Die Linke und die “Flüchtlings-Kanzlerin”

Zunächst schrieb sich Oskar Lafontaine auf seiner eigenen Facebook-Seite den Frust von der Seele, dann erschien sein Weckruf "Wenn Flüchtlingspolitik soziale Gerechtigkeit außer Kraft setzt", am 27. September in der Tageszeitung neues deutschland (nd). Das nd, in der DDR als ND noch offizielles Mitteilungsblatt der SED, ist von der Mutterpartei, die heute als PDL firmiert, offiziell getrennt.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Zunächst schrieb sich Oskar Lafon­tai­ne auf sei­ner eige­nen Face­book-Sei­te den Frust von der See­le, dann erschien sein Weck­ruf “Wenn Flücht­lings­po­li­tik sozia­le Gerech­tig­keit außer Kraft setzt”, am 27. Sep­tem­ber in der Tages­zei­tung neu­es deutsch­land (nd). Das nd, in der DDR als ND noch offi­zi­el­les Mit­tei­lungs­blatt der SED, ist von der Mut­ter­par­tei, die heu­te als PDL fir­miert, offi­zi­ell getrennt.

2007 lös­te sich die GmbH der Zei­tung aus der Par­tei­ver­bin­dung, doch gilt die Zei­tung wei­ter­hin als inof­fi­zi­el­les Par­tei­blatt, in dem sich der „gemä­ßig­te“, die Par­tei domi­nie­ren­de und Rot-Rot-Grün anvi­sie­ren­de Flü­gel austauscht.

Im Gegen­satz zur – klei­ne­ren, aber bis­si­ge­ren – Kon­kur­renz der jun­gen Welt hat man aller­dings nicht nur Leser ver­lo­ren (die nd-Auf­la­ge liegt noch bei ca. 30.000 Exem­pla­ren), son­dern auch eine kla­re Linie. Die Anpas­sung an den links­li­be­ra­len Main­stream unter dem pro­fil­lo­sen Chef­re­dak­teur Tom Stroh­schnei­der hat dazu geführt, daß das nd im 70. Jahr sei­nes Erschei­nens vor allem eines ist: langweilig.

Dies könn­te sich zumin­dest tem­po­rär geän­dert haben. Denn Lafon­tai­ne eckt an, er stellt sich gegen die Mehr­heit der Par­tei, im Ver­trau­en dar­auf, eine Mehr­heit der Sym­pa­thi­san­ten anspre­chen zu kön­nen. Man muß bei der Links­par­tei in die­sem Kon­text beden­ken, daß wei­te Tei­le der Par­tei eine Poli­tik anstre­ben (oder bereits prak­ti­zie­ren), die wei­te Tei­le der (poten­ti­el­len) Wäh­ler­schaft, beson­ders im Osten des Lan­des, nicht gou­tie­ren wür­den, wären ihr die par­ti­ell trans­at­lan­ti­schen, par­ti­ell anti­deut­schen und stets mul­ti­kul­tu­rel­len Aus­rich­tun­gen in exten­so bekannt.

Immer wie­der kommt es daher zu Miß­tö­nen und Kon­flik­ten, Abwen­dun­gen und Frik­tio­nen. Nun kommt, stark ver­ein­facht gesagt, die Rol­le Lafon­tai­nes und sei­ner Frau Sah­ra Wagen­knecht zur Gel­tung: Das Paar ist bemüht volks­nah, bis­wei­len “links­po­pu­lis­tisch”, und hat wenig mit dem zu tun, was Platt­for­men wie das “Forum Demo­kra­ti­scher Sozia­lis­mus” mit der PDL im klei­nen und der Bun­des­re­pu­blik im gro­ßen so vor haben.

Inner­halb der Par­tei ist unum­strit­ten, daß Lafontaine/Wagenknecht zu den unbe­lieb­tes­ten Poli­ti­kern zäh­len. Der Jugend­ver­band der PDL hält es bei­spiels­wei­se für ange­mes­sen, bei Reden von Wagen­knecht, gesche­hen etwa auf dem letz­ten Bun­des­par­tei­tag, aus Pro­test gegen­über der “Quer­front­le­rin”, wel­che die “Gren­ze-auf-für-alle-Rhe­to­rik” der Par­tei negier­te, nahe­zu geschlos­sen den Saal zu verlassen.

Auch zahl­rei­che Land­tags- und Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te akzep­tie­ren die Rol­le Wagen­knechts und ihres Part­ners nur mit Zäh­ne­knir­schen. Das liegt natür­lich dar­an, daß Wagen­knecht “im Volk” (und in den Talk­shows) das popu­lärs­te Gesicht der Lin­ken ist und in die­ser Funk­ti­on auch im Osten dabei ist, dem altern­den Gre­gor Gysi sei­nem Rang abzu­lau­fen. Man braucht Wagen­knecht in gewis­sem Sin­ne als Stim­men­fän­ge­rin, arbei­tet aber gleich­zei­tig kon­stant dar­an, daß weder sie als Per­son die Par­tei zu sehr domi­niert, noch daß ihre Inhal­te inner­halb der PDL hege­mo­ni­al wer­den könnten.

Das­sel­be läßt sich im Hin­blick auf Lafon­tai­ne sagen, der immer­hin Pate bei der Fusi­on aus WASG und alter Links­par­tei zur “Die Lin­ke” stand und des­sen Über­zeu­gun­gen weit­ge­hend kon­gru­ent mit Wagen­knechts Stand­punk­ten sind. Er stellt auch heu­te noch im Wes­ten des Lan­des einen der pro­mi­nen­te­ren Links­po­li­ti­ker dar. Auch er ist, spä­tes­tens seit sei­ner zuwan­de­rungs­kri­ti­schen “Chem­nit­zer Rede”, auf der Black­list der Par­tei­mehr­heit, zugleich aber beliebt bei lin­ken Protestwählern.

Die­ser klei­ne Exkurs in Links­par­tei-Rela­tio­nen war nötig, um zu ver­ste­hen, welch poten­ti­el­le Spreng­kraft ein Lafon­tai­ne sein eigen nen­nen kann. Der Lager­kom­pro­miß der Links­par­tei bestand ja gera­de im Bun­des­tags­wahl­kampf 2017 dar­in, den Spa­gat aus (teils zuwan­de­rungs­kri­ti­scher) Wäh­ler­schaft im Osten und (fast aus­nahms­los zuwan­de­rungs­fa­na­ti­scher) Funk­tio­närs­kas­te im Osten und Wes­ten aus­zu­hal­ten, indem man das The­ma hint­an­stell­te oder mit Flos­keln das eige­ne Wol­len ver­schlei­er­te. Jetzt kommt aus­ge­rech­net Lafon­tai­ne und schießt im nd gegen die Par­tei­spit­ze und ihren Refugees-Welcome-Kurs.

Lafon­tai­nes Ana­ly­se ist über­wie­gend zutref­fend, dar­an besteht kein Zwei­fel. Zunächst zeigt er den Lesern auf, wel­che Stel­lung die PDL bei ihrer “klas­si­schen” Kli­en­tel gegen­wär­tig hat: Nur noch 11 Pro­zent der Arbeits­lo­sen wähl­ten links (AfD 22)  und nur 10 Pro­zent der Arbei­ter (AfD 21). Er deu­tet die Hin­wen­dung zur rech­ten Kon­kur­renz als Signal dafür, daß die Lin­ke das The­ma der sozia­len Gerech­tig­keit aus den Augen ver­lor, kon­kre­ter: das The­ma der sozia­len Gerech­tig­keit für die Ein­hei­mi­schen. Empi­risch kor­rekt setzt Lafon­tai­ne sei­nen Bei­trag fort:

Die Erfah­rung in Euro­pa lehrt: Wenn die­se Men­schen sich nicht mehr durch lin­ke bzw. sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei­en ver­tre­ten füh­len, wäh­len sie in zuneh­men­dem Maße rech­te Parteien.

Das ist in der Tat zutref­fend, und nicht zuletzt unser süd­li­cher Nach­bar Öster­reich stellt dies unter Beweis, wo bereits etwa 70 Pro­zent der Arbei­ter nicht mehr SPÖ (oder gar KPÖ) favo­ri­sie­ren, son­dern die Frei­heit­li­chen der FPÖ. Und auch in Frank­reich, dem klas­si­schen poli­ti­schen Labo­ra­to­ri­um (West-)Europas sieht man dahin­ge­hen­de Ten­den­zen, daß sich eine sozi­al auf­ge­stell­te par­tei­po­li­ti­sche Rech­te erfolg­reich um Mehr­hei­ten unter Arbei­tern und Arbeits­su­chen­den bemü­hen kann, wäh­rend sich die Lin­ke um urban-kos­mo­po­li­ti­sche Min­der­hei­ten­the­men kümmert.

Lafon­tai­ne holt der­weil aus und wirft einen Blick auf die “Neu­bür­ger”. Ledig­lich eine bestimm­te Schicht schaf­fe es, “meh­re­re Tau­send Euro auf­zu­brin­gen, mit denen man Schlep­per bezah­len kann, um nach Euro­pa und vor­wie­gend nach Deutsch­land zu kom­men”, wäh­rend die wirk­lich Not­lei­den­den in ihrer Hei­mat blei­ben müßten:

Mil­lio­nen Kriegs­flücht­lin­ge vege­tie­ren in den Lagern, wei­te­re Mil­lio­nen Men­schen haben gar kei­ne Chan­ce, ihre Hei­mat wegen Hun­ger und Krank­heit zu ver­las­sen. Man hilft unstrit­tig viel mehr Men­schen, wenn man die Mil­li­ar­den, die ein Staat aus­gibt, um das Schick­sal der Ärms­ten die­ser Welt zu ver­bes­sern, dazu ver­wen­det, das Leben in den Lagern zu erleich­tern und Hun­ger und Krank­heit in den Armuts­ge­bie­ten zu bekämp­fen. Und wenn man die Mil­li­ar­den, die für Inter­ven­ti­ons­krie­ge und Rüs­tung aus­ge­ge­ben wer­den, eben­falls dazu nutzt, den Ärms­ten in der Welt zu hel­fen, dann könn­te viel Gutes bewirkt werden.

Auch hier ist Lafon­tai­ne bei­zu­pflich­ten. Hil­fe vor Ort wäre nach­hal­ti­ger und alle­mal men­schen­freund­li­cher als das, was hier­zu­lan­de prak­ti­ziert wird. Auch die Kri­tik, daß Inter­ven­ti­ons­krie­ge und Rüs­tungs­de­als gera­de nicht den Men­schen in Not hel­fen, son­dern ande­ren Akteu­ren (Kapi­tal­grup­pen, Staa­ten usw.), ist unum­strit­ten, wobei Lafon­tai­ne zu beant­wor­ten hät­te, wo er in den letz­ten fünf, sechs Jah­ren nach­drück­lich ein Ende der Sank­tio­nen gegen Syri­en oder ein sofor­ti­ges Ende der Koope­ra­ti­on mit Sau­di-Ara­bi­en gefor­dert habe.

Jetzt jeden­falls, nicht ein­mal eine Woche nach der Wahl, scheint der Lager­kom­pro­miß inner­halb der PDL auf­ge­kün­digt zu wer­den, denn zum einen leis­tet Lafon­tai­ne nun genau die­se Kri­tik, und zum ande­ren bleibt er hier nicht ste­hen, im Gegenteil:

Die »Flücht­lings­po­li­tik« der zu Recht abge­straf­ten »Flücht­lings-Kanz­le­rin« Mer­kel war völ­lig unglaub­wür­dig, weil ihr angeb­li­ches Mit­ge­fühl für die Kriegs­flücht­lin­ge sie nicht davon abhielt, Waf­fen über die Golf-Emi­ra­te an die Dschi­ha­dis­ten zu lie­fern und sich an der Bom­bar­die­rung Syri­ens, die die Men­schen in die Flucht trieb, zu beteiligen.

Die­se im Kern voll­kom­men rich­ti­gen Aus­sa­gen ber­gen für die PDL gewal­ti­ge Spreng­kraft. Weni­ger, weil der sich suk­zes­siv durch­set­zen­de Trans­at­lan­tis­mus samt unver­meid­li­chem Bel­li­zis­mus impli­zit gegei­ßelt wird. Son­dern ins­be­son­de­re, weil Lafon­tai­ne sowohl die Flücht­lings­po­li­tik der Regie­rung als auch Kanz­le­rin Mer­kel selbst direkt angreift, die ins­be­son­de­re in den hip­pen, groß­städ­ti­schen lin­ken Krei­sen zumin­dest eini­ge Sym­pa­thie dafür erhielt, die Gren­zen offen zu halten.

Lafon­tai­ne abschließend:

Eine lin­ke Par­tei darf bei der Hil­fe für Men­schen in Not das Prin­zip der sozia­len Gerech­tig­keit nicht außer Kraft set­zen. Wer bei Arbei­tern und Arbeits­lo­sen so wenig Unter­stüt­zung fin­det (und das war 2009 noch anders!), muss end­lich dar­über nach­den­ken, wor­an das liegt. Da hilft auch kein Ver­weis auf die urba­nen Schich­ten – zu denen mei­nes Wis­sens auch Arbei­ter und Arbeits­lo­se gehö­ren -, der merk­wür­di­ger­wei­se immer von den­je­ni­gen als Ali­bi bemüht wird, die bei ihren Wahl­kampf­ver­an­stal­tun­gen in den urba­nen Zen­tren allen­falls bei einer Hand­voll Par­tei­mit­glie­der auf Reso­nanz stoßen.

Die­ses Fazit könn­te rich­ti­ger nicht sein, und doch darf man rechts ent­spannt blei­ben. Ein Umschwen­ken der PDL und ihres Umfelds in die­sem Sin­ne ist nicht zu erwar­ten. Lafon­tai­ne hat wenig schlag­kräf­ti­ge Netz­wer­ke in der Par­tei; sein Kurs, der mehr Soli­da­ri­tät mit Ein­hei­mi­schen und weni­ger Fana­tis­mus für den Refu­gee als neu­es revo­lu­tio­nä­res Sub­jekt, als lin­ke Heils­ge­stalt, impli­ziert, wird dem­entspre­chend kra­chend scheitern.

Zum einen wird die­ser Kurs schei­tern, weil die Par­tei­ba­sis einen flücht­lings- oder zuwan­de­rungs­kri­ti­schen Kurs­wech­sel nicht einen Schritt weit mit­ge­hen wür­de. Zum ande­ren, weil auch die Par­tei­spit­ze, die ohne­hin froh ist, mög­lichst wenig von dem auf­müp­fi­gen Saar­län­der zu hören, genau das Gegen­teil im Sin­ne hat, was Lafon­tai­ne (und Wagen­knecht) einfordern.

Es ist daher kei­nes­wegs Zufall, daß nur einen Tag nach Lafon­tai­nes Weck­ruf kein gerin­ge­rer als Gre­gor Gysi mit einer Replik im nd ver­tre­ten war. Mehr als die Hälf­te des Tex­tes ist, ohne Umschwei­fe, nichts ande­res als eit­les Geha­be. Lafon­tai­ne wird auf­ge­zeigt, wie groß­zü­gig Gysi stets gewe­sen sei, und wie viel Geduld er bewie­sen habe. Erst im letz­ten Drit­tel geht Gysi auf Lafon­tai­nes Inhal­te ein:

Ist unse­re Flücht­lings­po­li­tik wirk­lich sozi­al ungerecht?

[…]

Aus­druck der extrem unter­schied­li­chen sozia­len Ent­wick­lun­gen auf den Kon­ti­nen­ten ist auch der zuneh­men­de Strom an Flücht­lin­gen. Die Ursa­chen sind ver­schie­den. Krieg erzeugt eben­so Flücht­lin­ge wie Hun­ger, Not, Leid und Umwelt­ka­ta­stro­phen. Gera­de die­je­ni­gen, die einen klei­nen Besitz haben, fürch­ten, die­sen zu ver­lie­ren und nut­zen ihn, um zu flie­hen. Es sind zwei­fel­los nicht die Ärms­ten, aber arm sind sie schon. Wel­chen Weg sol­len wir beschrei­ten? Den der CSU? Soll­ten wir wirk­lich Ober­gren­zen for­dern, natio­na­len Ego­is­mus pre­di­gen? Wäre das lin­ke Politik? […]

Wir müs­sen an der Sei­te der Schwa­chen und der Mit­te in der Gesell­schaft, übri­gens auch in der Wirt­schaft ste­hen. Das ist unse­re Auf­ga­be. Die Flücht­lin­ge sind schwach, bei uns sogar die Schwächs­ten, sich gegen sie zu stel­len, ver­rie­te mei­nes Erach­tens unse­ren sozia­len und huma­nis­ti­schen Ansatz.

Der ent­schei­den­de Absatz ist der letz­te. Er zeigt in nuce auf, wie kon­zept- und plan­los die Gren­zen-auf-für-alle-Lin­ke ange­sichts der dop­pel­ten Her­aus­for­de­rung von Mas­sen­zu­wan­de­rung und dem Ent­ste­hen der deut­schen Abstiegs­ge­sell­schaft ist. Sie ver­liert sich in Flos­keln, die der gefühls­lin­ken Päd­ago­gik­ba­che­lor­stu­den­tin aus Ber­lin-Fried­richs­hain oder Leip­zig-Con­ne­witz genü­gen mag.

Der Arbei­ter oder der Arbeits­lo­se hin­ge­gen, der in sei­ner kon­kre­ten mate­ri­el­len Situa­ti­on nicht durch abs­trakt-huma­nis­ti­sche Theo­re­me, so men­schelnd sie auch ver­klei­det wer­den, ange­zo­gen wird, son­dern wis­sen will, wie ganz kon­kret eine Ver­bes­se­rung der indi­vi­du­el­len Lage wie jener der Gesamt­ge­sell­schaft aus­se­hen kann – die­se Per­son wird sich nicht damit zufrie­den geben, daß er halt nicht mehr so wich­tig sei für eine lin­ke Par­tei, weil es jetzt angeb­lich noch Schwä­che­re geben möge (die auf­grund der Gren­zen-auf-Poli­tik von Mer­kel, die von vie­len Lin­ken nur als Auf­takt für wei­te­re Zuwan­de­rung gese­hen wird, über­haupt erst in die­ser geball­ten Men­ge auf­tre­ten konnten).

Die sozia­len Anlie­gen der Pre­ka­ri­sier­ten, der Leih- und Zeit­ar­bei­ter, der Arbeits­lo­sen, der Weg­ra­tio­na­li­sier­ten, der Über­flüs­si­gen, der latent oder offen von Abstieg und Unsi­cher­heit bedroh­ten (und die Auf­ge­zähl­ten umfas­sen einen star­ken bis sehr star­ken Anteil der deut­schen Gesell­schaft) – sie alle kön­nen sei­tens des kämp­fe­ri­schen Kon­ser­va­tis­mus mit der AfD als Wahl­par­tei in sei­ner Mit­te schad­los und ohne wirk­mäch­ti­ge Kon­kur­renz adap­tiert wer­den, da die hie­si­ge „ver­welt­bür­ger­lich­te Lin­ke“ (Wolf­gang Stre­eck) mit der PDL als Wahl­par­tei in ihrer Mit­te die Stun­de der sozia­len Gerech­tig­keit, der kla­ren Kan­te, der volks­na­hen Anspra­che, kurz: die Stun­de des Popu­lis­mus, aus ideo­lo­gi­schen wie mora­li­schen Moti­ven her­aus unbe­ach­tet ver­strei­chen läßt.

Die­se Stun­de ist aber schon allei­ne des­halb gege­ben, weil sich sozia­le, gesell­schaft­li­che und natio­na­le Kri­sen­ele­men­te in naher Zukunft zuspit­zen wer­den; weder die Kri­se des Finanz­markt­ka­pi­ta­lis­mus ist über­wun­den, noch die­je­ni­ge des Euro als Gemein­schafts­wäh­rung, noch eben die der Migra­ti­on, und allei­ne letz­te­re birgt für die Links­par­tei schon die Gefahr einer erns­ten inter­nen Kri­se bis­hin zu Aus­trit­ten und Abspaltungen.

Die Chan­ce jeder volks­na­hen Poli­tik, unter­stützt durch kon­ser­va­ti­ve Publi­zis­tik und Denk­fa­bri­ken, wächst im sel­ben Moment, in dem die wich­tigs­ten Akteu­re des media­len, poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Estab­lish­ments des Lan­des (inkl. “Volks­par­tei­en”) zur per­ma­nen­ten Kri­sen­leug­nung über­ge­hen, wäh­rend die Lin­ke in der Kri­se erst kom­pli­ziert aus­zu­dis­ku­tie­ren haben dürf­te, für wen und mit wem man eigent­lich sozia­le Poli­tik betrei­ben möchte.

Doch die­se Dis­kus­si­on, das zeigt bereits ihr Beginn mit Lafon­tain­te ver­sus Gysi, wird mehr zur Spal­tung der Links­par­tei bei­tra­gen als zu ihrem Erstar­ken. Und par­al­lel wird die wei­te­re For­cie­rung der sozia­len Aus­rich­tung der poli­ti­schen Rech­ten dazu bei­tra­gen, daß die Lin­ke ins­be­son­de­re im Osten als ver­meint­lich soli­da­ri­sche Kraft gänz­lich über­flüs­sig wird.

Lafon­tai­ne ist von ges­tern, sein Bemü­hen um die PDL kommt zu spät.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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Kommentare (18)

Gerrit

30. September 2017 10:45

Ich glaube, so viel Optimismus sei erlaubt, dass tatsächlich Teile der Linken die Falle erkannt haben, in die sie der "links-liberale" Weg geführt hat. Brandt hat die SPD zum Erfolg geführt, als er die "Arbeiter-SPD" um die "Studienräte-SPD" erweitert hat. Das Problem ist nur, dass die "Urban-Kosmopolitischen" die Arbeiter völlig verdrängt haben. Insbesondere bei den Jusos ist der Anteil bei 0, dort regiert der "No Nations/Transgender-Queer/ThirdWaveFeminism"-Wahnsinn ungehemmt. Bei den Linken dürfte es ähnlich sein. Die Geister, die ich rief. Selbst wenn schlauere Denker der Linken und vor allem der SPD die unglaublichen strategischen Möglichkeiten erkennen, die eine desaströse Jamaika-Koalition bietet, sie werden es gegen ihre radikale Jugend nicht durchsetzen können.

Rosenkranz

30. September 2017 11:45

Gestatten Sie mir bitte eine Anmerkungs zur "Hilfe vor Ort" in den betroffenen afrikanischen Ländern. Afrika ist dort am schönsten, wo der westliche Einfluß am geringsten ist. Wenn der Buschmann mit seinem Speer und in seinem Baströckchen um die Hütte tanzt, dort existieren für Afrikaner lebenswerte und stabile Zustände. Fast überall dort wo die westliche Zivilisation zu kopieren versucht wird, bilden sich Slums, ökologische und demographische Katastrophen.

Wir sollten die Afrikaner in Ruhe lassen. Keine Krankenhäuser, keine Medikamente, keine Brunnen, keine Schulen, keine westliche Technologie, kein Bargeld, keine Kredite - dafür Schuldenerlaß. Der Afrikaner wird dann schon seinen Weg gehen und zu stabilen Verhältnissen zurückfinden. Ich hoffe, wir können eines Tages dieses "Ich-muß-der-ganzen-Welt-helfen-Syndrom" ablegen.

Der_Jürgen

30. September 2017 12:43

Neben Herrn Gregor Gysi, der ja das Aussterben der Deutschen (von ihm "Nazis" genannt), ausdrücklich wünscht, meldete sich als Reaktion auf Lafontaines Beitrag im ND dort auch noch eine  Linke namens Christine Buchholz zu Wort. Bei der Lektüre ihres Artikels schüttelt man fassungslos den Kopf. Verbohrter, dogmatischer, realitätsferner - kurzum, stupider geht es nimmer. "Zu Hitler fällt mir nichts mehr ein", sagte Karl Kraus einmal. "Ausser Hitler fällt uns nichts mehr ein", lautet offenbar die Losung der linken EselInnen.

 

Da Oskar Lafontaine mit der hier zitierten Wortmeldung bewiesen hat, dass er rational zu denken vermag, fragt man sich wirklich, was ihn noch in einer Partei hält, deren Führungsspitze als zentrales, wenn nicht einziges Ziel die möglichst rasche Abschaffung des deutschen Volkes verfolgt.  Man fragt sich ja auch, warum Thilo Sarrazin noch SPD-Mitglied ist. So naiv zu meinen, sie könnten den Kurs ihrer jeweiligen Partei noch ändern, werden Lafontaine und Sarrazin kaum sein. Nibelungentreue vielleicht? NIbelungentreue gegenüber "Arbeiterparteien", die auf den deutschen Arbeiter spucken?

 

Manche Sezessionisten werden nun vielleicht wieder von der "Querfront" träumen. HIerzu gilt, was ein hier nicht ganz unbekannter Autor in einem dünnen, aber klugen Buch, das ich mir gestern zu Gemüte geführt habe, schreibt:

"EIne 'Neue Rechte', die sich von neokonservativ-liberalen Vorstellungswelten absetzt, die sich also gegen die Vorherrschaft des Westens, universale Islamfeindschaft, libertäre Marktgläubigkeit und konservative Kapitalismusaffirmation stellt; eine Neue Rechte, die ein fundiertes eigenes Bild vom zeitgenössischen Imperialismus entwirft und sich geopolitisch für eine 'Pluralisierung der Hegemonien' ausspricht; eine Neue Rechte, die die soziale Frage wieder als ureigenes Subjekt entdeckt; eine Neue Rechte, die europäisch denkt und mehr als nur einen nationalsouveränstisch-populistischen Anti-Brüssel-Block formieren möchte, die die Idee des einigen Europas neu und innovativ, aber rückgebunden auch an Tradition und Herkunft betrachtet; eine Neue Rechte schliesslich, die in der Lage ist, die grösseren politökonomischen Zusammenhänge beim Grossen Austausch und der aktuellen Lage des Finanzmarktkapitalismus zu analysieren und Gegenentwürfe zu entwickeln - eine solche Neue Rechte hätte es nicht nötig, auf der linken Seite nach Partnern für eine Querfront zu suchen. SIe genügt sich selbst." (Benedikt Kaiser, "Querfront", Antaios 2016, S. 84/85).

Man gebe sich nicht der Illusion hin, Lafontaine oder Sahra Wagennkecht als Verbündete zu gewinnen, weil sie gelegentlich etwas Verünftiges zur Einwanderungspolitik sagen oder die Russland-Hetze und die Konfrontationspolitik der Nato kritisieren. Sie sind beide dermassen fest in der linken Gedankenwelt verankert (die Wagenknecht reichte nach Höckes Dresdener Rede bekanntlich Strafanzeige gegen ihn ein und stimmte im Bundestag brav für die Schwulen-"Ehe"), dass sie den Weg nach Schnellroda nie und nimmer finden werden. Es sei denn, sie hätten eine Damaskus-Erlebnis.

Bei aller Freude über das relativ gute Abschneiden der AFD: Der ausserparlamentarische Kampf ist durch ihren Einzug in den Bundestag nicht weniger notwendig geworden. In dem eben zitierten Abschnitt nennt Kaiser einige wesentliche Merkmale der Neuen Rechten. Ich bin leider sicher, dass die Mehrzahl der frischgebackenen AFD-Abgeordneten weder zu  Imperialsismuskritik fähig ist noch sich Gedanken über Gegenentwürfe zum Finanzmarktkapitalismus macht. Diese Leute wollen ein bisschen am System herumdoktern, dessen gröbste Exzesse eindämmen  und ganz nebenbei noch ihre fetten Diäten beziehen, mehr nicht. Ich gehe davon aus, dass die nächste Spaltung der AFD früher oder später, sicher schon in dieser Legislaturperiode, kommt; die Gemässigten werden sich dann mit Petry bei der Union anbiedern, die Radikalen um Höcke gemeinsam mit Elsässer  und den Identitären eine schlagkräftige ausserparlamentarische Opposition aufbauen, der Schnellroda fleissig geistige Munion nachliefern wird. Ehemalige Mitglieder und Anhänger von Linksparteien, die sich dieser Opposition anschliessen, werden willkommen sein, aber man wird ihnen keine ideologischen Konzessionen machen.

Martin Himstedt

30. September 2017 13:52

Sehr gut und treffend analysiert, vielen Dank dafür.

Bei der Elefantenrunde zeigte sich das ganze Dilemma. Und zwar bei einem Wortwechsel zwischen Kipping und Meuthen (nach circa 39 Minuten):

Es ging dabei um den sozialen Wohnungsbau. Und die einfache Logik, dass so lange dieser nicht massiv vorangetrieben würde (was sich die Linke freilich wünscht), es rein mathematisch natürlich nicht sozial gerecht sein kann, bei zu wenig günstigen Wohnungen (Status quo), noch mehr sozial schwache Menschen ins Land zu holen. Diese Logik lässt sich auf nahezu alle weiteren sozialen Fragen übertragen (Arbeit, Krankenversicherung …). 

Martin Lichtmesz hat derartige Debatten auch als "Luxusprobleme" bezeichnet. Sieferle spricht von der "Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung".

Sarah Wagenknecht und Oskar Lafontaine sind für die fanatischsten Anhänger aus diesem Milieu indes dagegen keinen Deut besser, als Beatrix von Storch und Björn Höcke. Ich erinnere an die braune Torte, die Sarah Wagenknecht ins Gesicht bekommen hatte. Warum spricht eigentlich niemand darüber, wie die Politik diese Menschen wieder erreichen kann?

Nautilus

30. September 2017 14:15

Herr Kaiser, ich sehe das genau so wie Sie. Sehr gut analysiert kann man da nur sagen. Die PDL hat ein enormes Problem, nicht nur seit heute , sondern schon viel länger. Medien greifen dies nur nicht so auf, den diese PDL gehört ja zu jenen Parteien, die unter medialen "Artenschutz" stehen.

Corvusacerbus

30. September 2017 15:14

Der Konservative entspannt sich, denn daß die Realität ihre mannigfaltigen Widerspiegelungen in den Köpfen, in Gesellschaft, Kultur und Polituk durcheinander schüttelt, ist ihm ja nichts neues. Dem Alt-Marxisten - mancher ist beides und das sind nicht die Schlechtesten! - geht es genau so. Wohin das auch immer alles führt, 1,5 Milliarden Afrikaner, denen es scheiße geht, werden nicht nach Europa hinein gelassen werden, egal was die Merkels, Gysis, Göringeckardts, Lindners wollen und daher plaudern. Am Ende würden selbst die den Schießbefehl an die Grenztruppen erteilen (aber faktisch würden sie den irgendwo in der arschwarmem

Corvusacerbus

30. September 2017 15:36

Der Konservative und der Alt-Real-Marxist (also der, der Marx und Engels studiert, debattiert und verstanden hat, nicht so ein nettes Nichts wie das linksliberale Schwätzerchen Gregor Gysi), beide, entspannen sich und erkennen: Die Verhältnisse sortieren das Denken, Sprechen und Verhalten neu, gerade in der Politik. Das Große bleibt groß nicht und es wechseln die Zeiten. Das ist so und das war immer so. Ich habe letzthin mal bedauert, daß es keine attraktive blond-dunkle Alternative der abgehalfterten Merkel gebe, nachdem Frauke Petry die Alice Weidel in der AfD-Fraktion allein gelassen hat. Aber auch da eröffnen sich ganz neue Perspektiven. Alice Weidel und Sarah Wagenknecht, das hätte was. Nie stellte sich AfD-Politik so attraktiv dar (Bilder und Köpfe sind Nachrichten und Botschaften!). Und Oskar Lafontaine, homo politicus durch und durch, als einer der alternativen Köpfe für Deutschland?  Das wärs doch. Geht nicht gibt's nicht in solchen Zeiten. Es steht Großes, das Vaterland, auf dem Spiel. Dann muß man auch groß denken und groß spielen: Querfront bilden, Wahl gewinnen, Kanzler wählen, Welt verändern - so etwa.

RMH

30. September 2017 19:57

Wenn es die Partei, Namens die Linke, zerlegen würde, wäre ich einer der letzten, die ihr eine Träne nachweinen würde, dennoch:

Diese Partei ist durchaus ein gewisses Vorbild für Rechte und die AfD. Die Partei die Linke verstand es jetzt über ein Jahrzehnt lang, wirklich unterschiedlichste Gruppen, Meinungen und Lager zu moderieren, modulieren, gar zu modellieren und zusammen zu halten. Dies wünsche ich mir auch für die AfD.

Der Feinsinnige

30. September 2017 22:26

 

Mir drängt sich ein Tagtraum auf:

 

Wäre nicht (im Windschatten von P&P) auch für W&L der Zeitpunkt günstig, ihre Partei zu verlassen und es mit einer Neugründung zu versuchen? L hat insoweit doch schon einschlägige Erfahrungen; W als noch länger gediente Politikerin einer in der Tradition einer „Weltrevolution“ stehenden Partei hätte Gelegenheit, tatsächlich einmal zu revoltieren und sich so selbst zu beweisen... Vielleicht könnten die beiden Pärchen im Sinne einer Art Querfrontstrategie sogar gemeinsame Sache machen? ---

 

Nein, Scherz beiseite, das ist zu absurd. Lafontaine war immer schon klüger, als seine Parteimitgliedschaften es vermuten ließen. Ähnliches gilt offenbar für Wagenknecht. Aber: Beide sind doch nicht nur innerhalb ihrer eigenen Partei, sondern im gesamten bisherigen politischen Spektrum bis in die CDU hinein – politisch völlig isoliert mit ihren Thesen. Ich glaube nicht daran, daß sich die Linkspartei von ihrem Internationalismus lösen bzw. wegen W&L zerlegen wird, und ich glaube auch nicht daran, daß W&L in ihrer Partei und ihrem Umfeld irgendeine Chance haben, Gehör zu finden. Die Linkspartei und ihre Funktionäre werden (genauso übrigens wie die SPD) bei ihren Lebenslügen bleiben, auch um den Preis, unter die 5 %-Grenze zu fallen. Vielleicht tragisch für W&L, aber gut für Deutschland.

 

Franz Bettinger

30. September 2017 23:26

Ist es nicht witzig, dass die Linke Partei Sahra und Oscar am liebsten den Kopf abschneiden würde? Die Linke leidet wie ein Hund unter den tall poppies, den überragenden schönen Blumen Wagenknecht und Lafontaine. Die machen jetzt Stunk. Die zwei haben längst erkannt, warum ihrer Partei Arbeiter und Arbeitslose in Massen zur AfD weg laufen. Arbeiter und Arbeitslose fühlen sich bei den Alternativen besser. Hätte die Linke sich gegen den millionenfachen Zuzug von Migranten ausgesprochen, anstatt in das Welcome-Gedöns einzustimmen, wäre sie jetzt ganz stark und Oppositionsführerin; es wäre ihr Durchbruch zur Volkspartei gewesen, und die SPD endlich besiegt. Doch wer zu spät kapiert, bestraft das Leben. Nun haben WIR abgesahnt, die AfD. Gut, denn was bei der Linken, der FDP und der CSU lediglich Taktik gewesen wäre, ist uns ein Herzens-Anliegen. Es kann keine soziale Gerechtigkeit geben, wenn die Landesgrenzen für Jedermann offen sind. Die BRD kann nicht das Welt-Sozialamt sein. Das hat mittlerweile offenbar jeder Depp geschnallt, nur die Block-Parteien (noch) nicht.

Utz

1. Oktober 2017 09:19

Hätte die Linke sich gegen den millionenfachen Zuzug von Migranten ausgesprochen, anstatt in das Welcome-Gedöns einzustimmen, wäre sie jetzt ganz stark und Oppositionsführerin; es wäre ihr Durchbruch zur Volkspartei gewesen, und die SPD endlich besiegt.

Die ganze linke Seite ist beseelt vom Träumen. Wenn man es wohlwollend sehen will, sagt man, sie leben in Utopien. Und wenn man immer ein Schattendasein in der Parteienlandschaft führen muß, träumt man davon, irgendwann einmal, in nicht allzu ferner Zukunft, zu den Siegern zu gehören. Dann kommt man auf so Ideen, daß ja die CDU mit ihrem C dann passé wäre, wenn all die Moslems wählen dürften. Und wenn dann noch mehr von denen kämen, noch viel mehr ... Mit so traumhaften Aussichten vor Augen kann man dann einfach abwarten, bis man es sich leisten kann dem Saarländer und seiner Frau tschüssi zu sagen.

Gustav Grambauer

1. Oktober 2017 10:57

Corvusacerbus

"Der Konservative und der Alt-Real-Marxist (also der, der Marx und Engels studiert, debattiert und verstanden hat, nicht so ein nettes Nichts wie das linksliberale Schwätzerchen Gregor Gysi), beide, entspannen sich und erkennen: Die Verhältnisse sortieren das Denken, Sprechen und Verhalten neu, gerade in der Politik ..."

Deren "Schnellroda" ist ja der Rotfuchs,

https://www.rotfuchs.net/wofuer-stehen-wir.html

https://www.rotfuchs.net/files/rotfuchs-ausgaben-pdf/2017/RF-237-10-17.pdf

bei dessen Lektüre der Geist wie in einen klebrigen Mus-Topf hineingezogen wird. Dieses Organ offenbart bei seiner geballten Macht aus Professoren und Doktoren nicht nur ein unglaublich lausiges analytisches Niveau und einen unglaublichen geistigen Inzest auf Basis des DDR-Volksbildungkanons (wer aus der DDR kommt, hat fast alle der dort notorisch wie saures Bier an Mann gebrachten Namen institutionalisierter "sozialistischer Vorbilder" aus dieser Sektierer-Nische schon tausendmal gehört oder gelesen). Da ist auch nix mit "sich entspannen", denn hinzu kommt noch der unvergleichliche Sound eines verkrampften Kampfgeistes, der sich aus dem explosiven Gebräu von jammernder Opferhaltung und Kindestrotz speist, durch den aber immer wie zur Einschüchterung das aufdringliche Augurenlächeln über die letztliche Allmacht des Marxismus-Leninismus hindurchschwebt. Auch den Zwangsneurotiker-"Humor", der an seiner Erziehung zur Parteilichkeit für den Menschheitsfortschritt niemals einen Zweifel aufkommen läßt und der selbstverständlich niemals die Steilvorlagen aller Humoristen, Ulbricht und Honecker, einbeziehen würde, kennt jeder Ex-DDR-Bürger aus dem Eulenspiegel (es muß einen wenig lustigen Ukas gegeben haben, daß jedes Ostblock-Land eine progressiv-parteiliche Humor-Zeitschrift herauszugeben habe), aber über diese Sorte Humor haben wir schon damals mehr geheult als gelacht!!!

Ich würde in dieses Milieu keine Hoffnungen investieren. Die haben ja nicht mal den Geistesmut aufgebracht, die Langzeitstrategie

https://www.kopp-verlag.de/Weltoktober.htm?websale8=kopp-verlag&pi=B3822596

als solche überhaupt zu erkennen geschweige denn zu reflektieren, obwohl sie selbst mitten in deren Zentrum stehen und sich bei ihnen alles aber auch alles - aber eben nur indirekt - um diese Langzeitstrategie dreht. Stattdessen münzen dort z. B. ehemalige Angehörige der VP-Generalität, die 1987 beim Sturm der Stasi auf die Zionskirche nicht mit ihrer großen Menschenliebe hervorgetreten ist (Mielke: "Jetzt ist Schluß mit der Humanität"), eifrig die DDR zum Hort der Toleranz und Weltoffenheit nachträglich um. Vor allem auch diese Unehrlichkeit stört mich sehr.

- G. G.

Franz Bettinger

1. Oktober 2017 13:39

@ Rosenkranz:

Volle Zustimmung. Die (sogenannten) guten Feen des Westens haben hinter den sieben Bergen, wo Drachen und Riesen leben, nichts verloren. Sie bringen nur Unglück.

@ Jürgen:

Der Wagenknecht Lafontaine, der Sarrazin, der Bosbach, der Spahn, der Palmer und Kretschi, all diese Leute sind in ihren Holz-Parteien besser aufgehoben als außerhalb. WIR brauchen die DORT. Aus taktischen Gründen. Lassen wir sie. Sie hausen halt einmal da und sind ihn gewohnt, ihren wackligen Turm zu Babel, den sie zig Jahre lang mitgeholfen haben zu errichten. Und nun? Sollen sie mit ihm zugrunde gehen!

@ Corvusacerbus:

Eine siegreiche Querfront, wie Sie sie andenken, wäre zu schön um wahr zu werden. Den Linken, fürchte ich, steht da allerdings ihr IQ im Weg. Zu dünn ist die Luft dort. Furchtloses Denken gibt es links längst nicht mehr. Selbst Lafontaine und die SWK verschanzen ihre Botschaften ja hinter verdaulichen Metaphern wie "Kranke und Arme der 3. Welt". Nee, Mut geht anders.

Jürg_Jenatsch

1. Oktober 2017 16:30

Ein hervorragender Artikel von Herrn Kaiser, der über einen sehr guten Einblick in das Innenleben der Partei die Linke verfügt. Ich kann dies als ehemaliger Linker nur vollkommen bestätigen. Diese Leute verweigern sich quasi naturgemäß allen Erkenntnissen, wenn sie von der falschen Seite kommen. Sie sind geistig unbeweglich und leben nur in ihrem eigenen Kokon. Gelegentliche Selbstdenker, wie L & W sind in diesen Zirkeln Paradiesvögel, die aufgrund ihrer Sozialisation nicht den Absprung schaffen. Wobei die Jungsozialisten meist noch um mehrere Grade irrationaler sind, als die Altvordere. Das ist in diesen Kreisen wohl üblich. Daß die Mehrzahl der Linken zudem Probleme mit ihrer eigenen Ideologie und Historie haben, das ist fast geschenkt. Schließlich waren die Heroen der 68er wie Ho und Mao, nicht nur Sozialisten, sondern mehr noch überzeugte Nationalisten. Das verstehen sie in ihrer kleinen, durch Denkverbote eingemauerten deutsch-sozialistischen Welt nicht. Fast manisch werden alle Piroutten des linksliberalen Establishments nachvollzogen und die angeblich eigene Klientel dabei am Wegesrand zurückgelassen. Ich kann mich noch an Unterhaltungen mit linken Arbeitern erinnern, die fassungslos dem Gender und Frauenquotentreiben gegenüber gestanden sind. Was hat das mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun?

@ der_Jürgen. Mit Genuß lese ich immer Ihre Kommentare, die von profunder politischer Kenntnis zeugen und die ich in diesem Fall zu 100% unterstreichen kann. Gregor Gysi ist angesichts der bescheidenen Maßstäbe der Spät-BRD ein brillanter Rhetoriker, der sich vollkommen an die herrschenden Kreise der BRD herangewanzt hat. So wird ihm auch seine sinistre Vergangenheit im Arbeiter- und Bauernstaat nachgesehen und er kann weiterhin seine politischen Kreise ziehen.

Heinrich Brück

1. Oktober 2017 18:21

Das ganze Parteiengedöns ist Mittel zum Zweck. Die Deutschen haben in zwei Weltkriegen ihren Feinden die Stirn geboten, nur leider waren sie nie in der Lage ihre Macht realistisch zum eigenen Wohle zu nutzen. Jetzt wird das deutsche Niveau kassiert: mittels Enteignung, Nivellierung durch Verschuldung und Einwanderung, gefolgt von Abschaffung des Bargeldes. Ehe für Alle haben wir schon, fehlt nur noch ein in der Mitte der Gesellschaft angenommenes Einwanderungsgesetz. Es ist schon merkwürdig, aber was einmal auf der spirituellen Ebene vernichtet werden konnte, wie die Heiligkeit der Ehe zwischen Mann und Frau, wurde alsdann ohne großen Kampf Gesetz und Normalität.

Wer möchte in den nächsten vier Jahren regieren? Außer Zorn und Haß gibt es nichts zu gewinnen. Natürlich soll die AfD durch eine Selbstdiskreditierung Wert und Ansehen zerstören, damit der Weg für die nächsten Schandtaten bereit steht. Mit dem Trumpismus Trump zu ruinieren, davor einen Trump dafür gewinnen zu können, war noch nie allzu schwer. Auf die finanzpolitischen Reden eine Alice Weidel dürfte man sich freuen.

Das Proletariat als nützliche Stimmen in einer stets getürkten Wahl, gegen das Industriekapital in einem Sozialstaat aufzuhetzen, ist mit der Abschaffung des Bargeldes und der Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens ohne großes Stirnbieten in einer Mischgesellschaft zu bewältigen, oder? Eine Verlagerung des Spielfeldes, denn ohne Kampf scheint mir die menschliche Natur nicht so richtig wiedergegeben? An diesem Punkt fehlt mir die Phantasie, denn für Diskrepanzen wird gesorgt, aber die Verschiebung der Machtverhältnisse fällt den Ausgebeuteten doch auf.

S. J.

1. Oktober 2017 21:34

Die politische Linke hat sich schon immer tendenziell lieber in der Welt der Vorstellungen und Annahmen aufgehalten als in der lästigen Gegenwart. Umso verbissener reagiert sie auf Kritik aus den eigenen Reihen. (Ein wenig Polemik muss man gelegentlich äußern dürfen.)

Corvusacerbus

3. Oktober 2017 00:59

Gustav Grambauer ... Sie haben natürlich recht ... wobei der Hans Heinz Holz, auf den der Rotfuchs sich ausführlich bezieht, ein hoch interessanter Philosoph war/ist und, in bester europäischer Gelehrtentradition, ein sehr kluger Kopf. Er hat zum Beispiel früh die immer wachsende Bedeutung von Gramscis längst vergessenem Konzept der kulturellen Hegemonie erkannt. Seine geliebte Dialektik ist kein intellektueller Taschenspielertrick und seine seinsphilosophischen Versuche mit der Widerspiegelung machen ihn sicher nicht zum Freund von Heideggers Rektoratsrede, aber phänomenologisch sitzt er, einerlei, ob's ihm selber auffiel oder gefiel, in dessen Hauptseminar. Wie auch immer: Auf der Hand liegen nur gute Gründe, die linksrechte Querfront für Blödsinn zu halten. Und ich hatte meine Meinungsäußerung tatsächlich kaum abgesandt (zuerst irrtümlich das Fragment einer ersten Fassung), da dachte ich bei mir, Junge, wenn dich da mal nicht ein voluntaristischer Teufel geritten hat, denn man möchte halt diese erbärmliche, sich moralisch aufplusternde, globalistische und zugleich engstirnige EU-Welt so gerne untergehen sehen, daß einem das sine ira et studio Analysieren schon mal mißraten kann. Aber wer selber nachdenkt, denkt auch schon mal Blödsinn und wenn er das dann hinschreibt, liest es sich so; so what?! (halten zu Gnaden, die Herren von der Sprachpolizei, ich mag das Englische so gern). Aber wenn auch, es ist durchaus nicht ausgemacht, was sich wie und durch wen angestoßen und vorangetrieben, politisch entwickelt in Deutschland und Europa. Vieles - und viel mehr, als sich der linke, mainstreamige und rechte Weltversteher und -erklärer aus den Bausteinen des politischen Setzkastens hübsch brav linear zusammensetzt - ist möglich. Nein: alles ist möglich! Selbst das längst Vergangene, Verwehte und Vergessene kann wieder mit Aplomb auf die Weltbühne springen. Womöglich nicht von der Rechten an den Haaren herbeigezogen, sondern ganz selbstverständlich steht es wieder auf dem Spielplan. Weil es wahr ist, weil es richtig ist, weil es an der Zeit ist. Ist unsere Zeit gekommen? Ich weiß es nicht und will es nicht wissen - das zersetzte die unerläßliche Demut vor der Geschichte. Geschichte, das was in der Zeit geschieht, ist kein linearer Prozeß, so sehr uns Menschen das so erscheinen mag, weil wir in der Zeit nur vorwärts und nicht zurück können. Geschichte ist dialektisch und es mag sein, daß gegen jede Erwartung und Wahrscheinlichkeit eine linksrechte Querfront entsteht, obwohl sie niemand will und weil sie links und rechts mehrheitlich abgelehnt wird. Es mag so sein (und es ist so!), daß die allermeisten Rotfüchse in Berlin-Mitte Holzköpfe sind - in unserem Beritt schwitzen ja auch nicht nur Denkerstirnen -, aber es mag gerade so sein, daß der eine oder andere Hans-Heinz-Holzkopf an der linken Peripherie auf ganz neue alte Ideen kommt, um die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen ... und wenn's dann paßt und die richtige Musik gespielt wird, dann dürfen die rechten Kamerad da ggf. ruhig mit schwoofen. Blödsinn? Vielleicht. Unmöglich? Niemals!

Franz Bettinger

3. Oktober 2017 14:50

Freunde. Hier kommt das Neue Testament. Wenn es nur endlich geglaubt würde!

Die Neue Rechte setzt sich deutlich, ja oft diametral ab von der altmodischen linken Vorstellungswelt dessen, was Rechts sein soll. Die Neue Rechte ist gegen die Vorherrschaft des Westens. Gegen die Tolerierung eines mittelalterlich geprägten, menschenverachtenden Islam. Gegen undifferenzierte Marktgläubigkeit, Boni und exorbitante Manager-Gehälter. Und gegen blinde Kapitalismus-Affirmation. Die Neue Rechte ist gegen den zeitgenössischen Imperialismus, der unter dem Mantel der Humanität überall in der Welt Kriege führt (Syrien, Afghanistan, Libyen, Somalia, Mali). Geopolitisch ist die Neue Rechte auf eine Ethnische Pluralisierung aus. Die Neue Rechte hat die soziale Frage (Näherung und Förderung) und das Leistungsprinzip (Lohnabstand) wieder als Kernaufgabe entdeckt. Die Neue Rechte denkt europäisch. Aber nicht im Sinne einer hegemonialen USE. Sie fasst die Idee des einigen Europas neu und innovativ, rückgebunden an Kultur, Volk, Tradition und Herkunft. Die Neue Rechte will die Erb-Freundschaft mit den USA neu bedenken und die Erb-Feindschaft mit Russland beenden. Die Neue Rechte sieht den Zusammenhang beim Großen Austausch und der Lage des Finanzmarkt-Kapitalismus, und sie entwickelt Gegenentwürfe. Ja, das sind wir, die Neuen Rechten! Da ist viel Sahra Wagenknecht drin. Ob die Neuen Linken das merken in ihrem Turm zu Babel? Gruß, Franz

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