Sezession
18. Juli 2017

Die Verachtung des Laien

Johannes Poensgen / 6 Kommentare

Mit einigen Leuten beim Grillen. Die Gruppe ist recht heterogen, ich und noch ein anderer Student, der Rest ist aus dem, was man früher einmal die Arbeiterklasse genannt hätte.

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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Es entsteht eine Diskussion zwischen meinem Kommilitonen und einer jungen Frau in der Pflegeausbildung über Einwanderung und Rassismus.

Azubine: „Das ist mir egal ob das Deutsche oder Ausländer sind. Ich sehe das nicht ein. Ich bin jeden Nachmittag kaputt, während zwei Bekannte von mir auf Hartz 4 den ganzen Tag auf dem Sofa rumgammeln. Die haben einen riesen Flachbildfernseher und alles. Und das sind Deutsche, das gibt’s ja da genauso.“

Student: „Darum geht’s doch gar nicht. Ja, Schmarotzer gibt’s auch unter Deutschen, aber das war früher immer die Ausnahme. Jetzt machen wir das schmarotzen Dürfen zur Norm und sagen noch, daß alle Welt dazu kommen soll. Und dann kommen auch Völker, bei denen die IQ-Verteilung etwas anders aussieht als bei uns. Die können in unserer Gesellschaft gar nicht anders als schmarotzen. Bei Deutschen sieht die dann so aus (macht eine Handbewegung, die in etwa eine Glockenkurve darstellt) und bei Nigerianern so (macht dieselbe Handbewegung versetzt noch einmal). Wenn du das zusammentackerst, dann sieht das aus wie zwei Kamelhöcker und du hast zusätzlich zu den Deutschen die hier sind (deutet ungefähr auf das untere Ende der deutschen Verteilungskurve) noch die ganzen Leute hier obendrauf.“

Die junge Azubine ist völlig unbeeindruckt und spult weiter ihren Text ab: „Ich finde einfach nur, daß Leute die nicht arbeiten, nicht genausoviel, oder sogar mehr haben sollten, wie Leute die arbeiten. Das hat doch mit der Einwanderung nichts zu tun und egal wie man jetzt zu der Masseneinwanderung steht und ich bin auch eher dagegen, aber usw. usw.“

Später, wir sind in der Stadt unterwegs, ich spöttle ein wenig über meinen Freund:

Ich: „Und? Erfolg gehabt in deiner Diskussion?“

Er: „Diskussion kann man‘s nicht wirklich nennen. Aber das ist ja in 80% der Fälle so.“

Ich: „ Die Fähigkeit Menschen als Statistik zu begreifen ist nicht wirklich weit verbreitet.“

Er: „Nicht wirklich.“

Ich: „Dabei geht es dabei nicht einmal um die Mathematik dahinter, es reicht ja, soweit vom einzelnen Menschen abstrahieren zu können, daß man sich Menschengruppen irgendwie mit unterschiedlichen Verteilungen denken und sich das dann graphisch vorstellen kann.“

-- -- --

Szenenwechsel: Ein anderes Fest. Ich sitze mit zwei Ingenieuren zusammen. Der eine erzählt von einem Problem seiner Firma. Das Unternehmen hat jetzt einen Bauvertrag am Hals, bei dem es selbst und nicht der Bauherr das Risiko für Fehler des Geometers trägt. Ich will irgendwie mitreden und frage ihn, was das bedeutet.

Erster Ingenieur: „Der Geometer macht die Messungen, nach denen dann alle schaffen und wenn der sich nur um einen Zentimeter oder zwei irrt, dann passen die ganzen Teile nicht.“

Ich: „Und das Risiko trägt nicht der Geometer?“

Erster Ingenieur: „Nein, wenn der sich irrt, dann macht der dir eine neue Messung, aber der zahlt nicht für die ganzen Träger und Fenster, die schon angefertigt wurden.“

Ich: „Das ist dann aber ein beschissener Vertrag, wenn der dafür nicht aufkommen muß.“

Die beiden schauen mich komisch an.

Zweiter Ingenieur: „Äh, das ist ein ganz normaler Vertrag. Das wird dir keiner anders machen.“

Soviel zu meinem Versuch mich konstruktiv in dieses Gespräch einzubringen, ohne mich zum Affen zu machen. Ich war schließlich mit der Materie vollständig unvertraut und wollte bloß mitschwätzen. Die beiden Ingenieure dachten sich wohl auch nichts weiter dabei.

Warum können wir politischen Menschen nicht ähnlich mit der Ignoranz umgehen, die unserem Spezialgebiet von anderen widerfährt? Daß wir es nicht können, scheint ein Ergebnis unserer demokratischen Erziehung zu sein. Die Forderung an den mündigen Bürger, sich gefälligst zu informieren und seine eigene Meinung zu bilden, damit er am öffentlichen Diskurs teilhabe und am Wahltag seiner Bürgerpflicht nachkomme indem er sein X-Millionstel zur demokratischen Willensbildung beitrage, erscheint uns meist selbstverständlich.

Und witzigerweise sind es gerade die Rechten, die hier die größten Enttäuschungen erleben. Die anderen haben immerhin gute Chancen, daß Lieschen Müller auf Verlangen ihre Phrasen ausspuckt. Da kann man sich bequem darüber hinwegtäuschen, daß es eben genau das ist und nicht mehr: Die Wiedergabe aufgeschnappter Phrasen.

Diese Erwartung ist bei Lichte betrachtet reichlich sonderbar. Für den normalen Menschen hat es sicherlich größeren Nutzen, die üblichen Vertragskonditionen eines Geometers zu erfahren, als sich über IQ-Verteilungskurven und ihre gesellschaftlichen und politischen Implikationen zu unterrichten. Es könnte schließlich sein, daß er einmal ein Haus baut.

Dabei bedeutet das ja nicht, daß normale Menschen sich überhaupt nicht politisch informieren. Sie tun es nur weder aus Eigeninteresse, noch aus Bürgerpflicht, sondern aus Neugier. Diese Neugier ist bei dem einen stärker, bei dem anderen schwächer ausgeprägt und hat naturgegebenerweise eine Vorliebe für das Aufsehenerregende oder Empörende, überhaupt für das sinnlich Vorstellbare gegenüber dem trockenen Brot der Theorie.

Andersherum: Wenn ich einen Geometer beauftrage, dann ist es sicherlich interessant ihm bei der Arbeit zuzusehen oder mit ihm über seine Tätigkeit zu plaudern. Nur, er verschone mich mit den Problemen seiner Gerätschaften und Berechnungen. Sollte dann noch irgendein Neunmalkluger daherkommen und von mir verlangen, die Messungen des Geometers kritisch zu hinterfragen, dann kann ich ihn nur an den Baustatiker verweisen.

Überhaupt, die beiden sollen machen, das das Haus gerade steht und nicht einstürzt!


Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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Kommentare (6)

ALD
19. Juli 2017 01:33

Sehr gut.

Franz Bettinger
19. Juli 2017 01:34

Arthur Schopenhauer hat zu diesem Thema etwas Erhellendes beigesteuert. Er schreibt sinngemäß: "Nicht mit dem Erstbesten disputieren; sondern nur mit solchen, von denen man weiß, dass sie Verstand genug haben, nicht zu Absurdes vorzubringen. Man muss mit guten Gründen disputieren und nicht mit Machtsprüchen, und auf Gegen-Gründe hören und darauf eingehen. Man muss die Wahrheit schätzen, gute Gründe gerne hören, auch aus dem Munde des Gegners, und es ertragen können, Unrecht zu haben, wenn die Wahrheit auf der andern Seite liegt. Daraus folgt, dass unter Hundert kaum einer ist, der es wert ist, dass man mit ihm disputiert. Die Übrigen lasse man reden, was sie wollen, und man bedenke, was Voltaire sagte: 'La paix vaut encore mieux que la vérité'.“

Die Schopenhauer'sche Erkenntnis hat mir geholfen, meine Energie besser einzuteilen. Ich habe denselben Kommentar schon 1-mal früher abgegeben. Er ist es wert, wiederholt zu werden.

Rabenfeder
19. Juli 2017 05:38

@ Johannes Konstantin Poensgen

Na, ja die junge Azubine aus ihrer ersten Szene reagiert doch ganz gesund; durchaus so wie es sich für eine wohlerzogene Maid geziemt. Sie ist erbost darüber, dass andere, ihr bekannte Leute auf der Couch abhängen und dabei reichlich Geld vom Sozialamt (auch wenn es sich jetzt anders nennt) kassieren, während sie sich für kaum mehr Lohn müde arbeitet. Ihr aktiver Gerechtigkeitssinn lässt sie verstehen, dass sehr viele Menschen auf Kosten anderer leben, obwohl sie es auch anders halten könnten. Sie abstrahiert also zumindest ein wenig vom konkreten Fall (dem Gefühl selbst ausgenutzt zu werden) und ist fähig, das Allgemeine, das prinzipiell Ungerechte an einem Leben auf Kosten anderer Leute zu erkennen. Nun kommt ihr Kommilitone daher und versucht mit ihr eine ganz andere Rechnung aufzumachen und sie spürt durchaus, dass hier eine andere, mit rot leuchtenden Gedankengefahr-Zeichen angezeigte Diskussion geführt werden soll. Sie macht eine Autoritäten-Abschätzung: Traue ich dem Verbotsschild von Papa Staat und der Tante Gesellschaft (und die Gebote wurden seit frühester Kindheit in ihren Kopf hinein massiert) oder traue ich diesem Studenten, der mich ja vielleicht mit seinem Gerede nur auf verbotene Abwege führen will? Auf verbotene Abwege und in den dunklen Wald lässt sich ein braves Madel aber weiß Gott nicht von jedem Kerl führen, da muss dann schon ein Autoritätsbeben auf anderer Ebene her... Ihr Sicherheitssinn gebietet also Vorsicht, denn wer hätte z.B. nicht gehört, dass man nur den Statistiken vertrauen sollte, die man selbst gefälscht hat? Eine durchaus tugendhafte (tugendhaft für den, der nicht gerade die freche, respektlose Göre als neues Leitbild propagieren will), aber durch die Autoritäten der hiesigen Villa Kunterbunt leider schlecht geleitete junge Frau, oder nicht?

Sie schreiben:

„Soviel zu meinem Versuch mich konstruktiv in dieses Gespräch einzubringen, ohne mich zum Affen zu machen. Ich war schließlich mit der Materie vollständig unvertraut und wollte bloß mitschwätzen. Die beiden Ingenieure dachten sich wohl auch nichts weiter dabei.“

Also ich vermag nicht zu erkennen, wann sie sich zum Affen gemacht hätten, es sei denn sie hätten sich in ein privates Gespräch ungefragt hineingedrängt um mit ihrem (Nicht-)Wissen glänzen zu wollen. Im Rahmen eines zwanglosen Gespräches auf einer Party, macht ihre Frage doch durchaus Sinn. Ihr aktiver Gerechtigkeitssinn lässt Sie verstehen, dass es nicht gerecht ist, wenn jemand für den Fehler eines Dritten haften und ein Risiko tragen muss, dass eigentlich demjenigen zukommen sollte, dessen Fehlberechnung zu den erhöhten Kosten geführt hat. Gab es noch mehr Erklärung als komische, womöglich peinlich berührte Blicke und den alles erklärenden Satz: „ „Äh, das ist ein ganz normaler Vertrag. Das wird dir keiner anders machen.“ Ich spekuliere mal, dass es sich bei den Geometern meist um Freiberufler bzw. Selbstständige handelt, oder Angestellte von kleineren Vermessungsfirmen, die, wenn sie das Risiko tragen müssten, schon bald alle dichtmachen würden. Der Berufsstand wäre also töricht, wenn er sich auf derartige Risiken einlassen würde. Oder kam ihnen, blamiert bis auf die Knochen, im Angesicht der anwesenden Ingenieurs-Autorität nur ein gestammeltes „how mortifyingly stupid of me!“ über die Lippen und sie verstummten für den Rest des Abends, der Schande voll? Immerhin dachten sich die Ingenieure nichts weiter dabei, was darauf schließen lässt, dass ihr Fauxpas wohl keine schlimmeren Folgen nach sich zog. Vergesse ich zuweilen, dass ich unter Rechten bin und das auch die Partys anders aussehen, als ich das von früher her kenne? ;)

 

["Ihr aktiver Gerechtigkeitssinn lässt Sie verstehen, dass es nicht gerecht ist, wenn..." Das ist ja der Punkt. Ich urteilte hier genau wie die Azubine oben. "Das finde ich aber ungerecht!", rufen, ohne überhaupt eine Ahnung von dem Thema zu haben. Johannes Konstantin Poensgen]

Franz Bettinger
19. Juli 2017 13:00

@Rabenfeder

Sehr schöne, gelungene Analyse. Chapeau! Also, was tun mit der Maid? Ich dränge weiter, in so einem Fall. Ich gebe nicht leicht auf. Vielleicht fällt die Maid nicht gleich um von meinem Charme-Angriff auf Ihren IQ und Ihren Instinkt, aber eine ordentliche Maid wird wohl verunsichert, fängt an zu denken, und am Ende, wer weiß, hab ich sie, wo ich sie haben will, auf meiner Seite. Früher hätte ich gesagt, einen Gebildeten zu überzeugen sei leichter als einen Ungebildeten. Aber das glaube ich jetzt nicht mehr. Neulich habe ich mit simplen Argumenten einen Simpel überzeugt. So it goes.

silberzunge
20. Juli 2017 18:01

Guter Beitrag!

Rabenfeder
21. Juli 2017 05:33

@ Johannes Konstantin Poensgen

Sie schreiben:

„Das ist ja der Punkt. Ich urteilte hier genau wie die Azubine oben. "Das finde ich aber ungerecht!", rufen, ohne überhaupt eine Ahnung von dem Thema zu haben.“

Ja, das verstehe ich; allerdings hat sich meines Erachtens weder die Azubine noch Sie selbst zum Affen gemacht oder gar Verachtung verdient. Der Gerechtigkeitssinn erscheint mir gerade auch in ihrer Party-Szene ein recht brauchbares Hilfsmittel (oder weniger profan, eine Anfrage an das Ideal, oder gar eine vielversprechende Anrufung der Gottheit), um bei fehlendem Fachwissen sich dem Thema anzunähern. Sie erkennen die prinzipielle Ungerechtigkeit, dass jemand für etwas haftet, das er nicht zu verantworten hat. Wenn ihre beiden Party-Ingenieure anstatt einem pikierten „Äh, das ist ein ganz normaler Vertrag. Das wird dir keiner anders machen.“ ihnen erklärt hätten, dass kein Geometer-Büro die hohen Risiken schultern könne - gesetzt, dies kommt der Realität nahe genug -, dann hätte eine weitere Anfrage an ihren Gerechtigkeitssinn denjenigen ermittelt, der das Risiko gerechterweise eigentlich tragen müsste: Der Bauherr natürlich! Denn der könnte ja noch einen zweiten Geometer mit der Vermessung beauftragen, gar einen dritten oder vierten, und damit das Risiko entsprechend minimieren, wenn er denn wollte. Dass dies in der Praxis einfach mit zu hohen Kosten verbunden sein dürfte, steht auf einem anderen Blatt. Immerhin schienen aber auch ihre Ingenieure darin übereinzustimmen, dass der Bauherr die Risiken eigentlich zu tragen hätte (ist auch bei Experten etwas der Gerechtigkeitssinn aktiv? - man könnte aber auch den Verdacht haben, dass selbst die Experten sich nie Gedanken darüber gemacht haben, warum etwas so ist, warum z.B. der Bauherr für gewöhnlich das Risiko trägt. Äh, das ist nun mal so. Letzteres ist in diesem Fall sicher wenig wahrscheinlich, aber sie verstehen, worauf ich hinaus will, nicht?) Ausnutzen von Marktmacht dürfte dann die prinzipiell gerechte Risikoverteilung mitunter, vermutlich auch in diesem Fall, anders gestalten. Klar dringen Sie mit derart laienhaftem Verständnis nicht in die Tiefen des Fachbereichs ein, aber für ein anregendes Gespräch (ganz ohne jähes Verstummen – der Schande voll!) auf einer Party taugt es doch allemal, oder?

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