5. Januar 2018

Jens Meier und Noah Becker

Johannes Poensgen / 17 Kommentare

Causa Jens Maier (MdB, AfD): Es gibt also immer noch Leute, die glauben, man könnte sich um die linke Diskurshoheit irgendwie herummogeln.

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

  • Ich hatte gehofft, die wären nur noch im paläontologischen Museum zu bewundern.

    Aber zur Sache: Noah Becker, seines Zeichens DJ, Designer und halbschwarzer Sohn eines ehemaligen Tennisstars (nicht zu verwechseln mit dem Maler, Autor und Jazzmusiker gleichen Namens), hat sich öffentlich darüber beschwert, daß es in Berlin zu viele Weiße gäbe. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Jens Maier tweetete zurück: „Dem kleinen Halbneger scheint einfach zu wenig Beachtung geschenkt worden zu sein, anders lässt sich sein Verhalten nicht erklären.“

    Jemand wird unverschämt und kriegt eine entsprechende Antwort. Alltag im Neuland Internet.

    Nur leben wir in Zeiten, in denen überdimensionierten Pressehäusern das Geld ausgeht, weswegen der Klatsch und Tratsch der sozialen Medien regelmäßig zur Nachrichtenproduktion verwertet wird. Am Abend des 4. Januar zähle ich um 9 Uhr allein vier Artikel auf FAZ-Online, die sich diesem republikerschütternden Zwischenfall widmen (Der Anfang dieses Artikels erschien wortgleich noch einmal in der Berliner Zeitung).

    Leider nicht nur heiße Luft. In der AfD ist mal wieder die Putzkolonne unterwegs, um diesen rassistischen Sprachabfall aus der Partei zu fegen. Jörg Meuthen sowie der Berliner Vorsitzende Georg Pazderski haben den Tweet bereits verurteilt und Jens Maier selbst macht einen ungenannten Mitarbeiter verantwortlich.

    Den Preis für ehrenamtliche Säuberung erhält diesmal der Geschäftsführer der Berliner AfD, Frank-Christian Hansel:

    Es reicht, Leute! Wenn Ihr Euch oder Eure Mitarbeiter nicht im Griff habt, geht nach Hause! Es kann und darf nicht sein, daß immer wieder von AfD-Funktionären Facebook- oder twitter-Posts rausgehen, die die Arbeit der gesamten Partei, nämlich der AfD als Partei des politischen Realismus aus der Mitte der Gesellschaft, an und in der wir seit 5 Jahren hart arbeiten, zunchichte machen. Viel schlimmer ist, dass auch die Tausenden Ehrenamtler und MItglieder, die GENAU für DIESE AfD des politischen Realismus einstehen, vor den Kopf gestoßen werden. Die AfD braucht keine Leute, die immer noch das primitive Vokabular und den Duktus der 50er Jahre verwenden. Hier geht es auch nicht mehr um Stil-und Geschmacksfragen, sondern um bewußtes Schüren von Vorurteilen, genau das, wogegen wir uns immer wehren, dass es uns fälschlicherweise medial vorgeworfen wird!

    (sämtliche orthographischen Innovationen verbleiben im geistigen Eigentum von Frank-Christian Hansel.)

    Aber um das auseinanderzunehmen:

    1. Kein Facebook-Post oder Tweet macht „ die die Arbeit der gesamten Partei, nämlich der AfD als Partei des politischen Realismus aus der Mitte der Gesellschaft, an und in der wir seit 5 Jahren hart arbeiten, zunchichte“.

    Abgesehen davon, daß politischer Realismus aus der [Merkel-] Mitte der Gesellschaft eine contradictio in adiecto ist, handelt es sich hier um einen einzigen Medienzyklus. Danach wird eine neue Sau durchs Dorf gejagt. Daß die Sache überhaupt diese Aufmerksamkeit bekam, liegt hauptsächlich an den Panikreaktionen aus der AfD. Der größte Teil des Nachrichtenwertes besteht hier darin, wie schön sich die Rechtspopulisten mal wieder auf offener Bühne selbst zerfleischen.

    Wo wir beim Thema Selbstzerfleischung sind. Einen bleibenden Schaden wird das Ganze natürlich haben und zwar die zerstörten Beziehungen innerhalb der Partei. Daß jeder Tweet zu Todfeindschaften in den eigenen Reihen führen kann, auch wenn er gar nicht gegen andere Parteimitglieder gerichtet ist, ist langfristig eine immense Belastung. Daß dem so ist, daran ist aber ausnahmsweise nicht die Lügenpresse schuld, sondern einzig und allein die AfD selbst.

    2. Ob der Duktus der 50er Jahre zur AfD gehört, weiß ich nicht. Sicher ist jedoch, daß die Anziehungskraft dieser Partei zum größten Teil auf dem Versprechen beruht, jenes Deutschland wiederherzustellen, an das sich ihre großteils ältere Wählerschaft noch erinnert, also ein Deutschland, in dem man zum Beispiel auch in einer Großstadt kein Massenaufgebot der Polizei brauchte, um einigermaßen unbestohlen/unvergewaltigt/unermordet Silvester feiern zu können.

    Wer glaubt, dies könne erreicht werden, ohne Vorurteile gegen diejenigen Bevölkerungsgruppen zu schüren, deren vermehrte Anwesenheit auf deutschem Gebiet solches unmöglich gemacht hat, ist ein Idiot. Wer dies andere glauben macht, ist ein Betrüger.

    3. Sich um die Tabus der Linken herumzumogeln ist eine strategische Unmöglichkeit. Taktisch geht das schon. Eine Kampagne kann natürlich so ausgerichtet werden, daß bestimmte Tabus nicht berührt und somit ungeschützte Schwachstellen im feindlichen Narrativ getroffen werden.

    Jedoch, der Traum, unter Respektierung sämtlicher linker Befindlichkeiten, den Gegner mit besseren Argumenten zu schlagen um somit den großen Umschwung im Lande herbeizuführen, wird immer ein Traum bleiben. Er ist genauso absurd, wie die Vorstellung einiger der in den großen Säuberungen angeklagten Kommunisten, sie könnten das Gericht davon überzeugen, ihre besondere marxistische Häresie falle doch eigentlich noch unter die Parteilinie. Die Tabus der Linken müssen fallen. Eines nach dem anderen und das geht nicht ohne Provokation.

    4. Um schließlich allen Sprachhygienikern zuvor zu kommen. Immer wenn ich höre: „Der hat sich aber nicht anständig ausgedrückt, das muß man höflicher formulieren, das ist sonst schlechter Stil!“, dann höre ich dreierlei:

    Erstens: Wir Rechte dürfen keine Boulevardpresse haben.
    Zweitens: Wir Rechte müssen in den sozialen Medien ein Haufen von Langweilern sein.
    Drittens: Wir Rechte dürfen keine Sprache sprechen, die auf Fünfzehnjährige wirkt.

    Der dritte Punkt ist der wichtigste. Teenager suchen im Internet nach Musik, nackten Frauen und schlechten Witzen. Die neue coole rechte Jugendmusik höre ich nirgendwo. Was nackte Frauen angeht, so sind mir keine Pläne bekannt, auf diese Weise Aufmerksamkeit zu erregen. Ich fürchte, wir müssen bei den schlechten Witzen bleiben.

    Und so schlecht müssen die Witze übrigens gar nicht sein. Wichtig ist aber, daß sie schon in der Wortwahl gegen die Moral der Bionade-Eltern verstoßen. „Dem kleinen Halbneger scheint einfach zu wenig Beachtung geschenkt worden zu sein, anders lässt sich sein Verhalten nicht erklären.“ Wenn ein Fünfzehnjähriger das liest, sag er: „Jo, owned! Dem hat er‘s gegeben, voll in your face!“

    Jetzt kann man die berechtigte Frage stellen, ob das die Aufgabe eines 55 Jahre alten Bundestagsabgeordneten und ehemaligen Richters ist. Das ist es natürlich nicht und ich hoffe, Herr Maier wird mir verzeihen, wen ich ihm mitteile, daß er keine Jugendikone mehr wird. In der Hinsicht hat er wirklich einen schwerwiegenden Fehler gemacht.

    Aber hätte er das nicht irgendwie anders sagen können, irgendwie auch cool, aber ohne das Wort „Halbneger“? Ja selbstverständlich wäre das möglich gewesen und selbstverständlich wäre das auch besser gewesen. Das ist nicht der Punkt! Der Punkt ist, daß hier mal wieder die eigenen Leute die Sprachbarrikaden stützen, die der Feind gegen uns aufgebaut hat!

    Diese Barrikaden zwängen uns in einen kleinen Raum, in dem jeder zu drucksen und sich zu winden hat, aus Angst nur ein falsches Wort zu sagen. In den sozialen Medien bedeutet das, daß jeder das Maul zu halten hat, der nicht Sprachkünstler genug ist, um sich auf geschliffene und witzige Weise auszudrücken, so daß jeder weiß was gemeint ist, ohne daß einer Jehova gesagt hat.

    Genau dieses Sagen ohne es zu sagen wäre hier nämlich nötig gewesen, denn es ging ja von Anfang an um Rasse. Noah Becker, ein kosmopolitischer Mischling, hat sich öffentlich darüber beklagt, daß in Berlin immer noch zu viele Weiße leben. Offenbar fühlt er sich deshalb instinktiv unwohl.

    Da kann man natürlich den Rassismusspieß umdrehen und wer das kann, soll das auf jeden Fall tun. Wer das kann! – denn das ist die hohe Schule politischer Sprachkunst. Wenn da nicht jedes Wort genau abgewogen und auf Rasiermesserschärfe geschliffen ist, dann wirkt das wie: „Frau Lehrerin, Frau Lehrerin, der Noah hat was ganz böses rassistisches gesagt. Können mir jetzt alle mal beim Flennen zusehen?“

    Währenddessen steht dem Feind selbstverständlich das gesamte Arsenal der Vulgärsprache offen. Die dürfen auf jung, cool und rebellisch machen und wir nicht. Darum geht es hier und das muß durchbrochen werden!

    Es ist ganz wichtig, daß Jugendliche uns cool finden, bevor ihre Umgebung ihnen eine linke Gesinnung einbrennen kann. Sonst beschränkt sich unser Rekrutierungspotential langfristig auf den Prozentsatz, der in jeder Generation sowieso rechts wird, sowie jenen, der bereit ist, im Alter von über zwanzig Jahren noch einmal sein Weltbild über den Haufen zu werfen. Das ist zu wenig.

    Es sei denn, ihr seid alle ganz lieb und nett. Dann wachen die Altachtundsechziger plötzlich aus ihrem Drogenrausch auf und wählen den Großen Austausch einfach ab. Nicht wahr, Dieter?

    Kommentare (17)

    Monika L.
    5. Januar 2018 18:40

    Ihr habt Probleme. Zum morgigen Dreikönigstag stellt sich die Frage:

    Wer von den drei Königen war eigentlich der Schwarze ? Und warum laufen bei uns nur weiße Königinnen rum ?  Es soll sich niemand angesprochen fühlen :)))

    RMH
    5. Januar 2018 19:27

    Schön, hier einmal die Vorgeschichte zu dem inkriminierten Tweet lesen zu können. Diese wurde/wird in den gängigen Medien immer unterschlagen (Lückenpresse?).

    Was wäre eigentlich für ein Sturm im medialen Wasserglas entstanden, wenn statt Halbneger das Wort Halbweißer verwendet worden wäre?

    Wie auch immer:

    Unterm Strich wäre es aber in jedem Fall sinn- und stilvoller gewesen, sich auf derartiges Twitter-Ping-Pong gar nicht erst einzulassen (who the f... is N. Becker?).

    Weniger ist medial oftmals mehr und auf jeden Dünnpfiff irgendeines Unbeachtlichen zu antworten, ist politisch in der Tat grob fahrlässig und zumindest intern muss so etwas in einer Partei auch aufgearbeitet werden (dürfen - hat dann auch nichts mit Arbeit für den Gegner zu tun).

    Nach der schrecklichen Tat von Kandel, in der sich aufs Neue wieder unfassbares Versagen unserer staatlichen Institutionen und dessen Personals zeigte, ist so ein AfD-Bullshit-Tweet natürlich wie Balsam auf die geschundene Altparteien- und MSM-Seele. Kein Wunder, dass das jetzt groß aufgebauscht wird. Auch dafür sollten dem Tweeter ein paar Backpfeifen verpasst werden.

    Funkstille und Funkdsiziplin zu halten, war eine der ersten Übungen, die man beim Militär lernte. Und daran werde ich mich jetzt halten und keine weiteren Zeilen mehr dazu schreiben.

     

    Ein gebürtiger Hesse
    5. Januar 2018 20:04

    Das Beste, was über die ganze Sache gesagt werden kann. Volle Punktzahl, SiN at its best.

    Allen AfDlern, die nun wieder einen parteieigenen Schädling ausmachen wollen, dürfen sich dich die Frage stellen, was ihr sonstiges Lamento, daß einstmals harmlose, im normalen Sprachgebrauch beheimatete Worte wie Neger, Zigeuner usw. im Ernstfall denn wert ist. Wobei der Fall so ernst natürlich gar nicht ist, man könnte ebenso gut mit rechter Gelassenheit über die flappsige Aussage Maiers hinweggehen. Aber nein, man bevorzugt es, sich gegenseitig mit Distanzeritis anzustecken. Das ist ebenso jämmerlich wie uncool. Poensgen hat ganz recht: wer so schnell die Hosen voll hat, findet auf Seiten der Jungen, die es in der Tat (auch) zu gewinnen gilt, keine neuen Interessenten.

    Lektüreempfehlung, für jeden AfDler, der das Büchlein nicht ohnehin unterm Kopfkissen liegen hat: Thor von Waldsteins Grundlagenschrift Metapolitik und hier besonders die Seiten 47 ff.

    Was allerdings ebenfalls gesagt werden muß: Maier rückt ja nicht seine Aussage in ein schlechtes Licht, sondern der Umstand, daß er, nachdem sie die Runde zu machen begann, behauptet hat, sie stamme nicht von ihm, sondern von einem seiner Mitarbeiter. Wer so wenig Rückgrat zeigt, ist der Provokation in seinem Namen gar nicht gewachsen. Nachsitzen, von Waldstein lesen!

    Obi Wan Kenobi
    5. Januar 2018 20:06

    Ein treffender Beitrag von Johannes Konstantin Poensgen, der völlig recht hat, wenn er feststellt, dass Linke in der verbalen Auseinandersetzung alles sein dürfen, obszön, beleidigend, pauschalisierend und verletzend. Sie dürfen übrigens auch knallrassistisch sein - ich zähle mittlerweile nicht mehr mit, wie häufig sich der "Welt"-Leitartikler Hannes Stein schon ganz offen das Aussterben des "weißen Mannes"oder auch "der Weißen" generell gewünscht hat.

    Rechte hingegen - und das scheint auch die vorherrschende Binnenmeinung in einem relevanten Teil unseres eigenen Spektrums zu sein - sollen ihr Begehr immer in aseptisch reine Sprachbilder fassen und auch sonst so tun, als hätten sie gerade eine Butlerausbildung absolviert. Sonst - und das scheint ja ein Argument zu sein, dem wirklich niemand mehr widersprechen darf - schließen sich die Türen in die Mitte der Gesellschaft. Ich bin mir aber gar nicht so sicher, ob das wirklich stimmt - die 68er jedenfalls haben ihre Vorherrschaft über ganz andere Tugenden erreicht, nämlich eine knallharte Binnensolidarität und gerade auch über die bewußte Verletzung gewisser sprachlicher Normen.

    Lotta Vorbeck
    5. Januar 2018 20:30

    @Monika L. - 05. Januar 2018 - 05:40 PM

    Ihr habt Probleme. Zum morgigen Dreikönigstag stellt sich die Frage: Wer von den drei Königen war eigentlich der Schwarze? 

    Liebe @Monika,

    # hmmm, schwer zu sagen

    # Sie machen einem die Antwort wirklich nicht leicht

    # auch anhand dieses Bildes hier ganz schwierig zu entscheiden

    Solution
    5. Januar 2018 20:47

    Gut daß Herr Poensgen hier einiges zurecht gerückt hat. Ich bekomme eine Sauwut über jene "nützlichen Idioten". Noch bevor die Liberalen und Linken jaulen, sind diese AfD-Wichte schon auf dem Posten, um die eigenen Leute zu kritisieren. Wenn die AfD unbedingt Teil des "Systems" (im Sinne von von Arnim) werden will, soll sie es. Aber ohne mich.

    Stil-Blüte
    5. Januar 2018 21:01

    @ Monika L.

    'Und warum laufen bei uns nur weiße Königinnen rum?'

    2018 ändert sich da, zumindest im Bereich der Prinzen. da heiratet Harry seine Verlobte, die eine 'dunkelhäutige' Mutter und einen weißen Vater hat, der aber nicht ganz so passabel ist, weshalb statt des weißen Vaters die 'dunkelhäutige' Mutter  die Braut zum Altar führen dürfte. Halleluja! 

    Selbstdenker
    5. Januar 2018 21:10

    Hansel gehört zum liberalen Flügel der AFD und zur Gruppieren AM. Da hat man nichts anderes erwarten können. Das schlimme bei diesen Leuten ist, dass diese meinen, dass sie die Absulution von den Medien erhalten. Sie begreifen nicht, dass Medien dieses Verhalten als Schwäche verstehen. Wie zu erwarten war, hat Dieter Stein auch seinen Senf  abgegeben und das ganze noch aufgebläht.

    Diese Leute werden nie etwas wagen, sie werde nimmer versuchen ja nicht anzuecken. Sie sollten einfach einmal den Mund halten, dann wäre schon viel gewonnen.

    Stresemann
    5. Januar 2018 21:47

    Ein Zitat aus Noah Beckers Interview, in dem dieser sich rassistisch (oder sollte man es "rassisch" nennen?) äußert:

    "Im Vergleich zu London oder Paris ist Berlin eine weiße Stadt. Grüßt mich heute ein anderer schwarzer Mann, verhalte ich mich nach diesen diversen negativen Erlebnissen viel solidarischer mit meinen Brüdern."

    Es gilt der alte Satz:

    Quod licet Iovi non licet bovi...

    Brettenbacher
    5. Januar 2018 21:48

    Versuchen'wrs mal auf diesem Niveau:

    Wenn ein verbeulter alter Sack einen blühenden jungen Mann "Halbneger" nennt, dann gleicht sich da  etwas aus. Irgendwie. Wie genau, daß kann ich Ihnen jetzt auch nicht so genau sagen. 

    (Das ist natürlich strukturell und keinesfalls persönlich zu verstehen.)

    Der_Jürgen
    5. Januar 2018 22:08

    Nach seinem missglückten Artikel über Sakaaschwili hat Poensgen rasch wieder zu seiner alten Stärke zurückgefunden.  Jörg Meuthen war schon im Zusammenhang mit der Causa Gedeon unangenehm aufgefallen und gibt nun abermals Anlass zu Unzufriedenheit.

    Ich hoffe, dass jene Feingeister, die nach dem gepfefferten Beitrag von Thor Kunkel ihrem Entsetzen über dessen hemdsärmeligen Stil beredten Ausdruck verliehen, nun eine schöpferische Pause einschalten werden.

    Dem Hansel und anderen Hanswursten in der AFD kann man nur empfehlen, diese Partei zu verlassen und sich Bernd Luckes Loser-Riege anzuschliessen, die früher mal Alfa hiess; wie sie heute heisst, weiss ich nicht, und es ist auch nicht besonders wichtig.

    nom de guerre
    5. Januar 2018 22:33

    Es ist also OK, jemanden als Halbneger zu bezeichnen, weil man damit ggf. Fünfzehnjährige beeindrucken kann? Wow, auf so eine Begründung muss man erstmal kommen! Wissen Sie, wenn ich gewählte Abgeordnete sehen will, die sich wie Fünfzehnjährige artikulieren, besuche ich eine öffentliche Sitzung vom Kinder- und Jugendparlament. Dort SIND die „Abgeordneten“ nämlich fünfzehn.

    Noah Becker (dessen Existenz mir bis vor ein paar Tagen nur sehr vage bewusst war; wenn er also Aufmerksamkeit wollte, hat zumindest er sein Ziel jetzt erreicht) hat in diesem Interview, auf das Maier reagiert hat, unsägliches Zeug geredet (das konnte man übrigens auch anderswo als hier lesen), aber wieso jemand, der auf der politischen Bühne ernst genommen werden will, der Richter am Landgericht war, meint, sich damit in dieser Weise auseinandersetzen zu sollen, verstehe ich nicht. Sicher, man kann sich mal „verplappern“, aber man darf sich dann auch nicht über negative Reaktionen wundern. Auf das Noah Becker’sche Bedauern darüber, dass Berlin immer noch so eine „weiße Stadt“ sei, hätte man auch ganz anders, nämlich auf der Sachebene eingehen können. Ihn zum Beispiel fragen, ob er denn bspw. auch die hohe Kriminalitätsrate der französischen Banlieues für Berlin übernehmen möchte. Das hätte zwar vermutlich nicht in einen Tweet gepasst, aber man muss schließlich auch nicht alles über Twitter erörtern.

    Simplicius Teutsch
    6. Januar 2018 23:55

    Die AfD wird sicherlich nicht gewählt (immerhin zuletzt sechs Millionen) wegen derer, die sich jetzt in opportunistischer Panik von Jens Maier abgrenzen.

    Wenn Linke mit dem Plakat „Deutschland, du mieses Stück Scheiße!“ oder „Deutschland verrecke!“ öffentlich demonstrieren, oder wenn Pegida-Demonstranten vom SPD-Minister als „Pack“ oder die AfD-Weidel als „Nazi-Schlampe“ oder ausländische Chefs als „Ziegenficker“ beleidigt werden können, und selbiges in linken Kreisen noch als satirische Kunstform akzeptiert wird, dann frage ich mich, warum wir jetzt wegen einem frechen „kleinen Halbneger“ (was sachlich mindestens zur Hälfte richtig ist) so einen Selbstzerfleischungs-Zirkus (Ruf nach AfD-Ausschluss) in den rechten Reihen aufführen.

    Der Gehenkte
    7. Januar 2018 01:01

    Ich bin mir nicht gänzlich sicher, ob ich Herrn Poensgen in diesem doch etwas wirren Beitrag folgen kann, aber er scheint sagen zu wollen, daß es erstens zu vermeiden sei, dummes Zeug zu reden und zweitens, wenn es denn passiert ist, diese Dummheit nicht mit Kritik zu bedenken.

    Desweiteren glaubt er einen „bleibenden Schaden durch Selbstzerfleischung“ konstatieren zu können, was obiger Prämisse in gewisser Weise widerspricht, denn es findet da eine Umkehrung von Ursache und Wirkung statt, die sowohl die Realität verkennt, als auch den logischen Ansprüchen dieses Autors zuwiderläuft.

    Sie verkennt die Realität, weil die „Zerfleischung“ so oder so kommt, von selbst oder fremd, mehr noch, sie dürfte sogar noch dramatischer sein, denn die Presse wird es genüßlich ausschlachten, sollte es niemanden geben, der sich in der AfD für seriöse Politik und Sprache stark macht. So kann man immerhin von Flügeln und Fraktionen sprechen und die Komplettverallgemeinerung umgehen. Die inneren Widersprüche dürften davon weniger tangiert sein – so etwas läuft subkutan ab; ein offenes Wort hilft eher, die Fronten zu klären –, aber das Bild nach außen wird nun mal von der linken Hegemonie bestimmt. Die kann man nicht durch alberne Tabubrüche erobern, sondern einzig und allein durch erzseriöse Arbeit, bessere Arbeit, als es die anderen tun.

    In jugendkonformer Sprachen: Kein Tweet, kein Rabatz!

    Gänzlich verstört mich Herrn Poensgens Theorem, daß man, um die Anziehungskraft zu erhöhen ein Deutschland schaffen müsse, „in dem man zum Beispiel auch in einer Großstadt kein Massenaufgebot der Polizei brauchte, um einigermaßen unbestohlen/unvergewaltigt/unermordet Silvester feiern zu können.“ – wieviele Menschen wurden noch mal an Silvester ermordet? Und nun der aberwitzige Schluß: „Wer glaubt, dies könne erreicht werden, ohne Vorurteile gegen diejenigen Bevölkerungsgruppen zu schüren, deren vermehrte Anwesenheit auf deutschem Gebiet solches unmöglich gemacht hat, ist ein Idiot.“

    Man soll die Vorurteile schüren? Nun denn, ich gestehe es öffentlich und stolz ein: Ich bin ein Idiot!

    Herr Poensgens weiß sicherlich, daß der Begriff des Idioten sich von ἰδιώτης herleitet, was eine Privatperson bezeichnet, die am politischen Leben bewußt nicht teilnahm, ein Selbstbewußter, ein Einzelgänger - Jünger hätte "Waldgänger" gesagt.

    Ob unser deutsches Pejorativ direkt in dieser Linie steht, mag dahingestellt sein – wahrscheinlicher ist der Umweg Latein-Französisch-Englisch-Deutsch –, dennoch wurzelt der Begriff dort und wurde u.a. vom Cusaner geehrt, der den idiota gegen die realitätsfernen Scholastiker aufführte, vor allem aber ist der Fürst Myschkin, jener tragische sanfte Held Dostojewskis, mit diesem Titel bedacht worden und selbst Raskolnikow – ich meine nicht den echten, sondern nur den Dostojewskis –, ist eine Idioten-Gestalt. In diesem Sinne konnte Peter Sloterdijk von Jesus dem Idioten sprechen, Sartre in Flaubert den Idioten der Familie wahrnehmen und wir gehen sicher nicht fehl in Jüngers Clamor Ebling („Die Zwille“) diesen Typus verwirklicht zu sehen, und schließlich wollen wir – Stefan George nicht vergessen, der mehrere Idiotengestalten zu Helden machte („Drei weisen kennt vom dorf der blöde knabe“, was die englische Übersetzung wiedergibt: „three women wise the village idiot knows“ oder „Das Lied“) … keine schlechte Ahnenreihe.

    Dieser Typ Idiot – ich muß es nicht betonen – kann mit „Vorurteile gegen diejenigen Bevölkerungsgruppen (zu) schüren, deren vermehrte Anwesenheit auf deutschem Gebiet solches unmöglich gemacht hat“ und der obigen Herleitung wahrlich nichts anfangen.

    Ich war auch der Meinung, es sei Konsens hier, die wahren Gründe der Misere zu erkunden, und die findet man nicht bei den „Anwesenden“, sondern bei den idiotischen Vertretern der πολιτικὴ τέχνη und ihren Hintermännern und Handlangern …

    Simplicius Teutsch
    7. Januar 2018 01:58

    Als braver, bundesdeutscher Michel war ich ebenfalls vom ECHO erschrocken und dachte zuerst, O je, das war aber ein unnötiger Schuss in den Ofen: Lieber Jens Maier, hättest du doch geschwiegen, dann wärst du jetzt nicht gemieden. Und es würden nicht alle (oder fast alle) auf dich eindreschen. Es tut schon weh, wenn man es nur mitansehen und anhören muss.

     Aber wie Herr Poensgen sagt: Es geht um die DISKURSHOHEIT im Staate. Und die kann man nicht erringen, wenn man nur intelligent schweigt oder akademisch politisch korrekt differenziert, was niemanden interessiert oder wirkungslos verpufft. Auf einen frechen antiweißen Hygiene-Rassismus (noch zu viele Weiße in Berlin!) hat der weiße AfD-Abgeordnete Jens Maier als Antwort einen läppischen Knallfrosch in der Besenkammer krachen lassen. Moralisch gescheites Niveau geht natürlich anders.

     Das ECHO erschüttert die AfD und nicht der herausfordernde Ausspruch: „Dem kleinen Halbneger scheint einfach zu wenig Beachtung geschenkt worden zu sein, anders lässt sich sein Verhalten nicht erklären.“ Wo ist hier der angeblich so schlimme „Rassismus!“? Wenn anderseits die Deutschen als „Köterrasse“ beschimpft werden dürfen und ein türkischer Schmierenfink von unserer deutschen Regierung und ihren Verlautbarungsmedien als Held beklatscht wird, der schreibt: „Der baldige Abgang der Deutschen aber ist Völkersterben von seiner schönsten Seite.“

    Till Schneider
    7. Januar 2018 03:06

    "Was wäre eigentlich für ein Sturm im medialen Wasserglas entstanden, wenn statt Halbneger das Wort Halbweißer verwendet worden wäre?" (RMH, siehe oben)

    Je länger ich drüber nachdenke, umso vorzüglicher finde ich diese Variante. Nur leider: Um darauf zu kommen, hätte Jens Maier ein wenig geistreicher sein müssen, als er es allem Anschein nach ist. Anyway, probieren wir's doch einfach mal aus! Noah Becker beklagt sich also über "zu viele Weiße" in Berlin, und Jens Maier twittert zurück:

    Dem kleinen Halbweißen scheint einfach zu wenig Beachtung geschenkt worden zu sein, anders lässt sich sein Verhalten nicht erklären.

    Und? Funktioniert's so besser? Von mir ein dreifach donnerndes "aber hallo!" Man versuche mal, den Tugendwächter zu spielen und Maier für diese Aussage auseinanderzunehmen. Also ich schaffe es nicht. Wenn der Neger fehlt, dann fehlt völlig der Empörungskitzler, der Tugendflansch, der ... und dann erst: Halbweißer – da landet man doch auf dem Moral-Glatteis und schlägt sofort der Länge nach hin. Kein Angriffspunkt, nirgends! Der Halbweiße wäre in diesem  Tweet so was von raffiniert, gemein, mies, fies und abgefeimt gewesen, dass die Tugendwächter einen geistigen Kurzschluss erlitten hätten und komplett gelähmt gewesen wären. Ich jedenfalls bin fest davon überzeugt. Schade, dass dieser Maier nicht so weit ... der braucht einen Twitter-Berater, glaube ich.

    Franz Bettinger
    7. Januar 2018 03:36

    @ Obi Wan Kenobi (19.06 Uhr): Wie recht Sie haben!

    "Dass die Sache überhaupt diese Aufmerksamkeit bekam, liegt... an den Panik-Reaktionen aus der AfD." Stimmt, Herr Poensgen. Statt cool die Etymologie des Wortes Neger zu erklären und die Unterstellung einer Schmähung s(pr)achlich zu entkräften, wird ein Faux Pas eingestanden. Innerhalb der AfD stehen die Saubermänner den Realisten gegenüber, die erkannt haben, dass der politische Gegner uns nach jedem Sprung die Latte höher legen wird, endlos. Zeigen wir denen, dass wir kein Turnier-Pferd und schon gar kein Dressur-Pferd reiten, aber ein Schlachtross unterm Arsch haben, dem Hürden egal sind. Ein furchtloses Ross, das Hindernisse einfach niederreitet. Egal, was die Empfindsamen auf der Tribüne schreien, im Krieg schätzt die Bevölkerung Schlachtrösser. Das ist, was wir brauchen. Sonst werden wir in Schönheit sterben. Das letzte Schlachtross trug übrigens den Namen FJS. So schlecht war der nicht. Franz Josef Strauß holte immer satte Mehrheiten. "Die Tabus der Linken müssen fallen, und das geht nicht ohne Provokation." Bravo, Herr Poensgen, so sehe ich das auch. 

    Es geht um Öffentlichkeit! Wenn das Staats-TV der Öffentlichkeit die klugen Reden der AfD-Opposition vorenthält, wenn der herrschende Clan den einzigen ernstzunehmenden Gegner totzuschweigen gedenkt, dann gilt der Spruch: "Wenn's so nicht geht, dann anders." Wenn Sachlichkeit nicht zum Erfolg führt, na dann: Auf sie mir Gebrüll. Die Grünen (denen ich Unseliger damals mit in den Sattel geholfen habe) die Grünen haben es mit großem Erfolg in den 1980-ern vorgemacht. Und von den Grünen lernen, heißt siegen lernen. (Sorry.)

    Den Rassismus-Spieß Noah Beckers, dem Berlin zu weiß ist, umdrehen? Herr Poensgen, das geht erst JETZT, nachdem Herr Mayer die Soße so wunderbar angerührt hat. Insofern läuft mE Ihre Kritik an dem ehemaligen Richter ins Leere. Erst muss der Vulkan Feuer spucken, erst müssen die Leute aufmerksam werden, dann, ja dann erst kann man ihnen vielleicht etwas von den Kräften des Erdinneren vermitteln.

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