Übermorgen – sieben Bilder

I. Als ich in den Brennesseln stand, um mit der Sense jene Bewegung mehrfach auszuführen, auf die jüngst publizistisch angespielt wurde, traf es mich wie ein Nackenschlag:

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Alles hat sei­nen Platz in dei­nem Bild erhal­ten, wirkt poli­tisch aufgeladen.
War­um kam dir eben das Wort »iden­ti­tär« in den Sinn, als das Blatt die Sten­gel leg­te? Ist die­ses biß­chen Heu, sind die paar Hüh­ner, die Bee­ren­bü­sche, die Apfel­bäu­me, sind die Zie­gen und die Boh­nen wider­stän­di­ge, erdi­ge Zei­chen oder nicht doch ein­fach das, was dir Freu­de berei­tet, wie jedem Freund der Flu­ren (und von die­ser Sor­te trifft man doch in jedem Dorf ein paar)?

Der Gärt­ner, frag­los eine poli­ti­sche Figur, der Hegen­de: Du denkst an Ger­hard Nebel, Bal­dur Spring­mann und Tom Bom­ba­dil, an die uralte, för­dern­de, dem Leben zuge­wand­te, sin­gen­de Gestalt, die es gibt, seit du – tau­sen­de Jah­re alt – seß­haft bist. Man sagt, dei­ner Groß­mutter sei­en drei Ern­ten im Jahr gelun­gen. Du sagst, dei­ne Frau sei nie schö­ner als in der Mit­tags­hit­ze eines som­mer­li­chen Gar­tens, wenn man die Früch­te laut­los rei­fen hören kann. In wel­che fer­ne Zeit bloß ver­schiebst Du den Dank? Auf übermorgen?

– – –

II. Es muß Anfang 1991 gewe­sen sein, als ein Unter­of­fi­zier der Fern­späh-Kom­pa­nie, in der ich dien­te, im Suff aus zwei Lat­ten ein Kreuz bas­tel­te, es mit Schuh­creme ein­schmier­te und sich selbst ein Laken über­warf. Dann stol­per­te er durch die Kaser­ne und pflanz­te sein Werk­stück vor einer Unter­kunft für Ruß­land­deut­sche auf, die jen­seits lag. Der Unter­of­fi­zier war zu faul selbst für die gerings­te Ver­schleie­rungs­maß­nah­me. Er fackel­te sein Kreuz inner­halb der Umzäu­nung ab, schrie irgend­et­was in die Nacht und stie­fel­te zurück in die Unter­kunft. Wir Rekru­ten beka­men von alle­dem nichts mit.

Am nächs­ten Mor­gen trat die Kom­pa­nie voll­zäh­lig vor dem hohen Gebäu­de der alten Ula­nen­ka­ser­ne an. Der Spieß berich­te­te von dem Vor­fall, den die Wache pro­to­kol­liert hat­te, und äußer­te lapi­dar, daß der Täter sei­ner und unse­res Kom­pa­nie­chefs Mei­nung nach ohne jeden Zwei­fel aus unse­ren Rei­hen stam­me – kei­nem der andert­halb­tau­send Fern­mel­der und Nach­schie­ber, mit denen wir uns den Stand­ort tei­len muß­ten, sei der­lei zuzu­trau­en. Er gebe nun die­sem Idio­ten drei Sekun­den Zeit, vor­zu­tre­ten und sich zu stel­len, uns allen eine knap­pe Minu­te, um den Kerl aus­zu­lie­fern. Nie­mand rühr­te sich.

Der Spieß befahl uns ins Still­ge­stan­den, unser Chef, der Major, trat aus dem Gebäu­de und ließ sich mel­den. Er befahl sei­ne Feld­we­bel zu sich und ent­sand­te sie zur Mus­te­rung der Stu­ben. Nach weni­gen Minu­ten brach­te man ein Laken, das sei­nen Besit­zer zwei­fels­frei als den Täter über­führ­te: Er hat­te es vor­schrifts­mä­ßig wie­der auf sein Bett gezo­gen, die bei­den hin­ein­ge­schnit­te­nen Augen­lö­cher sorg­fäl­tig glatt­ge­stri­chen auf Höhe des Kopf­kis­sens. Nun trat er vor, gestand, wein­te ein wenig und wur­de abge­führt. Unser Chef regel­te die Sache. Der Unter­of­fi­zier wur­de degra­diert, schob drei Mona­te lang an jedem Wochen­en­de Dienst, bewähr­te sich, besuch­te den Lauf­bahn­lehr­gang noch ein­mal und schied nach acht Jah­ren Dienst­zeit als ein Stabs­un­ter­of­fi­zier aus, der sich nie wie­der etwas Der­ar­ti­ges zuschul­den hat­te kom­men lassen.

Wir Rekru­ten wur­den damals nicht lan­ge behel­ligt mit irgend­ei­ner »Auf­ar­bei­tung« die­ses Fal­les. Der­lei kam wohl vor, und in der Theo­rie war klar, daß so etwas gene­rell unreif, idio­tisch, eines Sol­da­ten nicht wür­dig war. Aber wir lern­ten auch die Gemüts­la­ge der­ber Ker­le ken­nen, die als Staats­bür­ger in Uni­form, bar jeder Tra­di­ti­on, in der Sinn­kri­se des Mili­tärs nach der Wen­de und im Post-His­toire nichts mit sich anzu­fan­gen wuß­ten und im Suff auf dum­me Gedan­ken kamen, wenn sie zu lan­ge in der Kaser­ne her­um­sa­ßen und mit­be­ka­men, daß man sie alle­samt für Mör­der hielt und hal­ten durfte.

Ich war mit jenem Unter­of­fi­zier drei­mal auf Trupp, ein­mal über andert­halb Wochen bei sau­mä­ßig naß­kal­tem Wet­ter in mie­sem Gelän­de. Sel­ten bin ich bes­ser geführt wor­den, und ich habe dabei auf die Zuver­sicht und kame­rad­schaft­li­che Für­sor­ge zu ver­trau­en gelernt, die den guten Vor­ge­setz­ten aus­zeich­net und von denen es in der Fern­spä­he­rei Dut­zen­de gab. Sie alle haben die­se Armee ver­las­sen müs­sen oder sind aus frei­en Stü­cken gegan­gen. Der eine wur­de Pilot in Afri­ka, der ande­re grün­de­te eine Fall­schirm­sprin­ger-Schu­le, der drit­te, vier­te und fünf­te zogen mit Schä­fer­hun­den und Taschen­lam­pen um Fir­men­ge­bäu­de, bevor sie bei ame­ri­ka­ni­schen Fir­men anheu­er­ten und sich als Söld­ner ver­ding­ten. Ande­re sind im Zivil­le­ben ein­ge­schla­fen und nie wie­der auf­ge­wacht (wer wirk­lich Sol­dat war, ver­steht, was ich damit meine).

Viel­leicht kam der Bruch 1997, ich weiß es nicht mehr genau: Jeden­falls soll­ten wir Offi­zie­re plötz­lich eine Anord­nung unter­schrei­ben, die uns nichts weni­ger als die Denun­zia­ti­on jedes Unter­ge­be­nen vor­schrieb, der sich in irgend­ei­ner Wei­se »rechts« betä­tig­te oder über­haupt nur eine sol­che Ten­denz zeig­te. Man woll­te »das« los­wer­den, woll­te es aus der Armee schmei­ßen, und natür­lich unter­schrieb ich die­sen Hygie­ne­be­fehl nicht, auch aus der Erfah­rung mit jenem Unter­of­fi­zier her­aus; denn wer, wenn nicht die Armee, soll­te sol­che Ker­le erzie­hen, zurecht­bie­gen, in die rich­ti­ge Rich­tung dre­hen? Und mit wem woll­te die­se Armee eigent­lich das Vater­land tap­fer ver­tei­di­gen, wenn nicht mit Män­nern, die an Hier­ar­chien glau­ben und Ent­schul­di­gun­gen für das Ver­sa­gen im ent­schei­den­den Moment nicht akzeptieren?

Es hat mir vor zwei Jah­ren ein­mal einer von die­sen Typen geschil­dert, wie er einen Kon­voi von Mos­sul nach Bag­dad mit sei­nen Leu­ten sicher­te. Süd­afri­ka­ner waren dabei, Eng­län­der, zwei Tsche­chen, ein wei­te­rer Deut­scher, und wie sie fuh­ren, geriet das Ende des Kon­vois unter Beschuß, das letz­te Siche­rungs­fahr­zeug schlin­ger­te und krach­te in einen Holz­sta­pel. Man hät­te wei­ter­fah­ren kön­nen, es gab gute Grün­de dafür – lie­ber ein Fahr­zeug ver­lie­ren als den gan­zen Kon­voi aufs Spiel setzen!

Aber der Typ, ein ehe­ma­li­ger Fall­schirm­jä­ger aus Nagold, fächer­te sei­ne Kolon­ne auf, ließ in gro­ßen Kur­ven wen­den und die Wege­la­ge­rer mit allem angrei­fen, was er hatte.

Die­se Sekun­de des Ent­schlus­ses, – zu wen­den und ins Feu­er zu fah­ren – ist ein Kata­pult in eine unse­rer »Gesell­schaft« ganz fremd gewor­de­nen Regi­on von Leben, Tod und Taug­lich­keit, und jedes Land braucht Män­ner, die dort ein­mal waren oder dort hin­wol­len. Wir wer­den sie auf­su­chen müs­sen, über­mor­gen. Wir wer­den sie wecken müs­sen. Unse­re Armee aber, die Bun­des­wehr, sorgt die­ser Tage erneut und in gewis­sem Sin­ne end­gül­tig dafür, daß wir die­se Män­ner nicht mehr dort fin­den wer­den, wo sie in Deutsch­land immer waren: unter Waf­fen und im Dienst.

– – –

III. Ich kann das Aus­maß der Säu­be­rung nicht abschät­zen, denn ich habe kei­ne Kon­tak­te mehr dorthin:

Es sind aber sogar die Stu­ben von Offi­zie­ren durch­sucht wor­den, seit Fran­co A., und es haben auf jeden Fall ein paar Dut­zend Sol­da­ten fest­stel­len müs­sen, daß sie zu hei­ßen Kar­tof­feln gewor­den sind. Man hat sie fal­len­las­sen oder wird es noch tun – nicht, weil sie nichts taug­ten oder weil man sie nicht mehr brauch­te. Es wird sich  an ihnen schlicht kein Vor­ge­setz­ter mehr die Fin­ger ver­bren­nen wol­len, das ist schon alles. Sie sind AfD-nah oder haben die fal­sche Zei­tung im Abon­ne­ment oder sind auf einer Demons­tra­ti­on mit­ge­lau­fen. Irgend­et­was davon klebt an ihnen wie Pech und Schwe­fel, und: Nun kommt alles ans Licht.

Wor­über reden wir? Es ist ja das Nor­ma­le, das Selbst­ver­ständ­li­che, das da ver­tre­ten wird, und es ist nur inner­halb der Band­brei­te unse­rer sehr spe­zi­el­len deut­schen Befind­lich­keit an einem Rand zu lie­gen gekom­men, wo es doch in die Mit­te gehör­te. Aber dies zu beto­nen hilft im Zwei­fels­fall rein gar nichts, und so ist die­ses Nor­ma­le, das von einem bestimm­ten Pro­zent­satz der Leu­te ver­tre­ten und unter­stützt wird, doch noch immer ein Aus­schluß- und Ausgrenzungsgrund.

Es gibt kei­ne Lob­by für die­se poli­ti­sche Rich­tung, kei­ne Auf­fang­netz­te, kei­nen grund­sätz­li­chen Kon­sens gegen das Denun­zie­ren, und so ist jedes ein­zel­nen Bekennt­nis sein ganz per­sön­li­cher, bio­gra­phi­scher Draht­seil­akt. Als Ver­le­ger einer der Infor­ma­ti­ons­kno­ten­punk­te zu sein, bedeu­tet auch: Leu­te aufs Seil tre­ten, balan­cie­ren und fal­len zu sehen.

Ist dies das Schick­sal der ers­ten Rei­he? Hört das je auf, wenn nicht mor­gen, dann über­mor­gen? Und vor allem: Kön­nen wir das ver­ant­wor­ten, wir, die wir das Wider­stän­di­ge zu einem Teil unse­res Geschäfts und unse­res Lebens­ent­wurfs gemacht haben? Dür­fen wir die Trans­pa­renz, mit der wir den ver­blüff­ten Jour­na­lis­ten begeg­nen, zu einer Blau­pau­se machen, dür­fen wir die Leu­te dazu auf­for­dern, sich mit Namen, Gesicht, Bio­gra­phie in ein Getüm­mel zu stür­zen, in dem sie den Geg­ner, den »Big Other« nie­mals tref­fen wer­den? Nein, wir dür­fen es nicht.

– – –

IV. Es kommt näm­lich über die Leu­te wie ein Wol­ken­bruch, es ist, als fän­den sich auf ihren Fest­plat­ten Por­nos mit Kin­dern, mit zu Tode gequäl­ten Tie­ren, mit Erschie­ßungs­film­chen nebst Tanz­mu­sik vor Babi Jar:

Sie wer­den »ent­tarnt«, ihnen wird nach­ge­stellt, sie wer­den ein­ge­kreist, fest­ge­macht, in Netz­wer­ken, »Zel­len« ver­mu­tet. Es herrscht der Ver­dacht, und die Herr­schaft des Ver­dachts ist ein Zirkelschluß:

Es gibt ja aus dem Selbst­ver­ständ­nis der »offe­nen Gesell­schaft« her­aus kei­nen Grund, irgend­et­was zu ver­schwei­gen, denn – so die Theo­rie – das Poli­ti­sche wer­de fair ver­han­delt. Wer den­noch schwei­ge, habe etwas zu ver­ber­gen, und im Erspü­ren des Ver­bor­ge­nen und Ver­däch­ti­gen ist in unse­ren Tagen die Zivil­ge­sell­schaft, die­ses brei­te Bünd­nis, nicht zu über­tref­fen. Wer etwas ver­birgt, ist ver­däch­tig, und wer sich äußert, ver­birgt wohl die weni­ger gefäl­li­gen, die gefähr­li­chen Antei­le. Kurz: Wer die mora­li­sche Macht hat, die Fra­gen zu stel­len, darf auch bestim­men, wel­che Ant­wort genügt.

Meist ist daher die Infra­ge­stel­lung des Fra­ge­stel­lers die rich­ti­ge Ant­wort, die Nicht­be­tei­li­gung am »Gespräch«: Die Trans­pa­renz näm­lich läßt das Gefäl­li­ge blü­hen, und selbst unter uns ist der Hang zur Selbst­ver­harm­lo­sung nicht tot­zu­krie­gen, wenn stän­dig einer durch die Schei­be glotzt, wäh­rend wir uns zu for­mie­ren ver­su­chen. Wer­den wir eines Tages zur Trans­pa­renz ver­pflich­tet? Wird für aso­zi­al gel­ten, wer sich nicht betei­li­gen will, wer nicht offen­le­gen will, was er denkt und treibt, wer sei­nen »Sta­tus« nicht mehr­mals am Tag aktua­li­sie­ren will?

Der Roman Der Cir­cle von Dave Eggers beschreibt einen Super­kon­zern, der Face­book, Twit­ter, Whats­App, Paypal, Ama­zon und­so­wei­ter in sich ver­eint und auf­grund sei­ner Effi­zi­enz Ver­wal­tungs­auf­ga­ben an sich zie­hen will. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on aller mit allen gilt als unver­zicht­ba­re Vor­aus­set­zung für die Ver­bes­se­rung der Welt und die Opti­mie­rung der Mensch­heit. Wer sich nicht betei­ligt, ist suspekt, Trans­pa­renz ist das obers­te Gebot. Der Cir­cle hät­te sei­ne Voll­endung erreicht, wenn jedes Fleck­chen Erde aus­ge­leuch­tet, jeder Mensch glä­sern, jedes Gespräch mit­ge­schnit­ten wäre, gemäß drei­er Leit­sät­ze: »Geheim­nis­se sind Lügen«, »Tei­len ist Hei­len«, »Alles Pri­va­te ist Diebstahl«.

Am Ende des Romans wird ein Mann zu Tode gehetzt. Weil alles trans­pa­rent gewor­den ist und bereits Mil­lio­nen von Usern um den Hals klei­ne Kame­ras tra­gen, um alles Pri­va­te in die Com­mu­ni­ty ein­zu­spei­sen, bleibt nie­man­dem mehr ein Rück­zugs­ort. Der Mann, nicht beson­ders sym­pa­thisch, eher pene­trant und schwie­rig, will nicht trans­pa­rent sein, nicht auf­find­bar, und er schlägt aus, was ihm eine frü­he­re Freun­din zuschan­zen könn­te, jetzt, wo sie im »Cir­cle« hoch­ran­gig arbei­tet. Er will sich nicht ver­nut­zen las­sen, er hält nichts von Selb­st­op­ti­mie­rung, guter Lau­ne, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­hut­sam­keit und einem ver­lo­ge­nen Zwang zur frei­wil­li­gen Offen­le­gung und Kontrolle.

Stets wird die tota­le Aus­leuch­tung mit dem Argu­ment ver­kauft, es kön­ne in abseh­ba­rer Zeit kein Ver­bre­chen mehr gesche­hen, wenn nur jeder mit­ma­che. Selbst Algo­rith­men zur Vor­au­s­er­ken­nung mög­li­cher ver­bre­che­ri­scher Hand­lun­gen sei­en nur noch eine Fra­ge der Zeit, gäbe es nur end­lich lücken­lo­se Bewe­gungs­pro­fi­le, deren Bewe­gungs­rich­tung Vor­her­sa­gen über Abwe­ge zulie­ßen. Neben die­sen Argu­men­ten ver­hal­len die Rufe nach Pri­vat­heit, Dun­kel­heit, Ein­sam­keit und nicht­op­ti­mier­tem Leben unge­hört und wie gera­de­zu abar­tig anti­quier­te Haltungen.

Es ist die Com­mu­ni­ty, es ist der Jagd­eifer der Com­mu­ni­ty: ein Mann wird gestellt, der sich zurück­zog, ver­schwin­den woll­te, den Wald­gang nicht nur sym­bo­lisch, son­dern tat­säch­lich voll­zog. Mil­lio­nen User mit Cir­cle-Account suchen ihn, es ist die Rache sei­ner ehe­ma­li­gen Freun­din an ihm – der es wag­te, sie zu kritisieren.

Das Netz nimmt sei­ne Spur auf, man sah ihn tan­ken, man kreist ihn ein, man ver­mu­tet ihn in einem Haus am Ran­de eines Kaffs ganz im Nor­den. Es jagen Autos nor­ma­ler Bür­ger den Hang hin­auf, es hetzt der Mann in sei­nen Wagen, er flieht in die Ber­ge, aber der Cir­cle läßt die Droh­nen los, und bald umschwir­ren Kame­ras den Jeep und fil­men das Gesicht eines wil­den Tie­res, das nicht mehr durch die Lap­pen gehen kann. Der Wagen durch­bricht das Gelän­der einer Brü­cke und stürzt in einen Abgrund aus Fel­sen und Schmelz­was­ser, in dem noch kei­ne Kame­ra ange­bracht ist. Sein Tod ist sei­ne eige­ne Schuld, heißt es: Ein Ver­ein­sam­ter, wohl Kran­ker, woll­te sich nicht von den Vie­len hel­fen las­sen, die ihn ins Licht zurück­ho­len und ihm ganz sicher hät­ten hel­fen können.

– – –

V. Ich bin ein Geg­ner der Trans­pa­renz. Es muß immer wie­der die­ses Auto geben, das ein­biegt und gleich­sam vor­sich­tig auf dem Platz vor dem Rit­ter­gut zum Ste­hen kommt. Vor­ges­tern stie­gen zwei Män­ner aus, ich kam ihnen gleich vom Stall her ent­ge­gen, dann führ­te der Sohn sie ins Buch­la­ger, wäh­rend ich noch die Tie­re ver­sorg­te. Kunst­schaf­fen­de, Leser, seit kur­zem Abon­nen­ten. Sie blie­ben übers Abend­essen hin­aus, berich­te­ten viel und offen, blind dar­auf ver­trau­end, daß dies ein Gespräch in der Sicher­heit des Schwei­gens sei. Unvor­stell­bar, daß dies je anders sein könn­te, daß viel­leicht “sozia­le Netz­wer­ke” ein­ge­setzt wür­den, um die Abge­schie­den­heit zu “tei­len”.

– – –

VI. Aber viel­leicht ist über­mor­gen die Unter­wer­fung des Ein­zel­nen durch ein lücken­lo­ses Kommunikations‑, Selb­st­op­ti­mie­rungs- und Bedarfs­we­ckungs­an­ge­bot schon abge­schlos­sen. Zu ver­mu­ten, es gäbe unter der Ober­flä­che (dem Daten­strom, der Cloud, dem Con­tent) so etwas wie ein Eigent­li­ches, in dem man ver­blei­ben kön­ne, wäre dann ein roman­ti­sches Bild, ein Ord­nungs­wunsch von vorgestern.

In Eugen Ruges Roman Fol­lower hat die Haupt­fi­gur Nio Schulz jene Ver­hal­tens­wei­sen, Abhän­gig­kei­ten und Sprach­sen­si­bi­li­tä­ten bereits ver­in­ner­licht, deren Vor­drin­gen wir heu­te in atem­be­rau­ben­der Geschwin­dig­keit wahr­neh­men. Nio fin­det sich nur dann zurecht, wenn er mit­hil­fe sei­ner Inter­net­bril­le und sei­nen Ohren­stöp­seln online gegan­gen und wie eine Koor­di­na­te im Netz ver­or­tet wor­den ist. Stän­dig len­ken ihn Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fet­zen ab, ver­faßt von Leu­ten, deren Fol­lower er ist und deren Anwe­sen­heit er braucht wie eine Familie.

Wie weit ist es mit uns gekom­men, wie weit wird es noch füh­ren? Wäh­rend wir halb über­heb­lich, halb belus­tigt die­sem ver­stöp­sel­ten Nio Schulz beim Fol­lo­wen zuse­hen, berei­tet Eugen Ruge das Kapi­tel »Genesis/Kurzfassung« vor und erschlägt uns damit. Er fragt sich und uns, wie es über­haupt mög­lich war, daß bis zu Nio Schulz eine unun­ter­bro­che­ne Linie an Vor­fah­ren nicht abriß, son­dern sich durch­set­ze, durch­hielt und immer wie­der fort­pflanz­te – trotz Hun­ger, Krank­heit, Seu­che, Krieg, Bru­ta­li­tät, Armut. Die­se Vor­fah­ren wühl­ten sich erst um 1850 aus der Hilf­lo­sig­keit her­aus, von sie­ben Kin­dern fünf oder sechs im frü­hes­ten Alter weg­ster­ben sehen zu müs­sen. Gera­de ein­mal vier, fünf Genera­tio­nen vor Nio konn­ten man also auf Medi­zin, gute Nah­rung und Bil­dung set­zen, und den­noch zer­schlu­gen die bei­den Welt­krie­ge auch die­se Leben. Aber wie­der pflanz­te sich einer fort, und irgend­wann kam die Genera­tio­nen­fol­ge bei Fol­lower Nio an, der nun wahr­lich alles besitzt, um ein sorg­lo­ses Leben zu füh­ren und ein, zwei Kin­der zu bebrü­ten. Doch nun der Schlag: Mit ihm reißt alles ab, er kriegt das nicht mehr hin, er gibt nicht mehr wei­ter, was sich über Jahr­tau­sen­de durch­biß und ihn form­te – so unfrucht­bar ist sei­ne Zeit, so abge­lenkt vom Entscheidenden.

– – –

VII. Mein Haus, mein Gar­ten, kein WLAN, mei­ne Frau, mei­ne Kin­der, kei­ne Fol­lower, kein Account, mein Wein­stock, mein Glau­be, kein Sta­tus, kei­ne “Freun­de”, mein Tisch, mein Stuhl, mei­ne Bücher, mei­ne Klad­de, mei­ne poli­ti­sche Romantik.

 

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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Kommentare (22)

solitude

6. Juli 2017 23:40

Am Schluss hat mich die Vorstellung, Götz Kubitschek in seiner wahrhaften, beneidenswerten Verwurzelung anzutreffen, zu Tränen gerührt. Ein gewisser Stolz des verehrten Verlegers bei der Aufzählung seines Gartens war mir vorher nicht entgangen.

Welche Verantwortung haben wir nun alle? Einige sagen, finis germaniae stünde ohnehin bevor, da ließe sich nichts (mehr) machen. Dies hieße einen Weg zu befolgen, der die Taten unserer Ahnen, statt mit Stolz und Ehre, nur noch mit Hohn und Spott straft. "Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen" (Goethe).
Kubitschek nun fungiert als Leuchtturm in der dämmernden See. Kann man den Wärter verantwortlich machen, nur weil einige Mutige, Aufrechte das Hafenbecken ansteuern? Sicher. Sie treffen zwar ihre eigenen Entscheidungen; den Lichtsuchenden aber Wahrheit angeboten zu haben, der Verantwortung wird sich der Wärter nie scheuen. Sollte er deshalb verzagen? Nein. Er steht an seinem Platze. Dorthin gehört er, hier treiben seine Wurzeln.

Erst heute las ich im Clausewitz (S. 41 f.), einem Magazin für Militärgeschichte, wie General der Infanterie Friedrich Olbricht, Initiator des "Unternehmens Walküre" (20. VII. 1944), bei der Rekrutierung weiterer Verschwörer vorging: "[...]Zunächst aber scharrte er Gleichgesinnte um sich, was in einem totalitären Staat natürlich extrem gefährlich ist. [...] und so muss er es bei kleinen Bemerkungen belassen - hier mal eine leise Kritik an der Kriegsführung, dort mal eine Spitze gegen Goebbels oder andere Figuren. Die Reaktionen seiner Gesprächspartner verraten ihm, welch Geistes Kind sie sind. Bestätigen sie ihn und wagen sie sich ihrerseits einen Schritt nach vorne, weiht er sie ein und macht sie mit seiner Absicht vertraut, den Diktator zu beseitigen."

Mir ist die Parallele zur heutigen Zeit sogleich aufgefallen. Natürlich ist die sogenannte BRD kein totalitärer Staat in tutto. Aber hinsichtlich der Anmaßungen der Kanzlerdarstellerin und der ausgehöhlten Meinungsfreiheit drängen sich faschistoide und totalitäre Tendenzen zwangsläufig auf. Für den gewöhnlichen Widerständler gilt es daher, Olbrichts Weg zu folgen und vorsichtig nach Gleichgesinnten zu suchen. Kubitschek freilich muss das größere Schwert schwingen und trotz seiner Verantwortung weiter als Leuchtturm agieren. Was jene dann ihrerseits mit ihrer Verantwortung anfangen, muss er dem seit der Wehrmacht bewährten Prinzip, dem Entscheidungsträger vor Ort möglichst viel Freiraum zu belassen, seinerseits abwarten, ohne darüber allzu viele sinistre Gedanken im Falle eines Misserfolgs zu verlieren. Was bleibt, ist, dass der sich bildende Hauptstrom des Widerstands in die rechte Richtung fließt und Kubitschek hat seinen Anteil daran.

Dodecan

6. Juli 2017 23:58

Die Überschrift "Übermorgen" erschließt sich für Gedankenblöcke II-VII erst nach zweimaligem Lesen.

Gleichwohl kann jeder Block auch positiv beendet/weitergedacht werden und dann kann folgen: "In welche ferne Zeit bloß verschiebst Du den Dank? Auf übermorgen?"

Monika L.

7. Juli 2017 00:32

"VI. Aber vielleicht ist übermorgen die Unterwerfung des Einzelnen durch ein lückenloses Kommunikations-, Selbstoptimierungs- und Bedarfsweckungsangebot schon abgeschlossen. Zu vermuten, es gäbe unter der Oberfläche (dem Datenstrom, der Cloud, dem Content) so etwas wie ein Eigentliches, in dem man verbleiben könne, wäre dann ein romantisches Bild, ein Ordnungswunsch von vorgestern."

Wieso übermorgen ? Manch Identitärer ist so vertwittert, umclouded, verfollowed, accounted, so abgelenkt vom Entscheidenden......so uneigentlich..., daß er mal in Schnellroda ohne WLAN sensen sollte! Den sympathischen  jungen Mann mit den Bienenkörben und den Messerwürfen nehme ich aus.

Bei Bild VII stört mich die Reihenfolge. Kinder und Frauen zuerst. Oder?

Franz Bettinger

7. Juli 2017 01:09

Immer wieder ein sehr ästhetisches, aber auch inhaltlich starkes Erlebnis, ihre Essays, verehrter Herr Kubitschek. Danke, egal was am Ende bei Ihrem Einsatz herauskommt. 

J.F. Sebastian

7. Juli 2017 01:12

Danke für diese wunderbaren Fragmente. Das hat mich berührt, etwas melancholisch gestimmt, aber ich bleibe optimistisch, für das Übermorgen.

Der_Jürgen

7. Juli 2017 10:47

Nach der Lektüre dieses  ungeheuer starken Beitrags stelle ich mir stärker denn je zuvor folgende Frage: Wie lange dauert es wohl noch, bis in der Bundeswehr offen rebelliert wird? Bewahre, ich träume ja nicht von dem Grossen Putsch, der heute abend beginnt und in dessen Rahmen bis morgen früh die ganze volkszerstörende Clique verhaftet und vor ein Standgericht gestellt wird. Das ginge leider aus aussenpolitischen Gründen nicht gut; unsere lieben amerikanischen und sonstigen Bündnispartner würden den Putschisten flugs zeigen, wo der Bartel den Most holt, und den freiheitlichen Rechtsstaat  in noch freiheitlicherer Form wiederherstellen.

Doch wie kann die jetzige "Verteidigungsministerin" auch die letzten Reste von Tradition und Patriotismus in den Streitkräften ausmerzen und die Rekrutierung von Behinderten, Schwulen, Lesben und Transvestiten zur Schlüsselaufgabe der Bundeswehr erklären, ohne dass zumindest Tausende von Offizieren und Unteroffizieren wenigstens eine Demonstration durchführen oder eine Petition unterzeichnen?

"Mit wem wollte die Armee eigentlich das Vaterland verteidigen, wenn nicht mit Männern, die an Hierarchien glauben?" fragte sich Kubitschek schon anno 1997. Doch gegen wen soll diese Armee eigentlich ein Vaterland verteidigen,das es im offiziellen Sprachgebrauch längst nicht mehr gibt? Gegen die böhsen Onckelz in Moskau vielleicht? Es muss doch genügend Soldaten aller Ränge geben, die längst kapiert haben, dass der Feind im eigenen Lande hockt. Ja, er befolgt Befehle aus dem Ausland, aber das mildert seine Schuld nicht.

Notarius

7. Juli 2017 11:12

Als in einem bürgerlichen Beruf tätiger Familienvater ist man mit der ununterbrochenen Vernetzungs- und Transparenzmanie, der Erwartung gutgelaunter Dauerkommunikation, die bereits nach den Kindern greift, zwangsläufig konfontiert. Sich dem Beitritt zur Eltern-WhatsApp-Gruppe (die in der regel über den inhumanen Umfang der Hausaufgaben debattiert) zu verweigern, kein Smartphone zu besitzen, Urlaub auf einem heimischen Bauernhof zu machen, löst bereits ungläubiges Staunen der "Community" aus. Kaum je entdeckt man Gleich-Gesinnte oder -Fühlende. Daher ist es erhebend, am Morgen die einfühlsamen Skizzen diese Beitrags zu lesen. Möge es genügend "Sezessionisten" geben, die das Übermorgen noch nicht aufgegeben haben und aus der Empfindung des Bildes VII zu leben vermögen!

Braunschweiger

7. Juli 2017 11:58

@Der_Jürgen

"... ohne dass zumindest Tausende von Offizieren und Unteroffizieren wenigstens eine Demonstration durchführen oder eine Petition unterzeichnen?"

Vermutung: Es handelt sich bei diesen Tausenden nicht um Offiziere im eigentlichen Sinn, sondern um Verteidigungsbeamte. Diese verteidigen in letzter Konsequenz allenfalls ihren Stuhl, d.h. Position, Fortkommen, Besoldung, Pensionsanspruch. Das sage ich nicht voller Verachtung. Denn ein solcher Schritt wäre einerseits sinnlos, weil die "Aufsicht" unmittelbar einschreiten würde. Und andererseits halte ich es für ungeheuer schwer, einen solchen Entschluß in der heutigen Lage zu fassen - die Bundesrepublik ist schließlich nicht das 3. Reich.

Im Grunde wäre ein Putsch nur der endgültige Beweis , das das Deutschland von heute nichts weiter ist als eine gewöhnliche Bananenrepublik.

Sehrohrtiefe

7. Juli 2017 13:00

Ein erneut sehr gelungener Beitrag, stilistisch über jede Kritik erhaben und in seiner logischen Stringenz überzeugend, von Anfang bis Ende.

Ihre Frage, ob wir Leute dazu auffordern dürfen, "sich mit Namen, Gesicht, Biographie in ein Getümmel zu stürzen, in dem sie den Gegner ... niemals treffen werden", ist aktueller denn je. Bis jetzt war dieser Gegner unfähig bis drollig-harmlos, auch wenn sich das in Einzelfällen natürlich anders darstellte. Eine Bürokratie, die Transparenz vorantreibt, um Gleichschaltung zu erreichen, stößt schnell an ihre Grenzen: notorischer Ressourcenmangel, Führungsmangel dank fachlich ungeeigneter Karrieristen an ihrer Spitze, innere Opposition und ein Übermaß an zeitraubenden Prozeduren sorgen hier für eine natürliche Bremse. Darum hat Minister Maass ja auch sein Netzwerkdurchsetzungsgesetz durchgepeitscht: als Bankrotterklärung der öffentlichen Hand und in der Hoffnung, daß der Markt die gewünschten Ergebnisse in vorauseilendem Gehorsam selbst - und besser - erreicht. Und diese Gefahr besteht natürlich, auch wenn es hier ebenfalls genügend zielführende Gegenstrategien gibt, von Verschlüsselung bis Overkill durch falsche Spuren im Netz.

Gerade im Internet - udn allegemeiner im öffentlichen Bereich - bleibt aber oftmals doch etwas hängen, und deshalb ist die nachhaltigste Strategie eine des bewußten Verzichtes. Es gibt Gruppen, die die öffentliche Darstellung zielgerichtet aufsuchen und dabei breite Wirkung erreichen, und das ist hilfreich, vor allem um der stille Masse Alternativen und eine Richtung aufzuzeigen. Doch es gibt genug andere, für die dies keine sinnvolle Strategie sein kann - ja ganz im Gegenteil, wo eine derartige Betätigung auch für die Sache schädlich wäre.

Sie schildern fundiert die Situation in der Bundeswehr. Ähnliches ließe sich über jeden Teil des Staates und seiner Organe sagen. Viele, die eine ähnliche Philosophie haben wie Sie, denen das Gemeinwohl ein positiv besetzter Inhalt ist, die einen preußischen Hintergrund haben, haben bewußt die Entscheidung getroffen, ihr Berufsleben auf die Pflege und Hege dieses Gemeinwohls auszurichten. Diese Menschen nehmen zunehmend wahr, daß unter verlogenen Parolen von Gefahrenabwehr und politischer Korrektheit Mechanismen installiert werden, die zu nichts anderem als der Überwachung, Ausspähung und Einschüchterung unbescholtener Bürger dienen, "Transparenz" eben als Mittel eines Staatszwecks, der sich selbst abhanden gekommen ist und dessen Akteur - der Staat - längst nicht mehr das ist, was er sein sollte: ausführendes Organ des Volkswillens.

Arbeitet man in einem solchen System, gibt es verschiedenen Möglichkeiten: man arrangiert sich, man geht in die innere Emigration oder den vorzeitigen Ruhestand, man kündigt oder wird krank, bis hin zu Verzweiflungstaten wie Selbsttötung im Dienst (dies alles sind reale Beispiele). Aber es gibt noch eine weitere Möglichkeit: im Bewußtsein des "Übermorgen" und im Vertrauen darauf, daß auch wieder bessere Zeiten kommen, auszuharren und im Kleinen ein Vorbild zu sein: hier ein Gespräch, da eine Geste, dort ein stillschweigender Akt der Solidarität mit einem armen Schwein, dem das System den Garaus machen will.

Diese Leute gibt es, und es sind nicht wenige. Sie sind stark, autark, individualistisch und doch Teil eines großen Ganzen. Es sind U-Boote in feindlichen Gewässern, aber sie können sehr effektiv sein. Diese Menschen sind zu schützen durch die, die es können (doch natürlich müssen sie sich in erster Linie selbst schützen). Und deshalb ist es nobel, aber auch entschieden notwendig, sich der Transparenz zu entziehen und an Strukturen zu arbeiten, um ganz klassische Kommunikation außerhalb des Netzes wieder zu stärken und sich in einer engen Gemeinschaft zu erden.

Sie sind auf gutem Weg dabei, und Sie werden Gutes ernten.

Osmond van Beck

7. Juli 2017 15:41

Vielen Dank für diese beinahe schon kontemplative Betrachtung. Geistiges Manna in der Vollendung. 

Gotlandfahrer

7. Juli 2017 17:30

Man sollte der Bundeswehr nicht nachtrauern und ihr Widerstand zutrauen, nur weil sie (noch) das eiserne Kreuz als Logo nutzt (gern auch schon mal in Gender bunt wie auf dem BW-Tag der sexuellen Vielfalt) und das ein oder andere Verfahren nutzt, das man mit Militär gemeinhin in Verbindung bringt. Es ist wie mit der 'Bundesrepublik' und GK hat dazu schon alles gesagt: Staat ist eine vergängliche Hülle wie eine Armee dessen augenblickliches militärisches Vehikel ist. Man komme doch bitte nicht auf die Idee, dies mit dem 'Land' oder dem 'Volk' zu verwechseln. Was kümmern mich die ekelhaften Lächerlichkeiten einer UvL und ihrer ihrer Lemminge? Sollen sie doch alles entfernen was ihnen nicht passt, es ist ohnehin zu schade für sie und ihr vorheriger, geduldeter Gebrauch war selbst bereits ungewollt mißbräuchlich weil dort im Zusammenhang entehrend. Leid tun mir zwar die, die in der Erwartung dort gedient haben, dass hier irgendwelche 'Reste' schützenswert gewesen wären. Aber die Erfahrung wird ihnen nur nützen können.

Martin S.

7. Juli 2017 17:46

Solange einer von UNS noch da ist, gilt nicht "Finis Germaniae",  sondern Finis? Germania!

Nautilus

7. Juli 2017 18:37

ein sehr guter Text, der natürlich jedem immer wieder vor Augen führt, was auf uns zukommt. Von diesen Offizieren der Bundeswehr erwarte ich überhaupt nichts, nicht von diesen. Ich habe mir die Abschiedsrede von Generalmajor Trull angeschaut, ich hatte Tränen in den Augen. Solche Leute gibt es heute nicht mehr.

Hätten wir doch mehr Bürger wie die, welche Götz Kubitschek beschrieb, dann wäre mir um Deutschland nicht bange.

Katzbach

7. Juli 2017 21:20

Man könnte die Sache auch anders betrachte. Wer nicht mehr Soldat ist, muss sich einen anderen Beruf suchen. Welche Aufgabe die Aussortierten übernehmen sollen, kann ich schlecht ergründen. Als man den Deutschen letztes mal die Flöhe aus dem Pelz geschüttelt hat, brauchte man sie als Bewohner oder auch Kämpfer in einem neuen Land.

Solution

8. Juli 2017 01:59

Die vielen Bundeswehr-Unteroffiziere und auch -Offiziere, die ich aus beruflichen Gründen kennen gelernt habe, sind fast alle totale Systemheinis oder völlig ahnungslos. Am besten löst man diese Truppe komplett auf und läßt die Bevölkerung sich - auch mit automatischen Waffen - bewaffnen. Mindestens wie in den USA.

Abronsius

8. Juli 2017 13:39

Das Bild (VI.) von der ununterbrochenen Linie der Vorfahren ist unglaublich stark. Thomas Mann läßt in seinen "Buddenbrooks" den Thomas Buddenbrook zu seiner Schwester sagen: "Wir sind alle nur Glieder in einer Kette". Dieses "nur" ist eine krasse Untertreibung. Es ist diese Kette, die uns mit dem Ursprung des Lebens selbst verbindet. Wo der Verstand nicht weiterkommt, kneif dich in den Arm.

Zu IV. - dem totgehetzten Dissidenten - will ich eine Stelle von Jeremy Rifkin aus dem Buch "Die Null Grenzkosten Gesellschaft" (2014) bringen (S. 114 - 115). Jeremy Rifkin ist ein US-amerikanischer Philosoph, der die EU-Kommission und Angela Merkel berät:

"Alle und alles an ein globales neurales Netzwerk anzuschließen führt die Menschheit zweifelsohne heraus aus dem Zeitalter der Privatsphäre, möglicherweise das Charakteristikum der Moderne, und in eine Ära der Transparenz. Zwar gilt die Privatsphäre seit langem als Grundrecht, ein angeborenes Recht war sie jedoch durchaus nicht immer und überall. Überhaupt wurde das Leben bis zur Moderne mehr oder weniger öffentlich gelebt, wie es sich für die geselligste Spezies der Erde gehört. ... In praktisch jeder uns bekannten Gesellschaft vor der Neuzeit badeten die Leute gemeinsam, urinierten oder defäkierten öffentlich, aßen am gemeinsamen Tisch, tauschten nicht selten öffentlich sexuelle Intimitäten aus und schliefen zu vielen in einem Bett. 

Erst in der kaptialistischen Ära begannen die Menschen, sich hinter verschlossene Türen zurückzuziehen ...

... Heute kratzt das im Aufbau begriffene Internet der Dinge Schicht um Schicht an den Einhegungen, die die Privatsphäre sakrosankt gemacht haben ... Für eine jümngere Generation, die in einer global vernetzten Welt aufwächst, in der eifrig jeder Augenblick des eigenen Lebens gepostet und mit der Welt per Facebook, Twitter, YouTube, Instagramm und zahllose andere soziale Medien geteilt wird, hat die Privatsphäre viel von ihrem Appeal verloren. Für sie ist Freiheit nicht an Autonomie gebunden, nicht an Ausschluss, sie liegt vielmehr in der Freude am Zugang zu anderen, an der Aufnahme auf einem globalen virtuellen öffentlichen Platz. Das Merkmal der jüngeren Generation ist die Transparenz, ihr Modus operandi die gemeinsame Arbeit, und ihre Persönlichkeit findet ihren Ausdruck durch Peer-Produktion in lateral skalierten Netzwerken.

Ob künftigen Generationen in einer zunehmend vernetzten Welt, in der alle und alles in ein Internet der Dinge eingebettet sind, nicht viel an der Privatsphäre liegen wird, bliebe zu diskutieren."

Die theoretischen und historischen Exkurse von Rifkin sind in aller Regel zum Schreien dämlich. Aber das verleitet nur dazu, seine visionäre Kraft und vor allem seinen Einfluß zu unterschätzen. Nochmal, dieser Mann berät Angela Merkel und die Europäische Kommission.

Scipio

9. Juli 2017 08:51

"Werden wir eines Tages zur Transparenz verpflichtet? Wird für asozial gelten, wer sich nicht beteiligen will, wer nicht offenlegen will, was er denkt und treibt ..."

Natürlich Herr Kubitschek. Zu diesem Zeitpunkt sind wir dann endgültig bei DDR 2.0 angekommen, die Verpflichtung zur Meinungsäußerung im Sinne des Mainstreams. Ansonsten Nachteile, Repressionen. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ob es nicht teilweise schon so weit ist.

calculus

9. Juli 2017 10:48

Ich bin ein Gegner der Transparenz.

Es ist genau dieser Punkt, an dem man die grundlegenden Veränderungen in diesem Lande festmachen kann.

Kürzlich hatte ich ja bereits darauf verwiesen, daß wir es uns früher, in den siebziger, achtziger Jahren, im Osten nicht hatten nehmen lassen wollten, RIAS Treffpunkt zu hören. Dort hatten sie immer einen kleinen, vor allem an uns im Osten adressierten, Block politischer Agitation eingestreut. An einen dieser Beiträge kann ich mich deart plastisch erinnern, als wäre es erst vor wenigen Tagen gewesen. Es ist wie eine Lichtmarke, wie ein unerschütterlicher Meßpunkt. In diesem Beitrag ging es um das Lied Große Fenster, vorgetragen vom Berlinder Oktoberklub (https://www.youtube.com/watch?v=HmcfMBYvIE4, Text: https://www.songtexte.com/songtext/electra/grosse-fenster-63fc3a6f.html), dem Flaggschiff der Ostberliner Singebewegung. Es ging darum, das Verhängnisvolle dieser Ideologie der Transparenz herauszuarbeiten.

Alexander Sorge

9. Juli 2017 21:01

Das auf III, IV folgt ist insofern mal spannend, da beim Lesen von III ein scheinbar und offenbar einfaches Gegenbeispiel auf der Hand liegt, dieses aber mit IV aufgegriffen und nun mehr als offensichtlich wird, wie verkrampft die Argumentation ist.

Nemo Obligatur

9. Juli 2017 22:23

Jetzt lese ich das schon zum dritten Mal und es wird immer besser. Bevor ich den Laptop für heute zuklappe, möchte noch den Punkt II. mit dem heutigen Sonntagsheld kurzschließen (der Link ganz am Schluss, "Millwall II", wer des Englischen mächtig ist, sollte es lesen, andächtig innehalten und sich dann den Zugführer beim Rapport bei Frau vdL vorstellen).

Nr. VII. ist wirklich gut. Auch die Reihenfolge stimmt. (@Monika). Eben nicht "Frauen und Kinder" zuerst. Es ist ja kein Schiffsuntergang, auch keine wertende Aufzählung. Eher das worauf der Blick fällt oder eben nicht fällt, wenn man am Schreibtisch sitzt und sich umschaut.

rautenklause

10. Juli 2017 00:40

Ulrich Schacht bemerkte treffend: "Neues Wort für Gleichschaltung: Transparenz". Der hier im Blog und Magazin schon mehrfach erwähnte Byung-Chul Han hat ein kleines, explosives Bändchen "Transparenzgesellschaft" veröffentlicht, das die Problematik eindrücklich vertieft.

https://antaios.de/detail/index/sArticle/42831

Monika L.

10. Juli 2017 11:04

-meine politische Romantik -

schön, das bedarf m, E. einiger Entfaltungen an eigenem Ort

Nur kurz: Nikolaij Berdiajew unterscheidet in seinem Werk DER SINN DER GESCHICHTE (entstanden zwischen 1920-22 ) zwischen Zivilisation und Kultur. Zitat: "Die besten Menschen des Westens empfanden jenen tödlichen sehnsüchtigen Trübsinn infolge des Sieges des Mammonismus im alten Europa, des Todes der geistigen Kultur - der heiligen und der symbolischen - in der seelenlosen, technischen Zivilisation..." Sensenmann, ununterbrochene Linie der Vorfahren, alte deutsche Volkslieder... lieber lucide als transparent: https://m.youtube.com/watch?v=AYTaZGjVMr0

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