„… schon bist du ein Verfassungsfeind“ – eine Fingerübung

Der Blick übers Bücherregal blieb hängen an einem schmalen Buchrücken: "...schon bist du ein Verfassungsfeind".

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Das Büch­lein ist aus dem Jah­re 1975, so alt wie ich, im Rot­buch Ver­lag erschie­nen. Der Autor Peter Schnei­der, Ger­ma­nist, sei­ner­zeit Mao­ist, als Refe­ren­dar mit „Berufs­ver­bot“ belegt, spä­ter erfolg­rei­cher Schrift­stel­ler, hat authen­ti­sche Amts­schrei­ben im Zusam­men­hang mit dem soge­nann­ten „Radi­ka­len­er­laß“ in eine bio­gra­phi­sche Geschich­te ein­ge­fügt. Die Geschich­te han­delt von einem Leh­rer namens Kleff, der sei­nem Anwalt lan­ge Brie­fe schreibt, nach­dem er einen Brief vom Ober­schul­amt bekom­men hat, es lägen Zwei­fel vor, ob er „jeder­zeit die Ver­fas­sung für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und die Geset­ze“ wah­re und daß man ihn zu einem Gespräch einlade.

Die lite­ra­ri­sche Aus­beu­te ist eher mager, der doku­men­ta­ri­sche Cha­rak­ter schon etwas ergie­bi­ger, eigent­lich inter­es­sant wird es, wenn man den Text auf die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on legt. So scheint es, als bil­de der „Gemein­sa­me Rund­erlaß der Minis­ter­prä­si­den­ten und aller Lan­des­mi­nis­ter zur Beschäf­ti­gung von rechts- und links­ra­di­ka­len Per­so­nen im öffent­li­chen Dienst“ vom 18. Febru­ar 1972 die Folie, von der man sich heu­te aus juris­ti­schen Grün­den streng distan­zie­ren will, um mora­lisch zu einer umso wir­kungs­vol­le­ren Durch­set­zungs­pra­xis der­sel­ben Struk­tu­ren zu gelangen.

In der Gegen­wart läuft das so, daß bei­spiels­wei­se im ARD-Maga­zin „kon­tras­te“ ein neu­er­li­ches „Berufs­ver­bot“ im Brust­ton der eige­nen Rechts­staat­lich­keit weit von sich gewie­sen wird, um im Bei­trag dann AfD-Poli­ti­ker durch nadel­spit­ze Adjek­ti­ve und Kol­lo­ka­tio­nen zu ent­wür­di­gen. Rich­ter Jens Mai­er (AfD Sach­sen) wird mit den Wor­ten vor­ge­stellt: „ver­geb­li­cher Gesprächs­ver­such … rechts­ex­tre­mer Mas­sen­mör­der Brei­vik … Mai­er schlug in die­sel­be Ker­be …zur Freu­de der rechts­ex­tre­men NPD … ver­paß­te dem Extre­mis­mus­for­scher Kal­lisch einen Maul­korb … Mai­er ficht das nicht an … koket­tiert genüß­lich mit der Auf­re­gung um sei­ne Per­son …“. Die Stra­te­gie der Dis­kre­di­tie­rung des AfD-Rich­ters bei gleich­zei­ti­gem Hoch­hal­ten der Neu­tra­li­tät der eige­nen Nor­men ist bestechend schauderhaft:

“Hehe, mitt­ler­wei­le dürf­te ich ja Deutsch­lands bekann­tes­ter Rich­ter sein …” – “Ich bin immer noch Rich­ter, ich hoff, dass ich das auch blei­be, haha.” War­um aber ist Mai­er immer noch in Amt und Wür­den? Die Unab­hän­gig­keit der Rich­ter ist beson­ders geschützt, die Hür­den für eine Ent­las­sung sind hoch.

Mei­ne Über­le­gun­gen sind, daß die schlech­ten juris­ti­schen Erfah­run­gen mit dem „Radi­ka­len­er­laß“, vor allem durch die Iso­la­ti­on Deutsch­lands in einem erneu­ten „deut­schen Son­der­weg“ in den 70er Jah­ren, inzwi­schen in dicken Schich­ten über­la­gert wor­den sind von einer rein mora­li­schen anti­fa­schis­ti­schen Sie­ger­ge­schich­te. Spä­tes­tens das Ein­set­zen von Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gungs­mus­tern auf­sei­ten der Lin­ken erzeugt einen blin­den Fleck gigan­ti­schen Aus­ma­ßes, der es unmög­lich macht, dar­aus zu lernen.

Denn in Wirk­lich­keit dien­te der Ade­nau­er-Erlaß 1950 ja bloß dazu, Alt­na­zis in Amt und Wür­den zu hal­ten, deren ein­ge­fleisch­ter Anti­kom­mu­nis­mus sich spä­ter gegen die 68er rich­te­te. Die „frei­heit­lich demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung“, um die es den Ämtern und Gerich­ten der 70er Jah­re zu tun war, erscheint in die­sem Bild nur als Fei­gen­blatt für Nazi­me­tho­den. „Ehe­ma­li­ge Nazi­ju­ris­ten, die damals den Nazi­staat geschützt haben, sind dabei, wenn jetzt die Ver­fas­sung vor uns geschützt wer­den soll. Und nichts, gar nichts pas­siert!“ (Peter Schnei­der). Die­ses struk­tur­ver­ne­beln­de Empö­rungs­nar­ra­tiv ist 1975 schon präsent.

Was aber, wenn nach dem „Marsch durch die Insti­tu­tio­nen“ die dama­li­gen Opfer heu­te die Deu­tungs­ho­heit haben, sel­ber ent­spre­chen­de Maß­nah­men durch­zu­set­zen? Oder, was damals hoch­ge­fürch­tet war, deren Kin­der, die in mei­nem Alter sind, „zu Kom­mu­nis­ten erzo­gen“ wur­den und den Job für ihre lin­ken Leh­rer, Eltern und Erzie­her machen? Dann erken­nen sie nicht etwa Struk­tu­ren, son­dern exe­ku­tie­ren die­sel­ben libi­di­nö­sen Beset­zun­gen wie damals: gegen „Nazis“ sind Kün­di­gun­gen, Nicht­ver­be­am­tun­gen, Ver­set­zun­gen und Dif­fa­mie­run­gen schließ­lich recht und billig.

Ich habe im fol­gen­den Pas­sa­gen aus „ … schon bist du ein Ver­fas­sungs­feind“ für sie zur geneig­ten Kennt­nis­nah­me zusam­men­ge­stellt, als klei­ne Übung im Struk­turen­er­ken­nen. Dem Sezes­si­ons­le­ser­pu­bli­kum wird die Übung eher leichtfallen.

Schlimm ist, daß man­che Kol­le­gen auf die zuneh­men­de Kon­trol­le durch die Behör­den so reagie­ren, daß sie ver­su­chen, ihr dar­in zuvor­zu­kom­men. Die­se Nei­gung der Intel­lek­tu­el­len, auch noch voll­ende­te Tat­sa­chen, vor die sie gestellt wer­den zum Gegen­stand ihrer Ent­schei­dung zu ernen­nen! Auf jeden Fall den Schein wah­ren, im Besitz der Initia­ti­ve zu sein! Bei uns wirkt sich das so aus, daß bestimm­te Anwei­sun­gen der Behör­de uns gar nicht mehr über­ra­schen, weil sie vor­her als Anre­gung oder Vor­schlag aus dem Kol­le­gi­um kamen und zur Abstim­mung gestellt wurden. (…)

Sicher bin ich auf Demons­tra­tio­nen foto­gra­fiert wor­den. Und der ‘begrün­de­te Zwei­fel’ in der Per­so­nal­ak­te heißt sicher nicht „Der Bewer­ber ist durch sei­nen früh­zei­ti­gen Pro­test gegen den ver­lo­re­nen und inzwi­schen als feh­ler­haft erkann­ten Krieg in Viet­nam auf­ge­fal­len’, son­dern: „Teil­nah­me an Demons­tra­tio­nen, bei denen es zu Aus­schrei­tun­gen kam“ (…)

All­mäh­lich habe ich das Gefühl, daß ich zu einer neu­en Grup­pe von Men­schen gehö­re. Bis vor kur­zem habe ich kei­nen Ver­fas­sungs­feind per­sön­lich gekannt, jeden­falls war es mir nicht bewußt. Ich weiß nicht, wie man sich als Ver­fas­sungs­feind ver­hält, wie man spricht, was man denkt, wie man sich klei­det, was für Freun­de man hat, ich weiß bis jetzt nur, daß ent­spre­chen­de Zwei­fel an mir bestehen. Aber natür­lich habe ich mich jetzt manch­mal gefragt, ob ich jetzt viel­leicht wirk­lich, ohne es recht zu wis­sen, ein Ver­fas­sungs­feind bin.(…)

… mit einem ein­zi­gen Brief, genau­er gesagt, einem ein­zi­gen Satz, den ich damals geschrie­ben habe: ‘Der Mei­nung, daß es auch unde­mo­kra­ti­sche Geset­ze gäbe, bei denen Wider­stand, nicht Gehor­sam, ange­bracht sei, kann doch ernst­haft kein Demo­krat wider­spre­chen’. Ich habe sonst­was erwar­tet, aber nicht das, ich habe ja sogar ver­ges­sen, die­sen Brief in die Lis­te mög­li­cher Ver­dachts­grün­de aufzunehmen.(…)

‘Haupt­sa­che, du ret­test die eige­ne Haut!’ rief empört eine Kol­le­gin, Eng­lisch und Fran­zö­sisch, ‘aber kei­ne Sor­ge, bei dir wer­den sie auch etwas fin­den! Bist du nicht sel­ber Mit­glied einer Par­tei, die zwar nicht als so schlimm ver­fas­sungs­feind­lich gilt, wie sei­ne hier, als gemä­ßigt ver­fas­sungs­feind­lich gilt sie doch auch!’ (…)

Prä­si­dent: ‘Ja, Herr Kleff, so geht das nicht. Der gan­ze Stil ihres Vor­ge­hens ist gegen das Ober­schul­amt gerich­tet. Sie haben die ande­re Sei­te nicht gehört. Sie hät­ten jeder­zeit in das Ober­schul­amt kom­men und sich infor­mie­ren kön­nen. Aber das woll­ten Sie und ihre Grup­pe ja nicht. Dahin­ter steht wohl das Modell: alles gegen den Staat und die Vorgesetzten.’ (…)

Hät­te ich statt vom ‘Wider­stands­recht’ vom ‘Recht zur Kri­tik’ an bestehen­den Geset­zen spre­chen sol­len? Immer­hin hät­te ich mit die­sem Begriffs­tausch sehr wahr­schein­lich die Beam­tung auf Lebens­zeit ein­han­deln kön­nen. Ein Satz, ein ein­zi­ges Wort gegen eine gan­ze Lauf­bahn – das sind unglei­che Gewich­te. Ande­rer­seits: was ist das für eine Lauf­bahn, die man sich mit einem Satz ver­scher­zen kann! (…)

„Trotz der kla­ren Unter­schei­dung zwi­schen Kri­tik an Geset­zen und Wider­stand gegen Geset­ze rücken Sie nicht von Ihrer Auf­fas­sung ab, daß es in der Bun­des­re­pu­blik unde­mo­kra­ti­sche Geset­ze gebe, denen gegen­über Wider­stand ange­bracht sei. Ihr dar­an anschlie­ßen­der Hin­weis auf die Wei­ma­rer Repu­blik mutet in die­sem Zusam­men­hang wie eine Per­ver­si­on an. Das Ober­schul­amt ver­mag nur fest­zu­stel­len, daß Sie trotz ein­ge­hen­der Aus­spra­che und Erör­te­rung bei Ihrer ver­fas­sungs­wid­ri­gen Auf­fas­sung ver­har­ren, der Sie in ihrem Rund­schrei­ben auch durch die Tat Aus­druck gege­ben haben.“ Ent­las­sungs­ver­fü­gung nennt sich das Ganze. (…)

Ich erschre­cke, wie schnell sich die Men­schen an ein­schnei­den­de Ein­grif­fe in ihre Frei­heit gewöh­nen. Hin­ter­her heißt es dann, es habe sich um laut­lo­se, um unmerk­li­che Ver­än­de­run­gen gehan­delt, und plötz­lich sei es zu spät gewe­sen. In Wirk­lich­keit beschrei­ben die­se Eigen­schafts­wör­ter aber nicht die Ein­grif­fe, son­dern die Reak­tio­nen der von den Ein­grif­fen Betroffenen. (…)

‘Sehr geehr­te Frau …! Uns ist bekannt, daß Sie seit Anfang 1972 in der …str. in einer Wohn­ge­mein­schaft mit Anhän­gern der Neu­en Lin­ken zusam­men­le­ben. Bei den Anhän­gern der Neu­en Lin­ken bestehen erheb­li­che Zwei­fel, ob sie die vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt gefor­der­ten Vor­aus­set­zun­gen erfül­len. Wir bit­ten Sie des­halb, uns detail­liert dar­zu­stel­len, wie Sie Ihre poli­ti­sche Über­zeu­gung und Ziel­set­zung mit den vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt gefor­der­ten Pflich­ten ver­ein­ba­ren wollen …’. (…)

Übri­gens fällt mir auf: noch nie ist so oft von der ‘frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen …’ die Rede gewe­sen. Gibt es die erst seit zwei Jah­ren? Oder spricht man erst von ihr, seit­dem man dabei ist, sie abzuschaffen? (…)

 Wenn ich das rich­tig ver­ste­he: ich soll wider­ru­fen, dann wird man sich güt­lich mit mir eini­gen. ‘Wem scha­dest du denn,’ frag­te er, ‘wenn du ein­mal kein Held bist und dafür wei­ter guten Unter­richt machst? Sicher, du wirst kein gutes Bei­spiel abge­ben für ande­re, die in die glei­che Lage gera­ten. Aber ein­mal ein Bei­spiel abge­ben, und dann für unab­seh­ba­re Zeit arbeits­los? Gut, du wirst Sym­pa­thie ern­ten, Reso­lu­tio­nen aus­lö­sen, kannst ein, zwei Jah­re von einer Ver­samm­lung zur ande­ren rei­sen, man wird dei­nen Mut beklat­schen, aber kannst du davon leben?’ (…)

Im Janu­ar 1972 schrieb Her­bert Weh­ner, kurz bevor er dem Beschluß zustimm­te: Wenn man hier ein­mal anfängt, wo wird man enden? Wann wird die nächs­te Grup­pe fäl­lig sein und die über­nächs­te? Ich sehe kei­nen Sinn dar­in, die frei­heit­li­che Grund­ord­nung durch den ers­ten Schritt zu ihrer Besei­ti­gung schüt­zen zu wol­len. Kampf gegen Kom­mu­nis­mus darf nicht als Ver­däch­ti­gung und Schmä­hung von allem, was nicht kon­ser­va­tiv ist, gebraucht werden.’

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Kommentare (4)

Der_Jürgen

3. Januar 2018 13:31

Da heute viele Konservative die BRD bis, sagen wir, 1990 als Freiheitsparadies verklären, lohnt es sich darauf hinzuweisen, dass die Unterdrückung abweichender Meinungen nicht erst damals begann. Es ist nur eben drastisch schlimmer geworden, besonders unter der Rautenfrau.

In einem wirklich demokratischen Staat dürften keine Parteien verboten werden, es sei denn, sie wendeten Gewalt an oder riefen zu solcher auf. Doch die von Generalmajor Otto Ernst Rehmer gegründete Sozialistische Reichspartei, die bei Wahlen Ergebnisse von immerhin bis zu 11% erzielte, wurde Mitte der fünfziger Jahre verboten, und bald darauf ereilte dieses Schicksal auch die KPD.

"Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit" ist ein Bumerang-Slogan, der sich nach einem Paradigmenwechsel gegen seine Urheber wenden kann.

"In einem kommunistischen Staat gibt es keine Freiheit für Antikommunisten. In einem faschistischen Staat gibt es keine Freiheit für Antifaschisten. In einem demokratischen Staat gibt es keine Freiheit für Antidemokraten. Der Vergleich hinkt nicht", schrieb Hans Dietrich Sander in den "Staatsbriefen" (paraphrasiert, nicht wörtlich zitiert).

Der Einwand, in der demokratischen BRD habe man ja immerhin zwischen Union, FDP und SPD wählen können, zieht nur sehr bedingt, denn die Unterschiede zwischen diesen Parteien waren schon damals weit geringer, als es ihre Phraseologie ahnen liess. Keine dieser Systemparteien dachte je auch nur im entferntesten daran, die BRD zu einem echt souveränen Staat zu machen; die amerikanische Vorherrschaft wurde von allen diskussionslos anerkennt. Gab es zwischen Strauss und Wehner aber immerhin noch erkennbare Unterschiede, so besteht der Unterschied zwischen Merkel und Schulz allenfalls noch darin, dass letzterer Haare im Gesicht hat. Die hohlen, verlogenen Phrasen, die beide dreschen, sind jederzeit austauschbar.

Zu schlechter Letzt sei darauf hingewiesen, dass die Verfolgung von Menschen wegen ihrer Ansichten zur Zeitgeschichte lange vor der Merkel-Ära begann.

 

Lotta Vorbeck

3. Januar 2018 13:53

Die von Ihnen, sehr geehrte Frau Sommerfeld zitierte Schlußpassage Herbert Wehners

"Im Januar 1972 schrieb Herbert Wehner, kurz bevor er dem Beschluß zustimmte: Wenn man hier einmal anfängt, wo wird man enden? Wann wird die nächste Gruppe fällig sein und die übernächste? Ich sehe keinen Sinn darin, die freiheitliche Grundordnung durch den ersten Schritt zu ihrer Beseitigung schützen zu wollen. Kampf gegen Kommunismus darf nicht als Verdächtigung und Schmähung von allem, was nicht konservativ ist, gebraucht werden.'"

hat seit 1972 offenbar nichts an Aktualität eingebüßt.

RMH

3. Januar 2018 14:13

Die Methoden einer Repression ähneln sich natürlich bzw. sind oftmals gleich. In einem Buch wie Archipel Gulag können sich daher Opfer von repressiven Systemen aller Art von Links, Mitte bis Rechts wieder finden (das bolschewistische Unterdrückungssystem hatte seine im Zarenreich erprobten Vorläufer, die fortgeführt wurden; Lager wie Buchenwald wurden ebenso unter anderer Flagge mit anderen Insassen auch weitere betrieben - sogar mit einer  höheren Mortalitätsrate unter den Insassen). Ich sehe daher nichts ernsthaft Überraschendes.

Was aber eher irritiert, ist das scheinbar kritiklose Übernehmen stereotyper linker Behauptungen und Mythen, die einem Faktencheck (Achtung! Linker Kampfbegriff!) nicht unbedingt stand halten. Dazu gehört auch die Alt-68er-Behauptung, dass Adenauer bewusst Altnazis in Amt und Würden gehalten habe.

Kommentar Sommerfeld: Deswegen ja auch der leicht sarkastische Ton und der Link zur "Zeit".

Wir alle wissen heute, dass jeder, der zwischen 33 und 45 lebte, Deutscher war und in dieser Zeit älter als 10 wurde, als Altnazi zu betrachten ist, wenn er nicht zufälligerweise in einem KL einsaß (leichte Übetreibtung meinerseits - natürlich gab es in der Adenauer Zeit auch Leute mit recht lupenreiner NS Vergangeheit in Amt und Würden, ändert aber nichts daran, dass hier oft mit Übertreibungen gearbeitet wurde und wird).

Auch ist der Adenauer- und der spätere Radikalenerlass von einer absoluten Erfolglosigkeit gekennzeichnet. Ich war in den 70er und 80er Jahren in der Schule und konnte auf dezidiert linke 68er Lehrer treffen und das im angeblich in diesen Dingen so schlimmen Bayern. Das Schulklima war nur deshalb damals noch ausgeglichen und weitestgehend neutral, weil es eben auch noch genug andere Lehrer gab, zum Teil auch welche, die unter die heutigen Nazi-Defintionen fallen würden (und die selbstredend keine solchen waren), ja selbst Kriegsteilnehmer hatten wir noch ausreichend im Lehrpersonal.

Schaut man sich einmal die Zahlen an, die im gewiss nicht rechten Wikipedia zum Thema Radikalenerlass veröffentlicht wurden, dann wurden von 1972 bis 1991  3,5 Millionen Menschen überprüft und gerade einmal insgesamt nur 1510 Personen wurden entweder nicht eingestellt oder entlassen (zum Vergleich: Erst ab 35 000 Betroffenen würden wir die 1% Schwelle erreichen). Klar, auch hier gilt der alte Satz, der Mao zugeschrieben wird, bestrafe einen, diszipliniere 100 und die entsprechende Wirkung der bloßen Existenz einer staatlichen "Überprüfung" darf nicht unterschätzt werden (auch wenn dann eben viele taktisch mal das Maul gehalten haben werden, Kreide fraßen und es vermieden haben, offiziell irgendwo als Mitglied aufzutauchen). Auch heute greinten ja jüngst einige Lehramtsstudenten ob der öffentlichen Fahndung nach G20 Randalierern, es könnte ihre berufliche Zukunft zerstören.

Aber rein von den Fakten bzw. nakten Zahlen her betrachtet, ist das Gleichsetzen von "Radikalenerlass" mit "Berufsverbot" schon fast eher mythisch anzusehen. Und genau ein derartiger politischer Mythos (Sorel) wurde daraus von den Linken konstruiert, der mehr Leute politisierte und engagierte, als eigentlich objektiv veranlasst war. Unter dem Strich war der Radikalenerlass ein Schuss in den Ofen oder er wurde zu früh eingestellt, je nach Betrachtungsweise. Die Unterwanderung des öffentlichen Dienstes hat jedenfalls funktioniert und wurde nicht durch diese Erlasse großartig beeinträchtigt, auch wenn es für 1510 Betroffene sicher nicht schön war, aber sie wollten ja schließlich in den Staatsdienst und nicht irgendwo einen job (ich möchte das jetzt aber bitte nicht als Kleinreden oder Apologie verstanden wissen, auch wenn sich meine Ausführungen in der Tat so lesen lassen).

Nur eines dürfen wir hier, auf dieser rechten Seite nicht vergessen, bei aller die hier offen agierenden Personen treffende staatliche Repression:

Damals, in der guten alten BRD-Zeit bis 1991, hat der Staat die Drecksarbeit der Überprüfungen noch selber gemacht. Das wurde heutzutage großzügig outgesourct und die Repressionen erfolgen unmittelbar und direkt durch offiziell nichtstaatliche Aktivisten in Form von ein paar gehörigen aufs Maul, angezündeten Häusern und Autos, Steinwürfen, Sperrungen bei Facebook & Co., Anregungen durch Kollegen und Betriebsräte, dass dieser oder jener doch zu Entlassen sei, mediale Denunzierungen aller Art etc. - dies alles wird vom Staat offen erkennbar gefördert, aber zumeist nur soweit, dass er offiziell seine Hände in Unschuld waschen kann.

Und hier ist der Rechtsweg, im Gegensatz zu einer ordentlichen Entlassungsverfügung, eben weitestgehend nicht offen ...

Insofern darf man sich bitte von ähnlichen Symptomen nicht aufs Glatteis führen lassen. Wenn es nur und einzig so etwas, wie einen Radikalenerlass gäbe (den es selbstverständlich in anderer Gestalt, Form und Umsetzung auch heute noch gibt), hätten wir eine vergleichsweise komfortable Situation. Die Repression ist heute, so meine These, deutlich tiefgehender, totaler und umfassender, als der Antikommunismus alter Schule aus der BRD-Zeit.

Franz Bettinger

4. Januar 2018 21:50

@Jürgen:  Sehr schöner Beitrag! Ich werde ihn, Ihre Erlaubnis vorausgesetzt, für meine (privaten) Rundmails verwenden. Ihnen alles Gute!

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