Sezession
30. Juni 2017

Szene-Kaleidoskop XIV: (Lese-, Trage-, Lausch-)Stoff und US-Werbung

Nils Wegner / 4 Kommentare

Es muß ja nicht immer Sieferle sein: Auch über die Selbstdemontage des deutschen Feuilletons hinaus gibt es viel zu lesen und hören.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Ellen Kositza widmet sich in ihrem neuen Buchvorstellungsfilm, dem 20. seiner Art, dem neuen Buch von Akif Pirinçci. Der Übergang (hier einsehen und bestellen) ist aus einer etwas anderen Warte geschrieben, als man sie von Pirinçci gewohnt ist: Der Schriftsteller greift in seinen hier zusammengestellten Stücken nicht mehr nur frontal an, sondern arbeitet sich säuberlich an den Phänomenen entlang, die die heutige Lage ausmachen oder in sie hineingeführt haben.

Der Übergang hin zu einem fragmentierten, entstellten Flickenteppich, der nur der Übernahme durch aggressivere, selbstbewußtere Landnehmer harrt – für Pirinçci befindet sich die Bundesrepublik längst mitten in diesem Vorgang. Dennoch hat er sich bei aller Wehmut doch keine Beißhemmung auferlegt: Wer seinen schneidenden Essay über "Die Evolution des Spießers" liest, ohne zwischendurch peinlich berührt zu sein, der wird sich wahrlich völlig ahnungslos in unserer heutigen Situation wiedergefunden haben mit der weinerlichen Frage, wie das alles nur passieren konnte.

Im übrigen lohnt es sich nun um so mehr, direkt bei Antaios zu bestellen: Nach den Motiven "Es gibt Lektüren, die Impfungen gleichen" (Ernst Jünger) und "Habe Mangel an Versöhnung" (Gottfried Benn) ist nun wieder Jünger dran, zumindest mittelbar: "Meyn Geduld hat Ursach" war ursprünglich der Wappenspruch derer von Jeinsen, des niedersächsischen Uradelsgeschlechts, dem Jüngers erste Ehefrau Gretha entstammte. Der Jahrhundertschriftsteller übernahm dieses Motto für den Pater Lampros seiner Marmorklippen, der ein Vertrauter des namenlosen Protagonisten ist und insbesondere am katastrophischen Ende des Buchs eine fulminante Rolle spielt – demgemäß war er denn auch ein vieldiskutierter Charakter auf der diesjährigen Tagung der Jünger-Gesellschaft. Antaios-Kunden erhalten den Stoffbeutel ab einem Bestellwert von 50 Euro gratis dazu!

Philip und Alex widmen sich bei "Laut Gedacht" diesmal wieder ihrem Bildungsauftrag (macht ja auch sonst keiner). Also, aufgemerkt: Wie man vernünftige Mietinteressen abbekommt, die SPD noch gerade eben so rettet, den Rechtsstaat endlich restlos abträgt und alles mit jedem verheiratet – das sehen Sie hier!

Das grundsätzlich zu den US-Demokraten hinneigende, traditionsreiche Kulturmagazin The Atlantic berichtet seit der heißen Phase des Wahlkampfs zwischen Hillary Clinton und Donald Trump vielfach über die scheinbar neue rechte Gefahr. Für Furore sorgte Ende letzten Jahres insbesondere der Bericht über die AltRight, nachdem dem Kamerateam auf einer Konferenz des National Policy Institute in Washington, D.C. einige ungünstige Aufnahmen gelungen waren. Die warnend-mahnende Berichterstattung der (mittlerweile) Washingtoner Redaktion beschränkt sich jedoch nicht auf die Vereinigten Staaten: Auch in Schnellroda war eine Autorin zu Gast, Sumi Somaskanda vom zum transatlantischen Netzwerk "Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik" gehörenden Berlin Policy Journal, deren ausführlicher Beitrag eine »neue Neue Rechte« in Deutschland aufziehen sieht. Durchaus eine Lektüre wert – hier entlang zum Artikel!


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.


Kommentare (4)

silberzunge
30. Juni 2017 21:22

Kriegt man die Taschen so auch zu kaufen?

Nein, natürlich nicht. So etwas kann man nicht kaufen, so was ist eine Dreingabe.

Monacensis
1. Juli 2017 14:55

Schon bezeichnend, dass selbst ein "linksliberales" US-amerikanisches Magazin über die "Neue Rechte" weit objektiver (Komparativ !) berichtet, als dies einem deutschen Mainstream-Medium möglich wäre. Das gilt gerade auch für die FAZ, deren Linksruck der letzten 20 Jahre das Umkippen der politisch-medialen Klasse "in diesem unserem Lande" grell beleuchtet wie wenig sonst.

nom de guerre
1. Juli 2017 19:15

Sinnreiches Foto, das mit dem Stoffbeutel und der Axt. Was ist das da auf dem Holzhaufen? Eine Mütze? Eine Jacke?

niekisch
4. Juli 2017 18:19

"mit der weinerlichen Frage, wie das alles nur passieren konnte"

Es konnte passieren, weil unser natürlicher Abwehrinstinkt durch das wirksamste Narkosemittel anästhäsiert wurde, das es gibt - complexus culpae -

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