11. Dezember 2017

Das war’s. Diesmal mit: Pädagogik, Pfosten, Popmusik

Ellen Kositza / 16 Kommentare

Gemeinsame Erfahrung: Unsere Kinder erzählen von haarsträubenden Schuldialogen. Meist geht es darum: Ideologie schlägt Empirie. Niedergeschlagen sind dann oft genug die Kinder, die ganz genau wissen, daß zwei mal zwei eben nicht hundertfünfundzwanzig ist, auch wenn es darauf die volle Punktzahl gegeben hätte – wenn auch nicht grad in Mathe.

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wir Mütter dann oft zu den Kindern, die von den Auseinandersetzungen berichten: „Absurd! Du hättest doch einfach, und zwar ohne Dich argumentativ besonders vorzuwagen, XYZ entgegnen können!“

 Unsere Kinder dann: „Ja. Klar. Aber das würden die trotzdem nicht kapieren. Die leben in einer Welt, wo Logik nicht viel zählt.“ 

Puh, ich kenne das Problem mit der Hypermoral aus meiner eigenen Jugend. Man mußte schon in den Neunzigern ein bißchen närrisch veranlagt und besonders temperamentvoll sein, um in der Schule mit Vorliebe offen anstößig zu sein. Diese Eigenart vererbt sich nicht automatisch. 

Zwei hübsche Beispiele von heute. Erstens: Sohn berichtet aus Bio. Gefragt wurde nach dominant/rezessiv. (Es war mitnichten die Einführungsstunde zum Thema.) Inwiefern und weshalb und wann spricht man von genetischer Dominanz? Schülerantwort: „Das ist eine Art gesellschaftlicher Übereinkunft. Was sozusagen gerade in Mode ist, wird als dominant bezeichnet.“

Zweitens: Tochter berichtet aus dem Kunstunterricht. Ein Mitschüler hat ein Bild verfertigt, worauf ein „AfD-Wahlzettel“ in den Müll geworfen wurde. Lehrer lobt den künstlerischen Mut. Tochter: „Was ist eigentlich ein AfD-Wahlzettel? Und ist das nicht ein bißchen arrogant?“ Lehrer bescheidet, das sei nun wirklich Haarspalterei.

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07. 12. 17 -- Im Nebenzimmer hocken drei oder vier Kinder und lärmen lachend herum. Eine Flimmerkiste läuft. Eigentlich handhaben wir Eltern das extrem restriktiv. Unsere Leser wissen das.

Gut, heute lasse ich mal fünfe gerade sein. So lange es keine Zoten sind und ich nicht wieder die berühmte Seife zum Mundauswaschen hervorholen muß!

Allerdings erscheint mir das dumme Gelächter der jungen Damen tatsächlich grenzwertig. Was gibt es denn da zu lachen, heutzutage? Ich höre unanständige Satzfetzen: „… oarnee, der Vollpfosten… ey, mit dem Typ kann man ja nur Mitleid haben…grenzdebil… man, merkt der‘ s noch ?“ 

Ich möchte nicht, daß sich meine Töchter mit grenzdebilen Vollpfosten beschäftigen.

Mein Ohr nähert sich der Tür. Jetzt entwerfen sie nebenan einen Slogan: „Tillschneider statt Till Schweiger!“  Diese Jugend.

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08. 12. 17 -- Diese sogenannten Kids sind wirklich sehr durcheinander. Im folgenden Fall nicht meine.

Eines meiner Kinder trägt im Nachmittagssport ein T-Shirt mit Deutschlandfarben, dezent, eine Art Fußballtrikot (ohne, daß es um Fußball ginge.) Sein Konkurrent (schwieriges Alter, alle beide) herrscht ihn an: „Du bist eh so einer! Hau mir ab mit Deinem fuck Deutschland-Trikot!“  Meiner: „Wieso? Was hast Du für ein Problem mit Deutschland?“

Der andere: „Deutschland ist Merkel! Doppeltscheiße! Du bist wohl Merkelfan, hä?“ Meiner: „?? Hab ich ein Merkel-T-Shirt an, oder was?“ 

Der andere, leicht drohend: „Deutschland ist am Arsch, und ich sag Dir eins: Mein Vater ist bei der AfD!“ 

Den weiteren mutmaßlich irren Dialog konnte ich nicht verfolgen. Hab nur mitbekommen, daß meiner und der andere sich nach dem Training abklatschten. Dann ist ja alles „in deutscher Hand“! Dunkeldeutschland, hehe.

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10. 12. 17 -- Hinter mir liegt ein qualitativ hochwertiges, insgesamt rührendes Weihnachtskonzert einer lokalen Institution. Soviel Sachverstand und Kreativität! Blüte unserer Zeit - es lebe die Kleinstadt! 

Kein Dach ohne -ach. Deshalb die Quizfrage, gestellt an eine imaginäre Rategemeinschaft: In welchem europäischen Land werden auf provinzieller Bühne im Advent anno 2017 folgende Lieder zu Gehör gebracht: Oh, how Joyfully,  Away in an Manger, I saw three ships, Santa Claus is Coming und (sic, das gibt es glaub ich auch auf deutsch) Night of Silence?

Deutschland? Fffast! Genauer: Dunkeldeutschland. Incredible.

--

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Kommentare (16)

sven h.
12. Dezember 2017 00:19

Frau Kositza, Sie habens noch gut. Ich wohne in einem ehelmals ansehnlichen Vorort von Nürnberg, welcher heutzutage nur schwer wieder zu erkennen ist. Wenn mein Sohn in 4 Jahren in die Schule soll, dann weiss ich nicht einmal ob Deutsch dort dann die vorherrschende Sprache sein wird. Für unsere Kinder wird es umso unerträglicher je jünger sie sind.  Zur Zeit geht er (weils die Mutter unbedingt will) in einen russischsprachigen Vorkindergarten. Stellen Sie sich vor dort gibt es nur "helle" Kinder, der Herkunfts ists geschuldet. Das lässt man durchgehen, vermutlich weils der Integration schadet (Nürnberger OB ist Schirmherr in dieser Einrichtung, also alles klar). Und jetzt stellen Sie sich das mal vor, ein Deutsches Kulturzentrum, in das nur deutsche Kinder gehen...undenkbar...was für ein bigottes Zeitalter.

P.S. Auf den Bildern von dort sieht mein Kleiner aus, wie ich damals in den 80ern. Mir grauts, wenn er in das muss was man einen normalen Kindergarten nennt.

Lotta Vorbeck
12. Dezember 2017 08:38

@Sven H. - 11. Dezember 2017 - 11:19 PM

Bestes Sommerwetter, auf dem flußbegleitenden Radweg radeln wir an Neiße und Oder entlang gen Norden. Die Ortschaften entlang des Weges wirken wie ausgestorben, wir haben den Radweg über Stunden hinweg für uns allein. Ab und an begegenen uns mittelalte Einzelradler, oder radfahrende Rentnergruppen.

In Mescherin (nahe der Klein(st)stadt Garz, wo die aus dem Frühsommer 1945 herrührenden Kriegsschäden auch im Jahre 2017 noch immer deutlich sichtbar sind) gerät eine ganze Rasselbande, blonder Kinder am Flußufer ins Blickfeld. Näher heran gekommen hört man die spielenden Kinder polnisch sprechen ...

Abraham-Siegfried
12. Dezember 2017 11:21

Wahr

Was wenn statt der Kinder schon Lehrer vom Stoff überfordert sind? So war sich die Lehrerin meines Sohnes, trotz anderer Hinweise durch ihre Schüler, sicher, dass Jesus Christ und kein Jude war. Schließlich heißt es ja Jesus Christus.

Gut

Wenn Geschichtsunterricht Zusammenhänge und Fakten als unwichtig, den emotionalen und individuellen, auf einen Aspekt reduzierten, Zugang als einzig richtigen betrachtet. So wird die Geschichte des 20. Jahrhunderts nur an einzelnen Erscheinungen erläutert. Der II. Weltkrieg fand statt. Wichtig ist jedoch über Einzelschicksale von Euthanasie, Konzentrationslagern oder Massakern in Gruppenarbeit die Ereignisse zu verstehen.

Schön

Wenn der Sohn keine Lust mehr auf Gespräche und Diskussionen mit seinen Altvordern hat, da die Argumente jener ziehen, jedoch im Widerspruch zu den Floskeln der „Peer group“ stehen. Es ist offenbar schwierig mit 16 Widersprüche aufzulösen und Position zu beziehen.

Maiordomus
12. Dezember 2017 16:01

@Abraham-Siegfried. Bedenkenswert, wie Sie auf den kaum wegzuleugnenden Kulturbruch zu reden kommen, vom Kindergarten bis hin zum Geschichtsunterricht, bei dem es wohl doch nicht so schlecht war, dass in früheren Generationen zum Teil am Gymnasium fast nur römische und griechische Geschichte vermittelt wurde, welche in den klassischen Texten durchwegs exemplarisch daherkommt, so wie Machiavelli im 16. Jahrhundert über die Discorsi zu Titus Livius zur Grundlegung der Politologie und der Politik gekommen ist, ohne welche er sein berühmtes Lehrbuch "Vom Fürsten" nicht hätte schreiben können, da ist selbst Carl Schmitt rührende Heimatliteratur dagegen.

 

Ja, das mit Jesus Christus, der noch nichts davon wusste, dass er Christ war und von dem wir das Vaterunser als mutmasslich sichersten eigenen Text haben, was aber eigentlich nach Tolstoi genügt. Der Papst hat soeben auf eine !Übersetzungsproblem desselben hingewiesen, dessen sich schon die althochdeutschen Schreiber und Luther bewusst waren, vgl. den "Sendbrief vom Dolmetsche Ich stellte mal an Abitur die Frage nach den Geboten Gottes, wobei dann ein Schüler steif und fest behauptete, es seien Fünf Gebote. Er verwechselte sie mit den Fünf Säulen des Islam, weil man im Religionsunterricht nur noch "Religionswissenschaft" durchnimmt, bei Gleichbehandlung aller Religionen und allerdings Unterdrückung des Katechismus, von dem die Schüler nicht mal mehr dessen Existenz kennen. Zu analysieren bliebe, warum in dem Ausmass, als man Geld in die sogenannte Bildung steckt, der Grad der Volksverdummung proportional zunimmt. 

Maiordomus
12. Dezember 2017 17:27

Es muss heissen: "Der Sendbrief vom Dolmetschen." Man solle, so der geniale Übersetzer Luther, den gemeinen Mann auf der Strasse, die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse fragen, wie sie "teutsch" reden und danach dolmetschen. Dabei waren die damaligen Einheimischen noch klar "native speakers", wie der Linguist sagen würde, sie hatten eine altautochthone Sprachkompetenz, wie vor Jahren in einem Tessiner Walserdorf ein zwölfjähriger Knabe, der mir für die Berghauswurz keinen anderen Namen sagen konnte als "Guggarsch-Harparu", Kuckucks-Kartoffel, als authentische Wortkenntnis ein ungeheurer, nicht mit einer Milliarde abzugeltender Reichtum über das Wissen der Vorfahren, das seit Generationen im Dorf als Namengut weitergegeben wurde. Die Zahl der Dorfgenossen, welche diese Sprache noch authentisch verwenden, ist unterdessen freilich unter das kritische Minimum gesunken.

Und es geht natürlich um "ein Übersetzungsproblem" beim Vaterunser, welches Papst Franziskus ansprach. Dieses ist indes bereits und längst in der Übersetzung des Vaterunsers ins Appenzellische gelöst, wo es sinngemäss heisst, "Lass uns uns nicht in Versuchung fallen", weil es in dieser Version klar ist, dass nicht Gott es ist, der uns vorsätzlich oder gar böswillig in die Versuchung führt. Dabei ist jedoch von Abänderungen des Originaltextes in den Evangelien unbedingt abzusehen. Eine der schlimmsten modernen Übersetzungen erlebte ich mal bei einem Trauungsgottesdienst, wo des Apostels Paulus Aufforderung an die Frauen, dem Manne "untertan" zu sein, mit "partnerschaftlich" übersetzt wurde. Dabei kennen die katholische Kirche und insbesondere die Jesuiten den Begriff des "vorauseilenden Gehorsams", was mit geknechteter Untertänigkeit in keiner Weise zu verwechseln ist. Natürlich sind biblische Begriffe im höchsten Grade interpretationsbedürftig, vergleiche das katholische Dogma von der immerwährenden Jungfräulichkeit der Gottesmutter, was nicht mit einem gynäkologischen Befund zu verwechseln ist. Usw. Das wichtigste Vermächtnis der Reformation aber ist und bleibt eine Vertiefung der Bildung in der Muttersprache im Spannungsfeld mit anderen Sprachen und natürlich den Urtexten des Bildungsgutes Bibel.

Lotta Vorbeck
12. Dezember 2017 19:39

@Abraham-Siegfried - 12. Dezember 2017 - 10:21 AM

Gut

Wenn Geschichtsunterricht Zusammenhänge und Fakten als unwichtig, den emotionalen und individuellen, auf einen Aspekt reduzierten, Zugang als einzig richtigen betrachtet. So wird die Geschichte des 20. Jahrhunderts nur an einzelnen Erscheinungen erläutert. Der II. Weltkrieg fand statt. Wichtig ist jedoch über Einzelschicksale von Euthanasie, Konzentrationslagern oder Massakern in Gruppenarbeit die Ereignisse zu verstehen.

Möglicherweise fehlt es mir just an der auf Ihre Wellenlänge geeichten Antenne, um Ihren Beitrag als ironisch gemeint zu deuten?

Rhetorisch gefragt: Die "Geschichte des 20. Jahrhunderts, fokussiert auf den emotionalen Aspekt von Einzelschicksalen in Gruppenarbeit verstehen" zu wollen - das ist jetzt nicht Ihr Ernst?

Abraham-Siegfried
12. Dezember 2017 22:52

@Lotta Vorbeck

Meine Schilderungen sind ein Teil meiner Erfahrungen mit Schule den vergangenen Jahren. 

Die Überschriften sind der Versuch einer Einordnung des Geschilderten in die offenbare Sichtweise heutiger Bildungsanstalten und geben keineswegs meine Meinung wieder.

 

Das Ironiezeichen ؟ hätte sicherlich geholfen.

Franz Bettinger
13. Dezember 2017 00:29

Die Diskussion zu Moral / Wawerka, war leider schon geschlossen. Vielleicht kriege ich meine letzte Antwort @ quarz hier noch unter: 

"Der Wert des Lebens hängt nicht davon ab, welche Gefühle diejenigen haben, die über das Leben verfügen." Dazu wollte ich anmerken:

Haben Sie, Herr oder Frau @ quarz, so wenig Vertrauen in die Richtigkeit ihrer Gefühle? Hat Sie ihr Gefühl im Leben so oft enttäuscht und ihr Verstand so oft gerettet?

Bei mir ist es umgekehrt: Ich versuche, meiner Intuition mit meinem bisschen Verstand verbal Ausdruck zu verleihen und meine Vorurteile zu begründen. Wenn ich das nicht kann, zweifele ich nicht an meinen Empfindungen, sondern an meinem Verstand. 

Olsenbande
13. Dezember 2017 00:29

@Kositza

Zum Thema Klassische Musik in der Provinz

Es gibt ein das Weihnachtsoratorium Kantaten Teil I-III von J.S.Bach am 23.12.

2017 in Nebra (Beginn 18.oo) mit dem ehemaligen Thomaskantor Georg Christoph  Biller (Vater Pfarrer in Nebra ,G.C.Biller Kinder und Jugendzeit in Nebra verbracht.

Einen schönen Gruß aus Nebra

Franz Bettinger
13. Dezember 2017 00:57

@Maiordomus:

"Lass uns nicht in Versuchung fallen" heißt die neue, korrigierte Form des Vater-Unser. Diese Version soll verdeutlichen, dass Gott uns nicht vorsätzlich oder böswillig in Versuchung führen will. Ich bin mir da nicht sicher. Schon als Knabe stolperte ich über die Szene im Paradies, in der Gott den ersten Menschen verboten hat, von zwei Bäumen zu essen, dem Baum des Lebens und dem Baum der Erkenntnis. War das keine Versuchung? Sah der Allwissende nicht voraus, was passieren würde? Natürlich wurden Adam und Eva neugierig. Die Schlange verriet ihnen, warum Gott diese 2 Bäume (die einem ewiges Leben und Wissen verschafften) eifersüchtig für sich allein beanspruchte: "Damit ihr nicht werdet wie er."

Ein großartiger Text im Alten Testament, und nun abgeschwächt und verhohnepipelt durch moderne Päpste! Was könnte man aus dieser Szene nicht alles herausholen, wenn man ein furchtloser Denker wäre. Aber das furchtlose Denken wird einem überall ausgetrieben. SiN ist da eine rühmliche Ausnahme.

H. M. Richter
13. Dezember 2017 10:28

Neben Dank an EK und die Kinder ("Tillschneider statt Till Schweiger" hat was ...!) einen herzlichen Gruß an @Olsenbande nach Nebra: Daß sich Thomaskantor a. D. Prof. Georg Christoph Biller trotz erheblicher gesundheitlicher Probleme weiterhin derart in den Dienst der Kirchenmusik stellt, freut sehr. Wie zu hören ist, hat er am letzten Sonntag - beim nunmehr zweiten Gottesdienst in der wiedererrichteten und völlig überfüllten Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig - Bachs Kantate zum zweiten Advent "Wachet!, betet!, betet!, wachet!" in der Weimarer Fassung (BWV 70a) mit großem Erfolg aufgeführt.

Eine Aufzeichnung des überaus beeindruckenden und zu Herzen gehenden Weihegottesdienstes der neuen Leipziger Unikirche vom vorletzten Sonntag, deren aus dem Jahre 1240 stammender Vorgängerbau 1968 von der SED gesprengt worden war, findet sich hier:

https://www.mdr.de/mediathek/video-158378_zc-89922dc9_zs-df360c07.html

 

quarz
13. Dezember 2017 11:56

@Bettinger

Und was machen wir, wenn zwei Personen - beide stark auf ihre Gefühle vertrauend - zu entgegengesetzten moralischen Beurteilungen kommen? Ethik handelt u.a. gerade davon, wem bei einem Gefühlspatt aufgrund rationaler Argumente der Vorzug zu geben ist.

Das ganze ist weitgehend analog zur epistemischen Situation bei der Beurteilung natürlicher (nichtnormativer) Sachverhalte. Mancher mag der festen Überzeugung sein, dass die Sonne um die Erde kreist. Das allein genügt nicht zur Begründung der These, dass dem so sei. Die These muss mit dem Rest des Erkenntnishaushaltes logisch abgestimmt sein.

Olsenbande
13. Dezember 2017 23:20

@Kositza @H.M.Richter

Wollte heute noch eine Karte nachträglich erwerben ,so wie es aussieht alles

ausverkauft !! Muss noch mal beim Pfarrer vorsprechen. Vielen Dank für die

Beiträge.

Grüße aus Nebra

Maiordomus
14. Dezember 2017 10:18

@Bettinger. Gestatten Sie, weil hier von Ihnen und anderen eine ethische Grundsatzdiskussion weitergeführt wird, den Einwand gegen Sie, dass der Begriff "Naturrecht" von seiner Entstehung in der Aufklärung her, etwa die Westschweizer Schule des Naturrechts mit Barbeyrac, Burlamaqui, de Vattel, Rousseau, Micheli du Crest (Einfluss auf die amerikanische Unabhängigkeitserklärung), das klassische Naturrecht mit dem "Recht des Stärkeren" entgegen Ihrer Aussage in der Wawerka/Sommerfelddiskussion nichts, aber auch gar nichts zu tun hat; erst recht nicht bei den bedeutendsten deutschen Naturrechtlern, nämlich Samuel von Pufendorf und Johannes Althusius, dem aus Ostfriesland stammenden protestantischen Erfinder des Subsidiaritätsprinzips,  das dann ins katholische Verständnis des Naturrechts eingegangen ist, nämlich die von @Monika immer wieder mal zitierte päpstliche Soziallehre. Letzere geht von den metaphysischen Grundlagen stark von Thomas von Aquin aus, welcher unter der Natur, griechisch Physis, wie Aristoteles die "menschliche Natur" verstanden hat. Menschliche Natur bedeutet in diesem Sinn Zivilisationsfähigkeit, Ethikfähigkeit als animal rationale, und nicht ein kitschiges "Zurück zur Natur", welches fälschlicherweise dem Naturrechtler Rousseau zugeschrieben wird. Der Mensch als "der Natur Arbeiter" (Theophrastus Paracelsus 1493 - 1541) ernährt sich naturgemäss deshalb nicht hauptsächlich von Rohkost, sondern zum Beispiel von in der Küche verarbeiter pflanzlicher und tierischer Nahrung, weswegen dann freilich die "Eskimos" als vorzivilisatorische "Rohfleischesser" hingestellt wurde, also noch auf einer primitiven Stufe der Entfaltung der menschlichen Natur stehend, welch letztere Aristoteles als Entelechie (Wesensentfaltung) bezeichnet hat. Dem Sinn des klassischen Naturrechtsbegriffs widerspricht es, um ein weiteres Beispiel zu machen, dass in der Öffentlichkeit nackt herumzulaufen natürlich wäre, vgl. übrigens auch Oetz. Die Kleidung hängt, über die Rangordnung und den Status hinaus, auch noch damit zusammen, dass der Mensch das Lebewesen ist, das sich jedem Wetter und jedem Klima anpassen kann, entgegen der Panik der Klimawandels-Apostel, welche neuerdings wieder mal mit einem verhungernden Eisbär als Beleg für die Klimaerwärmung einen neuen Lügenrekord aufgestellt haben. Derzeit lese ich eine Meteorologiegeschichte Deutschlands zwischen 1300 und 1800, verfasst von einem Christian Müller und erschienen 1823. Der Geschichte des Kantons Uri von Hans Stadler-Planzer, 1. Auflage 1991, kann man sodann entnehmen, dass ohne die Klimaerwärmung zwischen 1000 und 1300, der dann eine Klimaabkühlung folgte, eine wesentliche Bedingung der Entstehung der Alten Eidgenossenschaft nicht gegeben gewesen wäre, beispielsweise im Zusammenhang mit der Erschliessung des Gotthard-Passes und den Walser-Wanderungen im Bereich der Passlandschaften.  Es lohnt sich, alternative Lektüre zu betreiben, was wohl insgesamt der Sinn der siebenfachen Serie der Weihnachtsbücherempfehlung bei SiN zu sein scheint.

quarz
14. Dezember 2017 13:49

@Maiordomus

"das klassische Naturrecht mit dem "Recht des Stärkeren" entgegen Ihrer Aussage in der Wawerka/Sommerfelddiskussion nichts, aber auch gar nichts zu tun hat"

Danke für die Klarstellung. Darauf wollte ich auch schon aufmerksam machen, habe es dann aber unterlassen, weil ich befürchtete, durch die Eröffnung einer weiteren Diskursbaustelle zu sehr vom Zentralthema abzukommen.

Franz Bettinger
14. Dezember 2017 23:57

@ Maiordomus

Dass der Begriff "Naturrecht, wie ihn die West-Schweizer Schule mit Barbeyrac etc. verwendet" was mit dem Recht des Stärkeren (des Leistungsfähigeren) zu tun habe, habe ich nie behauptet. Ich habe eben nicht von der Begrifflichkeit dieser Philosophen-Schule gesprochen, sondern ganz unbescheiden von MEINER. Ob diese logisch nachvollziehbar ist, kann jeder für sich entscheiden. Ich brauche dazu nicht den Segen einer Autorität. Da liegt Ihr Denkfehler, Maiordomus: Sie reduzieren gern alles auf Ihr Wissens-Sektrum und Ihre Begriffswelt. Die Welt der Begriffe gehören Ihnen aber nicht; auch nicht, wenn Sie sie mit berühmten Namen vereinnahmen wollen. No harm intended.

Im Übrigen habe ich, wohl wissend, dass mein Exkurs ins Naturrecht nur ein Seitenpfad der Themen Moral / Abtreibung ist, einleitend und quasi entschuldigend vorangeschickt: "Kurzer Ausritt, falls gestattet?"

Merken Sie nicht, verehrter Maiordomus, wie sehr Sie sich selbst, das könnte mir ja egal sein, aber vor allem wie sehr Sie anderen ein Korsett anlegen wollen, das unser ungestümes, freies, furchtloses Denken behindert? Gehen Sie doch spaßeshalber mal davon aus, dass hier - wenn auch an anderer Front kämpfend als Sie - keine Deppen schreiben und ihre Lebenserfahrungen von sich geben. Down to earth, please! Wäre es nicht der SACHE dienlicher, wenn Sie auf diese ganz konkret eingehen würden, statt im blauen Äther Figuren zu drehen? Wem bringt das was außer Ihresgleichen? Ich schätze, wenn man so schreibt, dass auch ein Handwerker versteht, was gemeint ist. Auch das kann Kunst sein.

Zur Sache: Wer wie Aristoteles unter der Natur nur die menschliche versteht, versteht eben gar nicht viel. Aristoteles kann man dies verzeihen; den heutigen Geisteswissenschaftlern vergebe ich ihre einseitige Bildung aber nicht, denn die NATUR-Wissenschaft hat seit Aristoteles einen gewaltigen Beitrag zum Verständnis der Natur geleistet, inklusive der menschlichen - derart viel, dass mir die Überlegungen aller Thomasse von Auqine nix mehr bringen. "Vom Rechte, das mit uns geboren ist, von dem ist leider nie die Frage," lässt Goethe einen Schlauen sagen. Ja, mir ist manchmal, als wolle uns da jemand, der bloß vom Katechismus, aber nichts von Physik versteht, das Fliegen erklären.

Tut mir leid, liebe @Kositza. Wenn das wieder zu feste druff war, löschen Sie's halt. Vielleicht gehöre ich wirklich nicht in diese Runde.

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