage dann immer - und jetzt nicht überrascht sein -: das Christliche! Das Christliche in seiner unendlichen Vielfalt, Differenz und in seinem Reichtum an Kultur, Kunst, Werten und Seinsverständnissen. Aber auch das ist alles zu abstrakt. Es ist daher dringend geboten, Ihre Frage dezidiert aufzunhemen, sie erstens nach ihrer Validität zu prüfen - ist sie überhaupt sinnvoll und beantwortbar? - und sie dann zweitens, falls das zu bejahen ist, mit konkreten und stets abrufbaren, lernbaren Inhalten zu füllen. Das ist ein Aufruf an unsere besten Autoren, die Magazine aufzumunitionieren! Allerdings ist das auslaufende Ende eines Diskussionsstranges nicht der geeignete Ort. Wahrscheinlich sind auch viele Anläufe nötig, um evtl. irgendwann eine Summe zu ziehen.

Gundi
27. Juni 2017 14:24

@monika

Daß die persönliche Familienerfahrung in unsere Weltanschauung miteinfließt – möglich, ein wenig, bei uns Frauen, Männer sind schon im allgemeinen und so stark kopflastige wie Peter Sloterdijk im besonderen viel besser in der Lage, diese Sphären getrennt zu halten ( was, schätze ich, mit der sehr unterschiedlichen Gehirnstruktur in Zusammenhang steht). Und, nein, aus unseren biologischen Abhängigkeiten, ob wir sie nun als beengend empfinden oder nicht, können wir eben nicht ausbrechen, nicht eine Attosekunde lang, jedenfalls nicht in dieser Welt (wenn sie an ein Jenseits glauben wollen – aber das ist dann eine andere Diskussion, an der mir eine Teilhabe definitiv nicht zusteht). Solange wir aber von dieser Welt reden, haben wir keine, wie auch immer geartete Möglichkeit, uns aus unserem biologischen Geschlecht, unserer Familie, unserem Volk zu befreien, wir können das alles hassen, verachten, es als ungerechte und schier unerträgliche Fesseln empfinden und jeder, bei dem das zutreffen sollte, tut mir unendlich leid, es muß tatsächlich selbstquälerisch entsetzlich sein, sich so zu fühlen – aber „aus unserer Haut fahren“ können wir eben nicht. Und was daran bewundernswert oder gar verehrungswürdig sein soll, wenn ein zehnfacher Vater seine zehn Kinder im Stich läßt, um fortan als Eremit zu leben – wozu, bitte sehr – um seiner eigenen! „unsterblichen“ Seele willen? Egoistischer geht`s ja wohl nicht mehr? Aber, ja, genau das IST christlich – die propagierte Verantwortungslosigkeit dem Eigenen und den Eigenen gegenüber zugunsten einem halluzinierten „Reich, das nicht von dieser Welt ist“ und dem eigenen, ewigen, ungetrübten Fortbestehen darin.

@feinsinniger

Ja, ich glaube ebenfalls, dass das Christentum ein Teil, nein, vielleicht sogar die Ur-Ursache unserer Probleme ist mit seiner Philosophie der Selbstaufgabe, des grenzenlosen Mitleids, des Weltekels, seiner Verdammung des Stolzes und des „Hohen Mutes“, seiner Verächtlichmachung der Fleischeslust und damit auch des Weibes als sündige und sündigmachende Verlockung – die Herabwürdigung und Herabstufung der Frauen ist in nordischen Gefilden erst mit und durch die Annahme des Christentums entstanden, die germanischen Frauen hatten eine sehr geachtete Stellung inne - seiner dezidierten Hinwendung an alles, was schwach und krank ist, eine Religion der in dieser Welt zu kurz gekommenen, der Verzweifelten und Leidenden, die daraus eine Tugend machen will und den ohnmächtig Neidigen (die sich den Neid aber nicht eingestehen können, denn das wäre ja schon wieder eine Todsünde!) Hoffnung auf eine Kompensation im Jenseits macht, sofern sie stets brav und gehorsam sind.

Gundi
28. Juni 2017 12:01

@der gehenkte

Prof. Engels hat zweifellos in vielem recht, auch wenn er es offenbar nicht wagt, aus seiner eigenen Erkenntnis, daß „Europas historische Vision sich nicht auf die Erklärung der Menschenrechte beschränkt, sondern Jahrhunderte an aufeinander aufbauendem geistigem und künstlerischem Schaffen umfaßt, das ebenso unersetzlich und un-exportierbar ist wie etwa die chinesische oder indische Kultur“ den logischen Schluß zu ziehen, daß grenzenlose Einwanderung natürlich zu Identitätskrise und Zerfall führt – wie das ja auch im Römischen Imperium der Fall war.

Aber hat all das Spengler nicht schon 1917 im Untergang des Abendlandes ein klein wenig umfangreicher und tiefschürfender vorhergesagt?

Der Gehenkte
28. Juni 2017 17:15

@ Gundi

"Aber hat all das Spengler nicht schon 1917 im Untergang des Abendlandes ein klein wenig umfangreicher und tiefschürfender vorhergesagt?"

Ja, schon, aber es gibt offenbar auch eine Art historische (apokalyptische) Parusieverzögerung - die sollte man mit einrechnen: bei Spengler et.al. (Relativierung) und bei der heutigen Theoriebildung.

Sloterdijk hatte das in "Die Sonne und der Tod" auf die origenelle Formel gebracht: "Ich prognostiziere der Philosophie eine neue Vergangenheit". Man kann das auf die Geschichte übertragen und der Geschichte eine neue Vergangenheit prognostizieren.

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