Walter Hoeres, Katholik

Der am 14. Januar 2016 verstorbene Walter Hoeres war einer der profliertesten Repräsentanten... 

 Gastbeitrag

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des tra­di­tio­na­lis­ti­schen Katho­li­zis­mus im deutsch­spra­chi­gen Raum. Sei­ne Bei­trä­ge in den ent­spre­chen­den Publi­ka­tio­nen, in Theo­lo­gi­sches, in der Kirch­li­chen Umschau, der Una Voce Kor­re­spon­denz oder Civi­tas zähl­ten zum Bes­ten, um den Ver­fall der Tra­di­ti­on und des kirch­li­chen Lebens zu ana­ly­sie­ren und zu kom­men­tie­ren. Kurz vor sei­nem Tod sprach Hoe­res von den »düs­te­ren, ja man möch­te fast sagen dämo­ni­schen Zügen unse­rer Zeit« (Theo­lo­gi­sches, Januar/Februar 2016); und obwohl der »Abschied von Got­tes hei­li­ger Majes­tät« längst voll­zo­gen war, hoff­te Hoe­res doch, »daß allen in der hei­li­gen Kir­che wie­der die Gabe der Ehr­furcht« zuteil wer­de, um Got­tes »Gebo­te gegen­über die­ser gott­ver­las­se­nen Welt mutig und ohne fal­sche Zuge­ständ­nis­se zu verteidigen«.

Die bio­gra­phi­schen Sta­tio­nen sind schnell refe­riert. Hoe­res war gera­de ein­mal 23 Jah­re alt, als er 1951 in Frank­furt bei nie­mand ande­rem als Theo­dor W. Ador­no über »Ratio­na­li­tät und Gege­ben­heit in Hus­serls Phä­no­me­no­lo­gie« pro­mo­viert wur­de. Wäh­rend er Frank­furt zeit­le­bens treu blieb, ver­band ihn bald immer weni­ger mit Ador­no: Fünf Jahr­zehn­te spä­ter wid­me­te Hoe­res sei­nem Dok­tor­va­ter ein respekt­vol­les Kapi­tel in dem Buch Hei­mat­lo­se Ver­nunft – Den­ker der Neu­zeit im Rin­gen um Gott und die Welt (2005), das erwar­tungs­ge­mäß kri­tisch aus­lau­tet und Ador­no vor allem des­sen »Ver­beu­gung vor dem Mate­ria­lis­mus« ankrei­det. Seit 1954 ver­hei­ra­tet, war Hoe­res Vater von drei Kin­dern. Nach in Salz­burg erfolg­ter Habi­li­ta­ti­on war Hoe­res von 1961 bis 1993 Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie an der Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le Frei­burg. Die Scho­las­tik ins­ge­samt, Duns Sco­tus und vor allem Tho­mas von Aquin bil­de­ten das Zen­trum sei­nes Den­kens, hier fand Hoe­res gül­ti­ge Anknüp­fungs­punk­te für die eige­ne Zeit, und zwar mit wei­testrei­chen­der Bedeu­tung. Denn indem die tho­mis­ti­sche Phi­lo­so­phie nicht zuletzt »einen ein­zi­gen gigan­ti­schen Kom­men­tar zu Pla­to und Aris­to­te­les unter christ­li­chen Vor­zei­chen« dar­stellt, wird »jene tie­fe Ent­spre­chungs­be­zie­hung« zwi­schen den bei­den grie­chi­schen Phi­lo­so­phen und dem Chris­ten­tum sicht­bar, die nichts weni­ger als »die Ein­heit der abend­län­di­schen Welt­an­schau­ung begrün­det hat«, wes­halb die Kir­che die Leh­re des Tho­mas nicht zufäl­lig »immer wie­der als ver­bind­lich« vor­ge­schrie­ben hat. Am ehes­ten wird man Wal­ter Hoe­res daher mit einem ande­ren Phi­lo­so­phen asso­zi­ie­ren dür­fen, der eben­falls in der Spur des Tho­mas von Aquin wei­ter­ge­gan­gen ist, mit Josef Pie­per (1904–1997).

Die äußer­lich unspek­ta­ku­lä­re Pro­fes­so­ren-Vita war durch geis­ti­ge Kämp­fe geprägt, wovon zahl­rei­che Auf­sät­ze, Rund­funk­sen­dun­gen, Vor­trä­ge und mehr als 20 Bücher zeu­gen. Dabei war es das Jahr 1969, das Hoe­res über die aka­de­mi­sche Phi­lo­so­phie und die zeit­kri­ti­sche Publi­zis­tik hin­aus­trieb. Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil war 1965 zu Ende gegan­gen, die katho­li­sche Welt war in die Pha­se der »nach­kon­zi­lia­ren Kri­se« vol­ler Ver­wir­rung und Konflik­te ein­ge­tre­ten, wobei die Lit­ur­gie­re­form und der »Kahl­schlag der Kir­chen« nur die Spit­ze des Eis­bergs bil­de­ten. 1969 grün­de­ten Hoe­res, sein Freund Pfar­rer Hans Milch (1924–1987) und der Ober­stu­di­en­rat Fritz Feu­ling daher die »Bewe­gung für Kir­che und Papst«, die als Moment des »Wider­stands gegen die inner­kirch­li­che Selbst­zer­stö­rung« kei­nes­wegs allein auf wei­ter Flur stand: 1969 rief Erz­bi­schof Mar­cel Lef­eb­v­re die Pries­ter­bru­der­schaft St. Pius X. ins Leben, zuvor hat­te sich schon die Una-Voce-Föde­ra­ti­on gegrün­det, womit stell­ver­tre­tend nur zwei wei­te­re Orga­ni­sa­tio­nen die­ser Jah­re mit je eige­nen, doch ver­wand­ten kon­ser­va­ti­ven Ansät­zen genannt wären. So wun­dert es nicht, daß Wal­ter Hoe­res mit der Pius­bru­der­schaft sym­pa­thi­sier­te und auch an ihrem Zaitz­ko­fe­ner Pries­ter­se­mi­nar Phi­lo­so­phie lehr­te – aber nur bis 1988, denn in die­sem Jahr weih­te Mar­cel Lef­eb­v­re gegen die Wei­sung des Paps­tes vier Bischö­fe, was schließ­lich Lef­eb­v­res Exkom­mu­ni­ka­ti­on nach sich zog. Bei aller Sym­pa­thie folg­te Wal­ter Hoe­res die­sem Pfad nicht, so wenig, wie jene Pius­brü­der, die das Han­deln Lef­eb­v­res ver­ur­teil­ten, um ihre eige­ne Bru­der­schaft, die papst­treue Pries­ter­bru­der­schaft Sankt Petrus, zu grün­den. Hier konn­te Wal­ter Hoe­res mit­ge­hen und lehr­te bis 2014 am Pries­ter­se­mi­nar der Petrus-Brü­der in Wigratz­bad. Bei allen Dif­fe­ren­zen ver­band ihn wei­ter das gemein­sa­me Anlie­gen mit der Pius­bru­der­schaft, und es ist kein Zufall, daß Hoe­res von Pater Franz Schmid­ber­ger beer­digt wur­de, dem Lei­ter des Pries­ter­se­mi­nars der Piusbrüder.

Öffent­li­ches Enga­ge­ment und phi­lo­so­phi­sche Arbeit gin­gen Hand in Hand. Als Wal­ter Hoe­res den »Auf­stand gegen die Ewig­keit Got­tes« und die Abkehr von den tra­di­tio­nel­len For­men der Kir­che dechif­frier­te, war ihm klar, daß die­se Kri­se nicht »aus purem Mut­wil­len pro­vo­ziert« wur­de, son­dern einem Welt­bild folg­te, das »sich radi­kal von der alt­ver­trau­ten christ­lich­abend­län­di­schen Welt­an­schau­ung« unter­schied. Die phi­lo­so­phi­sche Kri­tik war also not­wen­di­ger Aus­druck, um den Zeit­geist ent­schlei­ern zu kön­nen. In die­sem Sin­ne beton­te Hoe­res, wie sehr der kon­ser­va­ti­ve, pla­to­nisch-christ­li­che Blick auf die Welt »den Schwer­punkt auf das blei­ben­de Wesen der Din­ge und die blei­ben­de, unver­gäng­li­che Wahr­heit« lege – wäh­rend der Zeitgeist den Pla­to­nis­mus bei­sei­te­ge­scho­ben hat und einen »ruhe­los hek­ti­schen Umgang« mit Din­gen und Men­schen pflegt, dem per­ma­nen­te Ver­än­de­rung und Fort­schritt ein­fach alles sind. Dabei amü­sier­te es Hoe­res durch­aus, wie jene »Pro­gres­sis­ten« dem Fort­schritt hin­ter­her­he­chel­ten, der bei ihren eige­nen Säu­len­hei­li­gen, unter denen Ador­no einen pro­mi­nen­ten Platz ein­nahm, längst ad absur­dum geführt war.

Wal­ter Hoe­res hat wich­ti­ge Bücher ver­faßt, von denen die Hei­mat­lo­se Ver­nunft bereits erwähnt wur­de. Wer immer sich mit Tho­mas von Aquin beschäf­tigt, wird auf Wesen­s­ein­sicht und Tran­szen­den­tal­phi­lo­so­phie. Tho­mas von Aquin zwi­schen Rah­ner und Kant (2001) und auf Die Sehn­sucht nach der Anschau­ung Got­tes. Tho­mas von Aquin und Duns Sco­tus im Gespräch über Natur und Gna­de (2015) sto­ßen. Mit dem für ihn eher unge­wöhn­li­chen Titel Der Weg der Anschau­ung. Land­schaft zwi­schen Ästhe­tik und Meta­phy­sik (2004) reih­te sich Hoe­res in die Autoren­rie­ge der Grau­en Edi­ti­on ein, hier steht sein Werk wür­dig neben Gerd-Klaus Kal­ten­brun­ners Dio­ny­si­us vom Areo­pag. Die­ser Weg der Anschau­ung ist vor allem eine Stu­die über den »Anschau­ungs- und Hin­nah­me­cha­rak­ter aller Erkennt­nis« und eine Aus­ein­an­der­set­zung mit Hei­deg­ger, die in die­sem Rah­men nicht skiz­ziert wer­den kann. Gegen Hei­deg­gers Ansatz einer Über­win­dung der Meta­phy­sik argu­men­tiert Hoe­res, »daß die Meta­phy­sik nicht erlö­schen kann. Denn selbst der kon­se­quen­tes­te Agnos­ti­ker, Posi­ti­vist oder Skep­ti­ker ent­deckt immer wie­der das Geheim­nis der Wirk­lich­keit und das in einer anschau­li­chen und in ihrer Art evi­den­ten Erfahrung«.

Als letz­tes, pos­tum erschie­ne­nes Buch ver­dient Die ver­ra­te­ne Gerech­tig­keit. Nach dem Abschied von Got­tes hei­li­ger Majes­tät beson­de­re Auf­merk­sam­keit als sys­te­ma­ti­sche Zusam­men­füh­rung zen­tra­ler The­men, die in Auf­sät­zen schon ange­klun­gen waren.

50 Jah­re nach dem Kon­zil zieht Hoe­res Bilanz. Sie fällt nie­der­schmet­ternd aus. Die Kir­che hat vor der Welt und ihrem Rela­ti­vis­mus kapi­tu­liert. Von dem Bild des gerech­ten Got­tes ist nur eine Kari­ka­tur übrig­ge­blie­ben, der lie­be Opa, der alles ver­steht und ver­zeiht und somit auch alles gut­heißt, was die Men­schen trei­ben. »Sün­de« und »Buße« tre­ten kaum mehr in den Hori­zont der Wahr­neh­mung, wes­halb auch das Sakra­ment der Beich­te als »ver­lo­ren« gel­ten muß. Vie­le Bischö­fe reden den Absur­di­tä­ten des Zeit­geis­tes das Wort, wäh­rend sich man­cher Theo­lo­ge abmüht, die Tra­di­ti­on zu zer­le­gen. So zitiert Hoe­res den Titel eines Auf­sat­zes des Wie­ner Bibel­wis­sen­schaft­lers Jacob Kre­mer »Was Jesus eigent­lich woll­te und heu­te will« und reagiert iro­nisch amü­siert: »Als sei­en wir nach zwei­tau­send Jah­ren nun end­lich so weit, mit Hil­fe des Arse­nals moder­ner phi­lo­lo­gi­scher Metho­dik zu ermes­sen, was Jesus eigent­lich wollte!«

Vor allem wur­den Schrift und Tra­di­ti­on rela­ti­viert zuguns­ten einer frag­wür­di­gen Instanz, die nun den Maß­stab dafür abgibt, was rich­tig und falsch ist: die gesell­schaft­li­che Rea­li­tät. Aber die­se Rea­li­tät will weder etwas wis­sen von den Apos­teln noch von den Kir­chen­vä­tern, sie hat sich »radi­kal von den Wahr­hei­ten der gött­li­chen Offen­ba­rung ent­fernt« und ern­tet »heu­te die gan­zen bit­te­ren Früch­te der Auf­klä­rung des 18. Jahr­hun­derts«. Sich die­ser Welt anzu­bie­dern, muß wei­ter­hin zur Selbst­zer­stö­rung füh­ren. Daher erin­nert Hoe­res im letz­ten Kapi­tel sei­nes Buchs an das »Juwel der abend­län­di­schen Phi­lo­so­phie«, an das Natur­recht. Wäh­rend Anti­ke und Mit­tel­al­ter »mit gro­ßer Selbst­ver­ständ­lich­keit an der Exis­tenz eines sol­chen Natur­rech­tes als letz­ter Norm allen gesetz­ten, posi­ti­ven Rech­tes« fest­hiel­ten, wird es in der Moder­ne als anti­quiert ver­wor­fen und auch in der Kir­che zuneh­mend ad acta gelegt. Gera­de hier sieht Hoe­res jene ord­nungs­stif­ten­de Kraft, die uns heu­te so drin­gend fehlt.

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