Sonntagsheld (38) – Bringt die Geschütze in Stellung

Sie ist eine Waffe...

 Gastbeitrag

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…also die Soli­da­ri­tät. Und des­halb möch­te ich mit einer Anek­do­te aus mei­ner Schul­zeit begin­nen. An mei­nem Gym­na­si­um war es, und ich den­ke, dass es sich an den meis­ten deut­schen Gym­na­si­en bis heu­te so ver­hält, üblich, dass sich die Abitu­ri­en­ten nach absol­vier­ter Prü­fung aller­lei Scha­ber­nack mit dem Lehr­kör­per erlau­ben durften.

Land­läu­fig ist die­se Sit­te bekannt als “Abi­streich” und es gehör­te zumin­dest an unse­rer Schu­le zum Selbst­ver­ständ­nis einer Ober­stu­fe, dass dafür eigens ein Kom­mi­tee gegrün­det wur­de. Die jün­ge­ren Schü­ler fie­ber­ten stets auf die­sen Tag hin, ver­hieß eine frei­dre­hen­de Abitu­ri­en­tia doch gera­de­zu Anar­chie, lus­ti­ges Pro­gramm und vor Allem Unterrichtsausfall.

Nun hat­te es die Leh­rer­schaft in den Jah­ren mei­ner Gym­na­si­al­zeit geschafft, die anfangs noch rela­tiv spon­ta­nen und – zum Leid­we­sen der Pau­ker – ger­ne ein­mal aus dem Ruder lau­fen­den Fes­ti­vi­tä­ten durch Zucker­brot und Peit­sche soweit zu regu­lie­ren, dass der gan­ze Spaß eigent­lich mehr den Cha­rak­ter eines bun­ten Schul­fes­tes und weni­ger eines Tages in Fiume hat­te. Wo frü­her frisch-voll­jäh­ri­ge Heiß­spor­ne in Spu­ren­si­che­rungs-Schutz­an­zü­gen über der Schul­hof gejagt waren, um bei nord­deut­schen Som­mer­tem­pe­ra­tu­ren um die 15 Grad Fünft­kläss­ler mit Was­ser­bom­ben ein­zu­de­cken gab es jetzt stren­ge Vor­ga­ben von der Schul­lei­tung, die – mit unab­läs­si­gem Ver­weis auf das ulti­ma­ti­ve Haus­recht – ver­such­te das Trei­ben in geord­ne­te Bah­nen zu len­ken. Con­trol­led Oppo­si­ti­on, quasi.

Die Leid­tra­gen­den des Spa­ßes waren aber immer­noch die Leh­rer, inzwi­schen wur­den sie aller­dings nicht mehr von joh­len­den Halb­star­ken aus ihren Klas­sen­räu­men gezerrt. Statt­des­sen schien es so, als ob das Kol­le­gi­um, wel­ches sich im Leh­rer­zim­mer mit Kaf­fee und Kek­sen ein­ver­bar­ri­ka­diert hat­te, eini­ge Mori­tu­ri auf den Schul­hof schick­te um die Rache­ge­lüs­te der Absol­ven­ten zu befrie­di­gen. Kei­ne Sor­ge, das hielt sich alles sehr in Gren­zen, am ernied­ri­gends­ten waren ver­mut­lich die Neger­küs­se, wel­che die qua Ver­be­am­tung Ver­damm­ten sich dort gegen­sei­tig in die Visa­ge schmie­ren durften.

Es han­del­te sich dabei um eine Art kathar­si­scher Hier­ar­chie­um­kehr, wie man sie etwa aus den römi­schen Satur­na­li­en kennt. Als insti­tu­tio­na­li­sier­ter Rache­akt, der sich auf rela­tiv gemä­ßig­te Wei­se äußer­te, ermög­lich­te der Abi­streich es den an der Schu­le ver­blei­ben­den Schü­lern mit einem gewis­sen Gefühl der Genug­tu­ung in die Feri­en zu gehen, wäh­rend die Leh­rer bis auf weni­ge Bles­su­ren an Wür­de und Anstand (wobei ohne­hin die Fra­ge zu stel­len ist, wie­viel davon noch übrig ist, wenn man es die­ser Tage schafft, meh­re­re Jah­re ohne  einen Zwi­schen­fall an einem staat­lich legi­ti­mier­ten Gym­na­si­um zu unter­rich­ten) unbe­scha­det aus der gan­zen Pro­ze­dur hervorgingen.

Das Gan­ze funk­tio­nier­te nur – und damit kom­me ich zum eigent­lich sonn­tags­hel­di­schen Teil die­ses Tex­tes – weil das rest­li­che Jahr über ein die ega­li­ta­ris­ti­schen Anfein­dun­gen der auf-Augen­hö­he-Päd­ago­gik gera­de­zu igno­rie­ren­des Auto­ri­täts­ver­ständ­nis von Leh­ren­dem und Ler­nen­dem bestand. Ohne die­ses Ver­hält­nis ist auch die Kathar­sis nichts wert.

Dem­entspre­chend öde muss es den Stu­den­ten ergan­gen sein, die sich am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag einem klei­nen anti­fa­schis­ti­schen Abi­streich- Ein­satz­ko­mit­tee gegen­über­sa­hen, als sie die Übung des Leip­zi­ger Pro­fes­sors Tho­mas Rau­scher besu­chen woll­ten. Mit einem Bier­ernst wie ich ihn sonst nur vom dem eigent­lich mehr cal­vi­nis­ti­schen denn katho­li­schen Rek­tor mei­nes Gym­na­si­ums kann­te echauf­fier­ten sich eini­ge Stu­den­ten über die Unge­heu­er­lich­kei­ten, wel­che besag­ter Dozent auf der Platt­form Twit­ter zu ver­öf­fent­li­chen gewagt hatte:

“,Ein wei­ßes Euro­pa brü­der­li­cher Natio­nen’. Für mich ist das ein wun­der­ba­res Ziel!” 

Auf­schrei hier, Mimi­mi da und ein biss­chen kon­ser­va­tiv sein, wie die­se net­te Lia­ne Bed­narz zum Bei­spiel, ist ja noch ok – es scheint, als hät­ten sich die Rol­len gänz­lich ver­tauscht: Revo­lu­ti­on kommt heu­te von rechts, Abi­strei­che macht heu­te der Lehr­kör­per und unter den Wurst­haa­ren ein Muff von tau­send Jah­ren. Weil an die­sem üblen Witz der Geschich­te aber ein Men­schen­schick­sal hängt, möch­te ich mit mei­nen Lesern gemein­sam ein­mal herz­haft durch­la­den und eine soli­da­ri­sche Leucht­ra­ke­te nach Leip­zig feuern.

Es ist wirk­lich eine selt­sa­me Zeit und die braucht selt­sa­me Rat­schlä­ge. Des­halb emp­feh­le ich künf­tig wärms­tens, dass die Dozen­ten wie­der anfan­gen soll­ten, ihren Stu­den­ten zu wider­spre­chen. Der Streich ist lang genug gelau­fen, es ist höchs­te Zeit.

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Kommentare (7)

S.J.

19. November 2017 14:30

Da mich dieser Vorfall gewaltig ärgert, muss ich nach einigen Worten unter Nils Wegners Wochenbeitrag auch hier etwas schreiben. Man sollte sich das Video mit all den Respektlosigkeiten ansehen, welches in der JF eingestellt ist. Man erkennt, dass die Störer es einfach nicht schaffen, was dem Vernehmen nach Prof. Dr. Dr. Rauscher bislang gelungen ist: seine politische Meinung außerhalb des Hörsaals zu vertreten. Die Störer hingegen haben den ganzen Hörsaal für ihre politische Selbstdarstellung in Haft genommen und andere Studenten daran gehindert, ihren Studienpflichten und Bildungsinteressen nachzukommen. Es ist schließlich nicht nur in Leipzig seit längerem bekannt, welche Positionen Thomas Rauscher vertritt, die bislang nicht justitiabel waren und es mutmaßlich auch nicht sein werden. Viele Studenten suchen seine Vorlesungen auf, weil sie seine Fachkompetenz schätzen und die Politik außen vor lassen. Wer in einem Hörsaal stört, gehört exmatrikuliert.

 

Lotta Vorbeck

19. November 2017 14:38

Zitat aus dem vom Till-Lucas Wessels verlinkten SPON-Artikel:

"... Rauscher hatte unter anderem getwittert "Je suis Pegida" und "Wir schulden den Afrikanern und Arabern nichts. Sie haben ihre Kontinente durch Korruption, Schlendrian, ungehemmte Vermehrung und Stammes- und Religionskriege zerstört und nehmen uns nun weg, was wir mit Fleiß aufgebaut haben."

...

Die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva-Maria Stange, hatte zuvor empört auf die rechtspopulistischen Äußerungen des Professors reagiert. Stange schrieb auf Twitter: "Sachsens Hochschulen sind weltoffen und international. Die ausländerfeindliche Meinung von Rauscher kritisiere ich scharf." Rauscher lehrt Jura an der Universität Leipzig.

Der Professor ist an der Universität Leipzig seit Längerem heftig umstritten. Bereits 2016 äußerte sich Uni-Rektorin Beate Schücking kritisch. "Die Universität Leipzig steht für Weltoffenheit und Toleranz. Wir stellen uns entschieden gegen intolerantes und fremdenfeindliches Gedankengut", heißt es in einem Statement auf der Homepage der Universität.

Konsequenzen für den Juraprofessor gab es bislang nicht. Allerdings teilte die Uni Leipzig am Mittwoch mit, dienstrechtliche Schritte prüfen zu wollen. Sein Twitteraccount wurde inzwischen gelöscht."

Aus dieser Textpassage weht dem Leser mehr als nur ein Hauch Hilde Benjamin entgegen.

Interessanterweise enthält der Link, sowie die Browserkopfzeile die Formulierung "rassistischer Professor", während man in der vermutlich nachträglich geänderten SPON-Artikelüberschrift auf "umstrittenenen Leipziger Professor" auswich.

Wikipedia zu Hilde Benjamin:

"Infolge einer zweiten, von Chruschtschow im Oktober 1961 angestoßenen Entstalinisierungswelle wurde Benjamin von Ulbricht „fortschrittsfeindlicher Umtriebe“ bezichtigt. Trotz „prinzipieller Korrekturen“ gebe es in der DDR-Justiz „noch immer Erscheinungen des Dogmatismus“. Benjamin wehrte sich und warnte, der Verzicht auf stalinistische Rechtspraktiken werde dem westlichen Klassenfeind Tür und Tor öffnen.

Benjamin wurde in der DDR vielfach ausgezeichnet: 1955 und 1962 mit dem Vaterländischen Verdienstorden, 1967 mit der Ehrenbürgerschaft der Stadt Bernburg, 1972 mit der Ehrenspange zum Vaterländischen Verdienstorden, 1977 und 1987 mit dem Karl-Marx-Orden, 1979 als Verdiente Juristin der DDR und 1982 mit dem Stern der Völkerfreundschaft. 1952 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität.
Ihre Urne wurde nach einem Staatsakt, an dem unter anderem die Mitglieder des Politbüros Egon Krenz, Erich Mielke und Alfred Neumann teilnahmen, mit militärischen Ehren in der Grabanlage Pergolenweg der Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt."

 

W. Wagner

19. November 2017 15:43

Aber wie? Wie kann hier Solidarität gezeigt werden?

Hartwig aus LG8

19. November 2017 20:59

Ich kenne die Adenauer-Ära altersbedingt nur vom Hörensagen. Einprägsam war das geflügelte Wort vom Mief der Adenauer-Ära.

Ich bin sicher, dass man die Kanzlerschaft von Angela Merkel als Ära bezeichnen wird. Und man wird gewiss, auch wenn der Gestank ein ganz anderer ist, vom Mief der Merkel-Ära sprechen.

Schenkendorf

20. November 2017 01:12

Ich fühle ja mit Herrn Prof. Dr. Rauscher, aber er hat die Lage nicht mal falsch eingeschätzt, sondern überhaupt unterlassen, sie zu sondieren. Sich jetzt in puncto Meinungsfreiheit zu beklagen ist, mit Verlaub, naiv, auch wenn er natürlich recht hat. Vor solchen Äußerungen hätte er versuchen müssen, seine Studenten einzuschätzen. Und dann hätte er auf eine andere Form kommen müssen, sich zu äußern. Zwei mir gut bekannte Ordinarien gehen anders vor. Sie nehmen parteipolitisch nicht Stellung, weil sie ansonsten als parteiisch bekannt wären. Sie wählen aber ihre Äußerungen / Lehrinhalte/ Stellungnahmen sachorientiert so, daß sie ihre Studenten mindestens zum Nachdenken bringen. Und wenn einer anderer Meinung ist, dann muß er diese Meinung begründen - was erstens für einen Studenten sowieso nicht so einfach ist, auf dem von meinen Bekannten gewählten Terrains aber auch aus Sachgründen kaum möglich. Die beiden haben so sicher auch ihren Ruf weg, aber formal sind sie nicht angreifbar, können inhaltlich (im staatsrechtlich/politischen Bereich) wirken und zum ja so dringend notwendigen Politikwechsel ihr Scherflein beitragen. Herr Prof. Dr. Rauscher hat sich dieser Möglichkeit begeben und in die Bedeutungslosigkeit geschossen. Somit hat er seiner Sache einen Bärendienst erwiesen. Ein  Widerspruch, wie hier empfohlen, von ihm wird bestenfalls wirkungslos verhallen, wenn er nicht gar Anlaß gibt, daß sich die Gegner erneut versammeln und propagandistisch wirken können.

Tweed

20. November 2017 08:36

Die Universitäten sind -  da sage ich nichts Neues - seit 68 zum Ausbildungscamp der linken Herrenklasse geworden. Um heute schon zu wissen, was uns morgen an neuen Verschärfungen progressistischer = globalistischer = universalistischer = linker = liberaler Ideologie bevorsteht, sollte man ab und zu eine Magister- (oder Doktor-) einer amerikanischen Ostküstenuniversität (z.B. Boston) überfliegen und dann in den folgenden immer kürzer werdenden Abständen beobachten wie dieser geistige Horrortrip, zur manifesten politischen Realität wird. Am Beispiel des libertären Paternalismus konnte man das gut verfolgen. Der Kultur- und Medienbetrieb ist tatsächlich der Schlüssel für eine Revolution, aber ganz oben auf der Liste müssen diese Trainingslager der Dummheit stehen.

Gotlandfahrer

20. November 2017 12:48

@ W. Wagner:

Solidarität zeigen durch Kaufen seines Buches:

Thomas Rauscher

Internationales Privatrecht: Mit internationalem Verfahrensrecht (Schwerpunktbereich)

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