Sonntagsheld (42) – der Gute, Teil 2

Natürlich ein Gegen-Hesse, heute.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Die Geäch­te­ten und Der Fra­ge­bo­gen – gleich zwei Epo­chen­wer­ke, eines für die Zeit vor, eines für die Zeit nach 1945, hat uns Ernst von Salo­mon hin­ter­las­sen. Über die­se zwei Bücher ist in unse­rem Milieu bereits ein gan­zer Bat­zen an Auf­sät­zen und Arti­keln geschrie­ben wor­den; auch der Autor hin­ter den Zei­len wur­de ein­gän­gig vor­ge­stellt, betrach­tet und – geni­al – vertont:

[https://www.youtube.com/watch?v=e1xQEA7edVg&list=PLEDC027FAF105F0E9]

Ich möch­te mei­ne Leser daher gar nicht mit wie­der­ge­käu­ten bio­gra­phi­schen Daten lang­wei­len, son­dern einen Blick wer­fen auf ein Buch, das im Fahr­was­ser der zwei gro­ßen Wer­ke wenig Beach­tung fin­det und das – gera­de im Hin­blick auf mei­ne letzt­wö­chi­ge Emp­feh­lung – durch­aus zu Unrecht.

Anfang 1933 ver­öf­fent­lich­te Ernst von Salo­mon Die Kadet­ten. Es han­delt, nicht mehr und nicht weni­ger auto­bio­gra­phisch als die hes­se­schen Wer­ke ähn­li­chen Schla­ges, von sei­ner Zeit in den Kadet­ten­an­stal­ten in Karls­ru­he und Ber­lin-Lich­ter­fel­de 1913 bis 1918.

Für den geneig­ten Leser ist das Buch natür­lich zuerst ein Epo­chen­bild aus den letz­ten Tagen des wil­hel­mi­ni­schen Zeit­al­ters, ein frag­men­ta­ri­scher Zugang in eine Welt, die schon damals wei­test­ge­hend par­al­lel zur Gesell­schaft exis­tier­te. Das wird umso deut­li­cher durch den Krieg, der in von Salo­mons Bericht nicht die zen­tra­le Rol­le ein­nimmt, die man ihm in einem Welt­kriegs­ro­man zuge­traut hät­te. Er ist viel mehr eine Mischung aus fer­nem Don­ner­grol­len und einem Sehn­suchts­ort jugend­li­chen Taten­dran­ges von dem gele­gent­lich ein ehe­ma­li­ger Mit­schü­ler auf die eine oder ande­re Art und Wei­se ver­än­dert zurückkehrt.

Den Kern der Erzäh­lung bil­det jedoch das all­täg­li­che Leben in der Anstalt, von dem von Salo­mon ein Bild zeich­net, das sei­nen Zeit­ge­nos­sen Hes­se wahr­schein­lich ver­nich­tet hät­te: Zucht, gna­den­lo­ser Drill, eine uner­bitt­li­che Span­nung, die geeig­net scheint Kin­der­see­len zu zer­rei­ßen und dazu die all­täg­li­chen Grau­sam­kei­ten, die Jun­gen ein­an­der in ihrer Schul­zeit eben so antun.

Wir wer­den vom Schick­sal hart oder weich geklopft. Es kommt auf das Mate­ri­al an. (Marie Frei­frau von Ebner-Eschenbach)

las ich ein­mal auf dem Rücken einer Sezes­sionaus­ga­be (ich glau­be sogar es war mei­ne ers­te). Und genau das trifft in die­sem Fall zu: Was für Her­mann Hes­se ein Todes­ur­teil gewe­sen wäre, häm­mer­te  den unge­stü­men Ernst von Salo­mon erst so rich­tig in Form. Sein über­schäu­men­der Taten­drang, der auch in den Kadet­ten immer wie­der her­vor­bricht, wur­de durch die Aus­bil­dung in der Anstalt, die – wie es die dra­ma­ti­schen Fol­gen eines plötz­li­chen Luft­an­grif­fes erah­nen las­sen – vor­nehm­lich eine Aus­bil­dung der Hal­tung und der Form, als eine der Fer­tig­kei­ten ware, erst auf eine Art und Wei­se kana­li­siert, die die Taten der nach­fol­gen­den Jah­re über­haupt mög­lich machte.

Die Kadet­ten, das sind unge­fähr 400 Sei­ten Jun­gen­aben­teu­er, Sehn­sucht, Knöpfe­put­zen, Exer­zie­ren, und eine Kaser­ne voll Jun­gens, die es kaum erwar­ten kann, den ihnen vor­aus­ge­fal­le­nen Kame­ra­den nach­zu­fol­gen. Es ist die Geschich­te einer Erzie­hung zum Tode, die Geschich­te eines Drucks der geeig­net ist, Men­schen zu zedrü­cken, oder zu Dia­man­ten zu for­men und alles in allem so unver­schämt anti­mo­dern, dass die Lek­tü­re eine wah­re Freu­de ist.

Wer also zwi­schen den Jah­ren Die Geäch­te­ten zur Hand neh­men möch­te, dem sei wärms­tens ange­ra­ten, die­se Lek­tü­re ein wenig auf­zu­schie­ben und sie statt­des­sen an die der Kadet­ten anzu­schlie­ßen. Inhalt­lich gehen die Bücher qua­si naht­los inein­an­der über, sti­lis­tisch unter­schei­den sie sich zwar, rei­ben sich aber nicht.

– – –

Die Kadet­ten gibt es bei Rowohlt seit neu­es­tem wie­der, hier bestel­len.

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Kommentare (4)

Thomas Martini

17. Dezember 2017 19:43

"Die Kadetten, das sind ungefähr 400 Seiten Jungenabenteuer, Sehnsucht, Knöpfeputzen, Exerzieren, und eine Kaserne voll Jungens, die es kaum erwarten kann, den ihnen vorausgefallenen Kameraden nachzufolgen."

Trotz der schön geschrieben Empfehlung werde ich zu solchen Schriften keinen Zugang finden. Dafür ist meine Sehnsucht nach einer deutschen Kulturnation zu stark, und meine Abscheu vor Militarismus zu groß. Dennoch weiß ich diesen Beitrag sehr zu schätzen, und bedanke mich vielmals für die Anregung.

Mein Sonntagsheld in diesem Kontext wäre Otto Reutter. "Der träumende Michel", "Seh'n Sie, darum ist es schade, daß der Krieg zu Ende ist", oder auch "Ich möcht' erwachen beim Sonnenschein", wären so Stücke, die man sich durchaus mal geben sollte.

 

 

 

Franz Bettinger

18. Dezember 2017 02:04

Eine wunderbar geschriebene Buchempfehlung. Danke, Herr Wessels. Ich werde auch das andere berühmte Buch Salomons lesen "Der Fragebogen", in dem u.a. die menschenverachtenden Zustände in US- amerikanischen Internierungs-Lagern (nach dem Krieg!) geschildert werden. Übele Dinge bleiben übele Dinge. Aber manche sind übeler. Ich will darüber kein Gras wachsen sehen. Den besiegten deutschen Wehrmachts-Soldaten haben die Alliierten nicht mal den Status POW (Prisoner of War) zugestanden. Um sich den Pflichten der Genfer Konvention zu entledigen und um das Rote Kreuz von den (Rheinwiesen und anderen) erbärmlichen "Lagern" fern zu halten, erfanden die Sieger einen völlig neuen Terminus, den der Disarmed Enemy Forces, DEF. Darüber mal ein Kaplaken-Bändchen (etwa wie jenes über den "Präventiv-Krieg Barbarossa") würde mich freuen.

Monika L.

18. Dezember 2017 14:06

@Franz Bettinger

Ich lese keine Bücher über Krieg. Aber da Sie auf die Internierungslager der Amerikaner hinweisen, eine kleine Geschichte. Auf der diesjährigen  Adventsfeier der "alten Damen' zeigte der evangelische Pfarrer ein paar Bilder von Krippen. Hinter einer Krippe war sogar ein Kreuz mit dem Gekreuzigten zu sehen. Irgendwie kamen wir   darauf, wie so eine Kreuzigung wohl abgelaufen ist  und welcher Art der Kreuzigungstod sei. (Es können bis zum Eintreten des Todes Stunden vergehen, Details erspare ich mir) . Tod durch langes Hängen. In diesem Zusammenhang verwies der Pastor auf das Lager Bretzenheim hier in der Nähe. "Man"  ließ die Internierten stundenlang um Wasser anstehen , der Tod dürfte auf die gleiche Weise eingetreten sein. So der Pastor. Ich war etwas sprachlos, dass ein Pfarrer dies erwähnte:

https://rheinwiesen-lager.de/einzelne-lager-im-heutigen-rheinland-pfalz/bretzenheim-winzenheim/

 

Monika L.

18. Dezember 2017 14:09

@Franz Bettinger

Ich lese keine Bücher über Krieg. Aber da Sie auf die Internierungslager der Amerikaner hinweisen, eine kleine Geschichte. Auf der diesjährigen  Adventsfeier der "alten Damen' zeigte der evangelische Pfarrer ein paar Bilder von Krippen. Hinter einer Krippe war sogar ein Kreuz mit dem Gekreuzigten zu sehen. Irgendwie kamen wir   darauf, wie so eine Kreuzigung wohl abgelaufen ist  und welcher Art der Kreuzigungstod sei. (Es können bis zum Eintreten des Todes Stunden vergehen, Details erspare ich mir) . Tod durch langes Hängen. In diesem Zusammenhang verwies der Pastor auf das Lager Bretzenheim hier in der Nähe. "Man"  ließ die Internierten stundenlang um Wasser anstehen , der Tod dürfte auf die gleiche Weise eingetreten sein. So der Pastor. Ich war etwas sprachlos, dass ein Pfarrer dies erwähnte:

https://rheinwiesen-lager.de/einzelne-lager-im-heutigen-rheinland-pfalz/bretzenheim-winzenheim/

 

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