Sezession
21. Dezember 2017

Sie wollen für Angela Merkel sterben

Ellen Kositza / 11 Kommentare

Eigentlich ist dieser Text eine Besprechung des Juli-Zeh-Romans Leere Herzen. Eine gewichtige Rolle spielt in diesem Roman die BBB, die Besorgte Bürger Bewegung, die dezidierte Anleihen bei der realen AfD nimmt.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Nun lief am vergangenen Sonntag im bürgerfinanzierten Erziehungsfunk ein Tatort mit dem Titel „Dunkle Zeit“, der für Furore sorgte. Kurzgesagt ging es darum, daß eine neue, aufstrebende Partei, die „Neuen Patrioten“, sich als Opfer inszeniert. Dem Augenschein nach werden sie, vor allem ihre Führungsfiguren (erstens eine Mixtur aus Weidel/Petry und zweitens Jörg Meuthen) durch Linksextremisten bedroht.

Am Ende stellt sich eine kaltblütige und waffenerfahrene Linksextremistin als echte Rechte heraus, die im Auftrag einer besonders rechten Patriotenclique Abweichler killen soll. Spannungsmäßig fiel der Fernsehkrimi weithin durch, und sogar Leitmedien hielten ihn für ziemlich klischeebeladen.

Regisseur und Drehbuchautor Niki Stein sagte der FAZ zu seiner Recherchearbeit erstens:

Vor allem habe ich Parteiprogramme gelesen und mir die neurechten, ideologischen Hintergrundfiguren angeschaut: Elsässer, Kubitschek.

Aber, denn hier wird’s echt eng, was die False-Flag-Aktion angeht (daß also Linksextreme eigentlich Mitglieder des rechten Spektrums seien):

Nach Vorbildern in der Realität habe ich dabei tatsächlich nicht gesucht.

Aha. Wir haben verstanden. Das darf Fiktion: Einen Buhmann ausmalen, der extrem einfach in der Realität wiederzuerkennen ist. Jeder Idiot versteht, was und wer mit Niki Steins „Neuen Patrioten“ und Juli Zehs „BBB“ gemeint ist. Und dann? Das wird man als Künstler sich wohl nach wildströmender Phantasie ausmalen dürfen!

Hier wäre meine Besprechung von Juli Zehs Roman, einem Paralleltext zum Tatort:

Es ist im Grunde so, daß für jeden Schreibwütigen oder-willigen die Themen auf der Straße liegen. Es gibt Stoff genug, ja! Aber es gibt mehr Möchtegern-Schneider als echte Haute-Couture-Künstler.

Die „Bestenlisten“ hochgebildeter Jurys haben wenig gemein mit den Bestsellerlisten. Letztere bilden den Publikumsgeschmack ab; erstere das Erlesene, oft Verstiegene. Beispiel: Bestverkauft werden zur Zeit die Thriller Blutroter Sonntag, Flugangst 7A oder die tränenrührende Geschichte Nur noch ein einziges Mal. Auf der Bestenliste hingegen finden sich elaborierte Empfehlungen für die “oberen Zehntausend”: Thomas Lehrs anspruchsvoller Roman Schlafende Sonne und die hyperintellektuelle Biographie von Annie Ernaux: Die Jahre.

Ich meine damit: Wenn es eine „Filter-Bubble“, eine Echokammer gibt, eine scharfe Trennlinie zwischen intellektueller Abgehobenheit und Volk, dann wird sie auch im Lese- und Empfehlungsverhalten deutlich. Der Arbeiter, der durchschnittliche Angestellte und Beamte wird einen Scheiß geben auf die „Schlafende Sonne“!

Wir kämen zu Juli Zeh. Ihre Romane sind insofern besonders, weil sie die Trennlinie zwischen Volkskunst und Hochkultur offenkundig zu durchbrechen verstehen. Zehs letzter Roman, Unterleuten, war nicht nur ein Gassenhauer, er wurde auch von der bibliophilen upperclass goutiert. Man las ihn nicht nur in der Elbchaussee gern, sondern auch in Hinter der Grube. Juli Zehs Sicht auf die Dinge hat etwas Weltweises, die Frau (Jahrgang 1974, späte Mutter zweier Kinder) ist klug, gebildet (sie ist Juristin) und eine Menschenkennerin. Letzteres, also die Kunst, das Personal mit raschen Strichen kenntlich zu entwerfen, dabei Ambivalenzen nicht scheuend, hat mich zur begeisterten Leserin von Zehs Romanen gemacht. Dabei ist Zeh eine der wenigen Schriftstellerinne, die sich nicht scheut, sich politisch zu verorten. Gerade ist sie (ich dachte, sie wäre es längst) in die SPD eingetreten.

Nun also Leere Herzen.  Die Grundidee ist bestechend: Rund 10.000 Menschen jährlich begehen in Deutschland Suizid. Die allerwenigsten (eine Ausnahme hat Nicol Ljubic gerade in Ein Mensch brennt aufgezeichnet) verknüpfen ihren individuellen Lebensüberdruß mit einer politischen Botschaft. (Ich bzw. Zeh reden von Abendländern.) Dabei wär das doch was: Menschen, die ohnehin aus dem Leben scheiden wollen, noch eine letzte Sinnbotschaft als Etikett mitzugeben!

Die Geschichte spielt in der nahen Zukunft, 2025. Es gibt einen Frexit, eine Bewegung „Free Flandern“ und „Katalonien first!“. In Deutschland hat Merkel abdanken müssen. Die neue Kanzlerin wurde von der BBB gestellt, sie heißt Regula Freyer.

Die BBB ist die Besorgte-Bürger-Bewegung, die damals, in den Zeiten der Flüchtlingskrise anno 2015, Fahrt aufgenommen hatte. Mittlerweile bringt die Partei das fünfte „Effizienz-Paket“ auf den Weg. Der Staat macht sich schlank, Eigenverantwortung zählt wieder. Stadtteile, die Jahre zuvor noch in muslimischer Hand waren, sind wieder „deutscher“. Die BBB, bereits in der zweiten Legislaturperiode, hat aufgeräumt – dafür war sie angetreten.

Im sozialen Umfeld der Protagonistin Britta verhält es sich ähnlich, wie es sich anno 2017 mit den öffentlichen Intellektuellen und der AfD verhält: Diese Partei kann keiner leiden, man parodiert deren Vorsitzende gern. Alle stehen ihr mehr als skeptisch gegenüber, das gleiche gilt für Trump und Putin. Dabei: Diese Staatsmänner haben den Syrienkrieg befriedet, und eigentlich schaut auch Deutschland ganz gut aus unter der Regentschaft von Kanzlerin Freyer. Die kleine Tochter der Karrierefrau Britta und ihrem Ehegespons Richard (irgendwas mit IT) spielt gemeinsam mit der der Tochter von Brittas jüngerer, naiverer Busenfreundin Janina brutale Killerspiele. Das ist okay. Alle tun es. Immerhin speist man meistens vegan.

Britta betreibt mit dem schwulen irakischen Flüchtling   Babak ein erfolreiches Unternehmen: „Die Brücke“. Über das Internet und einen ausgeklügelten Algorithmus filtern sie Selbstmordkandidaten aus und vermitteln sie an diverse Organisationen, die sich auf irgendeine Weise die Weltrettung auf die Fahnen geschrieben haben.

Die meisten Selbstmörder in spe werden durch Britta und Babak „geheilt“. Sie müssen nämlich zwölf Prüfungsstufen durchlaufen (Waterboarding etc.), um zu testen, ob sie wirklich vollends lebensmüde sind.  Wer auf Stufe x scheitert, hat neuen Lebenswillen entdeckt und zeigt sich mittels Geldspenden erkenntlich. Wer durchhält, ist ein echter Freitodkandidat und wird beispielsweise an Umweltorganisationen vermittelt.

Nun hat sich aus abgewiesenen Suizidwilligen eine brutale Untergrundorgansisation namens „Empty Hearts“ entwickelt, die Brittas „Brücke“ in die Bredouille bringt. Der Roman hat hier ein paar logische, vor allem psychologische Brüche. Im tonangebenden Großfeuilleton ist er vor allem deshalb durchgefallen.

Bislang (soweit ich sehe) unerwähnt in den Buchbesprechungen war die erregende Phantasie, die am Ende des Romans Wirklichkeit zu werden droht: Die Empty Hearts planen ein gigantisches Attentat auf die BBB-Regierung und wollen die nun über 70jährige Angela Merkel wieder ins Amt setzen. Alle strahlen! Ein großes „Wow“!

Britta allein ist skeptisch, immerhin seien diese „Spinner“ von der BBB gewählt worden! Ja, genau, wie die NSDAP damals, schleudert man ihr entgegen. Was sei demokratisch an einer Wahl, „die massiv aus dem Internet gesteuert“ worden sei? Gäbe es nicht ein Widerstandsrecht?  Die Mordsphantasie: Niedere Angestellte werden verschont, man freut sich auf die „schreckgeweiteten Augen“ bestimmter Personen und auf die Stille, die dann über „Leichenteilen und Trümmern“ schweben wird.

Britta spürt, wie das Blut in ihren Adern zu prickeln beginnt. Wegfegen, ausräuchern, saubermachen. Eine Aktion von historischem Ausmaß. Der Aufstand der Gerechten, Terror der Guten, demokratisches Großreinemachen. Sie malt sich aus, wie ein Sturm der Erneuerung durchs Land fegen wird, der nicht nur die BBB-Elite mit sich reißt, sondern auch deren Anhänger, jene notorischen Nörgler, die seit Jahrzehnten mit ihrer Missgunst und Kleinkariertheit an den Fundamenten der Demokratie grabe. Die das Internet in eine Schlammschleuder verwandelt haben, die nur glücklich sind, wenn sei auf andere herabschauen können. […] Jener Bodensatz aus schlechtgelaunten Postdemokraten, die erfolgreich dabei sind, die größte zivilisatorische Errungenschaft der Menschheitsgeschichte ihren persönlichen Minderwertigkeitskomplexen zu opfern. Zur Hölle mit ihnen!

Julietta, eine magersüchtige Hauptfigur, ist sofort dabei, sie will unbedingt „für eine gute Sache sterben.“ Der sinistre Geheimdienstmann, der nun die Empty Hearts dirigiert, bekräftigt: „Das ist die beste Sache der Welt!“

Nun, Britta und mithin Juli Zeh kriegen am Ende die Kurve. Es wird kein Massaker geben. Aber eine geile Phantasie war’s wert! Juli Zeh, die noch Ende 2016 auf den Verbleib von Angela Merkel als Kanzlerin hoffte, ist 2017 übrigens Mitglied der SPD geworden. Unbekannt: Wen und was Niki Stein gewählt hat.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (11)

cso
21. Dezember 2017 16:52

Ach du meine Güte!

Bleibt nur zu hoffen, daß sich so manche Schreibkraft in Zukunft für den stumpfen Blödsinn anständig schämen wird, mit welchem sie sich gegenwärtig verdingt.

Monika L.
22. Dezember 2017 10:02

Dieses "Leere Herzen" klingt sehr abgehoben, konstruiuert, langweilig. Warum sollte ich so ein Buch lesen ? Und der Tatort geht mir an der Josef Pieper Gesmtausgabe vorbei . 

Liebe Frau Kositza, 

die Trennlinie zwischen Volkskunst und Hochkultur durchbrechen m. E. eher die Autoren in Frankreich. Die sind dichter ( Dichter) an der Realität. Etwa von Tristan Garcia " Faber, der Zerstörer":

https://www.perlentaucher.de/buch/tristan-garcia/faber-der-zerstoerer.html

Könnte ich mir auch gut als Film  vostellen. Garcia ist Schriftsteller und Philosoph zugleich ( " Das intensive Leben)

Interessant auch das Buch von Édouard Louis "Im Herzen der Gewalt" . In einer Rezension heißt es:"

Am allerwenigsten aber will Louis werden, was er vor dieser Nacht mit aller Kraft bekömpft und zurückgewiesen hat, ' das absolut andere meiner selbst': ein Rassist. Monatelang, so beschreibt es Louis,mwar seine Angst so groß, dass er sich kaum dagegen wehren konnte: Wenn er Schwarze in der Metro sah oder Araber, auch er unterschied da nun nicht mehr, senkte er den Blick und flehte stumm " Tu mir nichts". ........." Eine zweite Person war in meinen Körper eingezogen" ..." Ich war die anderen geworden" ...

In deutsche Autoren ist die " zweite Person" noch nicht eingezogen. Deshalb schreiben sie so eigentümlich dumm...

Joyeux Noël      

Herr K.
22. Dezember 2017 10:17

Sehr geehrte Frau Kositza,

wenn Ihnen der letzte Tatort nicht gemundet hat, dann schauen Sie sich erstmal den neuen Film von Fatih Akin (Aus dem Nichts) an. Ähnliche Grundstruktur, nur diesmal mit Reminiszenzen an den NSU. Das dürfte dann zum Speien bringen, da nicht nur die NSU-Geschichte verklittert wird, es wird indirekt zum "Sterben für Multikulti" geworben....und das mit einer Anleitung zum Bombenbauen!

Wenn diese Geschichte anders herum erzählt worden wäre, hätte sie nie ein Kino von innen gesehen.

Klaus D.
22. Dezember 2017 13:39

Frau Kositza, ich bewundere Ihre Nerven und die kühle Sachlichkeit, mit der Sie diesen Tatortpropagandaschrott "Dunkle Zeit" (u.a. ähnliche Machwerke) analysieren. Ja, gut, man muß am Gegner dran bleiben - vielen Dank an der Stelle für Ihre Mühe! Ich kann solchen Müll schon lange nicht mehr ertragen. Mir ist schon die subtile Botschaft "Amis hui, Russen pfui" im ansonsten gut gemachten Krimi "Der 7. Tag" (21.12. 20:15 NEO) zu viel. Mir tun nur die Schauspieler wie hier die sehr sympatische Stefanie Stappenbeck leid, die sich als Propagandanutten mißbrauchen lassen (müssen).

S.J.
22. Dezember 2017 21:07

Da das Weihnachtsfest naht und allgemeines Insichkehren geboten ist, sollte man es auch dem Öffentlich-Rechtlichen nachsehen, wenn Heilsbotschaften der öffentlich-rechtlichen Art den Bürger erreichen. Das gilt aber für jeden von uns, auch umgekehrt, für die eine wie die andere Seite. Mich jedenfalls erinnern Filme wie diese - aber auch derartige Bücher, die mit großer Wahrscheinlichkeit einen Preis bekommen - an das, was Josef Schüßlburner mit "ideologiepolitischem Zurechnungskollektivismus" bezeichnet. Es wäre doch schön, wenn man sich gegebenenfalls kundig machte, was das wohl meint. Und dann ins Grübeln käme.

Abraham-Siegfried
22. Dezember 2017 21:27

Beide Bücher von Frau Zeh habe ich gelesen. Wohl wusste ich wie ich die Autorin politisch einzuordnen habe, aber die Bücher habe ich anders interpretiert.

Unabhängig vom Plot wird keiner der vermeintlich Guten als guter und wahrer Mensch mit Idealen und einem festen Weltbild dargestellt. Wenn es Ideale gibt werden diese verkauft, für Geld, Baugenehmigungen, Macht …

Ein Sozi/ Kommunist ist im Grunde nur neidisch und missgünstig einem wohlhabenderen Gegenüber. Er schreckt nicht vor Brandstiftung oder Aufwieglung zurück.

Statt Kinder lieber Pferde!

Kontrollzwang und Missachtung des eigenen Mannes, dies macht die Hauptfigur im letzten Werk als „Kämpferin für die gute Sache“ zu keinem guten Menschen. Das Ziel einer solchen Gesellschaft in der Intellektuelle so sein/ bleiben wollen kann nicht erstrebens-/ erhaltenswert sein.

Jede Figur taugt unter keinem Aspekt zum Helden, geschweige zum Vorbild oder Empathieträger. Sie zeigen die Fratze der herrschenden Umstände. 

Folglich bleibt hier nur Adorno, nach Zehs Lesart etwas umgestellt:

 

 Ohne echte moralische Maßstäben kein wahres Leben.

Till Schneider
23. Dezember 2017 03:25

Ich habe den Fehler gemacht, mir aufgrund einer Rezension im Normal-Feuilleton Juli Zehs vorletzten Roman "Unterleuten" zu kaufen. Die Lektüre war mir eine Qual. Ich habe mich mehr geärgert, als ich mich gelangweilt habe, und schon die Langeweile war kaum zu ertragen. Eine Story, die zwischen peinigender Vorhersehbarkeit und absonderlicher Konstruiertheit hin- und herpendelt, getragen von lauter unentwickelten, ausgestanzten Pappkameraden als "Charakteren". Zeh äußerte in einem Interview, es habe ihr "großen Spaß gemacht", diese Protagonisten "gegeneinander antreten zu lassen"; da dachte ich bei mir: Besonders anspruchsvoll scheint sie nicht zu sein. Und wenn ich jetzt so Ellen Kositzas Inhaltsbeschreibung von "Leere Herzen" lese, geht's mir wie Monika L. weiter oben. Auch für mich klingt das "sehr abgehoben, konstruiert, langweilig", und es kommt sofort mein "Unterleuten"-Trauma wieder hoch.

Bei "Unterleuten" hat mich u.a. geärgert, dass Zeh sich so wohlfeil-vorhersehbar auf das Öko-Energie-Thema draufsetzt, aber bei "Leere Herzen" geht es mir geich noch viel schlechter. Erster Gedanke: Dass Zeh eine solche Gesellschaft der nahen Zukunft konstruiert, hat sie doch von Houellebecq abgekupfert. Da hat sie sich auf "Soumission" draufgesetzt und halt auch mal einen "Gesellschaftsentwurf" hingelegt, um "Zusammenhänge deutlich zu machen" oder so. Schließlich kennt man Zeh auch als Polit-Aktivistin bzw. Petitions-Virtuosin; da wäre das schon naheliegend. Dann lese ich in Kositzas Zusammenfassung:

Stadtteile, die Jahre zuvor noch in muslimischer Hand waren, sind wieder „deutscher“. Die BBB, bereits in der zweiten Legislaturperiode, hat aufgeräumt – dafür war sie angetreten.

Na sowas. Genau umgekehrt wie in "Soumission". Teufel auch! Sollte Juli Zeh etwa ... ungefähr so: Die ökologische Nische "islamische Gesellschaftsutopie" ist schon von Houellebecq besetzt, also muss ich die Akzente genau andersherum setzen? Das wäre dann die geschicktere Abkupfer-Variante, nämlich "Abkupfern invers", aber Abkupfern wäre es. Und sollte es sich tatsächlich so verhalten, dann hätte ich's gemerkt, d.h. Zehs Kalkül wäre durchschaut. (Dass sie in "Unterleuten" ausgerechnet so was "Populäres" wie das Windräder-Thema abgehandelt hat, muss ja nun auch kein Zufall gewesen sein.)

Aber auch wenn Zeh nicht so "kalkuliert" hätte, d.h. wenn sie nicht bewusst "invers abgekupfert" hätte, bliebe noch die Möglichkeit, dass sie's unbewusst getan hat. Da wäre dann allerdings die Frage, ob das besser ist als "bewusst". Oder sie hat unbewusst angefangen, hat dann gemerkt: "Huch, die Inspiration zu meiner Gesellschaftskonstruktion hab ich von Houellebecq, ich häng mich ja an den dran!" – und hat sich das dann "durchgehen lassen", nach mehr oder weniger gravierenden Bedenken. Aber auch bei dieser Variante ließe sich fragen, wie gut sie ist.

Kurzum, bei Juli Zehs Stoff- bzw. Konstruktionswahl höre ich ständig irgendwelche Nachtigallen trapsen (auch bei derjenigen ihrer politischen Artikel und Petitionen:-). Kommt hinzu die Lese-Erfahrung mit "Unterleuten" und mit ihrem Roman "Adler und Engel" von 2003, einem der chaotischsten und sinnlosesten Bücher, die ich jemals gelesen habe (auf "Amazon" erfuhr ich heute zu meinem Entsetzen, dass das Buch mitunter als Schullektüre verordnet wird). Und schließlich: Eine Gesellschaftsutopie, in der islamisierte Stadtteile wieder in die Hand der schon länger hier Lebenden zurückgelangt sind, ist mir einfach zu unwahrscheinlich. Ich glaube nicht, dass man auf solcher Grundlage nennenswerte Literatur machen kann. Bei Houellebecq hingegen ... eben.

Also ich werde "den neuen Zeh" ganz sicher auch nicht lesen.

Till Schneider
23. Dezember 2017 03:35

Ich habe den Fehler gemacht, mir aufgrund einer Rezension im Normal-Feuilleton Juli Zehs vorletzten Roman "Unterleuten" zu kaufen. Die Lektüre war mir eine Qual. Ich habe mich mehr geärgert, als ich mich gelangweilt habe, und schon die Langeweile war kaum zu ertragen. Eine Story, die zwischen peinigender Vorhersehbarkeit und absonderlicher Konstruiertheit hin- und herpendelt, getragen von lauter unentwickelten, ausgestanzten Pappkameraden als "Charakteren". Zeh äußerte in einem Interview, es habe ihr "großen Spaß gemacht", diese Protagonisten "gegeneinander antreten zu lassen"; da dachte ich bei mir: Besonders anspruchsvoll scheint sie nicht zu sein. Und wenn ich jetzt so Ellen Kositzas Inhaltsbeschreibung von "Leere Herzen" lese, geht's mir wie Monika L. weiter oben. Auch für mich klingt das "sehr abgehoben, konstruiert, langweilig", und es kommt sofort mein "Unterleuten"-Trauma wieder hoch.

Bei "Unterleuten" hat mich u.a. geärgert, dass Zeh sich so wohlfeil-vorhersehbar auf das Öko-Energie-Thema draufsetzt, aber bei "Leere Herzen" geht es mir geich noch viel schlechter. Erster Gedanke: Dass Zeh eine solche Gesellschaft der nahen Zukunft konstruiert, hat sie doch von Houellebecq abgekupfert. Da hat sie sich auf "Soumission" draufgesetzt und halt auch mal einen "Gesellschaftsentwurf" hingelegt, um "Zusammenhänge deutlich zu machen" oder so. Schließlich kennt man Zeh auch als Polit-Aktivistin bzw. Petitions-Virtuosin; da wäre das schon naheliegend. Dann lese ich in Kositzas Zusammenfassung:

Stadtteile, die Jahre zuvor noch in muslimischer Hand waren, sind wieder „deutscher“. Die BBB, bereits in der zweiten Legislaturperiode, hat aufgeräumt – dafür war sie angetreten.

Na sowas. Genau umgekehrt wie in "Soumission". Teufel auch! Sollte Juli Zeh etwa ... ungefähr so: Die ökologische Nische "islamische Gesellschaftsutopie" ist schon von Houellebecq besetzt, also muss ich die Akzente genau andersherum setzen? Das wäre dann die geschicktere Abkupfer-Variante, nämlich "Abkupfern invers", aber Abkupfern wäre es. Und sollte es sich tatsächlich so verhalten, dann hätte ich's gemerkt, d.h. Zehs Kalkül wäre durchschaut. (Dass sie in "Unterleuten" ausgerechnet so was "Populäres" wie das Windräder-Thema abgehandelt hat, muss ja nun auch kein Zufall gewesen sein.)

Aber auch wenn Zeh nicht so "kalkuliert" hätte, d.h. wenn sie nicht bewusst "invers abgekupfert" hätte, bliebe noch die Möglichkeit, dass sie's unbewusst getan hat. Da wäre dann allerdings die Frage, ob das besser ist als "bewusst". Oder sie hat unbewusst angefangen, hat dann gemerkt: "Huch, die Inspiration zu meiner Gesellschaftskonstruktion hab ich von Houellebecq, ich häng mich ja an den dran!" – und hat sich das dann "durchgehen lassen", nach mehr oder weniger gravierenden Bedenken. Aber auch bei dieser Variante ließe sich fragen, wie gut sie ist.

Kurzum, bei Juli Zehs Stoff- bzw. Konstruktionswahl höre ich ständig irgendwelche Nachtigallen trapsen (auch bei derjenigen ihrer politischen Artikel und Petitionen:-). Kommt hinzu die Lese-Erfahrung mit "Unterleuten" und mit ihrem Roman "Adler und Engel" von 2003, einem der chaotischsten und sinnlosesten Bücher, die ich jemals gelesen habe (auf "Amazon" erfuhr ich heute zu meinem Entsetzen, dass das Buch mitunter als Schullektüre verordnet wird). Und schließlich: Eine Gesellschaftsutopie, in der islamisierte Stadtteile wieder in die Hand der schon länger hier Lebenden zurückgelangt sind, ist mir einfach zu unwahrscheinlich. Ich glaube nicht, dass man auf solcher Grundlage nennenswerte Literatur machen kann. Bei Houellebecq hingegen ... eben.

Also ich werde "den neuen Zeh" ganz sicher auch nicht lesen.

Utz
23. Dezember 2017 13:36

Nun, Britta und mithin Juli Zeh kriegen am Ende die Kurve. Es wird kein Massaker geben. Aber eine geile Phantasie war’s wert! 

Vorweg: Ich habe Zehs Buch nicht gelesen und werde es auch nicht lesen. Insofern: wenn ich da was grundlegend falsch verstanden habe, leiste ich Abbitte. 

Trotzdem, so wie sich Zeh ansonsten präsentiert würde ich vermuten, das Massaker am Ende hat es nicht gegeben, weil das aus dramaturgischen Gründen kein möglicher Schluß ist.

So wie ich das verstanden habe, ist das Buch doch (unter anderem) auch der Gedanke: warum haben eigentlich nur die Moslems Selbstmordattentäter und wir nicht, wo wir sie doch so gut gebrauchen könnten. Das könnten doch die erledigen, die eh schon sterben wollen. 

Will da jemand andere mit der Nase auf eine Idee stoßen? Ist Zeh auch bloß Berg, nur nicht so plump?

quarz
25. Dezember 2017 11:32

Frohe Weihnachten übrigens auch an alle Spanner, die jetzt hinter den Astlöchern in ihren Ämtern, Instituten, Stiftungen und besetzten Häusern hocken und aus Neigung oder weil es der Dienstplan vorsieht "wachsam sind", damit "kein Fußbreit" unbeobachtet aus dem "Schoß" zu schlüpfen vermag, der "noch fruchtbar" ist.

Karlemann
25. Dezember 2017 15:32

Die AfD im Tatort?

Dann Ist die AfD also in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Denn es wurden auch schon Öko-Aktivisten, kriminelle Fluchthelfer, bremer Libanesen-Clans und biedere Sozis durch den Kakau gezogen.

Mit ebenso schlechten Drehbüchern. Mit ebenso schlechter Kameraführung. >Soll das "künstlerische Gewackel" im Zusammenhang mit der AfD bei den Zuschauern ein möglichst unangenehemen Eindruck hinterlassen? Egal.

MIt dem Geld das für dieses Format an die Kamarilla verballert wird, könnte man eine Kleinstadt durchfüttern.

Und um die Drebuchautoren in die Schranken zu weisen, könnte man die nächsten Jahre einfach all die Dinger von Dürrenmatt, Simeon und Co verfilmen.

Für das Geld kann sich der arme ÖR dann ein Stativ oder vielleicht sogar eine Steadicam kaufen.

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