Sezession
19. November 2017

Sonntagsheld (38) – Bringt die Geschütze in Stellung

Till-Lucas Wessels / 7 Kommentare

...also die Solidarität. Und deshalb möchte ich mit einer Anekdote aus meiner Schulzeit beginnen. An meinem Gymnasium war es, und ich denke, dass es sich an den meisten deutschen Gymnasien bis heute so verhält, üblich, dass sich die Abiturienten nach absolvierter Prüfung allerlei Schabernack mit dem Lehrkörper erlauben durften.

Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

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Landläufig ist diese Sitte bekannt als "Abistreich" und es gehörte zumindest an unserer Schule zum Selbstverständnis einer Oberstufe, dass dafür eigens ein Kommitee gegründet wurde. Die jüngeren Schüler fieberten stets auf diesen Tag hin, verhieß eine freidrehende Abiturientia doch geradezu Anarchie, lustiges Programm und vor Allem Unterrichtsausfall.

Nun hatte es die Lehrerschaft in den Jahren meiner Gymnasialzeit geschafft, die anfangs noch relativ spontanen und – zum Leidwesen der Pauker – gerne einmal aus dem Ruder laufenden Festivitäten durch Zuckerbrot und Peitsche soweit zu regulieren, dass der ganze Spaß eigentlich mehr den Charakter eines bunten Schulfestes und weniger eines Tages in Fiume hatte. Wo früher frisch-volljährige Heißsporne in Spurensicherungs-Schutzanzügen über der Schulhof gejagt waren, um bei norddeutschen Sommertemperaturen um die 15 Grad Fünftklässler mit Wasserbomben einzudecken gab es jetzt strenge Vorgaben von der Schulleitung, die – mit unablässigem Verweis auf das ultimative Hausrecht – versuchte das Treiben in geordnete Bahnen zu lenken. Controlled Opposition, quasi.

Die Leidtragenden des Spaßes waren aber immernoch die Lehrer, inzwischen wurden sie allerdings nicht mehr von johlenden Halbstarken aus ihren Klassenräumen gezerrt. Stattdessen schien es so, als ob das Kollegium, welches sich im Lehrerzimmer mit Kaffee und Keksen einverbarrikadiert hatte, einige Morituri auf den Schulhof schickte um die Rachegelüste der Absolventen zu befriedigen. Keine Sorge, das hielt sich alles sehr in Grenzen, am erniedrigendsten waren vermutlich die Negerküsse, welche die qua Verbeamtung Verdammten sich dort gegenseitig in die Visage schmieren durften.

Es handelte sich dabei um eine Art katharsischer Hierarchieumkehr, wie man sie etwa aus den römischen Saturnalien kennt. Als institutionalisierter Racheakt, der sich auf relativ gemäßigte Weise äußerte, ermöglichte der Abistreich es den an der Schule verbleibenden Schülern mit einem gewissen Gefühl der Genugtuung in die Ferien zu gehen, während die Lehrer bis auf wenige Blessuren an Würde und Anstand (wobei ohnehin die Frage zu stellen ist, wieviel davon noch übrig ist, wenn man es dieser Tage schafft, mehrere Jahre ohne  einen Zwischenfall an einem staatlich legitimierten Gymnasium zu unterrichten) unbeschadet aus der ganzen Prozedur hervorgingen.

Das Ganze funktionierte nur – und damit komme ich zum eigentlich sonntagsheldischen Teil dieses Textes – weil das restliche Jahr über ein die egalitaristischen Anfeindungen der auf-Augenhöhe-Pädagogik geradezu ignorierendes Autoritätsverständnis von Lehrendem und Lernendem bestand. Ohne dieses Verhältnis ist auch die Katharsis nichts wert.

Dementsprechend öde muss es den Studenten ergangen sein, die sich am vergangenen Donnerstag einem kleinen antifaschistischen Abistreich- Einsatzkomittee gegenübersahen, als sie die Übung des Leipziger Professors Thomas Rauscher besuchen wollten. Mit einem Bierernst wie ich ihn sonst nur vom dem eigentlich mehr calvinistischen denn katholischen Rektor meines Gymnasiums kannte echauffierten sich einige Studenten über die Ungeheuerlichkeiten, welche besagter Dozent auf der Plattform Twitter zu veröffentlichen gewagt hatte:

",Ein weißes Europa brüderlicher Nationen'. Für mich ist das ein wunderbares Ziel!" 

Aufschrei hier, Mimimi da und ein bisschen konservativ sein, wie diese nette Liane Bednarz zum Beispiel, ist ja noch ok – es scheint, als hätten sich die Rollen gänzlich vertauscht: Revolution kommt heute von rechts, Abistreiche macht heute der Lehrkörper und unter den Wursthaaren ein Muff von tausend Jahren. Weil an diesem üblen Witz der Geschichte aber ein Menschenschicksal hängt, möchte ich mit meinen Lesern gemeinsam einmal herzhaft durchladen und eine solidarische Leuchtrakete nach Leipzig feuern.

Es ist wirklich eine seltsame Zeit und die braucht seltsame Ratschläge. Deshalb empfehle ich künftig wärmstens, dass die Dozenten wieder anfangen sollten, ihren Studenten zu widersprechen. Der Streich ist lang genug gelaufen, es ist höchste Zeit. 


Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

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Kommentare (7)

S.J.
19. November 2017 14:30

Da mich dieser Vorfall gewaltig ärgert, muss ich nach einigen Worten unter Nils Wegners Wochenbeitrag auch hier etwas schreiben. Man sollte sich das Video mit all den Respektlosigkeiten ansehen, welches in der JF eingestellt ist. Man erkennt, dass die Störer es einfach nicht schaffen, was dem Vernehmen nach Prof. Dr. Dr. Rauscher bislang gelungen ist: seine politische Meinung außerhalb des Hörsaals zu vertreten. Die Störer hingegen haben den ganzen Hörsaal für ihre politische Selbstdarstellung in Haft genommen und andere Studenten daran gehindert, ihren Studienpflichten und Bildungsinteressen nachzukommen. Es ist schließlich nicht nur in Leipzig seit längerem bekannt, welche Positionen Thomas Rauscher vertritt, die bislang nicht justitiabel waren und es mutmaßlich auch nicht sein werden. Viele Studenten suchen seine Vorlesungen auf, weil sie seine Fachkompetenz schätzen und die Politik außen vor lassen. Wer in einem Hörsaal stört, gehört exmatrikuliert.

 

Lotta Vorbeck
19. November 2017 14:38

Zitat aus dem vom Till-Lucas Wessels verlinkten SPON-Artikel:

"... Rauscher hatte unter anderem getwittert "Je suis Pegida" und "Wir schulden den Afrikanern und Arabern nichts. Sie haben ihre Kontinente durch Korruption, Schlendrian, ungehemmte Vermehrung und Stammes- und Religionskriege zerstört und nehmen uns nun weg, was wir mit Fleiß aufgebaut haben."

...

Die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva-Maria Stange, hatte zuvor empört auf die rechtspopulistischen Äußerungen des Professors reagiert. Stange schrieb auf Twitter: "Sachsens Hochschulen sind weltoffen und international. Die ausländerfeindliche Meinung von Rauscher kritisiere ich scharf." Rauscher lehrt Jura an der Universität Leipzig.

Der Professor ist an der Universität Leipzig seit Längerem heftig umstritten. Bereits 2016 äußerte sich Uni-Rektorin Beate Schücking kritisch. "Die Universität Leipzig steht für Weltoffenheit und Toleranz. Wir stellen uns entschieden gegen intolerantes und fremdenfeindliches Gedankengut", heißt es in einem Statement auf der Homepage der Universität.

Konsequenzen für den Juraprofessor gab es bislang nicht. Allerdings teilte die Uni Leipzig am Mittwoch mit, dienstrechtliche Schritte prüfen zu wollen. Sein Twitteraccount wurde inzwischen gelöscht."

Aus dieser Textpassage weht dem Leser mehr als nur ein Hauch Hilde Benjamin entgegen.

Interessanterweise enthält der Link, sowie die Browserkopfzeile die Formulierung "rassistischer Professor", während man in der vermutlich nachträglich geänderten SPON-Artikelüberschrift auf "umstrittenenen Leipziger Professor" auswich.

Wikipedia zu Hilde Benjamin:

"Infolge einer zweiten, von Chruschtschow im Oktober 1961 angestoßenen Entstalinisierungswelle wurde Benjamin von Ulbricht „fortschrittsfeindlicher Umtriebe“ bezichtigt. Trotz „prinzipieller Korrekturen“ gebe es in der DDR-Justiz „noch immer Erscheinungen des Dogmatismus“. Benjamin wehrte sich und warnte, der Verzicht auf stalinistische Rechtspraktiken werde dem westlichen Klassenfeind Tür und Tor öffnen.

Benjamin wurde in der DDR vielfach ausgezeichnet: 1955 und 1962 mit dem Vaterländischen Verdienstorden, 1967 mit der Ehrenbürgerschaft der Stadt Bernburg, 1972 mit der Ehrenspange zum Vaterländischen Verdienstorden, 1977 und 1987 mit dem Karl-Marx-Orden, 1979 als Verdiente Juristin der DDR und 1982 mit dem Stern der Völkerfreundschaft. 1952 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität.
Ihre Urne wurde nach einem Staatsakt, an dem unter anderem die Mitglieder des Politbüros Egon Krenz, Erich Mielke und Alfred Neumann teilnahmen, mit militärischen Ehren in der Grabanlage Pergolenweg der Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt."

 

W. Wagner
19. November 2017 15:43

Aber wie? Wie kann hier Solidarität gezeigt werden?

Hartwig aus LG8
19. November 2017 20:59

Ich kenne die Adenauer-Ära altersbedingt nur vom Hörensagen. Einprägsam war das geflügelte Wort vom Mief der Adenauer-Ära.

Ich bin sicher, dass man die Kanzlerschaft von Angela Merkel als Ära bezeichnen wird. Und man wird gewiss, auch wenn der Gestank ein ganz anderer ist, vom Mief der Merkel-Ära sprechen.

Schenkendorf
20. November 2017 01:12

Ich fühle ja mit Herrn Prof. Dr. Rauscher, aber er hat die Lage nicht mal falsch eingeschätzt, sondern überhaupt unterlassen, sie zu sondieren. Sich jetzt in puncto Meinungsfreiheit zu beklagen ist, mit Verlaub, naiv, auch wenn er natürlich recht hat. Vor solchen Äußerungen hätte er versuchen müssen, seine Studenten einzuschätzen. Und dann hätte er auf eine andere Form kommen müssen, sich zu äußern. Zwei mir gut bekannte Ordinarien gehen anders vor. Sie nehmen parteipolitisch nicht Stellung, weil sie ansonsten als parteiisch bekannt wären. Sie wählen aber ihre Äußerungen / Lehrinhalte/ Stellungnahmen sachorientiert so, daß sie ihre Studenten mindestens zum Nachdenken bringen. Und wenn einer anderer Meinung ist, dann muß er diese Meinung begründen - was erstens für einen Studenten sowieso nicht so einfach ist, auf dem von meinen Bekannten gewählten Terrains aber auch aus Sachgründen kaum möglich. Die beiden haben so sicher auch ihren Ruf weg, aber formal sind sie nicht angreifbar, können inhaltlich (im staatsrechtlich/politischen Bereich) wirken und zum ja so dringend notwendigen Politikwechsel ihr Scherflein beitragen. Herr Prof. Dr. Rauscher hat sich dieser Möglichkeit begeben und in die Bedeutungslosigkeit geschossen. Somit hat er seiner Sache einen Bärendienst erwiesen. Ein  Widerspruch, wie hier empfohlen, von ihm wird bestenfalls wirkungslos verhallen, wenn er nicht gar Anlaß gibt, daß sich die Gegner erneut versammeln und propagandistisch wirken können.

Tweed
20. November 2017 08:36

Die Universitäten sind -  da sage ich nichts Neues - seit 68 zum Ausbildungscamp der linken Herrenklasse geworden. Um heute schon zu wissen, was uns morgen an neuen Verschärfungen progressistischer = globalistischer = universalistischer = linker = liberaler Ideologie bevorsteht, sollte man ab und zu eine Magister- (oder Doktor-) einer amerikanischen Ostküstenuniversität (z.B. Boston) überfliegen und dann in den folgenden immer kürzer werdenden Abständen beobachten wie dieser geistige Horrortrip, zur manifesten politischen Realität wird. Am Beispiel des libertären Paternalismus konnte man das gut verfolgen. Der Kultur- und Medienbetrieb ist tatsächlich der Schlüssel für eine Revolution, aber ganz oben auf der Liste müssen diese Trainingslager der Dummheit stehen.

Gotlandfahrer
20. November 2017 12:48

@ W. Wagner:

Solidarität zeigen durch Kaufen seines Buches:

Thomas Rauscher

Internationales Privatrecht: Mit internationalem Verfahrensrecht (Schwerpunktbereich)

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