06. Dezember 2017

Buchgeschenktips zu Weihnachten – Teil 1: Ellen Kositza

von Ellen Kositza / 5 Kommentare

Was zu Weihnachten schenken? Natürlich Wahres, Schönes, Gutes!

In der kommenden Woche werden hier Mitarbeiter von Sezession und Antaios ihre Lese- und Schenktips für Weihnachten präsentieren, nämlich in je drei Kategorien: Wahres, Schönes, Gutes. Ich mache heute den Anfang, Benedikt Kaiser, Siegfried Gerlich, Götz Kubitschek, Caroline Sommerfeld, Martin Lichtmesz sowie unsere Buchhändlerin Sigrid Wirzinger werden folgen.

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Wahr

Roger Devlin: Sex – Macht – Utopie. 303 S., gebunden, 22 €

Es gibt ungezählte Frauenbücher mit Titeln wie „Nur ein toter Mann ist ein guter Mann“, „Scheidung-nie, aber Mord“, „Männer sind wie Schuhe.“ Die von Männern verfaßten Gegenstücke sind entweder Flachlegratgeber oder heulsusige Mutmachliteratur. Der US-Amerikaner Devlin hingegen, ein promovierte Philosoph, wirft einen kühlen Blick auf die Geschlechterdebatte - vor allem darauf, wie Frauen ticken und warum. Wer Camille Paglia liebt, wird hier kluge Ergänzungen finden.

DAS Buch in Zeiten von #metoo, „Daterape“, Kopftuchbarbie und Geschlechtswechselspielen!    

Schön

Jurek Haselhofer: Die Tanten des Adjutanten. Oder der gescheiterte Wiederaufbau des Palais de Saxe zu Dresden. Roman. 400 S., gebunden, 24 €

Wien zur Zeiten der sogenannten Migrationskrise. Manninger ist brutal umgebracht worden, ein wichtiger Mann im Hintergrund der SPÖ, Strippenzieher und Redenschreiber. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, und nebenbei kocht im Internet die Gerüchteküche, vor allem auf dem Rechtspopulistenblog Morgenröte für die Völker Europas – Forum für echte demokratische Erneuerung. Während auf den Straßen die Identitäre Bewegung für Abwechslung sorgt und ein FPÖ-naher Großmäzen reaktionäre Künstler in seiner Villa um sich sammelt, menschelt es innerhalb der Staatsanwaltschaft reichlich verzwickt. Haselhofers Charakterzeichnungen sind bezwingend! Es dodert gewaltig! Wie sehr lassen hier geheime Dienste ihre Puppen tanzen? Hat etwa der Teufel selbst seine Hände im Spiel? Bulgakows Meister und Margarita läßt grüßen!

Gut

Horst G. Herrmann: Im Moralapostolat. Die Geburt der westlichen Moral aus dem Geist der Reformation. 381 S., gebunden, 22.80 €

Darf’s zur „Lutherdekade“ auch mal was Kritisches sein? Ohne Fokus auf den berüchtigten Judenhaß und den Bauernverrat? Ich habe selten ein Buch gelesen, das intellektuelle Herangehensweise und Polemik auf derart scharfe Art verknüpft. Horst G. Herrmann weist nach, daß unsere hypermoralische Gesinnungsdiktatur, die vorgebliche „Alternativlosigkeit“ der politischen Agenda sowie unserer beinharte Erinnerungs- und Willkommenskultur säkulare Ableger eines purifizierten Glaubens sind, der mit Luther in die Welt kam. Tugendterror, erhobener und ausgestreckter Zeigefinger sowie absolute Ambivalenzfeindlichkeit: Danaergeschenke einer Reformation, die aus Angst entstanden ist.

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (5)

Hesperiolus
08. Dezember 2017 11:23

Zu Luther immer noch gut und lesenswert sind daneben ältere Werke wie das dreibändige Opus von Hartmann Grisar und "der" Denifle, mit bemerkenswerten Feststellungen zur Veränderung des deutschen Nationalcharakters seit Luther (vor allem in: Luther und Luthertum, II. Band), sowie dazu die ersten Bände von Johannes Janssens "Geschichte des deutschen Volkes". Über die Kultur- und Daseinsswerte einer schöneren Barockwelt vor und ohne Protestantismus, Aufklärung und Kapitalismus Peter Hersches "Muße und Verschwendung". Ach, und daß der eine oder andere Kommentator häufiger zu Heideggers "Vorträgen und Aufsätzen" griffe: "Die Wissenschaft denkt nicht" !

Maiordomus
08. Dezember 2017 15:06

@Hesperiolus. Gut dass Sie auf den geistlichen Altmeister Heinrich Seuse Denifle hinweisen, der schon ein Pionier der Eckhart-Forschung war, wiewohl er diesen einseitig aus der Perspektive von Thomas von Aquin interpretierte. Hermann Lübbe präsentiert Denifle im Buch "Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse" im Zusammenhang mit Denifles damals für die katholische Sicht repräsentativen Luther-Buch als Lehrbuch-Beispiel für einen Historiker, dessen Faktengenauigkeit zwar nicht veraltet sei und der dennoch aus der Zeit fallen musste, weil konfessionelle Abgrenzung bei solchen Darstellungen nicht mehr gefragt war. Es kommt also bei der Geschichtsschreibung sehr auf die Bedürfnisse und Fragestellungen des Publikums an. Sehr angetan bin ich derzeit von Denifles Buch "Das geistliche Leben - Deutsche Mystiker des 14. Jahrhunderts", 1. Auflage 1873, 2. Auflage 1937 bei Eugen Pustet in Salzburg, ein hervorragender, zum heutigen Fest Mariä Empfängnis passender Gesamtüberblick über das geistliche Leben in dem der Reformation vorangehenden Jahrhundert. Die Reformation wurde nicht primär wegen den Missständen in der Kirche zu einem Erfolg, sondern muss aus der Blütezeit der christlichen Kultur im Spätmittelalter erklärt werden. Von Heidegger empfehlenswert wäre wohl gerade über den einzigartigen "Feldweg" hinaus das Buch "Wegmarken" mit dem hochbedeutsamen, von den französischen Existenzphilosophien kurz nah dem 2. Weltkrieg und zuletzt von  Sloterdijk aufgegriffenen Humanismus-Brief und den Ausführungen über den Naturbegriff der Griechen, "physis" genannt, womit die menschliche Natur unbedingt in den Naturbegriff integriert bleibt. Heidegger war freilich der Meinung, seine Bücher seien für Leute, die des Altgriechischen nicht mächtig sind, eher nicht zur Lektüre bestimmt.   

Hesperiolus
08. Dezember 2017 19:28

@ Maiordomus

Zu der für die zerreißende Tragik der Deutschen als Reichsvolk verhängnisvollen Wirkung des "Häresiarchen" Luther sei auch auf die harten deutenden Sätze Theodor Haeckers in dem 1932 im Brenner erschienenen Artikel "Betrachtungen über Vergil, Vater des Abendlandes", nachlesbar in den "Essays" (Kösel), hingewiesen. In Texten dieses Autors und manch Anderer aus dem deutschen renouveau catholique fände sich darüberhinaus, zu Reich und Eschatologie besonders, eine solche Menge Wertvolles und zur Fundierung der geistigen Lagebeurteilung Gültiges, daß grade in metapoliticis zu klagen und unverständlich bleibt: catholica non leguntur! Erfreulich nebenbei, daß in Kommentarbeiträgen Alteuropäer mit Nennung von Pieper, Schneider, Görres u.v.a. ein Gegengewicht gegen die Ayn Rands, Odin-Donovans und GBS-Volands halten! Übrigens danke ich dem book dropping Ihrer belesenen Wortmeldungen bereits einige Buchanschaffungen, etwa die frühen, in der Werkausgabe nicht enthaltenen Tagebücher Reinhold Schneiders, mit den Oldenburger Eintragungen von 1934.

Maiordomus
08. Dezember 2017 22:25

@Hesperiolus. Reinhold Schneider, der dann mit der Zeit ein christlicher Pazifist wurde, gehörte bis spätestens 1934 noch zur Rechten aus dem Umfeld der konservativen Revolution, wobei seine Hauptbezugsperson Leopold Ziegler war, nach George und Freud der dritte Goethepreisträger. Das Schneider-Tagebuch von 1928 bis 1934 ist hochinteressant, Schneider liess sich übrigens trotz seinem Image als Widerständler vom Hohenzollernkronprinzen noch im Herbst 1933 zur Meinung überreden, dass Hitler bloss eine Uebergangsfigur zur Restauration der Monarchie wäre, an die Schneider damals noch glaubte, später aber erklärte, 1958 in seinem Meisterwerk Winter in Wien: "Als Monarchist bin ich ein Gegner der Restauration." Allerdings blieb Schneider von seinem Werk "Das Inselreich" (1936) über seine Anti-Nato- und Anti-Adenauer-Stellungnahmen und seine Verbindungen zur DDR bis hin zu Winter in Wien ein entschiedener Gegner des amerikanischen nihilistischen Moralismus und der amerikanischen Ideologie des Kalten Krieges. 1933 wählte er die "Papen-Partei"  und zeitlebens hielt er sehr viel von Oliveira de Salazar.

 

In dem von Ihnen geschätzten Theodor Haecker sah ich, desgleichen Ernst Robert Curtius, und natürlich Miguel de Unamuno schon zu meiner Studienzeit um 1970 sehr grosse Nummern, wer diese Autoren las, damals zum Beispiel der Schweizer Schriftsteller Jürg Federspiel, wurde gegen die 68er immun. Noch wichtig scheinen mir auch Kassner und Pannwitz, welche heute nur noch wenigen von der Lektüre her bekannt sind.

Maiordomus
08. Dezember 2017 22:45

@PS. Damit wir zum Thema "Reformation" nicht zu sehr abschweifen, vgl. das unter "Gut" vorgestellte Buch von Horst G. Herrmann. Einer der bedeutenden Autoren, die sich wesentlich über Luther geäussert haben, so über dessen Gattin Katharina Bora, ist Reinhold Schneiders Freund  und langjähriger evangelischer Jochen Klepper, zur Zeit des 3. Reiches ein bedeutender Rundfunkmann war aber vor allem grosser historischer Autor, der zu den erklärten Lieblingsautoren von Götz Kubitschek gehört, was mich meinerseits veranlasst, dem Gründer und Herausgeber von Sezession mehr zu vertrauen als herkömmlichen rein politischen und oft gottlosen Rechten. Gemäss Schneider gehörte Klepper zu denjenigen, die aus einem tiefen protestantischen Glaubensbewusstsein heraus  viel auch über Katholizität in Erfahrung brachten und zu den eindrücklichsten gläubigen Christen der 30er Jahre gehörten, was auch dem Briefwechsel Reinhold Schneider - Jochen Klepper entnommen werden kann, den Peter Berglar seinerzeit im Rheinischen Merkur besprochen hat. Klepper ging im Dezember 1941 oder 1942 mit seiner jüdischstämmigen Frau und seiner Tochter freiwillig in den Tod, da das Zerreissen der Familie drohte durch Deportation seiner Angehörigen. Dabei ist allerdings noch die Schwester meines  väterlichen Freundes Edwin Maria Landau noch anfangs 1941 durch Kauf eines Bahnbillets nach Wladiwostock von Berlin anstandslos ausgereist, wonach die Jüdin dann nach Brasilien ins Exil ging, habe sie dann in Zürich noch kennengelernt. Das Schicksal Kleppers aber nannte Reinhold Schneider in "Verhüllter Tag" einen "Selbstmord unter dem Kreuz". Wer sich mit der Nachwirkung von Luther in Deutschland auseinandersetzen will, muss sich wohl notgedrungen mit Klepper befassen, einem nicht widerspruchsfreien Christen, der als deutscher Patriot von einem speziellen Ernstfall eingeholt wurde. 

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