Sezession
21. Oktober 2017

Szene-Kaleidoskop XVIII: All diese Typen

Nils Wegner / 10 Kommentare

Blicken wir nach dem Trubel um die Buchmesse und "Mit Linken leben" einmal wieder über Frankfurt hinaus – die Welt bleibt ja nicht stehen.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Da wäre zu allererst das zweite Buch im aktuellen Doppelpack, das bislang ein wenig zu kurz kam: Das andere Deutschland versammelt nicht nur eine treffliche (und, um verletzten Gefühlen vorzubeugen: immer augenzwinkende) interne Kategorisierung unseres weitläufigen Widerstandsmilieus, sondern auch die Anregung zu vertiefender Verständigung untereinander.

In ihrer neuesten Buchbesprechung befaßt sich Ellen Kositza mit diesem Buch und stellt vor, mit was für einer Bandbreite von Weggefährten wir es zu tun haben. Das macht Mut – und ist die sinnvolle Ergänzung zur Diskursunterweisung von Lichtmesz und Sommerfeld!

Eben jenes Widerstandsmilieu hält noch immer alle Geister auf Trab, und offensichtlich geht es im Pressezirkus jetzt darum, möglichst schnell möglichst quakige, aber wenig bis gar nicht tragfähige Positionen einzunehmen.

Ein Paradebeispiel gibt in der gerade erschienenen Ausgabe von junge Welt ausgerechnet der Alte Kämpfer Volkmar Wölk (den die älteren Mitlesenden noch als Jean Cremet kennen werden) ab: Seiner Einlassung merkt man deutlich an, daß sie verzweifelt gestreckt wurde, um eine ganze Seite zu füllen.

Nicht nur ist der komplette Einstieg (übrigens ganz genauso wie der entsprechende Part bei neues deutschland; ein Schelm...) bloß die Paraphrase einer Artikelbearbeitung bei Wikipedia; schlappe drei Viertel des Texts sind vollkommen redundant, weil wiederaufgewärmte "Enthüllungen" von Mitte der 1990er.

Als ob die Deutsche Gildenschaft mit ihren wenigen verbliebenen Mitgliedern heute politisch von Bedeutung wäre (oder in der Nachwendezeit planmäßig die bürgerliche Rechte unterwandert hätte); auch hier herrscht die klassisch-bewußte Verwechslung von Ursache und Wirkung vor.

Man darf gespannt sein, wann endlich das revolutionäre Potential des Mitgliederregisters der Deutschen Knochenmarkspenderdatei "enthüllt" wird! Übrig bleibt bei Wölk eigentlich nur die – allerdings bedenkenswerte – Erkenntnis, daß es die stete Verweigerungshaltung gegenüber Neuerungen und der Erledigung "alter Zöpfe" ist, mit der die deutsche Rechte sich seit Jahrzehnten selbst geistige Fesseln anlegt.

Im Vergleich dazu regelrecht wohltuend nimmt sich dagegen der Artikel des bereits auf der Buchmesse als ehrlicher Kontrahent hervorgetretenen Thomas Wagner im Freitag aus: Wer die gewohnheitsmäßige Sklavenmoral des Hessischen Rundfunks ebenso selbstverständlich beim Namen nennt, wie er offensichtlich die zentralen dissidenten Accounts der sozialen Medien im Auge hat, ist die Lektüre wert!

Zum Abschluß und Wochenende sei denn allen noch eine Portion alltäglich-bundesrepublikanischen Irrsinns gegönnt: Nachdem Kollege Lichtmesz die antideutsche Flaggschiff-Publikation Bahamas schon mehrfach als »rechten Geheimtip« empfohlen hat, sei hier ums Eck auf das Gedankenprotokoll eines ihrer Autoren von einer Veranstaltung der "Jungen Islamkonferenz" verwiesen.

Ohne uns mit dem ganzen Kasperletheater um Anti- vs. Prozionismus und "Islamfeindschaft um jeden Preis" vs. "Was die in ihren Ländern machen, ist nicht mein Problem" ermüden zu wollen: Hiermit sei eine Warnung ausgesprochen. Wer nicht ansatzweise damit vertraut ist, worüber im heutigen politischen und akademischen Bereich tatsächlich stundenlang diskutiert wird, der wird nach der Lektüre mit blutenden Augen glauben, à la Event Horizon in die Hölle geblickt zu haben. Aber nur die Ruhe: Es war lediglich ein ideologisch (falsch) aufgeladener Poststrukturalismus.

Und dann war da noch Richard Spencer, der schon im Vorfeld des vergangenen Donnerstags durch seinen geplanten Auftritt an der University of Florida für die Ausrufung des Notstands sorgte und so – man höre und staune – sogar die Aufmerksamkeit der nach Absetzung der Hobbythek führenden BRD-Infotainment-Sendung Galileo geweckt hat!

Der modernen Technik sei es gedankt, daß es von diesem denkwürdigen Interview bereits eine Rohfassung gibt; eine Sternstunde des deutschen Journalismus hat Stefan Gödde da nämlich wahrlich nicht vorgelegt, und eine Ausstrahlung scheint mir eher fraglich. Zuviel sei nicht verraten, aber: Das Institut für Zeitgeschichte wird es sicher mit Bestürzung zur Kenntnis nehmen, daß es sich ausgerechnet bei seinem Opus magnum um eine so heiße Ware handelt.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.


Kommentare (10)

Wahrheitssucher
21. Oktober 2017 15:38

Liebe Frau Kositza,

zu der Literaturbesprechung: Ihre Talente erscheinen einfach unbegrenzt...

Monika L.
21. Oktober 2017 15:57

Wie ? Es gibt nur neun verschiedene Typen. There are " Seventy shades of brown" ( Nina Horrorzeck). In der zweiten Aufmachung gefällt mir Frau Kositza am besten. Diese Brille...die Rüschenbluse...

Coriolan
21. Oktober 2017 17:13

Wenn das, was Götz Kubitschek und seine Mitstreiter bislang geschaffen haben, "nicht unbedingt" eine Erfolgsgeschichte ist, stellt sich sogleich die Frage, was denn überhaupt noch als Erfolg zu werten ist.

Daß Volkmar Wölk nicht sonderlich originell ist, wurde ja bereits von Herrn Wegner sehr richtig betont. Darüberhinaus sind es Kunstgriffe aus der Dialektik, keine seriöse Auseinandersetzung mit den "Neurechten", aus denen sich Wölks Schlußfolgerungen ableiten lassen. Eigentlich zählt er nur Erfolge auf, gleich wie groß, klein oder bedeutungsschwer sie sein mögen, nimmt sich aber das Recht raus, seinen Lesern diese Wegmarken "nicht unbedingt als Erfolgsgeschichte" zu verkaufen. 

Da muss man sich an Schopenhauer erinnern und sein Werkchen, "Die Kunst Recht zu behalten". An der Stelle würde es durchaus Sinn machen, Herrn Wölk zu fragen, ob es sich bei dem, was man in Schnellroda auf den Weg brachte, bedingt um eine Erfolgs- oder eher um eine Misserfolgsgeschichte handelt? So wäre das Paradox schnell geklärt.

Weiterhin ist es unredlich, die Auflage von Sezession zu kritisieren, ohne darauf hinzuweisen, daß die Herausgeber ganz bewusst kein Massenpublikum ansprechen. Daß man sich in Schnellroda nicht verbogen, angepasst und an den "Mainstream" ausgerichtet hat, wird als Schwäche betrachtet, statt als Stärke. Später wirft der Mitarbeiter der Zeitschrift "Der Rechte Rand" ein:

"Ein kluger Philosoph des Mittelalters kam einmal zu der weisen Einschätzung, dass die Zeitgenossen jeweils nur als Zwerge auf den Schultern von Riesen stehen. Im Falle Kubitscheks und seines Umfelds handelt es sich sogar lediglich um die Schultern von Scheinriesen."

Ganz unfreiwillig gibt Wölk hier eine Anregung, woran man sich orientieren kann. Daß es im Mittelalter kluge Philosophen gab, ist ein Ein- und Zugeständnis aus dem erhabenem und belesenem Munde einer echten Geistesgröße, daß man im Hinterkopf behalten sollte. Sollte es hier die Absicht gewesen sein, das Nutzen von historischen Vorbildern in der geistigen Auseinandersetzung zu diskreditieren, wären auch die Ideengeber der "Linken", angefangen von Marx, bis hin zu "Che Guevara", leicht angreifbar.

Weiterhin schreibt Wölk, der über die alte Rechte in der BRD ganz leicht ein vernichtendes Urteil fällen kann, und dort keine Erneuerung sah, daß "wenn Götz Kubitschek ehrlich zu sich wäre, dann müsste er zugeben, dass er nur wenig dazu beigetragen hat, das zu ändern".

Mit der Ehrlichkeit ist das immer so ein Sache. Und weibische ad hominem sind typisch für die radikal-demokratischen Gesinnungswächter in der BRD. Da Wölk diese These aber nunmal aufgestellt hat, lässt sich darauf entgegen, daß wenn Volkmar Wölk ehrlich zu sich wäre, er dann zugeben müsste, daß er fast schon vor Neid auf Götz Kubitschek platzt.

 

Corax
21. Oktober 2017 18:57

Gratuliere zur genialen Grafik mit minimalpoetischem Text. Gäbe ein tolles Wandposter ab.

Kositza: War übrigens schon mal ein Bestseller bei Antaios.

Martin S.
21. Oktober 2017 21:48

Es ist schon auffällig:

Während die "Rechten" auf der Buchmesse immerhin das ernsthafte Bemühen zeigen, "Mit Linken [zu] leben", ist für die Linke "die Zeit des Redens vorbei":

https://m.spiegel.de/kultur/gesellschaft/a-1173702.html#ref=meinunghpmobi

Vielleicht ist der Schwarze Block, die jungen Menschen der Antifa, die Faschisten mit dem einzigen Argument begegnen, das Rechte verstehen, die einzige Bewegung neben einem digital organisierten Widerstand, die eine Wirkung hat. Es wird nichts mehr von alleine gut. Die Regierung wird uns nicht retten. Allein eine Neudefinition des Begriffs linker Aktivismus kann den Schwachsinn des Hasses und der Menschenverachtung stoppen.

Ich tue diesen schlecht verhüllten Aufruf zur Gewalt vorläufig noch als das berühmte "Pfeifen im Keller" einer linken Autorin ab. Aber wenn schon der Wille zur Vernichtung bereits beim gebildeten Establishment aufkeimt, wie sieht es dann erst weiter unten aus?

Solution
21. Oktober 2017 23:51

Für die Linken gibt es nur die Vernichtung der Rechten, alles andere ist Wunschdenken. Sie werden alles versuchen, dieses Ziel zu erreichen.

Lotta Vorbeck
22. Oktober 2017 01:37

@Martin S. - 21. Oktober 2017 - 07:48PM

"... Ich tue diesen schlecht verhüllten Aufruf zur Gewalt vorläufig noch als das berühmte "Pfeifen im Keller" einer linken Autorin ab. ..."

Zu dieser "linken Autorin" hier noch drei Links für Sie:

1 - Akif Pirinçci nochmals an Sibylle Berg | PI-NEWS - 08. Dezember 2013

2 - An Sibylle Berg, zum Zweiten: Ruf in die Rumpelkammer, Freistil - Akif Pirinçci - eigentümlich frei - 07. Dezember 2013

3 - Sibylle Berg vs. Akif Pirinçci - Sezession im Netz - von Martin Lichtmesz - 05. Dezember 2013

Simplicius Teutsch
22. Oktober 2017 01:52

Also, ich finde den angesprochenen polemischen Artikel in der „jungeWelt“, vom 20.10., sehr unterhaltsam. Amüsant, wie der altlinke Autor Volkmar Wölk über viele Zeilen hinweg den rechten „Scheinriesen“ Antaios (= Kubitschek / Schnellroda) kleinschreiben will. Eines wird offensichtlich: TotSCHWEIGEN geht schon nicht mehr.

 https://www.jungewelt.de/artikel/320345.zwerge-und-scheinriese.html

Cacatum non est pictum
22. Oktober 2017 01:55

@Martin S.

Ich tue diesen schlecht verhüllten Aufruf zur Gewalt vorläufig noch als das berühmte "Pfeifen im Keller" einer linken Autorin ab. Aber wenn schon der Wille zur Vernichtung bereits beim gebildeten Establishment aufkeimt, wie sieht es dann erst weiter unten aus?

Was dieser Kolumnen-Seppel da im Spiegel von sich gegeben hat, ist ja wohl nicht der Rede wert. Wie buchstabiert man noch mal intellektuellen Niedergang? Diese linksliberalen Bürgerkriegsphantasien - herzerwärmend! Ein Sturm im Bacardiglas ...

Konservativer
22. Oktober 2017 22:24

Ich habe beide Bücher vor kurzem geordert und inzwischen durchgelesen/-gearbeitet. Die vier Autoren verstehen ihr Handwerk, Kompliment. Beide Bücher sind sowohl inhaltlich, als auch stilistisch überzeugend.

Was das Buch "Das andere Deutschland" anbelangt, will ich als Rechter von links an dieser Stelle lediglich den Abschnitt über "Ex-Linke" erwähnen, den ich, als Blick von außen auf mich und meinesgleichen, unter "hilfreich" verbuche. Von links nach rechts, wie geht das? Musikalisch ausgedrückt in etwa so:

https://www.youtube.com/watch?v=aBV-I3RP2zk

"Turn it all around
And turn it upside down
Notice things
I hadn't seen before
Walking through the door of change

Trying to believe it
I've opened up and broken through all my chains

...

A time to land a hand
A time to understand
Feeling things
I hadn't felt before
Walking through the door of change
Questions I can answer now
The life I had is over now
Nothing strange

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