Sezession
13. Dezember 2017

Buchgeschenktips zu Weihnachten – Teil 6: Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz / 11 Kommentare

Gut:

Charles Péguy: Das Geld, 137 S., broschiert, 12 €

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Charles Péguy (1873–1914) war Sozialist, "Dreyfusard", Publizist, Polemiker, Dichter, Nationalist und gläubiger Katholik. Sein grandioser Essay „Das Geld“ (1913) beginnt als Einleitung zu einer Abhandlung über das französische Grundschulwesen, verliert sich rasch in autobiographische Erinnerungen und mündet schließlich in eine poetische Lebensphilosophie. Er enthält mehrere von Péguys vielzitierten Sentenzen, etwa: „Der Modernismus besteht darin, nicht zu glauben, was man glaubt.“ -  "Das 'Volk' gibt es nicht mehr. Jeder ist bürgerlich geworden. Denn jeder liest seine Zeitung.“ -„Die Welt hat sich seit Jesus Christus weniger verändert als in den letzten dreißig Jahren.“ "Das Geld" ist eine leidenschaftliche Anklage gegen die „moderne Welt“ des kapitalistischen Bürgertums, das die Welt des „alten Frankreichs“ zunichte gemacht und unter die Vorherrschaft des Mammons gestellt hat. Péguy sieht dieses alte Frankreich verkörpert in den einfachen Menschen, den Arbeitern und Bauern, die sich in einer seit der Antike ununterbrochenen Tradition in eine fromme und arbeitsame „Armut“ gefügt haben, in jene „dumme Moral“, die das tägliche Brot sicherte und ein zufriedenes Leben ermöglichte. Eine Moral, die sich für Péguy vor allem im Ethos einer (frei nach Marx) „unentfremdeten“ Arbeit manifestiert, die ihren Wert in sich selbst trägt, in der Würde und Ehre „des gut gemachten Werks“, sei dies ein mit Stroh bespannter Stuhl oder die Kathedrale von Chartres: „Die Arbeit war ihre ureigenste Freude, die tiefreichende Wurzel ihres Daseins.“  "Das Geld" ist eine mitreißende, verklärende Apologie des verwurzelten, traditionellen, asketischen Lebens!

 

Wahr:

Ryszard Legutko: Der Dämon der Demokratie. Totalitäre Strömungen in liberalen Gesellschaften188 S., gebunden, 23 €

Wer sich schon mal gefragt hat, warum gerade die lautesten Trompeter von „Demokratie“ und „Pluralismus“ so geistig verödete und prosekutorisch gesinnte Gestalten sind, der wird in diesem scharfsinnigen Buch des polnischen Philosophen Ryszard Legutko eine Menge schlagender Antworten finden. Ausgerechnet die westliche liberale Demokratie, die sich als großer Gegenentwurf zu den totalitären und autoritären Gesellschaften der Vergangenheit und Gegenwart sieht, hat sich inzwischen selbst zu einer „soften“ Variante des Totalitarismus gemausert. Der Grund liegt in der Mutation des liberalen Systems zur Utopie, die, wie Legutko systematisch nachweist, starke Wesensähnlichkeiten zur Ideologie und Praxis des Kommunismus hat. Wir haben nun einen „Erlösungsliberalismus“, dessen Ziele wie die des Kommunismus auf radikal egalitären Prämissen basieren und mit einer ähnlich krypto-religiösen Inbrunst verfolgt werden. Der ursprüngliche liberale Gedanke wird in der utopischen Form der „liberalen Demokratie“ ad absurdum geführt, da es in ihrem Machtbereich nichts mehr geben soll, was nicht „liberal“ oder „demokratisch“ oder „liberal-demokratisch“ ist, wobei diese Begriffe genauso fix kodiert und fetischisiert sind wie jener des „Sozialismus“ im Kommunismus. Ein Augenöffner, der Klarheit und Orientierung schafft!

 

Schön:

Emily Dickinson: Sämtliche Gedichte, 1408 Seiten, gebunden,  49.90 €

Mein Lieblingsbuch des letzten Jahres, das in mir eine regelrechte Emily-Dickinson-Obsession ausgelöst hat: Die erste vollständige zweisprachige Ausgabe der rund 1800 Gedichte der enigmatischen amerikanischen Dichterin (1830-1886) als dicker Dünndruck-Band. Zu Lebzeiten wurden nur sehr wenige Gedichte von ihr veröffentlicht, und es sollte fast ein Jahrhundert vergehen, bis sie in ihrer originalen Form publiziert wurden, samt ihren eigenwilligen, den Rhythmus zerhackenden Interpunktionen und Großschreibungen. Die exzentrische, ketzerische Puritanerin aus Amherst/Massachusetts gilt zu Recht als "eine der erstaunlichsten Gestalten der Literaturgeschichte" (so die Übersetzerin Gunhild Köbler). Zu ihrer Zeit gab es niemanden, der so schrieb wie sie, und ihr Ton ist derart unverwechselbar, daß Epigonentum schier unmöglich ist. Ihre stärksten Gedichte sind vulkanisch und eisig, tragisch und ironisch, makaber und fröhlich, stoisch und aufbegehrend, grausam und gütig zugleich. Besonderes Vergnügen bereitet es, zu sehen, wie Kübler diese oft überaus schwierige Sprache gemeistert und ins Deutsche übertragen hat. Wermutstropfen ist der häßliche Umschlag mit dämlichen Klecksen von Cy Twombly!


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (11)

Hesperiolus
13. Dezember 2017 11:06

Umfaßt dieser Dickinson Band nicht sogar 1 408 Seiten?  Die mir vorliegende ältere, zweisprachige Dünndruckausgabe von 2006 mit Übertragungen von Kübler ist nur eine Auswahl (auf 561 S.). Auch dies ein schöner Band. Sehr selten kommt Beachtliches aus Nordamerika, Dickinson gehört ohne jeden Zweifel dazu! Auch Legutko und Péguy sind wichtige Empfehlungen; auf diesem Kurs möchte man die Sezession sehen.

ML: Ah, das war ein Tippfehler, korrigiert!

Maiordomus
13. Dezember 2017 11:52

Charles Péguy wurde im deutschen Sprachraum vor allem durch den Theologen Hans Urs von Balthasar (1904 - 1988) vermittelt, war in der Balthasar-Schule viel gelesen, so hat zum Beispiel der vor rund einem Vierteljahrhundert verstorbene Paul Gregor über ihn doktoriert. "Das Geld" bleibt natürlich ein gewaltiges poetisches Thema, vgl. den besten Text aller Zeiten darüber, den Usura-Canto von Ezra Pound, perfekt ins Südtirolische übersetzt von dessen Enkel Siegfried von Rachewiltz. Ein Problem der Poeten seit Ovid bleibt indessen, dass Sie das Geld, das sie von Gönnern gern in die Hand nehmen, mit biblischer Mammonverachtung bedenken, vgl. auch Brecht und Dürrenmatt, bei denen hier Dichtung und eigene Lebenspraxis, wie u.a. Günter Anders festgestellt hat, weit auseinanderklafften. Das Geld ist eigentlich viel unschuldiger als es von seinen Kritikern hingestellt wird, Wilhelm Röpke war insofern der bedeutendste Ethiker des Geldes, weil er wie kein zweiter den mangelnden Respekt vor dem Geld angeprangert hat, siehe die bekannten sozialistischen Sprüche, lieber möglichst viel Inflation als Arbeitslosigkeit, als ob nicht beides Hand in Hand einhergehen könnte. Zu den Politikern, die sich eher noch vernünftig über das Geld geäussert haben, möglicherweise mit mehr Sachkenntnis als Péquy, zähle ich Franz Josef Strauss selig in Deutschland sowie Hans Letsch und Christoph Blocher in der Schweiz, die letzteren beiden waren und sind gläubige Protestanten. Auch Hayek und Friedman haben nicht nur dumm über das Geld reflektiert. 

RMH
13. Dezember 2017 12:07

"Wir haben nun einen „Erlösungsliberalismus“, dessen Ziele wie die des Kommunismus auf radikal egalitären Prämissen basieren und mit einer ähnlich krypto-religiösen Inbrunst verfolgt werden."

Ich hätte diese heutigen Phänome jetzt eher unter den Begriff des Kulturmarxismus eingeordnet, der ja bekannt dafür ist, dass er sich ein falsches, liberales Deckmäntelchen umhängt, um sich in die Gehirne der Menschen besser einschleichen zu können. Zur Diskreditierung des klassischen Liberalismus, wie er in der Buchempfehlung ja richtig beschrieben wird, würde es mir ganz persönlich nicht ausreichen. Wie auch immer, ad fontes, Buch wird gekauft, dann weiß ich mehr ...

Hesperiolus
13. Dezember 2017 13:45

@ Maiordomus

Nicht dumm, sondern als Schüler Mandevilles ("private vices, public benefits") waren Hayek und Fridman durch und durch bösartig. Zu Lichtmesz Buchvorstellung fällt mir auch die morphologische Geldauffassung  Spenglers (Geld euklidisch, faustisch usw.) ein:

"Es geht ein Verzweifelungskampf durch die Wirtschaftsgeschichte jeder Kultur, den die im Boden wurzelnde Tradition einer Rasse, ihre Seele, gegen den Geist des Geldes führt."

Gegen das Geld stehen und zirkulieren, eine interessante Zusammenstellung, dann: das Recht und das Blut:

"Die privaten Mächte der Wirtschaft wollen freie Bahn für die Eroberung großer Vermögen. Keine Gesetzgebung soll ihnen im Wege stehen. Sie wollen die Gesetze machen, in ihrem Interesse, und sie bedienen sich dazu ihres selbstgeschaffenen Werkzeugs, der Demokratie, der bezahlten Partei. Das Recht bedarf, um diesen Ansturm abzuwehren, einer vornehmen Tradition, des Ehrgeizes starker Geschlechter, der nicht im Anhäufen von Reichtümern sondern in den Aufgaben echten Herrschertum jenseits aller Geldvorteile Befriedigung findet. Eine Macht lässt sich nur durch eine andere stürzen, nicht durch ein Prinzip, und es gibt dem Geld gegenüber keine andere. Das Geld wird nur vom Blut überwältigt und aufgehoben."

Solution
13. Dezember 2017 14:48

Das Buch von Legutko "Der Dämon der Demokratie" kann man bestimmt als eines der besten Bücher der letzten Jahre bezeichnen. Das Buch hat das Tor für eine längst überfällige Debatte aufgestoßen. 

Dabei ist es auf hohem Niveau geschrieben und trotzdem gut lesbar. Es ist als Geschenk nicht nur für Gleichgesinnte gut geeignet.

Man wünscht sich mehr Leute vom Schlag eines Legutko bei PIS, für die er polnischer Europa-Abgeordneter ist.

Cacatum non est pictum
13. Dezember 2017 15:32

@RMH

"Ich hätte diese heutigen Phänome jetzt eher unter den Begriff des Kulturmarxismus eingeordnet, der ja bekannt dafür ist, dass er sich ein falsches, liberales Deckmäntelchen umhängt, um sich in die Gehirne der Menschen besser einschleichen zu können."

Das ist eine Definitionsfrage. Legutko verwendet vornehmlich den Begriff liberaldemokratisch. Und er beschreibt, wie sich die Systeme Liberalismus und Demokratie zu einer Ideologie verschmolzen haben, die heute immer öfter realsozialistische Resultate hervorbringt. Als ehemaliger Widerständler im kommunistischen Polen hat Legutko ein feines Näschen für derlei Parallelen.

Der klassische Liberalismus hatte den freien Menschen als Vertragspartei im Auge. In der liberalen Demokratie sind die politischen Parteien und die sonstigen Lobbyverbände zu Vertragsparteien aufgestiegen und bedienen sich des demokratisch verfaßten Staates, um ihre Gruppeninteressen durchzusetzen. Das wiederum schwächt den Staat in der Wahrnehmung seiner Kernaufgaben. Er, der Staat, streckt seine Fühler auf alle Gebiete des Alltagslebens aus, in denen sich diese Interessenverbände tummeln. Daher auch die immer weiter anschwellende Vorschriftenflut. Und weil die Gleichheitsideologie, die den Kommunismus getragen hat, auch das Leitmotiv der liberalen Demokratie ist, wird das Meinungsklima überall permanent stickiger. Äußerungen, die den egalitären Konsens in Frage stellen, werden staatlicherseits bekämpft - so, wie es etwa in der Sowjetunion und in deren Satellitenstaaten gang und gäbe war.

Das ist ein Kurzabriß von Legutkos Argumentation, wie ich sie verstanden habe. Die Lektüre ist auf jeden Fall lesenswert und erzeugt einige Aha-Effekte. Legutko ist Philosoph und Politiker zugleich. Das merkt man dem Buch an, denn es verbindet politische Beobachtungsgabe und gedanklichen Tiefgang. Einzig das Lektorat hätte stellenweise etwas weniger schlampig sein können. Unterm Strich würde ich mich der Kaufempfehlung von Herrn Lichtmesz anschließen.

Heinrich Brück
13. Dezember 2017 17:04

Geld ist unschuldig? Die Deutschen sind doch wahrlich ein fleißiges Volk. Und wo geht das Geld hin?

Aber Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt. Ein Vergleich:

Mohnanbaufläche 2000: 82172 ha

Mohnanbaufläche 2001: 7606 ha

Mohnanbaufläche 2002: 74000 ha

Mohnanbaufläche 2016: 201000 ha

Den Rest darf man sich denken.

Maiordomus
13. Dezember 2017 17:38

@Hesperiolus. "Durch und durch bösartig" betr. Hayek und Friedman. Erklären Sie mir die bösartigen Elemente im Buch "Der Weg zur Knechtschaft", in 1. Auflage und in deutscher Uebersetzung von Eva Röpke erschienen im Verlag Eugen Rentsch 1945, 3. Auflage 1974, ferner erläutern Sie mal vor der Leserschaft von hier den Unterschied von Friedmans Philips-Kurve in der Geldmengenpolitik im Vergleich zur Keynesschen Geldmengenpolitik, studieren Sie das mal ein paar Monate und dann kommen Sie wieder mit Ihrem plapperhaften "bösartig", das sind Kriterien der Antifa, die in diesem Punkt übrigens in der Regeln ein ähnliches Feindbild haben. Auch Marx und Engels können mit der Vokabel "bösartig" nicht qualifiziert kritisiert werden, nicht einmal Lenin und schon gar nicht Machiavelli oder gar Adam Smith, der Erfinder des Kapitalismus als Theorie. Mit vorsätzlichem Dummbleiben und Nachplappern von Polemik erreicht man bestenfalls das Niveau von Herwig Münkler in der Kritik an dem ihm von der wissenschaftlichen Lebensleistung wohl doch überlegenen Sieferle. Die Probleme, die mit dem Geld zusammenhängen, existieren unabhängig von Feindbildressentiments und können so auch nicht gelöst werden, wiewohl auch unter gehobenen Spezialisten gegenseitige Polemik nicht unüblich ist, etwa im Zusammenhang der Umstrittenheit von Keynes. Selbst dessen berüchtigter Satz "In the long run we all are dead" müsste wohl in die Proportionen seiner Entstehungszeit gerückt und dadurch relativiert werden, weil der Satz tatsächlich aus einer Zeit stammt, da im Sinn von Carl Schmitts Theorie der politischen Krise im dezisionistischen Sinn schnell gehandelt werden musste. Und selbst was allenfalls falsch ist an der Theorie etwa von Friedman, es wird, wie die Theorie von Keynes, bestenfalls dann hoffentlich als Grenzfall in eine neue bessere Theorie eingehen. Klar, ist das Geld Biertischthema, ich finde indes den Buchtipp von Lichtmesz eher als Empfehlung, darüber hinaus zu kommen.

Maiordomus
13. Dezember 2017 21:13

 

   
   
  Es wäre keine Kleinigkeit, Geldschöpfung und das Geldsystem zu verstehen versuchen.
Vieles ist nämlich anders, als es der Biertisch und auch eine Vielzahl von Ökonomen denken.

«Es hat sich für Ökonomen als äusserst schwierig herausgestellt, zu erkennen, dass Bankkredite und Investitionen der Banken Geld schaffen.»
Joseph Alois Schumpeter, was jedoch durchaus als Lehrmeinung zu betrachten ist.

Die Aargauer Kantonalbank erklärt mit Prof. Dr. Mathias Binswanger die Geldschöpfung:

https://www.akb.ch/documents/30573/89695/wie-banken-geld-schaffen.pdf/49d9b11c-eeb9-5a15-e5cd-bb7d5558bcd6?version=1.1

 

Hesperiolus
14. Dezember 2017 14:10

@ Maiordomus  "Durch und durch bösartig" ist der den ordo naturae verkehrende und die Zielbestimmung des Menschen pervers schändende Grundgedanke des genannten Prinzips. "Man könnte auch den so nennen", nämlich "Teufel", plappert kein Antifant, sondern Wilhelm Traugott Krug in seinem "Allgemeinen Handwörterbuch der Philosophischen Wissenschaften", "welcher die Laster wegen ihrer angeblich guten Folgen in Schutz nimmt, wie der Verfasser der sogenannten Bienenfabel." und eben auch seine Schüler, sogar explizit. Herder nennt dieses Machwerk in seinen Adrastea eine "teuflische Schöpfung", Zeitgenossen haben von seinem Verfasser als "Man-devil" gesprochen. Und zum Bier; wie es bei EJ steht, blieben auch die alten Christen des Nordens "gewaltige Biertrinker, doch durfte kein Gode die Finger am Bräu gehabt haben." Ein "Bieriger" war auch Luther (darüber irgendwo bei Grisar oder Denifle). Aber damit genug, und im Übrigen möchte ich Ihre kundigen Beiträge nicht missen!

Solution
15. Dezember 2017 00:13

Schön, wenn hier so intensiv diskutiert wird. Haben Sie auch ein Paar Zeilen für eine Amazon-Rezension? Die Etappe mag interessant sein, doch die Front braucht Sie!

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