Linke Netzwerke und die Syrien-Berichterstattung

Sommer 2014: Zwei Kabarettisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nehmen sich in der ZDF-Politsatiresendung »Die Anstalt«... 

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

die »Medi­en­schaf­fen­den« vor, spe­zi­ell jene der schrei­ben­den Zunft, von der FAZ bis zur Zeit. The­ma: Außen­po­li­ti­sche Bericht­erstat­ter und ihre Beein­flus­sung durch trans­at­lan­ti­sche Lob­bys. Die infor­ma­ti­ve Auf­klä­rungs­ar­beit endet damit, daß einer der bei­den Sati­ri­ker die (über­spitz­te wie tref­fen­de) Fol­ge­rung äußert: »Aber dann sind ja alle die­se Zei­tun­gen nur so etwas wie die Lokal­aus­ga­ben der Nato-Pres­se­stel­le!«. Ant­wort des Part­ners: »Das haben jetzt Sie gesagt. Aber Sie haben es schön gesagt.«

Es kam, wie es kom­men muß­te. Eini­ge der Por­trä­tier­ten, dar­un­ter die pro­mi­nen­tes­ten »Mei­nungs­ma­cher« der bun­des­deut­schen Pres­se­land­schaft, ver­such­ten, die Ver­brei­tung der Sen­dung – ins­be­son­de­re natür­lich der dar­in ent­hal­te­nen Bot­schaft: kaum ein Jour­na­list ist nicht trans­at­lan­tisch gebun­den – zu stop­pen. Es ging unter ande­rem um die Atlan­tik-Brü­cke, den Ame­ri­can Coun­cil on Ger­ma­ny, das Aspen Insti­tu­te und ähn­lich aus­ge­rich­te­te Netz­wer­ke zur Beein­flus­sung öffent­li­cher Mei­nung. Sie alle haben zahl­lo­se pro­mi­nen­te Mit­glie­der, sie alle prof­tie­ren vom lan­cier­ten Ping-Pong-Spiel zwi­schen Lob­by-Jour­na­lis­ten und Lob­by-Poli­ti­kern, die sich gegen­sei­tig die Bäl­le zuspie­len. Noch bekann­ter und glo­bal hyper­ak­tiv ist der Mul­ti­mil­li­ar­där Geor­ge Soros. Des­sen Open Socie­ty Foun­da­ti­ons arbei­ten recht erfolg­reich in Dut­zen­den Staa­ten, vor allem in Ost­eu­ro­pa und im Nahen Osten, auf »gesell­schaft­li­chen Wan­del« hin. Das meint in Soros’ Les­art: offe­ne Gren­zen und freie Märk­te, Abbau von eth­no­kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen und reli­giö­sen Wer­ten, För­de­rung einer poli­tisch kor­rek­ten »One-World«-Terminologie oder auch die unver­hoh­le­ne Absicht, der libe­ral­ka­pi­ta­lis­ti­schen Glo­ba­li­sie­rung wider­spens­ti­ge Regie­run­gen und Staa­ten mit »Regime Chan­ge« heim­zu­su­chen – die Sou­ve­rä­ni­tät eines Staa­tes ist längst irrelevant.

Wir bewe­gen uns hier im obers­ten, effek­tivs­ten und geläufgs­ten Bereich der außen­po­li­ti­schen Mei­nungs­be­einflus­sung durch Netz­wer­ke und Lob­by­grup­pen. Aber auch unter­halb die­ser Seil­schaf­ten und Struk­tu­ren gibt es Netz­wer­ke, die mit­tels außen­po­li­ti­scher Initia­ti­ven und dank zwi­schen­mensch­li­cher Kon­tak­te Mei­nun­gen »set­zen« und geschult auch außer­halb ihres genui­nen Umfelds pla­zie­ren kön­nen. Dies gilt gera­de auch für klei­ne­re links­li­be­ra­le und extrem lin­ke Netz­wer­ke, die durch geschick­te Ver­net­zung mit Akteu­ren der Leit­me­di­en ihre eige­nen Inhal­te in die mas­sen­me­dia­le Bericht­erstat­tung einflie­ßen las­sen. Die Grö­ße der jewei­li­gen Inter­es­sen­grup­pe ist dabei weni­ger bedeu­tend als die per­so­nel­le Schnitt­stel­le zu Ver­tei­ler­kno­ten öffent­li­cher Mei­nungs­bil­dung. Beson­ders deut­lich wird dies anhand der seit meh­re­ren Jah­ren domi­nie­ren­den Syri­en-Bericht­erstat­tung, bei der unter­schied­li­che Akteu­re rele­vant sind, dar­un­ter – als Ver­such einer Kate­go­ri­sie­rung – »schein­se­riö­se«, »extre­me« und »huma­ni­tä­re«. Für jeden die­ser Typen gibt es ein Musterbeispiel.

I. Der Scheinseriöse
Kurz nach Beginn des von außen impor­tier­ten und ange­fach­ten Syri­en­krie­ges stütz­ten sich die Leit­me­di­en die­ser Welt – von CNN über TF1 bis ARD, von New York Times über Le Mon­de bis FAZ – auf die Infor­ma­tio­nen einer soge­nann­ten Syri­an Obser­va­to­ry for Human Rights (Syri­sche Beob­ach­tungs­stel­le für Men­schen­rech­te). Man schätz­te wohl schon den Klang des Namens: »Syrisch«, das macht die Infor­ma­tio­nen glaub­wür­di­ger, authen­ti­scher, »Beob­ach­tung«, das wirkt hell­wach und auf­merk­sam, und die Rhe­to­rik von durch­zu­set­zen­den »Men­schen­rech­ten« als »ideo­lo­gi­scher Ver­klei­dung der Glo­ba­li­sie­rung« (Alain de Benoist) gilt immer dann als nutz­brin­gend, wenn ein belie­bi­ger »Tyrann« – dies­mal: Baschar al-Assad – den öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Inter­es­sen der trans­at­lan­ti­schen Fron­de im Wege steht. Syri­sche Beob­ach­tungs­stel­le für Men­schen­rech­te also, zitiert in allen rele­van­ten Medi­en Deutsch­lands, ange­führt als Quel­le für Ver­letz­ten- und Todes­zah­len, Front­ver­läu­fe oder auch angeb­li­che Ver­wer­fun­gen inner­halb des regie­rungs­treu­en Lagers. Ein gro­ßes Netz­werk syri­scher Jour­na­lis­ten, Publi­zis­ten, Vor-Ort-Infor­man­ten und Regime-Insi­dern? Nein, nur eine ein­zi­ge Per­son: Rami Abdur­rah­man (bzw. mit bür­ger­li­chem Namen: Osa­ma Sulei­man). Es ist kaum bekannt, wen Herr Abdur­rah­man in Syri­en tat­säch­lich kennt und von wem er Infor­ma­tio­nen bezieht, denn er lebt nicht in Damas­kus oder Alep­po, son­dern im eng­li­schen Coven­try, in einer mit­tel­eng­li­schen Stadt rund 150 Kilo­me­ter nörd­lich von Lon­don. Dort, in einer Zwei­zim­mer­woh­nung im Hau­se des Beklei­dungs­ge­schäfts sei­ner Ehe­frau, surft der bri­ti­sche Staats­bür­ger durch die vir­tu­el­le Welt der Kriegs­be­richt­erstat­ter und sucht sich sei­ne The­men zusam­men, die er, nun ideo­lo­gisch in Schwung und in Form gebracht – also die Oppo­si­ti­on ver­klä­rend, das Regime dia­bo­li­sie­rend, dem Wes­ten die gewünsch­ten Schlag­zei­len soufflie­rend – wie­der­um über sei­nen Blog ver­brei­tet. Dann spei­sen die sich ihm ver­bun­den zei­gen­den Akteu­re des media­len Main­streams des­sen Schät­zun­gen und Wer­tun­gen auf direk­tem Wege in die Bericht­erstat­tung von Tages­schau und ande­ren Nach­rich­ten­for­ma­ten ein. Was wie ein Ammen­mär­chen klin­gen mag, was in einer moder­nen, mün­di­gen und »auf­ge­klär­ten« Gesell­schaft schier unglaub­lich erscheint, ist All­tag. Wie so oft liegt die­ser Kon­stel­la­ti­on aber kei­ne Ver­schwö­rung omi­nö­ser, klan­des­tin agie­ren­der Krei­se zugrun­de, son­dern die Bana­li­tät des Netz­wer­kens. Der pro­west­li­che Links­li­be­ra­le Abdur­rah­man ver­stand es durch eine geschick­te Mischung aus Markt­schreie­rei und schein­ba­rer Aus­ge­wo­gen­heit bei brand­ak­tu­el­ler Bericht­erstat­tung von Konflikt­be­ginn an, sich als Infor­mant der Medi­en­welt in Sze­ne zu set­zen. Die auf trans­at­lan­ti­scher Linie ste­hen­de euro­päi­sche Öffent­lich­keit for­dert, er lie­fert; er goo­gelt Neu­ig­kei­ten zusam­men und spitzt zu, die Medi­en­welt greift es ent­spre­chend auf und trans­por­tiert die gewünsch­ten Infor­ma­tio­nen in die Wohn­zim­mer der hie­si­gen Medi­en­kon­su­men­ten, denen frei­lich nicht offen­bart wird, daß es sich nicht um eine unab­hän­gi­ge Insti­tu­ti­on han­delt, son­dern um eine One-Man-Show mit rasen­dem per­sön­li­chem Haß auf ein Land und sei­ne Regie­rung. Abdur­rah­man, der schon seit 2006 auf ent­spre­chend ein­tö­ni­ge Anti-Assad-Bericht­erstat­tung fokus­siert war, knüpf­te als »authen­ti­scher« Oppo­si­tio­nel­ler – er war vor sei­nem Exil wohl mehr­fach in syri­scher Haft – mit Aus­bruch des Kon­flikts in der Levan­te rasant Kon­tak­te und wur­de von bri­ti­schen Jour­na­lis­ten popu­la­ri­siert. Bereits im Herbst 2011 – der Syri­en­krieg steck­te in den Kin­der­schu­hen – erhielt er dann eine Audi­enz des (dama­li­gen) bri­ti­schen Außen­mi­nis­ters Wil­liam Hague: Eine Erfolgs­ge­schich­te begann, die bis heu­te anhält. Sie zeigt, mit welch gerin­gem Auf­wand Infor­ma­tio­nen und The­sen glo­ba­le Ver­brei­tung fnden kön­nen, aber auch, wie gleich­för­mig die vor­geb­lich viel­fäl­ti­ge Pres­se­land­schaft gera­de in Deutsch­land ist, wenn »lin­ke«, »libe­ra­le« und als »kon­ser­va­tiv« gel­ten­de Publi­ka­tio­nen stets die­sel­be Ursprungs­quel­le anfüh­ren. Ein brei­ter Wahr­neh­mungs­ho­ri­zont ist eo ipso ausgeschlossen.

II. Die Extremen
Eben­falls von einem sehr ein­ge­schränk­ten Blick­win­kel aus agiert die bun­des­deut­sche Initia­ti­ve »Adopt a Revo­lu­ti­on« des Ver­eins »about:change«. Die aus der äußers­ten Lin­ken stam­men­de Grup­pe ope­riert eben­falls weder von Damas­kus noch von Alep­po aus, son­dern hat ihren Sitz in Leip­zig – an der Mel­de­adres­se eines Cate­ring­un­ter­neh­mens. Adopt a Revo­lu­ti­on hat es sich zum Ziel gesetzt, die syri­sche »Zivil­ge­sell­schaft« zu stär­ken und – dar­un­ter geht es offen­bar nicht – die Regie­rung Assad zu bekämp­fen. Man soll eif­rig spen­den und wird – auch dar­un­ter geht es nicht – sogleich »Pate der Revo­lu­ti­on«, und das ganz bequem auf dem WG-Sofa, wäh­rend das syri­sche Volk unter den zivi­li­sa­ti­ons­bre­chen­den Fol­gen der »Revo­lu­ti­on« darbt. Eine der Haupt­prot­ago­nis­ten des dazu­ge­hö­ri­gen Peri­odi­kums adopt a revo­lu­ti­on ist Han­nah Wet­tig, die als Autorin der als »anti­deutsch« gel­ten­den Wochen­zei­tung Jung­le World, dem Auto­no­men-Monats­blätt­chen ana­ly­se & kri­tik oder auch – wen wun­dert es ange­sichts der »trans­at­lan­ti­schen Ein­heits­front« noch – in der Sprin­ger-Tages­zei­tung Die Welt publi­zis­ti­sche Erfah­run­gen sam­melt. Man ist ver­netzt, man kennt sich, man spielt sich die Bäl­le zu. Größ­ter Coup der Mini-NGO war bis dato eine frag­wür­di­ge »Umfra­ge« unter syri­schen Flücht­lin­gen in Deutsch­land, die beson­ders anschau­lich dar­legt, wie man sich die­ses Zusam­men­spiel vor­stel­len muß.

Im Okto­ber 2015 lud die Initia­ti­ve ins Haus der Bun­des­pres­se­kon­fe­renz ein, um eine Erhe­bung vor­zu­stel­len. 900 syri­sche »Refu­gees« wur­den in ver­schie­de­nen bun­des­deut­schen Städ­ten befragt, und zwar vor allem nach dem Grund für die Flucht sowie den Schul­di­gen an der Gewalt. Erwart­bar rei­ße­risch war der Titel der beglei­ten­den, wie üblich die syri­sche Regie­rung dämo­ni­sie­ren­den und die sun­ni­tisch-fun­da­men­ta­lis­ti­sche Bar­ba­rei rela­ti­vie­ren­den Pres­se­mit­tei­lung: »Umfra­ge: Mehr­heit syri­scher Flücht­lin­ge flieht vor Assad-Regime, nicht vor Isla­mi­schem Staat (IS)«. Ob Spie­gel oder Süd­deut­sche Zei­tung – man gab die kru­de Bot­schaft, die als »empi­ri­sche« Bestä­ti­gung der eige­nen ideo­lo­gi­schen Syri­en-Agen­da erschien, so wei­ter. Im Gespräch mit Anne Will nutz­te gar Kanz­le­rin Ange­la Mer­kel die stei­len Adopt-a-Revo­lu­ti­on-The­sen zu Flücht­lings­mo­ti­ven vor über drei Mil­lio­nen Fernsehzuschauern.

Die Online­platt­form »Kraut­re­por­ter« hat die Fak­ten geprüft und stell­te fest, daß die­se bereit­wil­li­ge Adap­ti­on der Umfra­ge­er­geb­nis­se durch Mas­sen­me­di­en und Poli­tik gänz­lich unbe­grün­det war, denn, so lau­tet die Kri­tik, wenn »grund­le­gen­de wis­sen­schaft­li­che und jour­na­lis­ti­sche Stan­dards ein­ge­hal­ten (wor­den) wären, hät­te sie nicht so viel Auf­merk­sam­keit bekom­men dür­fen«. Die wich­tigs­ten Grün­de sind einleuchtend:

  • Die Umfra­ge war nicht reprä­sen­ta­tiv (man weiß nicht, wer und war­um befragt wur­de; man weiß noch nicht mal, wel­che und wie vie­le Syrer in die BRD kom­men).
  • Die Umfra­gen­ma­cher igno­rier­ten bereits vor­han­de­ne Daten (etwa vom Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flüchtlinge).
  • Bei der wohl ent­schei­den­den Fra­ge – vor wem wird geflo­hen (Mehr­fach­ant­wort mög­lich)? – stand Assad an der Spit­ze, aber nur, da alle »oppo­si­tio­nel­len« Akteu­re (d.h. auch: IS, al-Nus­ra und Co.) getrennt auf­ge­führt wurden.

Rech­net man die­se Ter­ror­ban­den zusam­men, sind frei­lich sie der Haupt­flucht­grund, und Kraut­re­por­ter Rico Grimm stell­te fol­ge­rich­tig fest, daß anhand die­ser nun anders berech­ne­ten Ergeb­nis­se die Über­schrift eben­so hät­te lau­ten kön­nen: »Umfra­ge: Mehr­heit syri­scher Flücht­lin­ge flieht vor Assads Geg­nern, nicht vor Assad-Regime«. Gewiß wäre das aber nicht im Sin­ne der bereit­wil­lig war­ten­den Medi­en­land­schaft gewe­sen; die­se Über­schrift war weder ideo­lo­gisch gewollt noch hät­te sie für Auf­merk­sam­keit für die Urhe­ber der Umfra­ge gesorgt. Der »Pro­pa­gan­da­trupp« (jun­ge Welt über das Leip­zi­ger Regime-Chan­ge-Netz­werk) igno­rier­te frei­lich die Kri­tik, ver­brei­tet wei­ter­hin die Mär von Faß­bom­ben als Flucht­mo­tor und wirbt für einen Kol­laps der syri­schen Regie­rung (und damit des Staa­tes an sich) – trotz aller unfaß­ba­rer huma­ni­tä­rer Kata­stro­phen, die bekann­ter­ma­ßen dar­aus resul­tie­ren wür­den bzw. in jenen Tei­len Syri­ens bereits ein­ge­trof­fen sind, die nicht mehr von der Regie­rung und ihren Ver­bün­de­ten gehal­ten werden.

III. Der Humanitäre
Eine solch extrem igno­ran­te Hal­tung, wie sie bei Adopt a Revo­lu­ti­on Usus ist, dürf­te auch dem Publi­zis­ten Tho­mas von der Osten-Sacken gefal­len. Der Kopf einer klei­nen NGO namens WADI e.V. ist nicht nur Stam­m­au­tor der Jung­le World, son­dern ist als »Exper­te« mit­un­ter auch in den Spal­ten der Sprin­ger-Pres­se oder in den Nach­rich­ten des bun­des­deut­schen öffent­lich-recht­li­chen Rund­funks aktiv. Auch hier gilt: Sein per­sön­li­ches Netz­werk mit Kon­tak­ten in den Main­stream (Bild-Zei­tung, Die Welt, ARD etc.) hin­ein erleich­tern die Posi­tio­nie­rung eigent­lich rand­stän­di­ger, da bizar­rer Stand­punk­te. Und: Auch er gehört dem anti­deut­schen Spek­trum der Lin­ken an und sieht in Syri­ens Regie­rung und sei­nen Ver­bün­de­ten das grö­ße­re Übel gegen­über wohl ver­nach­läs­sig­ba­ren Fak­to­ren wie isla­mis­ti­schen Mör­der­al­li­an­zen oder den Golf­staa­ten als »Paten des Ter­rors« (Chris­ti­an Ort­ner). Dreh- und Angel­punkt des huma­ni­tä­ren Akti­vis­ten, der so stark an der Unver­sehrt­heit von Zivi­lis­ten inter­es­siert ist, daß er mili­tä­ri­sche Inter­ven­tio­nen – mit all ihren häufg geno­zi­da­len Fol­gen – gegen Syri­en und den Iran for­dert, ist dabei Isra­el. Wie im anti­deut­schen Milieu üblich, wird die­ser Staat, der erwie­se­ner­ma­ßen in Syri­en mor­den­de Extre­mis­ten in Kran­ken­häu­sern ver­sorgt (was hier­zu­lan­de beschwie­gen wird), zur »qua­si-reli­giö­sen Heil­stät­te ver­klärt« (Rudi Bigal­ke). Alles wei­te­re lei­tet sich von die­sem Fetisch ab, nimmt die Gedan­ken­fol­ge bis­wei­len auch gro­tes­ke Züge an. Osten-Sacken kri­ti­sier­te etwa aus­ge­rech­net Adopt a Revo­lu­ti­on dafür, eine Pro­test­de­mons­tra­ti­on im Jemen gegen sau­di­sche Ein­mi­schung in jeme­ni­ti­sche Ange­le­gen­hei­ten auf Face­book her­vor­ge­ho­ben zu haben. Immer­hin, so Osten-Sacken, wären da doch wohl auch schii­ti­sche Pro­test­ler zusam­men­ge­kom­men, die wie­der­um mög­li­cher­wei­se den Hou­thi-Rebel­len nahe­stan­den, die wie­der­um pro Assad ein­ge­stellt sind und über­dies eine Nähe zum Iran auf­wei­sen, der wie­der­um nichts ande­res als die bal­di­ge Ver­nich­tung Isra­els anstre­be. Die­se bei­na­he als para­no­id zu klas­si­fi­zie­ren­de Pro­jek­ti­on hat selbst­re­dend wenig mit der rea­len Lage im Nahen und Mitt­le­ren Osten, viel aber mit der Stär­kung der israe­li­schen und west­le­ri­schen Posi­ti­on zu tun, an der es Osten-Sacken gele­gen ist.

Frei­lich: Sol­cher­lei öffent­lich geäu­ßer­te Gedan­ken­ab­fol­gen sind nor­ma­ler­wei­se eher ein Fall für klei­ne, äußerst spe­zif­sche Nischen inner­halb der poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Extre­mis­mus­for­schung und weni­ger für einen Bei­trag in der Sezes­si­on. Dem wäre auch tat­säch­lich so, wenn Osten-Sackens Bei­trä­ge auf die übli­chen Sze­ne-Peri­odi­ka wie Baha­mas, kon­kret oder Jung­le World beschränkt blie­ben. Tat­säch­lich schreibt er aber eben zudem Bei­trä­ge in mas­sen­me­dia­len Ver­stär­kern wie der Bild, wo er hoch­tra­bend mal als huma­ni­tä­rer Akti­vist, mal als »Geschäfts­füh­rer der deutsch-ira­ki­schen Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on WADI e.V. und Autor«, mal als »Nah­ost-Exper­te« vor­ge­stellt oder inter­viewt wird. In kei­nem ein­zi­gen Fall wird jedoch erwähnt, in welch illus­trem Milieu er ver­kehrt und eben­falls publi­ziert. Das per­sön­li­che Netz­werk – auf Face­book und anders­wo ohne Scheu preis­ge­ge­ben – greift, der trans­at­lan­ti­sche und isra­el­so­li­da­ri­sche Kitt ver­ei­nigt ein­mal mehr Publi­zis­ten der äußers­ten »anti­deut­schen« Lin­ken und rele­van­te Mei­nungs­mul­ti­pli­ka­to­ren der deut­schen Leitmedien.

Die­se drei – belie­big erwei­ter­ba­ren – Bei­spie­le aus der Welt der Beein­flus­sung der öffent­li­chen und ver­öf­fent­lich­ten Mei­nung am Bei­spiel des Syri­en­kriegs zei­gen, wie gänz­lich unter­schied­li­che Netz­wer­ke aus rand­stän­di­ger Posi­ti­on her­aus außen­po­li­ti­sche Bericht­erstat­tung beein­flus­sen kön­nen. Die Inte­gra­ti­on ins­be­son­de­re anti­deutsch ori­en­tier­ter Per­so­nen in den Kon­sens des polit­me­dia­len Haupt­stroms der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Gesell­schaft gelingt dabei ohne Stör­ge­räu­sche. Adopt a Revo­lu­ti­on, Tho­mas von der Osten-Sacken und ande­re Akteu­re wer­den bereit­wil­lig gehört und ihnen Podi­en gebo­ten. Denn mit die­sen trans­at­lan­ti­schen, israel­af­fi­nen und neo­li­be­ra­li­sier­ten Posi­tio­nen ist die extre­me Lin­ke kei­ne Gefahr mehr fürs libe­ra­le und west­le­ri­sche Estab­lish­ment, son­dern der bereit­wil­li­ge Dienst­leis­ter und zuspit­zen­de Flan­ken­ge­ber für die hege­mo­nia­le Mei­nung der herr­schen­den Klas­se: Bild und Co. ver­wan­deln deren paß­ge­naue Vor­la­gen all­zu gerne.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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