16. Januar 2018

Jelena Tschudinowa: „Die Moschee Notre-Dame“

Gastbeitrag / 18 Kommentare

von Konrad Gill -- Heere von Besatzern fallen in unsere Städte ein.

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  • Sezession

Wir heißen sie willkommen, wir kleiden sie ein, wir ernähren sie. Spielt es da noch eine Rolle, dass sie nicht auf Panzern einrollen?“. 

Mit diesen Sätzen beginnt das im Sommer 2017 geschriebene Nachwort der Autorin für die vorliegende deutsche Übersetzung ihres Romans Die Moschee Notre-Dame anno 2048. Die Aussage wird manchen zusammenzucken lassen und ist doch nicht mehr als eine Zustandsbeschreibung. Jelena Tschudinowa stellt damit klar, daß ihr bereits 2005 veröffentlichter Roman kein ironisches Spiel sein soll, auch kein Austesten der Grenzen des im Westen noch Sagbaren, sondern eine Kampfansage.

Im Jahr 2048 nämlich neigt sich in Tschudinowas Fiktion eine Entwicklung ihrem Ende zu, die bereits in den 1970er-Jahren ihren Anfang nahm und sich seitdem nie verlangsamt hat: die Überfremdung Europas durch hauptsächlich moslemisch geprägte Einwanderer.

Das Frankreich des Jahres 2048 ist wie alle seine Nachbarstaaten ein erobertes Land im Staatenverbund „Eurabien“. Auf dem Land mögen noch viele Franzosen leben, aber die Eliten sind islamisiert, die Sicherheitsorgane unter Kontrolle gebracht und die gesamte Öffentlichkeit von fremden Bräuchen und neuen Regeln beherrscht.

Paris ist ein multikultureller Hexenkessel, in dem islamische Gruppensolidarität der wichtigste Garant für die persönliche Sicherheit ist und in dem Reichtum und Armut hart aufeinanderprallen. Kunst und Kultur sind aus der Öffentlichkeit verschwunden.

Wer die Konversion zum Islam verweigert, kann in Ghettos außerhalb der Gesellschaft leben, ohne offizielle Repressionen, aber verarmt und schutzlos gegen kriminelle Übergriffe. Gelegentlich werden Razzien gegen Christen geführt. Wer Pech hat, wird vor die Wahl zwischen dem Übertritt zur Staatsreligion und dem Martyrium gestellt. Am Triumphbogen finden Steinigungen statt.

Dabei sind die Europa beherrschenden Moslems keineswegs untereinander einig: Verschiedene Glaubensrichtungen und auch national (Araber, Türken, Perser, Afrikaner) geprägte Identitäten bestehen nebeneinander; den Zusammenhalt scheinen hauptsächlich das vom Westen übernommene Wohlstandsstreben und die gemeinsame Unterdrückung der Einheimischen zu gewährleisten. Die innerislamischen Status- und Einkommensgefälle sind groß, von „sozialer Gerechtigkeit“ ist dieses System weit entfernt.

Tschudinowa läßt gegen diese Fremdherrschaft einen bunt zusammengewürfelten Widerstand aufmarschieren, den „Maquis“. Die Maquisards kämpfen in einem Kleinkrieg gegen die Besatzer, töten Beamte und islamische Geistliche, die besonders viel Schuld auf sich geladen haben.

Ihr Rückzugsort ist der weitverzweigte Pariser Untergrund. In die Grabkatakomben unter der Stadt, die die Moslems nicht zu betreten wagen, und die Teile des U-Bahn-Netzes, die die neuen Herrscher aus technisch-logistischer Überforderung stilllegen mußten, haben sich hunderte von Franzosen zurückgezogen. Von dort aus organisieren sie eine Guerilla, die angesichts der Übermacht des Feindes hoffnungslos scheint. Im Laufe des Romans eskaliert der Konflikt und wird zum Entscheidungskampf um das Schicksal der letzten Franzosen von Paris.

Als in Frankreich 2015 die dystopischen Romane 2084 – La fin du monde von Boualem Sansal (dt. 2084 – Das Ende der Welt) und Soumission von Michel Houellebecq (dt. Unterwerfung) erschienen, flatterte durch die journalistischen Blätterwälder der übliche inszenierte Skandal – vor allem das Buch von Houellebecq wurde als „Provokation“ und als islamfeindlich bewertet. Vor dem Hintergrund der am Erscheinungstag stattfindenden Morde an Redakteuren der linksradikalen atheistischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ wirkte der Roman wie ein Stich ins Hornissennest. Die Debatte versachlichte sich schnell. Daß das Buch totgeschwiegen worden wäre, konnte niemand behaupten. Die Gefahren durch eine weitere Ausbreitung des Islams in Europa waren in aller Munde, nur wenige Monate vor der Invasion sogenannter Flüchtlinge vornehmlich aus islamisch dominierten Weltgegenden.

Zu diesem Zeitpunkt war Die Moschee Notre-Dame schon zehn Jahre alt und in Frankreich bereits vor mehr als fünf Jahren in Übersetzung erschienen. In den ausbrechenden Debatten spielte das Buch dennoch keine Rolle, die prominenten Autoren nannten es nicht als Inspiration, obwohl zumindest wahrscheinlich ist, daß sie es kannten: Houellebecqs Roman spannt einen nahezu identischen Erzählrahmen auf, und Sansals Roman trägt die gleiche Anspielung auf George Orwells düstere Zukunftsvision 1984 im Titel wie Tschudinowas Fiktion.

Ob es nun Absicht war oder nicht: Die Meinungsmacher in Frankreich und anderswo taten aus ihrer Sicht gut daran, das aufrüttelnde Werk der Russin nicht, auch nicht durch Verriß, allzu bekannt zu machen. Denn wo politische Vorwürfe („Rassismus“, „Rechtsradikalismus“, „christlicher Fundamentalismus“) gegen den Algerier Sansal und den Atheisten Houellebecq ins Nichts laufen, sieht es bei der bekennenden Christin und Islamgegnerin Tschudinowa anders aus. „Solchen Leuten“ darf man aber bekanntlich in der westlichen Mediokratie „kein Forum bieten“.

Und in der Tat: Tschudinowa erlaubt sich keine liberalen Kompromisse. Unter anderem läßt sie ihre Figuren diskutieren, warum Gott zugelassen habe, daß ihre Heimat nach anderthalb Jahrtausenden christlicher Identität von einer anderen Religion überrannt wurde. Die Antwort richtet die Autorin an ihre gegenwärtigen Leser: Schon vor der Eroberung habe man Kirchen kaum mehr als Gotteshäuser, sondern eher als Museen gesehen. Vom Glauben abgefallen Priester und desinteressierte Gläubige bereiteten unbewußt den Boden für die Landnahme. Lediglich die radikalkatholischen Anhänger der Alten Messe um die Piusbrüder konnten, so Tschudinowas Vision, die Tradition weitergeben und standhalten. Sie stellen nun die letzten Priester.

Die Religion spielt eine Doppelrolle im Roman, als fremde Zumutung und als letzter Halt im Eigenen, nachdem Macht, Bräuche und Heimatrecht verloren gegangen sind. Die Katholiken in diesem Buch sind keine Eiferer, sondern in sich ruhende Kämpfer und Diener, die sich ihrer Sache und ihrer Selbst so gewiß sind, daß sie jeder Katastrophe trotzen.

So wichtig der christliche Glaube in seiner katholischen Form in diesem Roman auch ist: Er ist kein „katholischer Roman“. Eine der Anführerinnen des abendländischen Widerstandes ist eine kirchen- und glaubensferne Kriegerin jüdischer Herkunft; ein anderer Protagonist dient aus rein patriotischen und identitären Motiven.

Nebenbei erfährt der Leser, daß keineswegs ganz Europa erobert wurde. Polen, Griechen und Russen sowie unter der Protektion letzterer auch anderen Völkern ist es gelungen, mittels verschiedener Strategien die Islamisierung zu verhindern.

Daß Osteuropa und Rußland in einem russischen Roman eine besondere Rolle zukommt, ist nicht verwunderlich. Erstaunlich ist aber, wie kenntnisreich und nachvollziehbar Tschudinowa den west-östlichen Machtkampf der letzten Jahrzehnte in seinen verschiedenen Stadien in die Vorgeschichte der Romanfiguren eingeflochten hat. Die Kämpfe um Jugoslawien und später gegen Serbien, der tschetschenische Terrorismus und das Hegemoniestreben im Baltikum spielen ihre eigenen Rollen im Buch, wirken bis 2048 nach.

Jelena Tschudinowa ist nicht zuletzt eine realistische Erzählung gelungen, soweit das bei einer Zukunftsbeschreibung möglich ist. Das im Roman beschriebene Paris ist kein Schlachtfeld, in dem täglich Menschen auf offener Straße erschossen werden. Tschudinowa beschreibt die Stadt anhand vieler Details aus dem Alltagsleben der Bewohner als Raum der Anpassung. Franzosen, Einwanderer der dritten und vierten Generation sowie Invasoren der ersten Generation finden ihre Möglichkeiten, zu leben und aufzusteigen (die Moslems) oder zumindest zu überleben (die verbliebenen Christen in den Ghettos).

Gerade die immer wieder eingestreuten Einblicke in Lebensläufe – von der wohlhabenden Konvertitin der Oberschicht bis zum voodoogläubigen afrikanischen Arbeiter – und Einstellungen machen den Roman so glaubwürdig. Hier wird keine fremde Science-Fiction-Welt beschrieben, sondern aus der Wirklichkeit islamischen Lebens heute ein nicht unrealistisches Zukunftsszenario entwickelt.

Der Leser wird sich mit Unbehagen eingestehen müssen: Auch wenn manches überspitzt und pessimistisch wirkt, ist es doch aus demographischen Gründen nicht ausgeschlossen, daß die europäischen Metropolen in einigen Jahrzehnten so aussehen, wie es hier beschrieben wird.

Die Moschee Notre-Dame ist nicht nur ein thematisch interessanter Roman, sondern in gleich dreifacher Hinsicht bemerkenswert:

  1. Es handelt sich um eine in politisch-kulturkämpferisch Absicht geschriebene Erzählung, die trotzdem nicht zur Propaganda mißlungen ist. Ein so eindeutig mit innerer Anteilnahme auf einen Zweck hin verfaßtes Werk ist fast dazu verdammt, künstlerisch zu scheitern. Daß die Autorin ihren Stil nicht hat vom Pathos verderben lassen (abgesehen von ein paar Stellen nah am Kitsch, wenn es um die katholische Tradition geht), ist ihr hoch anzurechnen.
  2. Der Roman ist tatsächlich ein anspruchsvolles Stück Sprachkunst. Die Rückblenden auf andere Zeitebenen, sprachlichen Bilder, elegant in den Text eingeflochtenen Exkurse und Anspielungen sind durchweg gelungen. Der Stil der Autorin, durch eine Übersetzung hoher Güte vermittelt, muß sich im Vergleich mit den Erzeugnissen großer Verlage nicht verstecken.
  3. Das Buch ist ausgesprochen spannend geschrieben und kann damit auch Leser ansprechen, die an historischen oder theologischen Themen desinteressiert sind. Vor den großen Themen des Romans stehen mehrere Handlungsstränge um den Widerstandskampf und seine Attentate sowie die Vergangenheit einiger führender Kämpfer, voller Elemente der Kriminal- und Agentenliteratur sowie dramatischer Szenen. Selbst kleine übersinnliche Elemente hat die Autorin in die Handlung eingeflochten. So dürfte der Roman vielen unterschiedlichen Lesern gefallen.

Mit der Übersetzung ist dem kleinen katholischen Renovamem-Verlag ein Paukenschlag gelungen. Mögen nicht nur Katholiken ihn hören, sondern alle Leser, die das im Roman immer wieder betonte Credo nachsprechen können: „Wenn man erst einmal anfängt, Kompromisse einzugehen, wird man nie mehr damit aufhören“!

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Jelena Tschudinowas Die Moschee Notre-Dame kann man hier bestellen,

Michel Houellebecqs Unterwerfung gibt es hier und

Boualem Sansals 2084 – Das Ende der Welt ist hier zu haben.


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Kommentare (18)

Der_Juergen
16. Januar 2018 15:15

Ich habe den Roman in der - vortrefflichen - deutschen Übersetzung gelesen. Er mag ja kein absolutes literarisches Meisterwerk wie Orwells "1984" oder Raspails "Das Heerlager der Heiligen" sein, ist aber doch sehr eindrücklich und lesenswert - und vor allem beklemmend realistisch. Er sei jedem, der hier mitliest und ihn noch nicht kennt, sehr ans Herz gelegt. Was für ein Kontrast zu dem hanebüchenen linken Quark, den Ellen Kositza in ihrem letzten Beitrag präsentieren konnte!

Dieter Rose
16. Januar 2018 16:51

"...sondern erlöse uns von dem Übel..."
ich bete täglich mehrmals:
...sondern erlöse uns von der Merkel..."

mag einfältig klingen:
ich vertraue darauf, dass das hilft.

Solution
16. Januar 2018 17:24

Alles schön und gut. Ich empfehle das Buch jedem hier.
Vergessen sollte man aber nicht, daß in dem Buch auf beiden Seiten eine multikulturelle, multirassische Gesellschaft steht. Der einzige, wenn auch wesentliche Unterschied ist die Religion.
Die "Rebellen" sind eindeutig christlich dominiert und lassen keinen Zweifel an ihrer religiösen Dominanz, während die andere Seite aus Moslems besteht.
Wenngleich das Buch lesenswert ist, wäre für mich persönlich die Gegenseite zu den Moslems auch keine wünschenswerte Alternative.
Wir werden sehen, welche Rolle das Christentum zukünftig spielen wird. Heute steht es immer noch fest und eindeutig auf der Seite der Islamisierer.

Ein gebuertiger Hesse
16. Januar 2018 17:51

@ Dieter Rose

Nein, das ist nicht einfältig, sondern so "geht", wenn Sie tatsächlich daran glauben, Glaube überhaupt. Was hieran "einfältig" genannt werden könnte, ist nur der Verzicht auf zersetzende Skepsis. Machen Sie nur weiter mit Ihrem Gebet - vielleicht retten Sie so unser Vaterland.

Der Feinsinnige
16. Januar 2018 18:07

Sehr gut, daß dieser Roman hier gewürdigt wird und auch die beiden Romane von Houellebecq und Sansal Erwähnung finden. „Die Moschee Notre-Dame Anno 2048“ ist aus meiner subjektiven Sicht das empfehlenswerteste der drei. Gerade durch seine realistische Darstellung ist die Zukunftsvision ungemein beklemmend und ist damit leichter zugänglich als die völlig fiktiv und parabelhaft bleibende Erzählung von Sansal (der unabhängig von meinem persönlichen Geschmack ohne Zweifel ein bemerkenswerter Autor ist und bleibt, schon wegen seines Lebenslaufs und seiner persönlichen Haltung).

Weiter zu „Moschee Notre-Dame“:
Gerade die vom Autor des obigen Artikels hervorgehobenen Zeitsprünge habe ich teilweise als nur schwer nachvollziehbar bzw. nur mit hohem Denk- und Rechercheaufwand entschlüsselbar empfunden. Auch ansonsten habe ich das Buch als eher nicht ganz leicht lesbar empfunden, trotz der insgesamt spannungsreichen Handlung, und habe mich gefragt, ob dies eher der Autorin oder der Übersetzerin zuzuschreiben ist. Das Buch schafft jedoch immer wieder eindrucksvolle Bilder, die in der Schlußszene gipfeln. Das Ende des Romans dürfte (im Zusammenhang mit den Nachworten der Autorin) wohl eher als Weckruf an das immer noch mehrheitlich verschlafene Westeuropa zu verstehen sein denn als Resignation; es brennt sich ins Gedächtnis ein und ist geeignet, einen ziemlich mitzunehmen (mehr soll nicht verraten werden). Insgesamt hat sich die Lektüre jedenfalls außerordentlich gelohnt.

Gut, daß es dieses Buch als Konkurrenz zu Houellebecqs „Unterwerfung“ gibt. Nun müßte es bloß noch ähnlich bekannt werden. Nach den „Elementarteilchen“ hatte ich mir eigentlich vorgenommen, nie wieder eine Zeile von Houellebecq zu lesen, bin jedoch wegen des Themas der Islamisierung „rückfällig“ geworden - leider. „Unterwerfung“ ist für Leser, die keinen Wert auf die sexuellen Obsessionen des Autors Houellebecq legen, die dieser offenbar nach wie vor als Verkaufsmasche pflegt, eigentlich kaum zumutbar, unabhängig von seinem sonstigen Inhalt, der für sich allein genommen teilweise durchaus bemerkenswert wäre. Houellebecq ist jedoch aus meiner Sicht in keiner Weise ein geeigneter Chronist oder ernstzunehmender Ideengeber.

Die Lektüre von „Moschee Notre-Dame“ empfand ich (trotz der Thematik), im Vergleich zu Houellebecqs „Unterwerfung“, unmittelbar im Anschluß daran und als Kontrast dazu gelesen, geradezu als wohltuend.

Maxx
16. Januar 2018 19:26

Ist dieses fortwährende Suhlen in dystopischen Untergangsszenarien nicht irgendwie deprimierend? Braucht's noch den x-ten Anti-Islamisierungsroman? Nach Orwell, Houellebecqs, Raspail et. al. - bringt Tschudinowa jetzt irgendwas, was nicht jeder Leser hier ohnehin erwartet hatte? Die, die es lesen sollten, lesen es sowieso nicht ... Christliche Rebellen? Haha, gestatten, daß ich kurz im Keller lache ... Im Sinne einer notwendigen Vernetzung u. Mobilisierung ohnehin wenig hilfreich ... Dennoch danke für alles, weitermachen!

Der Feinsinnige
16. Januar 2018 20:01

@ Maxx:
Ich denke, Sie sehen das etwas zu schwarz. Das Anliegen von Sezession etc. ist doch gerade das Schaffen einer kulturellen Gegenöffentlichkeit. Jedes Buch, jeder Text (natürlich auch jeder Film) bieten die Möglichkeit, außer den ohnehin schon Überzeugten auch noch offene, empfängliche Menschen neu anzusprechen, zu berühren, ihnen die Augen zu öffnen.

„Es gibt Lektüren, die Impfungen gleichen“ (Ernst Jünger) -

eine wirklich gelungene Werbung von Antaios, vgl.

https://sezession.de/57311/szene-kaleidoskop-xiv-lese-trage-lausch-stoff-und-us-werbung

Jeder Leser spricht auf eine andere Impfung an.

Und: Es gibt sicher mehr als genug potentielle Leser (oder Schenker), die (warum auch immer) lieber nach einer aktuellen Neuerscheinung als nach einem (modernen) Klassiker wie dem „Heerlager der Heiligen“ greifen. Das kann man bedauern – oder hoffen, daß nach der ersten Impfung das Interesse und der Denkprozeß von allein einsetzen.

Der Gehenkte
16. Januar 2018 21:05

@ Der Feinsinnige

Sie werden Houellebecq nicht gerecht - er ist, unter dem Vorbehalt des allgemeinen Niedergangs der Schreibkunst, ein wirklich Großer. Dabei muß man unter die Wörter schauen. Houellebecq hat ein wirkliches Gespür für die geglückte Andeutung und das Timing, Vermögen, die man nur bedingt einüben kann, die man hat oder nicht. Treffsicherheit! Zugegeben, die Lektüre ist nicht immer angenehm; es ist ein bißchen wie bei Kafka - ich mag ihn nicht, aber er ist ein Genie, und das muß ich erkennen und anerkennen

Vielleicht greifen Sie noch mal zum Juni-Heft 2017 - da wird "Unterwerfung" gewürdigt und verglichen mit "Literatur".

Franz Bettinger
17. Januar 2018 03:06

Michel Houellebecq's mit Abstand bestes Buch war für mich "Plattform", quasi eine Homage an den sogenannten Sex-Tourismus. Statt die übliche, ablehnende und absolut einseitige Schlüsselloch-Perspektive der politisch Korrekten (Feministinnen) einzunehmen, beleuchtet der Autor mutig und sprachlich geschickt das Thema. Das Frappierende an MH ist ja seine (fast programmlose) Ehrlichkeit. Nur das machte ihn zum Bestseller-Autor. So sehr vermisst der Leser den ungeschminkten Vortrag! Der letzte der Ehrlichen war wohl Charles Bukovsky. Bei Autoren dieser Art bleibt es nicht aus, auch Schmuddeliges zu thematisieren. Manchmal ist das faszinierend, oft auch nur schmuddelig.

Interessant, wenn auch (oder gerade weil?) auf Konsalik-Niveau, fand ich den nicht unrealistischen Doppel-Roman "Systemfehler" von Rob Salzig, der den erfolgreichen Kampf deutscher Patrioten gegen eine islamisierte brd zum Thema hat. Der Leser will mit seiner Suche nach einer Lösung nicht allein sein. Er braucht solche Gedankenspiele.

Andreas Walter
17. Januar 2018 07:44

Ihr wisst aber schon, was eine conquest by proxy ist, oder?

Eine Eroberung über "Bande"/Stellvertreter/Dritte.

Das scheint heute sogar eher der Standart als die Ausnahme zu sein, weshalb ich die Muslime auch nur für ein Vehikel, ein Trojanisches Pferd, Handlanger des Todes und Kanonenfutter anderer Leute halte, die ihren Profit weiter steigern wollen. Auf der Ebene geht es ja bereits um die Kontrolle von Billionen, nichtmal mehr nur um Milliarden. Auf der Ebene spielt darum auch Religion keine primäre Rolle mehr, dienen alle dem gleichen Götzen Mammon. Eine Tatsache, die aber gerade religiöse Menschen (Platos Höhlengleichnis, eben anschauungsbedingt) immer wieder vergessen. Oder dass auch Marxisten, "Religion ist das Opium des Volkes", ebensolche Götzendiener, "Materialisten" sind.

Doch selbst gläubige Menschen werden ganz schnell zu Materialisten, wenn man sie oder ihre Nächsten mit dem Tod bedroht oder ihnen entsprechend hohe Summen und/oder Privilegien, Ruhm oder Macht angeboten werden. Seltene und darum viel gerühmte Ausnahmen davon sind, insofern wahrheitsgemäß überliefert, Jesus Christus, Martin Luther oder aber auch Mahātmā Gandhi, nur um ein paar Beispiele zu nennen.

Genau daher spielt es aber auch keine Rolle, wessen Haus auch Notre Dame wirklich ist, solange derjenige möglichst vielen einen vollen Bauch auch ihrer Kinder oder aber ein paar Huren im Jenseits verspricht (letztere zielgruppengerecht, denn für den Krieg im Feld oder auf der Strasse eignen sich eben vor allem junge Männer). "Huren" im Diesseits, also europäische Frauen, waren darum auch der ganzen Mühe Lohn am Kölner Dom.

Dietrich Egon
17. Januar 2018 08:57

“Interessant, wenn auch (oder gerade weil?) auf Konsalik-Niveau, fand ich den nicht unrealistischen Doppel-Roman "Systemfehler" von Rob Salzig, der den erfolgreichen Kampf deutscher Patrioten gegen eine islamisierte brd zum Thema hat.

Sie sagen es! Neben all der gehirnschwangeren, schweren Kost kann das Konsalik-Niveau, ab und an, recht erfrischend sein. Man bedenke ferner, daß Otto Normalbürger wohl eher Zugang zu einem Werk auf Konsalik-Niveau finden wird, denn zu einem hochintellektuellen Erguß der mich als mittelgebildeten Proletarier dazu zwingt, den Lesegenuß entweder mit dem Duden und/oder einer Großpackung Aspirin begleiten zu müssen.

Ich verbleibe mit besten Liebesgrüßen aus der Taiga!

Franz Bettinger
17. Januar 2018 09:34

9/11 hat die Welt verändert.

Das Buch "Was am 11. September 2001 wirklich geschah" von Johannes Rothkranz (2008) konnte ich leider nicht bei Antaios aufstöbern. Der Inhalt scheint solide recherchiert und senstionell zu sein. Ganz kurz, wenn ich darf:

Der Leser wird Zeuge der jahrelangen Vorbereitung wie auch des konkreten Ablaufs des Insider-Komplotts. Täter sind nicht Al Qaida-Fanatiker, sondern eine finanziell und politisch mächtige Clique von NWO-Befürwortern (New World Order). Die Verbrecher werden wie auch ihre Motive beim Namen genannt. Wie ein Krimi liest sich die flüssige Darstellung der vierfachen Flugzeugentführung durch als Boeing-Piloten getarnte Mossad-Agenten. Die 4 Flugzeuge wurden alle nach Cleveland entführt, von wo aus die letzte Boeing mit den Passagieren aller vier Maschinen an Bord wieder losflog, um über Shanksville von US-Düsenjägern abgeschossen zu werden. - Zwei ferngesteuerte Fracht-Maschinen flogen in die WTC-Zwillingstürme, ehe man sie wie auch das 3. Gebäude, WTC7, durch vorher installierte Ladungen kontrolliert sprengte. - Am Pentagon zerstörte ein unbemanntes Fluggerät gezielt jenen Flügel, wo man gerade an der Aufklärung des größten Finanzskandals der Weltgeschichte arbeiteten. Es tötete die Angestellten und vernichtete alle kompromittierenden Unterlagen.

T. de Ahumada
17. Januar 2018 10:29

Vielleicht bin ich zu altmodisch und erwarte von einem Roman, dass er mir mehr Tiefen bietet als ein Kino-Film.

Ganz gewiss wird dieser Roman, der eine gewisse Nische des real existierenden Katholizismus heroisiert, in den dessen Kreisen gut ankommen. Die Handlung und Erzählmethode des Romans riecht schon extrem nach Drehbuch. Und ich bin sicher, irgendwelche großzügigen Geldgeber aus dem katholischen Mexiko oder Polen werden dafür sorgen, dass wir in wenigen Jahren einen ähnlich kitschigen Propagandafilm für die „katholische Sache“ wie „Gottes General“ vorliegen haben werden, der es zwar nicht in die Kinos macht, aber als DVD zum Pflichtbestand jedes „Tradi-Haushalts“ innerhalb und außerhalb der Piusbruderschaft gehören wird.

Der Roman ist schlecht, den Figuren mangelt es an Tiefe und an einer wirklichen „Entwicklung“. Es sind grundsätzlich „dumme und grausame Moslems“ die gegen ebenso grundsätzlich „bessere Christen“ stehen. Es gibt eine Heroisierung, die so flach ist, dass sie eher gefährlich ist, weil sie zu einer leichtfertigen Identifikation mit Helden verführt, die es so gar nicht gibt und deshalb niemals der Realität wird standhalten können.

Ich darf mich durchaus als antiliberale Katholikin im Sinne Lefebvres bezeichnen. Diese neumodische Romantisierung der katholischen „Tradition“ geht mir langsam auf den Geist. In einem selbstgewählten geistigen „Ghetto“ befinden sich die „Katholiken der Tradition“, die in diesem Roman den Kern der standhaften, idealistischen Verweigerer ausmachen, leider schon lange. Da braucht es nicht einmal eine moslemische Invasion, die irgendwelche Kathedralen zu Moscheen „umwidmet“.

glubsch
17. Januar 2018 13:27

Hmm, die Piusbrüder sind "die letzten Priester", aber eine "Anführerin des Widerstands" ist "jüdischer Herkunft"?

Nicht sehr plausibel, angesichts des holocaustleugnenden Bischofs der Piusbrüder Richard Williamson und der antijudaistischen Einstellung katholischer Erztraditionalisten.

Der_Juergen
17. Januar 2018 14:17

@glubsch

Dass eine Anführerin des Widerstands jüdischer Herkunft ist, braucht ja nicht zu heissen, dass sie dem jüdischen Glauben anhängt. Wie Sie bestimmt wissen, sind gerade zum Katholizismus konvertierte Juden oft besonders engagiert, um nicht zu sagen fanatisch.

Die katholischen "Erztraditionalisten" wie Bischof Williamson, der gegen die neue Zwangsreligion verstossen hat und deshalb in der BRD zu einer Busse verurteilt wurde, sind in der Tat antijudaistisch. Ihre Gegnerschaft gilt der talmudistischen jüdischen Religion; ein rassischer Antisemitismus, der mit dem Christentum unvereinbar wäre, ist ihnen jedoch völlig fremd.

Dass man dermassen elementare Dinge noch erklären muss...

Der Feinsinnige
17. Januar 2018 18:17

@ Der Gehenkte
Danke für den Hinweis auf Sezession Juni 2017 und die interessante doppelte Buchbesprechung.

Ja, meine Bewertung Houellebecqs ist hauptsächlich subjektiv und wird ihm vielleicht nicht hinreichend gerecht. Dieser Gedanke ist mir schon von seinem Romanerstling „Ausweitung der Kampfzone“ an nicht fremd, zumal Houellebecq (zumindest damals, soweit ich das richtig wahrgenommen und in Erinnerung behalten habe) durch das gesamte Spektrum der deutschsprachigen Feuilletons ( von etabliert links bis hin zur damals noch gar nicht so etablierten „JF“) positiv rezipiert wurde (schon damals habe ich an meiner eigenen Wahrnehmung gezweifelt).
Ist der eigentliche Grund für diese (jedenfalls damalige) weitgehende Einigkeit, daß sich kein Literaturkritiker den Vorwurf der „Prüderie“ zuziehen wollte?
Aber trotzdem bleibt die Frage, warum Houellebecq es einem erheblichen Teil des Publikums so schwer macht und seine Werke, seine Aussagen, in dieser ausufernden Weise abstoßend verpacken muß. Ist er idealistisch und meint, seine literarischen Arbeiten und seine durchaus wahrnehmbare und auch berechtigte Gesellschaftskritik damit leichter unter die Leute bringen zu können, oder ist es nicht doch nur ein billiger Verkaufstrick? Offenbar hat er damit jedenfalls durchaus Erfolg.
Mich macht dieser Schriftsteller ratlos.

Der Gehenkte
17. Januar 2018 23:23

@ Der Feinsinnige

"Mich macht dieser Schriftsteller ratlos."

Was will ein Schriftsteller, ein wirklicher Schriftsteller mehr? Sie quälen sich mit seinem Text, er läßt sie nicht los, die fürchten kognitive Dissonanz ... das ist das Signum - wenn auch keine Garantie - großer Kunst. Man sollte viel mehr den glatten Sachen mißtrauen, den Eindeutigkeiten und den klaren Botschaften - wie sie im Übrigen der hier besprochene Roman zu verbreiten scheint.

Das wäre immerhin der Unterschied zu Raspails Dystopie, die durch eine feine Ironie und Übersteigerung besticht, auch wenn das Werk literarisch-sprachlich wohl nicht zu den Glanzleistungen frz. Literatur gehört. Aber Raspail kann man das noch abnehmen; seine Geschichte ist genügend künstlerisch verfremdet. Trotzdem konnte sie nur durch den prophetischen Treffer überleben - ohne die ablaufende Geschichte des Hier und Jetzt wäre dieses Buch Makulatur.

https://seidwalkwordpresscom.wordpress.com/2015/11/07/lesewarnung-raspail/

Zum Vergleich: Wladimir Sorokins "Ljod"-Trilogie ist prophetisch deutlich überzeichnet, wird aber als Kunstwerk Bestand haben und von den drei großen Dystopien hat nur Samjatin exzelliert, wohingegen Orwell, vor allem aber Huxley unter ihren literarischen Möglichkeiten blieben.

Der Feinsinnige
19. Januar 2018 19:38

@ Der Gehenkte

Danke für die weiteren Lesehinweise und die Diskussion! Der Artikel aus dem Tagesspiegel über das „Heerlager der Heiligen“ ist in gewisser Weise tatsächlich bemerkenswert (negativ gemeint). Das hat „seidwalk“ gut auf den Punkt gebracht. Der im Tagesspiegel erwähnte Artikel von Matthias Matussek ist dagegen im positiven Sinne so bemerkenswert, daß ich ihn hier verlinken will, da er im Netz für mich nicht ganz einfach zu finden war:

https://www.weltwoche.ch/ausgaben/2015-40/literatur-lust-die-eigene-kultur-auszuloeschen-die-weltwoche-ausgabe-402015.html

Sie haben natürlich recht, daß ein wesentliches Kriterium für einen „wirklichen“ Schriftsteller ist, daß sein Werk den Leser beschäftigt – und sicher nicht nur insoweit ist Houellebecq tatsächlich ernstzunehmen.

Zum „Heerlager der Heiligen“
Bezüglich der literarischen Bedeutung dieses Romans würde ich „Seidwalk“ und somit auch Ihnen vorsichtig widersprechen wollen: Dieses Buch hat aus meiner Sicht eine Qualität, die in einem nicht durch politische Korrektheit bestimmten Literaturbetrieb nobelpreiswürdig wäre. Hierzu gehört gerade auch die (sich inzwischen realisierende) Vision des Autors, die geeignet ist, die Sicht des Lesers auf die Welt zu ändern – meines Erachtens auch ein wesentliches Kriterium für große Literatur. Dieses Buch hat mich schon bei der ersten Lektüre 2005 (Ausgabe Hohenrain-Verlag) geimpft und bestimmt seitdem meine Sicht der Lage unseres Kontinents hinsichtlich der Einwanderungsfrage. Die zweite Lektüre 2015 in der Antaios-Ausgabe war geradezu gespenstisch aufgrund dessen, was gerade um uns herum geschah.
Raspails „Heerlager“ ist aber auch sprach- und bildmächtig in einer Weise, die mich – es mag ein laienhafter, jedenfalls sehr subjektiver Vergleich sein – schon immer an Saramagos „Die Stadt der Blinden“ (Nobelpreis 1998) erinnert, der in einem im Rowohlt-Taschenbuch von 1999 abgedruckten Zeitungskommentar in die Tradition von Albert Camus (Nobelpreis 1957) „Die Pest“ gestellt worden ist – meines Erachtens alles (unabhängig von der völlig unterschiedlichen politischen Ausrichtung ihrer Autoren) große Romane mit scheußlichen Szenen und Inhalten, die man über Jahre nicht vergißt. So gesehen kann der Roman von Jelena Tschudinowa wohl unabhängig von der Schlußszene nicht ganz mithalten.

Vielleicht sollte ich an meiner bisherigen Haltung zu Houellebecq unter diesem Gesichtspunkt wirklich arbeiten.

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