Der Mythos von Putins fünfter Kolonne

Die Frage bewirkt einen Riß quer durch alle bürgerlichen Lager: Ist das, was wir gewohnt sind,... 

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Wes­ten zu nen­nen, für den Ver­bün­de­ten USA viel­leicht nur noch ein Instru­ment zur Durch­set­zung sei­ner eura­si­schen Geo­po­li­tik? Ist die trans­at­lan­ti­sche Son­der­be­zie­hung, wie sie (in West­deutsch­land) im Wider­ste­hen gegen den gemein­sa­men kom­mu­nis­ti­schen Feind ent­stand, obso­let, seit es die­sen Feind nicht mehr gibt? Die einen sind fel­sen­fest über­zeugt, der Begriff »Freie Welt« sei so legi­tim wie zu Zei­ten des Kal­ten Kriegs. Für sie sind und blei­ben die USA der Fix­punkt, der Garant »unse­rer Frei­heit und Demo­kra­tie«. Ande­re treibt der Zwei­fel um. Eine Genera­ti­on nach dem Fall der Ber­li­ner Mau­er haben die Rah­men­be­din­gun­gen sich gewan­delt. Was noch vor kur­zem Drit­te Welt hieß, brü­tet neue Bedro­hun­gen aus. Neue Her­aus­for­de­rer betre­ten den Ring. Birgt die NATO-Ein­bin­dung also auch künf­tig Schutz und Segen, oder gebiert sie neue Gefah­ren in den Riva­len­kämp­fen des 21. Jahr­hun­derts, in den nicht mehr all­zu fer­nen Krie­gen der USA gegen Chi­na oder Ruß­land? Die NATO-Bei­stands­pflicht nach Arti­kel 5 greift immer­hin auch im Pazifik.

Ruß­land spielt da eine Schlüs­sel­rol­le, nicht erst seit Aus­bruch der Ukrai­ne­kri­se. Als ein­zi­ges Land in Euro­pa ver­wei­gert es sich kon­se­quent und bis tief in die rus­si­sche Gesell­schaft hin­ein der west­li­chen Hege­mo­nie. Das ist unver­schämt, eine Pro­vo­ka­ti­on und gleich­zei­tig ein Got­tes­ge­schenk. Schließ­lich ist »der Rus­se« der Arche­ty­pus des Furcht­erre­gen­den aus den Urgrün­den der Geschich­te. »Schwar­ze« und »Wil­de« sind der poli­ti­schen Kor­rekt­heit anheim­ge­fal­len – womit soll man den Kin­dern noch einen Schreck ein­ja­gen? Zum Glück gibt es die wei­ßen Bar­ba­ren jen­seits der Wäl­der. Einen Angst­geg­ner, der die Her­de eng um den Hir­ten rücken läßt. Die Furcht vor dem Wolf ersetzt den Schäferhund.

Feind­bild Ruß­land. Geschich­te einer Dämo­ni­sie­rung (Wien 2016, 304 S., 19.90 €) heißt die Stu­die, die der Wie­ner His­to­ri­ker Han­nes Hof­bau­er jetzt vor­ge­legt hat. Dar­in trägt er zusam­men, was seit dem 15. Jahr­hun­dert, seit dem Auf­stieg des Mos­kau­er Stadt­fürs­ten­tums, das Ruß­land­bild im Wes­ten prägt. Russo­pho­bie ist alt und in ihren Wur­zeln kon­fes­sio­nell geprägt. Schon 1500 beschrieb Jan Sakran, Rek­tor der Kra­kau­er Jagiel­lo­nen-Uni­ver­si­tät, die ortho­do­xen Rus­sen als »Ket­zer­volk mit Ver­bin­dun­gen zu den Tür­ken«. Islam und Ost­kir­che gal­ten dem katho­li­schen Euro­pa als glei­cher­ma­ßen ver­dam­mens­wert. »Der Mos­ko­wier […] ist für ödes Hei­den­tum und fluch­wür­di­ges Schis­ma berüch­tigt«, schimpf­te ein pol­ni­scher Bischof jener Zeit. Han­nes Hof­bau­er: »Das Bild vom bar­ba­ri­schen und unchrist­li­chen Rus­sen hat sich im 16. Jahr­hun­dert weit über das Hei­li­ge Römi­sche Reich hin­aus bis nach Eng­land fest­ge­setzt und kre­ierte dort sogar eine Thea­ter­mo­de unter dem Titel ›Mosco­vi­te mons­ters‹«. Noch 1908 hieß es im Geo­gra­phie­lehr­buch Seyd­litz, Stan­dard an den Schu­len im deut­schen Kai­ser­reich: »Die rus­si­schen Stäm­me sind Hal­basia­ten. Ihr Geist ist unselb­stän­dig, Wahr­heits­sinn wird durch blin­den Glau­ben ersetzt, For­schungs­trieb man­gelt ihnen. Krie­che­rei, Bestech­lich­keit, Unrein­lich­keit sind echt asia­ti­sche Eigenschaften.«

Das Feind­bild ist jedoch nur eine Sei­te der Medail­le, gewis­ser­ma­ßen die ästhe­tisch-mora­li­sche. Im 17. Jahr­hun­dert wur­de Ruß­land auch poli­tisch rele­vant, dräng­te in Rich­tung Ost­see und Schwar­zes Meer und traf auf die Inter­es­sen ande­rer Mäch­te: Tür­ken, die pol­nisch-litaui­sche Rze­cz­pos­po­li­ta, Schwe­den im Nord­wes­ten, spä­ter Per­si­en im Kau­ka­sus, Eng­land in Zen­tral­asi­en, im Wes­ten Preu­ßen und Öster­reich. Unter den sowje­ti­schen Zaren schließ­lich die mäch­ti­gen USA, dann Chi­na. Dem neu­en Ruß­land wird es nicht anders erge­hen, nicht in Sibi­ri­en, nicht in Euro­pa, nicht in Zen­tral­asi­en und nicht im Kaukasus.

Stets waren die diplo­ma­ti­schen und mili­tä­ri­schen Ver­wick­lun­gen durch­wo­ben mit Schmä­hun­gen, Ver­leum­dun­gen und Haß. Der Infor­ma­ti­ons­krieg ist uralt. Vor den Augen des Lesers ent­flicht Hof­bau­er die Ent­wick­lungs­li­ni­en des russo­pho­ben Feind­bilds und der inter­es­sen­be­ding­ten Riva­li­tä­ten. Daß er von links her argu­men­tiert, Öko­no­mie und Klas­sen­dia­lek­tik ins Zen­trum stellt, tut der Ana­ly­se kei­nen Abbruch. Im Gegen­teil. Sei­ne Kri­tik der welt­wei­ten US-Mis­si­ons­ar­beit, des Exports west­li­cher Demo­kra­tie und Men­schen­rech­te, fußt nicht auf anti­ame­ri­ka­ni­schen Res­sen­ti­ments, son­dern auf einer fun­dier­ten Kri­tik des Ban­ken- und Kon­zern­ka­pi­ta­lis­mus. Kurz­um, man muß kein Mar­xist sein, um sei­ne Gedan­ken als berei­chernd zu empfinden.

Die Ruß­land­po­li­tik der USA erläu­tert er von den Wur­zeln her. Das sind die bekann­ten Kon­zep­te aus den Kin­der­ta­gen der Geo­po­li­tik: Hal­ford Mack­in­ders (†1947) Heart­land-Theo­rie (»Wer Ost­eu­ro­pa regiert, beherrscht das Herz­land; wer das Herz­land regiert, beherrscht die Welt­in­sel [Eura­si­en]; wer die Welt­in­sel regiert, kon­trol­liert die Welt«) und John Spykmans (†1943) dar­aus her­vor­ge­gan­ge­ne Rim­land-Theo­rie. Spykman gilt auch als »Pate der Ein­däm­mungs­po­li­tik«. Seit dem Ende des Kom­mu­nis­mus wird die­se Poli­tik des Cor­don sani­taire, den man vor­sorg­lich um das mit dem Aggres­si­ons­vi­rus infi­zier­te Ruß­land legt, ergänzt durch einen hoch­mü­ti­gen Neo­kon­ser­va­tis­mus, der mit der Arro­ganz des all­wis­sen­den Polit­dok­tors welt­weit Aus­teri­tät, west­li­che Demo­kra­tie und Men­schen­rech­te verschreibt.

Damit die Medi­zin wirkt, wird sie intra­mus­ku­lär ver­ab­reicht. Tief im Innern. Gan­ze Netz­wer­ke soge­nann­ter Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen (NGO), ver­harm­lo­send Zivil­ge­sell­schaft genannt, appli­zie­ren ihre Prä­pa­ra­te in den Haupt­städ­ten der ehe­ma­li­gen Ost­block­staa­ten. Vie­le davon dürf­ten sich gar nicht NGO nen­nen – schließ­lich sind es Regie­rungs­gel­der, die sie da ver­bra­ten. Aller­dings kei­ne Regie­rungs­gel­der der Gast­län­der, son­dern der USA, Groß­bri­tan­ni­ens, Deutsch­lands und ande­rer Demo­kra­tie-Expor­teu­re. Die Kno­ten im Netz der Spin­ne, die für den Wes­ten Pro­se­ly­ten macht, sind seit lan­gem bekannt: das Natio­nal Endow­ment for Demo­cra­cy NED, USAID, Free­dom House, NDI, IRE, CIPE, ACILS … Die Lis­te läßt sich erwei­tern. Pri­va­te Initia­ti­ven wie die Stif­tun­gen des Spe­ku­lan­ten Geor­ge Soros fügen sich ein. Auch deut­sche poli­ti­sche Stif­tun­gen, haus­halts­fi­nan­ziert, sind mit von der Par­tie. Fünf Mil­li­ar­den (!) Dol­lar habe man inves­tiert, um die Ukrai­ne auf West­kurs zu brin­gen, brüs­te­te sich 2013 die US-Euro­pa­be­auf­trag­te Vic­to­ria Nuland. Ohne den ent­spre­chen­den logis­ti­schen Unter­bau wäre es gar nicht mög­lich gewe­sen, so viel Geld auszugeben.

In die­ser Lage, nach Farb- und Blu­men­re­vo­lu­tio­nen von Ser­bi­en bis zum Kau­ka­sus, sind die Krem­lobe­ren ent­schlos­sen, dem Wes­ten im post­mo­der­nen Kon­fes­si­ons­krieg zu wider­ste­hen. Die gro­ße Mehr­heit der rus­si­schen Bevöl­ke­rung unter­stützt sie dabei. Dazu gehört, den NGO das Was­ser abzu­gra­ben, dazu gehört der Infor­ma­ti­ons­krieg. Ein Netz­werk eige­ner Orga­ni­sa­tio­nen im Aus­land kann Ruß­land sich nicht leis­ten, dafür Medi­en wie Sput­nik oder Rus­sia Today. Die brau­chen über man­geln­des Publi­kum nicht zu kla­gen; es gibt genü­gend Men­schen, die sich in den west­li­chen Medi­en nicht mehr wie­der­fin­den. Die Behaup­tung noto­ri­scher Putin­fres­ser, der Kreml unter­hal­te fünf­te Kolon­nen, die auf einen Pfiff aus Mos­kau hin los­stürz­ten, um die Bun­des­kanz­le­rin abzu­set­zen, ist natür­lich bös­wil­li­ger Unsinn. Putins Anhän­ger hier­zu­lan­de wer­den weder gesteu­ert noch bezahlt. Sie arbei­ten ehren­amt­lich; je mehr der rus­si­sche Prä­si­dent in den Medi­en run­ter­ge­macht wird, des­to mehr bewun­dern sie, wie er den USA wider­steht, für eine mul­ti­po­la­re Welt kämpft und die Inter­es­sen sei­nes eige­nen Lan­des vertritt.

Der EU-Desta­bi­li­sie­rungs­plan, der dem Kreml gern ange­dich­tet wird, gehört zu den Mythen, wie sie allen gro­ßen Kon­flik­ten eigen sind. In Wahr­heit prägt schie­rer Oppor­tu­nis­mus die rus­si­sche EU-Poli­tik. An die Mög­lich­keit eines wirk­lich ver­ei­nig­ten Euro­pas hat man dort nie geglaubt. Mit eben­so siche­rem Gespür weiß man: Um den Kon­ti­nent zu desta­bi­li­sie­ren, reicht es, sei­ne Eli­ten so wei­ter­ma­chen zu las­sen wie bis­her. Das wird auch durch die Kon­tak­te zu west­li­chen Rechts­par­tei­en nicht wider­legt. Für die meis­ten Rus­sen sind deren Stand­punk­te nichts Beson­de­res, war­um soll­te man also nicht mit denen reden? Und ande­re Poli­ti­ker aus Euro­pa klop­fen nicht an die Tür.

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