Sonntagsheld (41) – Der Schöne, Teil 1

Eine etwas andere Empfehlung:

 Gastbeitrag

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Wie manch’ ande­ren bat Kol­le­gin Kositza auch mich vor eini­gen Tagen um ein paar Buch­emp­feh­lun­gen zum Weih­nachts­fest. In Anbe­tracht mei­ner umfäng­li­chen Unfä­hig­keit mich für eine ent­spre­chend spar­sa­me Aus­wahl an Titeln zu ent­schei­den ließ ich die Bit­te einst­wei­len rechts lie­gen. Nun hat mich das schlech­te Gewis­sen doch gepackt und des­halb rei­che ich nach, aller­dings auf Sonntagsheldenart.

Will sagen: Von mir gibt es nicht nur Buch­emp­feh­lun­gen, son­dern gleich den gan­zen Autoren, mit Haut und Haa­ren, mit stür­mi­schen Jugend­auf­zei­chun­gen und hie­ro­gly­phi­schem Spätwerk.

Den Ein­stieg macht gleich mal ein unver­zicht­ba­res lite­ra­ri­sches Schwergewicht.

Das Vul­gä­re an den Wer­ken von Her­mann Hes­se ist, dass sie zu gro­ßen Tei­len auto­bio­gra­phisch sind. Zumin­dest lernt man das in der Schu­le und so ist man als Leser rascht ver­sucht, bei der Lek­tü­re aller­lei qua Küchen­psy­cho­lo­gie erkann­te Neu­ro­sen und Trau­ma­ta aus dem Text her­aus­zu­freu­dia­ni­sie­ren. Eine all­zu ana­ly­ti­sche Her­an­ge­hens­wei­se ist dem Lese­ge­nuss indess meist abträg­lich und des­halb möch­te ich einen ande­ren Ansatz vorschlagen.

Neben Eichen­dorff und Hei­ne war Hes­se in jun­gen Jah­ren für mich fast ein Hei­li­ger, jeden­falls ein will­kom­me­ner Pfad abseits des Weges all­seits ange­prie­se­ner “Jugend­li­te­ra­tur” und Fan­ta­sy­ro­ma­ne, den ich beschritt, so oft mir eines der begehr­ten Büch­lein in die Hän­de fiel. Man­ches ver­schlang ich gie­rig und unge­fil­tert (so zum Bei­spiel die Klas­si­ker “Unterm Rad” und “Der Step­pen­wolf”), ande­res führ­te ich mir mit der über­heb­li­chen Ernst­haf­tig­keit eines 16-Jäh­ri­gen zu Gemü­te (beson­ders “Demi­an”) und eini­ge Titel las ich kurz an, nur um sie dann ver­stau­ben zu las­sen (“Sid­dhar­tha”).

Nun ist das hes­se­sche Opus im Gro­ßen und Gan­zen eine Lek­tü­re, die es mit dem Her­an­wach­sen­den sehr wohl meint. Will sagen: Die Iden­ti­fi­ka­ti­ons­flä­chen sind groß, rasch fin­det man sich wahl­wei­se in der Figur des geleh­ri­gen bis in den Tod getriez­ten Sen­si­bel­chens wie­der, oder aber im jun­gen Heiß­sporn, der in einer von Hes­ses unzäh­li­gen Kurz­ge­schich­ten all­zu­mensch­li­che Aben­teu­er im Heu­scho­ber verlebt.

Das alles ist fast ein Jahr­zehnt her, Hei­ne fin­de ich inzwi­schen ganz fürch­ter­lich (das legt sich bestimmt wie­der, wenn ich alt genug bin, um sei­ne ästhe­tisch-Ess-Tee-Tisch-Schen­kel­klop­fer wie­der lus­tig zu fin­den) und mit Eichen­dorff beschäf­ti­ge ich mich nur noch in Men­dels­sohns Vertonungen.

Hes­se aber ist irgend­wie geblie­ben und dabei hat sich der Kanon der Bücher, die ich von ihm lese nur unwe­sent­lich ver­än­dert: In unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den der Step­pen­wolf, gele­gent­lich Demi­an, oder Peter Camenzind. Mit Abstand am häu­figs­ten neh­me ich jedoch zu mir das unschein­ba­re Bänd­chen Wan­de­rung, wel­ches ich damals im Anhang zu mei­ner Aus­ga­be des Demi­an fand. Es steht gleich­be­rech­tigt neben ande­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen mit eben­sol­chen Aller­welts­na­men wie Heu­mond, oder einem klei­nen Büch­lein mit dem Titel Jedem Anfang wohnt ein Zau­ber inne.

Wes­halb die­ses Buch – das wuss­te ich anfangs gar nicht so genau. Es han­delt sich bei der Wan­de­rung um eine rela­tiv will­kür­li­che Samm­lung an Gedich­ten und kur­zen bis sehr kur­zen Auf­sät­zen mit Betrach­tungs­cha­rak­ter. Kein Schmö­ker also in den man sich beson­ders tief ver­sen­ken kann, kein Roman, der einen den gan­zen Tag gefan­gen nimmt, kei­ne ver­strick­te Erzäh­lung, über die man noch wochen­lang nach­denkt. Und doch: Inhalt­lich bis ins Wesent­lichs­te tri­vi­al war die­ses Buch für mich tat­säch­lich nichts ande­res als eine wirk­sa­me Medizin.

Genau das ist also auch der Rat mit dem ich es an die­ser Stel­le bewen­den las­sen möch­te: Her­mann Hes­ses ein­fa­che Betrach­tun­gen eig­nen sich nicht zum Nach­den­ken. Sie tau­gen nicht für ein Uni­ver­si­täts­se­mi­nar, wohl aber dazu, einen bis zum nächs­ten Mor­gen durch­zu­brin­gen. Ich habe des­halb immer ein Buch von Hes­se in mei­ner Rei­se­apo­the­ke und ich emp­feh­le jedem Leser es mir nach­zu­tun und sei es nur, um zur Abend­stun­de noch einen ver­träg­li­chen Schluck deut­sche Lyrik als Absa­cker zu sich zu neh­men, nach­dem man sich einen Tag lang von den Öffent­lich-Recht­li­chen hat voll­kot­zen lassen.

Übri­gens: Ein Werk habe ich bewusst aus­ge­las­sen: Nar­ziß und Gold­mund ist so ein Buch, dem ich damals rich­tig ver­fal­len bin. Ich lese es so häu­fig wie mög­lich, war­te also regel­recht gie­rig die Zeit ab, die es braucht, um die unwe­sent­li­chen Inhalt einer Lek­tü­re ver­blas­sen zu las­sen, bevor ich mich wie­der in das Buch stür­ze, immer mit der Sor­ge es mir die­ses Mal end­gül­tig zu ver­der­ben, oder über­zu­le­sen. Auch hier selbst­ver­ständ­lich: Abso­lu­te Lektüreempfehlung.

 Gastbeitrag

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Kommentare (12)

Franz Bettinger

11. Dezember 2017 01:04

Autobiographisches ist vulgär? Hermann Hesse (der Mann, nicht der Autor) war für mich stets eine komische Type, auch von der Erscheinung her, irgendwie verklemmt. Probleme mit den Weibern? Mit was sonst! Vielleicht liege ich ja falsch. Anscheinend hat er das Unerfüllte in ihm in den Werken kompensiert und da seine Träume ausgelebt. Hesse ist natürlich ein ganz großer, kein Zweifel. Das Beste an seinem Werk ist der unaufdringliche Stil, die Kunst, etwas zu erzählen. Es stimmt schon, was Herr Wessels schreibt: Hesse gehört in den Rucksack. Er ist Opium für die Seele.

Monika L.

11. Dezember 2017 10:34

@Franz Bettinger

Nein, Sie liegen mit Ihrem Gefühl nicht falsch ! Ich habe jetzt zu meiner rororo Hesse Biographie gegriffen. Da ich die Angewohnheit habe, passende Zeitungsausschnitte in Bücher zu legen, kam mir eine Erinnerung, Tatsächlich fiel mir beim Durchblättern ein FAZ Ausschnitt entgegen. Ein Gespräch von Johanna Adorjan mit Edzard Hausmann. Dessen Vater Erich Haussmann war mit Ruth Wenger verheiratet. Ruth Wenger war zuvor die zweite Frau von Hermann Hesse. Edzard Hausmann im Interview: " Meine Mutter war ein wunderschönes Mädchen, sie war hochgebildet, mit ihren zwanzig Jahren gebildeter als Hesse, der viel älter war als sie.....Sie haben sich sehr geliebt, nur konnten sie nicht zusammen leben. Also er konnte das nicht. ....Er war ein unglaublicher Egomane und Egozentriker. Und er hatte nichts mit der Sexualität im Sinn. Meine Mutter sagte, es sei immer eine Zeremonie gewesen. Erst setzte er sich in seinen Sessel und musste eine Zigarre rauchen, dann zog  er sich langsam aus. Muss grauenvoll gewesen sein." 

Soviel zu den literarischen Sonntagshelden. Natürlich habe ich in meiner Jugend Hesse verschlungen und war hin und und weg. Das vulgärbiographische sollte man den Schülern vorenthalten. Damit der Zugang zur Literatur unbefangen bleiben kann. Die " Ernüchterung" kann später kommen. Ähnlich ist es mit Rilke. Wunderbare Liebesgedichte, im Umgang mit Frauen eher ein " Kotzbrocken". Auch Ernst Jünger erscheint mir nicht sehr frauenfreundlich.

Tolle Gedichte und tolle Männer sind zweierlei:

https://m.youtube.com/watch?v=_LaACP5GMUg

 

Hesperiolus

11. Dezember 2017 12:38

Für den Zweck einer Reiseapotheke und mithin klinische Lektüre leider zu schwergewichtig ist ein 1838 Seiten starker Suhrkamp Quarto Band mit den Hesseschen Erzählungen und Märchen. Darin auch "Ein Abend bei Doktor Faust" von 1927 mit der inzwischen über alle Maßen bewahrheiteten Vision der "belialischen" Phonosphäre dieses Weltirrenhauses. Wer Gerhard Nebels "Ausonische Erde" zur Hand hat, findet in dem Eintrag zum 16.2.1944 eine drastische Kurzkritik zu "Narziß und Goldmund", die man nicht teilen muß.

Simplicius Teutsch

11. Dezember 2017 20:48

Dass heutzutage ein junger Mann, wie Sie Herr Wessels, den Literaten Hermann Hesse so hoch herausstellt, überrascht mich – freudig. Ich bin ja eine Generation älter und habe mein Interesse für Literatur nicht in der Schule, sondern erst ganz kurz nach dem Abitur entdeckt. Maßgeblich und initial zündend war hier Hermann Hesse. Sie nannten schon die auch für mich wesentlichen Werke, die ich, einmal mit dem Lesen angefangen, ich glaube mit Narziß und Goldmund, nacheinander innerhalb von wenigen Wochen, ja Tagen, im Buchladen gekauft und verschlungen habe.

 Hesse hat mit einfachen, klaren, verständlichen Worten Bilder gemalt, die mich berührten, ergriffen und meinen Blick auf die Welt schärften und intellektuell erweiterten. Bis dahin war ich ein im Verein leidenschaftlich Fußball spielender Gymnasiast, der nebenher einfach nur sein Abitur schaffen wollte.

Spontan kommt mir jetzt „Demian“ in den Sinn und hier vor allem das Elternhaus des kleinen Helden, dessen Eltern so brav, bescheiden, fleißig und immer zuverlässig für die Familie und ihre Kinder da waren … So waren meine Eltern auch, mindestens vom Ansatz und Bemühen her. Und ich war zwar kein Emil Sinclair. Aber während der Lektüre schon. Und dann war es ja auch furchtbar spannend, wenn ich mich recht erinnere.

 

Nemo Obligatur

11. Dezember 2017 22:03

Hesse ist ein grauenvoller Langeweiler. Geradezu unerträgliche Reflexionsliteratur, völlig humorlos. Den überlasse ich lieber dem germanistischen Oberseminar und greife zu Kempowski (der wird sowieso sträflich unterschätzt). Seine Bände stehen bei mir griffbereit im Regal. "Narziß und Goldmund" habe ich vor Jahren schon ins Altpapier gegeben.

Sabine

12. Dezember 2017 10:54

@NemoObligatur: "Narziß und Goldmund" habe ich vor Jahren schon ins Altpapier gegeben.

Nur ein kleiner Tip, falls Ihnen wieder mal danach ist, ein Buch ins Altpapier zu geben,stellen Sie es lieber in einem öffentlichen Bücherschrank ein. Dort findet man neben Konsalik und grausligen Frauenromanen oft wahre Schätze, wie z.B. etwas von Hesse, von dem ich ein kleines Bändchen mit Gedichten aus so einem Bücherschrank habe.  Es hat nun mal nicht jeder den gleichen literarischen Geschmack.

 

W. Wagner

12. Dezember 2017 12:07

Wenn man Hesse nennt, darf ich - ich tat das schon mal auf einer Veranstaltung des IfS - wieder einmal Ernst Wiechert ins Gespräch bringen. Diese Empfehlung geht auch an Till-Lucas Wessels direkt. Wiechert schrieb eben nicht - wie oft behauptet - für Küchenmädchen. Seine Haltung nach dem Krieg wird oft kritisiert, mir bewusst. Dennoch steht da auch sein Werk “Missa sine nomine”, das sehr feinfühlig die verschiedenen Schicksale durch den Krieg hindurch anhand dreier Brüder nachzeichnet.

Es wäre tatsächlich interessant zu sehen, wie eine jüngere Generation auf ein Buch wie “Das einfache Leben” mit seinen eigenartigem Gesprächen reagiert. Wiecherts Reden an die Jugend vom Anfang der 1930er Jahre nicht zu vergessen. 

Ein widerständiger Geist war er allemal.

Stil-Blüte

12. Dezember 2017 14:53

 

@ Monika L. 

   Manchmal bin ich froh, keine intimen Details über die Kultur-Größen, über unsere (Sonntags-)-Helden zu kennen. Da halte ich es mit der Klugheit von Goethe, der alles, was zu nah an seinem Persönlichen dran war, kategorisch vernichtete (autodafe ).Thomas Mann hat es auch getan. Möchten wir denn selbst wollen, daß über uns irgendwelche Indiskretionen 'herauskommen'?  Garantiert hat sich HH sein Leben selbst nicht leicht gemacht. Ein 'K...' ? Ist mir nie ein- bzw. aufgefallen. Aufgefallen ist mir hingegen, daß er ein außergewöhnlich großzügiger,  hilfsbereiter und wirklich tatkräftiger Freund, Förderer und Beschützer vieler bedrängter Zeitgenossen war.  Übrigens jauch ein 'Gärtner aus Liebe'.

Daher, wenngleich verspätet,  ein Gruß dem Sonntags-Helden! 

   Erstaunlich an Hermann Hesse bis dato ist, daß sich junge Leute die üblicherweise Phantasy -Schinken verschlingen, Esotherisches und sanfte Drogen lieben, immer auch noch Hermann Hesse einverleiben.  

Wie Till-Lucas Wessels schon sagt, eignen sich HHs dünne Bändchen - ein Inselbändchen ist z. B. mit seinen Gartenaquarellen geschmückt -  im besten Sinne zur Er-Bauung.  

Obwohl es dem Advent-Lichtern widerspricht, kann ich es nicht lassen, uns ein melancholisches Hesse-Gedicht ins Gedächtnis zu rufen:

 

Im Nebel 
 

Seltsam, im Nebel zu wandern! 
Einsam ist jeder Busch und Stein, 
Kein Baum sieht den andern, 
jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt, 
Als noch mein Leben licht war; 
Nun, da der Nebel fällt, 
ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise, 
Der nicht das Dunkel kennt, 
Das unentrinnbar und leise 
Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern! 
Leben ist Einsamsein. 
Kein Mensch kennt den andern, 
Jeder ist allein. 

Stil-Blüte

12. Dezember 2017 14:57

P. S. 

Ich habe inzwischen eine stattliche Liste 'verbrannter Wörter'. Alles, was mit dem Stamm -kotz- zusammenhängt, habe ich in die Liste aufgenommen. 

Monika L.

12. Dezember 2017 16:56

@Stil-Blüte

Natürlich möchte man die intimen Details über die Kultur-Helden eigentlich nicht wissen. Ein solcher Kultur-Held war und ist für mich immer noch Tolstoi. Die Erzählung " Der Tod des Iwan Iljitsch " hat meinen Blick auf Leben und Tod früh geprägt. Viel mehr als Hesses Siddharta. Irgendwann als Jugendliche lieh ich in der Höchster Farbwerksbibliothek mal die Tagebücher von Sofia Tolstoi aus. Und war schockiert. Wirklich schockiert. Hätte sie besser geschwiegen ? Auf die Kreutzersonate hat sie reagiert mit dem Büchlein " Eine Frage der Schuld" . Fünfundsiebzig Jahre nach ihrem Tod wurde dieses Büchlein " entdeckt' und übersetzt. Man reift vielleicht selbst mit seinen literarischen Helden. Was man in der Jugend gut fand, das muß man im Alter  nicht mehr mögen..... Auch wenn gilt: "Mit der Reife wird man immer jünger" ( Hesse), 

Stil-Blüte

12. Dezember 2017 23:08

@ Monika L.

Jawohl 'Mit der Reife wird man immer jünger' (Hesse). Das gilt!

Ähnlich wie Ihnen ist es mir in späteren Jahren ergangen. Meister:  Tolstoi 'Anna Karenina' (s. o..), Fontane 'Effie Briest', (heimlich 2 uneheliche, vernachlässigte Kinder), Flaubert 'Madame Bovary' (exzessiver Bordellbesucher), Ingeborg Bachmann (berührt Männer heimlich unterm Tisch)

Was treibt uns an, Berühmtheiten nachzuschnüffeln? Gut ist, zu erfahren, daß beim Lesen des geliebten Meisterwerks dererlei Fragen verschwinden. Dann gilt ausschließlich das Werk. In der Musik dasselbe: Mozart, Beethoven, Karajan... Die Übereinstimmung Person, Werk, Persönlichem steht wahrscheinlich wirklich nur Heiligen zu. 

 

Franz Bettinger

13. Dezember 2017 01:42

@ Monika:

Danke für den interessanten Kommentar zu Hesses Verhältnis zu Sex und den Frauen.

@ Franz Bettinger:

Korrektur: Das Vater-Unser stammt natürlich aus dem Neuen Testament.

@ Stil-Blüte:

Danke für den Nebel. Großartiges Gedicht! Sie haben recht. Wehe man ist ein Genie! Dazu:

Mit dem Aufkommen der Jakobiner, den ersten Linken, wurde 1789 die Gleichheit aller Menschen verkündet, ja heilig gesprochen. Égalité! Gleich sollten alle fortan sein, da Noblesse, Kultiviertheit und Bildung für den Durchschnitts-Plebejer nicht einfach zu haben waren, nahm man mit dem sicheren Instinkt des gekränkten Haufens sich die Besseren vor und köpfte sie. Von nun wurde gegen jeden Ausreißversuch Einzelner Front gemacht. Das Tall Poppy-Syndrom war erfunden. Den Blumen, die schöner waren und höher wuchsen als die Masse der anderen, schlug man die Köpfe ab nach dem Motto: Ein ebenes Feld von Gleichen sollt ihr sein. Wehe, man war ein Genie.
Pathologen und Psychologen machten sich fortan an die Arbeit, das Schlechte im Genie bloßzulegen. Die zu kurz Gekommenen fanden, was sie suchten: dass auch Mozart und Goethe nicht auf allen Seiten poliert waren. Da kamen sie an, die Unsterblichen, in Pantoffeln mit Tabaksaft auf den Rockschößen, schnarchend von übel riechenden Hunden umgeben, einer Frau verfallen oder dem Spiel oder dem Suff, die eigenen Kinder in Heime steckend, mehrfach geschieden, unglücklich verliebt, zurückgewiesen, fremdgehend, polyamourös, jähzornig, angeberisch, ein Säufer und Mörder, bankrott, von Neid zerfressen, im Irrenhaus gelandet, an der Syphilis leidend; so standen sie entblößt vor dem johlenden Volk, die Rousseaus und Tolstois, die Picassos, Hemingways und Nietzsches. Die Masse betrachtete befriedigt das Ergebnis. Endlich! Endlich brauchte man kein Minderwertigkeits-Gefühl mehr zu haben!

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