29. Dezember 2017

Staatlich verordneter Individualismus

Gastbeitrag / 14 Kommentare

Er sollte daher nicht als ein konservatives Korrektiv für den Markt verstanden werden. Er hat, wie wir alle wissen, keine religiöse Grundlage mehr. Wenn Gott noch hie und da in Präambeln oder Schwurformeln erwähnt wird, so dient das bestenfalls als ein Feigenblatt, ist vermutlich aber einfach Augenwischerei.

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Auch die Nation übt schon lange keine einheitsbildende Kraft mehr auf die meisten modernen Staaten aus, insbesondere nicht auf den deutschen. Der Staat, in dem wir leben, schützt in erster Linie die Rechte des einzelnen, die sogenannten Menschenrechte.

Der Tendenz und der Ideologie nach sind bei uns nur Individuen Rechtssubjekte. Gemeinschaften wie die Ehe, die Familie, die Sippe, die Gemeinde, das Volk werden nicht als naturwüchsige Gebilde aufgefaßt, die nach eigenen Regeln funktionieren und nach außen hin als Einheit mit eigenen Rechten auftreten können, sondern als freiwillige und jederzeit aufkündbare Zusammenschlüsse von einzelnen Personen. 

Auf die Worte „freiwillig“ und „jederzeit aufkündbar“ wird dabei besonderer Wert gelegt. Als wirklich freiwillig zählt nur das, was der Mensch aus sich heraus und ohne Beeinflussung durch die Gesellschaft oder die Tradition tut und entscheidet. Nicht Gott, nicht die Nation, sondern der völlig selbstbestimmte und freie Mensch ist das Ziel der Staatstätigkeit. 

Wenn man den modernen Staat als Korrelat des so verstandenen Individualismus versteht, lassen sich einige neuere Phänomene in der westlichen Welt zwanglos in die größeren Entwicklungslinien einordnen. Das Ziel oder zumindest das Resultat zahlreicher Gesetze und Gerichtsentscheidungen ist es, den Druck der gemeinschaftsbildenden Institutionen auf das Individuum abzubauen, auf daß letzteres frei werde von gesellschaftlichen Zwängen.

Als Beispiel aus jüngerer Zeit wäre zunächst zu nennen die Ehe für alle. Die Ehe zwischen Mann und Frau ist ja tatsächlich nur eine von vielen Möglichkeiten des Zusammenlebens, und aus individualistischer Sicht gibt es keinen Grund, warum der Staat eine einzelne davon herausgreifen und unter seinen besonderen Schutz stellen sollte. Warum sollte der Staat (oder die Kirche) darüber entscheiden dürfen, wer wen wann und wie oft heiratet? Aus Sicht des individualistischen Staates ist es ausschließlich Sache der Betroffenen, ob sie sich das Jawort geben wollen oder nicht. 

Ähnlich sieht es aus bei der Frage der Anzahl und Art der Geschlechter. Zwar sind uns unsere Geschlechtschromosomen von der Natur vorgegeben; wie wir uns aber zu unserer genetischen Ausstattung verhalten sollen, das ist aus individualistischer Sicht selbstverständlich dem einzelnen zu überlassen.

Dementsprechend läßt der Staat an Universitäten im Rahmen der Geschlechterforschung (gender studies) erforschen, inwiefern unser Verhalten durch die gesellschaftliche Vorgabe von normativen Geschlechterrollen manipuliert wird, und wie die Voraussetzungen dafür geschaffen werden können, daß jeder das Geschlechtsverhalten an den Tag legen kann, das ihm persönlich auf den Leib geschnitten zu sein dünkt.     

Besonders zu nennen ist hier die individualisierende und zersetzende Wirkung der Sozialpolitik, die ja den mit Abstand größten Posten der deutschen Staatsausgaben ausmacht. Man sollte sich hier nicht durch das Wort „Sozial“ täuschen lassen, das irgendwie nach Gemeinschaft, nach Solidarität klingt. Zentralisierte staatliche Sozialpolitik hat genau den gegenteiligen, nämlich einen vereinzelnden Effekt. Sie gewährt die soziale Hilfe in Form eines Rechtsanspruchs, der grundsätzlich völlig unabhängig davon ist, ob sich der Empfänger sozial oder asozial verhält.

Arbeitslosengeld bekommt auch derjenige, der seine Mutter verkauft, seine Frau betrogen und seine Kinder nicht anerkannt hat. Staatliche Sozialhilfe bindet den einzelnen nicht in die Gemeinschaft ein, sondern macht ihn vielmehr unabhängig von der Meinung, welche die Gemeinschaft von ihm hat. An die Stelle von Familie, Gemeinde oder Nachbarschaft tritt der große Frei- und Gleichmacher Staat. Das Subsidiaritätsprinzip der katholischen Soziallehre eignet sich darum vor allem als Kritik an der individualisierenden Wirkung moderner Sozialpolitik, auch wenn es ursprünglich eigentlich gegen die kollektivistischen Regime des nationalen und internationalen Sozialismus gerichtet war.

Mit der Bildungspolitik steht es nicht anders. Für die Frage, ob ein Kind studiert oder nicht, sollen nicht mehr der Bildungsgrad und der Status seiner Eltern, sondern seine individuellen Fähigkeiten bestimmend sein. Hauptsächlich deswegen besteht der Staat auf Schulpflicht und bietet kostenloses Studium an. So sehr man auch aus verschiedenen Gründen für diese Maßnahmen sein mag: Ihre direkte Konsequenz ist natürlich die Nivellierung der Herkunft der Kinder und ein Zurückdrängen des Einflusses ihrer Familien.

Es spricht einiges dafür, daß auch die zahlreichen staatlichen Ge- und Verbote der letzten Jahrzehnte im wesentlichen den Zweck haben, den Einfluß der Gesellschaft auf den einzelnen zu minimieren. Zu denken wäre hier z.B. an das Rauchverbot in Gaststätten oder die zahlreichen Eingriffe im Namen des Klimaschutzes. Auch hier geht es nicht um Stärkung des Gemeinschaftsgefühls, sondern um die Verringerung sog. „externer Effekte“. Das Ziel ist es hierbei, daß jeder Bürger die Kosten seines Handelns selber trägt und nicht anderen aufbürdet. Natürlich ist diese Denkweise nicht völlig unberechtigt, nur ist die Folge der Tendenz nach eine individualisierende.   

Die Beispiele sollen demonstrieren, daß es wenig Sinn hat, sich den modernen Staat als einen Gegenspieler des Marktes vorzustellen, in etwa so, also ob der Markt die Traditionen und Gemeinschaften zerstöre und der Staat sich dem entgegenstelle. Wir sehen ja derzeit, daß der Staat vor lauter Menschenrechten noch nicht einmal mehr in der Lage ist, vernünftig zwischen Bürger, Asylbewerber, Geduldetem und Ausreisepflichtigem zu unterscheiden. Wehrhaft ist er eigentlich nur noch gegen Personengruppen, die ihm eine gemeinschaftsfördernde Aufgabe zuteilen wollen.

Ein gangbarer Weg scheint unter diesen Verhältnissen m.E. allenfalls zu sein, darauf hinzuarbeiten, daß der Staat wenigstens seine Kernaufgaben endlich wieder ernst nimmt, nämlich die der inneren und äußeren Sicherheit. Aus dieser Perspektive ergibt sich dann vielleicht auch ein Konsens zwischen Libertären und Konservativen – wenigstens in diesem Punkt.


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Kommentare (14)

Hesperiolus
29. Dezember 2017 11:19

"Der völlig selbstbestimmte und freie Mensch ist das Ziel der Staatstätigkeit" - ?! Nein, im Gegenteil, die völlig fremdbestimmte und entwurzelte, geschichts- und geschlechtslose, geradezu de-individualisierte Konsum- und Produktions-, nicht Monade, das Wort wäre zu gut, vielmehr charakterlose Funktionsinheit, als (verwaltungs-)technische Sklaven-Einheit und Feilspäne des internationalen Geldes und seiner Staat genannten Herrschaftskonstrukte ist das Ziel gegenwärtiger sog. Staatstätigkeit. Will dieser sog. Staat "freie" Menschen, im Ernst? Allenfalls "freie von", von Bindungen an Familie, Herkunft, Tradition und echter Bildung, "frei" von allem, was ihn stark, gewissenhaft, edel, gebildet und auch (markt-) widerstandsfähig machen könnte. Was der Beitrag, etwaqs putzig, Individualisierung nennt, ist längst schon weit fortgeschrittene, in der Tat von Markt und Staat betriebene Endvermassung. Nicht Individuum, sondern herkunftsloses, nicht freies, sondern verfügbares Massenpartikel. Und "schützt der Staat in dem wir leben, die (auch nur) sog. Menschenrechte (wirklich)? Dazu wäre zu erinnern, was Menschen und was Rechte sind. Abendländisch ist Mensch Bild Gottes als Mann und Frau; worum es geht haben hellsichtigere Warner, z.B. G. Nebel in einem ganz frühen Text, auf den Punkt gebracht: Insektifizierung! 

Franz Bettinger
29. Dezember 2017 12:07

"Der Tendenz und Ideologie nach sind bei uns nur Individuen Rechts-Subjekte."

Für Merkel gilt das leider nicht, sonst könnte man sie wegen multipler, schwerster Rechts- und Verfassungs-Brüche vor Gericht stellen. Merkel gilt den Richtern nicht als agierendes Individuum, sondern als Organ. Weshalb man gegen sie als Kanzlerin nur eine Organ-Klage anstrengen kann - was anstrengend ist. Denn nicht etwa betroffene Individuen, nein, nur ein anderes Staatsorgan kann das Kanzleretten- Organ verklagen. Der Freistaat Bayern hätte klagen gekonnt, wenn Seehofer genügend Eier gehabt hätte. Unglaublich: Da können in aller Öffentlichkeit wiederholt die verheerendsten Regel- und Gesetzes-Verstöße und Verbrechen geschehen, aber alle zucken mit den Schultern. Das BVerfG, selbst ein Staatsorgan, wird nicht tätig. - Fazit: Unser Rechts-System ist, wenn's drauf ankommt, nichts wert. Die Wegseher in Karlsruhe haben mich viel mehr enttäuscht als diese selbstgefällige Bande im Bundestag.

Der_Jürgen
29. Dezember 2017 13:05

Dieser Beitrag von Bernard Udau gefällt mir wesentlich besser als sein erster.

Die vom System angestrebte Atomisierung der Gesellschaft, die Heranzüchtung eines Hyper-Individualismus, verfolgt in erster Linie das Ziel, eine starke, organisierte Opposition zu verunmöglichen. Für eine solche braucht es viele, und wenn jeder nur seine eigenen Interessen verfolgt und es keine Solidarität mehr gibt, findet der potentielle Rebell keine Mitstreiter, mit denen er sich zusammentun kann.

Die Förderug des Gender-Wahnsinns, das Erfinden immer neuer Geschlechter, zielt natürlich in dieselbe Richtung, ebenso die "Multikultur", die zur Folge hat, dass die Bevölkerung in immer mehr miteinander rivalisierende Gruppen zerfällt. Schlau sind unsere Gegenspieler schon, das muss man ihnen lassen. Ihr Herr ist Luzifer, und der ist bekanntlich kein Dummkopf.

 

Corax
29. Dezember 2017 14:06

Das ist eine verblüffende und bestechende Sicht auf die Dinge. Konsequent zu Ende gedacht ist der moderne Staat, wie er hier vorgestellt wird, eine Institution, die der Aufgabe nachgeht, sich selbst abzuschaffen, wobei das primäre Ziel nicht die Selbstabschaffung, sondern die Abschaffung aller Institutionen ist, die unter dem Dach des Staates gedeihen und walten. Damit hat der moderne Staat einiges mit einem modernen Selbstmordattentäter gemein, weshalb man ihn gerne auch eine Atomisierungsbombe nennen darf. Auf jeden Fall ist er eine Atomisierungsmaschine, denn ihm geht es nicht um Wehr und Wahrung, sondern um Bruch und Zermahlung.

Es geht daher darum, den Staat wieder zu einer schützenden Dachinstitution zu machen. Daher ist eine Zusammenarbeit von Libertären und Konservativen hier völlig natürlich.

Hartwig aus LG8
29. Dezember 2017 14:14

Was auch immer ich in diesem Text unterstreichen könnte und was nicht: Mit seinem letzten Absatz stiftet der Autor heillose Verwirrung. Nach dem Gesagten kann doch unmöglich der Schluss gezogen werden, diesem sich gegen sein Volk verschwörenden Staat Kernaufgaben zuweisen zu wollen.

Wenn sich Konservative und Libertäre jenseits der reinen Lehren auf irgendetwas einigen müssen, so auf die Formeln "privat im Kollektiv" und "Trennung vom Staat". Nicht als Ergebnis ausgiebigen Theoretisierens, sondern als Gebot der Stunde. Allenfalls über das "wie?" sollte produktiv gestritten werden.

Heimatliebe
30. Dezember 2017 09:52

@ Hartwig aus LG8

In Bezug auf den letzten Absatz habe ich den Autor dahingehend verstanden, daß, nachdem er aufgezeigt hat, daß dem gegenwärtigen Handeln des Staates die Vernunft abhanden gekommen ist und er dadurch sein Staatsvolk schädigt und atomisiert, wir ihn wieder zurückerobern müssen und ihn dadurch wieder befähigen/nötigen, die grundlegenden nationsschützenden Aufgaben auszuüben.

Darum reicht auch ein bloßes "Zuweisen von Kernaufgaben" nicht aus, ohne daß gleichzeitig der Staat den Klauen des neu-linken Wahns entrissen wird. 

 

 

Max
30. Dezember 2017 14:02

Hartwig, dass sich Libertäre und Konservative in der aktuellen Situation auf einiges pragmatisch einigen können, auf der Basis des aktuellen Staates bzw. der EU als gemeinsamen Feind, ist klar.  Das "Theoretisieren" finde ich viel interessanter und langfristig wichtiger. 

Was Libertären wichtig ist (oder zumindest sein sollte) ist die Eigenverantwortlichkeit. Im Gegensatz zum "alles dürfen" ohne dass man für die Folgen geradezustehen hätte, oder zum reinen Individualismus.  Ich als Individuum habe die Priorität, zu entscheiden, welche Kollektive mir wichtig sind.  Bin ich Weltbürger, Europäer, Deutscher, Bayer, Franke oder Nürnberger? Bin ich Mensch, Mann, Familienvater, Wissenschaftler oder Bisexueller? Agnostiker, Theist, Christ oder Katholik? Welche moralischen Regeln sind für mich bindend? Ziehe ich Bier, Wein oder Hanf vor? Diese Entscheidung muss meine eigene Entscheidung sein.

Der Staat drängt mir eine Entscheidung auf, ein Kollektiv, welches ich (durch Steuern und Gehorsam gegenüber den Regeln) zu unterstützen habe.  Und schwächt dabei alle anderen Kollektive. Deshalb ist der Libertäre gegen den Staat - und nicht weil er gar keine Kollektive und rein persönliche Freiheit will. Ein Kloster, welches mit seinen Regeln die individuelle Freiheit der Mönche extrem einschränkt, kann für einen Libertären durchaus eine attraktive Alternative sein - solange es seine Entscheidung bleibt, Mönch in diesem Kloster zu sein.   

(Wobei es zwei Varianten libertären Denkens gibt, die davon deutlich abweichen, einmal Ayn Rand, die Egoismus als moralischen Wert betrachtet und Altruismus als unmoralisch ablehnt, und den linken "sex,  drugs and rock'n roll" Anarchismus der Regeln generell ablehnt. Mit diesen Varianten dürften Konservative kaum Gemeinsamkeiten finden.)

Welche Varianten des Konservatismus wären damit inkompatibel?  Eigentlich nur die, welche mir vorschreiben will, mich als Deutscher statt Europäer oder Nürnberger zu identifizieren, und mir eine Solidarität mit Fischköppen aufzwingt und eine mit Griechen ablehnt.  Wenn sich hingegen jemand selbst als Deutscher identifiziert, und seine eigene Entscheidung, mit wem er selbst solidarisch ist (also mit Fischköppen statt Griechen) danach ausrichtet, warum sollte ein Libertärer ein Problem damit haben?  

Konservativ sind auch genug andere Präferenzen, wie all diejenigen, für die die Zeit vor der Reichsgründung, die Zeit als Deutschland Land der Dichter und Denker war, Vorbild ist.  Oder das Deutschland sozialdemokratischer Vereinsmeierei oder der Wandervögel.  Und mit all diesen Richtungen gibt es nicht einmal einen theoretischen Konflikt.  

Selbst mit denen, mit denen ein Konflikt besteht, gibt es genug Potential einer pragmatischen Zusammenarbeit. Unter neoliberaler EU-bürokratischer Gleichmacherei leiden alle. 

Der_Jürgen
30. Dezember 2017 17:08

@Lotta von Vorbeck

Bevor Sie hier dabei waren, im Frühling letzten Jahres, erschien aus der Feder vonMartin  Lichtmesz ein hochinteressanter Artikel zu diesem Timmermans. Auch die Kommentare haben es teils in sich. Damals schrieb @Winston Smith noch hier; seine Stimme ist vor geraumer Zeit leider verstummt. Er gehörte sicherlich zu den kenntnisreichsten Foristen.

https://sezession.de/53702/frans-timmermans-der-grosse-austausch-als-manifest-destiny

kryptkon
31. Dezember 2017 08:38

Die mehrheitlich vom nachgeschichtlichen deutschen Volk bevorzugte Staatsbildung erfolgt durch eine Ichsäkularisierung.  Dies hebt die Existenz einer Nation die sich auf eigene Werte berufen will einfach auf. Das deutsche Nachvolk muss als Volk nicht mehr gelenkt werden. Die somit Vereinzelten können durch technische Apparate viel einfacher gelenkt werden. Die Bindung an eine Gemeinschaft ist nicht mehr vonnöten, da die Apparate verbinden. Das deutsche Volk erlebt grade seinen großen Zapfenstreich. Ob eine philosophische Praxis der Betrachtung dieses Zustands im Sinne eines Widerstands erfolgen wird, hängt von einer möglichen Unzuverlässigkeit der Apparate ab.

Monika L.
31. Dezember 2017 11:51

Zum staatlich verordneten Individualismus nur soviel: Er funktioniert nicht mehr !

Am besten sieht man das beim feministisch verordneten Individualismus:

Mutige Mädchen, meldet Euch ! Schreibt über die erste Liebe, über eure Zukunftsängste und Träume:

https://www.emma.de/artikel/mutige-maedchen-meldet-euch-335281

Frau Schwarzer, was meinen Sie dazu: Mia kann nun nicht mehr über ihre erste Liebe sprechen und ihre Träume! Ein Albtraum ist das. 

Trotz "Schule mit Courage" gibt es viele Bürgermeister und andere Experten

 " ohne Courage".

Individualismus = #me too

Soziale Verantwortung für unsere Mädchen fordere ich jetzt von den Feministinnen: # she too, # we too

Eine aufgewühlte Mutter

Hartwig aus LG8
31. Dezember 2017 14:31

Kurz vor Jahreswechsel eine kurze Antwort an @Max:

Im Gegensatz zu Ihnen lehne ich die Idee ab, ein jeder hätte die Freiheit, sein Kollektiv zu wählen. Als Deutscher in Mitteleuropa geboren zu sein ist eine Fügung; etwas Schicksalhaftes. Zu aller Zeit gab es die Freigeister, die sich dem Schicksal entzogen, erfolgreich oder auch ohne Erfolg. Zu jeder Zeit gab es die Abtrünnigen, die sich der angeborenen Pflicht entledigten, und nicht selten wurden sie auf Grund ihrer Besonderheit bedeutende Personen oder Kollektive (Sie sprechen das Beispiel des Klosters selbst an). Aber dieser Sonderweg des Sonderlings ist immer nur deshalb möglich, weil es das Fundament der Getreuen gibt, die mit Selbstverständnis ihrer Pflicht genügen, in die sie geworfen werden.  Und dieser Sonderweg des Sonderlings wurde zu fast allen Zeiten sanktioniert, was heisst, dass es Kraft bedurfte, zu versuchen, sich seines Schicksals zu entledigen. Das ist heute anders; und deshalb verhängnisvoll. Die Entscheidungsfreiheit, die Sie für alle gleichsam gültig formulieren, bricht dann zusammen, wenn sie von allen (oder auch nur von vielen) beansprucht wird.

Diese grundsätzliche Betrachtung widerspricht in keiner Weise meinen letzten Einlassungen, in denen ich mehr oder weniger Pflichtverweigerung nahe lege. Deshalb nicht, weil m.E. ein Zusammenbrechen das kleinere Übel gegenüber einer Auslöschung ist.

 

Franz Bettinger
1. Januar 2018 00:59

@Hartwig:

"Im Gegensatz zu Ihnen (@Max) lehne ich die Vorstellung ab, ein jeder hätte die Freiheit, sein Kollektiv zu wählen." - Richtig. Ich auch.

Ich gehe noch weiter: "Man kann sich seine Freunde nicht aussuchen!" Sie laufen einem einfach über den Weg. Nachbarskinder, Schul-Kameraden, Kommilitonen. Ich weiß nicht, ob die Worte ethymologisch zusammenhängen, aber: Freunde sind nicht Menschen, die einem vor allem Freude bereiten. Freunde sind eher Schicksals-Gefährten. Man kann sie sich nicht aussuchen. So wachsen einem gerade heute (in der vielleicht tiefsten Krise, in der unser Land je gesteckt hat) neue wertvolle Weggefährten zu. Ich nenne sie ohne weiteres Freunde. Die Leute hier auf SiN zum Beispiel.

Und auch ansonsten habe ich mitgezählt:  Aus meinem Kreis sind seit September 2015 genau 22 Freunde mit lautem Getöse und 28 eher still verschwunden, macht zusammen 50 Verluste. Dafür sind 70 Neue hinzu gekommen. Ich bin zufrieden. Gut, wenn sich die Spreu trennt. Sie hat einen immer nur staubig gemacht.

Freundschaft hat etwas mit Loyalität zu tun. Sie ist ein zähes Ding. - Aber nicht jeden Preis wert. Deshalb bin ich auch kein Freund Hagens von Tronje. Es ging um nichts als die Eitelkeit einer Frau. Ähnlich wie bei Troja. Wie lächerlich, dafür Tausende guter Männer und am Ende ein ganzes Volk zu opfern. Wer weiß, vielleicht sind es auch heute wieder die kleinen Flügelschläge eines Schmetterlings gewesen, in unserem Fall wohl eher die Zuckungen einer Motte, die einen Orkan auslösten. Sorry für die Abschweifung.

kryptkon
1. Januar 2018 10:47

@ Hartwig aus LG8: Das Fundament der Getreuen auf einem unsicheren Boden bedarf unablässiger Aufmerksamkeit. Vielleicht haben sich die Verhältnisse des Zusammenlebens auch derart umgekehrt, sodass die Getreuen selbst zu Sonderlingen werden. Das führt zu einer Auslöschung der vormals Getreuen. Das scheint in vielen Ländern Europas für einen gangbaren Weg der dort lebenden Menschen gehalten zu werden. Die Bildung von Völkern weicht einer pflichtverbundenen Ausbildung zu Individuen. Wer seine Volkszugehörigkeit erhalten will, hat wohl keine andere Wahl als den Versuch einer Pflichtverweigerung.

 

quarz
1. Januar 2018 16:11

@Hartwig

" ... dieser Sonderweg des Sonderlings ist immer nur deshalb möglich, weil es das Fundament der Getreuen gibt, die mit Selbstverständnis ihrer Pflicht genügen, in die sie geworfen werden."

Aus den wenigen Sonderlingen früherer Zeiten ist eine große soziale Schicht geworden, deren Angehörige mehrheitlich davon träumen und dahin wirken, ihren Daseinsmodus auf die ganze Menschheit auszudehnen. Einigen wenigen aus diesen Kreisen ist die Problematik dieses Trachtens bewusst.

Paul Collier, der prominente Migrationsforscher, beschreibt seine eigene familiäre Situation so:

"I am English, Pauline is Dutch but brought up in Italy, while Daniel, born n the United States, proudly sports his American passport: My nephews are Egyptian, their mother is Irish ... If ever there was a postnational family, mine is surely it."

aber dann fährt er fort:

"But what if everyone did that? Suppose that international migration were to become sufficiently common as to dissolve the meaning of national identity: societies really became postnational. Would this matter? I think it would matter a great deal. Lifestyles such as that of my family are dependent, and potentially parasitic, on those whose identity remains rooted, thereby providing us with the viable societies among which we choose."

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