Sezession
22. September 2017

Katalonien und die Unabhängigkeit

Benedikt Kaiser / 11 Kommentare

Eine Solidaritätswelle mit den Katalanen rauscht durchs Netz. Auch im konservativen bis identitären Lager herrscht Begeisterung. Begründet?

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Zunächst ein paar Fakten zur Einordnung: Katalonien ist eine der 17 autonomen Gemeinschaften Spaniens, und zwar die wirtschaftlich stärkste und die allgemein wohl bekannteste bis beliebteste – die katalanische Metropole Barcelona darf als Sehnsuchtsort der europäischen Jugend gelten, der FC Barcelona scheint nicht nur für zahllose Katalanen "mehr als nur ein Club" zu sein.

Cataluña (katalanisch: Catalunya) ist aber nicht nur Barcelona und seine prosperierende Umgebung, sondern umfaßt im Selbstverständnis einiger Unabhängigkeitsbefürworter auch Gebiete, die nicht zur Autonomen Gemeinschaft (für den Einstieg hier: vergleichbar ungefähr dem Bundesland in der BRD) zählen wie Valencia oder die Balearen (z. B. Mallorca), wo – wie auch in Andorra oder um Perpignan in Südfrankreich – katalanisch gesprochen wird. Katalanisch ist kein Dialekt des Spanischen, sondern eine eigenständige romanische Sprache mit eigenen grammatikalischen Regeln und diversen regionalen Dialekten; der Unterschied zwischen den standardisierten Sprachen català und español (bzw. castellano) ist dabei größer als jener zwischen Hochdeutsch und Schweizerdeutsch.

Und spätestens hier beginnen die Probleme. Im Ballungsraum Barcelona, dem Motor der Unabhängigkeitsbefürworter, leben mehr als drei Millionen Menschen. Mindestens ein Viertel sind Nicht-Katalanen aus anderen Regionen Spaniens, weitere starke Gruppen kommen aus dem spanischsprachigen Ausland (v. a. Südamerika), bis zu einem Fünftel der drei Millionen gar aus dem nichtspanischen (und nichtkatalanischen) Ausland, insbesondere aus Pakistan und Nordafrika. Bei vielen Katalanen herrscht aber mehr Skepsis angesichts hispanischer Zuwanderung als vor außereuropäischem Zuwachs; die Massendemonstrationen für offene Grenzen sprechen Bände.

Die historisch-politische Entwicklung in Katalonien selbst ist seit über 300 Jahren von extremen Pendelschlägen gezeichnet. Im zurückliegenden Jahrhundert gab es zwei markante Stränge: Zunächst, unter dem reaktionären Franco-Regime, war Katalanisch verboten, wurden die katalanische Kultur und Selbstbehauptung massiv in ihrer Entfaltung behindert. Der im Stile eines autoritären Feudalherrschers auftretende generalísimo verzieh Katalonien nicht, daß es im Bürgerkrieg (1936–39) Kopf und Herz des "roten Spaniens" verkörperte. Resultat war der fortwährende Kampf gegen jedes katalanische Lebenszeichen.

Dann, nach der Diktatur, schlug das Pendel um, und dieser Pendelschlag dauert weiter an: Die Katalanisierung Kataloniens begnügt sich nicht mit den Autonomierechten, nicht damit, daß beide Sprachen gleiche Rechte erhielten und alle Einschränkungen aufgehoben wurden. Die katalanische Politik ging weiter und tilgte das Kastilische als einende Sprache der gesamten spanischen Nation; eine offensive Enthispanisierung setzte ein, die speziell in Barcelona bisweilen bizarre Blüten treibt, etwa in bezug auf Straßenumbenennungen, Diskriminierung nur spanischsprechender Katalanen (und nur spanischsprechender Zuwanderer, ob aus Sevilla oder Tétouan) wie auch der Degradierung des Spanischen/Kastilischen zur "Fremdsprache" neben Englisch oder Französisch in Lehrveranstaltungen von Bildungseinrichtungen.

Neben diesen gesellschaftlich-kulturellen Entwicklungen ist es besonders die wirtschaftliche Potenz Kataloniens, besonders in den industriellen und konsumgüterorientierten Sektoren, die, noch am ehesten vergleichbar der Rolle Bayerns in Deutschland, den Abspaltungsdiskurs antreibt: Die Rede ist nicht selten von der Melkkuh Katalonien, die das ferne, arme, unproduktive Spanien am Leben halten muß (– dabei wäre es interessant zu sehen, um bei der Melkkuh-Metapher zu bleiben, wohin Katalonien seine tatsächlich mannigfaltigen Milchprodukte, die in ganz Spanien in den Supermärkten ausliegen, denn zu exportieren gedenkt, wenn Restspanien die neuen Grenzen direkt schließen würde).

Es sind also, vereinfachend gesagt, zwei Haupttendenzen, die die Unabhängigkeitsbefürworter dazu treiben, das Referendum vom 1. Oktober gegen den ausdrücklichen Willen Madrids durchzuführen: die national-kulturelle und die materielle. Derzeit überlappen sich beide Tendenzen, der Eigenständigkeitsgedanke ist auf dem Höhepunkt. Von der radikalen Linken bis zur bürgerlichen Rechten Kataloniens wird er vertreten, während das Ergebnis des Referendums, so es denn überhaupt in den circa 80 Prozent der Gemeinden, die sich an ihm beteiligen wollen, durchgeführt würde, lagerübergreifend als ergebnisoffen begriffen wird. Man rechnet so oder so mit einer sehr knappen Entscheidung für oder gegen die Loslösung von Spanien; das Lager der Sezessionisten ist lediglich medial sichtbarer (weil von Studenten bzw., allgemeiner, von breiten Teilen der Jugend getragen) und auf der Straße lautstärker vertreten.

Aufgrund der ersten genannten Tendenz nun, namentlich der national-kulturellen, üben sich auch in Deutschland identitäre und konservative Akteure in virtueller Solidarität: Da sei ein Aufflackern identitätsbewußter Politik zu konstatieren, der Wille, als Katalane in einer katalanischen Nation zu leben. Oder, an anderer Stelle: Katalonien zeige Brüssel die Grenzen auf. Nun: Beides ist nur sehr eingeschränkt gültig, und vor allem die Grenzfrage fällt den rechten Freunden Kataloniens schnell auf die Füße. Denn die katalanische Unabhängigkeitsbewegung fordert Grenzen (für ein eigenständiges Katalonien) gewissermaßen nur, um sie dann wieder zu öffnen – für Migranten, die, polemisch gesprochen, am besten aber nicht aus Restspanien stammen, sondern von außerhalb.

Aber auch ersteres – der katalanische Furor als Bollwerk gegen Vereinheitlichungstendenzen aus Madrid oder gar Brüssel – führt zu Mißverständnissen. Denn dieser bisweilen artifizielle katalanische Nationalismus, wie er, in entsprechenden ideologischen Abstufungen, von der linksradikalen Candidatura d’Unitat Popular (CUP) bis zu rechtsliberalen Demokraten vertreten wird, basiert insbesondere auf dem Prinzip des Civic nationalism, wie wir ihn ähnlich auch aus Schottland kennen, d. h. vorherrschend ist ein genuin staatsbürgerliches (und dezidiert nicht-identitäres) Verständnis eines multikulturellen "Nationalismus", den man hierzulande, unter den spezifischen Bedingungen der deutschen Situation, schlicht Verfassungspatriotismus nennen würde. In Katalonien vermengt sich dieser zeitgeistige Staatsbürgernationalismus – der kein klassischer identitätspolitischer Nationalismus sein möchte, aber bspw. sprachlichen Chauvinismus betreibt – nun mit sozialen Fragen, einer gesellschaftlich durchaus hegemonialen Refugees-Welcome-Mentalität sowie dem reüssierenden antispanischen Ressentiment, das sich aus historisch-antifaschistischen und aktuell-realpolitischen Motiven speist.

Auch die Brüssel-Kritik seitens "der" Katalanen (hier und folgend gemeint: der Befürworter der Loslösung von Spanien) wird allgemein überschätzt. Sie fordern von extrem links bis bürgerlich rechts den Verbleib eines eigenständigen Kataloniens innerhalb der Union und befürworten unisono Massenzuwanderung. Der katalanische Separatismus, wie er sich gegenwärtig artikuliert, ist, überspitzt gesagt, seiner Gesinnung nach überwiegend linksliberal; er will ein Katalonien in der EU – aber ohne den lästigen Mittler aus Madrid. (In neurechte Terminologie übersetzt: die triple appartenance aus Region, Nation und Europa wird aufgehoben; Säule 1, Katalonien, wird verabsolutiert, Säule 2, Spanien, negiert, Säule 3, Europa, als sozial und multikulturell zu gestaltendes EU-Weltbürger-Projekt uminterpretiert und daher zumindest ideell ebenfalls aufgehoben.)

Für die EU ist ein Zentralstaat Spanien, bei dem Katalonien als integraler Teil erhalten bliebe, dabei gewiß von Vorteil. Nur würde die EU nicht polizeistaatliche Maßnahmen ergreifen (lassen), um dieses katalanisches Referendum zu stoppen, weil man dann gewisse Reaktionen und Stimmungen schüren würde, die europaweit aufflackern könnten. Dementsprechend heißt es seitens der EU-Nomenklatura, man sei besorgt, aber doch nicht in Panik; man setze auf demokratische Entscheidungsprozesse. Am Ende wäre es für die EU eminent wichtig, den Standort Katalonien für diverse gesamteuropäische wirtschaftliche Interessensgruppen (Pharma & Chemie, Metall & Maschinenbau etc.) am Leben zu halten. Das geht am besten mit Spanien, aber notfalls auch ohne.

Anders gesagt: Für die EU ist das Referendum, ob es nun am 1. Oktober 2017 durchgeführt würde oder um ein, zwei Jahre verzögert werden kann, ein Präzedenzfall, aber keine Frage auf Leben und Tod: für Madrid schon. Ironischerweise aber auch für Katalonien: Denn wenn das um Katalonien erleichterte (Rest)Spanien keine Gebrauchs- und Verbrauchsgüter mehr aus Katalonien bezöge (als trotzige Reaktion), wäre Katalonien rasch gezwungen, noch stärker (und günstiger) in die Mitgliedstaaten der EU zu exportieren. Damit jedoch wäre der Aspekt des relativen Wohlstands zumindest potentiell unterminiert, mithin ausgerechnet jener Aspekt, der die Überheblichkeit vieler Katalanen gegenüber dem restlichen Spanien materiell begründet.

Ironisch scheint, daß die überwiegend links, sozial und emanzipatorisch ausgerichtete katalanische Unabhängigkeitsbewegung just auf dieses wohlstandschauvinistische Ressentiment bauen könnte, wenn es an die Urnen ginge. Die Solidarität linksorientierter Katalanen unterschiedlicher Couleur mit dem idealtypisch konstruierten Refugee wiegt offenbar stärker als jene mit dem arbeitslosen Spanier aus der Extremadura. Die spanische Nation gerät so in eine existentielle Krise. Das „lebendige Bewußtsein der Solidarität“, das, wie José Ortega y Gasset in einem aufs Neue aktuell zu lesenden Essay ausführte, „unumgänglich ist für die Gesundheit der Nation“, hat weite Teile der gesamtspanischen politischen Landschaft längst verlassen. Nach der Bewegung 15-M (2011/12) und Podemos (2014 ff.) droht nun zum dritten Mal in sechs Jahren eine breite Protestwelle aufzukommen.

Die Zeichen stehen in diesem Sinne auf Zuspitzung der Verhältnisse, denn die Krise des politischen Systems, bereits seit 2008 in schwankendem Maße virulent, erreicht neue Ausmaße. Das neoliberale Establishment in Madrid um Volkspartei (PP) und Sozialdemokraten (PSOE) kennt als Antwort auf die katalanische Herausforderung nur Repressalien; die spanische Linke um Podemos oszilliert zwischen Protest gegen ebendiese autoritäre Ansätze und einer gesamtspanischen sozialen Ausrichtung; die kämpferische Rechte (jenseits der Mainstream-PP) ist traditionell marginalisiert und, aus externen wie internen Gründen, isoliert, versucht aber seit 2016, den antinationalen Spaltungstendenzen mittels Bündnisarbeit im Zeichen des "Respekt" (#Respeto) entgegenzuwirken (federführend in dieser antiseparatistischen Allianz sind im übrigen die identitäre Plattform für Katalonien, PxC, und der Front National-Gesprächspartner Spanien 2000, E-2000).

Der warme katalanische Herbst – er beginnt mit vielen Sorgen.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


Kommentare (11)

Robert Fürstl
22. September 2017 19:35

Interessanter Artikel - danke. Eine Korrektur ist aber angebracht: Rest-Spanien könnte die Grenzen für katalanische Produkte nicht schließen, selbst wenn es das sollte. Spanien ist - wie alle halbwegs wirtschaftlich bedeutsamen Territorien dieser Welt - Mitglied in der Welthandelsorganisation (World Trade Organisation - WTO). Alle Mitgliedsländer sind - etwas vereinfacht - nach den Statuten verpflichtet, gegenüber anderen Mitgliedsländern keine Zölle zu erheben, die nicht bei Beitritt des Landes schon bestanden und auch sonst keine Behinderungen des freien Warenverkehrs (sog. nicht-tarifäre Handelshemmnisse) gegenüber anderen WTO Mitgliedern einzuführen. Bei einem Ausscheiden Kataloniens aus Gesamtspanien würden sich die Rechte und Pflichten von Spanien unter dem WTO Vertrag automatisch auf die beiden neuen Einheiten Rest-Spanien und Katalonien übertragen. Keines der beiden neuen Länder dürfte den Handel mit dem anderen Land also durch Zölle oder nicht-tarifäre Handelshemmnisse erschweren. Unterbinden dürfte es den Handel schon gar nicht. Also: Die Drohung der Spanier, sonst die Grenzen zuzumachen und so das neue Gebilde wirtschaft in die Knie zu zwingen ist ein glatter Bluff, weil evident völker(vertrags-)rechtswidrig. Mit demselben Argument wird übrigens auch in der Diskussion um den Austritt von Großbrittanien aus der EU (dann macht die EU eben die Grenzen zu ...) oder von  Schottland aus der Rest-Großbrittanien argumentiert. Auch dort ist das Argument - teils bewußt, teils aus Unkenntnis der Materie - barer Unsinn.

Solution
22. September 2017 20:14

Volle Zustimmung! Übrigens: Wem nützt es, wenn Europa in viele kleine Einheiten zerfällt? Zum Thema: https://altright.com/2017/09/22/catalonian-secession-is-a-joke-and-white-nativists-will-never-support-it/

Thomas
22. September 2017 21:21

Bei der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung bin ich sehr skeptisch. Die Masseneinwanderung von Moslems aus Nordafrika, die dort schon seit Jahren stattfindet wird sich dadurch noch verstärken, weil die Mentoren der Unabhängigkeitsbewegung sich dadurch Hilfe bei der Separation versprechen. Die Islamisierung wird dort sehr schnell voranschreiten. Sie nehmen dazu sogar Unterstützung aus Quatar und Iran an, weshalb man bereits nicht mehr von einer Katalanisierung sondern von einer einer "Quatarlinisierung" spricht. Gudrun Eussner hat in ihrem Blog einen interessanten Artikel dazu geschrieben, den jeder lesen sollte: Katalonien auf dem Weg ins Kalifat
"Sieh, mein Sohn, dieser Boden, auf den du trittst, wird in wenigen Jahren Allahs Land sein. Unterstütze die Unabhängigkeit!"

Der_Jürgen
23. September 2017 00:24

Als grosser Freund Spaniens und des spanischen Volkes kann ich Benedikt Kaiser für diese luzide Analyse nur hohe Anerkennung zollen. Wenn es tatsächlich Identitäte gibt, die den eventuell bevorstehenden Abfall Kataloniens von Spaniens begrüssen, so erliegen sie einem fatalen Irrtum. Angesichts der tödlichen Gefahr der afro-orientalischen Invasion ist kleinkarierter Regional-Nationalismus, sei es nun der katalanische oder der bretonische oder der walisische, vollkommen fehl am Platz. Selbstverständlich war es ein grosser Fehler von Franco (den ich sehr respektiere), nach dem Bürgerkrieg gegenüber Katalonien und dem Baskenland eine kleinliche revanchistische Politik zu betreiben und die Regionalsprachen zu unterdrücken. Selbstverständlich ist der Erhalt der katalanischen und der baskischen Sprache sowie der regionalen kulturellen Besonderheiten zu fördern. Dagegen hat kein Mensch etwas, ebenso wenig wie ein deutsche Patriot etwas  gegen die Pflege des Dänischen in Schleswig-Holstein oder des Sorbischen in der Lausitz hat. Aber die Auflösung europöischer Nationalstaaten ist abzulehnen. Wie Kaiser richtig festhält, haben diese merkwürdigen katalanischen "Nationalisten" nicht das Geringste gegen die Überflutung Kataloniens durch Landnehmer aus der Dritten Welt; im Gegenteil, sie begrüssen sie sogar. Das erinnert mich fatal an die ukrainischen "Nationalisten", die GIft und Galle gegen Russland speien, sich aber von zionistischen Oligarchen aushalten lassen und jeden Befehl aus Washington gehorsam ausführen. Weniger bekannt ist, dass auch die weissrussischen "Nationalisten", die - Lukaschenko sei es gedankt - an einer sehr kurzen Leine gehalten werden, eine betont proamerikanische Politik befürworten. Ihr "Nationalismus" wird von den USA unterstützt - nicht weil diese irgendwelche Sympathie für die weissrussische Sprache oder weissrussische Bräuche hätten, sondern weil sie den weissrussischen Nationalismus wie den ukrainischen als Instrument gegen Moskau nutzen wollen. Wenn Katalonien in ein paar Jahrzehnten islamisiert ist, interessiert es mich herzlich wenig, ob dort als Zweitsprache nach Arabisch nun Spanisch oder Katalanisch gesprochen wird!

RMH
23. September 2017 00:29

"Eine Solidaritätswelle mit den Katalanen rauscht durchs Netz. Auch im konservativen bis identitären Lager herrscht Begeisterung."

Sieht schwer nach einer Nebenwirkung der nur eingeschränkt tauglichen Theorie des Ethnopluralismus aus, an der sich ja gerade auch die identitäre Bewegung (zu?) stark orientiert. DIese Theorie birgt in der Tat ein gewisses Risiko für zu viel Sympathie für Kleinstaaterei und an der Atomisierung starker Nationen, die aber gerade in Europa angesichts der global werdenden Welt und des damit einhergehenden Globalismus dringend gebraucht werden. "Ehtnien" sind zu kleine Bestandteile jeder europäischenNation - wer ernsthaft National denkt, der muss eigentlich größer denken. Die Spanier sollten daher bitte mal schön zusammen bleiben (was macht eigentlich Galicien aktuell in dieser Frage des Auseinanderdriftens ?). Fazit: Guter, kritischer Artikel!

PS: Wer die linke Tradition Kataloniens literarisch erleben will (und dabei eine Abrechnung mit dem Stalinismus lesen will), für den sei das hier empfohlen:

https://antaios.de/detail/index/sArticle/45019

Cacatum non est pictum
23. September 2017 04:02

Schön, etwas mehr über die Begleiterscheinungen dieser anstehenden Sezession zu erfahren. Sehr interessant! In der politischen Wirklichkeit unserer Zeit bin ich skeptisch, was die Überlebenschancen eines solch kleinen Staates angeht. Kann er seinen Bürgern die innere und äußere Sicherheit garantieren? Im Ernstfall wohl eher nicht. Ein Autonomiestatus innerhalb Spaniens würde vermutlich die bessere Lösung bleiben. Interessant ist die Frage, was eine erfolgreiche Abspaltung für das Monstrum EU, für die Globalisierung bedeuten würde. Denn ein solcher Vorgang wird mit Sicherheit Triebkräfte für andere Volksgruppen erzeugen, die auf Separation aus sind: Basken, Korsen usw. Wäre das der Anfang vom Ende der EU? Oder würde es den Brüsseler Zentralisten in die Hände spielen, weil starke Nationalstaaten geschwächt werden und die neuen Minivölker keinen nennenswerten Widerstand zuwege bringen können (Divide et impera)? Einigermaßen fassungslos habe ich von der Einwanderungsfreundlichkeit der Katalanen Kenntnis genommen. Das lässt bei mir jede Sympathie für ihr Vorhaben absterben. Wollen sie die Reconquista rückabwickeln, die ihre Vorfahren so mühevoll erkämpft haben? Merken sie nicht, dass sie damit ihrem Volk den Garaus machen werden? Abgesehen davon braut sich gerade ein gefährliches Konfliktgemisch zusammen. Sollte das Referendum positiv ausfallen, und die Zentralregierung erkennt es nicht an, dann könnte das einen Bürgerkrieg in Gang setzen. Man erinnere sich an die frühen Neunzigerjahre: Da haben Sezessionen dieser Art den Staat Jugoslawien blutig auseinanderbrechen lassen. An etwas Vergleichbarem kann uns nicht gelegen sein.

John Haase
23. September 2017 10:25

Bei diesen europäischen Separationsbewegungen muß ich immer an Roths "Radetzkymarsch" denken. Nach dem Tode des Kaisers werden alle Völker ihre "dreckigen kleinen Staaten" errichten. Diese Phrase blieb bei mir irgendwie besonders stark haften. Ich sehe ein Europa voll dreckiger kleiner Staaten, von denen sich teilweise weitere dreckige kleine Staaten abspalten wollen. Ich meine das gar nicht chauvinistisch, heute gibt es in Europa von Rußland abgesehen überhaut nur noch dreckige kleine Staaten. Wenn die Katalanen für ihre Unabhängigkeit stimmen (von Spanien jedenfalls, von der EU und der herrschenden liberalen Hypermoral bleiben sie natürlich völlig abhängig), dann kann Spanien vielleicht zeigen, daß es kein dreckiger kleiner Staat ist. 

quarz
23. September 2017 15:26

Das ist in der Tat eine Perversion: um den fanatischen Wunsch nach Abgrenzung von einer nahe verwandten Kultur realisieren zu können, holt man sich massenweise Angehörige einer fremden Kultur ins Land, der man fast täglich dabei zusehen kann, wie aus ihrem Nährboden Gewalt und Terror wächst.

Nemo Obligatur
23. September 2017 21:52

Vorweg: Ich bin wirklich kein Spanien-Kenner. Das Land und seine Geschichte haben mich noch nie sonderlich interessiert.

Ihr Artikel, Herr Kaiser, scheint mir einer der informativsten und ausgewogensten zu sein, die in den letzten Tagen zum katalanischen Autonomiebestreben erschienen sind. Es spricht für die Sezession, dass sie inzwischen eine ziemliche Bandbreite an Themen kompetent abdeckt. Vermutlich wird das Thema Katalonien nach der Bundestagswahl auch bei uns stärker wahrgenommen. Im europäischen Kontext könnte es sich als Wegmarke entpuppen. Bleiben Sie bitte dran.

Curt Sachs
23. September 2017 23:00

Der Jürgen schrieb: »Selbstverständlich ist der Erhalt der katalanischen und der baskischen Sprache sowie der regionalen kulturellen Besonderheiten zu fördern. Dagegen hat kein Mensch etwas, ebenso wenig wie ein deutsche Patriot etwas  gegen die Pflege des Dänischen in Schleswig-Holstein oder des Sorbischen in der Lausitz hat.«

Das Dänische passt nicht in diese Reihung von Kalatanisch, Baskisch und Wendisch. Dänisch ist Staatssprache und wird von einem eigenen Staatsvolk gesprochen. Deshalb ist Dänisch auch weiterhin stabil. Katalanisch, Baskisch und Wendisch dagegen werden von keinem je eigenen Staatsvolk gesprochen. Alle diese Sprachen sind selbst innerhalb ihres angestammten Siedlungsraums inzwischen Minderheitensprachen, auch deshalb, weil der Siedlungsraum keine festen Grenzen hat: Dem Zustrom aus der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft kann nicht einmal ansatzweise gesteuert werden. Der Auswanderung in die übrigen Staatsgebiete kann nicht einmal das Etikett "Auswanderung" aufgeklebt werden. Zur Erhaltung eines Volkes ist eine wirkliche Grenze, die Innen und Außen trennt, unabdingbar. Diese Grenze muss nicht undurchlässig sein. Sie muss auch nicht haarscharf definiert sein. Aber es muss einen verdichteten eigenen Raum geben. Ein eigenes staatliches Gebilde kann ein Beitrag dazu sein.

M. M.
25. September 2017 00:34

Katalanische Separatisten vermeiden nach Möglichkeit den Zuzug von den sonst in Spanien sehr präsenten Lateinamerikanen, da die Spanisch sprechen und auf das Erlernen des Katalanischen nicht viel Lust haben. Stattdessen haben sie den Zuzug von bisher ca. 400.000 Moslems ermöglicht, darunter allein ca. 60.000 Pakistanern. Katalonien war übrigens nicht lange unter islamischer Herrschaft und lange Zeit ein Bollwerk dagegen. Jetzt aber begehen Katalanen den gleichen Verrat wie westgotische Streithähne 711.

Zei ganz gute englischsprachige Übersichten:
https://www.gatestoneinstitute.org/3393/catalonia-islamic-republic
https://gatesofvienna.blogspot.de/2012/04/islamization-of-catalonia.html

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