Sezession
3. Mai 2018

Was für ein Hurensohn muß man eigentlich sein?

Johannes Poensgen

Nachts im Bus. Ich bin von Freunden auf dem Rückweg nach Hause, müde. Ein junger Mann sitzt mir schräg gegenüber.

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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Er starrt mich intensiv an. Mein erster Eindruck: Der sucht Streit. Blickduelle mit Fremden gehören zu den scheußlichsten Konfrontationen im öffentlichen Raum. Die Mitte zwischen Feigheit und Eskalation ist rasiermesserschmal.

Jetzt redet er mit seinem Begleiter. Den Fetzen des abgehakt geführten Gesprächs (wobei fast ausschließlich der junge Mann spricht, in kurzen, emotionsgeladenen Ausdrücken) entnehme ich, daß er mich erkannt hat.

Ich hab ihn ein paar mal im Semester gesehen und gedacht, denn kenn ich doch.

Ich mein der war da in der ersten Reihe. Man kann sich ja auch in die zweite oder dritte stellen. Wenn einer in der ersten ist, dann will der in der Öffentlichkeit stehen.“

Bei mir klickert es langsam. Der spricht von der Demo, letzten Sommer in Berlin. Keine Ahnung, wie er mich von dort her erkannt hat.In der ersten Reihe stand ich auch nur am Schluß, auf dem Rückweg zum Bahnhof. Da hatten die Polizisten aber gut hundert Meter zwischen uns und der Antifa geräumt. Entweder gehörte der Junge zu den Journalisten, oder zu den Krawallbrüdern, die am Bahnhof noch einmal (beschränkt erfolgreich) „Bullen zu klatschen“ versuchten.

Es gibt aber auch kaum Fotos, auf denen ich gut in der ersten Reihe zu sehen bin (hat meine Eitelkeit sehr verletzt!). Das wahrscheinlichste ist aber trotzdem, daß es tatsächlich (außer uns selbst) noch Leute gibt, die diese ganzen Presseaufnahmen Stück für Stück studieren. Womit verbringen eigentlich manche Leute ihre Zeit?

Doch zurück zu unserer Szene im Bus. Ich denke gerade darüber nach, ob und was ich ihm sagen soll. Welche Aussage, die man in zwei Sätze packen kann, würde er überhaupt verstehen? Der junge Mann steigert sich weiter in seine Erregung:

Die Identitären haben da fünfzigtausend gesammelt.

Um Flüchtlinge zurückzuschicken!

Ich kann das nicht verstehen!

Was für ein Hurensohn muß man eigentlich sein?

Das Auswärtige Amt sagt, in Libyen herrschen KZ-ähnliche Zustände.

Und die wollen die zurückschicken.

Was für ein Hurensohn muß man eigentlich sein?

Ich versteh das nicht.

Immer wenn ich daran denke wird mir so arrgh!"

Das ist der Punkt, an dem mir nichts mehr einfällt. Jedenfalls nichts, was den Gegenüber noch in irgendeiner Weise als Gesprächspartner respektieren würde. Mir wird schlagartig klar, daß diesem Kerl alles, was ich in Jahren gelernt habe, unter Zuhilfenahme eines – wie ich mir gern einbilde – nicht ganz unerheblichen Talentes zum Verständnis politischer Zusammenhänge, schlicht und ergreifend am Arsch vorbei geht.

Das ist etwas anderes als die gutmütige Ignoranz, die wir alle schließlich dort an den Tag legen, wo wir keine Ahnung haben (und das ist doch fast alles). Ich traf einmal einen Friseur, der mich nach meinem Studienfach fragte. Auf die Antwort „Politikwissenschaft“, entgegnete er mir, davon verstünde er nichts und er fände es sowieso besser, wenn jeder so in seiner „Kaste“ bleibe. In seiner Stimme war weder Selbstdemütigung, noch Verachtung gegenüber dem vor ihm stehenden Geschwätzwissenschaftler. Er stellte kaum mehr als eine Tatsache fest.

Konnte ich also antworten? Etwa:

Spiel dich nicht so auf Milchbubi.Glaubst du ernsthaft, niemand von uns würde über solche Probleme nachdenken?
Also halt das Maul über Dinge, von denen du nichts verstehst.Und nebenbei, es waren fast zweihunderttausend Dollar.

Bevor ich mich zu einer Abfuhr durchgerungen habe, hält der Bus. Der junge Mann und sein Begleiter steigen aus.

Ich bleibe, einigermaßen erschüttert, zurück. Es wird viel davon gesprochen, daß wir alle mitnehmen, das deutsche Volk von seiner ethnomasochistischen Sehnsucht nach dem Selbstmord heilen sollen. Was diesen Kerl und wohl Millionen andere anbelangt, ist das schon zu hoch gegriffen, zu viel interpretiert. In Libyen herrschen KZ-ähnliche Zustände, sagt das Auswärtige Amt. Was für ein Hurensohn muß man also eigentlich sein?

Wahrscheinlich ist dieser Junge weder dumm, noch ein schlechter Mensch, eher das Gegenteil. Seine politischen Ansichten beruhen auf gefährlichem Halbwissen, aber das ist bei uns allen, lediglich in unterschiedlichem Ausmaß, der Fall. Was ihm fehlt, ist die automatische Bevorzugung der eigenen Seite, des eigenen Volkes. Dazu hat man ihn vermutlich einfach nicht erzogen. Diese Lücke füllt er mit dem Versuch gerecht zu sein.

Was kann es aber bedeuten, ihn und Millionen seiner Sorte mitzunehmen? Doch nur ihre Empörung, ihre selbstgerechte Ignoranz in eine andere Richtung zu lenken. Die Götter allein wissen, was sie dann zertrampeln. Nun denn, was bleibt uns übrig?


Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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