Sezession
18. Dezember 2017

Dezember 1917: Brest-Litowsk

Gastbeitrag / 17 Kommentare

Dahinter stand die Hoffnung, vielleicht sogar so etwas wie eine historische Formenlehre entwickeln zu können.

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Ein besonders ambitioniertes Unternehmen dieser Art verknüpft sich mit dem Namen Oswald Spengler und seinen „Umrissen einer Morphologie der Weltgeschichte“. Die verstanden sich über die Analyse der Vergangenheit hinaus sogar als Anlauf zur Vorausbestimmung der wahrscheinlichen Zukunft. 

Trotz dieses spektakulären Anspruchs wußte Spengler jedoch um die Grenzen seines Konzepts. Selbst wenn es geschichtliche Zwangsläufigkeiten geben sollte, blieb die Entwicklung trotzdem immer Zufällen unterworfen und die Zukunft damit offen.

So konnte es zum Beispiel vorkommen, daß ein Krieg von den - historisch gesehen - Falschen gewonnen wurde. Spengler nannte als Beispiele etwa die aztekische Kultur, deren Blüte von den Spaniern quasi ‚en passant‘ abgehauen worden sei.

Einen weiteren Fall dieser Art stellte für ihn die Schlacht von Actium dar, als im innerrömischen Bürgerkrieg der Westen des römischen Weltreichs unter Octavian, dem späteren Imperator Augustus, den kulturell überlegenen Osten des Reichs besiegte. Es dauerte Jahrhunderte, den Fehler zu korrigieren und das Machtzentrum des römischen Reichs aus Rom ins östliche Konstantinopel zu verlegen.

Vor einhundert Jahren sah es lange Zeit so aus, als würden im Fall des Ersten Weltkriegs die 1914 angegriffenen Mittelmächte die Oberhand behalten, obwohl sich der Gang der Dinge als überaus offen erwies.

Man hatte in Europa mehrheitlich mit einem kurzen Krieg gerechnet. Es wurde ein langer. Gerüstet wurde für entscheidende Seeschlachten. Sie fanden nicht statt. In Deutschland war man sich vor dem Krieg recht sicher gewesen, Frankreich notfalls überrennen zu können. Das mißlang.

Zugleich hatte in Berlin die „russische Dampfwalze“ als militärisch unüberwindbarer Alptraum gegolten. Und nun standen deutsche Truppen Ende 1917 tief in Rußland, hatten zahlreiche deutsche Siege und zwei russische Revolutionen das erreicht, was niemand für möglich gehalten hatte: den deutsch-österreichischen Sieg über den östlichen Nachbarn.

Ab dem 7. Dezember 1917 schwiegen im Osten die Waffen. Die Weltgeschichte hielt gewissermaßen den Atem an, als sich in den Folgemonaten in Osteuropa eine neue Staatenwelt herauskristallisierte, die dann im März 1918 mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk ihre rechtliche Anerkennung fand.

Österreich-Ungarn, Deutschland, die Türkei und Bulgarien einerseits und Rußland andererseits schlossen dieses Abkommen als einen Vertrag alter Art. Ein Vertrag unter Feinden auf Augenhöhe, die miteinander verhandelten und tatsächlich Frieden schließen wollten.

Daher enthielt der Vertrag von Brest-Litowsk kein Wort des Vorwurfs an Rußland, 1914 den Krieg mutwillig vom Zaun gebrochen zu haben. Berechtigt wäre diese Anklage gewesen, denn niemand hatte das Zarenreich in der Vorkriegszeit von Mitteleuropa aus bedroht oder provoziert.

Aus freien Stücken wurde im Juli 1914 der Entschluß zum Krieg in Petersburg getroffen und dies so lange wie möglich geheim gehalten, damit sich Berlin noch in Sicherheit wiege. Noch heute steht in den Lehrbüchern so gut wie nie der 25. Juli 1914, das echte Datum des Beginns der zunächst noch geheimen russischen Mobilmachung, sondern wird fast immer der 30. Juli genannt, der offizielle Tag.

Bald nach Kriegsende publizierten die jetzt in Rußland regierenden Bolschewiki auch beweiskräftiges Aktenmaterial für jene russisch-französische Aggression. In den Grundzügen wußte man das im deutschen Auswärtigen Amt allerdings vorher schon und hatte deswegen zu radikalen Mitteln gegriffen.

Der Zar und die russische Regierung hätten angesichts ihrer Taten jede Schonung verwirkt, daher könne man ihnen auch Revolutionäre wie „Lenin“ ins Land schicken und sie mit entsprechenden Geldern ausstatten. „Militärisch war die Reise gerechtfertigt. Rußland mußte fallen. Unsere Regierung hatte aber darauf zu achten, daß nicht auch wir fielen“, erinnerte sich Erich Ludendorff später lakonisch an die damit verbundene Problematik.

Offiziell erhoben wurde der Vorwurf der „Kriegsschuld“ von Seiten der Mittelmächte in den Brest-Litowsker Verhandlungen dennoch nicht. Die Vorgeschichte und die Kriegshandlungen des Großen Krieges sollten, wie traditionell üblich, „friedewirkend vergessen“ sein.

Zugleich verzichteten beide Seiten im Friedensvertrag ausdrücklich „gegenseitig auf den Ersatz ihrer Kriegskosten“ und zwar sowohl auf die Aufwendungen für die Kriegsführung selbst als auch auf Schadenersatz für zivile Staatsangehörige. Kriegsgefangene sollten umgehend von beiden Seiten in die Heimat entlassen werden.

In Sachen Gebietsabtritt fielen die Regelungen ebenfalls ganz klar aus. Der Vertrag von Brest-Litowsk zog eine Grenzlinie. Östlich davon verzichteten die Mittelmächte auf jeden Einfluß. Westlich davon versprachen die Sowjets, sich aus den inneren Angelegenheiten in diesem Gebiet herauszuhalten - wenn sie auch keine Sekunde daran dachten, sich daran zu halten.

Die Mittelmächte beanspruchten ausdrücklich „das künftige Schicksal dieser Gebiete im Benehmen mit deren Bevölkerung zu bestimmten.“ So las sich der Vertrag denn als Abschlußproklamation für den vormals sprichwörtlichen russischen „Völkerkerker“.

Als Konsequenz wurden von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer erstmals oder erneut Staaten wie Finnland, die baltischen Länder, Polen oder die Ukraine geschaffen. Rußland verpflichtete sich vertraglich, mit der ‚ukrainischen Volksrepublik‘ Frieden zu schließen und die Verträge der Mittelmächte mit der Ukraine anzuerkennen. Selbst im Kaukasus blickte man nach Berlin, und im Herbst 1918 sollte dann sogar noch Georgien um den Beitritt zum Deutschen Reich ersuchen.

Vom Westen aus sah man höchst ablehnend, aber machtlos auf diese Entwicklung. Großbritannien und Frankreich standen 1917 vor dem Staatsbankrott, in Frankreich meuterten zudem die Truppen. Finanziell verschlechterte sich die Situation durch den Verlust des östlichen Bündnispartners erheblich.

Rußland hatte sich zur Vorbereitung des Krieges vor 1914 in Paris ungeheure Summen geliehen, die nun als Forderung wegfielen. Die Bolschewiki weigerten sich, diese Staatsschulden anzuerkennen und verschickten statt dessen eine lange Liste mit „imperialistischen“ Abkommen des früheren Zarenreichs, die sämtlich Null und Nichtig seien. Sie reichte bis ins 18. Jahrhundert zurück und umfaßte natürlich auch die Kreditvereinbarungen der jüngsten Zeit.

Mit zu den gekündigten Verträgen gehörte auch das französisch-russische Bündnis von 1892, jener „Vertrag zur Eroberung Deutschlands und seine Aufteilung in Kleinstaaten“, wie der damalige Zar sich ausgedrückt hatte.

Allerdings hatten die Vereinigten Staaten als weitere und schließlich entscheidende westliche Macht im Frühjahr 1917 den eigenen Kriegseintritt verkündet. Der internationalen Öffentlichkeit präsentiert als angebliche Reaktion auf deutsche U-Boot-Attacken, galt dieser Schritt vor allem der grundsätzlichen Gefahr, die man von Deutschland ausgehen sah, schon lange vor 1914.

In den Washingtoner Führungszirkeln wurde das Deutsche Reich als der eigentliche Unruheherd der Weltpolitik und eine dunkle Bedrohung des eigenen Anspruchs als einzige Weltmacht empfunden. Das britische Weltreich würde sich letztlich Stück für Stück verdrängen und übernehmen lassen, dieser Prozeß war seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts längst im Gang.

Von Deutschland glaubten die Washingtoner Entscheidungsträger das nicht. Ganz im Gegenteil galt dieses Land als dynamischer Gegenentwurf zur amerikanischen Weltordnung. 

Der finsteren Thematik entsprechend hatte man Deutschland deshalb in den US-Militärakten schon kurz nach der Jahrhundertwende den Code-Namen „Black“ gegeben und damit begonnen, den „Black-Plan“ zu entwickeln, jenen für den kommenden Krieg gegen Deutschland.

Als der Krieg von 1914 dann ausgebrochen war, da vertraute US-Präsident Woodrow Wilson seinem Beraterkreis an, was seiner Meinung nach auf dem Spiel stand: Ein deutscher Sieg würde den Lauf der Zivilisation ändern.

Daran ist höchstwahrscheinlich wenigstens so viel zutreffend: Ein deutscher Sieg oder das Vermeiden einer deutschen Niederlage hätte das zwanzigste Jahrhundert in Europa zu einem weitaus angenehmeren Zeitraum werden lassen, als dies der tatsächliche Geschichtsverlauf später zuließ.

Zwar ließen sich die Streitigkeiten zwischen Ukrainern, Polen, Juden und Litauern nicht nach einem einfachen Schema schlichten. Die verwickelte Lage und die gegenseitigen Ansprüche ließen nur Regelungen zu, die von den einen oder anderen erst einmal jeweils als unrecht empfunden worden wären.

Wie immer jedoch die im deutschen Machtbereich vieldiskutierte Neuordnung der Völkerschaften schließlich im Detail geregelt worden wäre, sie hätte kaum Platz für jene Radikalisierung gelassen, die dann die totalitäre Ära erst möglich werden ließ. 

Das eigentliche deutsche Kriegsziel, vor weiteren französisch-russischen Angriffskriegen einen weiten Pufferraum als Schutz anzulegen und ihn zugleich als Raum wirtschaftlicher Durchdringung zu kreieren, hätte sich mit dem natürlichen Interesse der osteuropäischen Völker verbunden, Deutschland als Garanten der eigenen Unabhängigkeit zu verpflichten.

Überdies gehörte es nicht zur Praxis deutschen politischen Denkens, das Verhältnis zu früheren Gegnern mit erfundenen Behauptungen über politische Schuld, dem verhandlungslosen Diktieren von Bedingungen und der Auferlegung von untilgbaren Schulden dauerhaft zu vergiften. Dies hätte sich, wenn man sich diesen Gedanken gestatten will, auch bei einer Friedensregelung gen Westen positiv ausgewirkt.

Aus der Perspektive des Vertrages von Brest-Litowsk wirken das Jahr 1989 und der nachfolgende Zusammenbruch der Sowjetunion daher ganz und gar nicht wie „die größte geopolitische Katastrophe des Zwanzigsten Jahrhunderts“ (Wladimir Putin).

Es scheint eher so zu sein, als habe die List des Geschichtsverlaufs einen 1918/19 begangenen Irrtum wenigstens teilweise korrigiert und ihn wieder näher an die natürliche Form herangebracht. Für Europa und für Deutschland kann sich daraus eine Zukunft als ein sich gegenseitig stützendes Europa der Völker und Vaterländer in einer zunehmend multipolaren Weltordnung ergeben.

Aber dies wäre, wie alles in Geschichte und Politik, kein Selbstläufer. Es müßte von Personen in Macht und Amt gewollt und praktisch umgesetzt werden.

Oswald Spengler hätte dies gewußt, seine Bemühungen galten nicht zuletzt der Herausbildung einer politikfähigen Generation junger Deutscher aus der Kenntnis historischer Zusammenhänge heraus.


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Kommentare (17)

Franz Bettinger
18. Dezember 2017 12:15

Mich hat immer verwundert, dass trotz des Friedens von Brest-Litowsk (1917) und der so möglich gewordenen Verlegung gewaltiger Mengen an Kriegsmaterial und Soldaten vom Osten an die Westfront der Krieg verloren ging. Wirklich wegen der Amerikaner? Und warum man sich einseitig zurückzog, ohne vorher einen Friedens-Vertrag ausgehandelt zu haben. Der Knebel-Vertrag von Versailles war die logische Folge. - Die Weltkriege (WW1 und 2) erinnern mich immer an die 3 Punischen Kriege (264-146 v. Chr. Hannibals Sieg von Cannae, 216 v. Chr.)

"Hannibal ist der größte Feind Roms gewesen, das größte militärische Genie, das je gegen die Weltmacht antrat. Aber wie unfeindlich, wie eiferfrei schreibt der zur Zeit Cäsars lebende Römer Cornelius Nepos über ihn!" So schreibt Michael Klonovsky in seinen Acta diurna. Auch der Vertrag von Brest-Litowsk enthielt keine Schuld-Zuweisungen an das besiegte Russland. "Jeder deutsche Journalist, der heute über Putin oder Trump schreibt," so fährt Klonovsky fort, "behandelt diese Männer, die ja nicht mal Feinde im kriegerischen Sinne, sondern bloß in jenem einer elenden Hypermoral sind, mit einer Unfairness und Geiferei, von der Traktierung unserer Wehrmachts-Generäle und anderer Altvorderen ganz zu schweigen. Die Wendung vom "gerechten zum perfiden Feind" und die daraus folgende Feind-Erklärungs-Kirmes der Anständigen und Trend-Konformen haben die Welt in ein tristes Licht getaucht."

Valjean72
18. Dezember 2017 14:11

 

Zunächst einmal vielen Dank für diesen Artikel.

Der Erste Weltkrieg wird gemeinhin als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet und dies nicht ohne Grund. Ohne ihn hätte es so keine russische Oktoberrevolution und keinen „Friedensvertrag“ von Versailles gegeben und damit indirekt auch keinen Zweiten Weltkrieg.

Folgende Passage erscheint mir besonders wichtig.

>>Der finsteren Thematik entsprechend hatte man Deutschland deshalb in den US-Militärakten schon kurz nach der Jahrhundertwende den Code-Namen „Black“ gegeben und damit begonnen, den „Black-Plan“ zu entwickeln, jenen für den kommenden Krieg gegen Deutschland.

[…]  Ein deutscher Sieg würde den Lauf der Zivilisation ändern.

Überdies gehörte es nicht zur Praxis deutschen politischen Denkens, das Verhältnis zu früheren Gegnern mit erfundenen Behauptungen über politische Schuld, dem verhandlungslosen Diktieren von Bedingungen und der Auferlegung von untilgbaren Schulden dauerhaft zu vergiften.<<

Ohne den Eingriff der US-Amerikaner, mit der ganzen Macht ihrer industriellen Stärke, hätten die Alliierten diesen Großen Krieg nicht gewonnen.

Und ich gehöre zu jenen, die dies bedauern, da ich von der These der Alleinschuld Deutschlands („Griff nach der Weltmacht“), bzw. später abgemildert zu Hauptschuldthese aber auch gar nichts mehr halte.

Auszug aus einem Gespräch zwischen Lord Balfour mit dem US-Diplomaten Henry White aus dem Jahr 1907:

BALFOUR: „Wir sind wahrscheinlich Narren, dass wir keinen Grund finden, um Deutschland einen Krieg zu erklären, bevor es zu viele Schiffe baut und uns unseren Handel wegnimmt.“

WHITE: „Sie sind im Privatleben ein Mann von edler Gesinnung. Wie können Sie etwas so politisch Unmoralisches in Erwägung ziehen, wie einen Krieg gegen eine harmlose Nation zu provozieren, die ein ebenso gutes Recht auf eine Marine hat, wie Sie es haben? Wenn Sie in Wettbewerb mit dem deutschen Handel treten wollen, dann arbeiten Sie härter.“

BALFOUR: „Das würde bedeuten, dass wir unseren Lebensstandard absenken müssen. Vielleicht wäre es einfacher für uns, einen Krieg zu führen.“

WHITE: „Ich bin schockiert, dass es unter allen Männern (Menschen) gerade Sie sein sollten solche Prinzipien auszusprechen.”

BALFOUR: „Ist es eine Frage von richtig oder falsch? Vielleicht ist es einfach eine Frage der Beibehaltung unserer Vorherrschaft.”

(Quelle: Allan Nevins, „Henry White – Thirty Years of American Diplomacy", New York: Harper Bros., 1930, pp. 257-258)

 

https://valjean72.wordpress.com/2017/04/29/der-1-weltkrieg-und-die-abkehr-von-der-these-der-deutschen-alleinschuld/

Solution
18. Dezember 2017 17:08

Endlich mal wieder was von Scheil. Vielleicht arbeitet er an einem neuen Buch über das Ende des 1. Weltkrieges? Würde mich freuen.

In seinem jüngst erschienenen Werk ("The Russian Revolution"), das wohl das beste ist, das je zum Thema geschrieben wurde, führt Sean McMeekin zum Vertrag von Brest-Litowsk aus:

"...Russia lost 1.3 million square miles - one fourth of the territory of the old tsarist empire - on which lived 62 million people, or 44 percent oh her population. Estimated economic losses amounted to a third of agricultural capacity, three quarters of Russion iron and coal production, 9.000 out of 16.000 "industrial untertakings", an 80 percent of sugar production..." (S.246). 

Das war natürlich noch nicht alles. Lenin war wirklich gezwungen, allem zuzustimmen, was die Mittelmächte wollten. Interessant, daß niemand unterschreiben wollte. Und so wurde Sokolnikow ("banks commissar") dazu befohlen. Die Umstände der Verhandlungen und der Vertragsunterzeichnung waren ohnehin schon kurios genug.

Gustav Grambauer
18. Dezember 2017 17:29

War 2014 sehr überrascht, bei Klonovsky, der ja unter den Fittichen von v. Flocken politisch ausgereift ist, das hier zu lesen:

"Die Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg beschert mir ein Gefühl, mit dem ich als ehemaliger peripherer Untertan des sowjetkommunistischen Imperiums nicht gerechnet hätte: eine gewisse Hochachtung vor Lenin. Wenn man sich die Hysterie und Verzweiflung der deutschen Offiziellen (auch der kurzzeitig Untergetauchten) nach dem Diktat von Versailles vor Augen hält und daneben die Amoklaufbereitschaft der führenden Bolschewiken nach dem 'Raubfrieden' von Brest-Litowsk, kann man die Nervenkraft und den Schneid Lenins nur bewundern, der sagte: Wir zahlen jeden Preis für die Revolution, auch wenn sie nur in einem russischen Rumpfgebiet stattfindet, und dann holen wir uns alles wieder zurück. (Gesagt, getan, - G. G.) Er war ja keineswegs unangefochten unter seinen Spießgesellen, sie hätten ihn als Landesverräter an die Wand stellen können (Trotzkis Stimme verschaffte ihm wohl die rettende Mehrheit). Auch im Volk besaß Lenin zu dieser Zeit keinerlei Rückhalt; es war nicht so, dass man in Russland auf ihn gewartet hatte, wie die spätere Propaganda suggerierte, im Gegenteil, er galt als dubioser Geselle mit unklarer Legende, womöglich ein deutscher Agent, der dem Kaiserreich die Ostfront vom Halse schaffen und Russland aus dem Krieg lösen sollte (was ja durchaus zutraf), und auch seine ersten öffentlichen Auftritte hinterließen wenig Eindruck. Er handelte damals buchstäblich unter Einsatz seines Kopfes, aber kalt bis ans Herz. Es war falsch, dass ich meine Lenin-Bände beim postrealsozialischen klar-Schiff-Machen anno 1990 weggeschmissen habe; ich werde einige davon neu erwerben müssen."

- Acta Diurna, 30. April 2014

Das Wort "Raubfrieden" für Brest-Litowsk ist doppelbödig gemeint. Es war nicht Lenin, der B.-L. so bezeichnet hat, sondern der Apparat. Es werden hier nicht alle wissen, daß es wohl aber Lenin war, der seinerseits den Versailler Vertrag so bezeichnet gehabt hatte.

- G. G.

Hartwig aus LG8
18. Dezember 2017 17:29

Ich bin kein Historiker, besuche auch keine entsprechenden Seminare und lese auch kaum Bücher zum Thema. Folgenden Eindruckes kann ich mich aber dennoch nicht erwehren:

Geht man nur ein klein wenig in der Geschichte zurück, dann spielt "Schuld" keine Rolle. Eroberungs- oder Freiheitsdrang, Absicherung, Machtinteresse, Allianzen, Glaube - all dies waren anerkannte Kriegsgründe. Allenfalls wird noch von gerechten und ungerechten Kriegen geschrieben; von Schuld ist keine Rede.

Es ergibt nur dann Sinn, Schuldige zu benennen, wenn Krieg als Mittel der Politik komplett geächtet ist und Kriegsgründe gänzlich verworfen sind. Es zum Krieg kommen zu lassen, wird zur sündhaften Handlung. Und um sich als Kriegspartei  rein waschen zu können, braucht es Schuldige am Krieg.

Anfang des 20. Jh. war es ein Ziel der Briten, das Deutsche Reich politisch und ökonomisch auszuschalten. In jeder vorherigen Epoche wäre dieses Ziel als völlig legitim betrachtet worden und hätte, wenn nötig, einen Krieg gerechtfertigt. Der Benennung eines Kriegsschuldigen hätte es nie bedurft.

Krieg wird für ein scheußliches Übel gehalten, und höchstwahrscheinlich mit großem Recht. Aber ich plädiere dafür, das Konzept "Kriegsschuld" abzulehnen.

 

Thomas Martini
18. Dezember 2017 18:33

Aus Otto Reutters "Der träumende Michel":

"Jüngst hat ich geograph'sche Stunde,

Hab' meinen Schülern da gesagt:

„Nennt jeder mal 'ne fremde Gegend,

Die euch besonders gut behagt.“

Da zeigt ein Belgier nach dem Kongo –

Und auf Marokko ein Franzos' –

Und nun ein Schüler gar aus England,

Der ließ den Globus gar nicht los.

Erstaunt sprach ich zum Engeländer:

„Laß ab, was willste für'ne Menge Länder?“

Nur Michel träumt in süßer Ruh'.

Da weckt' ich ihn und rief ihm zu:

„Michel hat schon wieder mal geträumt!

Michel hat schon wieder was versäumt.“

Da erwacht' er und zeigt mit dem Finger da,

(in kleinen Finger zeigend)

Auf so'n kleines bisschen Afrika."

Linkerhand
18. Dezember 2017 18:56

Die junge sowjetische Vertretung unter Joffe und Trotzki hat mit allen Mitteln versucht die Verhandlungen in Brest-Litowsk in die Länge zu ziehen. Ziel war es den möglichen Zusammenbruch der Reichswehr im Westen abzuwarten, um dann bessere Bedingungen für die Verhandlungen zu haben. Rußland ist wohl nicht in diesen Krieg gezogen um zu gewinnen, sondern, nach einer Niederlage der Mittelmächte im Westen, seine Teil der Beute einzufordern. Die Rechnung ist aufgegangen. Den Zusammenbruch ihres Zarenreich hatten sie aber nicht einkalkuliert, so daß ein Patt entstanden ist, welches erst mit Verzögerung 1941 ausgefochten wurde.

S.J.
18. Dezember 2017 20:55

@ Valjean72

"da ich von der These der Alleinschuld Deutschlands („Griff nach der Weltmacht“), bzw. später abgemildert zu Hauptschuldthese aber auch gar nichts mehr halte."

Mit dieser Auffassung stehen Sie - wenn ich mich einmischen darf - auf festem Boden. Christopher Clark, Stefan Schmidt oder jüngst der Wirbel um Rainer F. Schmidt zeigen, dass die Auffassung einer deutschen Alleinschuld oder Hauptschuld einfach nicht zureicht und im besten Fall das Bedürfnis der Sieger erklärt, Schwarzweißmalerei zu betreiben. Es mussten bald 100 Jahre vergehen, das etwas unaufgeregter zu diskutieren. Das ist ärgerlich, weil Wissenschaft nicht interessengesteuert sein darf. Die Bücher Stefan Scheils, mit viel Aufwand erstellt, habe ich gerne gelesen und nehme sie mir auch künftig mit derselben Ernsthaftigkeit vor wie die bekanntesten Werke der Zunft auch, weil er einen anderen Blick eröffnet. Hoffentlich kommt bald ein neues.    

Der_Jürgen
19. Dezember 2017 10:33

Je öfter sich Stefan Scheil hier zu Wort meldet, desto besser. Seine Werke heben sich wohltuend von der ideologisierten, verfälschenden Geschichtsschreibung der Hofhistoriker ab.

Wer hier noch an den Mythos vom armen, von den Nazis heimtückisch überfallenen Polen glaubt (vermutlich nicht allzu viele), der führe sich Scheils Buch über Polen 1939 zu Gemüte, an dem man nur kritisieren kann, dass es viel zu dünn ist. Und wer wissen möchte, wie die Westalliierten (oder genauer gesagt die Amerikaner, denn die Briten und erst recht die Franzosen spielten da nur eine Statistenrolle) nach dem 2. Weltkrieg in Westdeutschland eine ihnen hörige Elite in den Sattel hoben, für den ist Scheils "Transatlantische Wechselwirkungen" eine enorm wertvolle Quelle. Für mich ist dies das wichtigste Scheil-Buch, das ich gelesen habe.

Noch eine anekdotisch anmutende, aber wahre Episode, welche die verheerenden Folgen des heutigen "Geschichtsunterrichts" an den Schulen sowie der pausenlosen antideutschen Geschichtsfälschung durch die Medien enthüllt. Ende der neunziger Jahre wurde eine kleine Meinungsumfrage durchgeführt, bei der zufällig ausgewählte, deutsch aussehende Passanten auf den Strassen gefragt wurden: "Wer trug Ihrer Meinung nach die Schuld am deutsch-ungarischen Krieg von 1837?" Die absolute Mehrheit der Befragten hielt Deutschland an jenem Krieg für schuldig... Pawlows Hunde sind nichts gegen einen umerzogenen Bundesdeutschen.

Gustav Grambauer
19. Dezember 2017 11:15

Wer etwas von Spiegelmagie versteht, der wird das (trotzkistische) Karma finden, und damit meine ich nicht einmal die Spiegelung 1918 <-> 1981, eher schon die Steigerung von Getreide zu Gold:

"Beim begeisterten Empfang in Dresden am 19. Dezember (1989 - G. G.) sagte Kohl zu Seiters: 'Es ist gelaufen.' ... Am 25. Januar 1990 wurde das Ganze im Kreml abgesegnet. Nach dem Tschernajew-Protokoll zog Gorbatschow eine Parallele zum Friedensvertrag von Brest-Litowsk 1918. ... Modrow konnte das Ergebnis am 30. Januar 1990 nur noch entgegennehmen und seinerseits am 1. Februar die Losung 'Deutschland, einig Vaterland' ausgeben (ihrerseits für die SED als Partei ein Brest-Litowsk, - G. G). Am 13. / 14. Februar wurde dann Modrow und seiner 'Regierung der nationalen Verantwortung', darunter den Ministern der Opposition, die übrigens am stärksten enttäuscht waren ..., von Kohl klargemacht, daß sie nichts mehr zu erwarten hätten. Sie sollten nur noch den Zusammenbruch vor dem Wahltermin am 18. März verhindern. Dem neuen Ministerpräsidenten Lothar de Mazière (das französische Element, - G. G.) ging es nur zeitweise besser. Schäuble betonte längere Zeit de Mazières 'unersetzliche Rolle'. 'Ihm hatte ein großer Teil der Bevölkerung das Vertrauen ausgesprochen. Ohne ihn hatten wir keine Chance.' Das gelte auch für seine Nachdenklichkeit, sein Zögern. Zugleich erklärte er seinen DDR-Partnern immer wieder: 'Hier findet nicht die Vereinigung zweier gleicher Staaten statt.' Ende Juli 1990 nahmen Kohl und Schäuble dann das Heft voll in die Hand."

- Für Ewigmorgige: Zum Umbruch in der "DDR", www.wallstreet-online.de/diskussion/500-beitraege/923143-1-500/fuer-ewigmorgige-zum-umbruch-in-der-ddr

Schon acht Jahre zuvor, 1981, hatte Breshnews Sonderbeauftagter Russakow Honecker besucht und ihm "weinend und schluchzend" (womöglich gespielt und in Wahrheit vor allem wütend über Honeckers in Moskau als Frechheit aufgefaßten Mißbrauch des Erdöl-Abkommens - und vielleicht sogar bereits über Honeckers Unwilligkeit, von sich aus zu sagen: "Gut, dann beenden wir das Experiment DDR") offenbart:

"Die Sowjetunion benötigt Devisen, weil sie sonst 'ihre gegenwärtige Stellung in der Welt nicht halten könne', und das habe dann Folgen für die ganze sozialistische Gemeinschaft. Russakow bezeichnete die Serie der Mißernten (wer denkt bei dem Wort 'Mißernten' nicht sofort an das Jahr 1918 in Sowjetrußland und der Ukraine, - G. G.) 'ein Unglück von einem Ausmaß', das es 'seit der Existenz der Sowjetunion noch nicht gegeben hat'. Die Sowjetunion stehe praktisch wieder vor 'Brest-Litowsk' - mithin vor der Entscheidung, auf einen Teil des äußeren Einflußgebietes zu verzichten, um das Kernland zu retten. 'Ganz bestimmte Reserven', so Russakow geheimnisvoll, 'sind schon angegriffen'. Was die sowjetische Seite Honecker vorenthielt, blieb dem Westen nicht verborgen: amerikanische Geheimdienststudien registrierten, daß die Sowjetunion 1981 mehr als 240 Tonnen Gold auf dem Weltmarkt absetzte (gegenüber 90 Tonnen 1980), daß sie ihren Westhandel mit einem Zahlungsblanzdefizit von drei Mrd. US-Dollar abschloß und daß die Einlagen der UdSSR bei westlichen Banken im Lauf des Jahres 1981 von 8,5 Mrd. US-Dollar auf etwa drei Mrd. Us.-Dollar zusammengeschmolzen waren. Schwäche vorzugeben, um Entgegenkommen zu erreichen, gehört ebenso zum Verhandlungsrepertiore wie ein dramatisierender Stil; daß beide Seiten jedoch mit dem Zusammenbruch drohten, zeigt, wie weit diese Möglichkeit - aller Rhetorik vom Vormarsch des Koimmunismus zum Trotz - bereits in ihre Vorstellungswelt eingedriungen war."

- Quelle: https://www.christoph-links-verlag.de/index.cfm?view=3&titel_nr=419, 1. Auflage 2006, Seite 45

- G. G.

H. M. Richter
19. Dezember 2017 14:16

 ^ @Gustav Grambauer

Weitere, wie ich finde, recht interessante Informationen zum Gespräch zwischen Honecker und Russakow - sowie zur von G. G. angesprochenen 1918-1981-Brest-Litowsk-Spiegelung - gibt Bruno Mahlow in einem Interview vom 16. Mai 2015:

https://ddr-kabinett-bochum.blogspot.de/2015/05/gesprach-mit-bruno-mahlow-uber-die.html?view=classic

Valjean72
19. Dezember 2017 14:34

@Gustav Grambauer:  "Er [Anm.: Lenin] war ja keineswegs unangefochten unter seinen Spießgesellen, sie hätten ihn als Landesverräter an die Wand stellen können (Trotzkis Stimme verschaffte ihm wohl die rettende Mehrheit) ..."

---

Auch Trotzki wurde wohl von der Mehrheit der Russen als ein Fremder angesehen, zudem verbrachte er vor dem Höhepunkt der russischen Oktoberrevolution ganze  zehn Wochen in New York. Das ist doch höchst bemerkenswert oder etwa nicht?

"The book recalls Trotsky’s controversial 10 weeks spent in New York before he headed back to Russia to lead the Military-Revolutionary Committee which carried out the overthrow of the Provisional Government in the October Revolution."

(Quelle: timesofisrael.com; 19.09.2016)

Johannes Konstantin Poensgen
19. Dezember 2017 16:47

Verzeihung, wenn ich meinen Autismus spazieren führen muß, aber Spengler sah in der Schlacht von Actium keineswegs den Sieg eines babarischen Westens über den kulturell überlegenen Osten.

Im Gegenteil, die römische Herrschaft, die Herrschaft der alten antiken Zivilisation habe die damals junge orientalische Kultur der Zeit Jesu Christi unterdrückt und in ihre eigene Formensprache gezwungen.

deutscheridentitärer
19. Dezember 2017 21:14

Ein interessanter Artikel. Zum Thema 1. WK kann ich wärmstens Sebastian Haffners Buch "Die sieben Sünden des Reichs" empfehlen. (Wie Haffner überhaupt ein herausragendes Lesevergnügen ist)

Mich hat der 1. WK schon immer gefesselt, mehr noch als der 2. Es ist geradezu unheimlich, wie dramaturgisiert diese 4 Jahre wirken. Als wären sie auf die Erzeugung maximaler Spannung beim historisch geneigten Spätgeborenen angelegt.

Aber, wie ja immer in letzter Zeit, für uns Deutsche eine Geschichte mit traurigem Ende.

Gustav Grambauer
20. Dezember 2017 00:28

H. M. Richter

Allerbesten Dank. Habe das Portal gleich in meine Lesezeichen aufgenommen. Habe den Mann gegoogelt, Ergebnis, wie erwartet: von diesem Menschenschlag bin ich philosophisch respektive politisch gesehen in wesentlichen Gesichtspunkten Lichtjahre entfernt, aber meine Nähe vom Herzen her ist riesig und wird immer riesiger (und nicht nur weil und trotzdem ich ziemlich genau von diesem Typus selbst in Kindheit und Jugend einmal erzogen wurde). Bei manchen Lesern hier wird ein Staat, dessen Top-Diplomaten Kneipengänger waren (bei 36:24), in Mietshäusern, vielleicht sogar in der Platte lebten (bei 13:46) und nicht einmal den Namen Saint-Exupéry richtig aussprechen konnten (bei 12:38) allein dadurch Abneigung oder sogar Ekel auslösen, aber M. repräsentiert vom Anliegen des "Kleinen Prinzen" ganze Dimensionen mehr als der durchschnittliche BRD-Diplomat in seiner Aalglätte - und da liegen mehr als Lichtjahre dazwischen.

https://www.youtube.com/watch?v=Sqnt4IuV8_g

Warum hat der Youtube-Streifen mit Mahlow nur 152 Aufrufe, wohingegen jeder XY-Justin-Bieber gern mal gleich 2,8 Millarden hat? Und: mir gibt die Selbstzuschreibung solch nobler Charaktere als "Linke" immer einen Stich. Was macht ein M. noch dazu in der versifften PDL, die inzwischen, Wagenknecht hin oder her, fest am BAK Shalom ausgerichtet ist - das ist wie wenn Fischer-Dieskau beim Eurovision Contest mit Conchita Wurst im Duett singe würde!

- G. G.

Cacatum non est pictum
20. Dezember 2017 08:38

@deutscheridentitärer

"Ein interessanter Artikel. Zum Thema 1. WK kann ich wärmstens Sebastian Haffners Buch 'Die sieben Sünden des Reichs' empfehlen. (Wie Haffner überhaupt ein herausragendes Lesevergnügen ist)"

Haffner war sicher ein guter Literat, aber auch ein gnadenlosser Deutschenhasser. Ich würde seine politischen Schriften daher nur eingeschränkt empfehlen.

 

Gustav Grambauer
20. Dezember 2017 15:30

Valjean72

"Auch Trotzki wurde wohl von der Mehrheit der Russen als ein Fremder angesehen, zudem verbrachte er vor dem Höhepunkt der russischen Oktoberrevolution ganze  zehn Wochen in New York. Das ist doch höchst bemerkenswert oder etwa nicht?"

Sie schneiden hier ein unerschöpfliches Thema mit Konsequenzen in allen Lebensbereichen Rußlands an. Es gäbe so viel dazu zu sagen. Die Parallelen zu den heutigen Farbenrevolutionen und deren Finanzierung in aller Welt werden Sie sicher selbst sehen. In Trotzki lebte sich aber noch ein spezielles Moment aus - ein tausendjähriger Haß auf Rußland, der während des Rittertums der Kiewer Rus um die Krim herum zu lodern begann, in den Jahrhunderten später bis nach Lodsch, hoch ins Baltikum und nach New York loderte und von dorther heute noch lodert. Es ist kein Zufall, daß Trotzki aus der Gegend von Cherson stammte, Stalin Georgier war und Gorbatschow aus Stawropol kam: letztere beide waren in "geographischer" Hinsicht Komromißkandidaten im Krieg der beiden Blöcke, deren Bezeichnung als Lubjanka-Block und Rote-Armee-Block (später nach dem Vaterländischen (!) Krieg Sowjetarmee-Block, höre hier das Unbehagen, gelinde gesagt, über die Umbennenung und damit über den Bruch mit der Trotzki-Tradition ab 9:04)

https://www.youtube.com/watch?v=L44eX7EinR4

zu oberflächlich wäre und einen wesentlichen Zugang zu deren Genealogie ausblenden würde. Die Kafka-mäßigen Autoritätsdramen, aus denen heraus z. B. die Subbottniks

https://de.wikipedia.org/wiki/Subbotnik

(zur Demütigung der Orthoxoxie, - oft die eigenen Eltern wie eben bei Trotzki -, die am Schabbat bekanntlich aus religiösen Gründen nicht arbeiten darf) eingeführt wurden, waren nur ein Nebenschauplatz. Es ging um den Krieg gegen Rußland.

Gorbatschow hat dafür gesorgt, daß diejenigen Kräfte, die seinerzeit Trotzki mit Geld versorgt hatten, mit Privatjets in Rußland einfliegen und gleich unmittelbar agieren konnten. Man nennt sie hierzulande gern die russischen Oligarchen. Die Bezeichnung ist falsch. 

Bis etwa 2001. Auch die Vergangenheit von Putin, der ja Nachfolger von Trotzki als Oberbefehlshaber der Russischen Streikräfte ist, versteht man nur im Zusammenhang mit der Machtkaskade der beiden Blöcke innerhalb der Lubjanka. Putin gehörte lediglich insoweit dem Tscheka- / Lubjanka-Block an als diese ab 1953 (und bis 1991) unter der Egide der Sowjetarmee geführt wurde, im Kern ist er also kein Tschekist sondern ein Sowjetarmee-Mann (oder heute würde man sagen: ein Silowiki-Mann). Wer die Augen hat, um dies zu sehen, der sieht es auch an seinem Auftreten.    

- G. G.

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