Kulturindustrie und Lebenstechnik

Wundern wir uns über den Gleichklang der in den Leitmedien dargereichten Wirklichkeitsangebote?

 Gastbeitrag

Nicht nur unsere Stammautoren tragen zu unserem Netztagebuch bei.

Wir soll­ten fra­gen, wie der dazu erfor­der­li­che Kul­tur­be­trieb, also die Sym­bio­se aus Jour­na­lis­mus, Schrift­stel­lern und Staat über­haupt zustan­de kom­men konn­te. Denn was unter­schei­det die meis­ten heu­ti­gen Autoren, die wie gut geöl­te Maschi­nen regel­mä­ßig ein sau­ber gear­bei­te­tes Werk­stück aus­wer­fen, paß­ge­nau für den Markt her­ge­stellt und abge­seg­net von der Fir­men­lei­tung, was unter­schei­det die­se Leu­te von ihres­glei­chen inner­halb der poli­ti­schen Klas­se? In bei­den, leicht aus­tausch­ba­ren Grup­pen hat sich der näm­li­che Typus und Cha­rak­ter durch­ge­setzt und alle ande­ren ver­drängt, wes­halb Staat und Kul­tur eben kei­ne Gegen­sät­ze mehr bil­den, son­dern inein­an­der über­ge­gan­gen sind.

Dadurch ist ein Sys­tem gegen­sei­ti­ger Abhän­gig­kei­ten ent­stan­den, das nie­mand von innen her­aus zu durch­bre­chen wagt, weil alle Betei­lig­ten zu gut dar­an ver­die­nen: die Autoren sind froh, im Sub­ven­ti­ons­be­trieb ange­kom­men zu sein, aus dem sie frei­lich nicht wie­der ent­fernt wer­den wol­len; die Lite­ra­tur­kri­ti­ker und Mode­ra­to­ren haben die Autoren nötig, um über irgend etwas schrei­ben und spre­chen zu kön­nen. Je belang­lo­ser, des­to bes­ser, denn auch sie wol­len ihr Amt frei­lich nicht gefähr­den; die Gre­mi­en und Insti­tu­tio­nen müs­sen ihre Prei­se ver­ge­ben, um neue Gel­der zu erhal­ten, die zumeist von staats­na­hen Ein­rich­tun­gen ver­teilt wer­den. Somit erkauft sich der Staat die Loya­li­tät sei­ner Künst­ler, indem er sie gene­rös in sei­ne Ali­men­ta­ti­ons­fal­le hin­ein­lockt, wo er die nun­mehr rei­bungs­los funk­tio­nie­ren­den Zieh­kin­der mit öffent­li­cher Aner­ken­nung und mate­ri­el­ler Absi­che­rung ver­sorgt. Und nie­mand beißt die Hand, die ihn füttert.

In einem sol­chen sich gegen­sei­tig kon­trol­lie­ren­den und anein­an­der aus­rich­ten­den Kul­tur­be­trieb kennt jeder jeden und lobt jeder jeden, der von den Staats­me­di­en zum Loben und Aus­zeich­nen legi­ti­miert wor­den ist. Natür­lich gibt es hie und da auch ein wenig »Kri­tik«, aber Wesent­li­ches wird nicht ange­tas­tet. Denn es geht dem Betrieb ja nicht ernst­haft um Lite­ra­tur oder Phi­lo­so­phie, son­dern um das schö­ne Leben mate­ri­ell abge­si­cher­ter Eitel­kei­ten im Bio­top eines Feuil­le­tons, des­sen Auf­ga­be vor allem dar­in besteht, sich sel­ber zu pro­du­zie­ren. Schließ­lich weiß im Grun­de jeder, wie über­flüs­sig der Schrift­stel­ler heu­te ist.

Das tie­fe­re Durch­drin­gen einer Sache fin­det nicht mehr statt, wo jeder Ansatz muti­gen, unbe­stech­li­chen Den­kens unter einem prag­ma­ti­schen Wohl­fühl­re­la­ti­vis­mus erstickt. Die enge Ver­flech­tung zwi­schen Kul­tur- und Poli­tik­be­trieb hat daher, wie es scheint, dem kri­ti­schen Den­ken wie dem Den­ken über­haupt den Gar­aus gemacht. Denn wer hät­te heu­te die Frech­heit und den Scharf­sinn, die gegen­wär­ti­gen Übel tat­säch­lich beim Namen zu nen­nen, wie dies einst, um 1830 oder um 1900, muti­ge Autoren taten? Wer wür­de es wagen, den Kle­rus und Adel von heu­te, also die herr­schen­de poli­ti­sche und kul­tu­rel­le Klas­se, mit der glei­chen Inbrunst zu belei­di­gen? Wür­de heu­te jemand bei irgend­ei­ner Preis­ver­lei­hung aus­ru­fen: »Aber der Kai­ser ist doch nackt!«, wäre er raus aus dem Spiel. Wer also hät­te das For­mat, sich ent­schie­den gegen die Kul­tur­kar­tel­le zu stel­len? Doch nicht, weil die­se die Herr­schen­den sind, die gera­de eine Poli­tik betrei­ben, der man sel­ber viel­leicht nicht anhängt, son­dern weil sie das immer glei­che Prin­zip des Macht­er­halts durch den Auto­ma­tis­mus aus Anpas­sung, Feig­heit, Selbst­sucht und Ver­lo­gen­heit nicht anders prak­ti­zie­ren als ihre Vor­gän­ger und des­halb den ewi­gen Wider­spruch von sei­ten des frei­en, unab­hän­gi­gen Den­kens erfordern.

Im Herbst 2015 bekam der inzwi­schen 88jährige Schrift­stel­ler Mar­tin Wal­ser den Inter­na­tio­na­len Fried­rich-Nietz­sche-Preis ver­lie­hen, obwohl Wal­ser in jeder Zei­le sei­ner Dank­re­de bewies, sich noch nie aus­führ­li­cher mit Nietz­sche befaßt zu haben und dies auch unum­wun­den ein­ge­stand. Den­noch fiel die Wahl auf den phi­lo­so­phisch eher unbe­darf­ten Roman­cier, da es offen­bar an wür­di­gen Emp­fän­gern fehl­te, der kul­tur­be­trieb­li­che Preis­ver­lei­hungs­ap­pa­rat aber danach ver­langt, jähr­lich einen von den Sei­nen aus­zu­zeich­nen, egal, ob die­ser nun auf die inhalt­li­che Aus­rich­tung des Prei­ses paßt oder nicht. Die geis­ti­ge Kor­rup­ti­on inner­halb der kul­tu­rel­len Klas­se hat ein sol­ches Aus­maß ange­nom­men, daß die dar­an Betei­lig­ten nur noch sich sel­ber zu wür­di­gen bereit sind. Ängst­lich wer­den die Fens­ter­lä­den zu allen Sei­ten hin geschlos­sen, damit kein Licht von außen auf den eige­nen Glanz fällt. Dabei scheut sich nie­mand, das Niveau zu unter­bie­ten, wenn es dar­um geht, sein Ego eitel zu bespie­ge­len. Also talkt ein Peter Slo­ter­di­jk mit einem Tho­mas Gott­schalk im Ber­li­ner Ensem­ble über den Klei­nen Prin­zen von Saint-Exu­pé­ry. – So what? Natür­lich ist das alles nicht ver­werflich. Aber was sagt der hier und heu­te erreich­te Grad an Indif­fe­renz und Selbst­in­sze­nie­rung über die geis­ti­ge Situa­ti­on unse­rer Zeit aus? Für den Zivi­li­sa­ti­ons­men­schen des 21. Jahr­hun­derts ist, frei nach Pla­ton, der idea­le Staat ver­wirk­licht, wenn Phi­lo­so­phen Show­mas­ter und Show­mas­ter Phi­lo­so­phen gewor­den sind.

Genau bese­hen, schafft der soge­nann­te Kul­tur­be­trieb also kei­ne »Kul­tur«, son­dern ver­wal­tet und mul­ti­pli­ziert bloß das, was ein bestimm­ter mora­li­scher Geschmack für wert­voll hält. Natür­lich ent­steht dabei auch Qua­li­tät, mit­un­ter sogar sehr hohe Qua­li­tät, aber sie ist eben nicht künst­le­risch frei ent­stan­den, son­dern das Ergeb­nis regu­lier­ter Ver­fah­ren und per­fek­tio­nier­ter Tech­ni­ken. Alles fließt im Strom insti­tu­tio­nell gesteu­er­ter Gewiß­hei­ten dahin. Man rüs­tet sich mit Selbst­ge­fäl­lig­keit, die bald jeden igno­rant wer­den läßt gegen das ganz ande­re, das außer­halb der eige­nen Räu­me liegt. Der Kul­tur­be­trieb kennt sol­che Frei­räu­me nicht, noch weni­ger wür­de er sie dul­den. Viel­mehr sind sei­ne Funk­tio­nä­re und Ange­stell­ten damit beauf­tragt, sich und allen ande­ren per­ma­nent ein­zu­re­den, das »Gute, Wah­re und Schö­ne« ganz allei­ne zu reprä­sen­tie­ren, weil heu­te end­lich erreicht wor­den sei, wofür alle »anstän­di­gen« Künst­ler des 20. Jahr­hun­derts immer gekämpft hät­ten: Die »Bösen«, d.h. die Anders­den­ken­den, sind besiegt und besei­tigt. Doch nie­mand scheint zu bemer­ken, daß in die­sem inzes­tuö­sen Gehe­ge zwar pro­fes­sio­nell gear­bei­tet wird, von leben­di­ger Kul­tur aber kei­ne Rede mehr sein kann. Man pro­du­ziert hoch­wer­ti­ge Waren, ver­hin­dert als Mono­po­list aber jede ech­te Kon­kur­renz, weil in den Redak­tio­nen kein ein­zi­ger mehr sitzt, der von ande­rer Art wäre. Die öffent­li­che Kul­tur ist ein her­me­tisch abge­rie­gel­ter Staats­be­trieb, der einen rie­si­gen Mit­ar­bei­ter­ap­pa­rat sub­ven­tio­niert und sich als Unter­neh­men im Inter­es­se poli­ti­scher Erzie­hung wirt­schaft­lich am Lau­fen hält. Somit stellt der Kul­tur­be­trieb das Gegen­teil von Kul­tur dar; er ist eine tech­ni­sche Ein­rich­tung, die kein Wachs­tum in ver­schie­de­ne Rich­tun­gen mehr zuläßt, son­dern eine Wäch­ter­funk­ti­on aus­übt: nicht mehr plump und auto­ri­tär, son­dern per­fi­de und genossenschaftlich.

Dadurch ver­nich­tet die­ses Regime para­do­xer­wei­se genau jene Wer­te, für die es ein­zu­ste­hen vor­gibt: Viel­falt, Frei­heit, Ver­nunft, Wür­de des Men­schen. Wovor ein Ador­no, Hork­hei­mer, Hei­deg­ger und vie­le ande­re in den 1940er bis 1970er Jah­ren warn­ten und was sie als die eigent­li­che Bedro­hung mensch­li­cher Frei­heit und Kul­tur kom­men sahen, ist heu­te herr­schen­de Wirk­lich­keit und wird des­halb in sei­ner Tota­li­tät auch gar nicht mehr ver­stan­den, ja zumeist nicht ein­mal bemerkt. Die­se Per­ver­si­on hat zu eben jener Nivel­lie­rung und geis­ti­gen Pro­sti­tu­ti­on geführt, von der ein Hork­hei­mer und ein Ador­no zutiefst ange­wi­dert waren! Denn was die­se einst pro­phe­tisch per­hor­res­zier­ten, ist inzwi­schen voll­stän­dig ein­ge­trof­fen. Was schrie­ben die gro­ßen Lin­ken anno 1944 in ihrer Dia­lek­tik der Auf­klä­rung? »Die Talen­te gehö­ren dem Betrieb, längst ehe er sie prä­sen­tiert: sonst wür­den sie nicht so eif­rig sich ein­fü­gen. […] Hin­zu­tritt die Ver­ab­re­dung, zumin­dest die Ent­schlos­sen­heit der Exe­ku­tiv­ge­wal­ti­gen, nichts her­zu­stel­len oder durch­zu­las­sen, was nicht ihren Tabel­len, ihrem Begriff von Kon­su­men­ten, vor allen ihnen sel­ber gleicht. […] Die rück­sichts­lo­se Ein­heit der Kul­tur­in­dus­trie bezeugt die her­auf­zie­hen­de der Poli­tik. […] Jeder soll sich gleich­sam spon­tan sei­nem vor­weg durch Indi­zi­en bestimm­ten ›level‹ gemäß ver­hal­ten und nach der Kate­go­rie des Mas­sen­pro­dukts grei­fen, die für sei­nen Typ fabri­ziert ist.«

Man rühmt den Mut zur Wahr­heit und zum Wider­spruch öffent­lich immer erst dann, wenn es unge­fähr­lich gewor­den ist, ihn auf­zu­brin­gen. Weil die meis­ten Zivi­li­sa­ti­ons­men­schen unemp­find­lich genug sind, von der Bar­ba­rei, die sie über­all umgibt, nicht ver­wun­det zu wer­den und ihnen zudem die Lei­den­schaft fehlt, ihr Leben in Frei­heit der Wahr­heit zu wei­hen (vitam inpen­de­re vero), da sie von klein auf in ein Sys­tem raf­fi­nier­ter Bequem­lich­keits­lü­gen hin­ein­er­zo­gen und durch Mas­sen­me­di­en­kon­sum bald in jeder Hin­sicht fle­xi­bel und stumpf­sin­nig gewor­den sind, ist auch die Anpas­sungs­be­reit­schaft heu­te deut­lich grö­ßer, als sie es frü­her war. Und so fällt der Kon­trast zwi­schen Anspruch und Wirk­lich­keit des Regimes gar nicht mehr auf.

»Wer sich mit dem Erzäh­len von Geschich­ten beschäf­tigt«, bemerk­te Chris­toph Rans­mayr in sei­ner Dan­kes­re­de zum Fon­ta­ne-Preis 2014, »der hat es immer mit Ein­zel­nen zu tun, nie mit Stäm­men, Völ­kern oder gar der jüngs­ten und dümms­ten Per­ver­si­on der Hor­de, der Nati­on.« – Bewun­de­rungs­wür­dig, wer den Mut auf­ge­bracht hät­te, um 1890 oder 1910 einen sol­chen Satz in eine Dan­kes­re­de ein­zu­bau­en; aber ver­dient nicht größ­tes Miß­trau­en, wer so etwas heu­te äußert, da jeder, der Prei­se bekom­men will, gewis­ser­ma­ßen ver­pflich­tet ist, der­lei zu schrei­ben? Dani­el Kehl­mann spricht in sei­ner Frank­fur­ter Poe­tik-Vor­le­sung (natür­lich!) über den Holo­caust – wor­über denn sonst? Man kann hin­schau­en, wo man will: In der Öffent­lich­keit fndet immer die glei­che Zere­mo­nie statt, mit immer den glei­chen Bot­schaf­ten von immer den glei­chen Leu­ten! Sie haben sich sel­ber auf die mora­li­schen Befeh­le des Zeit­geis­tes abge­rich­tet, weil sie nur dadurch – guten Gewis­sens! – alle Pri­vi­le­gi­en des Appa­rats genie­ßen können.

Die Dani­el Kehl­manns, Mar­cel Bey­ers, Juli Zehs, Richard David Prechts, Mar­kus Gabri­els sind die Iff­lands, Kot­ze­bues, Hey­ses, Lot­zes von heu­te. – Wo aber sind die ande­ren? Einen Vol­taire hät­ten sie heu­te wie­der ins Exil getrie­ben, ein Büch­ner wäre ver­bo­ten, eben­so ein Stir­ner, ein Feu­er­bach, ein Nietz­sche, ein Céli­ne; natür­lich nicht offi­zi­ell, aber kei­ner der markt­be­herr­schen­den Ver­la­ge wäre bereit, der­art devi­an­te Autoren zu dru­cken; aus Angst vor Kam­pa­gnen, aber auch aus Grün­dern inter­ner Selbst­zen­sur und Gesinnungshygiene.

Es fin­den kei­ne ech­ten, son­dern bloß insze­nier­te Debat­ten statt, weil nur gesen­det und gedruckt wird, was den zen­tra­li­sier­ten Leit­me­di­en ins Sche­ma paßt – sei es als ewi­ge Bestä­ti­gung der offi­zi­ell zu ver­brei­ten­den Moral oder wich­tig­tue­ri­sche Pseu­do­kri­tik (Precht, Zeh, Tro­ja­now, Harald Wel­zer), sei es als abschre­cken­des Bei­spiel fehl­ge­lei­te­ter Außen­sei­ter (Sar­ra­zin). Eine wirk­lich geist­rei­che Dis­kus­si­on, in der sich nicht bloß schlaue, son­dern welt­klu­ge oder gar wei­se-gebil­de­te Men­schen gegen­über­sit­zen und ihre Ansich­ten niveau­voll und kun­dig argu­men­tie­ren, hat es seit Dahrendorf/Adorno/Gehlen in den deut­schen Medi­en nicht mehr gege­ben, weil das Per­so­nal dazu fehlt. Wer sich die frei­heit­li­che Dis­kus­si­ons­kul­tur der 1960er Jah­re in der BRD ver­ge­gen­wär­tigt, wo im poli­ti­schen Dis­kurs selbst so unter­schied­li­che Sys­tem­ab­weich­ler wie ein Adolf von Thad­den genau­so zu Wort kamen wie ein Rudi Dutsch­ke oder eine Ulri­ke Mein­hof, und jene Ver­hält­nis­se mit den heu­ti­gen ver­gleicht, dem wird das Ver­schwin­den frei­heit­li­cher Pra­xis offen­bar: Statt libe­ra­ler Sprech­kul­tur gibt es Sprech­ver­bo­te und per­fi­des Kal­kül, statt wild blü­hen­der Gär­ten des Geis­tes kon­ta­mi­nier­te Fel­der. Die Kul­tur­in­dus­trie hat in den letz­ten Jahr­zehn­ten mit­tels rigi­der Aus­gren­zungs­po­li­tik einen Staats­au­toren­klün­gel her­an­ge­züch­tet, der instink­tiv auf Linie bleibt, weil sei­ne Mit­glie­der früh das Zucker­brot der Zeit­geist­par­tei­ge­nos­sen­schaft zu schme­cken beka­men. Wenn die­se Leu­te wirk­lich »kri­tisch« wären und sich nicht nur für »kri­tisch« hiel­ten, hät­ten sie längst bemer­ken müs­sen, wie sehr sie nur die The­men, Paro­len und Befnd­lich­kei­ten wie­der­käu­en, die ihnen das Regime vorgibt.

Wozu also über­haupt den­ken, wenn man mit sei­nen Gedan­ken über das bereits Gedach­te und Vor­ge­schrie­be­ne der eige­nen Zeit nicht hin­aus­ge­langt? Wer bloß wie­der­holt, was sein jewei­li­ges Milieu gera­de für »rich­tig« erklärt, der denkt nicht, son­dern pariert nur. Denn streng­ge­nom­men heißt den­ken immer wei­ter- oder anders­den­ken, jeden­falls den Ort des bereits Gedach­ten ver­las­sen. Das bereits Gedach­te den­ken ist Unsinn, denn das bedeu­tet, es zu kopie­ren. Doch frei­lich: Wer reüs­sie­ren und Zustim­mung ern­ten will, darf gar nicht den­ken, son­dern muß irgend­ei­ne belieb­te Mei­nung agi­tie­ren. Jemand sagt, was alle hören wol­len, und meint, er den­ke, wäh­rend er doch bloß geschickt reflek­tiert, was zu sei­ner Zeit oder bei einer bestimm­ten Grup­pe hoch im Kurs steht. Wer dage­gen ernst­haft nach Erkennt­nis strebt, wird sich hüten, in irgend­ei­ner pro­fi­ta­blen Gemein­schaft auf­zu­ge­hen! Die Aus­sicht, unge­hört zu blei­ben oder miß­ver­stan­den zu wer­den, sich unbe­liebt zu machen und Brü­cken hin­ter sich abzu­bre­chen, ist dann aller­dings weit­aus grö­ßer als die auf Aner­ken­nung und Erfolg.

Wie lan­ge also ist es her, daß soge­nann­te Kul­tur­schaf­fen­de sich rühm­ten, »unzeit­ge­mäß« zu sein, weil erst durch Über­win­dung des Zeit­geis­tes der eige­ne Geni­us zum Vor­schein kom­men kön­ne? »Alles, was man in die­ser Zeit für sei­nen Cha­rak­ter tun kann«, schrieb Johann Gott­fried Seu­me um 1806, »ist, zu doku­men­tie­ren, daß man nicht zur Zeit gehört.« Ähn­li­che Aus­sa­gen lesen wir bei Höl­der­lin, Schil­ler, Scho­pen­hau­er, Jacob Burck­hardt, Nietz­sche, ja selbst bei Arno Schmidt.

Wenn wir in einer ech­ten, funk­tio­nie­ren­den Demo­kra­tie leb­ten, in der nicht Oppor­tu­nis­mus, Ideo­lo­gien und Gesin­nungs­zwän­ge die Wirk­lich­keit bestimm­ten, son­dern die Bür­ger auch über bri­san­te The­men wie Zuwan­de­rung, Ener­gie­wen­de, Inklu­si­on, Gen­der-Ideo­lo­gie und­so­wei­ter frei ent­schei­den dürf­ten – die­ses Land sähe anders aus. Und wenn die gro­ßen Zie­le der Neu­hu­ma­nis­ten und Libe­ra­len des 19. Jahr­hun­derts erreicht wor­den wären, also nie­mand hier­zu­lan­de die Fol­gen des frei­en Wor­tes zu fürch­ten hät­te, dann könn­ten wir uns auch Poli­ti­ker und Schrift­stel­ler leis­ten, für die sich ein frei­er, stol­zer Mensch nicht schä­men muß. Aber ein ech­ter geis­tig-sitt­li­cher Wan­del setz­te frei­lich die Ver­än­der­bar­keit natio­na­ler Men­ta­li­tä­ten vor­aus. Nun schei­nen aber gera­de die Deut­schen selbst in ihren schlech­tes­ten Eigen­schaf­ten immer beson­ders »deutsch« zu blei­ben. Jeden­falls gras­siert bei ihnen wei­ter­hin die German angst als Grund­übel und Ursa­che fast all ihrer Absur­di­tä­ten und Anpas­sungs­leis­tun­gen. Und so sind sie in ihrem para­do­xen Bestre­ben, nicht mehr deutsch, dafür aber die mora­lisch unter­würfgs­ten Mus­ter­schü­ler der Welt sein zu wol­len, heu­te deut­scher denn je.

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