Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil – eine Rezension

Ich horte zwei schwere Ablagemappen, rein aus Nostalgie. Das eine Buch trägt den Titel »Feminismus etc.«, das andere firmiert unter »Sonstiges«.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Hin­ein packe ich Zei­tungs­ar­ti­kel, die mir inter­es­sant schei­nen. Län­ge­re Zeit habe ich das betrie­ben, mehr schlecht als recht sor­tiert, und vor allem: sinn­los. Ich dach­te wohl, auf die­ses »Archiv« könn­te ich bei eige­nen Arti­keln zurück­grei­fen. Das tat ich selten.

Unter »Sons­ti­ges« hat­te ich etli­che Arti­kel von Ijo­ma Man­gold gepackt, der war mir in den Nuller­jah­ren als extrem guter Beob­ach­ter und her­vor­ra­gen­der Sti­list auf­ge­fal­len. Irgend­wann, weit nach der Samm­lungs­pha­se, ich von mei­nem Schreib­tisch zu dem gegen­über: »Ach komm! Der Man­gold!« – »Ja? Wie­der was rich­tig Gutes?« – »Nee, anders. Der ist … schwarz. Also, sehr dun­kel.« – »Ja, und?« – »Nichts und. Ich wuß­te es halt nicht.«

Schwer zu sagen, ob Man­gold von die­ser Null-Anek­do­te befrem­det oder bestä­tigt wäre. Er hat nun, 46jährig, eine Art Bio­gra­phie vor­ge­legt. Mit Fug und Recht könn­te der Unter­ti­tel zu Das deut­sche Kro­ko­dil lau­ten: »Wie es so ist, als wur­zel­haf­ter Schle­si­er, erst Wahl­preu­ße, dann Habs­burg­be­geis­ter­ter, jeden­falls ziem­lich kon­ser­va­ti­ver Wag­ner­fan mit dunk­ler Haut­far­be in Deutsch­land groß­zu­wer­den.« Groß, hm: Man­gold sitzt in diver­sen Lite­ra­tur-Jurys, ver­ant­wor­tet den Lite­ra­tur­teil der ZEIT und mode­riert öffent­lich-recht­li­che Sen­dun­gen; »Medi­en­eli­te« kann man das nen­nen. Einer, der so den Ton ange­ben darf (man unter­schät­ze nicht die Wirk­sam­keit eines erho­be­nen oder gesenk­ten Dau­mens, selbst wo es »nur« um Bel­le­tris­tik geht), muß sich zuvor aus­wei­sen: durch eine gewis­se Bega­bung (Man­gold hat neben dem Lati­num und dem Grae­cum auch das Hebrai­cum erwor­ben), wohl auch durch eine kom­pa­ti­ble Mei­nung. Vor­laut zu sein: gewiß kein Nach­teil, sofern die Rich­tung paßt.

Man­gold wur­de zu Schul­zei­ten »die Laber­ta­sche« genannt, man kennt den Typus (oft ner­vig, oft bril­lant) gut. Grün­de für Laber­ta­schig­keit mag es vie­le geben, Man­gold legt sie für sei­ne Per­son offen: »Ich rede­te so viel, um nicht als Aus­län­der ver­kannt zu wer­den. Ich rede­te um mein deut­sches Leben.«

Nun ist die­ses Werk kein Pro­blem­buch, das den stei­len Kar­rie­re­weg eines Mulat­ten (darf man sagen, Man­gold gebraucht das Wort) als eines irgend­wie »Fehl­far­bi­gen« durch die Wirr­nis­se der deut­schen Into­le­ranz­ge­sell­schaft beschreibt. Nichts weni­ger als das! (Daß der Spie­gel Das deut­sche Kro­ko­dil auf der Sach­buch­bes­ten­lis­te führt, läßt daher tief bli­cken.) Man­golds früh­ver­faß­te Auto­bio­gra­phie ist (extrem) unter­halt­sam, klug, tief. »Auf kei­nen Fall woll­te ich einer sein, der in allem bloß Zei­chen der Aus­gren­zung erblick­te.« Der Autor zieht nie die bil­li­ge Kar­te des Belei­dig­ten, im Gegen­teil, ein biß­chen über­schweng­lich, also im nun reflek­tier­ten Wis­sen um sei­ne grund­ge­leg­te Unsi­cher­heit, habe er sen­si­blen Nach­fra­gern gern geant­wor­tet: Sei­ne Haut­far­be habe ihm »alle Türen geöff­net, weil man auf­fällt; allent­hal­ben kom­men die Leu­te neu­gie­rig auf dich zu.« Jenen Leu­ten of colour, die sich in Dau­er­kla­ge über ras­sis­ti­sche Zurück­wei­sun­gen erge­hen, will er deren per­sön­li­che Erfah­run­gen nicht bestrei­ten, »aber ins­ge­heim dach­te ich: ›Wenn du ein­fach ein biß­chen sym­pa­thi­scher wärst, wären die Leu­te auch net­ter zu dir!‹«

Offe­nen Haß, der auf sei­ne Haut­far­be gemünzt ist, erfährt Man­gold spät. Er hat­te in der ZEIT gera­de Akif Pirin­çcis Deutsch­land von Sin­nen ver­ris­sen; er las es als obs­zö­nes Doku­ment der Ent­hem­mung. Ent­hemmt jeden­falls waren die echt ras­sis­ti­schen Reak­tio­nen, die der Jour­na­list erhielt (als Unbe­tei­lig­ter las man das auf gewis­sen Netz­fo­ren mit), Man­gold: »Da hat­te ich mein Leben lang damit koket­tiert, daß rechts von mir nur noch die Wand sei, und nun das.« Das nun erstaunt, zumal ich mei­ne klei­ne Man­gold­samm­lung ange­häuft hat­te, weil mir der geschei­te Blick und die Elo­quenz gefie­len und kei­nes­falls, weil hier einer fast so rechts wie »die Wand« schrieb.

Inter­es­sant ist die­se Selbst­ver­or­tung den­noch. Ers­tens, weil sie aber­mals deut­lich macht, als wie eng der Rah­men des Sag­ba­ren begrif­fen wird, zwei­tens, weil sie glaub­haft einen Mecha­nis­mus der Über­kom­pen­sa­ti­on kennt­lich wer­den läßt, über den in jün­ge­rer Zeit zahl­rei­che »Stre­ber­mi­gran­ten« (Emi­lia Sme­chow­ski) berich­te­ten. Klar ist Man­gold als gebür­ti­ger Hei­del­ber­ger weder Migrant noch Aus­län­der, auch wenn er mit die­sen Eti­ket­ten spielt, und doch sieht er sich – sei­nen nige­ria­ni­schen Vater, einen Arzt, und des­sen Hei­mat lernt er erst in sei­nem drit­ten Lebens­jahr­zehnt ken­nen – als Wan­de­rer zwi­schen zwei Wel­ten, der sich stets unter der Beweis­last sieht, die Kompaß­ar­beit in den Gefil­den sei­nes Geburts­lan­des beson­ders sicher zu beherr­schen. Zudem ent­deckt er »gewis­ser­ma­ßen eine Markt­lü­cke«: »Wenn die Deut­schen sich so schwer-taten mit ihrer Geschich­te und ihrem Deutsch­sein, wer, wenn nicht ich, konn­te ihnen dann erzäh­len »was deutsch und echt«, ohne dass irgend­je­mand befürch­ten muß­te, von einem unver­bes­ser­li­chen Ras­sis­ten eine Geschichts­stun­de ver­passt zu bekommen?«

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Ijo­ma Man­gold: Das deut­sche Kro­ko­dil. Mei­ne Geschich­te, Rein­bek: Rowohlt 2017. 346 S., 19.95 €, hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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