Mit Rechten reden? – Annäherung an den Scheinriesen

Herr Tur Tur ist eine Figur aus Michael Endes Büchern um Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer. Herr Tur Tur lebt einsam in einer Wüste.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Er hat sich dort­hin zurück­ge­zo­gen, denn die Men­schen erschre­cken, wenn sie ihn sehen.
Das hat nichts mit sei­nem Cha­rak­ter zu tun: Herr Tur Tur ist ein fried­li­cher, empa­thi­scher, ein­fühl­sa­mer Mann, wenn man ihn ken­nen­lernt. Nie­mals wür­de er einem Geschöpf etwas zulei­de tun.

Aber er ist ein Schein­rie­se, und das bedeu­tet: Aus der Fer­ne wirkt er wie ein Rie­se, und nur sehr sel­ten über­win­det jemand sei­ne Angst, nähert sich ihm – und stellt fest, daß die­ser Schein­rie­se ein ganz nor­ma­ler Mensch ist, wenn man neben ihm steht und mit ihm spricht.

Über sei­ne Ein­sam­keit ist Herr Tur Tur recht trau­rig, denn eigent­lich ist er ein gesel­li­ger Kerl, einer, der nütz­lich sein möch­te für die Gesell­schaft. Viel­leicht (mag sich Micha­el Ende gedacht haben) wür­de alles anders, wenn ein­mal jemand die Geschich­te Tur Turs auf­schrie­be und sie denen zu lesen gäbe, die sich vom Schein trü­gen (und das heißt: abschre­cken) lassen.

– – –

Es gibt min­des­tens ein Dut­zend Bücher, die sich mit uns und unse­rem Milieu beschäf­ti­gen – man­che Autoren nähern sich nur schrift­lich an, man­che mit vor­ge­faß­ter Mei­nung, ande­re suchen uns tat­säch­lich auf, suchen das Gespräch, um viel­leicht etwas von jenen Theo­rien und den vie­len Begriffs­set­zun­gen und Bil­dern zu fin­den, mit denen aus­ge­rüs­tet nun auch im Bun­des­tag »Poli­tik für das Volk« gemacht wer­den soll.

Ellen Kositza hat die­se Lite­ra­tur und ihre Autoren in einem Text ein­mal grob unterteilt:

  • Es gibt die, die nichts wis­sen, nichts gele­sen haben und den­noch laut plär­ren; Hei­ko Maas (Auf­ste­hen statt weg­du­cken. Eine Stra­te­gie gegen Rechts, 2017), Ralf Steg­ner (mit einem Auf­satz im Sam­mel­band AfD – bekämp­fen oder igno­rie­ren ver­tre­ten, 2016) und Kon­sor­ten. Der­glei­chen ist nicht der Rede wert.
  • Dann haben wir die, die sehr wenig lesen, Fund­stü­cke aus dem Inter­net zusam­men­sam­meln und dar­aus ein Alarm­tüt­chen bas­teln, das vor allem auf den Autor selbst auf­merk­sam machen soll. Lia­ne Bed­narz wäre so ein Fall (Gefähr­li­che Bür­ger, 2015). Sie exis­tiert als Publi­zis­tin vor allem, weil es Leu­te wie uns gibt.
  • Es gibt des wei­te­ren sol­che, die in einen Aus­tausch tre­ten und auf­merk­sam zuhö­ren. Sie tun dies, um dar­aus eine Agen­da zu stri­cken, die in einem ein­zi­gen Satz sich bün­delt und dann als Essenz auf allen Kanä­len, vor allem denen der Öffent­lich-Recht­li­chen, vor­ge­tra­gen wird: »Die­se Rech­ten haben ein­fa­che Ant­wor­ten auf kom­ple­xe Fra­gen.« Pro­mi­nen­ter Ver­tre­ter: der Sozio­lo­ge Armin Nas­sehi (Die letz­te Stun­de der Wahr­heit. War­um rechts und links kei­ne Alter­na­ti­ven mehr sind, 2015).
  • Es fol­gen die­je­ni­gen, die viel lesen, wenig fra­gen, ihr Welt­bild­chen schon fer­tig zusam­men­ge­zim­mert haben und sich schrei­bend nur noch um ein paar furcht­erre­gen­de Adjek­ti­ve bemü­hen müs­sen: Andre­as Speits Bür­ger­li­che Scharf­ma­cher (2016) ist nach­weis­lich ein Ver­kaufs­flop. Indes: Vor allem dem Scharf­ma­cher Speit, das sei erin­nert, haben wir den Best­sel­ler­sta­tus von Rolf Peter Sie­fer­les Finis Ger­ma­nia zu ver­dan­ken. Leu­te wie er tre­ten zuver­läs­sig auf jede Mine, die man auslegt.
  • Kom­men wir zu denen, die nichts fra­gen und kei­nen Kon­takt suchen (also auch nicht zuhö­ren möch­ten), aber dies und das lesen, viel­leicht sogar viel lesen, aber eben mit der Kan­ten­sche­re in der Hand: Es domi­niert die denun­zia­to­ri­sche Absicht, weil man die »Gefahr« der Aus­ein­an­der­set­zung wit­tert. Der stramm lin­ke Publi­zist Vol­ker Weiß (Die auto­ri­tä­re Revol­te, 2017) ging auf die­se Wei­se vor. Er wird von die­sem Buch noch lan­ge zeh­ren müs­sen, er ist sich selbst in die Fal­le gegangen.

All das sind kei­ne »Annä­he­rungs­bü­cher« (wie wir die inter­es­san­te­ren Ver­su­che bezeich­nen), son­dern Distanz­be­schrei­bun­gen, die das Schein­ba­re ent­we­der bereits zu ken­nen glau­ben und ihren Glau­ben wort­reich unter­füt­tern wol­len – oder aber um den Schein wis­sen und ihn sehr bewußt als das Wirk­li­che ver­kau­fen und noch auf­bau­schen, weil nur ein sol­cher Popanz Inter­es­sier­te davon abhal­ten könn­te, sel­ber ein­mal nachzuschauen.

Lia­ne Bed­narz wäre dem­nach der zwang­haf­te, Speit der unge­schick­te, Weiß der wis­sen­schaft­lich ange­hauch­te und Maas der abge­ho­be­ne Ver­such, mit Fern­waf­fen das Ziel, uns, zu tref­fen. Weit gefehlt!

Zu den Annä­he­rungs­bü­chern also, aber vor­ab noch eine Bemerkung:

Die Leser sind wei­ter als die Publi­zis­ten. Sie sind ent­de­ckungs­freu­dig, wohl auch geis­tig unter­ernährt, denn der Main­stream hat sei­ne Lie­fe­run­gen ratio­niert und ver­kauft abge­nag­te Knochen.

Der Sie­fer­le-Skan­dal (des­sen Aus­maß im Son­der­heft »Sie­fer­le lesen« unse­rer Zeit­schrift doku­men­tiert ist) hat unse­rem Ver­lag Zehn­tau­sen­de neu­er Leser beschert, kei­ne Sen­sa­ti­ons­le­ser, son­dern sol­che, die bedäch­ti­ger sind und gründ­li­cher dar­über nach­den­ken, war­um sie an Man­gel­er­schei­nun­gen lei­den, wenn sie die FAZ, den Spie­gel, ein Buch von Caro­lin Emcke oder von Navid Ker­ma­ni verdauen.

Wir ler­nen Leser ken­nen, die ein­mal kom­plett die Spei­se­kar­te hoch und wie­der run­ter bestel­len, die Emp­feh­lun­gen erwar­ten und sich nach zwei Wochen mit prä­zi­sen Fra­gen zu einer erwei­tern­den Lek­tü­re auf die­sem oder jenem Feld zurückmelden.

Das dür­fen, müs­sen dicke Bücher sein, har­te Bret­ter, nicht das schma­le Ver­nut­zungs­wis­sen oder die Art Bestä­ti­gungs­li­te­ra­tur, deren Quint­essenz auf ein Flug­blatt paßt. Wir ver­mu­ten hal­be Heer­scha­ren von Lesern, die einen ande­ren (unse­ren!) geis­ti­gen Kon­ti­nent erkun­den wür­den, wüß­ten sie denn, daß es ihn gibt.

Und in jeder Ober­stu­fen­klas­se, in jedem Ger­ma­nis­tik­se­mi­nar und in jeder Kom­pa­nie wären min­des­tens fünf jun­ge Leu­te auf­zu­fin­den, die sofort begrif­fen, wonach sie such­ten, gin­gen sie einen Schritt wei­ter, bloß einen Schritt.

Der Zugang ist immer noch recht geschickt ver­stellt. Der Schein­rie­se, der Schein­rie­se, und das ist das Beklem­men­de: Die Leser sind wei­ter als die Publi­zis­ten, aber lei­der auch abhän­gig von ihnen, weil immer noch als Instanz gilt, wer den Zugang zu den Sen­de­zei­ten und Feuil­le­ton­spal­ten hat.

– – –

Annä­he­rungs­buch I:

»Mein Kon­ser­va­tis­mus behaup­tet, dass es nicht nur sinn­voll, son­dern auch not­wen­dig ist, zwi­schen dem Eige­nen und dem Frem­den zu unter­schei­den«, schreibt da einer, und: »Ich bin ent­schie­den gegen­warts­kri­tisch, in vie­ler Hin­sicht moder­ni­sie­rungs­kri­tisch, und ich bin davon über­zeugt, dass sich das jeweils Neue gegen das Erprob­te zu recht­fer­ti­gen hat, und nicht, wie es der­zeit der Fall ist, umgekehrt.«

Es ist der ehe­ma­li­ge Feuil­le­ton­chef der ZEIT, Ulrich Grei­ner, Jahr­gang 1945, der das schreibt. Hei­mat­los. Bekennt­nis­se eines Kon­ser­va­ti­ven heißt sein Buch, und wäre es nicht vor ein paar Mona­ten, son­dern vor zehn Jah­ren erschie­nen (als Grei­ner noch nicht in Ren­te war, son­dern im Herz­blatt der links­li­be­ra­len BRD Ver­ant­wor­tung trug), wür­den wir ihn begrü­ßen und für sei­ne spä­te, aber wert­vol­le Ein­sicht loben.

Aber zwei Aspek­te hin­dern uns dar­an. Zum einen eben die­ses viel zu Spä­te, das so sehr nach einem Rie­cher für eine nahe Ten­denz­wen­de gen rechts riecht. Was vor zehn Jah­ren noch ein kras­ser Schritt war (sei­nen Kol­le­gen öffent­lich zu zei­gen, daß man ab sofort gegen die Strö­mung zu schwim­men geden­ke), ist heu­te noch nicht ganz, aber bei­na­he schon avant­gar­dis­tisch, min­des­tens aber schon inter­es­san­ter als die hilf­lo­se Ver­wen­dung des Gesin­nungs­be­stecks von gestern.

Zum andern: »Der Kon­ser­va­tis­mus, der mir vor­schwebt, ist kein poli­ti­sches Pro­gramm, und schon gar nicht folgt er Armin Moh­lers ›kon­ser­va­ti­ver Revo­lu­ti­on‹.« Und wei­ter, über PEGIDA: »Die Medi­en haben die teil­wei­se bösen Exzes­se, die dort sicht- und hör­bar wur­den, in den Vor­der­grund gestellt, ohne gebüh­rend dar­auf auf­merk­sam zu machen, dass kei­nes­wegs alle, die sich vor­nehm­lich in Dres­den ver­sam­mel­ten, rechts­ra­di­kal waren.«

Es ist die­ser sor­tie­ren­de, abtren­nen­de, über­blick­an­ma­ßen­de Ton eines Dazu­sto­ßen­den, der uns nicht gefal­len kann, und mehr: der die bis zum Erbre­chen mit Vor­schuß­ver­nunft aus­ge­stat­te­ten »Gemä­ßig­ten« ver­stärkt, die Wohl­fühl- und Wohl­stands­kon­ser­va­ti­ven über 60, die Fein- und Wein­schme­cker, deren Agen­da erfüllt ist, wo man sie in ihrer kon­ser­va­ti­ven Home­zo­ne in Frie­den läßt. Die Annä­he­rung der abge­si­cher­ten Besitz­stands­wah­rer: ein neu­es Genre.

Annä­he­rungs­buch II: Der Grün­de, sich uns anzu­nä­hern, gibt es vie­le, und signi­fi­kant für die­se frü­he Pha­se der Kon­takt­auf­nah­me ist das Bemü­hen der Besu­cher, den Ein­druck ent­lang der eige­nen Kate­go­rien zu verarbeiten.

Grei­ner stieß mit sei­ner Expe­di­ti­on nicht beson­ders weit vor, und er berich­tet nun, daß es sich auch gar nicht loh­ne, mehr als beschwich­ti­gungs­kon­ser­va­ti­ves Neu­land zu betre­ten. Sein Buch ist also zugleich ein Annäh­rungs­buch und eine Grenz­zie­hung. Mit uns reden will er nicht.

– – –

Annä­he­rungs­buch II:

Mit Rech­ten reden. Ein Leit­fa­den lau­tet hin­ge­gen der Titel eines Buches, das gera­de bei Klett-Cot­ta erschie­nen ist (neben den Büchern Ernst Jün­gers also). Die Autoren Per Leo, Maxi­mi­li­an Stein­beis und Dani­el-Pas­cal Zorn haben sich da etwas Selt­sa­mes vorgenommen.

Sie reden nicht mit uns, son­dern mit unse­ren Büchern, vor allem mit unse­rem Gesprächs­band Tris­tesse Droi­te, der in zwei Auf­la­gen erschien und Kult­sta­tus errang. Man kann also nicht recht behaup­ten, daß in die­sem neu­es­ten unter den Annäh­rungs­bü­chern bloß über uns gere­det wür­de – es ist eher ein Zu-uns-Spre­chen, eine Art Mono­log von drei­en, die auf ihrem Vor­stoß ins Herz der Fins­ter­nis Din­ge erlebt und Erfah­run­gen gemacht haben, mit denen sie nun fer­tig­wer­den müssen.

Daß Mit Rech­ten reden an uns gerich­tet ist, bele­gen nicht nur die Häu­fig­keit unse­rer Namens­nen­nun­gen und die wech­seln­den Anre­den, unter denen »ver­ehr­te Fein­de« eines gewis­sen Spa­gat­char­mes nicht ent­behrt: Das Buch ist der­art voll­ge­stopft mit Anspie­lun­gen selbst auf ent­le­ge­ne Tex­te und atmo­sphä­ri­sche Schnip­sel aus unse­rem Kos­mos, daß wohl nur wir selbst in der Lage sind, das alles zu entschlüsseln.

Mit Rech­ten reden ist kei­ne wis­sen­schaft­li­che Arbeit, son­dern Lite­ra­tur. Es gibt da einen »rech­ten Infor­man­ten«, der im Kon­go war und am 30. Juni 2017 an Mala­ria verstirbt.

Die Gesprä­che am Ster­be­bett sind eine Art poli­ti­scher Beich­te, Erzäh­lun­gen sur­rea­ler Träu­me, in denen wir (»Nur die Rech­ten müs­sen die Här­te des Geset­zes fürch­ten«) kari­kiert auf­tre­ten und in aller Unschär­fe und Absur­di­tät den­noch auf eine Art »getrof­fen« wer­den, wie das nur lite­ra­ri­sches Schrei­ben vermag.

Daß zumal Per Leo ein guter Sti­list sei, hat Ellen Kositza in der Bespre­chung sei­nes Romans Flut und Boden bereits ver­merkt und ihn dar­über hin­aus für die Viel­schich­tig­keit und Ehr­lich­keit sei­ner his­to­ri­schen Iden­ti­täts­fin­dung gelobt. Etwas von bei­dem ist auch in Mit Rech­ten reden vor­han­den, es mag an Leos Anteil liegen.

Die­ses Buch gibt uns eini­ges zum Grü­beln auf, denn es stellt die Fra­ge, wohin wir mit unse­rer gro­ßen Erzäh­lung, unse­rem Habi­tus, unse­rem Ansatz wol­len. Leo und sei­ne Mit­au­toren mei­nen, unse­re Ant­wort auf unse­re Fra­ge gefun­den zu haben, und das meint: auf eine Fra­ge, die nur wir uns so stellen.

Sie lau­tet, war­um das, was wir erkannt zu haben glau­ben und zu unse­rer Lebens­auf­ga­be mach­ten, von so weni­gen geteilt wür­de: »Die Rech­ten sind die Min­der­heit, die sich selbst Deutsch­land nennt. Und dar­an wol­len sie um jeden Preis leiden.«

Unser Mythos sei der vom »ewi­gen, uner­lös­ten Opfer«, und dar­um kön­ne, »wer nicht mit ihnen lei­det, nur gegen sie sein. Aggres­si­ve Jam­mer­lap­pen sind sie. Weh­lei­di­ge Arsch­lö­cher. Uner­lös­te, tat­be­rei­te Opfer.«

Das ist star­ker Tobak, das ist ein Fron­tal­an­griff, und zwar ein sau­ber aus­ge­ar­bei­te­ter (was an den paar Zitatschnip­seln von eben nicht deut­lich wird, aber wäh­rend der Lek­tü­re des voll­stän­di­gen ent­schei­den­den Kapi­tels schon). Wir mei­nen aber, daß die­ser Angriff ins Lee­re stößt.

Wir sind schon wei­ter, waren viel­leicht mal dort, wo die Leo-Stein­beis-Zorn-Gra­na­ten nun ein­schla­gen, aber nur, weil die Opfer­rol­le eine mög­li­che Ver­hal­tens­leh­re war (und tat­säch­lich sind ein paar von uns in die­ser Rol­le auf­ge­gan­gen). Nein, wir sind längst weiter.

Wor­an man das sieht? Auf der Buch­mes­se zum Bei­spiel betrie­ben wir einen schö­nen Stand in die­sem Jahr, und weil das nicht unkom­men­tiert blei­ben konn­te, hat­te die Buch­mes­sen­lei­tung einen Aus­stel­ler schräg gegen­über davon über­zeugt, sei­nen Stand an die Ama­deu Anto­nio Stif­tung abzu­tre­ten, um uns zu »kon­fron­tie­ren«.

Die­se Stif­tung, die noch nicht ein­mal ein Ver­lag ist (geschwei­ge denn, daß sie ver­le­ge­ri­schen Kal­ku­la­tio­nen fol­gen müß­te), hat den Stand geschenkt bekom­men. Außer­dem wur­de unser Stand zwei mal nachts beschä­digt, und unse­re Lesun­gen am Buch­mes­sen-Sams­tag wur­den so mas­siv gestört, daß es zu Tumul­ten kam.

Es war also genü­gend Mate­ri­al bei­sam­men für eine szenein­ter­ne Opfer- und Trä­nen­drü­sen-Kam­pa­gne, aber so sind wir eben nicht. Statt­des­sen kam es wie vor­her­ge­sagt: Es gab in Hal­le 3.1, Gang G, einen ziem­lich pein­li­chen Stand, an dem fünf lan­ge Mes­se­ta­ge lang kei­ne rech­te Freu­de auf­kam. Unser Stand war das nicht.

Wir wis­sen, daß mit die­sen Anmer­kun­gen das bis­her lite­ra­rischs­te Annäh­rungs­buch nicht aus­rei­chend gewür­digt ist. Vor allem über Rudolf Bor­chardts Fra­ge nach »dem Deut­schen« wäre zu spre­chen, aber nicht jetzt und hier. Des­we­gen: Wer uns so intim zu ken­nen meint, mag sich jenen Wap­pen­spruch zu eigen machen, der von den Pur­pur­rei­tern auf uns kam und des­sen Ver­wen­dung unser Pri­vi­leg nicht ist: meyn geduld hat ursach!

– – –

Annä­he­rungs­buch III:

Kom­men wir zu Tho­mas Wag­ner, die­sem Publi­zis­ten aus dem Umfeld der jun­gen Welt, der sich selbst als links ver­steht, unglaub­lich viel gele­sen und für sein Buch Die Angst­ma­cher. 1968 und die Neu­en Rech­ten mit sehr vie­len Leu­ten gespro­chen hat. Mar­tin Sell­ner, Frank Böckel­mann, Bene­dikt Kai­ser, Alain de Benoist, Hen­ning Eich­berg und uns.

Alle hat er auf­ge­sucht, gut vor­be­rei­tet und mit Fra­gen ent­lang einer Sor­ge, die ihn umtreibt und die er sich auch mit sei­nem Buch nicht neh­men konn­te: Ver­liert die Lin­ke nicht nur Ter­rain, son­dern gleich gan­ze The­men­fel­der an eine Neue Rech­te, die mit den Metho­den der 68er tief ins Fleisch jener neo­li­be­ra­len Beu­te ein­schnei­det, die man Dis­kur­s­ho­heit nennt?

Wag­ners Buch ist das bis­her lehr­reichs­te, auch für uns. Wir sau­gen Nek­tar dar­aus, unser Biblio­theks­ex­em­plar ist vol­ler Anstrei­chun­gen, und bis in kon­zep­tio­nel­le Gesprä­che hin­ein ver­wen­den wir es als Steinbruch.

Viel­leicht muß immer einer von außen kom­men und das ihm Frem­de ord­nen, damit man selbst das längst Selbst­ver­ständ­li­che in ande­rer Struk­tur noch ein­mal neu ken­nen­lernt – und dar­über begreift, wo man nicht wei­ter­bau­te, obwohl es sich gera­de dort loh­nen könnte.

Wag­ner hat begrif­fen, daß wir der­zeit jede Schlacht gewin­nen, und daß ein hilf­lo­ses Estab­lish­ment ver­sucht, die Aus­ein­an­der­set­zun­gen von heu­te mit den Keu­len von ges­tern zu ent­schei­den: mit Unter­stel­lun­gen, Ver­leum­dun­gen, Dif­fa­mie­run­gen, mit Dis­kurs­ver­wei­ge­rung oder eben damit, daß ein kraft­strot­zen­der Ver­lag auf der Buch­mes­se mit einer Denun­zia­ti­ons- und Selbst­be­die­nungs­stif­tung kon­fron­tiert wird.

Der Begriff der »offe­nen Gesell­schaft« ist dadurch zu einem Syn­onym für »Abschlie­ßung« gewor­den – und, möch­te man ergän­zen, zu einem für »irrele­van­te Pro­jek­te«. Die Neue Rech­te und ihr poli­ti­scher Arm hin­ge­gen ken­nen die gefähr­li­che Satt­heit nahe der Irrele­vanz noch längst nicht. Sie sind eine intel­li­gen­te Her­aus­for­de­rung, und sie haben begon­nen, im lin­ken Revier zu wildern.

– – –

»Was nun?« möch­te man in die Annä­he­rungs­grä­ben rufen. Skyl­la oder Cha­ryb­dis? Den Schein­rie­sen her­aus­stel­len, weil man nicht möch­te, daß die Angst vor ihm schwindet?

Oder ihm nahe kom­men, zu nahe tre­ten, ihn ent­zau­bern dadurch, zu dem Preis, daß noch viel mehr Leser, Leu­te, Wäh­ler bemer­ken, was für ein net­ter Kerl in die­sem Neu­land wohnt? Die­ser Weg – wird kein leich­ter sein.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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Kommentare (19)

deutscheridentitärer

16. Oktober 2017 17:41

Ich sehe die Rechte durchaus als Opfer und das nicht weil wir es uns in einer "Opferrolle" einrichten würden, sondern weil es sich nun einmal objektiv so verhält. Außerdem finde ich den Vorwurf "sich zum Opfer zu stilisieren" absurd von Leuten, die sich tatsächlich ohne Grundlage zum Opfer stilisieren, und zwar permanent und als Hauptmittel zum Vorantreiben ihrer pol. Agenda (womit jetzt nicht die im Artikel genannten Autoren, sondern allgemein die Linke gemeint ist).

Nicht überzeugend finde ich es, wenn Zorn meint, die Versuche der Antifa und Co. rechte Redefreiheit zu unterdrücken wären falsch, weil sie unsere behauptete Opferrolle zu einer tatsächlichen machen würden. Denn die Versuche der Antifa finden ja nachweislich seit langem und in großer Zahl statt, mal mehr mal weniger erfolgreich. Also wieso sollte unsere Opferrolle eine stilisierte sein, wenn besagte Angriffe ihr zeitlich und ursächlich vorausgehen?

PS.: Nichtsdestotrotz ist die Opferrolle natürlich etwas, das man nicht annehmen sollte, und ich sehe es ähnlich wie Kubitschek, dass sich hierbei etwas tut in unserem Lager. Völlig unverständlich bleibt mir auch die Häme, mit der Leuten wie Kubitschek oder Sellner von Links begegnet wird - da haben Sie endlich mal friedliche, gebildete, zum Diskurs bereite Rechte und dann ziehen die mehr Feuer auf sich als der stumpfeste Glatzennazi.

Coriolan

16. Oktober 2017 17:45

An der Stelle wäre es vielleicht nicht verkehrt, sich noch einmal das Wahlergebnis in Erinnerung zu rufen. Nach  der Bundestagswahl sind die fast 25% Nichtwähler die zweitstärkste Fraktion im Land. Grob geschätzt sprechen wir hier über zehn Millionen Wahlberechtigte, die trotz "Schicksalswahl" und "Kampf gegen Rechts" kein Interesse daran hatten, ihre Stimme abzugeben.

Weiterhin ist zu berücksichtigen, daß sehr viele junge Deutsche charakterlich total verdorben sind. Ist leider so, und man bemerkt es überall wo man nur hinschaut. Bei Twitter gibt es junge Deutsche, die nur darauf aus sind, andere Menschen zu verletzen und ihnen massiv zu schaden. Scheint für manche eine Trendsportart zu sein. Jan Böhmermann ist da noch harmlos. Man hat nicht einmal den Anspruch, einen Disput und einen Meinungsaustausch sauber zu führen. Damit weisen solche halbstarken Internet-Großmäuler andererseits zu den Herren Maas und Stegner eine verblüffende Ähnlichkeit auf. Woher das wohl kommt?

Ich bin ungern die Spaßbremse, aber ich vermute in meinem Arbeitsumfeld einen sehr guten Querschnitt durch die Bevölkerung. Meine Befürchtung ist, daß die Leser, die man bisher dazu gewonnen hat, noch längst nicht für die geistige Wende, die so dringend benötigt wird, reichen.

Die kulturelle Hegemonie der "Linken" wird man nur aufbrechen können, wenn man den Hebel bei den Leitmedien ansetzt. ( Und dann hat man die Misere noch längst nicht beendet ) Das heißt, man muß sie entweder schadlos machen, in dem man sie eines besseren belehrt. Oder aber man muß noch größer werden, was ja nicht nur für Antaios gilt. 

Den bisherigen Erfolg des Verlages halte ich auf jeden Fall ehrlich für verdient.  

Maiordomus

16. Oktober 2017 21:48

@Coriolan. Die relativen Erfolge von Antaios usw. stehen in keinem Verhältnis zu dem, was um 1968 allein nur schon Suhrkamp für die damalige Zeitgeistwende  zu unseren Ungunsten hinmanipulierte, wiewohl es dort gar nicht wenige nur getarnte Linke gab und sonstige Unterwanderer. Schliesslich hat bekanntlich auch Sieferle sein Hauptwerk, wiewohl lange nach 1968, bei Suhrkamp publiziert. Und so wie es heute ist, kann man auch mit dem Aufkaufen von Medien nur wenig verändern, vgl. Blocher in der Schweiz, kurzfristig bringt es der Rechten z.B. in Basel nicht nur kaum Stimmen, schadet eher. Wenn ein rechter Milliardär den Spiegel und die ZEIT kaufen würde, brächte es bei weitem nicht das, was man sich vielleicht erhoffen könnte. Selbst nicht einmal die Privatisierung des Fernsehens, obwohl es besser als nichts wäre und das Zwangsabonnement für Dissidenten schlimmer ist als jede Kirchensteuer.

Jette

16. Oktober 2017 22:02

Sehr geehrter deutscheridentitärer,

"...- da haben Sie endlich mal friedliche, gebildete, zum Diskurs bereite Rechte..."

Ich glaube, daß gerade da der sprichwörtliche Hase im Pfeffer liegt.

Nichts fürchtet so mancher aus der linken Zunft stammende Zeitgenosse mehr als gebildete und diskussionswillige Rechte. Und dann auch noch friedlich! Diese "Linken" wissen genau, daß sie im ernsthaften Diskurs völlig unterlegen wären.  Ihre "Argumente" würden kläglich versagen. Unter der Häme von Links versteckt sich m.E. oft nur eine gewisse Selbsterkenntnis dieser Dinge, auch wenn es denjenigen vielleicht  einmal nicht richtig bewußt ist.

Hartwig aus LG8

16. Oktober 2017 22:08

Bei aller Dämonisierung durch den politischen Feind - ganz so harmlos wie der freundliche und gesellige Scheinriese sollte sich die Rechte nicht machen. Die Angst der vielen Nutznießer linker Politik vor der Rechten halte ich durchaus für berechtigt und nachvollziehbar; und das ist gut so.

Überbordende Staatsverschuldung sollte es mit Rechten nicht geben. Und das (dann noch knappere) Geld sollte in Strömen in die Fundamente und Überlebensbasis unseres Volkes fließen. Da, wo Kinder geboren und erzogen werden. Da, wo Soldaten das Waffenhandwerk lernen. Da, wo geforscht und entwickelt wird. Da, wo Tradition und Deutschtum gepflegt wird. Es wird kein Heller übrig sein für Genderlehrstühle, zigtausendfach bestellte Jobs für Soziologen und Politikwissenschaftler, öffentliche Alimentierung  sogenannter Subkulturszenen u.s.w., von der Migranten-Bemutterungsindustrie mal ganz abgesehen. Wenn sich die Rechte ernst nimmt, so sind die Verlustängste  bestimmter Milieus vor ihr vollauf begründet.

Starhemberg

16. Oktober 2017 23:12

Danke, Hartwig aus LGB, für Ihren so treffenden Kommentar. Volle Zustimmung! Die sollen sich ruhig ein bisserl fürchten vor uns, denn das dringend notwendige Aufräumen könnte für die Heerscharen staatsalimentierter Geschwätzologen und -Innen etwas ungemütlich werden...

S. J.

16. Oktober 2017 23:47

Die Beschäftigung mit der Rechten erschöpft sich in der Regel schnell mit der vagen Andeutung von „gefährlichen Entwicklungen, die zu denken geben.“ Blass-verunsichernde Formulierungen dieser Art gelten immer noch als Expertise und entlasten von anspruchsvollen Erklärungen. Ermunternd ist allerdings, wie die Zahl derer langsam wächst, die sich von diesem Spiel gelangweilt abwenden und auch feststellen, dass die Linken sich intellektuell seit einiger Zeit keine Mühe mehr geben. Zudem bemerken sie in den Kreisen der Rechten standhafte, argumentativ gut aufgestellte Köpfe. Das Wahlergebnis in Österreich könnte diesen Prozess beschleunigen. In Deutschland haben die Menschen vergleichsweise eine größere Scheu, sich zu einer Partei wie der AfD offen zu bekennen. Das liegt auch an der eingangs erwähnten Formulierung, die in der Öffentlichkeit von allen Seiten sozusagen endlos mit Konservierungsmitteln vollgestopft wird. Es ist übrigens eine Überlegung wert, das Wort „rechts“ im Alltag möglichst oft zu verwenden, statt sich schamhaft hinter der komfortableren (Selbst-) Beschreibung zu verstecken, etwas oder jemand sei „konservativ“.  

Kohlhaas

16. Oktober 2017 23:49

Dieses Resümee nach den Frankfurter Erbärmlichkeiten des Establishments bzw. diese Analyse der Schreibenden Gegner als erster Artikel nach Ihrer Heimkehr von der Messe ist für mich eine Ermutigung ,Herr Kubitschek. Ja, die Waffen des Establishments stumpfen ab und nichts liegt uns jetzt ferner als Larmoyanz angesichts der immer gleichen und vorhersagbaren Gemeinheiten dieser feigen autodestruktiven Zeitgenossen . Ob Herr Tur Tur un- bedingt zum Gleichnis taugt, was das Zugehen auf dialogbereite Rechte angeht, weiss ich allerdings nicht : wie schon hier richtig angemerkt, fürchtet der - hm- Gegner ( jenseits der Gesprächs- bereitschaft : Feind ) unser Erstarken - und nichts geringeres wäre der Beginn von Kommunikation "auf Augenhöhe" - durchaus zu Recht, gerade auch aus pecuniären Erwägungen .

Selbstdenker

17. Oktober 2017 01:26

ich glaube das es für diese linken Diskurswächter das schlimmste ist, dass es sich bei den neuen Rechten um gebildete Leute handelt. Das ärgert sie am meisten. Sie warten nur auf Bilder, wo man prügelnde Horden sehen kann um sie dann vorzuführen. Daraus wird aber nichts. Diese Linken fauchen und kratzen und entlarven sich doch selber. Auf Dauer halten sie das auch nicht durch, und jeder kann auf Youtube sehen, was wirklich passiert ist. Diese Kanäle müssen mehr und mehr ausgebaut werden, solange bis es der letzte begreift.

Der Antaiso Verlag kann wirklich stolz sein, solche Mitstreiter zu haben.

Theophrastus Bombastus

17. Oktober 2017 03:02

Telepolis führt am 18. einen Salon mit dem Thema: "Rechts um!" durch. Denen geht der Allerwerteste auf Grundeis.

https://www.heise.de/tp/features/Telepolis-Salon-Rechts-um-3862191.html

Und der Rötzer fragt sich allen Ernstes noch, woran das alles liegt. Wer lesen und denken kann, ist klar im Vorteil. Aber vehemente Realitätsverweigerer werden nun mal nicht auf den Trichter kommen ...

"Telepolis versucht am Mittwoch, den 18. Oktober, im zweiten Telepolis-Salon im Lovelace um 20:30 unter dem Titel "Rechts um" in ein Gespräch einzutreten, um die Hintergründe zu verstehen, die den Rechtsruck bewirkt haben. Dabei soll es nicht um die viel beschworenen Sorgen und Ängste des kleinen Mannes gehen - wo bleiben die kleinen Frauen? - , die ständig von den etablierten Parteien beschworen werden, sondern um die Anziehungskräfte, um die Hintergründe der Wut auf das System und um das Verlangen nach Revolte in der konservativ-subversiven Aktion zu verstehen, die mehr und mehr auch Alt-Linke anzieht."

Uuhh! Die Alt-Linken laufen über! Ein paar von denen können halt noch denken und bemerken langsam das Brett vorm Kopf. "Ah! Deshalb komm ich nicht durch die Tür!" Na denn! 

Rabenfeder

17. Oktober 2017 03:38

...und deshalb sollte das (Sch)lummerländische Völkchen schleunigst erkennen, wie nützlich und wertvoll der Scheinriese Herr Tur Tur dem Lande sein kann; als Leuchtturm nämlich in dunkler Nacht, ein Licht zum Geleit für all die ver(w)irrten Schifflein da draußen auf dem weiten, aufgewühlten Meer.

Der_Jürgen

17. Oktober 2017 11:25

Worüber sollen wir mit den Linken eigentlich noch debattieren? Die Fronten sind abgesteckt, die Argumente hüben und drüben bekannt, ein Kompromiss ist nicht möglich. Worüber konnten Scipio und Hannibal vor den entscheidenden Schlacht noch debattieren? Allenfalls noch über technische Modalitäten wie einen Gefangenenaustausch, falls es dergleichen damals gab (ich weiss es nicht).

Eine öffentliche Debatte hätte für die Rechten den Vorteil, dass die Zuhörer sich ein eigenes Urteil über die Schlagkräftigkeit der jeweiligen Argumente machen könnten. Deshalb schreckt die Gegenseite vor einer solchen Debatte zurück wie der Leibhaftige vor dem Weihwasser.

Deshalb unverdrossen weiter öffentliche Streitgespräche anbieten, auch wenn man weiss, dass die Einladung fast sicher ausgeschlagen wird.

S.Leikert

17. Oktober 2017 11:41

Die Buchmesse hat gezeigt, dass es nicht einfachnur um Worte, Sätze, Meinungen, Bücher geht. Natürlich könnte man über so etwas in Ruhe reden. Aber da ist mehr, existentiell bedeutsames, am Werk. Das Bild des Scheinriesen kann das gut verdeutlichen: Kann man es aushalten und sich erlauben, sich genauer, von Nahem anzugucken, was es mit dem Unbekannten, so riesig Erscheinendem wirklich auf sich hat? Denn bevor man wirk-lich weiß, ist das eine Mutprobe. Der Riese könnte riesen Kräfte und einen riesen Appetit haben, es könnte sein, dass einem neben ihm kein Platz mehr bleibt. Ich denke, es geht um derart existentielles. Zumindest würde das die Abwehr und den Widerstand der "Linken" leicht verständlich machen. Und das würde heißen, dass so einfach Dialog erst mal nicht möglich ist.

Harm Wulf

17. Oktober 2017 12:16

Die Linke steckt in einer für sie äusserst unangenehmen Zwickmühle. Beginen sie tatsächlich einen wie auch immer gearteten Dialog, haben sie somit schon mit ihrer wichtigsten Doktrin des Ignorierens gebrochen und setzen sich mit der Rechten "auf Augenhöhe" auseinander.

Der zweite Nackenschlag käme dann direkt hinterher, denn wir alle kennen die quälend-moralisierende Art und die nicht vorhandene Qualität der linken "Argumente". Dies können sie eigentlich nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, ohne einen rhetorischen Totalverlust zu riskieren.

Was also bleibt ihnen? Weiterhin rechte Veranstaltungen stören, verbale und tatsächliche Gewalt ausüben und dabei immer verzweifelter auf logistische und publizistische Hilfe irgendwelcher Stiftungen und Medien hoffend, die zwar zuverlässig kommen wird, den verfahrenen Karren aber immer weniger aus dem Dreck wird ziehen können.

Wenn die Rechte bei der bisher bewährten Strategie bleibt und sich nicht zu unüberlegten Handlungen hinreissen lässt, dann könnte es sogar schneller als erhofft zu einem allgemeinen Stimmungsumschwung kommen.

Aristoteles

17. Oktober 2017 12:57

Ulrich Greiner von der ZEIT über PEGIDA: »Die Medien haben die teilweise bösen Exzesse, die dort sicht- und hörbar wurden, in den Vordergrund gestellt [...]" Er erwähnt nicht, dass es allein der BRD-Links-Terror war, der zu den "teilweise bösen Exzessen" geführt hat. Was für eine bequeme Verlogenheit dieser Feiglinge!

Obi Wan Kenobi

17. Oktober 2017 16:12

Das Grundproblem ist die nach wie vor existierende Bürgerkriegsmentalität in größeren Teilen des linken Lagers. Ein Beispiel dafür ist ein heute in der "Süddeutschen Zeitung" von Sonja Zekri veröffentlichter Text mit dem Titel "Und raus bist Du". Hier wird wieder mal eine ganz typische Argumentationsschleife vorgetragen: Noch in der Unterüberschrift wird gefragt, wie eine "tolerante Gesellschaft" mit "Intoleranz" umgehen soll, einige Absätze weiter wird schon über "ein Verbot rechter Verlage" auf der nächsten Buchmesse nachgedacht und die Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank gelobt, weil diese eine "klare Strategie" im Umgang mit rechten Verlagen für die nächste Buchmesse eingefordert hat. Gegen diesen intellektuellen Neostalinismus, den weite Kreise der gesellschaftlichen Spitzen immer noch chic finden, und der ernsthaft darüber nachdenkt, die nächste Buchmesse unter ein straffes Verbotsregime zu stellen, kann man nichts wirklich wirkungsvolles machen. Um so wichtiger ist es m.E. aber, den Gesprächsfaden zu nachdenklichen Linken nie abreißen zu lassen, denn nur die können im Grunde eine Änderung der Mentalität in ihrem eigenen Spektrum herbeiführen. Wichtig ist es also, die Mauern bei dialogbereiten Linken wie Thomas Wagner, Boris Palmer oder Mathias Brodkorb zum Einsturz zu bringen, und ansonsten darauf zu hoffen, dass die Zeit ihr Werk tut, und sich irgendwann auch einmal die Reflexe der linken Bürgerkriegsideologie abschwächen werden - Hinweise darauf gibt es ja schon.

Utz

17. Oktober 2017 18:40

Gegen diesen intellektuellen Neostalinismus, den weite Kreise der gesellschaftlichen Spitzen immer noch chic finden, und der ernsthaft darüber nachdenkt, die nächste Buchmesse unter ein straffes Verbotsregime zu stellen, kann man nichts wirklich wirkungsvolles machen.

Glaube ich nicht. Noch ist ja Zeit, um eine Strategie zu entwickeln und Aktionen zu planen. Die Charta 2017 ist schon ein Anfang. Es muß einfach die Verknüpfung "Verbot bei der Büchermesse - Bücherverbrennung" z.B. mit Karikaturen, Aktionen und ähnlichem verstärkt werden. Dem unbeteiligten Zuschauer müssen die Parallelen zur Diktatur augenfällig sein.

Hartwig aus LG8

17. Oktober 2017 21:57

@ Obi Wan Kenobi

Es gab für Rechte schon wesentlich entspanntere Zeiten. Aber schauen wir auf die letzten Jahre, und über unsere Grenzen hinaus. Die linke (internationalistische, globalistische) Welt befindet sich in Auflösung. Brexit und Katalonien sind Zerfallserscheinungen innerhalb der EU. Trump ist das klare Signal, dass die Supermacht USA einen isolationistischen Kurs eingeschlagen hat; was im übrigen in den USA nicht ohne Tradition ist.  Rechte Parteien verschiedener Ausrichtung gewinnen in Europa an Zulauf. Osteuropa steht ganz generell rechts von der Mitte. Die NATO steht in Frage - nicht nur durch Trump, sondern durch die Absetzbewegung der Türkei (ganz und gar unsanktioniert!). Auf was ich hinaus will: Fallen wir nicht jedesmal aus allen Wolken, wenn sich der Feind feindlich verhällt. Daran wird sich nichts ändern, eine Verschärfung ist sogar wahrscheinlich. Er ist noch mächtig, aber er wächst nicht mehr. Seine Kräfte schwinden, er gerät in die Defensive. WIR werden diejenigen sein, die das in den nächsten Monaten und Jahren zu spüren bekommen werden. Und: Das wir letztlich automatisch triumphieren werden, wäre ein Irrtum.

Vampire Vixen

18. Oktober 2017 02:13

@ Selbstdenker

Darum wurde in Medien ja auch gerne das Bild des hässlichen, linken Glatzkopfs verwendet, um ihn subversiv als "aggressiven Rechten" ausgeben zu können. ;-)

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