Sezession
24. September 2017

Sonntagsheld (30) – A Story Never Told

Till-Lucas Wessels / 15 Kommentare

Ich beichte an dieser Stelle, daß ich manchmal auf der Suche nach geeigneten Sonntagshelden durch die Schlagzeilenübersicht von Spiegel Online scrolle. Dabei erfährt man allerhand: Was es mit der neuen Geliebten von Gerhard Schröder auf sich hat, daß ein Albino-Orang-Utan jetzt eine eigene Insel bekommt, und irgendwas mit Fußball.

Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

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Manchmal stößt man in dieser Wüste der Belanglosigkeiten aber auch auf richtige Typen, und so geht der Dank diese Woche mal an Jochen Leffers.

Manchen Lesern wird unser Held ein Begriff sein; ich kannte ihn bis vorgestern nicht, und das trägt für mich vornehmlich zum Charme des Auszuzeichnenden bei. Sein Name ist Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow, er war Oberstleutnant der russischen Luftverteidigungskräfte, und der Grund, weshalb am Dienstag ein paar Artikel über ihn erschienen, ist, daß er vor einigen Monaten verstorben ist.

Davon hatte man in Deutschland und selbst in seiner russischen Heimat nicht wirklich etwas mitbekommen. Petrow wohnte seit einigen Jahren zurückgezogen in einer Plattenbausiedlung im kleinen Ort Fjasino in der Nähe von Moskau.

Er war – für einen kurzen Zeitraum um die Jahrtausendwende – einmal „der Mann, der die Welt rettete“, dann verschwand er wieder im Humus der Geschichte irgendwo zwischen Amy Winehouse, Rudi Carrell und Helmut Schmidt. Die paar Ehrungen, die ihm zuteil wurden (unter anderem der World Citizen Award und der Dresden-Preis), gehen zurück auf einen Abend, der heute fast genau 34 Jahre zurückliegt.

Am 26. September meldet die russische Satellitenüberwachung im Serpuchow-15-Bunker den Abschuß von insgesamt fünf amerikanischen Interkontinentalraketen. Zu diesem Zeitpunkt war Petrow diensthabender Offizier, und auch wenn die letzte Entscheidung nicht bei ihm lag, war es doch sein Bauchgefühl, das im Umgang mit dem drohenden Inferno letztendlich den Ausschlag gab.

Allen Alarmsignalen zum Trotz meldete Petrow einen Fehlalarm und verhinderte so einen sowjetischen Vergeltungsschlag, der in der angespannten Atmosphäre des Kalten Kriegs eine Kettenreaktion mit mehreren hundert Millionen Opfern ausgelöst hätte.

Die wirkliche Größe dieses Mannes zeigt sich aber nicht nur daran, daß er mit seiner Entscheidung einen globalen Konflikt ungeahnten Ausmaßes verhindert hat. Viel beeindruckender ist die Vehemenz, mit der er trotz der nacheinander eingehenden Alarmmeldungen bei seinem Entschluß blieb. Um ihn herum die drückende Schwere des Bunkers, flackernde Alarmleuchten, dröhnende Sirenen, der riesige Bildschirm, auf dem in großen roten Buchstaben erst das Wort START, später dann RAKETENANGRIFF aufleuchtet, dazu die wartenden Blicke seiner Untergebenen, die er mit einem unwirschen „Weiterarbeiten!“ zur Seite wischt, bevor er – immer und immer wieder – zum Hörer greift und mit tauben Füßen und schweißgebadet „Fehlalarm“ meldet.

Unter diesem Druck nicht zusammenzubrechen – heldenhaft. Sein Umgang damit – soldatisch:

Danach trank ich einen halben Liter Wodka und schlief 28 Stunden.

Твоё здоровье, Genosse!


Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

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Kommentare (15)

Der Starost
24. September 2017 12:06

Was für ein großartiger Mensch! Was für ein Soldat - haben wir nicht immer hören müssen, Soldaten seien alle Mörder?

deutscheridentitärer
24. September 2017 12:35

Hat mich damals auch sehr beeindruckt, als ich auf diese Geschichte gestoßenb bin. Auch wenn ich mich frage, wie man die Sache bewerten würde, wenn es kein Fehlalarm gewesen wäre.

Dietrich Stahl
24. September 2017 12:54

Ein guter Mann, zur rechten Zeit am rechten Ort. Authentischen Menschen gibt es in jeder Kultur. In jedem Land. „Sir, ich werde für Sie nicht den Dritten Weltkrieg beginnen.“ Das war die Antwort des britischen 3-Sterne Generals, Sir Mike Jackson, damals Kommandeur der NATO-KFOR-Invasionstruppe, auf den Befehl von General Wesley Clark, NATO-Oberbefehlshaber Europa, die russischen Truppen im Kosovo anzugreifen.

Der Feinsinnige
24. September 2017 13:01

Welch eine Geschichte! Diese Lektüre (und die des Artikels von Jochen Leffers) muß ich erst einmal verarbeiten. – Hier paßt tatsächlich uneingeschränkt das Wort „Held“. Immerhin – er hat Ehrungen bekommen. Aber warum nicht den Friedensnobelpreis? Ach, ich vergaß, der ist Möchtegern-Friedensaposteln wie Obama oder der EU vorbehalten … Diese Geschichte sollte verfilmt und auf Theaterbühnen gebracht werden, um allgemein bekannt gemacht zu werden. Danke für die Aufnahme in die „Sonntags-Helden“!

Nautilus
24. September 2017 13:03

Ja, ich kenne diesen Namen und ich finde es eine Schande, daß dieser tapfere Mann nicht mehr geehrt wurde. 

Franz Bettinger
24. September 2017 13:16

Mich würde interessieren, WIE es, technisch gesehen, zu jenem Fehlalarm - der Annahme, dass 5 feindliche Interkontinental-Raketen im Anflug seien- kommen konnte und ob man daraus etwas gelernt bzw. welche Konsequenzen man gezogen hat. Und hat nicht ein russicher U-Boot-Kommandant auf dem Höhepunkt der Kuba-Krise Ähnliches geleistet und einen atomaren Schlag gegen Washington verhindert? Auch im Kosovo-Konflikt gab es einen russischen oder westlichen - ich weiß es nicht mehr - Befehlshaber, der gegen den Augenschein handelte und sich auf seinen Instinkt verlassend die Reaktionskette unterbrach und das Richtige tat: nichts.

Jette
24. September 2017 13:32

Vor einigen Jahren hatte ich schon einmal  eine kurze Notiz über diesen bewundernswerten S.J.Petrow gelesen. Danke für den Beitrag und die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Menschen!

nom de guerre
24. September 2017 15:44

Bei diesem Sonntagshelden stimme ich Ihnen einmal uneingeschränkt zu!

@ deutscheridentitärer

>>Auch wenn ich mich frage, wie man die Sache bewerten würde, wenn es kein Fehlalarm gewesen wäre.<<

Dann würde man die Sache aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht mehr bewerten, weil es dann einen Atomkrieg zwischen den beiden Blöcken gegeben hätte und die Welt kaputt wäre. Bzw. noch kaputter, als sie es ohnehin schon ist. Vermutlich wären Sie nicht geboren worden und ich nie in den Kindergarten gekommen. Ich glaube nicht, dass sich an diesem Ergebnis rein deshalb etwas ändern würde, weil der Nuklearschlag, von dem in dem SPON-Artikel die Rede ist, "nur" von den USA ausgegangen wäre und die Russen wegen Petrows Reaktion nicht zurückgeschlagen hätten. Wünsche noch einen schönen Wahlsonntag!

herbstlicht
24. September 2017 16:07

@Franz Bettinger 24. September 2017 11:16 schrieb:

' WIE es, technisch gesehen, zu jenem Fehlalarm - der Annahme, dass 5 feindliche Interkontinental-Raketen im Anflug seien .."

Interessiere mich seit Jahrzehnten für die Mensch-Maschine-Schnittstelle und da war mir dieser Vorfall schon untergekommen; habe meine Kentnis kurz hier aufgefrischt. Die maschinelle Interpretation des Bildes der Kamera im Satelliten hat also Reflektionen des Sonnenlichts an Wolken für die Flamme einer Rakete gehalten. Petrows Weigerung dies ernst zu nehmen --- las einmal, er sei auf den Tisch gestiegen und habe gebrüllt "weiterarbeiten" --- beruhte eigentlich nicht auf "Bauchgefühl" sondern auf 2 Argumenten: Erstens hatte es bereits einen Fehlalarm mit einer einzelnen Rakete gegeben --- das System war also nicht jenseits von Zweifel.  Zweitens erwartete er, daß die Amis sich bei einem Angriff "vernünftig" verhalten würden --- also nicht mit 5 Raketen angreifen, sondern aus "allen Rohren". Das Ereignis ist auch ein drastisches Beispiel für die Closed-world assumption. Im Prinzip enthielt das sowjetische System die (richtige) Aussage "Rakete unterwegs" --> "Lichtfleck im Bild". Es enthielt aber keine Aussage der Art "Sonne scheint ungewöhnlich auf Wolke" ---> "Lichtfleck im Bild". Ohne die zweite Aussage und unter der Annahme, daß das System alle wahren (und "relevanten") Aussagen enthält, kann die erste Aussage umgekehrt werden, es ist dann also auch:  "Lichtfleck im Bild"  --> "Rakete unterwegs" wahr.  Alarm!!! Petrov hatte eine viel umfassendere Wissenbasis, zu welcher eben auch "Wenn schon, dann werden die Amis massenweise angreifen" gehörte. Mir scheint, man kann die "Closed-world assumption" auch dazu nutzen zu erklären, warum die Leute, welche sich "im Besitz der Wahrheit" wähnen, so viel Unheil anrichten.

Der Gehenkte
24. September 2017 18:26

Na, dann wollen mir mal hoffen, daß es solche standhaften Menschen auch mit koreanischem Namen gibt - oder vielleicht Joe heißen.

Der_Jürgen
24. September 2017 18:40

Aufrichtigen Dank dem Autor für diesen Artikel. Der Held, von dem hier die Rede ist, darf nicht in Vergessenheit geraten. Es erweist sich immer wieder, dass letztendlich nicht blinde Kräfte die Geschichte gestalten, sondern Menschen von Fleisch und Blut.

Marc_Aurel
24. September 2017 19:53

Auf die Geschichte um Pretrow bin ich ebenfalls vor einigen Jahren schon einmal gestoßen - auf jeden Fall ein Mann, den man mit gutem Gewissen ehren kann, denn ohne ihn gäbe es uns alle wahrscheinlich nicht mehr. @Franz Bettinger: die Antworten auf einen Teil Ihrer Fragen stehen im verlinkten Artikel und auch bei Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Stanislaw_Jewgrafowitsch_Petrow).

Der Gehenkte
24. September 2017 20:27

@ Der_Jürgen

"Es erweist sich immer wieder, dass letztendlich nicht blinde Kräfte die Geschichte gestalten, sondern Menschen von Fleisch und Blut."

Es ist durchaus richtig, daß Geschichte von Menschen aus Fleisch und Blut gemacht wird, aber das Gegenteil davon, sind nicht zwangläufig "blinde Kräfte", obgleich auch die eine wesentliche Rolle spielen - etwa als Naturkräfte. Auch ein Petrow kann nur das tun, was Menschen in seiner historischen Situation und im geistigen Horizont seiner Zeit tun können. "Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt" - da ist nach wie vor was dran!

Dietrich Stahl
25. September 2017 00:59

Werter Till-Lucas Wessels, eine Frage an Sie. Warum müssen Sie Ihre Überschrift in der Sprache der Ver-Bilder der Deutschen formulieren? Es ist traurig zu sehen, wie die angelsächsisch-kulturelle Hegemonie sich selbst im rechts-konservativen Lager spiegelt.

Der_Jürgen
25. September 2017 10:01

@Der Gehenkte

Natürlich stimmt, was Sie schreiben; jeder Mensch ist TEILWEISE das Produkt seiner Zeit, seiner Umwelt, seiner Gesellschaft. Dennoch, die Wahl, ob er einen sowjetischen Raketenschlag auslösen wollte oder nicht, lag bei Petrow und nur bei ihm. Ob in Korea demnächst ein Inferno stattfindet, hängt letzten Endes von Donald Trump ab (denn das Kim Jong Un als erster zuschlagen wird, kann man wohl ausschliessen; trotz seiner Irrationalität weiss er, dass die USA sein Land innerhalb einiger Stunden in einen einzigen Trümmerhaufen verwandeln können, während er Amerika trotz aller prahlerischer Drohungen nicht zerstören kann; zerstören kann er nur Südkorea und teilweise auch Japan). Trump hat seine Berater. Er hat seine Generäle, die ihm von einem Abtenteuer in Korea abraten oder ihm im Gegenteil dazu raten können. Aber den Entscheid trifft er, der Präsident. Entschliesst er sich zum Krieg, wird er als wahnsinniger Schlächter in die Geschichte eingehen; die Namen seiner Berater und Generäle werden die wenigsten interessieren. "Cäsar eroberte Gallien. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?" lässt Berthold Brecht den "lesenden Arbeiter" in einem berühmten Gedicht fragen. "Trump zerbombte Nordkorea. Warf er denn alle Bomben selber?" könnte ein neuer Brecht einen neuen "lesenden Arbeiter" fragen lassen, wenn es auf der Halbinsel zum Schlimmsten kommt. Doch wer die Bomben wirft, ist letztlich gleichgültig. WIchtig ist, wer den Befehl dazu gab.

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