Sezession
2. Juni 2016

Network – das System der Systeme

Martin Lichtmesz

Network, ein Film unter der Regie von Sidney Lumet nach einem Originaldrehbuch von Paddy Chayefsky, lief im November 1976 in den amerikanischen Kinos an und gewann im Folgejahr vier Oscars. Vierzig Jahre später gilt er in den USA als kanonisierter nationaler Klassiker, während einer seiner Hauptcharaktere, der »zornige« Fernsehprophet Howard Beale, wie der Pate oder Dirty Harry zu den ikonischen Figuren des Kinos der siebziger Jahre zählt. In der zentralen Szene, an die sich wohl jeder erinnert, der Network gesehen hat, hält der aus Verzweiflung übergeschnappte Nachrichtensprecher Beale, der kurz vor seiner Entlassung steht, vor laufender Kamera eine spontane Brandrede zum Status quo des Landes und der »miesen« Zeiten voller Depression, Arbeitslosigkeit und Kriminalität, an deren Ende er seine Zuschauer aufruft, zu »Wutbürgern« zu mutieren und endlich ihren Frust in die Welt hinauszuschreien: »Ich weiß nicht, was man gegen die Depression tun kann, gegen die Inflation, gegen die Russen und die Verbrechen auf den Straßen … Ich weiß nur, daß ihr erst einmal wütend werden müßt. Ihr müßt sagen: ›Ich bin ein menschliches Wesen, verdammt noch mal, mein Leben hat einen Wert!‹ Also: Ich will jetzt, daß ihr aufsteht! Ich will, daß ihr sofort aufsteht, zum Fenster geht, es aufmacht, den Kopf raussteckt und schreit: IHR KÖNNT MICH ALLE AM ARSCH LECKEN, ICH LASS MIR DAS NICHT MEHR LÄNGER GEFALLEN!« – woraufhin es tatsächlich landesweit zu »thymotischen« Ausbrüchen kommt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Pars pro toto zeigt Lumet den Hinterhof eines Miethauses, dessen Fenster und Balkone sich mit zunehmend durcheinanderschreienden, lustvoll protestierenden Menschen füllen, während gleichzeitig ein Gewitter mit Blitzen und Regengüssen tobt. In der Originalfassung lautet der Satz: »I’m as mad as hell and I’m not going to take it anymore!« – »Ich bin stinksauer, und ich laß mir das nicht länger gefallen!« Dieser berühmte Höhepunkt kommt etwa in der Mitte eines Films, dessen Zielscheibe zunächst hauptsächlich das grelle, verdummende Busineß des kommerziellen Fernsehens zu sein scheint. Drehbuchautor Chayefsky, ein 1923 geborener Sohn jüdischer Einwanderer aus der Ukraine, hatte 1976 bereits zwei Oscars in der Tasche, war einer der erfolgreichsten Broadway- und TV-Autoren und galt als unkonventioneller Linker, zu einer Zeit, als Linke noch durchaus »kulturkonservativ« argumentieren konnten. Seinem Biographen Dave Itzkoff zufolge haßte Chayefsky am Fernsehen »die grelle Dummheit, das Hinterherhecheln nach Moden und seine Vorliebe für Effekthascherei; die Reduktion all dessen, was an der amerikanischen Kultur unverwechselbar und wertvoll war, zur Grundnahrung der Spielshows, Lieder und Tänze; seine Tendenz, jeden Zuschauer zur gleichen Zeit zur selben Denke zu zwingen; und seinen allgemeinen Mangel an künstlerischer Integrität«.

Mit dem etwa gleichaltrigen Sidney Lumet kam ein weiterer jüdischstämmiger Linker ins Spiel, der als künstlerisch und politisch integer galt; sein nüchterner, naturalistischer Stil kühlte Chayefskys Neigung zur überbordenden Groteske etwas ab, wodurch Network zu einem eigentümlichen Balanceakt zwischen absurdistischer Überzeichnung und distanzierter, intellektueller Kulturkritik geriet. Kühne erzählerische Ellipsen und Schnitte zerlegen den Film in beinahe fragmentarische Szenen, die der Zuschauer selbst miteinander verbinden muß; antithetisch zur Ästhetik des Fernsehens spielen sich wesentliche Szenen beinahe beiläufg ab. Viele Details bleiben einer vollständigen Erklärung entzogen. Der abgehalfterte, dem Suff verfallene, Selbstmordgedanken hegende Beale (Peter Finch) agiert zunächst aus purer Verbitterung, außerstande, das Theater der »Lügenpresse« noch länger mitzuspielen, mit der asozialen Dreistigkeit eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat. Zunächst verkündet er, öffentlich Selbstmord begehen zu wollen, was er in der nächsten Sendung so kommentiert: »Zugegeben, ein bißchen verrückt. Aber ich fand plötzlich alles beschissen.« Original: »I just ran out of bullshit«, etwa: »Mir ist einfach kein Mist mehr eingefallen, den ich erzählen kann.« Plötzlich bringt er Dinge zur Sprache, die keinen Platz in der Opiumhöhle des Entertainments haben: »›Beschissen‹, das ist die richtige Bezeichnung für unser Leben. Wir alle wissen nicht, warum wir diese Qualen und sinnlosen Erniedrigungen durchmachen müssen.«

Beales »authentische« Offenheit läßt die Einschaltquoten seiner Sendung wieder dramatisch nach oben schnellen, und vor allem die von Faye Dunaway gespielte, karrieregeile Programmchefin wittert gigantischen Profit mit »zornigen Anti-Kultur-, Anti-Establishment-Programmen«. Dabei soll ihr nicht nur Beale, der »Prophet« des »Mannes auf der Straße«, dienen, sondern auch eine militante schwarze Kommunistin nach dem Vorbild von Angela Davis, die ihr einen Deal mit der linksextremen Terrorgruppe »Ökumenische Befreiungsarmee« vermittelt, die sich für die Reality-Show »Die Mao-Tse-Tung-Stunde« mit aufregendem Filmmaterial von echten Anschlägen, Entführungen und Banküberfällen engagieren läßt. Damit wird natürlich jeder Anspruch des politischen Radikalismus wie auch des thymotischen Aufstandes gegen die sekundäre Welt ad absurdum geführt und erneut in eine Pose, eine Show, einen Konsumartikel und bloßes Entertainment umgewandelt und damit neutralisiert.

Die Wende kommt, als Beale eines Nachts eine nahezu dämonische Vision hat, die er als göttliche Stimme interpretiert, die seine Mission nun endgültig bekräftigt. Fortan scheint Beale einer waschechten, euphorisierenden Psychose verfallen zu sein. Erst nach dieser Vision folgt seine legendäre »Mad as hell«-Rede. Während die Vermarktung seines »Prophetentums« augenscheinlich immer sensationalistischer und fadenscheiniger wird, verfolgt Beale unbeirrt seinen Kurs, offenbar blind für den erneuten »bullshit«, der um ihn herum aufgebaut wird und der seine Botschaft auf paradoxe Weise bekräftigt: »Diese Röhre ist das Evangelium, die letzte Offenbarung. Diese Röhre kann krönen und stürzen, Präsidenten, Päpste, Premierminister. Diese Röhre ist die gefährlichste, furchterregendste gottverdammte Macht in dieser gottlosen Welt. Wehe uns, wenn sie je in die Hände der falscher Leute kommt, Freunde … Das Fernsehen ist nicht die Wahrheit. Das Fernsehen ist ein Zirkus, ein Jahrmarkt, eine reisende Truppe von Akrobaten, Märchenerzählern, Tänzern, Sängern, Jongleuren, Abnormitäten, Löwenbändigern und Fußballspielern.« Seine Rede kulminiert in dem Aufruf, die Apparate endlich abzudrehen, worauf er in prophetischer Verzückung kollabiert, während der Kamerakran für eine Nahaufnahme des am Boden Liegenden heranschnellt wie eine Viper, ein jazziger Tusch erklingt und sich das Publikum applaudierend von den Sitzen erhebt, angeheizt durch professionelle Animateure.

Der Spaß hat allerdings ein Ende, als Beale in der nächsten Rede den Ausverkauf amerikanischer Medien und Unternehmen an ausländische Mächte anprangert – die Saudis würden nicht nur kurz davor stehen, den Sender zu übernehmen, sie hätten bereits das halbe Land und Dutzende amerikanische Gesellschaften aufgekauft. »Es gibt nur eine Macht, die das verhindern kann«, wettert Beale, »und das seid ihr!« Er fordert seine Zuschauer auf, das Weiße Haus mit Protesttelegrammen zuzudecken. Nun hat Beale exakt jene rote Linie überschritten, die bis heute niemand überschreiten darf, der als Rebell oder Widerständler geduldet oder gar in das Spektakel eingebunden werden will: Denn er ruft den demokratisch-patriotischen Volksaufstand aus, um die Souveränität der Nation vor dem Zugriff durch raumfremde, plutokratische Kräfte zu retten. Dies ist der Rubikon, vor dem auch heute jeder Linke steht, der es mit seiner Globalismus- und Kapitalismuskritik ernst meint: Wenn er die Dinge konsequent zu Ende denkt, wird er erkennen müssen, daß ganz besonders das Big Busineß daran interessiert ist, die Souveränität der Nationen und ihrer Völker aufzulösen. Beale hat allerdings seine Lektion noch nicht vollständig begriffen.

Die endgültige Erleuchtung erlangt er in der wohl genialsten Szene des Films, in der sich ihm erneut auf beinahe surreale Weise ein »göttliches« Wesen offenbart. Die Fernsehhäuptlinge sind entsetzt, daß Beale den Deal mit den Arabern ausgeplaudert hat. Jensen, der Chef des Senders, bestellt Beale in einen riesigen, fürstlich mit barocker Kunst eingerichteten Konferenzsaal, wo er am Ende einer langen Tafel Platz nimmt. Jensen zieht die Vorhänge zu und verdunkelt dieses »Walhalla«, wie er es nennt. Nur noch die Kronleuchter und die Lampen auf dem Tisch brennen gedämpft. Jensen hebt plötzlich, mit unerwartet donnernder Theatralik, zu einer Rede an, in der die wahren kosmischen Kräfte enthüllt werden, die Netzwerke aller Netzwerke, und die Mächte, die sie steuern. Und sie haben nichts mit der Macht des Volkes und dem Zorn der Wutbürger zu tun: »Sie haben sich in das Spiel der Urgewalten der Natur eingemischt, Mr. Beal! Sie sind ein alter Mann, der noch in Begriffen wie Nationen und Völker denkt. Es gibt keine Nationen, es gibt keine Völker, es gibt keine Russen, es gibt keine Araber, es gibt keine Dritte Welt, es gibt keinen Westen, es gibt nur ein einziges, großes, holistisches System der Systeme. Ein riesiges, ungeheuer mächtiges, verflochtenes, sich gegenseitig beeinflussendes, multivariables, multinationales Dominion von Dollars. Petro-Dollars, Elektro-Dollars, Multi-Dollars, Deutsche Mark, Gulden, Rubel, Pfund, also jede Art von Geld. Es ist das internationale Währungssystem, das die Globalität des Lebens auf diesem Planeten bestimmt. Das ist die natürliche Ordnung der Dinge. Das ist die atomare und die subatomare und die galaktische Struktur der Dinge heutzutage. Sie erscheinen da auf ihrem lächerlichen kleinen Bildschirm und wehklagen über Amerika und Demokratie. Es gibt kein Amerika, es gibt keine Demokratie. Es gibt nur IBM und ITT und AT&T und DuPont, Dow, Union Carbide und Exxon. Das sind die Nationen der Welt heutzutage.«

Diese Welt unter der Herrschaft der Manager, der weltumspannenden Konzerne und der Totalökonomisierung aller Lebensbereiche wird allerdings eines Tages das friedvolle Ende der Geschichte einläuten, die Politik durch Wirtschaft ersetzen und die Utopie des Kapitalliberalismus verwirklichen: »Unsere Kinder werden sie erleben, die perfekte Welt, in der es weder Krieg noch Hungersnot gibt, weder Unterdrückung noch Brutalität. Eine riesige ökumenische Holdinggesellschaft, für die alle Menschen arbeiten werden, um einen gemeinsamen Proft zu erwirtschaften, und alle Menschen werden an dieser Gesellschaft einen gewissen Anteil haben. Alle Bedürfnisse werden befriedigt. Angst und Schrecken werden verschwunden sein, und auch Langeweile wird es nicht mehr geben.« Jensen erklärt Beale, er habe ihn »auserkoren, dieses Evangelium zu verkünden«. Warum? »Weil Sie beim Fernsehen sind, Sie Dummkopf. 60 Millionen Menschen sehen Sie jeden Abend.«

»Ich habe das Antlitz Gottes gesehen«, antwortet Beale ehrfürchtig. Als er erneut auf dem Bildschirm erscheint, um diese »Konzernkosmologie« zu verkünden, gibt er ihr jedoch eine überraschende Wendung. Zunächst preist er zwar den Erfolg des millionenfachen Protests der Fernsehzuschauer und ihres Kampfes »für ihr Erbe«, denn angeblich wurde der Deal mit den Arabern in letzter Sekunde abgewehrt: »Das Volk hat gesprochen, das Volk hat gewonnen. Es war eine grandiose Demonstration der Demokratie.« Aber mehr dürfe man sich nicht mehr erwarten. »Es ist nicht anzunehmen, daß sowas nochmal passiert. Denn tief in unserem Inneren wissen wir, daß die Demokratie ein sterbender Riese ist, ein altersschwaches, todkrankes politisches Konzept, das sich in den letzten Qualen windet.« Damit sei nicht die USA als Weltmacht gemeint, weit entfernt. Nein, »es ist das Individuum, das am Ende ist. Es ist das einzigartige, einzelne menschliche Wesen, das am Ende ist. Jeder von euch, jeder einzelne von euch ist am Ende«.

War seine Botschaft zuvor noch »Alle Macht dem Volke«, und den angeblich souveränen Individuen, aus denen es sich zusammensetzt, so malt Beale nun ein düsteres Bild der »Schönen neuen Welt«, in der das Individiuum zur austauschbaren, ohnmächtigen Ziffer wird: »Die Völker der ganzen Welt werden massenproduzierte, massenprogrammierte, numerierte, gefühllose Gegenstände.« Dies scheint die Kehrseite oder Kritik von Jensens Utopie zu sein; jedenfalls predigt Beale nun aufrichtig, was er gelernt hat: daß demokratische Mittel gegen die herrschenden Mächte nutzlos sind, daß jeder Aufstand ein Surrogat und jeder populistische Appell eine Illusion ist. Eine deprimierende Botschaft, die niemand mehr hören will, besonders nicht das bisherige Stammpublikum der 18- bis 35jährigen. Beales Einschaltquoten sinken wieder ins Bodenlose, aber Jensen besteht aus einem unerfndlichen Grund darauf, die Sendung im Programm zu behalten. Die Programmchefs beschließen daraufhin, die Stars der »Mao-Tse-Tung-Stunde« auf den lästig gewordenen Propheten anzusetzen. Beale wird vor laufender Kamera von den Terroristen erschossen, und natürlich fährt auch dieses Mal der Kamerawagen routiniert auf das blutverschmierte Gesicht des Toten zu. »Das war die Geschichte von Howard Beale, der erste bekanntgewordene Fall eines Mannes, der erschossen wurde, weil seine Einschaltquote zu niedrig war.« Wie auch heute, hat sich bereits in Lumets Film die extreme Linke zum Erfüllungsgehilfen und Vollstrecker des Globalkapitalismus gemacht. Die von Jensen formulierte Utopie bleibt weiterhin das Leitbild der globalen Eliten, die auch den großen Bevölkerungsaustausch in Europa vorantreiben, der ideologisch ebenfalls auf einer ökonomischen Reduktion des Menschen basiert.

1996 schrieb Panajotis Kondylis: »Der Kern der heutigen Weltlage ist die Ausbreitung der produzierenden und konsumierenden Massendemokratie, das ständige Wachsen der Erwartungen in der Welt und daher auch eine Verschärfung der Konkurrenz, die unter dem Druck ökologischer und demographischer Faktoren bedenklich werden kann.« Wobei diese »Massendemokratie«, so könnte man anmerken, eigentlich eine Postdemokratie oder Simulationsdemokratie ist, die mit der Bealesschen »populistischen« Auffassung von Demokratie, wie sie heute etwa von »Occupy« und PEGIDA vertreten wird, nichts mehr gemein hat. Der Mythos, daß der demokratische Furor der mündigen Bürger den globalistischen Leviathan bezwingen könne, ist weiterhin einer der letzten Strohhalme, an den sich politische Opponenten und Dissidenten von links und rechts klammern; der Kommentar von Network fällt hierzu eher pessimistisch aus.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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