Sezession
14. August 2016

Jean Raspails Patagonismus

Gastbeitrag

14. Juli, um die Jahrtausendwende, Ostfrankreich. Zum letzten Mal paradiert ihr altes Kürassierregiment am Nationalfeiertag durch die Straßen der Großstadt. Vom Kommandofahrzeug bis zum letzten Panzer der langen Kolonne weht die Trikolore: Blau-Weiß- … Grün, horizontal. Kurz vor seiner Abwicklung im Zuge jener allmählichen der Streitkräfte der République française bekundet das Regiment öffentlich und geschlossen seinen »Übertritt« zur Armee des imaginären Königreichs Patagonien und seiner Majestät Orelie-Antoine I., dem seit über 100 Jahren toten König eines Reichs, das er selbst nie zum Leben erwecken konnte. Heute aber lebt und gedeiht es, »irgendwo südlich des britischen Humors und nördlich der Poesie«.

Dahinter steckt Jean Raspail. Im Mittelpunkt seiner bekanntesten Romane stehen chevalereske Kämpfer für verlorene Sachen. Raspail aber sagt zu seinen Anfängen, es wären weniger diese »als die verlorenen kleinen Völker, die ich seit meiner Kindheit im Kopf habe«. Der daraus resultierende Fluß seines Werks mündete letztlich in den »Patagonismus«; die Expedition zu dessen Quellen aber beginnt, um dem stets gegen den Strom rudernden Autor zu entsprechen, an der Mündung.

Im Delta spielen heute die Boote Tausender Patagonier das »Spiel des Königs«, vereint durch eine Haltung von »Zärtlichkeit, Ironie, Stolz und Melancholie«, die sich schon in der steigenden Flut von Ansuchen um die Staatsbürgerschaft an die Pariser chancellerie findet, vom Generalkonsul Raspail persönlich per Dekret samt Unterschrift verliehen. Zum leitmotivischen Vierklang gesellen sich Abenteuerlust und Fernweh, bezeugt durch den steten Strom von Bildberichten, die Wahlpatagonier und ihre Trikolore auf den Spitzen der Anden und des Himalaya, gotischer Kathedralen oder tokyoter Glastürme zeigen, am Grab Chateaubriands, der Sahara, Vendée – und natürlich am Kap Hoorn. Auch das Netz der Amtsträger und Institutionen des Königreichs erstreckt sich bis jenseits aller Meere und auf alle Wissensgebiete: Vizekonsul Constantin de Slizewicz führt, mit Jurisdiktion über das Tibetische Königreich, die Geschäfte in China, ein Schweizergardist im Vatikan, unzählige weitere von Singapur bis Spitzbergen, von Madagaskar bis Tadschikistan. Manche stehen allein auf ihrem Posten, andere, in einigen départements, an der Spitze von hunderten patagons, denen sich auch außerhalb des diplomatischen Corps ehrenvolle Betätigungsfelder bieten: etwa in der »Königlich-patagonischen Gesellschaft für medizinische Bildgebungsverfahren«, dem »patagonischen Komitee zur Verteidigung und Dokumentation der händischen Hochsee-Harpunenfscherei« oder als »königlicher Konsulent in Nuklearangelegenheiten«.

Bei aller augenzwinkernder Spielerei segeln auch diese kleinen, oft
von ganzen Familien bemannten fdeleren Kähne unter demselben Wind
wie die schwereren Einheiten der Flotte, denn, so Raspail: »Das Spiel erlaubt es, zwischen Traum und Realität unzählige Empfndungen zu le ben, die sich in unserer Zeit sonst längst in den Untergrund und die Wälder zurückgezogen haben. Hinter dem Kinderkram das Wesentliche: Jedem ist ein verborgener Winkel der Seele, ein unausgesprochener Winkel
des Herzens.« Der fast surrealen Entlegenheit der Reichsgründungsidee
Antoines entspricht die reale Entlegenheit des Archipels im Süden Patagoniens, menschenleer, eisig, sturmumtost – und trotzdem: Sehnsuchtsort;
und den »verborgenen Winkeln des Herzens und der Seele« dieser verborgene Winkel der Welt, in dem sich zu verlieren oder (wieder) zu fnden
so viele Schriftsteller ersehnten: »Ich habe alle meine Wetten verloren, es
bleibt nur noch Patagonien; Patagonien, das allein meiner unermeßlichen
Traurigkeit entspricht«, schreibt Blaise Cendrars, und Pablo Neruda: »Ich
nehme meinen Abschied, ich kehre heim, in meinen Träumen – ich kehre
heim nach Patagonien.« Weniger bekannt, aber noch prägnanter Alexandre Vialatte: »Der Mensch sollte nur im Angesicht von Meeren oder
Strömen leben, auf Bergen oder in der Wüste. In Patagonien. Statt dessen
mietet er sich ein, in den Zinshäusern von Massy-Palaiseau.«
Während diese eine bloß metaphorische Sehnsucht nach patagonischen Gewässern ausdrücken, gehen illustre Linienschiffe der französischen Literatur – in deren Pantheon, der Académie française, vereint – an
der Mündung der bekennenden Patagonier Raspails vor Anker: Johannes
Paul des II. Freund André Frossard, der über 30 Jahre auf der Titelseite
des konservativen Figaro eine Kolumne unter dem sehr raspailesken Titel
»Cavalier seul« hielt; Michel Déon, erst Mitstreiter von Charles Maurras,
später trotzdem preisgekrönter Romancier, den legendären hussards zu
zurechnen, die de Gaulle von rechts attackierten und für ihren Hang zu
verlorenen Sachen bekannt waren; Dominique Bona, sanfter, aber als einzige der erwähnten »Unsterblichen« noch am Leben.
Dazu, jüngst verstorben und nichts weniger als sanft, Geneviève Dormann: ein Phänomen der Furchtlosigkeit, der keine Lobby zu mächtig,
kein Eisen zu heiß war, die mit verkohlten Fingern weiterpublizierte und
hinsichtlich ihrer konsequenten Widerständigkeit
en gros und en detail an
Marcel Aymé erinnerte.
In der patagonischen Flotte Raspails ist sie nicht der einzige fliegende
Holländer: Der schillernde Reaktionär, Romancier und Geheimdienstmann Vladimir Volkoff war ihr »Berater für russische und serbische Angelegenheiten« und kämpfte davor im Algerienkrieg; ebenso, aber deutlich exponierter Pierre Lagaillarde, der als 26jähriger Fallschirmjägeroffzier im Zuge des »Putschs von Algier« 1958 der IV. Republik mit ein Ende
setzte und de Gaulle mit zur Macht verhalf, sich dann als Anführer der
»Woche der Barrikaden« ebendort gegen ebendiesen wandte und später
im Exil gemeinsam mit General Salan die berühmt-berüchtigte
OAS begründete.
So vielfältig sind die patagonischen Fischgründe, daß sich dort auch
Michel-Édouard Leclerc tummelt, König des französischen Einzelhandels,
100000 Angestellte, 35 Milliarden Euro Umsatz – ein Wal, oder Hai, je
nach Sichtweise …
Und als Flaggschiff der patagonischen Flotte: »La Royale«, wie die
französische Kriegsmarine traditionell auch genannt wird, bzw. zahlreiche ihrer Offziere bis in höchste Admiralsränge.

Der hier gepflogene nautische Duktus kommt also nicht von ungefähr, sondern neben einer entsprechenden Neigung der patagons und der
Topographie des Königreichs selbst auch von Raspails einschlägigen Bravourstücken – und jenem aufsehenerregendsten Patagoniens schlechthin,
der Opération des Minquiers: Bald nach Ende des Falklandkriegs verkündete die Regierung Seiner Majestät Orelie-Antoine I., daß die umkämpfte
Inselgruppe weder Großbritannien noch Argentinien angehöre, sondern
per königlichem Dekret von 1860 patagonisches Territorium darstelle.
»Die britische Regierung suchte ihr Heil in herablassendem Schweigen«,
so Raspail, der sich daher gezwungen sah, deren Botschaft persönlich
ein Ultimatum auszuhändigen, wonach die Briten binnen Wochenfrist die
Falklandinseln zu räumen hätten, widrigenfalls Patagonien sich im Wege
der völkerrechtlichen Retorsion gezwungen sähe, seinerseits von einem
britischen Territorium Besitz zu ergreifen. Die Wahl fel auf die winzigen,
fast unbewohnten Minquiers-Inseln im Ärmelkanal, ohnehin fragwürdiger Zugehörigkeit zu Großbritannien, dafür mit ihren zerklüfteten Felsen, labyrinthischen Kanälen und gefährlichen Strömungen gleichsam ein
nördliches Patagonien
in nuce.
Eine 13köpfge Invasionsarmee landete mit zwei Schnellseglern, zementierte im Sockel des pompösen britischen Flaggenmasts eine die Inbesitznahme verkündende Plakette ein und hißte die patagonische Trikolore –
zu den Klängen der Nationalhymne, von Wilhelm Frick, einem Kommilitonen Bismarcks und Augenzeugen der Einkerkerung Antoines, 1863 in
Chile komponiert. Der resultierende Zorn der Eisernen Lady, die dem Unterhaus Rede und Antwort stehen mußte, war gewaltig, das Medienecho
ebenso – nur übertroffen bei der später erfolgten zusätzlichen Wegnahme
des Union Jack, die sich selbst auf der Titelseite der
Times fand.
Die uferlose Fülle des »Königlichen Spiels« dokumentiert das prächtige alljährliche Bulletin, das neben Reportagen, einer Presseschau, historischen Dokumenten und Literatur(hinweisen) das Mitglieds- und Funktionsverzeichnis enthält, in dem auch Verstorbene
patagons angeführt bleiben und in der Rubrik »Jenseits der Meere« eine letzte Würdigung erfahren; alles unter der Federführung Raspails, den bisweilen nur traurig
stimmt, daß bereits kaum Erwachsene – mit mehr Ernst, als es dem Spiel
geziemt – angesichts ihrer prosaischen Lebenswirklichkeit allzu früh Zuflucht und Identität in seinem unwirklichen Königreich suchen.
Hunderte Postkarten hat er inzwischen von Patagoniern erhalten, die
ihrem toten König an dessen Grab in Tourtoirac (Dordogne) die Ehre erweisen, wo Antoine Tounens 1825 als Bauernsohn zur Welt kam und 1878
ausgebrannt und ruiniert als Spottfgur verstarb.
Eine alte Universalgeographie hatte früh seine Leidenschaft für Patagonien geweckt; der Schulmeister, Veteran Napoleons Alter Garde, mit
seinen Schilderungen den Durst nach
gloire befeuert – und der bodenständige Vater die baldige Obsession, König am Ende der Welt zu werden,
durch eine Duldsamkeit befördert, die ihren mitleidigen Ursprung wohl
in einer genitalen Mißbildung des Sohnes gehabt haben dürfte, die diesem
einen einsamen Lebenslauf verhieß. Dessen juristische Studien und der
Erwerb einer bescheidenen Anwaltskanzlei hatten der Familie schwerste
Opfer abverlangt; den Rest gab ihr die Gestellung der »Kriegskasse«, als
Antoine die Stunde des Handelns gekommen sah. Die Zeit drängte: Schon

sahen sich südlich der Grenzen Chiles und Argentiniens die indianischen
Stämme, die er unter seiner Herrschaft vereinen wollte, einer wachsenden Zahl von Siedlern gegenüber; alsbald würde die Armee folgen und die
Freiheit ein Ende haben. Inzwischen gerichtlich anerkannter de Tounens,
brach Antoine nach Paris auf, orderte für sich Prunkuniformen und für
sein künftiges Reich Fahnen, Münzen, Siegel, Orden, druckte eine Verfassung und Proklamationen in französischer Sprache zur alsbaldigen Verteilung an seine analphabetischen und schon des Spanischen selten mächtigen Völker. Er aber wähnte sich wohlgerüstet und stach in See.

Ende 1861, aufgrund seiner unzähligen tönenden Proklamationen bereits das Gespött der internationalen Presse, durchquerte er hoch zu Roß
und in Paradeuniform – begleitet nur von seinem Dolmetscher und Fahnenträger auf einem Maultier … – den Rio Bio-Bio und traf erstmals auf
»seine« Stämme; berauscht von kühnen Versprechungen, seiner Redegabe
und imposanten Erscheinung riefen sie Antoine nacheinander zum König
aus, der aus ihren Häuptlingen seine Regierung bildet. Seine Herrschaft
währte zwei Wochen, dann verriet ihn Sancho Pansa; nach langer chilenischer Festungshaft wurde er trotz bzw. gerade wegen seiner flammenden
Verteidigungsreden für unzurechnungsfähig erklärt und von einem französischen Kriegsschiff 1863 repatriiert.

Zurück in Paris, tummelten sich in seiner dortigen »Legation« bald
Obskuranten, Defraudanten und Verschwörer; Antoine wurde ferner zeitweilig von der »bande du Chat Noir« um Rimbaud, Verlaine, Manet und
de Villard als Kuriosität adoptiert. Er aber blieb von seiner Legitimität
überzeugter denn je und wildentschlossen, wurde auf der zweiten Reise
aber zum Gefangenen seiner Indios; der dritter und letzter Anlauf endete
auf den Straßen von Buenos Aires, bewußtlos und halbverhungert, die
Taschen leer bis auf die wertlose letzte Münze mit dem eigenen Bildnis.
Ob seine schwergeprüfte Familie dem letzten Wunsch des Sterbenden entsprochen hat, an seinem Totenbett »Vive le Roi!« zu rufen, ist nicht über

liefert. Bei aller Tragikomik verlangt doch die Kühnheit seines Wurfs Respekt – und die Unerbittlichkeit gegen sich selbst, mit der Antoine jahrelang, meist in völliger Einsamkeit, mit beißendem Spott als einzigem Echo
seiner Mühen an seinem Traum festhielt.
Jean Raspail wird 1951 durch einen Hinweis des französischen Botschafters in Argentinien in den Bann dieser traurigen Majestät geschlagen, zu Beginn seiner ersten Laufbahn als Reiseschriftsteller. Mehrfacher
Bann, denn Ausgangspunkt einer Expedition nach Alaska ist damals Patagonien, dem er ebenso verfällt wie den letzten Alakalufs.
Deren erzwungene Wanderung hatte in Sibirien begonnen, immer
wieder aufgestöbert und vertrieben von stärkeren Völkern auf ihren Fersen, eine Flucht über Jahrtausende und von der Beringstraße bis zum südamerikanischen
fnis terrae. Und immer weiter südwärts, nunmehr Seenomaden, verlieren sie sich im Labyrinth des lebensfeindlichen Archipels bis
zum Hoorn, aber endlich! allein, denn wer hätte ihnen folgen wollen in
diese Einöde, von Gott verlassen, von allen guten Geistern ebenso, denn
jene drei entsetzlichen, die den Alakalufs waren, trachteten ihnen allesamt
bloß nach dem Leben, schon den Neugeborenen, deren tapfere Väter sich
die Nabelschnur um den Hals wanden, um die unauslöschliche Mordlust
Ayayemas auf sich umzulenken. Ihre menschlichen Verfolger aber verga-
ßen sie allmählich, nannten sich selbst Kaweskars, »die Menschen«, weil
sie sich allein auf der Welt wähnten, »außerstande sich vorzustellen, daß
jenseits der Morgensonne, auf der anderen Seite einer aufgewühlten flüssigen Wüste, nachts ein Fremder in seinem Turm wacht, der begriffen hat,
daß die Grenzen des Universums jenseits der Abendsonne liegen«. Mit
Magellan kam auch ihr augenblicklicher und endgültiger moralischer Zusammenbruch; der physische folgte, im Schraubstock der Weißen, zwischen ruchlosen chilenischen Robbenjägern von Norden und rüden Walfängern aus dem Süden.

Zum wehmütigen Chronisten verschwindender Kleinstvölker bestimmte Raspail die flüchtige Wahrnehmung eines Kanus der letzten nomadisierenden Alakalufs im Schneesturm der Magellanstraße.
Ebenfalls im Kanu hatte er kurz zuvor Nordamerika durchquert, die
vollends unüberwindlichen Flußabschnitte auf schmalen Trampelpfaden
umgangen, Boot auf dem Kopf, Ausrüstung auf dem Rücken, wie zuvor
französische Soldaten, Pelzjäger und Missionare – oder wie, so Raspail,
»die Prozession der immer tiefer in den Dschungel eindringenden Konquistadoren in Werner Herzogs
Aguirre«; wie Cavelier de la Salle, der zur
Beherrschung der Großen Seen die Einzelteile eines Kriegsschiffs über die
Niagarafälle schleppte, und an den wiederum Herzogs Fitzcarraldo gemahnt – sie alle »auf der Suche nach einem Königreich, das sie in Wahrheit in sich trugen«.
Nur die Seine trennt Raspails Pariser Wohnsitz von der Rive gauche, aber
Meere von ihren meist stromlinienförmigen
intellectuels – neben der Aufzählung seiner unprätentiösen Lektüren u.a. auch das schnaubende Bekenntnis, »kein Philosoph, Denker oder Experte« zu sein. Dafür, ohne es
auszusprechen: ein abenteuerliches Herz.
Mit seinen entsprechenden Schriften hat Raspail todgeweihte Völker
vor dem vollständigen Vergessen bewahrt – nicht aber vor ihrem lange zuvor besiegelten Untergang. Mit seinem
Heerlager als Menetekel verließ er
vor Jahrzehnten endgültig die unter akademischen Ethnologen so verbreitete Gattung des fernstenliebenden, aber heimatvergessenen Nekrologs.
Mit seinem Patagonismus konterkariert sie Jean Raspail: kein Abgesang
auf Untergegangene, sondern stolz-zärtlich-melancholisch-ironische Bewahrung eines niemals gewesenen Reichs.


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