Die Verachtung des Laien

Mit einigen Leuten beim Grillen. Die Gruppe ist recht heterogen, ich und noch ein anderer Student, der Rest ist aus dem, was man früher einmal die Arbeiterklasse genannt hätte.

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

Es ent­steht eine Dis­kus­si­on zwi­schen mei­nem Kom­mi­li­to­nen und einer jun­gen Frau in der Pfle­ge­aus­bil­dung über Ein­wan­de­rung und Rassismus.

Azu­bi­ne: „Das ist mir egal ob das Deut­sche oder Aus­län­der sind. Ich sehe das nicht ein. Ich bin jeden Nach­mit­tag kaputt, wäh­rend zwei Bekann­te von mir auf Hartz 4 den gan­zen Tag auf dem Sofa rum­gam­meln. Die haben einen rie­sen Flach­bild­fern­se­her und alles. Und das sind Deut­sche, das gibt’s ja da genauso.“

Stu­dent: „Dar­um geht’s doch gar nicht. Ja, Schma­rot­zer gibt’s auch unter Deut­schen, aber das war frü­her immer die Aus­nah­me. Jetzt machen wir das schma­rot­zen Dür­fen zur Norm und sagen noch, daß alle Welt dazu kom­men soll. Und dann kom­men auch Völ­ker, bei denen die IQ-Ver­tei­lung etwas anders aus­sieht als bei uns. Die kön­nen in unse­rer Gesell­schaft gar nicht anders als schma­rot­zen. Bei Deut­schen sieht die dann so aus (macht eine Hand­be­we­gung, die in etwa eine Glo­cken­kur­ve dar­stellt) und bei Nige­ria­nern so (macht die­sel­be Hand­be­we­gung ver­setzt noch ein­mal). Wenn du das zusam­men­ta­ckerst, dann sieht das aus wie zwei Kamel­hö­cker und du hast zusätz­lich zu den Deut­schen die hier sind (deu­tet unge­fähr auf das unte­re Ende der deut­schen Ver­tei­lungs­kur­ve) noch die gan­zen Leu­te hier obendrauf.“

Die jun­ge Azu­bi­ne ist völ­lig unbe­ein­druckt und spult wei­ter ihren Text ab: „Ich fin­de ein­fach nur, daß Leu­te die nicht arbei­ten, nicht genau­so­viel, oder sogar mehr haben soll­ten, wie Leu­te die arbei­ten. Das hat doch mit der Ein­wan­de­rung nichts zu tun und egal wie man jetzt zu der Mas­sen­ein­wan­de­rung steht und ich bin auch eher dage­gen, aber usw. usw.“

Spä­ter, wir sind in der Stadt unter­wegs, ich spött­le ein wenig über mei­nen Freund:

Ich: „Und? Erfolg gehabt in dei­ner Diskussion?“

Er: „Dis­kus­si­on kann man‘s nicht wirk­lich nen­nen. Aber das ist ja in 80% der Fäl­le so.“

Ich: „ Die Fähig­keit Men­schen als Sta­tis­tik zu begrei­fen ist nicht wirk­lich weit verbreitet.“

Er: „Nicht wirklich.“

Ich: „Dabei geht es dabei nicht ein­mal um die Mathe­ma­tik dahin­ter, es reicht ja, soweit vom ein­zel­nen Men­schen abs­tra­hie­ren zu kön­nen, daß man sich Men­schen­grup­pen irgend­wie mit unter­schied­li­chen Ver­tei­lun­gen den­ken und sich das dann gra­phisch vor­stel­len kann.“

– – –

Sze­nen­wech­sel: Ein ande­res Fest. Ich sit­ze mit zwei Inge­nieu­ren zusam­men. Der eine erzählt von einem Pro­blem sei­ner Fir­ma. Das Unter­neh­men hat jetzt einen Bau­ver­trag am Hals, bei dem es selbst und nicht der Bau­herr das Risi­ko für Feh­ler des Geo­me­ters trägt. Ich will irgend­wie mit­re­den und fra­ge ihn, was das bedeutet.

Ers­ter Inge­nieur: „Der Geo­me­ter macht die Mes­sun­gen, nach denen dann alle schaf­fen und wenn der sich nur um einen Zen­ti­me­ter oder zwei irrt, dann pas­sen die gan­zen Tei­le nicht.“

Ich: „Und das Risi­ko trägt nicht der Geometer?“

Ers­ter Inge­nieur: „Nein, wenn der sich irrt, dann macht der dir eine neue Mes­sung, aber der zahlt nicht für die gan­zen Trä­ger und Fens­ter, die schon ange­fer­tigt wurden.“

Ich: „Das ist dann aber ein beschis­se­ner Ver­trag, wenn der dafür nicht auf­kom­men muß.“

Die bei­den schau­en mich komisch an.

Zwei­ter Inge­nieur: „Äh, das ist ein ganz nor­ma­ler Ver­trag. Das wird dir kei­ner anders machen.“

Soviel zu mei­nem Ver­such mich kon­struk­tiv in die­ses Gespräch ein­zu­brin­gen, ohne mich zum Affen zu machen. Ich war schließ­lich mit der Mate­rie voll­stän­dig unver­traut und woll­te bloß mit­schwät­zen. Die bei­den Inge­nieu­re dach­ten sich wohl auch nichts wei­ter dabei.

War­um kön­nen wir poli­ti­schen Men­schen nicht ähn­lich mit der Igno­ranz umge­hen, die unse­rem Spe­zi­al­ge­biet von ande­ren wider­fährt? Daß wir es nicht kön­nen, scheint ein Ergeb­nis unse­rer demo­kra­ti­schen Erzie­hung zu sein. Die For­de­rung an den mün­di­gen Bür­ger, sich gefäl­ligst zu infor­mie­ren und sei­ne eige­ne Mei­nung zu bil­den, damit er am öffent­li­chen Dis­kurs teil­ha­be und am Wahl­tag sei­ner Bür­ger­pflicht nach­kom­me indem er sein X‑Millionstel zur demo­kra­ti­schen Wil­lens­bil­dung bei­tra­ge, erscheint uns meist selbstverständlich.

Und wit­zi­ger­wei­se sind es gera­de die Rech­ten, die hier die größ­ten Ent­täu­schun­gen erle­ben. Die ande­ren haben immer­hin gute Chan­cen, daß Lies­chen Mül­ler auf Ver­lan­gen ihre Phra­sen aus­spuckt. Da kann man sich bequem dar­über hin­weg­täu­schen, daß es eben genau das ist und nicht mehr: Die Wie­der­ga­be auf­ge­schnapp­ter Phrasen.

Die­se Erwar­tung ist bei Lich­te betrach­tet reich­lich son­der­bar. Für den nor­ma­len Men­schen hat es sicher­lich grö­ße­ren Nut­zen, die übli­chen Ver­trags­kon­di­tio­nen eines Geo­me­ters zu erfah­ren, als sich über IQ-Ver­tei­lungs­kur­ven und ihre gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Impli­ka­tio­nen zu unter­rich­ten. Es könn­te schließ­lich sein, daß er ein­mal ein Haus baut.

Dabei bedeu­tet das ja nicht, daß nor­ma­le Men­schen sich über­haupt nicht poli­tisch infor­mie­ren. Sie tun es nur weder aus Eigen­in­ter­es­se, noch aus Bür­ger­pflicht, son­dern aus Neu­gier. Die­se Neu­gier ist bei dem einen stär­ker, bei dem ande­ren schwä­cher aus­ge­prägt und hat natur­ge­ge­ben­er­wei­se eine Vor­lie­be für das Auf­se­hen­er­re­gen­de oder Empö­ren­de, über­haupt für das sinn­lich Vor­stell­ba­re gegen­über dem tro­cke­nen Brot der Theorie.

Anders­her­um: Wenn ich einen Geo­me­ter beauf­tra­ge, dann ist es sicher­lich inter­es­sant ihm bei der Arbeit zuzu­se­hen oder mit ihm über sei­ne Tätig­keit zu plau­dern. Nur, er ver­scho­ne mich mit den Pro­ble­men sei­ner Gerät­schaf­ten und Berech­nun­gen. Soll­te dann noch irgend­ein Neun­mal­klu­ger daher­kom­men und von mir ver­lan­gen, die Mes­sun­gen des Geo­me­ters kri­tisch zu hin­ter­fra­gen, dann kann ich ihn nur an den Bau­sta­ti­ker verweisen.

Über­haupt, die bei­den sol­len machen, das das Haus gera­de steht und nicht einstürzt!

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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Kommentare (6)

ALD

19. Juli 2017 01:33

Sehr gut.

Franz Bettinger

19. Juli 2017 01:34

Arthur Schopenhauer hat zu diesem Thema etwas Erhellendes beigesteuert. Er schreibt sinngemäß: "Nicht mit dem Erstbesten disputieren; sondern nur mit solchen, von denen man weiß, dass sie Verstand genug haben, nicht zu Absurdes vorzubringen. Man muss mit guten Gründen disputieren und nicht mit Machtsprüchen, und auf Gegen-Gründe hören und darauf eingehen. Man muss die Wahrheit schätzen, gute Gründe gerne hören, auch aus dem Munde des Gegners, und es ertragen können, Unrecht zu haben, wenn die Wahrheit auf der andern Seite liegt. Daraus folgt, dass unter Hundert kaum einer ist, der es wert ist, dass man mit ihm disputiert. Die Übrigen lasse man reden, was sie wollen, und man bedenke, was Voltaire sagte: 'La paix vaut encore mieux que la vérité'.“

Die Schopenhauer'sche Erkenntnis hat mir geholfen, meine Energie besser einzuteilen. Ich habe denselben Kommentar schon 1-mal früher abgegeben. Er ist es wert, wiederholt zu werden.

Rabenfeder

19. Juli 2017 05:38

@ Johannes Konstantin Poensgen

Na, ja die junge Azubine aus ihrer ersten Szene reagiert doch ganz gesund; durchaus so wie es sich für eine wohlerzogene Maid geziemt. Sie ist erbost darüber, dass andere, ihr bekannte Leute auf der Couch abhängen und dabei reichlich Geld vom Sozialamt (auch wenn es sich jetzt anders nennt) kassieren, während sie sich für kaum mehr Lohn müde arbeitet. Ihr aktiver Gerechtigkeitssinn lässt sie verstehen, dass sehr viele Menschen auf Kosten anderer leben, obwohl sie es auch anders halten könnten. Sie abstrahiert also zumindest ein wenig vom konkreten Fall (dem Gefühl selbst ausgenutzt zu werden) und ist fähig, das Allgemeine, das prinzipiell Ungerechte an einem Leben auf Kosten anderer Leute zu erkennen. Nun kommt ihr Kommilitone daher und versucht mit ihr eine ganz andere Rechnung aufzumachen und sie spürt durchaus, dass hier eine andere, mit rot leuchtenden Gedankengefahr-Zeichen angezeigte Diskussion geführt werden soll. Sie macht eine Autoritäten-Abschätzung: Traue ich dem Verbotsschild von Papa Staat und der Tante Gesellschaft (und die Gebote wurden seit frühester Kindheit in ihren Kopf hinein massiert) oder traue ich diesem Studenten, der mich ja vielleicht mit seinem Gerede nur auf verbotene Abwege führen will? Auf verbotene Abwege und in den dunklen Wald lässt sich ein braves Madel aber weiß Gott nicht von jedem Kerl führen, da muss dann schon ein Autoritätsbeben auf anderer Ebene her... Ihr Sicherheitssinn gebietet also Vorsicht, denn wer hätte z.B. nicht gehört, dass man nur den Statistiken vertrauen sollte, die man selbst gefälscht hat? Eine durchaus tugendhafte (tugendhaft für den, der nicht gerade die freche, respektlose Göre als neues Leitbild propagieren will), aber durch die Autoritäten der hiesigen Villa Kunterbunt leider schlecht geleitete junge Frau, oder nicht?

Sie schreiben:

„Soviel zu meinem Versuch mich konstruktiv in dieses Gespräch einzubringen, ohne mich zum Affen zu machen. Ich war schließlich mit der Materie vollständig unvertraut und wollte bloß mitschwätzen. Die beiden Ingenieure dachten sich wohl auch nichts weiter dabei.“

Also ich vermag nicht zu erkennen, wann sie sich zum Affen gemacht hätten, es sei denn sie hätten sich in ein privates Gespräch ungefragt hineingedrängt um mit ihrem (Nicht-)Wissen glänzen zu wollen. Im Rahmen eines zwanglosen Gespräches auf einer Party, macht ihre Frage doch durchaus Sinn. Ihr aktiver Gerechtigkeitssinn lässt Sie verstehen, dass es nicht gerecht ist, wenn jemand für den Fehler eines Dritten haften und ein Risiko tragen muss, dass eigentlich demjenigen zukommen sollte, dessen Fehlberechnung zu den erhöhten Kosten geführt hat. Gab es noch mehr Erklärung als komische, womöglich peinlich berührte Blicke und den alles erklärenden Satz: „ „Äh, das ist ein ganz normaler Vertrag. Das wird dir keiner anders machen.“ Ich spekuliere mal, dass es sich bei den Geometern meist um Freiberufler bzw. Selbstständige handelt, oder Angestellte von kleineren Vermessungsfirmen, die, wenn sie das Risiko tragen müssten, schon bald alle dichtmachen würden. Der Berufsstand wäre also töricht, wenn er sich auf derartige Risiken einlassen würde. Oder kam ihnen, blamiert bis auf die Knochen, im Angesicht der anwesenden Ingenieurs-Autorität nur ein gestammeltes „how mortifyingly stupid of me!“ über die Lippen und sie verstummten für den Rest des Abends, der Schande voll? Immerhin dachten sich die Ingenieure nichts weiter dabei, was darauf schließen lässt, dass ihr Fauxpas wohl keine schlimmeren Folgen nach sich zog. Vergesse ich zuweilen, dass ich unter Rechten bin und das auch die Partys anders aussehen, als ich das von früher her kenne? ;)

 

["Ihr aktiver Gerechtigkeitssinn lässt Sie verstehen, dass es nicht gerecht ist, wenn..." Das ist ja der Punkt. Ich urteilte hier genau wie die Azubine oben. "Das finde ich aber ungerecht!", rufen, ohne überhaupt eine Ahnung von dem Thema zu haben. Johannes Konstantin Poensgen]

Franz Bettinger

19. Juli 2017 13:00

@Rabenfeder

Sehr schöne, gelungene Analyse. Chapeau! Also, was tun mit der Maid? Ich dränge weiter, in so einem Fall. Ich gebe nicht leicht auf. Vielleicht fällt die Maid nicht gleich um von meinem Charme-Angriff auf Ihren IQ und Ihren Instinkt, aber eine ordentliche Maid wird wohl verunsichert, fängt an zu denken, und am Ende, wer weiß, hab ich sie, wo ich sie haben will, auf meiner Seite. Früher hätte ich gesagt, einen Gebildeten zu überzeugen sei leichter als einen Ungebildeten. Aber das glaube ich jetzt nicht mehr. Neulich habe ich mit simplen Argumenten einen Simpel überzeugt. So it goes.

silberzunge

20. Juli 2017 18:01

Guter Beitrag!

Rabenfeder

21. Juli 2017 05:33

@ Johannes Konstantin Poensgen

Sie schreiben:

„Das ist ja der Punkt. Ich urteilte hier genau wie die Azubine oben. "Das finde ich aber ungerecht!", rufen, ohne überhaupt eine Ahnung von dem Thema zu haben.“

Ja, das verstehe ich; allerdings hat sich meines Erachtens weder die Azubine noch Sie selbst zum Affen gemacht oder gar Verachtung verdient. Der Gerechtigkeitssinn erscheint mir gerade auch in ihrer Party-Szene ein recht brauchbares Hilfsmittel (oder weniger profan, eine Anfrage an das Ideal, oder gar eine vielversprechende Anrufung der Gottheit), um bei fehlendem Fachwissen sich dem Thema anzunähern. Sie erkennen die prinzipielle Ungerechtigkeit, dass jemand für etwas haftet, das er nicht zu verantworten hat. Wenn ihre beiden Party-Ingenieure anstatt einem pikierten „Äh, das ist ein ganz normaler Vertrag. Das wird dir keiner anders machen.“ ihnen erklärt hätten, dass kein Geometer-Büro die hohen Risiken schultern könne - gesetzt, dies kommt der Realität nahe genug -, dann hätte eine weitere Anfrage an ihren Gerechtigkeitssinn denjenigen ermittelt, der das Risiko gerechterweise eigentlich tragen müsste: Der Bauherr natürlich! Denn der könnte ja noch einen zweiten Geometer mit der Vermessung beauftragen, gar einen dritten oder vierten, und damit das Risiko entsprechend minimieren, wenn er denn wollte. Dass dies in der Praxis einfach mit zu hohen Kosten verbunden sein dürfte, steht auf einem anderen Blatt. Immerhin schienen aber auch ihre Ingenieure darin übereinzustimmen, dass der Bauherr die Risiken eigentlich zu tragen hätte (ist auch bei Experten etwas der Gerechtigkeitssinn aktiv? - man könnte aber auch den Verdacht haben, dass selbst die Experten sich nie Gedanken darüber gemacht haben, warum etwas so ist, warum z.B. der Bauherr für gewöhnlich das Risiko trägt. Äh, das ist nun mal so. Letzteres ist in diesem Fall sicher wenig wahrscheinlich, aber sie verstehen, worauf ich hinaus will, nicht?) Ausnutzen von Marktmacht dürfte dann die prinzipiell gerechte Risikoverteilung mitunter, vermutlich auch in diesem Fall, anders gestalten. Klar dringen Sie mit derart laienhaftem Verständnis nicht in die Tiefen des Fachbereichs ein, aber für ein anregendes Gespräch (ganz ohne jähes Verstummen – der Schande voll!) auf einer Party taugt es doch allemal, oder?

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