Jelena Tschudinowa: “Die Moschee Notre-Dame”

von Konrad Gill -- Heere von Besatzern fallen in unsere Städte ein.

 Gastbeitrag

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Wir hei­ßen sie will­kom­men, wir klei­den sie ein, wir ernäh­ren sie. Spielt es da noch eine Rol­le, dass sie nicht auf Pan­zern einrollen?“. 

Mit die­sen Sät­zen beginnt das im Som­mer 2017 geschrie­be­ne Nach­wort der Autorin für die vor­lie­gen­de deut­sche Über­set­zung ihres Romans Die Moschee Not­re-Dame anno 2048. Die Aus­sa­ge wird man­chen zusam­men­zu­cken las­sen und ist doch nicht mehr als eine Zustands­be­schrei­bung. Jele­na Tschu­di­no­wa stellt damit klar, daß ihr bereits 2005 ver­öf­fent­lich­ter Roman kein iro­ni­sches Spiel sein soll, auch kein Aus­tes­ten der Gren­zen des im Wes­ten noch Sag­ba­ren, son­dern eine Kampfansage.

Im Jahr 2048 näm­lich neigt sich in Tschu­di­no­was Fik­ti­on eine Ent­wick­lung ihrem Ende zu, die bereits in den 1970er-Jah­ren ihren Anfang nahm und sich seit­dem nie ver­lang­samt hat: die Über­frem­dung Euro­pas durch haupt­säch­lich mos­le­misch gepräg­te Einwanderer.

Das Frank­reich des Jah­res 2048 ist wie alle sei­ne Nach­bar­staa­ten ein erober­tes Land im Staa­ten­ver­bund „Eura­bi­en“. Auf dem Land mögen noch vie­le Fran­zo­sen leben, aber die Eli­ten sind isla­mi­siert, die Sicher­heits­or­ga­ne unter Kon­trol­le gebracht und die gesam­te Öffent­lich­keit von frem­den Bräu­chen und neu­en Regeln beherrscht.

Paris ist ein mul­ti­kul­tu­rel­ler Hexen­kes­sel, in dem isla­mi­sche Grup­pen­so­li­da­ri­tät der wich­tigs­te Garant für die per­sön­li­che Sicher­heit ist und in dem Reich­tum und Armut hart auf­ein­an­der­pral­len. Kunst und Kul­tur sind aus der Öffent­lich­keit verschwunden.

Wer die Kon­ver­si­on zum Islam ver­wei­gert, kann in Ghet­tos außer­halb der Gesell­schaft leben, ohne offi­zi­el­le Repres­sio­nen, aber ver­armt und schutz­los gegen kri­mi­nel­le Über­grif­fe. Gele­gent­lich wer­den Raz­zi­en gegen Chris­ten geführt. Wer Pech hat, wird vor die Wahl zwi­schen dem Über­tritt zur Staats­re­li­gi­on und dem Mar­ty­ri­um gestellt. Am Tri­umph­bo­gen fin­den Stei­ni­gun­gen statt.

Dabei sind die Euro­pa beherr­schen­den Mos­lems kei­nes­wegs unter­ein­an­der einig: Ver­schie­de­ne Glau­bens­rich­tun­gen und auch natio­nal (Ara­ber, Tür­ken, Per­ser, Afri­ka­ner) gepräg­te Iden­ti­tä­ten bestehen neben­ein­an­der; den Zusam­men­halt schei­nen haupt­säch­lich das vom Wes­ten über­nom­me­ne Wohl­stands­stre­ben und die gemein­sa­me Unter­drü­ckung der Ein­hei­mi­schen zu gewähr­leis­ten. Die inne­r­is­la­mi­schen Sta­tus- und Ein­kom­mens­ge­fäl­le sind groß, von „sozia­ler Gerech­tig­keit“ ist die­ses Sys­tem weit entfernt.

Tschu­di­no­wa läßt gegen die­se Fremd­herr­schaft einen bunt zusam­men­ge­wür­fel­ten Wider­stand auf­mar­schie­ren, den „Maquis“. Die Maqui­sards kämp­fen in einem Klein­krieg gegen die Besat­zer, töten Beam­te und isla­mi­sche Geist­li­che, die beson­ders viel Schuld auf sich gela­den haben.

Ihr Rück­zugs­ort ist der weit­ver­zweig­te Pari­ser Unter­grund. In die Grab­ka­ta­kom­ben unter der Stadt, die die Mos­lems nicht zu betre­ten wagen, und die Tei­le des U‑Bahn-Net­zes, die die neu­en Herr­scher aus tech­nisch-logis­ti­scher Über­for­de­rung still­le­gen muß­ten, haben sich hun­der­te von Fran­zo­sen zurück­ge­zo­gen. Von dort aus orga­ni­sie­ren sie eine Gue­ril­la, die ange­sichts der Über­macht des Fein­des hoff­nungs­los scheint. Im Lau­fe des Romans eska­liert der Kon­flikt und wird zum Ent­schei­dungs­kampf um das Schick­sal der letz­ten Fran­zo­sen von Paris.

Als in Frank­reich 2015 die dys­to­pi­schen Roma­ne 2084 – La fin du mon­de von Boua­lem San­sal (dt. 2084 – Das Ende der Welt) und Sou­mis­si­on von Michel Hou­el­le­becq (dt. Unter­wer­fung) erschie­nen, flat­ter­te durch die jour­na­lis­ti­schen Blät­ter­wäl­der der übli­che insze­nier­te Skan­dal – vor allem das Buch von Hou­el­le­becq wur­de als „Pro­vo­ka­ti­on“ und als islam­feind­lich bewer­tet. Vor dem Hin­ter­grund der am Erschei­nungs­tag statt­fin­den­den Mor­de an Redak­teu­ren der links­ra­di­ka­len athe­is­ti­schen Sati­re­zeit­schrift „Char­lie Heb­do“ wirk­te der Roman wie ein Stich ins Hor­nis­sen­nest. Die Debat­te ver­sach­lich­te sich schnell. Daß das Buch tot­ge­schwie­gen wor­den wäre, konn­te nie­mand behaup­ten. Die Gefah­ren durch eine wei­te­re Aus­brei­tung des Islams in Euro­pa waren in aller Mun­de, nur weni­ge Mona­te vor der Inva­si­on soge­nann­ter Flücht­lin­ge vor­nehm­lich aus isla­misch domi­nier­ten Weltgegenden.

Zu die­sem Zeit­punkt war Die Moschee Not­re-Dame schon zehn Jah­re alt und in Frank­reich bereits vor mehr als fünf Jah­ren in Über­set­zung erschie­nen. In den aus­bre­chen­den Debat­ten spiel­te das Buch den­noch kei­ne Rol­le, die pro­mi­nen­ten Autoren nann­ten es nicht als Inspi­ra­ti­on, obwohl zumin­dest wahr­schein­lich ist, daß sie es kann­ten: Hou­el­le­becqs Roman spannt einen nahe­zu iden­ti­schen Erzähl­rah­men auf, und San­sals Roman trägt die glei­che Anspie­lung auf Geor­ge Orwells düs­te­re Zukunfts­vi­si­on 1984 im Titel wie Tschu­di­no­was Fiktion.

Ob es nun Absicht war oder nicht: Die Mei­nungs­ma­cher in Frank­reich und anders­wo taten aus ihrer Sicht gut dar­an, das auf­rüt­teln­de Werk der Rus­sin nicht, auch nicht durch Ver­riß, all­zu bekannt zu machen. Denn wo poli­ti­sche Vor­wür­fe („Ras­sis­mus“, „Rechts­ra­di­ka­lis­mus“, „christ­li­cher Fun­da­men­ta­lis­mus“) gegen den Alge­ri­er San­sal und den Athe­is­ten Hou­el­le­becq ins Nichts lau­fen, sieht es bei der beken­nen­den Chris­tin und Islam­geg­ne­rin Tschu­di­no­wa anders aus. „Sol­chen Leu­ten“ darf man aber bekannt­lich in der west­li­chen Medio­kra­tie „kein Forum bieten“.

Und in der Tat: Tschu­di­no­wa erlaubt sich kei­ne libe­ra­len Kom­pro­mis­se. Unter ande­rem läßt sie ihre Figu­ren dis­ku­tie­ren, war­um Gott zuge­las­sen habe, daß ihre Hei­mat nach andert­halb Jahr­tau­sen­den christ­li­cher Iden­ti­tät von einer ande­ren Reli­gi­on über­rannt wur­de. Die Ant­wort rich­tet die Autorin an ihre gegen­wär­ti­gen Leser: Schon vor der Erobe­rung habe man Kir­chen kaum mehr als Got­tes­häu­ser, son­dern eher als Muse­en gese­hen. Vom Glau­ben abge­fal­len Pries­ter und des­in­ter­es­sier­te Gläu­bi­ge berei­te­ten unbe­wußt den Boden für die Land­nah­me. Ledig­lich die radi­kalka­tho­li­schen Anhän­ger der Alten Mes­se um die Pius­brü­der konn­ten, so Tschu­di­no­was Visi­on, die Tra­di­ti­on wei­ter­ge­ben und stand­hal­ten. Sie stel­len nun die letz­ten Priester.

Die Reli­gi­on spielt eine Dop­pel­rol­le im Roman, als frem­de Zumu­tung und als letz­ter Halt im Eige­nen, nach­dem Macht, Bräu­che und Hei­mat­recht ver­lo­ren gegan­gen sind. Die Katho­li­ken in die­sem Buch sind kei­ne Eife­rer, son­dern in sich ruhen­de Kämp­fer und Die­ner, die sich ihrer Sache und ihrer Selbst so gewiß sind, daß sie jeder Kata­stro­phe trotzen.

So wich­tig der christ­li­che Glau­be in sei­ner katho­li­schen Form in die­sem Roman auch ist: Er ist kein „katho­li­scher Roman“. Eine der Anfüh­re­rin­nen des abend­län­di­schen Wider­stan­des ist eine kir­chen- und glau­bens­fer­ne Krie­ge­rin jüdi­scher Her­kunft; ein ande­rer Prot­ago­nist dient aus rein patrio­ti­schen und iden­ti­tä­ren Motiven.

Neben­bei erfährt der Leser, daß kei­nes­wegs ganz Euro­pa erobert wur­de. Polen, Grie­chen und Rus­sen sowie unter der Pro­tek­ti­on letz­te­rer auch ande­ren Völ­kern ist es gelun­gen, mit­tels ver­schie­de­ner Stra­te­gien die Isla­mi­sie­rung zu verhindern.

Daß Ost­eu­ro­pa und Ruß­land in einem rus­si­schen Roman eine beson­de­re Rol­le zukommt, ist nicht ver­wun­der­lich. Erstaun­lich ist aber, wie kennt­nis­reich und nach­voll­zieh­bar Tschu­di­no­wa den west-öst­li­chen Macht­kampf der letz­ten Jahr­zehn­te in sei­nen ver­schie­de­nen Sta­di­en in die Vor­ge­schich­te der Roman­fi­gu­ren ein­ge­floch­ten hat. Die Kämp­fe um Jugo­sla­wi­en und spä­ter gegen Ser­bi­en, der tsche­tsche­ni­sche Ter­ro­ris­mus und das Hege­mo­nie­stre­ben im Bal­ti­kum spie­len ihre eige­nen Rol­len im Buch, wir­ken bis 2048 nach.

Jele­na Tschu­di­no­wa ist nicht zuletzt eine rea­lis­ti­sche Erzäh­lung gelun­gen, soweit das bei einer Zukunfts­be­schrei­bung mög­lich ist. Das im Roman beschrie­be­ne Paris ist kein Schlacht­feld, in dem täg­lich Men­schen auf offe­ner Stra­ße erschos­sen wer­den. Tschu­di­no­wa beschreibt die Stadt anhand vie­ler Details aus dem All­tags­le­ben der Bewoh­ner als Raum der Anpas­sung. Fran­zo­sen, Ein­wan­de­rer der drit­ten und vier­ten Genera­ti­on sowie Inva­so­ren der ers­ten Genera­ti­on fin­den ihre Mög­lich­kei­ten, zu leben und auf­zu­stei­gen (die Mos­lems) oder zumin­dest zu über­le­ben (die ver­blie­be­nen Chris­ten in den Ghettos).

Gera­de die immer wie­der ein­ge­streu­ten Ein­bli­cke in Lebens­läu­fe – von der wohl­ha­ben­den Kon­ver­ti­tin der Ober­schicht bis zum voo­doogläu­bi­gen afri­ka­ni­schen Arbei­ter – und Ein­stel­lun­gen machen den Roman so glaub­wür­dig. Hier wird kei­ne frem­de Sci­ence-Fic­tion-Welt beschrie­ben, son­dern aus der Wirk­lich­keit isla­mi­schen Lebens heu­te ein nicht unrea­lis­ti­sches Zukunfts­sze­na­rio entwickelt.

Der Leser wird sich mit Unbe­ha­gen ein­ge­ste­hen müs­sen: Auch wenn man­ches über­spitzt und pes­si­mis­tisch wirkt, ist es doch aus demo­gra­phi­schen Grün­den nicht aus­ge­schlos­sen, daß die euro­päi­schen Metro­po­len in eini­gen Jahr­zehn­ten so aus­se­hen, wie es hier beschrie­ben wird.

Die Moschee Not­re-Dame ist nicht nur ein the­ma­tisch inter­es­san­ter Roman, son­dern in gleich drei­fa­cher Hin­sicht bemerkenswert:

  1. Es han­delt sich um eine in poli­tisch-kul­tur­kämp­fe­risch Absicht geschrie­be­ne Erzäh­lung, die trotz­dem nicht zur Pro­pa­gan­da miß­lun­gen ist. Ein so ein­deu­tig mit inne­rer Anteil­nah­me auf einen Zweck hin ver­faß­tes Werk ist fast dazu ver­dammt, künst­le­risch zu schei­tern. Daß die Autorin ihren Stil nicht hat vom Pathos ver­der­ben las­sen (abge­se­hen von ein paar Stel­len nah am Kitsch, wenn es um die katho­li­sche Tra­di­ti­on geht), ist ihr hoch anzurechnen.
  2. Der Roman ist tat­säch­lich ein anspruchs­vol­les Stück Sprach­kunst. Die Rück­blen­den auf ande­re Zeit­ebe­nen, sprach­li­chen Bil­der, ele­gant in den Text ein­ge­floch­te­nen Exkur­se und Anspie­lun­gen sind durch­weg gelun­gen. Der Stil der Autorin, durch eine Über­set­zung hoher Güte ver­mit­telt, muß sich im Ver­gleich mit den Erzeug­nis­sen gro­ßer Ver­la­ge nicht verstecken.
  3. Das Buch ist aus­ge­spro­chen span­nend geschrie­ben und kann damit auch Leser anspre­chen, die an his­to­ri­schen oder theo­lo­gi­schen The­men des­in­ter­es­siert sind. Vor den gro­ßen The­men des Romans ste­hen meh­re­re Hand­lungs­strän­ge um den Wider­stands­kampf und sei­ne Atten­ta­te sowie die Ver­gan­gen­heit eini­ger füh­ren­der Kämp­fer, vol­ler Ele­men­te der Kri­mi­nal- und Agen­ten­li­te­ra­tur sowie dra­ma­ti­scher Sze­nen. Selbst klei­ne über­sinn­li­che Ele­men­te hat die Autorin in die Hand­lung ein­ge­floch­ten. So dürf­te der Roman vie­len unter­schied­li­chen Lesern gefallen.

Mit der Über­set­zung ist dem klei­nen katho­li­schen Reno­va­mem-Ver­lag ein Pau­ken­schlag gelun­gen. Mögen nicht nur Katho­li­ken ihn hören, son­dern alle Leser, die das im Roman immer wie­der beton­te Cre­do nach­spre­chen kön­nen: „Wenn man erst ein­mal anfängt, Kom­pro­mis­se ein­zu­ge­hen, wird man nie mehr damit aufhören“!

– – –

Jele­na Tschu­di­no­was Die Moschee Not­re-Dame kann man hier bestel­len,

Michel Hou­el­le­becqs Unter­wer­fung gibt es hier und

Boua­lem San­sals 2084 – Das Ende der Welt ist hier zu haben.

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Kommentare (18)

Der_Juergen

16. Januar 2018 15:15

Ich habe den Roman in der - vortrefflichen - deutschen Übersetzung gelesen. Er mag ja kein absolutes literarisches Meisterwerk wie Orwells "1984" oder Raspails "Das Heerlager der Heiligen" sein, ist aber doch sehr eindrücklich und lesenswert - und vor allem beklemmend realistisch. Er sei jedem, der hier mitliest und ihn noch nicht kennt, sehr ans Herz gelegt. Was für ein Kontrast zu dem hanebüchenen linken Quark, den Ellen Kositza in ihrem letzten Beitrag präsentieren konnte!

Dieter Rose

16. Januar 2018 16:51

"...sondern erlöse uns von dem Übel..."
ich bete täglich mehrmals:
...sondern erlöse uns von der Merkel..."

mag einfältig klingen:
ich vertraue darauf, dass das hilft.

Solution

16. Januar 2018 17:24

Alles schön und gut. Ich empfehle das Buch jedem hier.
Vergessen sollte man aber nicht, daß in dem Buch auf beiden Seiten eine multikulturelle, multirassische Gesellschaft steht. Der einzige, wenn auch wesentliche Unterschied ist die Religion.
Die "Rebellen" sind eindeutig christlich dominiert und lassen keinen Zweifel an ihrer religiösen Dominanz, während die andere Seite aus Moslems besteht.
Wenngleich das Buch lesenswert ist, wäre für mich persönlich die Gegenseite zu den Moslems auch keine wünschenswerte Alternative.
Wir werden sehen, welche Rolle das Christentum zukünftig spielen wird. Heute steht es immer noch fest und eindeutig auf der Seite der Islamisierer.

Ein gebuertiger Hesse

16. Januar 2018 17:51

@ Dieter Rose

Nein, das ist nicht einfältig, sondern so "geht", wenn Sie tatsächlich daran glauben, Glaube überhaupt. Was hieran "einfältig" genannt werden könnte, ist nur der Verzicht auf zersetzende Skepsis. Machen Sie nur weiter mit Ihrem Gebet - vielleicht retten Sie so unser Vaterland.

Der Feinsinnige

16. Januar 2018 18:07

Sehr gut, daß dieser Roman hier gewürdigt wird und auch die beiden Romane von Houellebecq und Sansal Erwähnung finden. „Die Moschee Notre-Dame Anno 2048“ ist aus meiner subjektiven Sicht das empfehlenswerteste der drei. Gerade durch seine realistische Darstellung ist die Zukunftsvision ungemein beklemmend und ist damit leichter zugänglich als die völlig fiktiv und parabelhaft bleibende Erzählung von Sansal (der unabhängig von meinem persönlichen Geschmack ohne Zweifel ein bemerkenswerter Autor ist und bleibt, schon wegen seines Lebenslaufs und seiner persönlichen Haltung).

Weiter zu „Moschee Notre-Dame“:
Gerade die vom Autor des obigen Artikels hervorgehobenen Zeitsprünge habe ich teilweise als nur schwer nachvollziehbar bzw. nur mit hohem Denk- und Rechercheaufwand entschlüsselbar empfunden. Auch ansonsten habe ich das Buch als eher nicht ganz leicht lesbar empfunden, trotz der insgesamt spannungsreichen Handlung, und habe mich gefragt, ob dies eher der Autorin oder der Übersetzerin zuzuschreiben ist. Das Buch schafft jedoch immer wieder eindrucksvolle Bilder, die in der Schlußszene gipfeln. Das Ende des Romans dürfte (im Zusammenhang mit den Nachworten der Autorin) wohl eher als Weckruf an das immer noch mehrheitlich verschlafene Westeuropa zu verstehen sein denn als Resignation; es brennt sich ins Gedächtnis ein und ist geeignet, einen ziemlich mitzunehmen (mehr soll nicht verraten werden). Insgesamt hat sich die Lektüre jedenfalls außerordentlich gelohnt.

Gut, daß es dieses Buch als Konkurrenz zu Houellebecqs „Unterwerfung“ gibt. Nun müßte es bloß noch ähnlich bekannt werden. Nach den „Elementarteilchen“ hatte ich mir eigentlich vorgenommen, nie wieder eine Zeile von Houellebecq zu lesen, bin jedoch wegen des Themas der Islamisierung „rückfällig“ geworden - leider. „Unterwerfung“ ist für Leser, die keinen Wert auf die sexuellen Obsessionen des Autors Houellebecq legen, die dieser offenbar nach wie vor als Verkaufsmasche pflegt, eigentlich kaum zumutbar, unabhängig von seinem sonstigen Inhalt, der für sich allein genommen teilweise durchaus bemerkenswert wäre. Houellebecq ist jedoch aus meiner Sicht in keiner Weise ein geeigneter Chronist oder ernstzunehmender Ideengeber.

Die Lektüre von „Moschee Notre-Dame“ empfand ich (trotz der Thematik), im Vergleich zu Houellebecqs „Unterwerfung“, unmittelbar im Anschluß daran und als Kontrast dazu gelesen, geradezu als wohltuend.

Maxx

16. Januar 2018 19:26

Ist dieses fortwährende Suhlen in dystopischen Untergangsszenarien nicht irgendwie deprimierend? Braucht's noch den x-ten Anti-Islamisierungsroman? Nach Orwell, Houellebecqs, Raspail et. al. - bringt Tschudinowa jetzt irgendwas, was nicht jeder Leser hier ohnehin erwartet hatte? Die, die es lesen sollten, lesen es sowieso nicht ... Christliche Rebellen? Haha, gestatten, daß ich kurz im Keller lache ... Im Sinne einer notwendigen Vernetzung u. Mobilisierung ohnehin wenig hilfreich ... Dennoch danke für alles, weitermachen!

Der Feinsinnige

16. Januar 2018 20:01

@ Maxx:
Ich denke, Sie sehen das etwas zu schwarz. Das Anliegen von Sezession etc. ist doch gerade das Schaffen einer kulturellen Gegenöffentlichkeit. Jedes Buch, jeder Text (natürlich auch jeder Film) bieten die Möglichkeit, außer den ohnehin schon Überzeugten auch noch offene, empfängliche Menschen neu anzusprechen, zu berühren, ihnen die Augen zu öffnen.

„Es gibt Lektüren, die Impfungen gleichen“ (Ernst Jünger) -

eine wirklich gelungene Werbung von Antaios, vgl.

https://sezession.de/57311/szene-kaleidoskop-xiv-lese-trage-lausch-stoff-und-us-werbung

Jeder Leser spricht auf eine andere Impfung an.

Und: Es gibt sicher mehr als genug potentielle Leser (oder Schenker), die (warum auch immer) lieber nach einer aktuellen Neuerscheinung als nach einem (modernen) Klassiker wie dem „Heerlager der Heiligen“ greifen. Das kann man bedauern – oder hoffen, daß nach der ersten Impfung das Interesse und der Denkprozeß von allein einsetzen.

Der Gehenkte

16. Januar 2018 21:05

@ Der Feinsinnige

Sie werden Houellebecq nicht gerecht - er ist, unter dem Vorbehalt des allgemeinen Niedergangs der Schreibkunst, ein wirklich Großer. Dabei muß man unter die Wörter schauen. Houellebecq hat ein wirkliches Gespür für die geglückte Andeutung und das Timing, Vermögen, die man nur bedingt einüben kann, die man hat oder nicht. Treffsicherheit! Zugegeben, die Lektüre ist nicht immer angenehm; es ist ein bißchen wie bei Kafka - ich mag ihn nicht, aber er ist ein Genie, und das muß ich erkennen und anerkennen

Vielleicht greifen Sie noch mal zum Juni-Heft 2017 - da wird "Unterwerfung" gewürdigt und verglichen mit "Literatur".

Franz Bettinger

17. Januar 2018 03:06

Michel Houellebecq's mit Abstand bestes Buch war für mich "Plattform", quasi eine Homage an den sogenannten Sex-Tourismus. Statt die übliche, ablehnende und absolut einseitige Schlüsselloch-Perspektive der politisch Korrekten (Feministinnen) einzunehmen, beleuchtet der Autor mutig und sprachlich geschickt das Thema. Das Frappierende an MH ist ja seine (fast programmlose) Ehrlichkeit. Nur das machte ihn zum Bestseller-Autor. So sehr vermisst der Leser den ungeschminkten Vortrag! Der letzte der Ehrlichen war wohl Charles Bukovsky. Bei Autoren dieser Art bleibt es nicht aus, auch Schmuddeliges zu thematisieren. Manchmal ist das faszinierend, oft auch nur schmuddelig.

Interessant, wenn auch (oder gerade weil?) auf Konsalik-Niveau, fand ich den nicht unrealistischen Doppel-Roman "Systemfehler" von Rob Salzig, der den erfolgreichen Kampf deutscher Patrioten gegen eine islamisierte brd zum Thema hat. Der Leser will mit seiner Suche nach einer Lösung nicht allein sein. Er braucht solche Gedankenspiele.

Andreas Walter

17. Januar 2018 07:44

Ihr wisst aber schon, was eine conquest by proxy ist, oder?

Eine Eroberung über "Bande"/Stellvertreter/Dritte.

Das scheint heute sogar eher der Standart als die Ausnahme zu sein, weshalb ich die Muslime auch nur für ein Vehikel, ein Trojanisches Pferd, Handlanger des Todes und Kanonenfutter anderer Leute halte, die ihren Profit weiter steigern wollen. Auf der Ebene geht es ja bereits um die Kontrolle von Billionen, nichtmal mehr nur um Milliarden. Auf der Ebene spielt darum auch Religion keine primäre Rolle mehr, dienen alle dem gleichen Götzen Mammon. Eine Tatsache, die aber gerade religiöse Menschen (Platos Höhlengleichnis, eben anschauungsbedingt) immer wieder vergessen. Oder dass auch Marxisten, "Religion ist das Opium des Volkes", ebensolche Götzendiener, "Materialisten" sind.

Doch selbst gläubige Menschen werden ganz schnell zu Materialisten, wenn man sie oder ihre Nächsten mit dem Tod bedroht oder ihnen entsprechend hohe Summen und/oder Privilegien, Ruhm oder Macht angeboten werden. Seltene und darum viel gerühmte Ausnahmen davon sind, insofern wahrheitsgemäß überliefert, Jesus Christus, Martin Luther oder aber auch Mahātmā Gandhi, nur um ein paar Beispiele zu nennen.

Genau daher spielt es aber auch keine Rolle, wessen Haus auch Notre Dame wirklich ist, solange derjenige möglichst vielen einen vollen Bauch auch ihrer Kinder oder aber ein paar Huren im Jenseits verspricht (letztere zielgruppengerecht, denn für den Krieg im Feld oder auf der Strasse eignen sich eben vor allem junge Männer). "Huren" im Diesseits, also europäische Frauen, waren darum auch der ganzen Mühe Lohn am Kölner Dom.

Dietrich Egon

17. Januar 2018 08:57

“Interessant, wenn auch (oder gerade weil?) auf Konsalik-Niveau, fand ich den nicht unrealistischen Doppel-Roman "Systemfehler" von Rob Salzig, der den erfolgreichen Kampf deutscher Patrioten gegen eine islamisierte brd zum Thema hat.

Sie sagen es! Neben all der gehirnschwangeren, schweren Kost kann das Konsalik-Niveau, ab und an, recht erfrischend sein. Man bedenke ferner, daß Otto Normalbürger wohl eher Zugang zu einem Werk auf Konsalik-Niveau finden wird, denn zu einem hochintellektuellen Erguß der mich als mittelgebildeten Proletarier dazu zwingt, den Lesegenuß entweder mit dem Duden und/oder einer Großpackung Aspirin begleiten zu müssen.

Ich verbleibe mit besten Liebesgrüßen aus der Taiga!

Franz Bettinger

17. Januar 2018 09:34

9/11 hat die Welt verändert.

Das Buch "Was am 11. September 2001 wirklich geschah" von Johannes Rothkranz (2008) konnte ich leider nicht bei Antaios aufstöbern. Der Inhalt scheint solide recherchiert und senstionell zu sein. Ganz kurz, wenn ich darf:

Der Leser wird Zeuge der jahrelangen Vorbereitung wie auch des konkreten Ablaufs des Insider-Komplotts. Täter sind nicht Al Qaida-Fanatiker, sondern eine finanziell und politisch mächtige Clique von NWO-Befürwortern (New World Order). Die Verbrecher werden wie auch ihre Motive beim Namen genannt. Wie ein Krimi liest sich die flüssige Darstellung der vierfachen Flugzeugentführung durch als Boeing-Piloten getarnte Mossad-Agenten. Die 4 Flugzeuge wurden alle nach Cleveland entführt, von wo aus die letzte Boeing mit den Passagieren aller vier Maschinen an Bord wieder losflog, um über Shanksville von US-Düsenjägern abgeschossen zu werden. - Zwei ferngesteuerte Fracht-Maschinen flogen in die WTC-Zwillingstürme, ehe man sie wie auch das 3. Gebäude, WTC7, durch vorher installierte Ladungen kontrolliert sprengte. - Am Pentagon zerstörte ein unbemanntes Fluggerät gezielt jenen Flügel, wo man gerade an der Aufklärung des größten Finanzskandals der Weltgeschichte arbeiteten. Es tötete die Angestellten und vernichtete alle kompromittierenden Unterlagen.

T. de Ahumada

17. Januar 2018 10:29

Vielleicht bin ich zu altmodisch und erwarte von einem Roman, dass er mir mehr Tiefen bietet als ein Kino-Film.

Ganz gewiss wird dieser Roman, der eine gewisse Nische des real existierenden Katholizismus heroisiert, in den dessen Kreisen gut ankommen. Die Handlung und Erzählmethode des Romans riecht schon extrem nach Drehbuch. Und ich bin sicher, irgendwelche großzügigen Geldgeber aus dem katholischen Mexiko oder Polen werden dafür sorgen, dass wir in wenigen Jahren einen ähnlich kitschigen Propagandafilm für die „katholische Sache“ wie „Gottes General“ vorliegen haben werden, der es zwar nicht in die Kinos macht, aber als DVD zum Pflichtbestand jedes „Tradi-Haushalts“ innerhalb und außerhalb der Piusbruderschaft gehören wird.

Der Roman ist schlecht, den Figuren mangelt es an Tiefe und an einer wirklichen „Entwicklung“. Es sind grundsätzlich „dumme und grausame Moslems“ die gegen ebenso grundsätzlich „bessere Christen“ stehen. Es gibt eine Heroisierung, die so flach ist, dass sie eher gefährlich ist, weil sie zu einer leichtfertigen Identifikation mit Helden verführt, die es so gar nicht gibt und deshalb niemals der Realität wird standhalten können.

Ich darf mich durchaus als antiliberale Katholikin im Sinne Lefebvres bezeichnen. Diese neumodische Romantisierung der katholischen „Tradition“ geht mir langsam auf den Geist. In einem selbstgewählten geistigen „Ghetto“ befinden sich die „Katholiken der Tradition“, die in diesem Roman den Kern der standhaften, idealistischen Verweigerer ausmachen, leider schon lange. Da braucht es nicht einmal eine moslemische Invasion, die irgendwelche Kathedralen zu Moscheen „umwidmet“.

glubsch

17. Januar 2018 13:27

Hmm, die Piusbrüder sind "die letzten Priester", aber eine "Anführerin des Widerstands" ist "jüdischer Herkunft"?

Nicht sehr plausibel, angesichts des holocaustleugnenden Bischofs der Piusbrüder Richard Williamson und der antijudaistischen Einstellung katholischer Erztraditionalisten.

Der_Juergen

17. Januar 2018 14:17

@glubsch

Dass eine Anführerin des Widerstands jüdischer Herkunft ist, braucht ja nicht zu heissen, dass sie dem jüdischen Glauben anhängt. Wie Sie bestimmt wissen, sind gerade zum Katholizismus konvertierte Juden oft besonders engagiert, um nicht zu sagen fanatisch.

Die katholischen "Erztraditionalisten" wie Bischof Williamson, der gegen die neue Zwangsreligion verstossen hat und deshalb in der BRD zu einer Busse verurteilt wurde, sind in der Tat antijudaistisch. Ihre Gegnerschaft gilt der talmudistischen jüdischen Religion; ein rassischer Antisemitismus, der mit dem Christentum unvereinbar wäre, ist ihnen jedoch völlig fremd.

Dass man dermassen elementare Dinge noch erklären muss...

Der Feinsinnige

17. Januar 2018 18:17

@ Der Gehenkte
Danke für den Hinweis auf Sezession Juni 2017 und die interessante doppelte Buchbesprechung.

Ja, meine Bewertung Houellebecqs ist hauptsächlich subjektiv und wird ihm vielleicht nicht hinreichend gerecht. Dieser Gedanke ist mir schon von seinem Romanerstling „Ausweitung der Kampfzone“ an nicht fremd, zumal Houellebecq (zumindest damals, soweit ich das richtig wahrgenommen und in Erinnerung behalten habe) durch das gesamte Spektrum der deutschsprachigen Feuilletons ( von etabliert links bis hin zur damals noch gar nicht so etablierten „JF“) positiv rezipiert wurde (schon damals habe ich an meiner eigenen Wahrnehmung gezweifelt).
Ist der eigentliche Grund für diese (jedenfalls damalige) weitgehende Einigkeit, daß sich kein Literaturkritiker den Vorwurf der „Prüderie“ zuziehen wollte?
Aber trotzdem bleibt die Frage, warum Houellebecq es einem erheblichen Teil des Publikums so schwer macht und seine Werke, seine Aussagen, in dieser ausufernden Weise abstoßend verpacken muß. Ist er idealistisch und meint, seine literarischen Arbeiten und seine durchaus wahrnehmbare und auch berechtigte Gesellschaftskritik damit leichter unter die Leute bringen zu können, oder ist es nicht doch nur ein billiger Verkaufstrick? Offenbar hat er damit jedenfalls durchaus Erfolg.
Mich macht dieser Schriftsteller ratlos.

Der Gehenkte

17. Januar 2018 23:23

@ Der Feinsinnige

"Mich macht dieser Schriftsteller ratlos."

Was will ein Schriftsteller, ein wirklicher Schriftsteller mehr? Sie quälen sich mit seinem Text, er läßt sie nicht los, die fürchten kognitive Dissonanz ... das ist das Signum - wenn auch keine Garantie - großer Kunst. Man sollte viel mehr den glatten Sachen mißtrauen, den Eindeutigkeiten und den klaren Botschaften - wie sie im Übrigen der hier besprochene Roman zu verbreiten scheint.

Das wäre immerhin der Unterschied zu Raspails Dystopie, die durch eine feine Ironie und Übersteigerung besticht, auch wenn das Werk literarisch-sprachlich wohl nicht zu den Glanzleistungen frz. Literatur gehört. Aber Raspail kann man das noch abnehmen; seine Geschichte ist genügend künstlerisch verfremdet. Trotzdem konnte sie nur durch den prophetischen Treffer überleben - ohne die ablaufende Geschichte des Hier und Jetzt wäre dieses Buch Makulatur.

https://seidwalkwordpresscom.wordpress.com/2015/11/07/lesewarnung-raspail/

Zum Vergleich: Wladimir Sorokins "Ljod"-Trilogie ist prophetisch deutlich überzeichnet, wird aber als Kunstwerk Bestand haben und von den drei großen Dystopien hat nur Samjatin exzelliert, wohingegen Orwell, vor allem aber Huxley unter ihren literarischen Möglichkeiten blieben.

Der Feinsinnige

19. Januar 2018 19:38

@ Der Gehenkte

Danke für die weiteren Lesehinweise und die Diskussion! Der Artikel aus dem Tagesspiegel über das „Heerlager der Heiligen“ ist in gewisser Weise tatsächlich bemerkenswert (negativ gemeint). Das hat „seidwalk“ gut auf den Punkt gebracht. Der im Tagesspiegel erwähnte Artikel von Matthias Matussek ist dagegen im positiven Sinne so bemerkenswert, daß ich ihn hier verlinken will, da er im Netz für mich nicht ganz einfach zu finden war:

https://www.weltwoche.ch/ausgaben/2015-40/literatur-lust-die-eigene-kultur-auszuloeschen-die-weltwoche-ausgabe-402015.html

Sie haben natürlich recht, daß ein wesentliches Kriterium für einen „wirklichen“ Schriftsteller ist, daß sein Werk den Leser beschäftigt – und sicher nicht nur insoweit ist Houellebecq tatsächlich ernstzunehmen.

Zum „Heerlager der Heiligen“
Bezüglich der literarischen Bedeutung dieses Romans würde ich „Seidwalk“ und somit auch Ihnen vorsichtig widersprechen wollen: Dieses Buch hat aus meiner Sicht eine Qualität, die in einem nicht durch politische Korrektheit bestimmten Literaturbetrieb nobelpreiswürdig wäre. Hierzu gehört gerade auch die (sich inzwischen realisierende) Vision des Autors, die geeignet ist, die Sicht des Lesers auf die Welt zu ändern – meines Erachtens auch ein wesentliches Kriterium für große Literatur. Dieses Buch hat mich schon bei der ersten Lektüre 2005 (Ausgabe Hohenrain-Verlag) geimpft und bestimmt seitdem meine Sicht der Lage unseres Kontinents hinsichtlich der Einwanderungsfrage. Die zweite Lektüre 2015 in der Antaios-Ausgabe war geradezu gespenstisch aufgrund dessen, was gerade um uns herum geschah.
Raspails „Heerlager“ ist aber auch sprach- und bildmächtig in einer Weise, die mich – es mag ein laienhafter, jedenfalls sehr subjektiver Vergleich sein – schon immer an Saramagos „Die Stadt der Blinden“ (Nobelpreis 1998) erinnert, der in einem im Rowohlt-Taschenbuch von 1999 abgedruckten Zeitungskommentar in die Tradition von Albert Camus (Nobelpreis 1957) „Die Pest“ gestellt worden ist – meines Erachtens alles (unabhängig von der völlig unterschiedlichen politischen Ausrichtung ihrer Autoren) große Romane mit scheußlichen Szenen und Inhalten, die man über Jahre nicht vergißt. So gesehen kann der Roman von Jelena Tschudinowa wohl unabhängig von der Schlußszene nicht ganz mithalten.

Vielleicht sollte ich an meiner bisherigen Haltung zu Houellebecq unter diesem Gesichtspunkt wirklich arbeiten.

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